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Kontraklang: Nach Kagel

Sprechmusik, Peinlichkeit, Heilkräuter und ein heiserer Wanderer

Kontraklang hat am 15.12.2016 das Konzert „Nach Kagel“ im Heimathafen Neukölln organisiert. Ein Konzert, das dem Publikum viel mehr als nur Interesse oder Freude an der zeitgenössischen Musik abverlangte.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Dorrit Bauerecker spielt Viscum album -
 © »mutesouvenir | kb«

 

Der deutsch-argentinische Komponist Maurizio Kagel (1931-2008) war einer der zeitgenössischen Komponisten, die das 20. und 21. Jahrhundert entscheidend mitgeprägt haben.  Ab den 1950er Jahren nahm er regelmäßig an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik teil, 1957 ließ er sich in Deutschland nieder und war ab 1960 Dozent in Darmstadt.  Mit einem anderen borderliner, Wolf Vostell, organisierte er ab 1968 akustische und visuelle Happenings. 1969 folgte er Stockhausen in Köln nach. Kagel dirigierte viele seiner Werke selber oder war sonst irgendwie beteiligt und das war auch gestern Abend bei seinen Schülern und den Schülern von seinen Schülern so.

Diese stellten im Heimathafen einige ihrer Werke, die dem Genre Instrumentaltheater, Sprechgesang und Experimentalmusik angehören, vor.  Mimik, Gestik, Aktionen, Bewegungen, Noten, Wörter, Töne und natürlich auch Musikinstrumente kamen zum Einsatz.  Polizeischutz wie 1971 vor der Hamburger Staatsoper bei der Uraufführung von Kagels Staatstheater brauchten dessen Schüler gestern natürlich nicht, aber das 3 ½ Stunden-Happening haben nicht alle Zuhörer bis zum Ende erlebt.

Vor allem die endlosen Piano Sonaten Nr. 17 und 18 von Chris Newman, die Mikhail Mordvinov interpretiert, bringen uns an unsere Grenzen. Dabei hört es sich ganz und gar nicht zeitgenössisch an oder gerade deswegen. Beethoven ist herauszuhören und alte Songs von den Kinks wie Lola. Newman will einfach nicht, dass der Zuhörer sich wohl fühlt, deshalb gibt er ihm einen Beethoven, dessen Noten er vorher zerstückelt hat und die beim Zusammenbauen ihre Seele einbüßen mussten.

Zwischendurch hat die großartige Akkordeonistin Dorrit Bauerecker sehr expressiv immer ein paar Takte aus Viscum Album, das ihr Lehrer Manos Tsangaris komponierte, gespielt und einmal auch unzählige Heilkräuter heruntergesagt oder vielleicht das Zauberrezept einer Hexe verraten!? Viscum album ist die Weiße oder Weißbeerige Mistel. Davon hätten wir auch gern ein paar Takte mehr gehört.

Witzig und originell Neele Hülcker, sie gehört zur zweiten Nach-Kagel-Generation. Copy myself #2 für Stimme, Elektronik und Projektion heißt ihre Arbeit und dafür hat sie  umgekehrt, d.h. rückwärts abgespielte Tonbandaufnahmen aus ihrer Kindheit nachgeplappert und wieder aufgenommen. Dann vor dem Publikum den Grad der Peinlichkeit und der Nervosität, inklusive Temperatur, Puls und Blutdruck gemessen und dies auf einem online-Formular festgehalten. Die Peinlichkeit ist, verrät sie uns, von Mal zu Mal bedeutungsloser. Sie hat ihr Kunstwerk schon in der U5, unter einer Brücke, am Meer oder im Museum aufgeführt. Kagel wäre sicher stolz auf sie gewesen.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Neele Hülcker – copy myself #2
©»mutesouvenir | kb«

 

Ähm Me, Hm (I) And M – Versuchsanordnung für vier Sprechende von Barblina Meierhans, ebenfalls eine Schülerin von Tsangaris, war ein Gespräch zwischen vier Personen, die sich – trotz Einsatz von Gesten und Gebärden – einfach nicht finden wollen und abgegrenzt von einander bleiben.

Von Manos Tsangaris hat der Klarinettist Theo Nabicht ein Stück für Kontrabassklarinette (und zwei Bierflaschen)„So Slow“ aufgeführt. Hierzu gehören insistenter Stimmeinsatz und Meckern aus dem Zuschauerraum, das erstmal sehr echt wirkt und der Störer sich böse Blicke einfängt – auch vom Klarinettisten. Tsangaris (*1956) ist ein echter Kagel-Schüler und Teilnehmer auf den einschlägegen zeitgenössischen Musikfestivals. 2016 hat er die künstlerische Leitung der Münchner Biennale als Nachfolger von Peter Ruzicka übernommen. 2015 war er Gast in der renommierten Villa Massimo in Rom.

Nicolas Kuhn (1989) war Schüler von Tsangaris in Dresden; arbeitet aber auch mit Helmut Lachenmann und anderen zeitgenössischen Größen zusammen. Er interpretiert und dirigiert oft seine eigenen Werke. Gestern  hat er das aufregende und sehr virtuoses Klavierstück „4“ vorgetragen und im Anschluss mit Stellenwort für Plattenglocke ein regelrechtes Studium von Klängen und Tönen durchgeführt. Mit einem Wattepad, einem Pulli, einer Kuhglocke, einem Stift oder weitere auf einem Tisch bereit stehende Gegenstände kreiert er auf der Plattenglocke alle möglichen Klänge, Un- oder Nichtklänge. 2014 entstand auf seine Initiative das Gegenklang-Orchester für seltenes Repertoire.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Nicolas Kuhn  mit der Plattenglocke 
© »mutesouvenir | kb«

 

Der erste und letzte Beitrag war je ein Lied von Chris Newman (*1958). Ist das Sprechgesang oder Musiksprechen oder  irgendetwas dazwischen ?

Chris Newman ist ein experimenteller Grenzgänger und Tausendsassa und eigentlich mit Niemandem zu vergleichen. Dichter, Schauspieler, Künstler, Komponist, Performer und Provokateur natürlich. So wie er Leinwände zerschneidet und sie wieder irgendwie zusammenschustert hört sich auch sein Gesang an. Schlurfend kommt er auf die Bühne, zieht  zuerst seine Jacke und dann seine Schuhe aus und bring das Publikum genau dorthin wo er es haben will – nämlich raus aus dem Raum (gefühlt). Seine Darbietung ist eher ein konzeptionelles Kunstwert als Musik,  das erste Lied  Tree Tops,  hat irgendwie an Schubert denken lassen und der Abschiedssong « Wizzes » könnte auch aus den drunken songs seines Landmannes Purcell stammen. Er wirkt wie ein ganz müder und verbrauchter Wanderer, obwohl er noch keine 60 ist. Aber auch das gehört zu seiner Kunst und was soll man denn nach Kagel sonst machen?

Kontraklang hat hier eine Truppe von Komponisten und Protagonisten auf die Bühne gebracht, die uns auf jeden Fall sehr beschäftigt hat.

 

“If they can take it for ten minutes, then we play it for fifteen,” I’d explain. “That’s our policy. Always leave them wanting less.” (Warhol and Hackett, Popism, 193).

 

Christa Blenk

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