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Hänsel und Gretel

Märchen sind grausam

Eigentlich sollte es nur Musik für ein Puppenspiel als Geschenk für seine Schwester werden. Heute zählt Engelbert Humperdincks Werk zu den beliebtesten Opern, die vor allem um die Weihnachtszeit jedes Jahr unzählige Kinder mit der Musik bekannt macht. Die Uraufführung fand 1893 in Weimar statt.

Spielerisch leicht hört es sich an, zumal wir alle diese samtig-geistreichen Ohrwürmer  auch schon im Kindergarten gehört und gesungen haben, dann wird es aber wieder theatralisch-grüblerisch und phantasiereich.  Eine Mischung aus einfachem Kinder-Sing-Sang und pastoraler Sinfonie-Romantik. Farbenfroh und angsteinflößend. Immer wieder lehnt er sich an Wagners Musik an, zitiert ihn. Er selber hat sein Werk ein Kinderstuben-Weihfestival genannt, welches Humperdinck den Opern-Durchbruch möglich machte.

Es funkelt und leuchtet, spiegelt und glitzert. Am Ende der Bühne lassen verschiebbare Bäume den Dirigenten sehen, der sich dankend verbeugt. Achim Freyer hat Elemente aus der Staatsopern-Zauberflöte und Katharina Wagners Meistersinger-Inszenierung vereint, und Hänsel und Gretel mit Pappmaché Köpfen ausgestattet. Hier zollt Humberdinck über Freyer seinem Lehrer Wagner eine hommage. So winken und nicken sich die beiden mit ihren übergroßen Köpfen über die Bühne, tanzen, spielen und singen.

Die naschende Katze wie auch der Hunger-Koch, der als große, weiße Gestalt mit Augen- und Bauchloch herumläuft, sind sehr gelungen. Die Hexe ist ein Mann, nicht buckelig und hat einen wurstigen Mund und Kuchenaugen, eine Kaffeetasse auf dem Kopf und eine geschmacklos lange Salami-Nase. Das Hexenhaus ist viel zu klein und der stibitzte Lebkuchen darf auch kein rotes Herz sein. Ansonsten tummeln sich witzige Fantasiefiguren über die Bühne. Aber warum steht da Revolution am Ende?

Das Märchenspiel in drei Bildern von Engelbert Humperdinck entstand 1893 nach einer Dichtung von Adelheid Wette, basierend auf dem Märchen der Gebrüder Grimm. Bei Original setzen die armen Eltern ihre Kinder Hänsel und Gretel im Wald aus, weil es nicht genug Essen zu hause gibt.

Bei Humperdinck werden die egoistischen Kinder von der Mutter zum Erdbeerenpflücken geschickt, weil sie wieder mal böse waren und beim Spiel den Kochtopf zerbrochen haben. Nachdem sie den selbt-gepfückten Erdbeeren für die Mutter nicht widerstehen können und sie allesamt vertilgen, ist es Nacht und sie finden den Weg nicht mehr nach Hause. Der Sandmann kommt und singt sie in den Schlaf. Die Kinder träumen vom Zirkus und von Akrobaten und anderen schönen Dingen bis sie aufwachen und vor dem Lebkuchen-Haus der Hexe vom Ilsenstein stehen. « Knusper, Knusper, Knäuschen, wer knappert an meinem Häuschen » ? « Der Wind, der Wind, das himmlische Kind ». Zuerst fällt die Hexe darauf herein aber schließlich landen die beiden  doch hinter Gittern und werden von der Hexe gemästet, damit sich diese bald ein Festmahl gönnen kann. Das ist Kannibalismus pur. Aber Hänsel ist schlau, und streckt der Hexe immer ein Holzstäbchen anstatt seinem Finger hin, denn er will einfach nicht zunehmen.

Zum Schluss gibt es ein Happy End. Die Kinder töten die böse, gefräßige Hexe und finden nach Hause, wo sie von glücklichen Eltern empfangen werden.

Sängerisch und musikalisch sehr schön und einwandfrei.  Am Pult am 27. Dezember 2018 Christopher Moulds. Katrin Wundsam sing Hänsel und Adriane Queiroz Gretel. Arttu Kataja und Marina Prudenskaya sind die Eltern und Jürger Sacher die Knsuperhexe.

cmb

 

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Alfred Flechtheim im Museum Kolbe

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Ausstellungsplakat

 

Kunsthändler, Sammler und Verleger Alfred Flechtheim (1878-1937)

Alfred Flechtheim lebte für die Kunst. Er war ein Mensch, die mit einem Blick erkannte, was gut und ausstellungs- bzw. sammelnswert war. Er gehörte einer heute ausgestorbenen Kategorie von Kunsthändlern an (wie auch der Stuttgarter Daniel-Henry Kahnweiler), die viel, viel mehr waren als nur Galeristen. Sie entdeckten und förderten die Künstler, in die sie Vertrauen hatten, zahlten ihnen Gehälter, damit diese arbeiten konnten. Heutzutage ist das eher der Einzelfall! Ohne Persönlichkeiten wie Flechtheim, wären Kunst und Künstler um die Jahrhundertwende bis in die 1920 Jahre einen ganz anderen Weg gegangen!  Für den Münsteraner Sammler, Mäzen, Verleger und Weltmann Flechtheim war der Kunsthandel nicht nur ein Geschäft: Kunst war sein Lebenswerk! Flechtheim diktierte praktisch was Wert hatte und was nicht. Weltoffen und weltgewandt bewegte er sich fließend vier Sprachen sprechend sicher auf jedem Parkett.

Schon während seiner Hochzeitsreise gab der selber nicht Unvermögende so viel Geld (seiner Frau) für Kunst aus, dass sein Schwiegervater gleich eine Gütertrennung vereinbarte. Flechtheim besaß zu Kriegsbeginn 1914 bereits unzählige  Frühwerke von Picasso, Jawlensky, Kandinsky, van Gogh,  Léger, Cézanne, Matisse oder Munch und vieler anderer Avantgardefranzosen. Der Sammler und Kaufmann in ihm widmete sich so manches Duell. Seine erste Galerie eröffnete er in Düsseldorf. 1921 kam er nach Berlin  und gründete mit dem Bruder des Galeristen Kahnweiler, Gustav Kahnweiler, die Galerie Flechtheim am Lützowufer, dort entstanden auch die Kunstzeitschriften Querschnitt und Omnibus

Flechtheim war eine schillernde Figur im Berliner Leben. Man wollte in seinem Umfeld sein, dazu zu gehören! Flechtheims Veranstaltungen waren bald stadtberühmt und seine Soirées the place to be! Die Vernissagen oder Kostümfeste in den Berliner Galerieräumen waren legendär und Treffpunkt von Kultur, Gesellschaft und Politik. Er war Teil der  roaring twenties!  

Aber es gab auch kritische Stimmen über ihn wie z.-B. das der Dichterin Else Lasker-Schüler. Für sie war Flechtheim ein ehrgeiziger Kunsthändler, dem es egal sei ob er mit Kunst oder Pelzen handeln

Die Ausstellung im Georg Kolbe Museum zeigt einige Werke, die er entweder sammelte oder an Privatpersonen oder Museen vermittelte. Eine kleine Ausstellung, aber sehr aussagekräftig und vielsagend. Alles was Rang und Namen hatte in der Zeit zwischen den zwei Kriegen stellte irgendwann bei Flechtheim aus. Barlach, Belling, Lehmbruck, Breker, Degas, Sintenis, de Fiori, Maillol und natürlich Kolbe, der ursprünglich von Cassirer vertreten wurde und erst nach Cassirers Selbstmord 1926 sich Flechtheim anvertraute.

 

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Flechtheim 1927 – Rudolf Belling

 

Rudolf Belling hat 1927 ein Portrait von ihm in Bronze gegossen, das wohl als eines der originellsten angesehen werden kann. Das Gesicht ist auf Nase, Mund, Stirn reduziert, Felchtheim ist aber ohne Zweifel – auch aufgrund seiner unverkennbaren Nase – sofort zu erkennen. Vom russisch-jüdischen Bildhauser Moissey Kogan, mit dem Flechtheim auch privat  befreundet war und den er des Öfteren ausstellte, ist ein Torso aus Lübeck ausgestellt.  Flechtheim hat so einige seiner Arbeiten an deutsche Museen vermitteln können. Kogan kam 1943 in Auschwitz ums Leben. Auch Bellings Dreiklang ist ausgestellt und das Kolbe Museum baut hier eine Brücke zum Hamburger Bahnhof, wo gerade eine sehr umfangreiche Belling-Ausstellung zu sehen ist.

Zwei Arbeiten von Degas – eine Tänzerin aus 1888 vom Städel Museum und eine Tänzerin in Ruhestellung um 1920 aus der Kunsthalle Bremen sind zu bewundern. Flechtheim stellte 1926 in seiner Berliner Galerie 73 Skulpturen des Franzosen Degas aus, was einer kunsthistorischen Sensation gleich kam, denn Degas selber versteckte seine Skulpturen vor der Welt und war deshalb als Bildhauer komplett unbekannt. Erst nach Degas Tod fand man an die 150 recht gut erhaltene Wachsmodelle von kleinen Plastiken, vor allem Tänzerinnen und Pferde. Auch Aristide Maillol gehörte zu Flechtheims Lieblingen und ist in der Ausstellung mit zwei Werken vertreten. Die Hockende (1926) aus der Hamburger Kunsthalle und eine Badende (1898) aus einem Privatbesitz. Der Pariser Kunsthändler Ambroise Vollard übertrag in den 1920er Jahren die Gußrechte einiger Skulpturen Maillols an Flechtheim und auch aus diesem Grund, sind viele seiner Werke in deutschen Museen zu sehen.

Wilhelm Lehmbruch gehörte schon vor dem Ersten Weltkrieg zu den bekannteren Künstlern. Die Kniende entstand 1911 und wurde 1913 auf der berühmten Armory Show in New York gezeigt. 1955 wurde übrigens gerade diese Skulptur in der ersten documenta in Kassel präsentiert. Flechtheim und Lehmbruck lernten sich bereits 1906 in Paris kennen. In der Ausstellung ist ein Torso von 1914 zu sehen, er gehört dem Kolbe Museum.

Ernst Barlach zählt heute zu den größten deutschen Bildhauern um die Jahrhundertwende. Paul Cassirer hatte ihn schon vertreten. In der Ausstellung ist der Zweifler von 1930 zu sehen. Barlach verstarb 1937.

Viele der hier gezeigten Exponate hat Flechtheim in den 1920 er Jahren an die unterschiedlichen Museen verkauft, so kommt die Bronze von Ernst Barlach aus dem Städel Museum Frankfurt. Auch der junge und vielversprechende Arno Breker gehörte zu Flechtheims Künstlern und fertigte u.a. auch ein Portrait von seinem Künstlerkollegen Moissey Kogan. Er wurde später der Lieblingskünstler der Nazis und ab 1936 auch durch die Olympischen Spiele zum sogenannten Staatskünstler des Dritten Reiches.  Seine Bronze Skulptur Kniende entstand 1927 in Frankreich und zeigt Brekers Bewunderung für die Franzosen.

Ein weiterer Schützling Flechtheims war der Österreicher Ernesto de Fiori. Die beiden lernten sich 1910 bei Thea Sternheim kennen. Auch De Fiori folgte ihm von Düsseldorf nach Berlin und gehörte zu Flechtheims engeren Kreis; die Verbindung dauerte bis zu Flechtheim Flucht nach England 1933. In der Ausstellung sind die Werke Männliche und Weibliche Karyatide zu betrachten. De Fiori bekam 1924 den Auftrag von Max Reinhardt für sein Theater am Kurfürstendamm für sechs Karyatiden, die er aber später wieder entfernen ließ, weil sie zu sehr die Aufmerksamkeit es Publikums auf sich zogen. Er verkaufte zwei davon an das Düsseldorfer Kunstmuseum und zwei weitere an den Sammler Hermann Lange, der diese für sein Haus wollte, das Mies van der Rohe in Krefeld entwerfen sollte.

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Ernst Barlach, Renée Sintenis, Wilhelm Lehmbruch

 

Ein Kapitel der Ausstellung ist dem Thema Kunst und Sport gewidmet. Bewegung und Ausdruckstanz nahmen eine feste Rolle in den 1920er Jahren ein. Flechtheim selber war ein begeisterte Sportanhänger und Mitglied in mehreren Sportvereinen. In seinen Zeitschriften Querschnitt und Omnibus erschienen Artikel über Sportveranstaltungen neben Kunstkritiken und sehr profunden Artikeln von ihm selber, Sportfotografien oder neuer Poesie. Der Boxkampf faszinierte ihn sehr, aber nicht nur ihn. In den 1920 gehörte es zum Zeitgeist, Boxkämpfe zu besuchen. Intellektuelle, Künstler und die höhere, finanzstarke Gesellschaft versammelten sich mit den Boxfans um den Ring. Max Schmeling, der zwischen 1930 und 1932 Weltmeister im Schwergewicht war gehörte zu Flechtheims Freundeskreis. In der Ausstellung ist die Bronze von 1929 von Max Schmeling zu sehen, die der Berlinischen Galerie gehört. Ernesto de Fiori hat 1923 den amerikanischen Boxweltmeister im Schwergewicht Jack Dempsey in Bronze gegossen. Marlene Dietrich saß de Fiori ebenfalls Model, bevor sie endgültig in die USA ausreiste.  Renée Sintenis spielte auch gesellschaftlich in Berlin eine wichtige Rolle und war ebenfalls eine Anhängering des Sports. Von ihr sind vier Skulpturen aus den 1920 er Jahren zu sehen, darunter der finnische Mittelstreckenläufer Paavo Nurmo, der als der schnellste Mann seiner Zeit galt.

 

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Aus Querschnitt

1929 im Oktober, am schwarzen Freitag, ging auch der Kunsthandel – vor allem der entartete und verfemte – unter und für Flechtheim begann der persönliche Zusammenbruch und Verfall. Der beliebte und prominente Jude sah sich Diffamierungen ausgesetzt und seine Berliner Galerie geriet 1933 in Konkurs. Den Nazis war dieser offene, jüdische Galerist und Weltmann natürlich ein Dorn im Auge, unbeugsam, wollte er von seiner Kunstpolitik nicht ablassen. „Ich habe gestern  Berlin und zwar für immer verlassen. Meine Galerien da und in Düsseldorf werden geschlossen. Kein Platz mehr für mich (…) Hätte ich mich nicht mit Hofer, Kolbe, Renée (Sintenis) Klee, mit den Franzosen beschäftigt kümmerte man sich nicht um mich, ja , man hat mir angedeutet, dass, wenn ich auf diese Künstler verzichtete, ich ruhig weiter Kunsthändler sein dürfte!!! Dann lieber richtig arm im Ausland als Verräter“  - schrieb er im Oktober 1933 .

Flechtheim reiste zuerst nach Paris und London wo er sich langsam wieder etwas aufbaute, verstarb aber 1937 an einer Blutvergiftung;  seine Witwe, Betty begann 1941 Selbstmord, und die Werke, die er nicht vorher schon ins Ausland bringen konnte, wurden praktisch verschleudert, aufgelöst und gelangten unter ungeklärten Umständen in fremden Besitz bzw. wurde von der Gestapo beschlagnahmt.  Die Kuratorin Julia Wallner hat bei der Schau darauf geachtet, nur Werke klarer Herkunft auszustellen.

Bis zum 17. September 2017 ist die Ausstellung  Alfred Flechtheim. Kunsthändler der Moderne noch im Berliner Kolbemuseum zu sehen und unbedingt sehenswert!

Christa Blenk

 

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Zwischen Ostsee und Achterwasser

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Blick vom Garten auf Leiter, Boot und Achterwasser

 

Nur knapp 300 Meter Land, ein wenig mehr als ein Steinwurf, liegen dort Ostsee und Achterwasser. Auf dieser engsten Stelle der Insel Usedom steht ein S-Bahn-Wagen. Der Maler Otto Niemeyer-Holstein (1896-1984) hat ihn im Jahre 1932 für 60,50 Mark in Berlin-Rummelsburg gekauft und ihn 1933 (ohne Räder, denn diese hat jemand anderes gekauft) unter großem finanziellen und technischen Aufwand und mit viel Phantasie an diesen sandigen Fleck gebracht. 1932 legt er dort – aus Berlin kommend – mit seinem Segelboot Lütter an. Außer einem großen Schuppen, einem holprigen Pflastersteineeg, ein wenig Ried und krumme Weiden gibt es sonst dort nichts. Genau was er sucht, nur ein paar Meter zum Strand. „Hier will ich leben, hier will ich sterben“, ruft er und geht an Land. Niemeyer hat sein Paradies, sein Refugium, das ihm für den Rest seines Lebens Geborgenheit, Schutz und Inspiration werden sollte, gefunden. Sein Segler „Lütter“ sollte auch dem Ort Lüttenort den Namen geben.

Der Maler Niemeyer, der eigentlich Gärtner werden wollte, hat im Laufe der Zeit einen Skulpturen-Zaubergarten um den Wagen herum angelegt, wie ihn Klingsor nicht schöner hätte erträumen können. Jahrelang waren er und seine Familie Selbstversorger. Im Obstgarten lehnt immer noch die lange Leiter am Baum und lädt zur Ernte ein. Weiter weg entdeckt man eine leicht überwucherte Getreidemühle und eine große Schiffsglocke. In einer anderen Ecke – im japanischen Garten – gibt es China-Wacholder und allerlei Sträucher und ein wenig weiter liegt der  Kastanienhof sowie ein Quittengarten  und von fast allen Plätzen aus kann man auf eine Lagune des Peenestromes, das Achterwasser, blicken. Dort liegt noch ein Boot und der Wind streift leise über die Schilfgräser, vertreibt die Wolken und lässt die Konturen überdurchschnittlich scharf hervortreten. Alles ist sehr gepflegt und doch ist hier die Natur kein bisschen beschnitten.

 

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« Paar » Wolf-Eike Kuntsche; Waldemar Grzimek « Torso »; Wieland förster « Große Stehende »

 

31 Skulpturen von Künstlerfreunden wie Waldemar Grzimek, Sabina Grzimek, Sabine Teubner, Wolf-Eike Kuntsche, Werner Stötzer und viele mehr beleben den Garten, verstecken sich und stehen miteinander im Dialog. Niemeyer hat sie entweder geschenkt bekommen oder sie gegen seine Bilder eingetauscht. Auch die Kopie eines römischen Augustus‘ ist darunter. Zweige ringen sich um seinen Fuß, fast wie bei Berninis Daphne. Dieser Garten gehört sicher zu den schönsten Skulpturengärten, die ab den 1960er Jahren fast überall in Europa wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Ich denke da an das Kröller-Müller Museum/Otterlo, die Skulpturenmeile in Hannover oder die Museumsinsel Hombroich. Ein Tor aus alten Schiffsbalken führt auf der Rückseite zum Achterwasser. Eine Zeitlang ist auch allerlei Viehzeugs dort rumgelaufen, das dann später auf den Tisch kam. Die Not war oft groß, denn erst ab den 1960er Jahren hat Niemeyer-Holstein gut vom Verkauf seiner Bilder leben können. Unter der recht einfachen Einrichtung sticht das Kieler Zimmer besonders heraus. Niemeyer hat es aus seinem großbürgerlichen Elternhaus in Kiel auf die Insel transportieren lassen. Das einzige was ihm aus der Zeit geblieben ist.

 

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Griechische Skulptur mit Blick auf das Haus

 

Das was man heute dort sieht erinnert nur noch ganz entfernt an das unwirtliche, kleine Stück Moorland. Der Boden ist befestigt und der Garten gewachsen, wie dies auch die Bäume und Sträucher taten. Sogar der S-Bahn-Wagen bekommt nach und nach ein Obergeschoss mit Schlafräumen, die über eine ganz steile Hühnerleiter zu erreichen sind, und links und rechts gibt es jetzt kleine Anbauten. Von außen erkennt man den Wagen nur noch, wenn man weiß, dass er die Basis dieser originellen Behausung bildet. Tritt man aber ein, ist man überrascht, wie breit so ein öffentliches Transportmittel doch ist. Erst viele Jahre später kann Niemeyer sich ein gemütliches und sehr schönes Atelier in der Nähe des Wagen-Hauses errichten. Dorthin zieht er sich auch zurück, wenn ihm die Besucher einmal zu viel werden. Tabu steht an der Tür und daneben hat der ehemalige starke Raucher handschriftlich einen Hinweis auf das herrschende Rauchverbot angebracht.

 

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ONHs Weg zum Strand und Wellenbrecher

 

Hier ist die Zeit stehen geblieben. Es fehlt nur noch, dass plötzlich der Wasserkessel zu pfeifen anfängt und uns der Duft eines selbst gebackenen Marmorkuchens in die Nase steigt. Sogar der Fellmantel, den er immer trug, wenn er im Winter Bahn und Straße  überquerend zum Meer ging, hängt noch dort und macht ihn unsterblich.

1896 wird Niemeyer als Kind eines international bekannten und recht wohlhabenden Völkerrechtlers geboren. Schon mit knapp 10 Jahren schenken ihm seine Eltern das Segelboot Lütter, mit dem er 25 Jahre später Usedom erreichen sollte. 1914 meldet er sich freiwillig zu den Husaren und kehrt verletzt wieder nach Hause zurück. Um sich zu erholen, schicken ihn die Eltern in die Schweiz und dort fängt er an zu malen – aus Langeweile und als Autodidakt wie er selber sagte. Fundamental für seine Künstlerkarriere ist die Begegnung mit Alexej von Jawlensky und dessen Partnerin Marianne von Werefkin. Der Bohemien-Lebensstil der Beiden liegt ihm, dem gutbürgerlichen Kieler Kind zwar nicht, auch war ihm Jawlenskys schriller Expressionismus zu kompliziert und zu weit hergeholt aber Niemeyer lernt, wie wichtig es für einen Künstler ist, eine eigene Handschrift zu haben. Er weiß nun, was er will: nämlich malen, was sein Auge wahrnimmt, nicht mehr und nicht weniger. Mit 24 heiratet er Hertha Langwara, eine sensible und weltfremde Sängerin. Die beiden bekommen einen Sohn. Herthas Bildnis entsteht 1920; es lässt den Einfluss von Jawlensky erkennen. Das Portrait hängt im Museum in Lüttenort und ist sicher eine seiner interessantesten Arbeiten.

 

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 Tor zum Achterwasser

Lyonel Feininger lernt er 1923 kennen und gründet mit anderen Malern kurz darauf die Künstlergruppe Der Große Bär in Ascona/Italien. Es gibt ein Bild von ihm in Anzug und Weste in den Schweizer Bergen wo er eher wie ein Fremdkörper in der Landschaft steht und als Maler nicht zu identifizieren ist. Ein Jahr später lässt er sich von Hertha scheiden. Seine zweite Ehe mit der gebildeten Annelise Schmidt sollte sein Leben lang halten. Aber auch Begegnungen mit Otto Manigk oder Herbert Wegehaupt, der sich übrigens auch auf der Insel Usedom niederließ,  waren wichtige Ereignisse in seinem Leben.

« Der hat mir interessiert, aber ick hab’n noch ‘n kleen’ Stups jegebn. Aus dem wird wat, denn der klaut sich de Farben aus’m Meer » (der Berliner Maler Max Liebermann über Niemeyers Malversuche in den 1920er Jahren)

Hin und wieder macht Niemeyer einen Anlauf und schreibt sich in einer Kunstakademie als Student ein, muss aber nach kurzer Zeit feststellen, dass ihn der dort gepredigte Akademismus nicht weiter bringen wird und bricht ab. Otto Niemeyer-Holstein, der seine Bilder mit ONH signierte, war und blieb ein Autodidakt, geprägt von Menzel und Morandi, den großen Franzosen des 19. Jahrhunderts wie Cezanne oder Gauguin, aber auch von den Malern der Brücke, von Heckel oder Otto Müller. Paula Modersohn-Beckers Farben tauchen immer wieder auf und einige seiner Akte erinnern an Picassos blaue und rosa Periode. Mit der Zeit wird aber die Ostsee sein Modell. Tagein, tagaus besucht er sie und malt die täglichen Stimmungen, die Wasserveränderungen, die Wellenbrecher, Eisberge am Strand oder den Weg dorthin. Die permanente Suche, die Ostsee zu verstehen, sie festzuhalten,  hat ihn zum Künstler gemacht. Bildnisse nennt er seine Portraits. Sie sind neben Landschafts- und Naturbildern der Hauptbestandteil seines künstlerischen Werkes.

Die Niemeyers leben zwar zurückgezogen, aber nicht isoliert. Dafür hatten sie viel zu viele sehr interessante Freunde auch aus der wilden Berliner Zeit in den 1920er Jahren. Man führt ein offenes Haus und ständig kommen Freunde oder andere Künstler zu Besuch, es herrscht reger künstlerischer Austausch. Seefahrer aus dem Ort bringen ihm afrikanische Masken und Skulpturen von ihren Reisen mit und bekommen Bilder dafür.

Das Werkeverzeichnis des Museums ist ein unglaublicher Spaziergang durch die Moderne. Angezogen vom Expressionismus und von der Neuen Sachlichkeit, kümmern ihn Tendenzen oder Moden trotzdem eher weniger.

Anfangs waren es nur ausgedehnte Sommer, die die Familie auf Usedom verbringt. Ab 1939 wird das Refugium zum permanenten Wohnsitz. Peenemünde ist nur knapp 30 km von Lüttenort entfernt und der Krieg bringt so einige kritische Momente. Ab 1940 versteckt er aber trotzdem seine jüdische Schwiegermutter dort. Hin und wieder fallen Bomben in die angrenzenden Wiesen und in den letzten Kriegsmonaten wurde das Land um ihn herum vermint, aber die geplante Sprengung 1945, die diese engste Stelle auf der Insel, wo sein Haus steht, fluten sollte, wird nur ganz knapp verhindert, weil sowjetische Truppen die Insel besetzen.

Vor dem Krieg waren seine Werke von den Nazis „nicht erwünscht“ (allerdings wird Niemeyer nur in wenig Museen vertreten und so konnte auch nur ganz wenig verschwinden) und nach dem Krieg, in den 1950er Jahren gerät ONH in den Kunststreit der DDR. Eine Ausstellung in Dresden findet ohne seine Bilder statt. ONH malt Lenin-Ikonen  für öffentliche Gebäude. Er darf dann aber doch 1954 in Mannheim ausstellen. In den 1960er Jahren reist Neumeyer nach China, Taschkent, Samarkand und Buchara und wird 1963 Präsident der internationalen Ostsee-Biennale in Rostock. Erst ab den 1970er Jahren häufen sich seine Ausstellungen, auch in Italien und Norwegen. 1981 wird sein Gesamtkunstwerk in Rostock gezeigt und der Fernsehfilm „Und der Strand ist meine Geliebte“ gedreht. Ein einfühlsamer, langsamer Film mit vielen Sprechpausen. Er läuft im Museum und ist wirklich sehenswert. ONH sagt ganz wichtige Dinge so en passant, als ganz persönliche Reflexion. Er hätte kein Talent, er müsse sich alles erarbeiten. Aber das sei gut so. Künstler mit viel Talent sind mit 25 Jahren fertig.. 86jährig lernt er immer noch täglich etwas hinzu. 1984 stirbt Otto Neumeyer-Holstein und ein paar Monate später folgt ihm seine Frau Annelise.

 

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 Eingang zu seinem Atelier

 

Schon ein Jahr nach seinem Tod, also 1985, wird Lüttenort Museum und Ort der Begegnung -ganz nach seinem Wunsch. Dort finden jetzt regelmäßig Konferenzen und Konzerte statt und abwechselnd auch Ausstellungen mit Werken von seinen Malerfreunden. Das Museum wird 2001 nahe am Atelier errichtet. Ein kleines Paradies, bei dem die vielen Bäume den Lärm der Schnellstraße fast komplett auffangen.

Otto Neumeyer-Holstein hat an die 5000 Arbeiten (Zeichnungen, Aquarelle, Ölgemälde oder Radierungen) hinterlassen. Ein Großteil gehört dem Museum. Die Bilder hängen aber auch in  Museen in Berlin, Leipzig, Rostock, Dresden, Ascona, Kiel, Oberhausen, Mannheim oder im Folkwang Essen zu sehen. An die 500 sind in Privatbesitz, die meisten dokumentiert und in einem sagenhaften Werkeverzeichnis aufgeführt.

Christa Blenk

Fotos Christa Blenk

 

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Der eingebildete Kranke von Molière in der Schaubühne

 der eingebildete Kranke
Renato Schuch, Ulrich Hoppe, Peter Moltzen, Jule Böwe,
Felix Römer, Regine Zimmermann
Foto: (c) Katrin Ribbe

 

Am französischen Hof von Ludwig XIV ging es nicht unbedingt hygienisch und blitzsauber zu; das ist bekannt. Es ist auch bekannt, dass er mit seinen Zähnen Probleme hatte und deshalb nicht kauen oder verdauen konnte; Waschen war auch eher ein ungebräuchlicher Begriff – wozu auch -  es gab ja schließlich das (französische) Parfum? Dieses wurde zwar schon vor über 7000 Jahren erfunden, aber natürlich auch, um schlechte Gerüche zu überspielen. Andere hielten sich Minze unter der Nase, aber am französischen Hof jedenfalls wurde Parfum literweise verbraucht!

Michael Thalheimer hat sich wohl an den Konditionen am französischen Hof zu Zeiten von Molière, Lully und dem perückenbestückten und rüschchenverzierten König Ludwig XIV bei seiner Inszenierung des Eingebildeten Kranken orientiert.  Argan trägt eine Leggins, wichtiges Kleidungsstück der Noblen früher,  unter seinem rosaroten Rock und seine Frau ist in ein Kleid von Madame de Maintenant gewandet, sie allerdings oben ohne.

Das Bühnenbild besteht aus einem weiß gefliesten, konstruktivistisch-sterilem Quadrat und sieht aus wie eine unbefleckte Operationsraum-Zelle  – jedenfalls in den Anfangs-Sekunden.  Argan wird seinem Rollstuhl sitzend hereingependelt und jammert. Die Körperflüssigkeiten, die der Kranke dann ausscheidet oder ausspuckt, Einläufe und Blut aus der Konserve versauen komplett den ehemals so picobello sauberen Ort. Aber so kann wenigstens Argans Testament im eigenen Blut auf der Wand – ermutigt durch das hinterlistige Betreiben der schlangenfalschen Ehefrau – verewigt  werden. Stotternd, trampelnd und von der Seite treten nach und nach die gruseligen Protagonisten auf. Ein Slapstick, der aber nicht zum Lachen bringt, so wie die ganze Komödie hier nicht allzu viele Lacher hergibt. Manchmal ansatzweise, aber eine durch Lachen befreite Wohlfühlstimmung soll ja auch nicht auftreten, es soll eher das Leid der Reichen im 17. Jahrhundert gezeigt werden.

Begleitet werden diese 100 Minuten von mal laut und mal leiser nervender und monotoner Hintergrund-Computermusik von Bert Wrede die wohl versuchen soll, ein wenig Ordnung in das schmutzige Chaos zu bringen, manchmal hindert sie aber das Publikum daran, alles zu verstehen. Molière hätte dieses unkoordinierte und laute Treiben im Quadrat wahrscheinlich sogar recht witzig gefunden.

Mit Andreas Gryphius’ Hölle: Mord! Zeter! Jammer! Angst! Kreutz! Marter! Würme! Plagen! Pech! Folter! Henker! Flamm! Stanck! Geister! Kälte! Zagen  geht es los und hört es auch auf! Traurig und deprimiert verlässt er – gehend und nicht im Rollstuhl – sein gefliestes Höllen-Gefängnis von Enttäuschung, Schmerz und eingebildeter Krankheit.

Peter Moltzen ist ein intensiver, spuckender, hustender und keuchender Argan, der sich in seinem Schmutz und in seinen Krankheiten mit viel grimmiger Freude auf seinem Rollstuhlthron und in seinen dreckigen Windeln suhlt. Was ihm genau fehlt weiß er nicht und will er auch nicht wissen. Er sieht immer schlecht aus, hat aber ansonsten durchaus Appetit auf Gebackenes und Gebratenes. Regine Zimmermann ist die freche Hausdienerin Toinette und spielt ihm sehr überzeugend auch einen zufällig vorbeikommenden Rotkreuz-Arzt vor, um ihm endlich die Augen zu öffnen. Jule Böwe ist die berechnende Ehefrau Béline, die Töchter sind Iris Becher und Alina Stiegler, die eine im Reifrock mit Cowboystiefeln, die andere auf Rollschuhen. Felix Römer spielt einen ausgesprochen dämlichen Cléante aber noch doofer ist der Arztsohn Thomas (Renato Schuch). Ulrich Hoppe ist der abgefeimt-schäbige und einschmeichelnde-heuchlerische Arzt Diafoirus. Argans toter und einarmiger Bruder (Kay Bartholomäus Schulze) verblutet praktisch vor den Augen des Publikums, obwohl er als Toter eigentlich eh schon blutleer sein sollte. Allesamt sehen sie zum Erschrecken aus und wenn alle Gruselbrüder einmal auf der Bühne sind, können durchaus Alpträume hervorgerufen werden.

Molière hat sich ja am Ende seines Lebens fast nur noch  mit leichtem Theater befasst und dazu gehörten  und vor allem Ballettkomödien zu Lullys Musik. Deshalb geht dem Theaterstück normalerweise eine lange Tanzszene voraus. Uraufgeführt wurde dieses letzte Werk von Molière 1673 in Paris mit ihm höchstpersönlich in der Hauptrolle; er starb bei der vierten Vorstellung auf der Bühne.

Olaf Altmann hat das Bühnenbild entwickelt, Michaela Barth die Kostüme entworfen und Michael Thalheimer die Regie. Der Eingebildete Kranke ist schon sein zweiter Molièrean der Schauühne  nach Tartuffe 2013. Dieser Kranke war auf 100 Minuten gekürzt in der Übersetzung von Hans Weigel – mehr hat man dann auch nicht gebraucht!

Aber trotzdem durchaus sehenswert!

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Christa Blenk

 

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George Condo. Confrontation

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Ausstellungsplakat am Museum Berggrün

 

George Condo. Confrontation

Wie ein Picasso oder ein Matisse oder doch lieber Mickey Mouse?

Das Museum Berggrün präsentiert sich zurzeit ein wenig anders als gewohnt. Zwischen all die Meisterwerke der Moderne, die der Sammler Heinz Berggrün (1914-2007) in seinem langen Leben zusammentragen konnte, hat sich nun ein bei uns relativ unbekannter Künstler, der Amerikaner George Condo (*1957), eingeschlichen.

Es ist das erste Mal, dass im Museum Berggrün ein zeitgenössischer Künstler ausgestellt wird, wobei Condo nur deshalb zeitgenössisch genannt wird, weil er zurzeit arbeitet. Seine Arbeiten sind ansonsten dem Neo-Expressionismus zuzurechnen, sie sind manchmal von der Pop Art dominiert, dann wieder zeigen sie Comic Aspekte. George Condo ist der Meinung, dass in der Kunst alles gesagt und gemalt wurde und man nichts mehr erfinden kann oder muss – aber dass alles neu interpretiert werden darf und soll. Nun ja, das ist seine Meinung. Jetzt hängt er zwischen all den Größen der Moderne und man fragt sich, ob er dessen würdig ist und ob er sich damit einen Gefallen tut.

An Ego scheint es ihm jedoch nicht zu fehlen, in einem Saal stehen zwei in 2016 für die Ausstellung entstandene Bronze Skulpturen Nude on Wine Crates 1 und 2, im Hintergrund ein Bild auf dem Condo steht das den Titel The Great Schizoid (1984) trägt. Rechts oben, erhöht, zart und elegant, Giacomettis Katze. Hiermit konfrontiert er sich auch mit sicher selber!

The Return of Madame Cezanne (2002). Cezanne hat sein bekanntes Portrait 1895 gemalt, Es ist Hortense Fiquet, Ehefrau und Modell. Cezanne hat schon kubistische Bilder gemalt, da war der Kubismus noch gar nicht erfunden. Er suchte eine neue Ästhetik in dem er die Natur durch Kugel, Kegel und Zylinder beobachten wollte, was seinen Werken dieses für ihn so typisch Geometrische gibt. Condo hat seine Madame Cezanne nicht nur mit Cezanne sondern auch mit Picasso konfrontiert, in dem er ihr eine Picasso-Frisur verabreicht!

Weiter auf unserem gewöhnungsbedürftigen aber doch lustigen Spaziergang kommen wir zu Matisse. 1940 fing dieser mit seinen Scherenschnitten an (Découpages), Arbeiten aus koloriertem Papier, die er wieder zu abstrakten Formationen zusammenfügte. Condo zitiert ihn hier mit seiner Arbeit aus 1989 Telepoche Cut-Out und es braucht nur eine Sekunde, um es als Matisse-Hommage zu erkennen. Condo, der in den 80er Jahren in Paris lebte, referiert hier über die Fernsehzeitschrift Télépoche und natürlich über die US Pop Künstler sowie Andy Warhol. 

Anschließend werden die Besucher mit einer Klee-Inflation und mit Condo konfrontiert. Paul Klee hat viele sehr schöne und aussagekräftige Bilder gemalt aber auch viele, die langweilig oder nichtssagend sind, wahrscheinlich hat er einfach zu viel gemalt. Die meisten sind sehr kleinformatig und verlangen eine große physische Annäherung, die immer gleich den Alarm auslöst und deshalb nicht stattfinden kann. Hier fühlt Condo sich groß. Während er bei den Matisse oder Cezanne Geenüberstellungen oft schüchtern dazwischen hängt, dominiert er die Klee-Säle durch großformatige Arbeiten. Ein Klee-Lieblingsmotiv ist der Vogel. Für Klee symbolisierten Vögel und Fische die Annäherung an Kosmos und Unendlichkeit. Condo hat hier aus dem Vollen geschöpft. Fantasy Bird (1989) ist ein Riesenvogel und klatscht die anderen Klees an die Wand. Paul Klees versteckte gerne Buchstaben in seinen Bildern, die den Titel des Bildes beschreiben sollten. Condo macht seinen Namen zum Bildhauptgegenstand, wie man im ersten Giacometti-Saal sehen konnte.

Bis hierher war es ganz ok. Was aber gar nicht geht, ist das Zusammenleben mit Picasso und zwar mit den Picasso Werken aus seiner Glanzzeit von Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Picasso und die Blaue oder Rosa Periode, seine Frauenportraits von Dora, der Beginn des Kubismus oder seine Auseinandersetzung mit dem Theater. Neben Picasso wirkt er nur noch tollpatschig, was er ja will. Und das haben sicher viele von Picasso vor 100 Jahren auch gesagt oder gedacht. Picasso ist 1973 verstorben; Condo, der 1979 vom Hinterland nach New York zog, hat im MoMA seine erste Picasso Ausstellung gesehen und war sicher von der Vielfältigkeit tief beeindruckt. Er lässt in seine Werke die gesamte Kunstgeschichte eintreten. Seine Figure with Red Cape entstand 2006 und ist vor allem eine Referenz an einen anderen Spanier. Er zitiert hier den Barockmaler Velazquez, vor dem Picasso sich ebenfalls des öfteren verbeugte (ohne dies natürlich zuzugeben), gibt ihm aber die Nase eines Clowns mit einem Otto-Dix-Blick. Velazquez stand auch Pate bei George Condos Study for a Clown aus 2009.  

Jetzt kann man natürlich sagen, dass Condo genau das suchte, was Picasso 1907 wollte. Eine Erneuerung des Vorhandenen, der Figuration! 1907 gab es einen Riesenskandal als Picasso seine Demoiselles d’Avignon präsentierte und dabei für die damalige Ästhetik unschön gemalte afrikanische Masken aus dem Jeu de Paume als Gesichter malte. Es war der Beginn einer neuen Ära. Das kann man bei George Condo nicht erkennen. Er macht es sich doch leicht, alles was schon mal war zu re-interpretieren, Manches zu verplumpen, um den Betrachter zum Schmunzeln zu bringen – was bisweilen durchaus funktioniert. Eine Verbeugung vor den Meistern ist es trotzdem und deshalb sehenswert, zumal das Ausstellungskarussell in Berlin zur Zeit sich recht langsam dreht. 

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George Condo – Cardinal (1993)

 

Picasso tritt hier nicht das erste Mal mit anderen Künstlern in einen Dialog. 2008 hat der Pariser Louvre Delacroix, Velazquez und Manet Picasso gegenübergestellt und es hat prächtig funktioniert. Allerdings sind diese vier hier Genannten künstlerisch gesehen eher auf demselben Niveau.

Condo ist nur teilweise ein verspäteter Neo-Expressionist. Bei ihm fließen auch noch Pop-Tendenzen, Film, Kino oder Comic-Figuren ein. Manche Bilder könnte man sogar der Art Brut zurechnen. Ähnlich wie bei seinem Vorbild Picasso – ist die menschliche Figur der Hauptprotagonist.

In den 80er Jahren verbrachte Condo ein Jahr in Köln, welches in der Zeit der Dreh- und Angelpunkt für Kunst in Deutschland war. Seine Bilder zeigen zweifelsohne Einflüsse der Karneval-Fratzen, den er dort sicher erlebt hat. Anschließend ging er nach Paris, wo er 10 Jahre lebte und sich voll in die klassische Moderne stürzte. Auch wenn Paris in den 80er Jahren nicht mehr das Zentrum der Kunst war, die Erbstücke aus seiner Glanzzeit hängen immer noch dort und man kommt an der Moderne nicht vorbei. Ensors Karnevalsmasken oder gruselige und schonungslose Bilder von Chaim Soutine, Condo hat sie alle gesehen natürlich.

Wenn man die Ausstellung verlässt, bleibt nicht wirklich ein bleibender Eindruck von Condos Werken zurück; was bleibt ist der wunderbare Picasso Harlequin Sitting on a Red Couch, 1905 aus der rosa Periode, das hervorragende Portrait von Dora mit den grünen Fingernägeln, Mme Cézanne oder die zarte Giacometti-Katze. 

Wie hätte wohl Heinz Berggrün dazu gestanden? Er selber sagte ja von sich, den absoluten Blick gehabt zu haben! – Wir glauben ihm das, wenn wir durch seine Sammlung spazieren.

Heinz Berggrün musste 1936 wegen seiner jüdischen Abstammung Deutschland verlassen und ging in die USA. Im Krieg kam er als US Soldat nach Europa, arbeitete danach kurz bei einer Münchner Kunstzeitschrift bis er sich Ende der 40er Jahre in Paris niederließ, um bei der UNESCO zu arbeiten. In der Pariser Rue de l’Univeristé gründete er eine Galerie und damit das Standbein seiner Sammlung. Picasso, Matisse, Klee, Cezanne, Chagall oder Miró, unfassbar, was er alles zusammen getragen hat. Erst in den 90er Jahren kehrte er nach Berlin zurück und verkaufte der Stadt Berlin – als Geste der Versöhnung – diese bemerkenswerte Sammlung bestehend aus 200 Kunstwerken der klassischen Moderne.

Die meisten Arbeiten von George Condo sind aus seiner eigenen Sammlung und werden zum ersten Mal gezeigt. Die Ausstellung ist noch bis zum 12. März 2017 im Museum Berggrün zu sehen. Udo Kittelmann und Felicia Rappe haben die mutige Schau kuratiert. Der Schriftsteller Daniel Kehlmann hat übrigens eine Erzählung, inspiriert durch Condos Kunst, herausgegeben.

 

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Picasso und Condo blaue Periode; Picasso und Condo rosa Periode; Condo macht Matisse « Hands » (1997)

 

Christa Blenk

 

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Frauke Aulbert beim Artescienza Festival 2015

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Frauke Aulbert mit Geoffroy Drouin

 

Akrobatische Urlaute und Schuhe

Mit der deutschen Stimmkünstlerin Frauke Aulbert wurde am 3. Juli das Festival Artescienca 2015 eröffnet.

Diese akrobatische Stimmperformerin verfügt über vier Oktaven Stimmumfang und ist auf neue und zeitgenössische Musik spezialisiert.

Aulbert jonglierte sich durch die Musik von Aperghis, Kaul, Scelsi,  Cage und Drouin. Die von ihr ausgewählten Stücke unterstrichen die Vielseitigkeit ihrer Stimme von  lieblich-süß bis aggressiv-künstlich zur bisher unbekannten primordialen Urlauten!

Auf der Bühne nur ein Pult, eine Kiste und vier paar Schuhe. Aulbert tritt in Strass-Sandalen auf und beginnt mit Georges Aperghis (*1945) Nr. 11 from Recitations per voce sola.  Eine Hommage an Gertrude Stein surrealistische Poesie?

Schuhwechsel zu  grünen Pumps und Matthias Kauls (*1949) Komposition Silence is my voice. Die dicke Backe zeugt nicht von plötzlichen Zahnschmerzen sondern ist auf das Mikrofon im Mund zurückzuführen, welches sie im Verlauf des Stückes unter Knurren, Rumpeln, Schlucken, Rattern, Rauschen, Schnurren, Knacken, Klirren, Sprechen langsam zu einer roten Kaugummimasse im Mund verarbeitet, was sie aber nicht daran hindert, unbeschwert und unverständlich weiterzusprechen oder zu kauen. Ironisch schlägt sie den Diapason an die Schläfe, und hat ihn auch gleich wieder gefunden, den richtigen Knautschton!

Zu Saul I und II für zwei Frauenstimmen (eine davon eine Registrierung von Isabella Scelsi) von Giancinto Scelsi (1905-1988) schlüpft  sie in die roten Pumps. Das nun einsetzende Gurgeln und Quietschen, Brüllen, Zirpen oder Blätterrascheln war eine Fantasie-Reise durch das Dschungelbuch. Fantastisch!

Als nächsten kredenzte sie uns eine eigene Produktion. Für Krr improvvisazione tematica su sovratoni e suoni multifonici trägt sie grüne Schuhe mit gelben Schleifchen. Nun kommt auch endlich die geheimnisvolle Requisitenkiste zum Einsatz. Aulbert stülpt sich nach und nach Perücken, Brillen, Mützen, Kopfhörer, Taucherbrille auf den Kopf oder auf die Nase, oder einen Schnuller in den Mund, Gegenstände, die sie nach und nach elegant auf den Boden wirft. Von der Freiheitsstatue bis zu Micky Minni führt sie alle amerikanischen Symbole vor – vielleicht aber auch nicht.

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Frauke Aulbert am 3.7.2015 – Foto: Christa Blenk

John Cages (1912-1992) Sonnekus für eine Stimme evoziert eine Art Gebet, ein Lamento, theatralisch büßend und deshalb barfuß und minimalistisch vorgetragen.

Aulbert verschwindet  nun von der Bühne, um kurz darauf in schwarzen Pumps zurückzukehren. Das Hauptstück des Abends L’éloge du manque  für Stimme und life electronics vom französischen Komponisten Geoffroy Drouin (*1970) hat begonnen.  Die beiden haben diese strukturierte Improvisation gemeinsam vor zwei Monaten für das Palais de Tokyo in Paris erarbeitet und dort uraufgeführt. Die Performerin hat sich hier selber übertroffen und ihre Angst und Panik, die nur eine große Leere oder künstlerische Ohnmacht hervorrufen kann, auf das Publikum übertragen.  Es geht ganz harmlos los: Eine Sängerin bereitet sich auf ihren großen Auftritt vor. Sie ist guter Dinge und zuversichtlich, aber die  Stimme will nicht kommen. Zu sehen war für uns erstmals nur die kapriziöse Mimik und manieristische Gestik einer großen Diva. Mit einem „es wird gleich klappen-Schmunzeln“ trinkt sie einen Schluck Wasser, aber es passiert nichts. In den nun ca 15 folgenden Minuten erleben wir die Entstehung der Panik vor der Leere, vor dem Vakuum oder vor dem Unkontrollierbaren. Sie gerät über immer größer werdenden Ärger, der sie fast die schwarze Wand am Bühnenende einschlagen lässt, in eine selbstzerstörerische, dramatische und hoffnungslose Verzweiflung, die von unbeschreiblichen Kaspar-Hauser-Urlauten begleitet wird und sie schließlich  in einer Art Geburtswehen bedauernswert und hilflos wie ein Häufchen Unglück auf den Boden wirft, Wörter und Erlösung suchend. Selbstquälerisch und hilflos kommen die ersehnten Vokabeln aus einem Lautsprecher bis irgendwann die Befreiung einsetzt und ihr Mund Töne heraus lässt. Auch das Publikum atmet auf und löst sich aus seiner Fast-Schock-Starre. Rasender Applaus.

Diese Künstlerin ist unerreichbar!

Die Königin der Avantgarde von Hamburg, hat man sie genannt. Frauke Aulbert ist ein aufkommender Star und bewegt sich auf allen auch internationalen zeitgenössischen Parketten. Sie nimmt an den Darmstädter Ferienkursen teil und hat in Kiel, Santa Cruz de Tenerife und Hamburg studiert. „Obertongesang in zeitgenössischer Musik“ lautet das Thema ihrer Diplomarbeit. Sie hat den 1. Preis der Stockhausen Stiftung für die Interpretation der « Indianerlieder » bekommen, war an der Cité International des Arts in Paris und am Goethe Institut Rom.  2016 ist sie als Stipendiatin  an die Akademie Schloss Solitude nach Stuttgart eingeladen.

Goeffroy Drouin lebt in Rom und in Paris und war persönlich anwesend! Er hat u.a. am IRCAM Paris studiert und war Stipendiat der Villa Medici in Rom. Über ihn gibt es schon mehr auf diesem blog zu lesen:

Organisiert und technisch betreut – in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut Rom – hat das  CRM (Centro Ricerche Musicali) und der Filarmonica Romana.

 

Christa Blenk

 

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Arp Museum Bahnhof Rolandseck

 

arpund blick vom Museum auf den Rhein

Uns schwebten Meditationstafeln, Mandalas, Wegweiser vor. Unsere Wegweiser sollten in die Weite, in die Tiefe, in die Unendlichkeit zeigen (Hans Arp)

Hans Arp hat hier visionär den zukünftigen Standort viele seiner Werke beschrieben. Richard Meier hat das Arp-Museum  so konzipiert, dass Arps Arbeiten in Verbindung mit Meiers schlichter und klarer Architektur Besucher wie Exponate in Weite, Tiefe und Unendlichkeit versinken lassen.

An einem sonnigen Tag ist es natürlich noch viel schöner, dort hinzufahren. Richard Meier hat dieses Museum für die Sonnentage gebaut. Davon gibt es ja hier am romantischen Rhein auch recht viele. Ferienstimmung und Ausflugskultur wurden hier immer schon groß geschrieben und die deutschen Dichter und Romantiker hielten sich alle gerne am Rhein auf. Sagen und Geschichten um ihn und um das Siebengebirge gibt es ja genug.

Der Bahnhof Rolandseck war ursprünglich die Endhaltestelle oder besser gesagt das  Eisenbahnempfangsgebäude eines Privatzuges von Köln nach Remagen. 1858 entstand er, knapp 20 km von Bonn entfernt, direkt am Rhein. Einmal angekommen, konnte der verwöhnte Reisende gleich in einen Ausflugsdampfer der Köln-Düsseldorfer umsteigen, per Kutsche weiter den Rhein entlang fahren oder den Drachenfels auf der anderen Rheinseite besteigen. Manche sagen ja, dass sich der Nibelungen-Siegfried dort herumgetrieben haben soll, obwohl Drachenfels eigentlich vom Quarz-Trachyt abstammen soll, aber vielleicht gab es ja doch den Drachen. Wer weiß das schon!

In der Romantik entwickelte sich eine Europa-übergreifende kulturelle Bewegung, eine Art Grand Tour um die Siebengebirgs-Rhein-Loreley Gegend und Lord Byron erklomm 1816 den Drachenfels. Sein Gedicht Der turmgekrönte Drachenfels (1816) löste in England eine wahre Reisewut an den Rhein aus. Ein Modetrend, der von nun an die Reise zu den Stätten der Antike über einen Umweg an den Rhein vorschrieb. Damals wurde man mit Eseln auf den Drachenfels bracht und sogar 1937 sollen noch 30 Esel im Einsatz gewesen sein, erst 1883 wurde die Drachenfelsbahn eröffnet; die älteste Zahnradbahn Deutschlands. Heinrich Heine hat 1830 Die Nacht auf dem Drachenfels verbracht.

Gegenüber, also auf der Museumsseite, steht der Rolandsbogen, oder das was von ihm übrig ist. Und weil ja früher alles möglich war, gibt es hier eine Variante der französischen Rolandssage, demnach lässt der Ritter Roland, ein Vasall Karls des Großen, seine verlassene Hildegunde am Drachenfels zurück, woraufhin diese sich in das Kloster Nonnenwerth zurückzieht.

In den 60er Jahren hat der Bonner Galerist Johannes Wasmuth dieses schöne klassizistische Gebäude aus dem 19. Jahrhundert  vor dem Abriss gerettet und ihn kurzerhand in einen internationalen Kulturbahnhof umfunktioniert. Musiker, Literaten, Künstler, Bildhauer lebten und arbeiteten zum Teil dort, organisierten fortan Happenings, Theaterlesungen und Ausstellungen und machten den alten Bahnhof zum „the place to be“.

 Nach dem Tode der Antriebsmaschine Wasmuth geriet der Kulturbahnhof in eine Krise und ziemlich in Vergessenheit, bis er 2004  als Arp-Museum Bahnhof Rolandseck erneut mit einem geänderten Konzept eröffnet werden konnte. Die Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber-Art e.V. sollten gemeinsam mit dem Land Rheinland-Pfalz das Museum betreiben. So gelangte die Sammlung der Stiftung dort hin. Diese nur kurz anhaltende win-win-Situation endete allerdings in einem großen Streit und die Stiftung zog die Sammlung wieder ab, so dass das Museum nun mit Leihgaben und den Beständen des Landes Rheinland-Pfalz auskommen muss (was aber auch nicht schlecht ist, zumal ständig neue Werke erworben werden). 

 2005 wurde schließlich der Neubau des US Star-Architekten Richard Meier eingeweiht. So gut im Berg getarnt, dass man den Bau vom Parkplatz gar nicht sieht. Dort sieht man nur – wie immer – den alten (Kultur)Bahnhof. 33 Mio hat das Gesamtprojekt gekostet, die Ausstellungsfläche beträgt knapp 3000 qm, den ehemaliger Bahnhof mit eingeschlossen. Den dunklen, breiten Tunnel unter den Gleisen erhellt eine 17 m lange Skulptur von Barbara Trautmann. Kaa, gleich der Schlange im Dschungelbuch, wühlt sie sich im 19. Jahrhundert durch den Berg und kommt im 21. Jahrhundert am Ende des Tunnels wieder heraus. Dann fährt man mit einem Aufzug – mit Blick auf den Fels – nach oben und wird umhüllt von Helligkeit und sonnendurchfluteter Luft und ist hingerissen von diesem Wahnsinnsausblick. Alexander von Humboldt soll ihn als den 7. schönsten Ausblick der Welt bezeichnet haben -  und er ist ja nun wirklich viel herumgereist.

Richard Meier schaffte eine perfekte Symbiose zwischen Natur und Kunst, indem er bei der Planung  die geografischen Gegebenheiten mit einbezog. Die Verbindung dort oben von Arps Traumanatomie-Skulpturen mit Meiers klarer Geometrie ist einfach perfekt.

Im ersten Stock,  dort wo der Lift ankommt, wird man aber erstmal von großen, von der Decke herabhängenden duftenden weißen Tränen empfangen, die zu individuell gestalteten und modellierbaren Knautschsesseln führen. Hier treffen wir auf die sinnlichen und lavendeligen Rauminstallationen des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto. Mensch und Natur  vereinen sich und es entsteht eine Wohlfühlsituation wie im Wellnesscenter, wenn die Sonnenstrahlen durch Meiers Bau gleiten, wir mit der Hand im Lavendel wühlen und der Duft unsere Nase erreicht. Haux Haux heisst die Ausstellung – das kommt aus einem Indianer-Gedicht und heißt soviel wie Anfang, Ende, Harmonie und soll schlechte Gedanken und böse Geister vertreiben. Huni Kuin hat es gedichtet. Es funktioniert!

besucherin fühlt den Lavendel
Besucherin beim Lavendeltest

Bis 25. Mai haben Sie noch Zeit, es auszuprobieren.

Ernesto Neto passt gut zu Taeber-Arp.  Das Licht, die Farben, der Ausblick, die Freiheit,  Stoff und Tüll der Installation: auch Sophie Täuber-Arp befasste sich viel mit Textilien und einige ihrer Wandteppiche sind ebenfalls im Obergeschoss zu sehen. Hier steht auch der Hauptteil der Arp-Sammlung und man lernt über sein Leben und das Zusamenleben- und arbeiten mit Sophie Taeuber-Arp.

Wie schon im ersten Stock flutet auch hier  alles in Weißtönen und sogar die seltsamen Formen von Arps neuer Anatomie wirken weich und laden zum Hinsetzen ein, das darf man aber natürlich nicht.

Bei so viel Licht verliert man jegliches Raumgefühl. Die individuelle Platzierung der Arbeiten entweder innen oder auf verschiedenen kleinen Terrassen katapultiert uns in einen – gefühlten – open-air-Skulpturenpark, und die Arbeiten bilden eine Verlängerung, um den Bergen auf den anderen Rheinseite näher zu kommen.

Vor genau 100 Jahren lernten sich  der Dadaist und Surrealist, Ablehner der bürgerlichen Kunst und Wegbereiter der Moderne  Hans Arp und Sophie Täuber in Zürich kennen. Arp war während des 1. Weltkrieges  dorthin geflüchtet.  Inmitten von Wirrnis und Tollheit von zwei Weltkriegen organisierten die beiden Künstler 27 Jahre lang ihr Leben um ihre Kunst und um sich selber. Das Museum hat diese Verbindung zum Themenjahr 2015 erklärt Zweiklang“ Rendez-vous des amis: Sophie Täuber – Hans Arp. In dieser eigens dafür geschaffenen Zusammenstellung wird das Werk der Malerin und Textilgestalterin Taeuber immer wieder  den seltsamen Gebilden von Arp gegenübergestellt. Fotos und viel Text begleiten und vertiefen. Erst durch Sophies tragischen Unfalltod wird diese enge Verbindung getrennt und Arp stürzt in eine große Depression.

Außer Ernesto Netos  Rauminstallationen im ersten Stock findet im ehemaligen Bahnhof, also vor dem Tunnel,  eine Ausstellung über die französische Malerei statt. „Revolution der Bilder: Von Poussin bis Monet“ mit Leihgaben aus Dublin und Werke aus der Kunstsammlung Rau. Sie geht noch bis 6. September.

 Nicht weit weg das Skulpturenufer Remagen. Eine Idee, die im Jahre 2000 entstand in Zusammenarbeit mit der Stadt Remagen. Bis jetzt gibt es dort 13 Skulpturen u.a. auch von Arp.

Christa Blenk

auch für KULTURA EXTRA

 

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Der Göttliche – Hommage an Michelangelo – in Bonn

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Ausstellungsplakat und der Moses in Rom
 

!Dankt also dem Himmel dafür und bemüht euch nach Kräften, Michelangelo in allen Dingen nachzuahmen“ das hat Giorgio Vasari um 1550 geschrieben.

Der Göttliche – Hommage an Michelangelo ist der anspruchsvolle und vielversprechende Titel einer Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn.

Fünf Jahrhunderte Leben und Kunst unter dem Einfluss von Michelangelo (1475-1564). Seine bedeutenden Nachfolger, unter ihnen Caravaggio, Rubens, Rodin, Moore oder Cezanne, sind  zum Teil  mit wegweisenden und beachtlichen Werken in Bonn vertreten und lassen den göttlichen Meister hochleben. Genug ist es nie und die Tatsache, dass man während und nach der Ausstellung vor allem von ihm spricht, obwohl nicht ein Originalwerk des Göttlichen dort zu sehen ist, sagt ja schon alles!

Die Schau ist thematisch unterteilt, zementiert und verdeutlicht erneut, dass  die Kunstwelt sich ohne Michelangelo anders entwickelt hätte, banaler!

Durch den großen Biografen und Künstler Giorgio Vasari (1511-1574) wissen wir, dass die zerschlagene Nase und Filzhut so etwas wie sein Markenzeichen waren.  Vasari ist es zu verdanken, dass wir so viel über ihn und seine Vorgänger wissen. Michelangelo war der einzige Maler, über den Vasari geschrieben hat und ihn auch kannte.  Einmal sagte er zu ihm „Giorgio, wenn mein Geist etwas taugt, so ist es deshalb, weil ich in der feinen Luft eurer Arentiner Gegend geboren bin, wie ich auch mit der Milch meiner Amme Meissel und Hammer eingesogen habe, womit ich meine Figuren mache“. Der Vater von Michelangelo gab ihn als Kleinkind zu der Frau eines Steinmetzen, die ihn als Amme nährte. Schon als Lehrling bei Ghirlandaio übertrumpfte er in Allem seinen Lehrer. Im Garten von Lorenzo de Medici in Florenz durfte er üben und arbeiten.

Mythos Michelangelo und die Aktstatue

Dabei war sein Leben nicht immer nur vom Erfolg gekrönt und mit der zerschlagenen Nase ist er sicher nicht geboren worden. Intrigen, Probleme und Geldsorgen, hin- und hergerissen zwischen Rom und Florenz war auch sein Alltag. Michelangelo lebte in einer Zeit, der Renaissance, in der die Antike wieder sehr große Bedeutung bekam und männliche Aktstatuen, religiöse oder pagane, zum täglichen Handwerk gehörten und alle Künstler danach trachteten, den anderen zu übertreffen. Michelangelo hingegen wollte weiter, er wollte den Akt neu erfinden und wenn er jemanden übertreffen wollte, dann höchstens die Künstler der Antike.  Mit dem  David (ca. 1502) hat er die erste kolossale Aktstatue seit der Antike geschaffen. Sie wurde schon damals in Florenz auf der Piazza della Signoria aufgestellt und rief zum künstlerischen Wettstreit.  In der Ausstellung begleitet eine Skulptur von Rodin Das eherne Zeitalter (1876) seinen David sowie ein plumper und kriegsbemalter  Adonis von Lüpertz, ein klares Selbstbildnis  von ihm und damit man das auch merkt, hängt dahinter ein Foto, schön geschniegelt in Anzug und Sonntagskleidung. Prominent das Foto von Candida Höfer des David in der Accademia  und im Raum dahinter sind die Fotos von Thomas Struth zu sehen, der die Betrachter dort im  dem Jahre 2004 in den Mittelpunkt stellt und sich weniger um das zu Betrachtende kümmert. Ein schöner Torso von Fritz Wotruba ist auch unter den Exponaten.

Die Nacktheit und der Kosmos der Sixtinischen Kapelle

Michelangelo war fasziniert vom menschlichen Körper und ging in seinem Streben nach Perfektion und Studium der Muskelverläufe soweit,  Leichen zu sezieren.  Mapplethorne scheint das auch gemacht zu haben. Seine so ästhetisch-schöne Thomas-Serie  (1987) zeigt einen Mann, der in vier verschiedenen Posten in vier verschiedenen Rohren eingeschlossen ist und trotz gewaltiger Muskelkraft es nicht schafft, sich zu befreien, eventuell  bringt er die Rolle in Bewegung, aber er entkommt ihr nicht!  Genau so wenig wie Michelangelos Sklaven es nicht aus dem Marmor heraus schafften. Eine Ives Klein-Blau überpuderte Mini-Ausgabe eines Sterbenden Sklaven aus 1962 sticht ebenfalls gleich ins Auge.

Seine gemalten Aktszenen hingegen erzählen Geschichten. Die bekannteste natürlich ist das Jüngste Gericht in der Sixtinischen Kapelle. Ein „Must“ bei einem Rom-Besuch. 1508 im Auftrag von Papst Julius II hat er in vier Jahren diese  520 qm große Fläche bemalt.  Direkt nach der Eröffnung hergestellte Druckgrafiken sorgten für eine rasche Verbreitung in ganz Europa und wenn man an Adam denkt, dann ist es der von Michelangelo.  Caravaggios wunderbar sensuellen  Johannes der Täufer (1602) aus den Kapitolinischen Museen hat man dafür nach Bonn geholt. Da hört es sich wie purer Neid an, wenn Papst Hadrian die Sixtinische Kapelle mit einem türkischen Dampfbad vergleicht.

Das Moses-Thema nimmt ebenfalls einen wichtigen Platz ein. Eine meiner Lieblingsskulpturen ist der Moses (der mit den kleinen Hörnern) in der Kirche St. Pietro in Vincoli in Rom. Ursprünglich für das Grabmal eben jenes Papstes geschaffen, thront er weiß und glänzend im rechten hinteren Eck dieser Kirche und zieht den Betrachter völlig in seinen Bann.

Ein wichtiges Element der Ausstellung sind die Skulpturen der Medici Kapelle. Rodin-Zeichnungen, und ein bildschöner Henry Moore begleiten dieses Thema. Von Rodin sagt man ja, er hätte seine Modelle zu ganz unmöglichen Positionen gezwungen, ja sie hätten sogar geheult vor Anstrenung. Selbst das hat er von Michelangelo abgeschaut. Zu sehen sind Rodins  allegorischen Figuren Tag und Nacht als Zeichnung in Anlehnung an die vier Marmorskulpturen für die Medici Kapelle in Florenz.

Kämpfer, Sieger und religiöse virtuose Meisterwerke

Der Bildhauer Giambologna darf ihn hier vertreten mit Florenz triumphiert über Pisa (1565) und ein wenig weiter ein Werk vom Schweizer Symbolisten Johann Heinrich Füssli Dalila besucht Samson im Gefängnis von Gaza  (1800). Die Pietà von Annibale Caracci sowie die Strickmadonna aus 1976 dokumentieren eine religiöse Seite von Michelangelo  und hier hätte ich jetzt ein Augenzwinkern auf Pina Bauschs Cafè Müller erwartet.  Die Szene, in der ein Tänzer einem anderen in anschwellender Geschwindigkeit die weiße Schlafwandlerin auf die Arme drapiert, die dieser dann ebenfalls  immer schneller werdend wieder fallen lässt, ist direkt bei der Pietà ausgeliehen! Oder? „Si non è vero è ben trovato“ – wie man in Italien sagt.

Die Ausstellung dokumentiert mit Arbeiten von Künstlern aus fünf Jahrhunderten den ungeheuren Einfluss von Michelangelo auf die Kunst in Europa von der Renaissance bis heute. Aber das ist natürlich längst nicht genug und nur ein Versuch, ein gelungener und allemal lehrreicher allerdings. Wahrscheinlich waren auch nicht alle (notwendigen) gewünschten Bilder oder Objekte zu bekommen. Im Endeffekt können sie sich die Anwesenden von Caravaggio bis Lüpertz glücklich schätzen, mit dem „Göttlichen“ in einem Raum zu stehen oder zu hängen. Allein das macht sie ja schon groß und wahrscheinlich auch gut.

Der Besuch der Ausstellung bestätigt, was wir eh schon wussten: Michelangelo war der Modernste von Allen! Ein generöser Vorreiter und Verkünder wie man sich von Zwängen und ranzigen Vorgaben befreit.

Kuratiert haben die Ausstellung die Professoren Satzinger und Schütze, der Katalog kostet 29 Euro. Zu sehen ist sie noch bis 25. Mai. Ein umfangreiches Begleitprogramm vertieft das nun wieder erneut geweckte Interesse an  Michelangelo und seine Jünger.

Christa Blenk

 

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Deus in machina – Rom

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Licht- und Musikinstallation von Laura Bianchini und Michelangelo Lupone Anfang Januar 2015 an den Trajans Märkten
 

Ewige Theaterbühne Rom

« Die  Welt  eine Bühne » (und hier in Rom wird der Satz von Shakespeare noch ergänzt mit : “und der Papst ist der Hauptdarsteller”)

Die Ewige Stadt im Gepäck: Wie Goethe, Humboldt und andere das Italienbild der Deutschen prägten.

Arnold Esch und Roberto Zapperi haben sich gestern Abend im Rahmen der Internationalen Begegnungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung – zum ersten Mal gestern im Ausland – in der Casa di Goethe über die ewige Stadt, über deren Renaissancen und über das Phänomen eines Nachlebens der Antike, wie es dazu kam und wie man damit umgegangen ist und immer noch umgehen soll/kann oder muss, ausgetauscht.

Während der Rom-Kenner und ehemalige Direktor der DHI, Arnold Esch, über europäische Gemeinsamkeiten und Rom-Erwartungen referierte und Erfahrungen bzw. Aufzeichnungen von z.B. von Niebuhr und von Bonstetten von Anfang des 19. Jahrhunderts  und vor allem vom Historiker  Gregorovius Mitte des 19. Jahrhundert weitergab –  er zitierte z.B. aus einer Vorlesung an der Uni Göttingen über praktische Hinweise für Rom-Reisende (im 19.Jahrhundert) – widmete sich der italienische Kunsthistoriker und Dichter Roberto Zapperi hauptsächlich Goethes Italienreise und vor allem Karl Philipp Moritz’  „Reisen eines Deutschen in Italien“.

Als gemeinsamer Nenner Aller  ist auf jeden Fall, die Liebe zur Antike festzuhalten. All diese Reisenden haben sich absolut nicht für das neue Rom interessiert. Alles was Rom in der Renaissance oder im Barock errungen hat, war viel zu neu und schon deshalb uninteressant oder nicht beachtenswert. Wilhelm von Humboldt war zum Beispiel ein großer Verfechter der Erhaltung der römischen Anarchie. Hier war all  das erlaubt, ja erwünscht, was er zu Hause in Berlin auf das Heftigste verurteilt hätte.

Keine Stadt macht so hochmütig als Königsberg, keine Stadt macht so demütig als Rom“ das sagte der ostpreußische Protestant Ferdinand Gregorovius, der sich nach dem Scheitern der Revolution von 1848 ins Exil nach Rom begab und hier unter anderem die wichtigste Geschichte des mittelalterlichen Roms schrieb.

Die Welt eine Bühne. Das Leben ein Auftritt. Du kommst, siehst, gehst (ab).

Die Entdeckung für mich persönlich waren die Aufzeichnungen von Moritz. Ich habe daraufhin das Buch sofort bestellt, allein die Erzählungen von einer Hinrichtung eines 20jährigen, sehr schönen Maler-Modells (vor allem der deutschen Maler), der einen Mord begangen hatte, hörte sich wie griechisches Theater pur an. Der bedauernde Henker und der mitfühlende und eine Maske tragende Tröster! Auch oder vor allem seine juristischen Beobachtungen sind genial und wenn ich  den Unterton von Zapperi richtig interpretiert habe, dann darf man  Moritz mit Goethe – jedenfalls wenn es um die Italien-Berichte geht, ruhig  in eine Reihe stellen.

Am Tiber

Am 20. November 1787 schrieb  also Carl Philipp Moritz an Philipp Seidel:

Wer aus einer Stadt hicher kömmt, wo eine strenge Polizei beobachtet wird, dem fällt es sehr sonderbar auf, daß man hier am hellen Tage mitten in der Stadt ein Pi~stol aus dem Fenster abfeuern darf.

Von Polizei findet hier nun wirklich gar keine Idee statt; ein jeder tut auf öffentlicher Straße, was ihm beliebt; und durch Zwang und Ordnung ist man wohl nicht leicht an einem Orte weniger eingeschränkt als hier.

Die unzähligen Bettler bedienen sich denn auch insbe­sondere dieser Freiheit, die öffentlichen Straßen auf alle Weise zu ihrer Bequemlichkeit zu brauchen; welches denn freilich für die feine Welt keinen angenehmen Anblick gibt und für feine Nasen kein Weihrauch ist.

Man duldet dies aber und gewöhnt sich daran, weil man es nicht wagt, dem Armen, dem man alles genommen hat, auch noch die öffentlichen Straßen zu verweigern, die er ,sich zu seiner Behausung und zu seiner Lagerstatt wählt und also auch dasjenige hier verrichten muß, was man sonst nur in seiner Wohnung tut. „

Nur bei Kardinal Ratzinger hat es nicht funktioniert, war so etwas wie der Schlußsatz, dieser, sagte Zapperi, wird von den Römern vor allem dafür bewundert, dass er zurück getreten ist.

Moderiert hat Heinrich Detering, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Sant' Andrea della Valle Radierung: Schirin Fatemi

Christa Blenk

Fotos: Christa Blenk

 

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Die Feen – Theater Regensburg

Mcdonald, Google-Earth und Hirschkuh

Das Theater Regensburg hat das inzwischen ausgestandene und ausgepowerte Wagner-Jubiläumsjahr auf 13 Monate ausgedehnt und nun Die Feen, Wagners erste « vollendete » Oper, aufgeführt. Eine mutige Entscheidung, wenn man bedenkt, dass diese Oper eigentlich niemand hören oder sehen will und sie als « schlechteste Oper des 19. Jahrhunderts » und als « eine Schande » bezeichnet wurde [von wem eigentlich? Anm.d.Red.]

Das Orchester versucht einen gemeinsamen Anfang zu finden, während sich die Jugendbüste Wagners – überschattet von einem goldenen umgedrehten McDonalds-M – um ihre eigne Achse dreht. Sogleich zieht Google Earth den Haupteingang auf dem Grünen Hügel so nahe heran bis es die Premierenbesucher im Visier hat und wir die Wagner-Familie, die Mitglieder des deutschen Kabinetts (aktuelle und ehemalige), Rudolf Mooshammer und sonstige Menschen, die sich in langen Kleidern und mit sichtlicher Vorfreude aufs Ereignishafte tummeln, identifizieren können. Blechfanfaren rufen zum Einzug der Gäste.

Prinz Arindal/Wagner (Charles Kim) – denn wir lernen im Verlauf der Abends, dass Inszenierer Uwe Schwarz ihm diese Doppelrolle zugedacht hat – darf mit seinen Feen aber nicht hinein und klopft vergebens an die Tür, die vor seiner Nase (zweimal) zugeknallt wird.

Königssohn Arindal ist in die Fee Ada (Michaela Schneider) verliebt und darf sie nur unter der einzigen Bedingung, sie acht lange Jahre nicht nach ihrer Identität zu befragen, heiraten und so ins Feenland geleiten. Diese doch erträgliche Auflage – immerhin hätte Psycho ihren Amor nie ansehen dürfen – scheint ihm allerdings zu umständlich, deshalb stellt er kurz vor Ablauf der Frist die verbotene Frage und – aus der Traum. Interessanterweise ist es hier der Mann, der die Neugier nicht bezwingen kann. Symbolisch trägt er im Verlauf des Abends dann eine Stofftier-Hirschkuh herum, die dann von Ada prompt erwürgt wird.

Die Bühne (Ausstattung von Dorit Lievenbrück) dreht sich, und man verlässt das Feenland stellvertretend für Bayreuth. Arindal-Wagner sitzt am Klavier, um sein Schicksal zu beweinen und kompensiert mit Noten seine Pein. Dreht es sich um die Feen, die vielleicht doch noch nicht ganz fertig sind, oder ist die Musik eventuel verbesserungsfähig? Im ersten Akt hört man zauberflötenhaften Mozart und Lohengrin‘sches Frageverbot heraus, Trios, Quartette und der Auftritt von Harald erinnern an den Comendatore aus Don Giovanni.

Auf Drängen seiner Freunde macht sich Arindal auf den Weg nach Hause, um nach dem Tod seines Vaters sein Land zu retten, das im Moment nur durch seine Schwester Lore (Viktorija Kaminskaite) verteidigt wird.

Auch Ada verliert ihren Vater und erscheint ihm im Traum. Beim Erwachen nimmt sie ihm den verhängnisvollen Schwur ab, den er natürlich später auch in den Sand setzt und das Vertrauen verliert, als sie eine Wunderkerze in den Kinderwagen wirft und sie – so wie es scheint – tötet.

Im zweiten Akt herrscht Krieg, und Lore macht den Kriegern Mut. Sie ist eine echte « Marianne », lässt Waffen und Fahnen verteilen bis Arindal endlich erscheint, sich aber als Waschlappen entpuppt.

Als dann Harald (Seymur Karimov) auch noch erzählt, dass Ada seine Leute verraten hätte, verliert er das Vertrauen und stürzt sich in den Wahnsinn. Der zweite Akt ist Wagner pur und wohl der interessanteste. Fließende Übergänge und unendliche Melodien sowie Erinnerungsmotive lassen den späteren Wagner eindeutig erkennen. Ada läuft zur Hochform auf und singt die schwierigen Rollen mit Bravour!

Der gekürzte dritte Akt ist musikalisch und auch sonst ziemlich chaotisch. Der Vorhang hebt sich, und nun kommt Uwe Schwarz’ dezente Nazi-Referenz anhand von Lederhosen tragenden Hitler-Jugendlichen und Schwarzwaldmädeln ans Tageslicht.

Es ist Frieden, und außer dem Wahnsinn von Arindal und der Versteinerung von Ada ist die Welt wieder in Ordnung. Lora und Morald (Adam Krużel) regieren. Arindal-Wagner-Siegfried kämpft um Ada und komponiert das entscheidende Lied, das dann wie ein Schubert-Ständchen mit einer Harfe vorgetragen wird. Im Hintergrund kämpfen zwei als Walküren verkleidete Feen miteinander.

Uwe Schwarz hebt ständig die Parallelen zwischen Arindal und Wagner hervor. Arindal trägt den Wagner-Wams und das Wagner-Käppie. Verlust – Krieg – Intrigen – Vertrauen – Frauenprobleme – Unsterblichkeit (künstlerische)… eigentlich geht es nur darum. Mythologie und Wirklichkeit prallen aufeinander.

Zum Schluss stehen sie alle wieder vereint und bereit zum Familienfoto vor dem Bayreuther Haupteingang. Wagner mit der Partitur der Feen in der Hand, Zemina-Katharina, Wolfgang, Lore-Winnifred. Unsterblich Arindal-Wagner und Ada – das umgedrehte M von McDonald kehrt zurück!

Auch bei diesem Erstlingswerk hat Wagner schon enorm hohe Ansprüche an die Sänger gestellt. Arindal ist ein Heldentenor, und Charles Kim hat sich gut geschlagen; vielleicht war er am Ende ein wenig müde. Michaela Schneider hingegen ist immer besser geworden. Bei « Aus meinen Banden mich befreien » hat das Publikum mitten in die Aufführung hinein applaudiert. Hehr, strahlend und schön ihre dramatische mühelose Stimme. Sie war eindeutig der Star des Abends. Viktorija Kaminskaite war eine verlässliche und beeindruckend Lore. Das Orchester unter Leitung von Arne Willimcuzik wirkte eher zurückhaltend und hat den Sängern also den Vortritt gelassen.

Uwe Schwarz berichtet vom Erfolg der Vereinbarkeit verschiedener Welten und hat Arindal-Wagner so lange nebeneinander gestellt, bis wir am Ende sagten « der Wagner hat wirklich gut gesungen »… Der Chor (Einstudierung: Alistair Lilley) war hervorragend!

* * *

Viel Applaus im vollen Theater und erfreute und glückliche Gesichter der Besucher beim Verlassen des Hauses. Ich denke, wenn diese romantische Oper ein Anderer geschrieben hätte, würde sie sicher öfter aufgeführt…

Christa Blenk

regensburgRegensburg im Schnee (Feen) Tempel

auf KULUTRA EXTRA : mehr:  → DIE FEEN

Fotos: christa Blenk

 

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« Impressionen »-Highlights in 2013

Favoriten – Ausstellungen – Konzerte – Lesungen und Entdeckungen!

Hier also ein kunst-musikalisches Pot-Pourri! Hinter jedem Foto liegt der Text bzw. im Begleittext sind verweisende links eingebaut.

Blicke  auf Rom, vom Big Bamboo,  ins Mittelmeer (Ravello), von den Wolken (Cerro), auf den Atlantik (Gois), auf die Antike (Montemartini)

bigbamboo3P1120803Ravello 028nubeP1110863P1090926

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Der große Maestro Hans-Werner Henze ist am 27. Oktober 2012 in Dresden verstorben. Dort hielt er sich gerade auf, um bei der Aufführung von „Wir erreichen den Fluss“ dabei zu sein. Sein letztes Werk „Ouvertüre zu einem Theater“ wurde am 20.10.2012 in Berlin uraufgeführt! Pappano hat diese kleine Komposition dem Publikum  im Auditorium vor kurzem vor der Aufführung der  „Petite Messe“ seines Requieums im Auditorium in Rom am 10. März 2013 geschenkt.

Auch Geburtstag feierte Benjamin Britten mit Curlew River und in Florenz mit der Schändung der Lukrezia. Und natürlich Verdi und Wagner. Eine große Cellistin und Expertin für Zeitgenössische Musik ist Ulrike Brand.

Auditorium 007 Henze Requien im AuditoriumVersione italiana

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Projektkünstler Hannsjörg Voth hat in der Wüste von Marokko (Marha Ebene) drei faszinierende Großwerke in 20 Jahren errichtet. (Text Portrait Christa Blenk). Der Katalogtext von Emanuel Borja existiert in 5 Spachen.

Pace Barón ist ein landart-Künstler der anderen Art. Ein weiterer « hors série » Künstler war Marcel Duchamps – seine ready mades sind immer noch in der GNAM zu bewundern.

voth  Hannsjörg Voth und drei Projekte in der Marha Ebenetexte francaisversion españolaEnglish version of text –   Versione italiana

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QNG ist keine Abkürzung einer neuen internationalen Organisation oder ein Tippfehler, sondern steht für « Quartet New Generation » und so originell wie ihr Titel ist auch ihre Musik. Heide Schwarz, Susanne Fröhlich, Petra Wurz und Inga Klaucke kamen auf Einladung des Goethe Instituts nach Italien und nach einem Auftritt in Palermo und Neapel, standen sie am Samstag Abend in Rom in der Via Savoia auf der Bühne. Auch mit Flöte befasste sich ein Happening im Auditorium.

Flöte 006QNG Flötenkonzert – Phantasie und Symmetrie

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You can’t, you won’t, you don’t stop. Immer höher! Vor diesem Kunstwerk steht kein « bitte nicht anfassen »-Schild! Im Gegenteil: man soll dieses leicht transparente Geflecht sogar berühren und wenn man sich traut, darf man das hohe kolossale Monster – nach Unterschrift eines Haftungsausschlusses – sogar erklimmen. Wir haben den Berg, trotz Anfangszweifel, bis ganz oben bezwungen! Im MACRO wirden außerdem jedes Jahr der « Artist of the Year » der Deutschen Bank präsentiert. Um nicht mehr entkommen können geht es auch bei Blaubarts Burg.

bigbamboo2 025Big Bambou im MACRO Testaccio

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Die US-schweizerische Installationskünstlerin June Papineau, verbringt seit 2004 viel Zeit mit ihren Bäumen im Etournel. Umgeben von Elfen und Baumgeistern arbeitet sie an ihren « tree skins » bis sie abtransportiert und ausgestellt werden. Der nächste – great goyesco – wir 2014 in Lausanne zu sehen sein. Ein Besuch mit ihr in diesem Moor-Biotop war ein Abenteuer der ganz besonderen Art. Und Paola Romoli befasst sich mit den Mägen der großen Meeresbewohner.

Auch mit einer Nase hat sich Schostakowitsch beschäftigt. Seine Oper wurde in Rom – Regie Peter Stein – aufgeführt. Eine weitere starke Amerikanerin war Louise Nevelson.

etournel 043 Great Goyesco – Zwischen Moorgeistern und Laubfrauen

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Helena Aikin ist fasziniert von Labyrinthen und ihren Geschichten und baut sie in verschiedenen Größen und Plätzen der Welt nach. Eines ihrer Werke ist im Kunst- und Naturpark Cerro Gallinero in der Nähe von Avila in Spanien zu begehen.

evora1Walkable Labyrinths

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Faszinierende Ausstellung der Werke von Pierre Soulages in der Villa Medici in Rom. Die französische Akademie organisiert ausserdem Konzerte meistens mit zeitgenössischer Musik wie dieses Portrait des XXI Jahrhundets z.B. Das Romaeuropa Festival hat auch in der Villa Medici stattgefunden. Ein Abend für Stockhausen.

Theatermässig war das Festival ebenfalls sehr aktiv u.a.mit den Wohlgesinnten, Hedda und dem Kulturquizz  The power of theatrical madness. Mit Theater befasst sich auch Isabelle Huchet

Soulages2 002Soulages in der Villa Medici

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Der italienische Tenor Marcello Nardis singt die Wesendonck Lieder in Ravello und verzaubert in Klingsors Garten das Publikum – am Klavier wunderbar Laura de Fusco.Vor kurzem hat er hier in Rom die « Winterreise » vorgetragen. Hier gibt es mehr Infos über Marcello Nardis.

Pina Bausch in Neapel rundete die Ravello Reise ab.

Ravello 067 Marcello Nardis a Ravello

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Eugen Ruge schreibt ein Buch über Cabo de Gata und hat damit alte Erinnerungen geweckt. César Borja hat zum Cabo auch eine besondere Beziehung. Eine andere Lieblingsecke von mir ist am Atlantik – der Gois und dort gibt es eine Besonderheit: die Barrieren in der Vendée.

SAN2 Cabo de Gata -  Buchbesprechung Eugen Ruge

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Tizian ist der Größte, die Ausstellung in den Scuderien del Quirinale in Rom hat das wieder einmal gezeigt. Samson und Dalila hat er auch einmal gemalt. Aber hier geht es um Musik.

Zur Zeit zeigen die Scuderien die Ausstellung über Augustus und Cleopatra. Dazu passt dann ein Besuch beim Centrale Montemartini.

Tizian in den Scuderien – Großausstellung in Rom

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Sibylle Lewitscharoff las in der Casa di Goethe aus ihrem Buch « Blumenberg » vor und alle wünschten sich anschließend auch einen Löwen! Sie ist 2013 Stipendiatin der Villa Massimo – die Musikstipendiaten dieses Jahr waren ebenfalls sehr aktiv und Casa di Goethe hat nun eine Reihe mit Dichterlesungen begonnen. Giuliana Morandini lebt zwar nicht über Berlin – schreibt aber am liebsten über Mitteleuropa. Und die wunderbaren Holzskulpturen sind Werke von Emanuel Borja.

borjaprimordial 011Blumenberg – Lesung Casa Goethe

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The Cast im MAXXI. Clemens von Wedemeyer befasst sich mit dem italienischen Kino und entführt uns ins besetzte Teatro Valle und nach EUR. Dort hat schon des öfteren Tiziana Morganti ausgestellt. Von Wedemeyer  ist dieses Jahr ebenfalls Stipendiat der Villa Massimo. Ebenfalls im MAXXI die Ego-Reise Stigmata.

P1120848The Cast im MAXXIversione italiana

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Der russische Pianist Mikhail Rudy hat in der Aula Magna die  Originalversion von 1928  für Piano und synchronisierter Videoinstallation vorgetragen. Ein akkustisches und visuelles Erlebnis. Das Programm der Aula Magna ist aber auch sonst immer aufregend und speziell, so gab es eine Reise mit Steve Reich, ein  Konzert zu Ehren Luciano Berio und Paul Angus mit Zauberei und Mythos.

Kandinsky Musorgsky con pianoforteInspirationen: Hartmann – Mussorgsky – Kandinsky

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Entdeckung

Spurensuche Wohin 2013 KopieDie Entdeckung in der Künstlerszene ist die Fotokünstlerin  Christa Linossi und ihre Spuren kann sie ab jetzt nicht mehr verwischen. Auch entdeckt haben wir die Sammlung Netter und natürlich die DVD der neuen Oper von Elzbieta SikoraMadame Curie!

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und als Special

Vernissage-Tiziana 075natürlich die Vernissage Tiziana Morganti im Juni

Portrait für KULTURA EXTRA

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Aber nicht nur über Veranstaltungen in Rom und Italien wurde berichtet. In Paris gibt es  eine Ausstellung über Poliakoff, über den flämischen Maler Jordanes und über die wunderbare Ausstellung Renaissance und der Traum.

In München wurde die Neue Pinakothek wieder eröffnet,

Paris 1900 André Boudreaux

Ende der Highlights

Vielen Dank an Brigitte Mayer, Jean Noel Pettit, Irmi und Dan Feldman, sie haben an den verschiedenen Übersetzungen gearbeitet.

Kommentare über Ihre persönlichen Highlights sind herzlich willkommen!

Christa Blenk

QNG – Phantasie und Symmetrie

QNG ist keine Abkürzung einer neuen internationalen Organisation oder ein Tippfehler, sondern steht für « Quartet New Generation » und so originell wie ihr Titel ist auch ihre Musik. Heide Schwarz, Susanne Fröhlich, Petra Wurz und Inga Klaucke kamen auf Einladung des Goethe Instituts nach Italien und nach einem Auftritt in Palermo und Neapel, standen sie am Samstag Abend in Rom in der Via Savoia auf der Bühne.

QNG - Phantasie und Symmetrie dans Musique flote-006-150x150kentridge-017-150x150 dans Musique

Als erstes Stück spielten sie ein « Beata viscera » – anonym. Vielleicht aus der Zeit in der die Blockflöte erfunden wurde. Musik für den Hof der  Katholischen Könige – sephardisch-spanisch mit arabischem Hintergrund. Von hier wurden wir direkt ins Jahr 2000 gebeamt zu  einer Toccata von Fulvio Caldini (*1959)   »Clockwork ». Zeitgenössisch-obsessiv, jazzig mit folkloristisch-andischem Einfluss. Sehr elegant, wie die beiden Stücke miteinander verbunden wurden.

Im Anschluss wurde  die Fuge VI (c-Moll) von Georg Friedrich Händel,  einem kurzen genialen Werk von Mary Ellen Childs (*1957) « Parterre » und einem ganz wunderbaren und sehr amüsanten Stück  von György Ligeti (1923-2006) « Sechs Bagatellen » gegenübergestellt, um gleich darauf von einer sehr stark umgearbeiteten Fuge von Schostakowitsch (Fuge Nr. 1 in C-Dur) abgelöst zu werden. Hier hat man sogar eine Orgel gehört! Das ging alles so schnell, dass sich das 17. und 20. Jahrhundert erst nach ein paar Tönen herauskristallisierte.

Jetzt zum  highlight des Abends, « Airlines » von Woiciech Blecharz (*1981) – eine Komposition, die der junge Flötenspieler und Komponist eigens für QNG geschaffen hat. Partitur im herkömmlichen Sinne gab es keine, die Musikerinnen bekamen Videos von ihm zugeschickt, in denen er ihnen erklärte, wie das Stück zu spielen sei. Es war umwerfend! Große Flöten, kleine Flöten, kubistische Flöten, halbe Flöten, Viertelflöten, umgedrehte Flöten, Trompetenflöten. Es wurde in die Flöte gesprochen, gepustet, auf sie geklopft, neben der Flöte gesprochen, gesungen, ein Gedicht vorgetragen « empty spaces / around me / open sky / like a cure / always helps me / silence / she » und das alles in einem rasanten Flötenwechsel. Die Vier haben in den knapp 9 Minuten ca. 15 x (jede) die Flöte gewechselt oder die Position der Flöte vertauscht. Aufregend und spannend.  Das Stück heißt nicht umsonst « Airlines ». Es gab die Ansage vor dem Start, das Rollen auf die Startbahn, den Start, den Flug, Turbulenzen (leichte und heftigere), wahrscheinlich einen kurzen Maschinenausfall, Durchsage des Kapitäns (war es das Gedicht?), Beruhigung, einen Blitzschlag, Regen, Landeanflug und glückliche Landung. Hier waren all die Geräusch-, Klang- und Bildwelten vorhanden, die uns am Beginn des Konzertes versprochen worden waren. Die Spielerinnen haben sich köstlich amüsiert – und das Publikum noch mehr!. Die Zeit verging wie im Flug!

hier aus Auszug « Airlines »

Zum « Runterkommen » und zur Belohnung, wie Susie Fröhlich es ausdrückte, gab es noch etwas vom Großmeister der Fuge – und der Flöte: Johann Sebastian Bach « Concerto und Fuge in C Dur ».  So haben sie uns zum Schluss nochmals gezeigt, dass ihre Zauberflöten auch normale Töne hervorbringen können.

Das Konzert stand unter dem Motto: Phantasie und Symmetrie: Die Fuge – sie eignet sich perfekt für so ein Experiment. Sie ist kurz und prägnant, variabel, ausbaufähig und kennt keine Grenzen, sie kann immer wieder neu erfunden werden, bleibt beständig und ist nie langweilig.

Gravados-Madrid-013-150x150 artist: Cesar Borja

Ein Springen, nicht nur zwischen den Jahrhunderten sondern auch zwischen den Klängen. Jede Flöte bringt andere Töne hervor und hat ihre Eigenheiten. Bewundernswert, wie sie diesen Spagat und das Jonglieren zustande gebracht haben. Die harmonischen Dissonanzen, die manchmal entstehen, wenn verschiedene Blockflöten zusammen spielen, haben zeitweise ein 5. Instrument dazu geholt.

QNG widmet sich vor allem der Neuen Musik und in den letzten zehn Jahren sind über 30 Werke für das Quartett geschrieben worden. Berührungsängste haben die Vier  auch nicht. Weder bei den ca. 50 verschiedenen Blockflöten die zum Einsatz kommen und zum Teil größer und schwerer als sie selber sind, noch bei der Musikwahl. Zu ihrem Repertoire zählen so gut wie alle Komponisten die für Flöte (oder auch nicht) etwas geschrieben haben. Musik aus der Renaissance, Bach, Händel, Ligeti, Schostakowitsch und die ganze Neuen wie Blecharz oder Fulvio Caldini.  Sie vermischen – technisch brilliant – Altes mit Neuem und Orient mit Occident und schaffen eine ganz ungewohnte und aufregende Musik-Hör-Kultur.

Als Zugabe  gab es dann noch einen Tango und man hat gemerkt, wie gern sie den auch noch getanzt hätten!  Bravi!

Auszug aus Thomas Mann « Doktor Faustus »: « …. Mit Ausnahme des Klaviers, das Adrians Pflegevater der Spezialindustrie überließ, war dort alles ausgebreitet, was da klingt und singt, was näselt, schmettert, brummt, rasselt und dröhnt …….. Sie alle, in Sammet ruhend, boten sich an in Oheim Leverkühns Fundus, dazu die Querflöte in verschiedenen Systemen und verschiedener Ausführung, aus Buchsbaum-, Grenadill- oder Ebenholz, mit elfenbeinernen Kopfstücken oder ganz aus Silber gebaut, nebst ihrer schrillen Verwandten, der Piccolo-Flöte, die im Orchester-Tutti durchdringend die Höhe zu halten und im Irrlichter-Reigen, im Feuerzauber zu tanzen weißt….. »

Christa Blenk

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Dmitri Schostakowitsch – Die Nase – HOC

Dmitri Schostakowitsch - Die Nase - HOC dans Musique gi-150x150 artista: Gilles Ghez

Die « Nase » in einer Inszenierung von Peter Stein am Teatro dell’Opera di Roma. Witzig, verrückt, genial  und farbenfroh konstruktivistisch.

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch (1906-1975) hat 6 Opern geschrieben. Eine davon ist « Die Nase » (1926) nach einer surrealistischen  Novelle von « Gogol », der diese 90 Jahre (1836) vorher geschrieben hatte. « NOS » (Nase) heisst umgekehrt « SON » (Traum).  Es ist eine Satire aus der Beamtenwelt über die Absurditäten und die Inkompetenz des Verwaltungsapparates in der Zeit von Zar Nikolaus II. Fast 100 Jahre später  beunruhigte das Stück aber immer noch die Behörden. Erst 1974 tauchte « die Nase » dann wieder auf und wurde in Moskau aufgeführt. In Rom stand die Oper  zum letzten Mal 1967 auf dem Programm.

In den post-revolutionären Jahren wurden in Leningrad Komponisten wie Strauss, Berg, Hindemith, Milhaud oder Krenek aufgeführt. Schostakowitsch kannte also  die sog. expressionistische Musik und setzte sich mit ihr und  allen anderen  Bewegungen des beginnenden 20. Jahrhunderts,  Surrelismus, Dadaismus, Symbolismus, Futurismus, Modernismus und atonaler Musik auseinander. In der « Nase » kämpfen Melodie und Konvention gegen Disharmonie und Erneuerung.  Schon  als junger Mann hatte er großen Erfolg in Rußland, dann ist er, der Hymnenschreiber, der geschickt Spott und Kritik in seinen Auftragswerken versteckte,  für das Regime Stalin  mit « Lady Macbeth von Mzensk »  in Ungnade gefallen. Stalin bezeichnete seine Musik als Chaos.  Prokofiew, Strawiskny und Mahler waren seine Vorbilder. Seinen ersten großen Erfolg hatte er, knapp 20-jährig, mit seiner 1. Symphonie in F-Moll.

Ende der 20er Jahre  begann er mit seiner « Nase ». Dieses chaotische, turbulente und gewitzt-freche und dadaistische Jungwerk, uraufgeführt 1930 in Leningrad, wurde allerdings nach nur 15 Aufführungen abgesetzt. So richtig geschafft hat es die Nase nie, ist  aber in den letzten Jahren fester Bestandteil im Repertoire aller großen Opernhäuser geworden. Ligety allerdings war sofort voller Bewunderung für das Werk und Gottfried Blumenstein bezeichnet die Oper als „apokalyptischen Soundtrack zum 20. Jahrhundert“. Die Aufführung in Rom ist eine Produktion des Opernhauses Zürich und wurde dort 2011 mit großem Erfolg (Peter Stein und Ingo Metzmacher waren das sog. « Dream Team ») aufgeführt. Peter Stein hat sich bei seiner recht konventionellen aber genialen Inszenierung  an die russischen Konstruktivisten, an die deutschen Expressionisten sowie an die Ästhetik der 20er Jahre (« Modern Times ») gehalten. Manche Szenen waren wie ein Gemälde von El Lissitzky oder Moholy Nagy! Besuch einer Ausstellung. Die Kostüme kamen zum einen aus der Gogol-Zeit (Biedermeier)  und waren dann wieder angelehnt an die 30er Jahre. Eine sehr gelungene  Inszenierung in 16 Bildern, der die Musik – am Pult Alejo Perez – wunderbar folgen konnte. Alle waren wir natürlich auf das erste Perkussionssolo gespannt und wurden dann auch nicht enttäuscht. Es gibt eigentlich nur eine wirkliche Hauptrolle (der Mayor war der Brasilianer Paulo Szot – er hat die Rolle auch schon an der MET gesungen), ansonsten war da noch sein Lakai (Ivan war Alexander Teliga) und ein großes Aufgebot an Sängern und Tänzern, aber eher alles kleine Rollen. Sie haben sich alle sehr gut durch das Stück gehandelt. Die Kutschenszene war ein wenig zu lang und zu langweilig.

Zur Handlung: Eines morgens beim Aufwachen ist die Nase des Petersburger Mayors Platon  Kowaljow verschwunden. Zeitgleich (das Publikum sieht zwei Bilder – dieses sollte sich dann noch ein paarmal im Laufe des Abends wiederholen) taucht sie im Brot seines Frisörs auf, der sie ganz schnell – auf Anraten seiner Frau, die nicht beschuldigt werden will –  unter großen Mühen und mit viel Nervenaufreibung schließlich in die Newa wirft. Eine sehr gelungene Szene in der der Barbier kilometerweit laufen muss, bis sich eine Gelegenheit bietet, das Corpus Delicti wegzuwerfen. Ständig kommen Leute, auch Bekannte, vorbei.  Dann geht die Suche und das Chaos los. Der Mayer ist untröstlich, eine Hand, einen Fuß, einen Zeh hätte man verlieren können, aber ohne Nase ist man Niemand! Er ist seiner Personalität beraubt worden. Der gesamte inkompetente Polizeiapparat sowie die Presse (aber ohne großes Engagement – man will ja seinen Ruf nicht verlieren, wenn man so eine absurde Geschichte veröffentlicht)  sind auf der Suche, es kommt zu vielen Mißverständnissen und witzigen Situationen, Prügeleien und Hochzeitsversprechen,  bis dann die Nase, die sich zwischendurch als hoher Staatsbeamter selbständig gemacht hat, wieder ihre normale Form annimmt und der Assessor aufwacht. Vorher hat er aber noch große Probleme, die Nase wieder an seinen richtigen Platz zu bringen. Selbst der herbeigerufene  Arzt kann es nicht und rät ihm, sie in Vodka zu konservieren.

Gogol hat mit seiner Erzählung das Absurde mit dem Täglichen verbunden, seinem Weltverständnis und dem seiner Zeit zufolge. Magie und Hexen in Verbindung mit dem Teufel bewegen uns. Mit dem Verlust seiner Nase verliert  K. seine Persönlichkeit. Ist es Traum oder Wirklichkeit. So plötzlich wie sie verschwunden war, taucht sie wieder auf und alles ist gut. Die Art und Weise  wie er der Mutter und der verschmähten Tochter eine „lange Nase“ macht zeigt, dass er nichts aus der Lektion gelernt hat.

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Am Pult glänzte der junge argentinische  Dirigent Alejo Pérez, dem das Orchester der Oper Rom perfekt bis zum Schluss folgte. Die Musik des 19./20. Jahrhunderts liegt ihm. Von 2009 bis 2012 war er musikalischer Leiter des Teatro Argentino de La Plata dem bedeutendsten Opernhaus Argentiniens nach dem Teatro Colón. Dort hat er mit großem Erfolg u.a. auch Schostakowitsch‘ Lady Macbeth von Mzensk, Bizets Carmen sowie  Wagners Tristan und Isolde und Das Rheingold dirigiert. Wagners Rienzi war  2012 in Madrid dran, dorthin hat ihn Gerard Mortier geholt. Mit Peter Eötvös’ „Lady Sarashina“  feierte er  2009 an der Opera Comique in Paris einen großen Erfolg.

Gogel oder Schostakowitsch kritisieren so ungefähr alles was man am Staat und an den Menschen  kritisieren kann. Unfähigkeit, Gleichgültigkeit, Inkompetenz, Faulheit, Bestechlichkeit, Sensationslust, Gier, Trägheit. Alle lassen sich wiederfinden.

Er war ein harter Arbeiter und hat noch 4 Tage vor seinem Tod Korrekturen an seinen Werken vorgenommen. Am 9. August 1975 ist Schostakowitsch an einem  Herzinfarkt gestorben. Sein Grab schmückte u.a. auch ein Kranz des KGB.

Christa Blenk

Teatro dell’Opera di Roma – 31.1.2013

Nachklapp: An der Garderobe und am Programmstand wurden dann Hustenbonbons verteilt (schließlich ist Hustenzeit- die Idee an sich ist ja nicht schlecht!), diese waren aber leider sehr gut – jeweils zwei  - in kleinen Tüten verpackt.  D.h. es gab dann Husten und Papierrascheln, weil die Huster die kleinen Tütchen nur mit Mühe (oder gar nicht)  aufkriegten und dieser  Zustand Nervosität beim Huster verursachte und diese wiederum weiteres Husten! 

 

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Bühne

Seite:  Hans-Werner Henze

 

Bühne opera21

Berlin

Berlin

Aktuelles in Berlin

Auszug aus dem Berliner Kunstleben und Musikleben - *** MANTEGNA und BELLINI - Gemäldegalerie bis 30.06. - Flucht in die Bilder? Brücke Museum - Bunte Steine - seit dem 22.2. im Kolbe Museum - Hamburger Bahnhof - Emil Nolde - Pergamon-Panorama Angaben ohne Gewähr!

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eborja

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