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Romaeuropa Festival 2015 : 887 – Robert Lepage

lepage
Robert Lepage vor seinem Puppenwohnhaus 
in der 887 Murray Street, Quebec
 

Lost Highway – Lost Horizon – Paradise lost

Ich erinnere mich …

Robert Lepage in einer beeindruckenden autobiografischen Ein-Mann-Show

Mit seinem Stück „887“ eröffnet der kanadische Bühnenbildner und Regisseur Robert Lepage (*1957) das Romaeuropa Festival 2015.  Erinnerungstheater, bei dem Lepage selber der (einzige) Hauptprotagonist ist.

Er kommt auf die Bühne und fängt an zu reden – auf Italienisch (später wechselt er immer zwischen Italienisch und Französisch). Wir wissen gar nicht, ob das schon zum Stück gehört oder ob es eine Einleitung zum Werk wird. Lepage referiert über die Schwierigkeit des Auswendig lernen, genauer gesagt über das Auswendig lernen des Gedichtes „Speak White“, ein legendäres Gedicht von Michéle Lalonde,  welches er anlässlich des 40. Jahrestages der Kreation des Literaturfestival von Montreal vortragen soll. Die Bühne ist schwarz.

Das erste an das er sich erinnerte, war seine damalige Telefonnummer: 681 5031. Dann hat es wohl doch schon angefangen. Plötzlich dreht sich die Bühne und ein vierstöckiger Wohnblock rollt herein. Wir erfahren, dass es sich hierbei um den Appartment-Block in der  887 Murray Avenue in Quebec handelt. Dort hat Lepage als Kind mit seinen Eltern, drei Geschwistern und einer an Alzheimer erkrankten Oma gewohnt. Er  beschreibt in der Folge die acht Parteien, die um die Familie Lepage herum (sie hatten das Appartement 5) wohnten und spezifiziert, dass zwei  Familien immerhin englischsprachig waren, die anderen sechs frankophon. Und obwohl er nur erzählt wie sie hießen, was sie machten, wie sie lebten, sind wir alle gespannt, wie es weitergeht. Es hat etwas von nostalgischem Voyeuristisches, wie wir da in Miniatur das Leben dieser acht Parteien hinter den beleuchteten Fenstern verfolgen!

Dann ein Sprung in die Gegenwart. Lepage ruft seinen Freund Fred an um ihn zu bitten, mit ihm das Gedicht zu lernen. Er bietet ihm Geld an. Es läuft aber nur der Anrufbeantworter und nach drei Anrufen ist der Speicher voll und er kann nicht mal mehr seine Telefonnummer hinterlassen. Diese Sequenz war ausgesprochen witzig und zeitgerecht. Fred kommt aber später dann doch vorbei und Lepage erfährt, dass Fred für die Nachrufe im Radio  zuständig ist und aufgehört hat zu trinken und zu koksen. Während er also dem nicht mehr trinkenden Fred Roiboos Tee kocht will er unbedingt wissen, ob für ihn, Lepage, den großen Theatermann auch schon ein Nachruf bereit liegt und vor allem was drin steht. Später bekommt er ihn von Fred zugeschickt und kommuniziert uns seine Wut damit. Das Gedicht kann er aber immer noch!

Er schiebt eine Wand, schließt eine Tür, öffnet ein anderes Fenster und manchmal fährt sein Vater, der früher der schönste Mann in der Stadt gewesen sein soll, mit dem Miniatur-Taxi vorbei und Legape winkt ihm vom dritten Stock aus zu. Wir sehen sein schönstes Weihnachten bei seiner Tante, die den reichsten Mann der Stadt geheiratet hat und in einem mehrstöckigen Haus wohnt. Den Weihnachtsbaum und die Einrichtung dieser Luxushütte zeigt ihr uns deshalb von oben. Robert bekommt vom Onkel einen Mini-Lincoln geschenkt und schon sind wir bei Abraham Lincoln und dem Mord an John F. Kennedy angekommen. Kettenreaktionsmäßig führt ein Gedanke zum anderen, begleitet von den sich immer wandelnden Bildern und Räumen. Geniales Puppentheater mit Riese!

Die separatistische Intellektuelle Michèle Lalonde hat „Speak White“ 1968 geschrieben und damit  die Problematik der Unabhängigkeitsbewegung im Quebec bzw. den Wunsch der französisch-sprachigen Bevölkerung nach Souveränität in den 60er und 70er  Jahren dokumentiert und auf den Widerstand gegen die englischen Autoritäten, die schon seit der Boston Tea Party 1773 Staat und Gesellschaft beherrschten, hingewiesen. Die Aktivitäten der terroristischen FLQ waren Ende der 60er Jahre an einem Höhepunkt angelangt. Lepage stellt damals erfolgte tödliche Bombenanschläge nach und wir spüren den Rauch nach der Explosion. Später lässt er dann eine Puppe die Worte De Gaulles „Vive Montreal, Vive le Quebec, Vive le Quebec libre, Vive le Canada francais, vive la France“ wiederholen, die dem damaligen französischen Präsidenten viel Ärger mit Kanada einbrachten. „Speak White“ wurde damals apodiktisch denjenigen entgegen geschleudert, die offen Französisch sprachen bzw. sich zur französischen Minderheit bekannten, zu der Lepage auch gehörte. Die Befassung mit diesem Gedicht also rief bei ihm ein come back der Kindheit. (Lepage ist 1957 geboren) und diese heikle Brandfackel des damaligen Sprachen- und Gesellschaftskampfes loderte wieder auf.

Er ist einfach genial, wie er über zwei Stunden lang alleine die Bühne beherrscht und das Publikum ohne große Mühe wie es scheint auf diese Reise mitnimmt bzw es in die Problematik mit einbezieht. Seine fabelhaften Modellpuppenhaus-Bilder verweben sich ineinander und schaffen ein kompaktes und stabiles Gesamtwerk.

Zum Schluß trägt er das Gedicht dann einwandfrei vor,  obwohl er die Reihenfolge der Dichter  „Milton – Byron – Shelly – Keats“ nicht einhält. Er hat das mit Fred geübt und sich BMSK  versucht zu merken. Es scheint aber niemanden gestört zu haben.

Dann hört sein Vater in der Garage nochmals den Song „Bang Bang“ von Nancy Sinatra, aber auf französisch und Applaus.

1957 ist Lepage im französische-sprachigen Quebec geboren; seit 30 Jahren spielt er in der  ersten Liga der Theaterwelt mit. Mit 887 hat ist er dieses Jahr zum Internationalen Edinburgh Festival gereist, zuvor wurde es aber in Toronto uraufgeführt.

Christa Blenk

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