29 mai 2026 0 Commentaire

Ausstellung Henri Rousseau

Im  Musée de l’Orangerie noch bis zum 20.Juli 2026

Die Bilder des autodidaktischen französischen Künstlers Henri Rousseau (1844-1910) sind eine Mischung aus Naiver Kunst, frühem Surrealismus und magischem Realismus und nähern sich ab und zu dem Post-Impressionismus. Aber vor allem sind sie Rousseau. Kontrastreich, verwirrend, klar, glatt und kindlich. Die Franzosen haben ihm den Beinamen Le Douanier Rousseau (Der Zöllner Rousseau) gegeben. Rousseau, Sohn eines Klempners, spielte nach der Schulzeit Klarinette in einem Infanterieregiment und arbeitete anschließend beim Zoll, wo er für die Kontrolle der nach Paris eingeführten alkoholischen Getränke zuständig war. Bekannt geworden ist er vor allem mit seinen satten, grünen Urwaldszenen, in denen sich Bilderbuch-Fabeltiere und bunte exotische Vögel tummeln und Aggressivität vorgaukeln. Seine Vorlagen hat er in Büchern und Enzyklopädien gefunden, denn sein Land hat Rousseau nie verlassen.

Sehr umfangreiche und unbedingt lohnenswerte Retrospektive.

Der Fünfundzwanzigjährige Rousseau heiratet 1869 die junge Schneiderin Clémence Boitard und hat mir ihr neun Kinder, von denen nur eine Tochter, Julia, überlebt. Kurz darauf ließ Rousseau sich frühpensionieren und widmete sich immer mehr der Kunst. Des Öfteren nimmt er an öffentlichen Ausschreibungen teil, meist erfolglos. Alfred Jarry wurde zuerst auf ihn aufmerksam, dann Gauguin und Degas. Rousseau schloss Freundschaft mit Guillaume Apollinaire und kam so in Berührung mit der Avantgarde. Um überleben zu können, gab er Violinunterricht. Er trat in Kontakt mit all den Malergrößer der Zeit wie Picasso, Brancusi, Delaunay und Max Jacob. Ein Gefängnisaufenthalt wegen Scheckbetrugs konnte in Bewährung umgewandelt werden, weil er dem Richter versprach, dessen Gattin zu porträtieren. Henri Rousseau starb 1910 an einer Blutvergiftung. Es kamen sieben Menschen zu seiner Beerdigung.

Apollinaire schrieb das Epitaph, das Brâncuși in den Grabstein meißelte:

Freundlicher Rousseau, du hörst uns.
Wir grüßen dich,
Delaunay, seine Frau, Monsieur Queval und ich.
Lass unsere Koffer zollfrei durch die Pforte des Himmels,
Wir bringen dir Pinsel, Farben und Leinwand,
Damit du malest in der geheiligten Muße des wahren Lichts
Wie einst mein Bildnis:
Das Angesicht der Sterne

 

***

Hier das Bild « Die Hochzeit » unter die Lupe genommen:

Auf den ersten Blick ist es ein typisches, steifes Hochzeitsfoto in den Farben schwarz-weiß und einem Rousseau-grün. Alle Beteiligten blicken starr in die Kamera und warten, bis der Vogel herauskommt und man die Gesichtsmuskeln wieder entspannen darf. Auf dem Bild befinden sich acht Personen. Vier Männer und vier Frauen. Sie sind alle schon etwas älter und vermitteln nicht die Stimmung eines frisch verliebten Paares, das sich das Jawort gibt. Die eher bäuerlich gekleideten Personen links und rechts der Braut dürften ihre Eltern oder Großeltern sein. Die Braut selbst scheint zu fliegen, in der Luft zu hängen, ein Zustand, der sie nicht glücklich macht, wenn man ihr Gesicht betrachtet. Auch der Bräutigam und die anderen Hochzeitsgäste haben keinen Boden unter den Füßen. Der Schleier der Braut bedeckt einen Großteil des Rockes der älteren Frau neben ihr. Die Arme der Braut sind übermäßig lang! In der linken Hand hält sie einen weiß umwickelten, grünen Zweig. So ein ähnliches Gesteck trägt sie auch im Haar. Mit ihrer rechten Hand umfasst sie die Finger einer nicht klar zuzuordnenden Hand. Aber sie wird wohl dem Bräutigam gehören. Die Perspektive ist – wie bei allen Rousseau-Gemälden – ausgesprochen verwirrend, aber das dürfte gewollt sein. Eingehüllt ist die Gruppe von weißen, kahlen und im Verhältnis zur Hochzeitsgesellschaft zu kleinen Baumstämmen und Rousseau-Dschungelgrün. Die Vegetation und der verwaschene, zartblaue Himmel mit einer verzerrten, milchigen Sonne rahmen die Szene mit einem Glorienschein ein. Es ist Rousseau vollkommen egal, ob das alles Sinn macht. Er malt eine Hommage an die mittelalterlichen Meister und deren Fresken, die er nach seiner Ankunft in Paris in den Museen kopierte, um seinen Pinselstrich zu üben. Vor der Braut liegt ein schwarzer Hund. Röntgen-Aufnahmen zeigen, dass das weiße Kleid der Braut in einer Vorversion viel weiter nach unten ging und die Füße genau dort waren, wo jetzt die Augen des Hundes sind. Das ist der Surrealismus bei Rousseau, das weiße Kleid, grün einzufärben und die Braut so in einen Schwebestand zu versetzen. Der Rasen fällt seitlich ab und es ist ein Wunder, dass alle acht Personen im Bild geradestehen können. Wo die Szene genau passiert, kann man nicht sagen. Es ist eine Fantasielandschaft. Rousseau hat, wie gesagt, Frankreich nie verlassen.

cmb

 

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