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« Samson und Dalila » mit La Fura dels Baus in Rom

Samson und Dalila – Blutrünstige Premiere in Rom

Rom hat nach 50 Jahren wieder eine Samson et Dalila-Produktion: Im Laufe der letzten 100 Jahre gab es am Teatro dell’Opera di Roma diverse Aufführungen, nennenswert ist eine Mammut-Inszenierung à la Aida (1950), dirigiert von Albert Wolff, in den Caracalla-Thermen als Freilicht-Aufführung - dorthin zieht die römische Oper jeden Sommer – und dann zum letzten Mal (1962/63) eine bombastisch inszenierte Aufführung unter Franco Capuana mit Giulietta Simionato und Mario Del Monaco. Die katalanische Gruppe « La Fura dels Baus » mit Carlus Padrissa zeichnen 2013 für eine schwarz-weiß-rot minimal-sadistische

Samson und Dalila ist Saint-Saens’ einzige Oper, die sich durchsetzen konnte und heute noch aufgeführt wird – wenn auch nicht sehr oft. Geplant war sie ursprünglich als biblisches Oratorium nach dem alt-testamentarischen « Buch der Richter » (Kap. 16). Der Dichter und Gelegenheitslibrettist Ferdinand Lemaire konnte Saint Saens aber überreden, daraus eine durchkomponierte Oper zu machen. Romain Rolland hat das Werk einmal als « Klassiker zu Lebzeiten » bezeichnet. Saint Saens hat sich übrigens sehr lange und viel mit diesem biblischen Thema auseinandergesetzt.

In den 70er Jahren des 19. Jahrhundert befand sich Preußen im Krieg mit Frankreich, Renoir ist 30 Jahre alt, Debussy 10, Zola hat seine ersten Erfolge, Wagner arbeitet am Parsifal, Meyerbeer ist schon ein paar Jahre tot, Verdi 60 Jahre alt und wird fast noch 30 Jahre leben, und Monet malt bald seine « Impressionen ». In dieser Zeit entstand der Hauptteil (einige Teile stammen aus älteren und Frühwerken) der Oper, in dem fast alle bis dahin bekannten Musikstile irgendwann mal auftauchen.

Direkt nach dem veristischen, hoffnungslosen und lamentierenden Eröffnungschor (das ist der älteste Teil der Oper, Saint Saens hat die Choreinlage schon 1859 komponiert) der Hebräer, und vor dem hoffnungsvollen Auftreten von Samson und dem Oberpriester Dagon erscheinen links und rechts auf der Bühne zwei Trompeter, die Bücher und Blätter in die Luft blasen, die dann als Buchstaben und Zahlen wieder auf die Bühne fallen und einen Teppich bilden. Ob das mit dem Untergang und den einstürzenden Säulen, die wir am Ende sehen werden, zu tun hatte, war nicht ganz klar

Überhaupt war viel Chaos in dieser schwarz-weißen Sado-Maso- Inszenierung. Immer hin- und hergerissen zwischen lieblich und grausam. Und während die Hebräer weinen und flehen, sieht man im Hintergrund vier Totems – Idolatrie der Philister? Nach einem kurzen Exkurs in die Klassik der wuchtige Einzug des Philisterchefs Abi Melech (Mikhail Korobeinikov). Er steht drohend auf einem sehr hohen Podest und singt eine Barock-Arie, abgelöst von « damals » unmodischen Bachschen Fugen. Saint Saens selber war ein ebenso glänzender Pianist wie Organist. Impressionistisch fängt der 2. Akt an, er ist ganz in Rottönen gehalten, während es im – wieder schwarz-weißen – 3. Akt, als die Philister noch das Sagen hatten, türkisch-orientalisch wird. Saint Saens, der auch über Musik und vor allem über Wagner geschrieben hat, zollt ihm die nötige Ehre. Das orgiastische Bacchanal zum Schluss wird noch hervorgehoben durch viel Klappern mit Holz und Metall sowie einem Tamburin.

Carlus Padrissa hat den letzten Akt sehr blutrünstig gestaltet, wofür er – als er am Schluss mit seiner Truppe auf die Bühne kam – von der Hälfte des Publikums viel Beifall bekam und von der anderen Hälfte heftig ausgepfiffen wurde. Die gefangenen Hebräer wurden aufgehängt und rituell ausgeblutet, gequält und mit der Peitsche geschlagen, geprügelt und getreten – es war an der Grenze von dem, was man sehen will. Die Philister-Wächter hatten space-Uniformen an und wirkten sehr furchterregend, als sie auf ihren Metall-Stelzen die Bühne betraten. Ganz im Gegenteil zu den lieblichen Blumenszenen am Anfang, als Dalila den Frühling besingt (« Printemps qui commence »). Carlus Padrissa lässt Lois Fuller die Blumen von Georgia O’Keefe tanzen. Der zweite Akt ist musikalisch eindeutig der interessanteste und wird ganz von Dalila (Olga Borodina) dominiert, die immer schwarz-züchtig gekleidet bleibt (ganz im Gegenteil zu Giulietta Simionato, die 1963 sehr durchsichtig und Salome-mäß Samson verführte), dieser schafft es im ersten Akt gerade noch, der „femme fatale“ zu wiederstehen, im 2. Akt erliegt er dann den verführerischen Gesängen der dunklen und mysteriösen Olga Borodina. Gleichzeitig kommen – schleichend und kriechend – von allen vier Ecken der Bühne nackte Tänzer(innen) unter einer Art Holztisch oder Holzkisten auf die Mitte der Bühne und vereinen sich dort zu dem Bett, auf dem letztendlich Samson (Aleksandrs Antonenko) seine wunderbaren langen Zöpfe verliert. Padrissa hat dazu auf das Bett obszöne Bewegungen und viele Scheren projiziert (sehr einfach!). Die Musik vermittelt den Hass, den sie auf Samson hat, eher nicht. Seltsam ist auch, dass Samson seine Stärke eigentlich nie preisgibt. Für die Zuschauer bleibt es ein Geheimnis, woher Dalila es kennt. Während er immer noch „Dalila, Dalila je t’aime“ singt und nicht begriffen hat, dass er verraten wurde, singt sie „Mon choer s’ouvre à ta voix“ und triumphiert. Im 3. Akt, der musikalisch wirklich wenig hergibt, hat Saint Saens schon ein wenig die Filmmusik vorweggenommen, die er Anfang des 20. Jahrhundert dann auch komponieren wird.

Korngold hat nach der Erstaufführung 1907 in Wien geschrieben: „Diese Musik, wie die ganze Oper subtil orchestriert, mit sinnlich chromatischen Holzbläserpassagen, streichelnden Geigen und erzitternden Harfentönen, hat den Erfolg von Samson et Dalila begründet.“ Die Franzosen wollten davon lange nichts wissen – ihnen war sie zu „wagnerianisch“. Deshalb wurde sie auch zum ersten Mal im Dezember 1877 in Weimar uraufgeführt unter dem künstlerischen Direktor Franz Liszt. Wie kam es dazu? 1868 – nach Fertigstellung eines Teils des 2. Aktes – wurde dieser bei einer Soirée präsentiert und ist glatt durchgefallen. Deprimiert und entmutigt, wollte Saint Saens seine Komposition weglegen, Franz Liszt überredete ihn, es in Weimar aufzuführen. Der deutsch-französische Krieg 1870/71 zerschlug allerdings das Projekt von Liszt, und Saint Saens legte sein Werk wieder weg. Als er nach 1874 nach Algier ging (dort ist er 1921 auch verstorben) und mit der orientalischen Musik  in Berührung kam, begann er erneut mit der Arbeit am Werk. 1875 gab es – diesmal komplett – erneut eine Aufführung des 2. Aktes. Er stieß aber wieder auf Ablehnung; auch das biblische Thema gefiel dem Pariser Operndirektor nicht. So kam Liszt wieder ins Spiel, und Richard Pohl erstellte eine deutsche Übersetzung. Unter Kapellmeister Eduard Lassen wurde es dann am Hoftheater in Weimar aufgeführt – in deutscher Sprache. In Frankreich kam die Oper erst 1890 auf die Bühne. Aber sogar nach der Uraufführung hat Saint Saens noch weitere Änderungen vorgenommen und neue Sätze eingefügt.

Am Pult Charles Dutoit – mit dem Orchester der Oper Rom. Er hat sehr lyrisch, buttrig und wagnerianisch dirigiert, das war sicher ganz im Sinne von Saint Saens, der aus dieser Oper so etwas wie einen französischen Tristan machen wollte. Der Chor, der nach Samson und Dalila die wichtigsten Partien hat, war ausgezeichnet. Samson (Aleksandrs Antonenko) war zuweilen ein wenig zu manieristisch, sehr glaubwürdig aber mit seinen Muskelpaketen. Er wirkte wie ein kräftiger Siegfried. Überrascht, dass er ohne Haare trotzdem die Philisterwelt zum einstürzen bringt, war man deshalb nicht.

Im Endeffekt war die Inszenierung enttäuschend. Von der Fura del Baus sind wir Originelleres gewöhnt.

Christa Blenk

 

Samson und Dalila

 

artist: Cristina Crespo

 

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