Der Barbier von Sevilla in der Deutschen Oper

Sommer, Sonne und ein Theaterwagen

Die Premiere dieser Produktion der Deutschen Oper Berlin von Gioacchino Rossinis Oper „Der Barbier von Sevilla“ fand schon 2009 statt und wurde kurz vor Jahresende 2018 zum 65. Male aufgeführt. Katharina Thalbachs Inszenierung hat nichts an Frische und Genialität verloren.

Gioachino Rossini (1792-1868) hat im Jahre 1805 seine erste und 1839 seine letzte Oper geschrieben. Dazwischen entstanden 39 Opern im Schnellverfahren. Rossini war eine Produktionsmaschine und sah sich nicht als genialen Komponisten sondern als Kunsthandwerker. Die einen schnitzten Kochlöffel oder Möbel und er komponierte eben Opern. Dieser Zustand war aber bis Anfang des 20. Jahrhundert  gar nicht unüblich und der Grund, warum immer wieder Musikpartien, Ouvertüren oder Arien, die sich schon mal bewährt hatten, erneut in andere Werke aufgenommen wurden. So reaktivierte er die Ouvertüre für den Barbier zum dritten Mal, nachdem sie sowohl bei „Aureliano in Palmira“ und bei  „Elisabetta, Regina d’Inghilterra“, dem Publikum gefielen. Er hatte außerdem nur ein paar Wochen Zeit, die Oper fertig zu stellen. Das Teatro Argentina in Rom erteilte dem 23-jährigen Rossini diesen Auftrag. Im Dezember unterschrieb er den Vertrag, mit dem er sich verpflichtete,  für die kommende Karnevalsaison eine komische Oper zu liefern. Weder gab es zu dieser Zeit ein  Libretto noch hatte man sich über die Sänger Gedanken gemacht. Den geplanten und vertraglich festgelegten Uraufführungstag am  5. Februar 1816 schaffte Rossini zwar nicht, aber am 20. Februar war es dann soweit!  Rossini selber stand am Pult und musste miterleben, wie diese Aufführung in einem Fiasko ausartete. Das Publikum, lachte, applaudierte, spottete, einer der Sänger fiel während der Vorstellung  aufs Gesicht, eine Katze lief zwischen den Sängern herum und jemand ging unter eine Leiter durch. Professionelle, bezahlte Störer unterbrachen die Sänger und randalierten. Katharina Thalbach hat auch diese Anekdote mit aufgenommen und lässt einen Demonstranten mit einem Schild über die Bühne laufen, auf dem dieser anbietet, schon  für 19 Euro stören zu können.

„Il barbiere di Siviglia“ oder „Der Barbier von Sevilla“ heißt im Originaltitel „Almaviva oder die nutzlose Vorsicht“. Das Libretto hat Cesare Sterbini auf der Grundlage des gleichnamigen Schauspiels von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais geschrieben. Für den Musikkritiker Charles Osborne ist das Werk eines der besten komischen Opern überhaupt.

Die Commedia dell’Arte war immer ein beliebter und umfangreicher Ideengeber für die Opera buffa, bei der es ebenfalls meist drei Kategorien von Protagonisten gab:

Da waren zum einem die « innamorati » (die Verliebten) – diese trugen generell keine Masken. Dann die « vecchi » (die Alten) – hierzu gehörten der dottore oder der capitano. Letztere waren dazu verdonnert, von den « zanni » (den schlauen Dienstboten – in der Commedia dell’Arte wären das Colombina oder Harlekin) betrogen und ausgenutzt zu werden, um den „innamorati“ zu helfen.  Die „vecchi“ und die „zanni“  trugen traditionell Masken.  Erst Carlo Goldoni wollte dieser Art Theater entgegentreten und seriöse, richtige Stücke zu schreiben. Sein Gegenspeiler war Gozzi.

Der rasante Musik- und Handlungsaufbau, großartige Belcanto-Verzierungen und schwierige Koloraturen verlangen viel von den Sängern und dem Orchester. Wunderbar Jana Kurucová (Rosina), Noel Bouley (Bartolo), umwerfend Samuel Dale Johnson (Figaro), Mathew Newlin (Graf Almavia), Flurina Stucki (Berta) und James Platt (Basilio). Sie brachten großartige Stimmen, schauspielerisches Talent, Witz und Temperament und die nötige Situationskomik mit und haben sich mindestens so wie das Publikum amüsiert. Guido Maria Kretschmer hat sie allesamt in wunderbare, zum Teil auch an die Commedia dell’Arte angelehnte, Kleider gewandet.

Katharina Thalbach hat die Handlung an einen spanischen Badeort verlegt. An den Nebenschauplätzen tummeln sich Touristen in den Cafés und sonnen sich im Bikini auf Strandtüchern. Der obligatorische Esel samt Bauer torkelt über die Bühne. Im Hintergrund werden gerade die Café-Tische im Freien aufgebaut, Souvenirläden öffnen ihre Läden und bieten Zeitungen oder Schwimmflügel zum Kauf an.  Ein Luxusauto fährt auf die Bühne und blockiert den Traktor, der von der anderen Seite kommt und den Handlungsort, Bartolos Haus, auf die Bühne bringt. Und dort wird sich dann auch fast alles abspielen. Die Bewohner der Häuser im Hintergrund beschweren sich manchmal über den Lärm, als Graf Almaviva  in Begleitung einer zwielichten Gruppe von Straßenmusikanten sein Leid über seine unerfüllte Liebe zu Rosina klagt. Bartolo ist Rosinas Vormund. Er will sie bald heiraten und lässt sie deshalb nicht auf die Straße. Der einzige Mann, der ins Haus darf ist Basilio, denn bei ihm bekommt Rosina, sie scheint auch Schauspielerin zu sein, Gesangsunterricht. Mit Hilfe von Figaro, dem Barbier, überlistet Graf Almaviva  den Alten und dann passieren bis zum lieto fine eine Reihe von lustigen Verwirrungen und genialen Entwirrungen, die mit originellen und witzigen Einfällen sängerisch, tänzerisch und schauspielerisch präsentiert werden.

Katharina Thalbach hat diese Produktion voll im Geist der Commedia dell’Arte inszeniert und daraus eine moderne SITCOM gemacht, angefüllt mit einfallsreicher Situationskomik, feinem Witz und zahlreichen Überraschungen.

Dieser Abend verspricht Spaß und gute Laune pur.

cmb

 

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