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LOT – Oper Hannover

 

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                                                                                                                                                                                                                                             auch auf KULTURA EXTRA

God said, Let there be storms – Storms to bring life in all of its forms – Forms such as herds and gaggles and swarms – Swarms that have names and numbers and norms
And it was good, sister … (Leonard Bernstein/Stephen Schwartz  - « Mass » )

Gott ist ein Kind, kommt aus Afrika und trägt ein Baströckchen. Er steht vorne in einem Meer von Abbildungen, Fotografien, Gemälden und kleinen Lehmfiguren, die ihm wohl als Anregung für sein Projekt einer unfehlbaren Welt dienen sollen. Die Erschaffung der Menschheit ist so gesehen noch ein „work in progress“. Er ist allerdings nicht zufrieden mit seinem Produkt, denn die Welt ist schlecht und weit davon entfernt, eine perfekte zu sein. Es will nicht so recht werden, wütend knallt er den Lehmklumpen auf den Boden und wirft die Vorlagen in den göttlichen Mülleimer.

Abraham ist 100 Jahre alt (Franz Mazura ist 94 und hat somit fast das biblische Alter von Abraham) und Sara (Renate Behle) kommen langsam auf ihn zu. Er prophezeit ihnen Nachwuchs. Sara, die auch schon 90 Jahre alt ist, lacht ihn respektlos aus. Gott ist schlecht gelaunt und unzufrieden und erwähnt, dass er die lasterhafte Stadt Sodom vernichten wird. Dort wohnt aber Abrahams Neffe Lot (Brian Davis) mit seiner Familie und Lot ist ein guter und gläubiger Mensch. Gott willigt – nach längeren Verhandlungen – ein, Lot und seine Familie zu verschonen und schickt ihm  zwei Engel (Sung-Keun Park und Amar Muchhala). Sie sind Ausländer und bekommen den Fremdenhass zu spüren. Der göttlich verordnete Untergang soll noch vor dem Morgengrauen geschehen.

Es funkelt und glänzt. Die Stadt Sodom ist reich und ihre verdorbenen, frivolen Bewohner tragen Luxusgewänder. Die Engel kommen als schäbig verkleidete Fremde in die Stadt, werden aber von einem in Gold gekleideten Zöllner (Michael Dries) abgewiesen weil sie den Zoll nicht bezahlen können. Geht doch zurück, wo ihr zu Haus seid ! schreit er. Der wohlhabende Lot, der als einziger in einen schlichten grauen Mantel gekleidet ist, tritt auf und will für sie den Zoll bezahlen, ist er doch vor 20 Jahren auch als Fremder (aber mit viel Geld) in die Stadt gekommen. Er bringt die beiden Männer bei sich zuhause in Sicherheit. Töchter (Dorothea Maria Marx und Stella Motina) und Frau (Khatuna Mikaberidze) bewirten die Drei, fühlen sich aber nicht wohl in dieser Gesellschaft. Dann geht das Geschrei vor dem Haus los, die rasende Meute will die beiden Fremden ausgeliefert haben.

Die strenge deutsche Schriftstellerin Jenny Erpenbeck und der italienische Komponist Giorgio Battistelli haben hier viel Wert darauf gelegt, eine wahnsinnig aggressive Stimmung zu erzeugen und es ist ihnen gelungen. Das Gejohle und die lästerhaften Beschimpfungen machen einer rasenden Kriegsbereitschaft Platz. Alle Tabus, sollte es in Sodom noch welche gegeben haben, sind nun gebrochen. Die Musik jagt zu einem Horrorfilm wenn der Mob sich in Gewaltphantasien steigert und die beiden Fremden fordert. Lot will und darf die Gastfreundschaft nicht verletzten und bietet zuerst seine Töchter und dann sich selbst zum Vergnügen der Meute an. Aber die Engel greifen gerade noch bevor Lot abgeschlachtet wird ein und lassen das goldene, unmoralische Pack erblinden, womit sie zu Fremden in ihrer Heimat werden. Diese Rettungsaktion macht aber ihrerseits Lot und seine Familie zu Vertriebenen, denn sie müssen noch vor Sonnenaufgang aufbrechen und dürfen nur soviel mitnehmen, wie sie selber leicht tragen können. Die Frauen wollen nicht weg, vor allem die älteste Tochter will bleiben, sie will heiraten. Aber die Tatsache, dass keiner der Männer ihnen beigestanden hat, als die Meute fordernd vor dem Haus randalierte, gibt zu denken und produziert den ersten Vertrauensverlust. Bei der ältesten Tochter fängt der Verrohungsprozess an, als sie der Katze den Hals umdreht. Die Engel schließlich werfen Lot und die drei Frauen aus dem Paradies ihres schönen Hauses hinaus in die raue Welt, verfolgt von Feuer und Hitze des brennenden Sodom. Umdrehen dürfen sie sich nicht und merken deshalb auch nicht, dass die Mutter zurückgeht in das Höllenfeuer. Erschöpft kommen sie irgendwann irgendwo an. Dort gibt es nichts, nicht mal eine Ratte, die die Reserven auffressen könnte.

Ein großer Müllschlucker über der Bühne lässt Tonnen von Papierfetzen auf den Boden fallen und schafft eine post-nuclear–war-no -future-Stimmung, die sogar abgebrühten Tages-Nachrichtenschauern unter die Haut geht.

Dann sind die Töchter mit dem Vater allein und was jetzt passiert, hat uns außer der Bibel, die mit dieser großen Sünde sehr wertefrei umgeht, auch die Malerei in der Renaissance und im Barock immer wieder gezeigt. Aber bei Jenny Erpenbeck ist der Schluss anders. Die große Tochter – immer noch wütend auf den Vater, weil er sie so einfach dem Gesindel in Sodom ausliefern wollte, um zwei Fremde zu schützen – will ihn testen, will sehen, ob seine Moralvorstellungen auch hier in der Wüste, allein und von Gott verlassen, noch zählen. Sie gibt ihm Wein zu trinken und will ihn verführen. Es braucht nicht lange, bis er mit ihr hinter dem Felsen verschwindet und aus Inzucht Vergewaltigung wird. Blutverschmiert und gebrochen kommt sie zurück und versteht, dass die Bestie in ihm erwacht ist. Er nimmt nun auch gleich noch die kleine vom Wein benebelte Schwester und verschwindet mit ihr. Nichts gelte mehr, was je gegolten hat! Soll ich schon ein Tier sein dann wenigstens ein echtes Schwein!  Das Schlußlied der Tochter „Jetzt hab ich recht gehabt“ ist erschütternd. Lot ist abtrünnig geworden und vom Glauben definitiv abgefallen. Wo keine Kontrolle ist, braucht man auch die Pflichten nicht zu erfüllen. So ähnlich wie im absoluten Parkverbot parken, wenn kein Polizist vorbeikommt, der einen Strafzettel verteilen könnte.

Der italienische Komponist Giorgio Battistelli hat LOT 2016 als Auftragswerk der Oper Hannover komponiert. Strenge Klangstrukturen gibt es nicht in Battistellis Werk. Der Bogen leitet vom impressionistischen Prolog in eine strenge und kontrastreiche Musikcollage im ersten Akt über. Die Flucht ist theatralisch mit viel Aktion und Donner, dialogisierend hetzend, Gesang und Orchester trennen sich. Der extrem farben- und kontrastreiche, surreal-ätherische dritte Akt steigert sich in eine ungeduldige und kribbelige Unordnung und endet mit einem Adagio im letzten Gesang der ersten Tochter. Battistelli hat für den Beginn und das Ende die gleiche Musik vorgesehen, die Welterschaffungsmusik.

Apokalypse oder Neustart: Der Epilog lässt alles offen, auf der einen Seite laufen die vielen Kinderlein von Lot und den Töchtern bunt gekleidet, lustig, sauber und sorgenlos mit Schafen über die Bühne während Abraham und Sara mit dem 8-jährigen Isaak in schwarz gekleidet diese überqueren. Isaak versucht ein wenig in dem großen Schrotthaufen der kaputten Welt noch etwas zu entdecken was man vielleicht gebrauchen könnte, steht aber dann nur da und wartet, seine Aufgabe zu erfüllen. Die beiden Familien treffen sich nicht und  tauschen sich auch nicht aus.

Das Thema ist von gegenwärtiger Aktualität über Maßhalten, Vertrauensverlust und Vertriebenheit und über den Verfall von Kultur, Toleranz und Sitte im Gegensatz zu göttlicher Allmacht, blindem Gottvertrauen und dem Verlust dieses. Battistelli wollte eine fröhliche Schlussszene, wer weiß, vielleicht wird eine Welt, in der die Kinder alle verblödet sind, ja besser oder perfekter! Es bleibt nur die Frage offen, ab wann politische Korrektheit zum ad absurdum führt.

Der Regisseur Frank Hilbrich hat hier die bunte und lautmalerische, großartige Musik von Battistelli fantastisch umgesetzt. Sehr realistisch und nachvollziehbar muss man nicht viel rätseln. Die Bilder verschmelzen mit den Tönen und verbleiben im Kopf.

Tadellos Mark Rohde mit dem Niedersächsischen Staatsorchester Hannover am Pult. Wunderbar der Chor der Staatsoper Hannover unter Leitung von Dan Ratiu. Umwerfende Leistungen der Sänger, vor allem des 93-jährigen Franz Mazura oder Brian Davis und Dorothea Maria Marx. Khatuna Mikaberidze sang ihren Part als Lots Frau trotz großer Migräne (sonst hätte die Vorstellung ausfallen müssen). Die Rolle von Gott spielte das Kind Nathan Ngamen.

Beide, Battistelli und Erpenbeck befassen sich permanent mit dem Thema der Veränderung durch Weggang, Flucht oder Zeit. Erpenbeck mit ihren Büchern und Battistelli mit seinen vielen Opern. 1981 hat er mit seinem außergewöhnlichen Werk experimentum mundi zum ersten Mal von sich hören gemacht. Wandel und Verlust waren auch das Thema bei seiner letzten Scala Uraufführung CO2 . Hier war der Klimawandel der Hauptprotagonist. Er hat als künstlerischer Leiter die Oper Rom positiv verändert und das zeitgenössische Fast Forward Festival gegründet.

Die Uraufführung hat am 1. April 2017 stattgefunden. Weitere Aufführungen am 2.5.; 10.5., 14.5. und 28.5.2017

Jetzt müsste man es eigentlich nochmals ansehen, um sich um die Feinheiten zu kümmern!

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mehr  ueber Battistelli und die Oper Rom

Christa Blenk

 

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