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Verdi und Wagner – Rivalitäten und Gemeinsamkeiten

Verdi und Wagner - Rivalitäten und Gemeinsamkeiten dans Musique gill11-150x150  artist: Gilles Ghez – « à la poursuite de la Gloire » (auf der Jagd nach Ruhm)

Geboren sind sie beide im Jahre 1813 (der eine, Wagner, im Mai, der andere, Verdi, im Oktober).

In Europa wütet Krieg, Napoleon marschiert nach Rußland, Preußen erklärt Frankreich den Krieg bis dann später – im Oktober – die Leipziger Schlacht die große Vorherrschaft der Franzosen beendet. Rossini feiert mit « Tancredi »  seinen ersten großen Erfolg und Luigi Cherubini triumpfiert in Paris mit « Les Abencérages » (ganz im Trend der Spanien-Mode). Es ist übrigens auch das Geburtsjahr von Hebbel und Büchner und das Todesjahr des Dichters Wieland. Jane Austen schreibt « Pride and Prejudice » und Goethe den « Totentanz ». Dänemark erklärt Staatsbankrott und der Brite Davy  erfindet den « Lichtbogen ». Ein wichtiges Jahr, das Geburtsjahr der beiden! Aber weder Deutsche noch Italiener haben eine Vorstellung von ihrer jeweiligen Nation und Leipzig schaut viel mehr nach Italien als nach Berlin und spricht weiterhin französisch und italienisch.

In dieses Länder-, Dialekt- und Sprachendurcheinander werden die beiden also hineingeboren, Wagner in Leipzig und Verdi im Herzogtum Parma.

Vom Süden bis in den Norden ist Musik die einzig gemeinsame Sprache – sie versteht jeder. Italien ist die « musikalische » Weltmacht schlechthin, Cherubini arbeitet in Paris, Spontini in Berlin, Vivaldi in Wien etc.

Im Geburtsjahr von Verdi ist Busseto (Herzogtum Parma), noch französisch (man sagt, dass er jahrelang sein Geburtsjahr mit 1814 angab, um nicht Franzose zu sein). Während Verdi sehr schnell viel Erfolg hat und ziemlich gut verdient, ist Wagner ständig auf der Flucht u.a. auch vor Gläubigern.

Treffen tun die beiden sich nie – was aber durchaus möglich gewesen wäre, da sie sich desöfteren fast am gleichen Orten zur gleichen Zeit aufhalten. Beide reisen nicht wenig durch Europa, vor allem nach Paris und Venedig. Wagner ist zwischen 1839 und 1867 zehn mal nach Paris gereist (manchmal nur sehr kurz aber einmal ist er drei Jahre geblieben). Paris war der Brennpunkt des Musiklebens der ganzen Welt. Ohne Paris ging gar nichts.

ausflugbracciano-017-150x150 dans Musique Lago di Bracciano

Während die Pariser den Italiener feiern, fällt Wagners « Tannhäuser » bei der Premiere durch (und setzt das Stück nach 4-5 Aufführungen ab). Seine Eitelkeit und auch sein Perfektionismus verbieten es ihm, den obligatorischen  Ballet-Akt um 22.00 Uhr einzubauen (im zweiten Akt – so gerade nach dem Abendessen, wenn dann die Mitglieder des bourgoisen « Jockey Club » die Oper betreten um nette Balletmädchen zu sehen), dafür baut Wagner schon im ersten Akt eine Balleteinlage ein und sorgt auch noch dafür, dass der Club davon erfährt. Tödlich für ihn, denn der Jockey Club rächt sich bitterlich und die Oper wird ausgepfiffen und ein « Reinfall » – aber nur oberflächlich. In den kultivierten Kreisen (zu dem der Jockey Club sicher nicht gehört) hat er schon einen Ruf. Jacques-Gabriel Prod’homme weist in seinem Aufsatz « Le Wagnérisme en France » auf eine Erwähnung in der « Revue musicale de Paris » vom 25. Mai 1833 hin: « Leipzick: Les nouveautés les plus importantes qui ont été entendues dans les concerts des souscription sont: …. et une symphonie par M. Richard Wagner, dans laquelle on a trouvé un mérite remarquable, quoique l’auteur soit à peine âgé de vingt ans » (sonst ist er auch schon mal Robert Wagner, M. Wagener  genannt worden). Trotz dieser Niederlage gilt das Jahr des Tannhäuser-Skandals, 1861, als die Geburtsstunde des « Wagnérisme ». Auf der einen Seite wurden seine Aufführungen boykottiert, während auf der anderen die Wagner-Euphorie ständig wuchs.

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Eitel ist Verdi auch, eher ein Tiefstapler, er liebt es, sich in schöne Stoffe zu kleiden und in guten Restaurants zu essen, besteht aber immer darauf, ein Mann aus dem Volk zu sein und es auch bleiben zu wollen. Mit nur 55 kauft er sich ein großes Landgut in der Region Parma. Sein Mitmischen in der Politik ist allerdings oberflächlicher, angepasster, obwohl er auch mit Mazzini kokettiert (er lässt sich sogar eine Vollbart wachsen) und in Italien Mitte des 18. Jahrhunderts auch die Hölle los ist. Beide sind ganz erpicht darauf,  in allen aktuellen und angebrachten Salons in Paris zu verkehren. Gerade die Niederlage seines « Tannhäusers » in Paris 1861 macht Wagner aber interessant. Während er, als Intellektueller, als visionärer Komponist, Sozialreformer und denkender Dramaturg stigmatisiert wird, ist Verdi der Gassenhauer-Komponist, ein Massenproduzent, geliebt von der Masse, belächelt von den Intellektuellen. Er steckt fest und fühlt sich – jedenfalls am Anfang – ganz wohl dabei. Und obwohl Verdi angeblich nie eine Note von Wagner gelesen hat – beide vertreten den Standpunkt, dass Opern nicht über das Lesen oder das Studium verstanden werden können sondern nur über Augen (Inszenierung) und Ohren (Klang) – wird ihm unterstellt, dass sein « Don Carlos » Wagnermusik ist. Bizet sagte sogar, « Verdi sei nun kein Italiener mehr – er mache Wagner »! Giuseppe Mazzini wiederum dürfte das freuen, er ist für die Vereinigung der individualisierten italienischen Melodie mit der systematischen Harmonie (das spätere Leitmotif) der Deutschen (Straub). Ganz im Sinne von Overbecks deutsch-römischen Allegorie von 1828! Mazzini ist ein echter Rossini-Gegner. Mozart (vor allem Don Giovanni) hingegen sieht er als Vorläufer dieser Vereinigung. Dieses hat er gemein mit Verdi und Wagner, die beide diese Oper ebenfalls sehr bewundern und beide Mozart als ihre wichtigsten Vorgänger betrachten. Wagner interessiert sich auch für Mazzini, der, wie er, ein Europäer ist. Der erste musikalische Europäer allerdings ist dann Meyerbeer, er vereint deutsche, italienische und französische Tendenzen meisterhaft, Wagner und Verdi erkennen das auch und bewundern (mit Neid) ihn dafür. Sie wollen es ihm gleich tun und europäische Musik schaffen. (Wagner mehr als Verdi).

Wagner kennt sich gut bei den italienischen Dichtern wie Dante und Ariost aus, während Verdi leidenschaftlich Schiller in Übersetzung liest, Grillparzer mag und Schlegels Vorlesungen zum Europäischen Theater kennt. Und während Wagner Italien bereist (er liebt im Gegensatz zu Verdi Sizilien), reist Verdi nach Wien, besucht Berlin und Köln. Beide halten sich öfter in Paris auf, eben weil sich beide als Weltbürger sehen. Verdi verlegt einige seiner Opern sogar nach Deutschland, während Wagner eher nach Märchen und Mythen sucht. Beide trachten nach der reinen, nackten Darstellung. Beide streben im Einverständnis mit Schiller nach einem Drama, das Vergnügen mit Unterricht, Ruhe mit Anstrengung und Kurzweil mit Bildung zusammenbringt (sagt Straub). Das Ziel dieser dramatischen Kunst war erreicht, « wenn Menschen aus allen Kreisen und Zonen und Ständen, abgeworfen jede Fessel der Künstelei und der Mode, herausgerissen aus jedem Drange des Schicksals durch eine allwebende Sympathie verbrüdert, in ein Geschlecht wieder aufgelöst ihrer selbst und der Welt vergessen und ihrem himmlichen Ursprung sich nähern. Jeder Einzelne geniesst die Entzückungen aller, die verstärkt und verschönert aus hundert Augen auf ihn zurückfallen und seine Brust gibt jetzt nur einer Empfindung Raum – es ist diese: ein Mensch zu sein ».

Verdi verteidigt die konventionelle Art Musik zu schreiben, 1871 scheibt er « Kehren wir zu den Alten zurück » fast so wie Wagner in seinem Meistersinger « Verachtet mir die Meister nicht ». Und wenn man bedenkt, dass alle wichtigen Opernhäuser um 1840 österreichisch sind – Mailand, Venedig, Triest und Wien, dann hat er spätestens mit dem Bibel-Freiheits-Epos Nabucco sein Ziel erreicht. Ein voller Erfolg auf der ganzen Linie, ohne « political incorrect » zu sein. Der Orient ist sowieso seit Napoleon und Ägypten in Mode (man sagt, dass sogar die Bauarbeiter bei den Proben aufgehört haben zu arbeiten, als der Chor das « Va pensiero » gesungen hat).

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Mit der Eröffnung der Bayreuther Festspiele 1876 hat es dann Wagner auch endgültig geschafft, seinen Werken einen festen Platz in den europäischen und amerikanischen Opernhäusern zu sichern. Wagner ist sein Leben lang auf Verdi eifersüchtig – finanziell wenigstens  – obwohl Verdi in jungen Jahren sehr auf die Unterstützung seines Gönners und Schwiegervaters angewiesen war, während dieser vor Neid fast platzt, wenn er an Wagners intellektuellen Stellenwert denkt. Als er von Wagners Tod erfährt, hat er auch nichts besseres als « Traurig, traurig, traurig » zu sagen – sehr öffentlichkeitswirksam allerdings.

Verdis Eltern sind Kleinbürger, die aber seine Begabung rasch erkennen und sich seine Ausbildung etwas kosten lassen. Er lernt Latein und bekommt Privatunterricht, was ihn sehr schnell vom Bauer wegbringt, er kokettiert allerdings sein Leben lang damit. Er legt sich im Laufe seines Lebens eine große Bildung zu, aber kommt nie auf den Stand von Wagner, dessen Eltern « Bildungsbürger » sind, zum Teil mit akademischem Hintergrund und – für Wagner sehr wichtig – sein Onkel Adolf aus Leipzig. Dieser Theologe und Philosoph, spricht fünf Sprachen, kennt sich in Kunst und Literatur aus.Von ihm erfährt Wagner über Dante, Tasso, Goldoni und Calderón und das Theater. So kommt er auch zur Mythologie, die sein Werk ganz einschneidend prägen soll. Wagner kommt über das Theater zur Musik und hatte als Dirigent gar keinen so schlechten Ruf; Verdi ist eher  ein mittelmässiger Dirigent aber ein recht guter Organist. Während in Norditalien Mazzini & Co versuchen, die Welt zu ändern, kommt Wagner 1830 – das Jahr der Juli Revolution – durch seinen Onkel wiederum, zur Politik und beteiligt sich an diversen Demonstrationen der Studenten. Leipzigs Universität zählt zu den besten in Deutschland, das Gewandhausorchester gibt es schon und über 30% aller deutschen Bücher werden in Leipzig verlegt. Wagner schreibt für die « Neue Zeitschrift für Musik », die eine der besten in Europa ist (hier kann man auch schon Kritiken über Verdis erste Oper lesen) und die Oper in Dresden ist so gut wie Wien oder Mailand. Der Perfektionist Wagner erträgt es nicht, wenn Sänger nicht « verständlich » sprechen oder singen. Gerade das aber verschafft ihm schon einen Ruf als Dirigent, bevor er etwas komponiert.  « Die Feen » entsteht 1834, das « Liebesverbot » 1836; zu diesem Zeitpunkt hat Verdi noch nichts geschaffen. Seine erste Oper « Oberto » entsteht 1839. Allerdings werden beide Opern von Wagner abgelehnt und so gut wie nie aufgeführt. Dabei lernt er Minna Planer kennen, die mit ihm nach Paris geht. Dort entsteht 1842 « Rienzi », die Oper aber erst bei seiner widerwilligen Rückkehr nach Dresden aufgeführt werden wird. « Ich habe keine Vorliebe in geographischer Hinsicht, und mein Vaterland, seine schönen Hügelketten, Täler und Wälder beiseite gestellt, ist mir sogar zuwider. Das ist ein verfluchtes Volk, diese Sachsen – schmierig, plump, faul und grob – was habe ich mit Ihnen zu tun ». Nachdem er 1843 zum Hofkapellmeister auf Lebenszeit ernannt wird, sieht er es als seine Verpflichtung an, Dresden auf Pariser Niveau zu bringen. Der « fliegende Holländer » (1843 uraufgeführt) sollte den Anfang machen. Die Geschichte dazu entdeckt er durch Heine in Paris und angereichert wird sie mit allen möglichen Ideen und Übersetzungen seines Onkels. Tannhäuser kommt dann 1845. Verdi bringt ab 1839 so gut wie jedes Jahr eine Oper heraus (Nabucco, Hernani, Due Foscari etc.). Verdi geht 1847 nach Paris und stürzt sich gleich in die PR Arbeit – unterstützt von seiner Geliebten, der Sängerin Giuseppina Strepponi (die sich als Gesanglehrerin schnell in die französische Gesellschaft eingliedert) – und auf Meyerbeer, den er unbedingt übertrumpfen will. Paris ist die wichtigste Musikstadt in Europa und Verdi muss sich anpassen, genauer werden, perfekter. (Das europaweite Revolutionsjahr 1848 steht vor der Tür, das scheint aber das Musikgeschehen nicht weiter zu stören). Wieder zurück in Italien, erobert er dann mit « Rigoletto », « Il Trovatore » und « La Traviata » die europäischen Bühnen und « Les vêpres siciliennes » wird sogar die Eröffnungsoper der Weltausstellung in Paris 1855. Damit ist nun Meyerbeer endgültig von seinem Platz verdrängt.

gilles4-150x150 artist: Gilles Ghez

Wagner muss 1849 nach Zürich fliehen und bekommt in Deutschland keinen Fuß mehr auf die Beine. Auch er strebt nach Paris. Paris und Frankreich haben es ihm wirklich angetan (er sagt  sogar schon die deutsch-französische Freundschaft vorher). Meyerbeer ist auch sein Dorn im Auge und Verdi tummelt sich ebenfalls dort. London, das auch noch in Frage kommt, da die Engländer seit Händel ganz versessen auf deutsche Komponisten sind, wird von Mendelssohn beherrscht. Wagner reist dann schließlich nach Italien wo er mit der Arbeit am « Rheingold » beginnt. Man kann sich vorstellen, wie wütend ihn Verdis Erfolg in Paris macht. Zürich liegt ihm gar nicht und deshalb entschließt er sich 1852 ganz nach Paris auszuwandern. Ab 1859 schafft er es dann auch, dort Fuß zu fassen und darf in der « belle société » mitmischen. Der französische « Wagnerisme » entsteht als geistig-ästhetische Bewegung. Ab 1860 erscheinen « Der fliegende Holländer » und « Tristan » auch auf französisch. Dennoch kommt es dann zum Tannhäuser-Skandal, der eher ein politisch-gesellschaftlicher Skandal ist, und ihn endgültig – wenigstens in Frankreich – berühmt macht. Der « Tristan » wird aber trotzdem vorerst nicht aufgeführt (das passiert dann erst Anfang des 20. Jahrhunderts).

Wagner muss wieder weg nach langem Hin- und Her (Berlin ist ihm verhasst und Meyerbeer-treu; Leipzig und Dresden findet er provinziell, Zürich langweilt ihn und in Italien ist man Verdi ergeben) also geht er nach Wien, damals musikalisch zwar auch voll in italienischer Hand, aber erstmal kein Konkurret in Sicht. Ab 1857 werden dann dort auch seine Werke (« Lohengrin » und « Tannhäuser ») aufgeführt. Die Wiener zeigen  Berlin damit,dass man in Wien doch liberaler als in Deutschland ist. In Wien trifft er auch auf den Kritiker Eduard Hanslick, von dem er aber absolut nichts wissen will. Er war – darin wie Verdi – überzeugt davon, dass nicht die Kritik, sondern das Publikum über den Erfolg entscheide. Eine Anekdote erzählt, dass Verdi einen Musikkritiker ein wenig aus dem Trovatore vorgespielt hat und dieser das ganz schrecklich fand, Verdi war darüber sehr glücklich « vielen herzlichen Dank, ich habe eine Oper für die Menschen von Italien scheiben wollen, wenn Sie sie, ein angesehener und vornehmer Kritiker, diese Oper gemocht hätten, hätte sie wahrscheinlich niemand anderem gefallen. Aber weil Sie sie nicht mögen, wird der Rest der Welt von ihr begeistert sein ».

dscf1247.vignetteVon Wien aus reist er immer öfter nach Italien und Venedig. Verdi komponiert weiterhin fast jedes Jahr eine Oper. 1864 muss er wieder mal – aus finanziellen Gründen – Wien ganz schnell verlassen und kommt so nach München zu Ludwig II. Seine Geldprobleme sind damit erstmals gelöst, seine sozialen nicht. Die Münchner verurteilen ihn wegen seines Verhältnisses zu Cosima von Bülow. Sie hat damit kein Problem und tritt selbstbewusst als seine Managerin auf. Auch Verdi Geliebte, die ehemalige Sängerin und Lehrerin, kümmert sich um sein gesellschaftliches Leben und führt ihm ihre Gesangsschülerinnen aus der besseren Gesellschaft zu. 1865 muss er aber schon wieder weg und geht diesmal nach Luzern. Während Verdi seit 1861 eine internationale Berühmtheit (man sagt, dass Briefe nur mit der Angabe  « Maestro Verdi Italien » bei ihm ankamen) erringt, 1861 sogar in die Politik geht und den « Maskenball », « Don Carlos » und die « Macht des Schicksals » komponiert, arbeitet Wagner unermüdlich an seinem « Tristan », der 1865 in München einen großen Erfolg erlangt, sowie an den « Meistersingern » und am « Ring ». Eduard Hanslick beschreibt sie dann 1870 als « ein denkwürdiges Kunsterlebnis, wenn auch keines von jenen, deren edler Schönheitssegen uns beglückend und läuternd durchs Leben begleitet. Ihm fehle die Melodie, die ihm ein melodiespinnendes Orchester nicht ersetzen könne, die Melodie der Singstimme war jederzeit in der Konzeption des Tondichters das Erste und Bestimmende. Diese Regel stürze Wagner mit seinem Experiment um, einer interessanten musikalischen Abnormität. Als Regel gedacht, würde sie das Ende der Musik bedeuten« . Mit Verdi ist er aber nicht gnädiger. Über den Ernani schreibt er « Massen von Stimmen, die wild mitsammen schreien, Massen von Instrumenten, die dazu hämmern, blasen, pfeifen, schnarren ..(..) Massen von Rhythmen ohne Zweck, von Tonarten ohne Verbindung, von Figuren ohne Bedeutung – kurz, Massen von dem, was der schlechte Geschmack irregeführt anbetet ». « Verdis roher Ungeschmack, er verstehe nichts vom Gesang » (etc).

gilles1-150x150 artist: Gilles Ghez

So gesehen haben Verdi und Wagner recht, nichts auf die Kritiker zu geben. Wagners Feinde sind deshalb aber längst nicht Verdis Freunde oder umgekehrt! 1875 triumphierte Verdi mit « Aida » auch in Wien. Dort sieht er auch den « Tannhäuser », aber einen nicht von Wagner einstudierten und Wagner hört Verdis « Requiem » von Hans Richter dirigiert. Cosima urteilt: « worüber nicht zu sprechen, entschieden das Beste ist ». So werden also Wagner und Verdi Ehrenmitglieder der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde und bilden eine Zweierherrschaft in der Österreich-ungarischen Zweiermonarchie. Verdi reist aber kein zweites Mal nach Wien – aus Angst, dort auf Wagner zu treffen. Er hält sich lieber an Paris. Wagner wird dafür Ehrenbürger von Bologna und schreibt am « Parsifal ». Verdi reagiert mit Unwohlsein auf den Zuspruch, den Wagner in Italien findet und wird von seinem Publikum nicht verstanden, die weiterhin Rigolettos und Aidas wollen und ihm vorwerfen, Musik wie Wagner zu schreiben, weil auch er nicht mehr ausschließlich Melodien komponieren wollte. 1871 hörte er sich in Bologna den « Lohengrin » an – ganz im Hintergrund ohne aufzufallen – notiert er sich auf seinem Klavierauszug zum ersten Akt « zu laut, unverständlich, schön, doch schwer erträglich wegen der ständigen hohen Noten der Violinen, hässlich, schlecht, schlecht gesungen ». Er findet die Oper schleppend und langweilig. Sein « Requiem » allerdings findet überall in Deutschland großen Beifall und wird dort häufiger als in Italien aufgeführt.

Ins Kino haben es die beiden auch geschafft (zum 100. Geburtstag gab es z.B. zwei Stumm- Filmveranstaltungen in Bielefeld:  den « Fliegenden Holländer » und « Aida »). Francis Ford Coppola hat in seinem Vietnam Blogbuster « Apocalypse Now » den Walkürenritt auch allen Nicht-Wagnerianern nahegebracht und die Marx Brothers haben den « Trovatore » zu ihrem Markenzeichen gemacht.

Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden: Wagner rief 1876  sein eigenes Festspiel in Bayreuth ins Leben, mit dem Streben, Aufführungen ganz nach seinem Willen zu produzieren. Er komponiert die Musik und bestimmt, wer welches Kostüm trägt und wann wer sich wohin bewegen darf. Minutiös.Verdi versuchte auch im Opernbetrieb bedingungslos seine Vorstellungen einer Inszenierung durchzusetzen. Beide sind sie sozusagen Theater-Tyrannen – unerträglich wahrscheinlich irgend etwas mit ihnen zu unternehmen.1869 schreibt Verdi an seinen Librettisten Camille du Locle « Sie werden das einigermaßen tyrannisch finden und das ist es auch, aber wenn das ganze Werk aus einem Guss ist, ist es eben nach einer Idee geformt, und alle müssen bestrebt sein, diese Einheit Ereignis werden zu lassen« . Wenn das nicht Wagners Wunsch für Bayreuth ist!

Kurz vor Wagner Tod weilt auch Verdi  in Venedig und beschliesst, ihn zu besuchen. Er kam aber zu spät!

gilles3-150x150 artist: Gilles Ghez

Wagner stirbt im Februar 1883 in Venedig; Verdi im Januar 1901 in Mailand.

Christa Blenk

Dank an Gilles Ghez (Ausstellung « Theater in the Box »)!  (ich bin sicher, Wagner hätte ihn als Bühnenbildner verpflichtet)

siehe dazu auch: Rienzi in der Oper Rom

Die Feen im Theater Regensburg

 

 

 

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1 commentaire à “Verdi und Wagner – Rivalitäten und Gemeinsamkeiten”


  1. 0 eborja 5 fév 2013 à 19:04

    Irmi Feldman a écrit:
    Was fuer ein interessanter and lehrreicher Artikel ueber zwei grosse Komponisten des 19. Jahrhunderts!!! Well done!

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