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Die Hauptstadt – Robert Menasse

Schweinelobbyisten, ein Autounfall  und ein runder Geburtstag

Der Roman reißt viele Gedanken an, die nicht alle zu Ende gedacht oder gebracht werden. Vieles versandet im Verlauf der Geschichte, das macht ihn aber wahrscheinlich nur realistischer. Feiner Humor und gut gespinnte Fäden vereinen auf der letzten Seite einige seiner Hauptprotagonisten an der Metro Station Maelbeek, gerade in dem Moment, wo das Attentat passiert, dem  im März 2016 über 30 Personen zum Opfer gefallen sind. Aber bis es soweit ist, muss noch viel passieren. Menasse lässt den Leser – auf sehr feinfühlige Art -  in das Leben eines KZ-Überlebenden eintreten und organisiert parallel dazu eine pragmatische EU-Recherche nach KZ-Überlebenden laufen.

Dann läuft ein Schwein durch Brüssel und die Presse ruft zur Namenssuche auf. Komischerweise fragt sich niemand, wie das Schwein dort hinkommt. Schweine haben aber sowie eine (Klischee)Hauptrolle in dem Werk, vor allem die, die entsorgt werden, denn dafür bekommt der Bauer Geld und dann geht es natürlich um den internationalen Schweinemarkt, um den sehr national gekämpft wird. Menasse prangert die Unsinnigkeit und Lächerlichkeit von Vorzeige- oder Prestigeprojekten an, die entstehen, hochgespielt werden, eine Menge Arbeit verursachen, um dann sang- und klanglos wieder in der Versenkung zu verschwinden. Einen seltsamen Mord dessen Aufklärung  ebenfalls unter den Tisch gekehrt wird, gibt es auch noch. Hierzu hat Menasse den übergewichtigen und nicht sehr gesunden Kommissar Brunfaut erfunden, dessen ehrgeiziger Chef doch tatsächlich Maigret heißt, und der ihn daran hindert, den Mord aufzuklären.

Ein Hauptereignis ist der 50. Geburtstag der EU Kommission, das muss natürlich groß und öffentlichkeitswirksam in allen EU Mitgliedstaaten gefeiert werden. Martin Susman ist Österreicher und hat auf einer Polen-Reise die Idee,  Auschwitz in den Mittelpunkt der Feierlichkeiten zu stellen – ein Einfall, die natürlich nur fehlschlagen kann.

Sollte daraus mal ein Film werden, dann wäre es ein Thema für die Coen Brüder. Menasse zeigt uns sehr klar, wie er zur EU steht und haut uns die Geschichte und Entstehung von Europa nur so um die Ohren. Die EU-Beamten sind  aufgeklärte, internationale Beamte, die dann aber doch wieder auf Ländertickets Karriere machen, die nicht immer nach Können oder Talent eingesetzt eingesetzt werden. Das beschreibt er zur Genüge am Beispiel der Zypriotin Fenia Xenopoulou, die eines der unwichtigsten Ressorts, nämlich Kultur, inne hat und Geltung und Ansehen sucht. Da nützt es ihr auch nichts, dass sie des Präsidenten Lieblingsbuch gelesen hat und daraus zitiert, denn vor dem Präsidenten steht sein (adeliger) italienischer Büroleiter! Dass es in Brüssel allerdings so viele EU Beamte gibt, die mit dem Fahrrad ins Hauptstadtbüro kommen, ist neu und dann wieder sehr komödiantisch beschrieben.

Gelungen die anachronistische Person des Prof. Erhart, der mit seiner gut gepflegten Schultasche nicht gegen Rollenkoffer und i-pads ankommen will und es schaffen wird, für ein paar Sekunden die Aufmerksamkeit der arroganten und blasierten „think tank“-Mitglieder zu erlangen, um dann endgültig in der Versenkung zu verschwinden. Pathos ganz zum Schluss und richtig überzeugend dann aber doch nicht!

Ende gut – alles gut, geht auch nicht. Denn wie es nach der Explosion weiter geht, steht vielleicht in der Fortsetzung, denn danach schreit das Buch.

Vielleicht hat sich Menasse mit « Die Hauptstadt » auch ein wenig an Albert Cohens „Belle du Seigneur“ inspiriert. Der Roman kam 1968 auf den Markt und beschreibt  u.a. auf über 1000 Seiten das extravagante, maßlose, rücksichtslose und oberflächliche das Leben eines belgischen Völkerbunddiplomaten, der in die protestantische Genfer Oberschicht einheiratet.

Robert Menasse bekam für seine Hauptstadt-Farce im Oktober 2017 den Deutschen Buchpreis überreicht.
cmb

 

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Zehlendorfer Hauskonzerte – Noga Quartett im Quintett

Entdeckung

Zerrissene Töne im Winter

Der gestrige Abend war dem polnischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) gewidmet. Hierzu kam das großartige Noga-Quartett ins Wohnzimmer nach Zehlendorf mit Weinbergs Klavierquintett f-Moll op. 18 im Gepäck. Am Klavier die wunderbare Pianistin und Weinberg-Expertin Katarzyna Wasiak. Im Entstehungsjahr 1944 lebte Mieczyslaw Weinberg schon in der Sowjetunion.

Das Klavierquintett besteht aus fünf Sätzen, die permanent auf der Suche sind, Chaos in Ordnung zu verwandeln, ein brillanter Schlagabtausch zwischen Klavier und Streicher.  Einmal spielt das Klavier die erste Geige, gibt aber gleich wieder den Stab ab und lässt die Streicher wüten. 

Eine Reise im Trauerflor in der kalten Jahreszeit.

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Die erklärenden Worte der Musiker zu Beginn des Konzertes – für die die gestrige Aufführung eine Premiere war und die selber noch dabei sind, zu Stück zu entdecken bzw zu verstehen  – haben dazu beigetragen, dem Stück ein wenig mehr als sonst näher zu kommen. Eine Flucht, ein unfreiwilliger Aufbruch ins Ungewisse. Dramatisch-wütende Verfolgungsszenen gleiten in melancholisch, samtige Tristesse ab, um dann gleich wieder zu  Donner- und Kanonenhall des Pianos und krampfhaftem Weinen der Geigen über zu gehen, bereit, die Zuhörer in große Emotionen zu stürzen. Immer wieder rappelt es sich auf und kommt dann plötzlich ganz tänzerisch daher, von (Trauer)Marschtakten, pastoralen Walzertönen über dumpfen Rock n’Roll des Klaviers zu einem  « irischen » Squaredance der Streicher. Im Laufschritt von hoffnungslosen Monologen hin zu  hoffnungsvollen Fragezeichen, von wolkenaufreißender, hektischer Helligkeit bis es langsam im Dunkeln aushaucht. 

Stille!

Einfach umwerfend, die Musik und die Interpretation. Jetzt bitte ein da capo, um all das zu hören, was aufgrund der großen Klangfarben- und Fülle unterging oder zu schnell verflog.

Weinberg war Sohn eines jüdischen Musikers und studierte Klavier am Warschauer Konservatorium, floh 1939 nach dem deutschen Überfall auf Polen über Minsk und Taschkent, wo er seine Studien fortsetzte. Er verlor seine komplette Familie im KZ, richtig bewusst wurde ihm das allerdings erst 30 Jahre nach dem Krieg.  Schon 1943 nahm er Kontakt zu Schostakowitsch auf, der ihn nach Moskau einlud, wo er bis zu seinem Tod bleiben sollte. Die beiden standen in permanentem Austausch über die jeweilige Musik.

In der Oper „Die Passagierin“, die als sein Hauptwerk gilt, arbeitet Weinberg das Thema Auschwitz auf. Sie wurde vor ein paar Jahren – viel zu spät – als Weltpremiere bei den Bregenzer Festspielen aufgeführt.

Weinberg hinterließ ein umfassendes Werk, das einen Bogen von Filmmusik zu Symphonien spannt und man kann schon sagen, von Bela Bartok und Schostakowitsch beeinflusst ist.

Das Noga Quartett gründete sich  2008: Simon Roturier, Lauriane Vernhes (Violine), Avishai Chameides (Viola) und Joan Bachs (Cello) gehören ihm an.  Die Musiker sind in verschiedenen großen Berliner Orchestern tätig. 2015 hat dieses ausgezeichnete Berliner Quartett übrigens die 7. Melbourne Chamber Music Competition gewonnen.

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Die polnische Pianistin Katarzyna Wasiak stammt aus einer Musikerfamilie und begann schon mit sieben Jahre ihre musikalische Ausbildung in Breslau. In Wien hat sie Musik und Darstellende Kunst studiert und setzte ihre Studium 2006 in Berlin fort (Hochschule für Musik Hans Eisler).  Sie scheint verwachsen mit ihrem Klavier zu sein und zeigt durch ihre Körpersprache eine große gleichberechtigte Auseinandersetzung mit jedem Anschlag oder Ton.

Eine Sternstunde am Berliner Konzerthimmel war dieser Abend! Bis Juli soll das Quintett noch weitere Male aufgeführt werden – und wir werden uns das nicht entgehen lassen; eine CD-Einspielung wird es auch geben.

Christa Blenk

Fotos: Am Schlachtensee (März 2018)

 

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Konzert im Großen Sendesall – Haus des Rundfunks

Konzert im Großen Sendesaal Haus des Rundfunks am 10. März 2018 mit dem Abonnentenorchester des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter Leitung von Heinz Radzischewski und der Humboldt Big Band (Leitung Armando Carillo Zanuy)

Sänger der Big Band: Kristina Svensson und Johannes Held.

Außer Verdis Ouvertüre zu „Macht des Schicksals“ und Schostakowitschs « Ballet Suite No. 1″ traute sich das Orchester an Philip Glass  Konzert für Violine, Violoncello und Orchester mit den sehr guten Solistinnen Kamila Glass (Violine) und Lesli Riva Ruppert (Violonvello).

Philip Glass gilt neben Steve Reich als der wichtigste Vertreter der Minimal Music. Vor allem die Begegnung mit Ravi Shankar hat Glass zu seinem repetitiven und hypnotischen Musikstil inspiriert. Peter Sellars sagte einmal:  „Bei Phil ist es ein bisschen wie bei einer Zugfahrt einmal quer durch Amerika: Wenn Sie aus dem Fenster sehen, scheint sich stundenlang nichts zu verändern, doch wenn Sie genau hinsehen, bemerken Sie, dass sich die Landschaft sehr wohl verändert – langsam, fast unmerklich.“ Immer wieder komponierte Philip Glass Musik fürs Kino oder Fernsehen (hervorzuheben hier der Film Koyaanisqatsi (1983) mit dem Glass’ Musik große Popularität außerhalb der Klassikgemeinde erreichte und ihn der  New-Age-Bewegung zuordnete. Glass erarbeitete einige seiner wichtigsten Projekte mit Robert Wilson (« Einstein on the Beach »). Von ihm stammt auch die Überarbeitung der  Eröffnungsmusik der Olympischen Sommerspiele 1984 in Los Angeles.

Das originelle und einzigartige Doppelkonzert für Violine, Cello und Orchester ist ein Dialog zwischen den Soloinstrumenten und dem Orchester; es entstand 2010 im Auftrag des Netherlands Dance Theater als Choreografie für Sol Léon und Paul Lightfoot.

Großzügige Zugaben mit Werken von Lecuona, Piazzola und Soundtracks von bekannten Westernserien.

 

cmb

 

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Französisches Opern Pasticcio

Les beaux jours de l’amour (die schönen Tage der Liebe)

Der französische Dirigent Raphael Pichon stellte ein Programm aus Opern von Rameau und Gluck zusammen, eine Art Pasticcio à la française mit Prolog, drei Akten und Apotheose.

Die Leistung der französischen Sopranistin Julie Fuchs ist noch bedeutender wenn man bedenkt, dass sie erst zwei Stunden vor Konzertbeginn aus Paris eintraf. Sie war kurzfristig für die erkrankte Sabine Devieilhe (für die das Programm eigens zusammen gestellt worden war) eingesprungen. Zarte  Arien, wunderbare Flöteneinsätze,  Orchesterstücke, Tambourins, Ritornelles, Chaconnes oder Rondeaus aus Jean-Philippe Rameau (1683-1764) Opern wie  “les Indes Galantes, Les Boréades, Castor et Pollux und Christoph Willibald (Ritter von) Gluck (1714-1787) Orfreo ed Euridice  strebten an diesem ungewöhnlichen Abend einem fulminanten und furiosen Finale entgegen und Julie Fuchs legte die zuerst gezeigte schüchterne Leichtigkeit gänzlich zur Seite als sie umwerfend und witzig-graziös die Arie der Folie aus Platée hinschmetterte und mit großer Komik den Dirigenten vom Pult stieß und mit Musikern und Publikum kokettierte.

Beide, Rameau, der erst mit 50 Jahren seine erste Oper komponierte, und Gluck sahen sich gefordert, den Opernstil zu reformieren als sie beide im Spätbarock in Paris agierten.

Großartiger französischer Pasticcio-Opernabend am 28.02.2018!

cristina crespo
Cristina Crespo

cmb

 

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La Serva Padrona

Das ausgezeichnete Freiburger Barockorchester zu Gast im Kammermusiksaal der Philharmonie mit einem fast ausschließlich Pergolesi gewidmeten Programm.

Von geistlicher Musik zur Opera-Buffa. 

Den Anfang machte ein kleines Ensemble mit dem Concerto armonico Nr. 5 f-Mol von Unico Wilhelm Graf van Wassenaer (1692-1766). Man hat diese kleine Preziose oft Pergolesi zuordnen wollen, der in nur 26 Lebensjahren ein großartiges Werk hinterlassen hat. Gleich darauf dann aber ein echter Pergolesi, das  Concerto B-Dur, angeführt vom Konzertmeister Gottfried von der Goltz. Zum dritten Teil vor der Pause kam die Sopranistin Sunhae Im in cremefarbener Spitze auf die Bühne und hat Pergolesis Salve Regina c-Moll eher enttäuschend vorgetragen. Viel zu unbeteiligt und kalt gesungen,  nicht die kleinste Emotion konnte entstehen und man hat sie immer nur ein wenig von der Seite gehört.

Das hat sie dann nach der Pause aber gleich wieder wett gemacht als Serpina in Pergolesis Intermezzo „la serva padrona“. Zwei Personen und eine Pantomime verzaubern 40 Minuten lang das Publikum mit Witz, Charme, Slapstick und schöner Musik. Hier geht es eigentlich nur darum, ob der patrone seine Schokolade bekommt oder nicht. Der junge Theaterregisseur und Geiger Tristan  Braun hat in diese halbszenische Aufführung die Musiker mit eingebunden, die dann auch abwechselnd eine kurze Rolle übernehmen, und trat selber als tätowierter Halbstarker und Pseudo-Bräutigam von Serpina auf. Commedia dell’Arte pur!  

Sunhae Im trägt hier nun ein freches Spitzenkleid und ist ganz Herrin ihrer Ideen und Pläne und schäkert mit Braun durch den ganzen Saal. Uberto wird von Furio Zanasi, großartiger Bariton, schnell und sicher,  gesungen und gespielt und man weiß von der ersten Minute an, dass er gegen Serpina einfach keine Chance hat und als Verlierer aus dieser Geschichte hervorgehen wird. 

Hier zu einer anderen Aufführung in Rom

Christa Blenk

 

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Herrumbre

Herrumbre ist spanisch und bedeutet « Rost »  – Rost entsteht, wenn etwas in Vergessenheit gerät, nicht mehr gepflegt oder vernachlässigt wird.

Nacho Duato hat das Ballett  Herrumbre 2004 entwickelt, in dem Jahr, in dem ein Madrider Bahnhof Schauplatz eines Terroranschlages wurde bei dem über 200 Menschen ums Leben kamen. Es ist ein Stück über Gewalt, Tortur, Schmerz, Leid und Liebe. Es könnte sich um  Guantanamo handeln oder um irgendeinen anderen Ort, an dem Grausamkeiten durch Menschen durchgeführt werden.

65 Minuten langes Fesseln, Würgen, Schleppen, Treten, Schlagen. Die Musik von Pedro Alcaldo, Sergio Caballero oder David Darling unterstreicht das Geschehene und wechselt zwischen traurigen Cello Passagen, Bellen, Rasseln, dem Zischen eines Elektroschocks oder Helicopter-Geräusche, die den Besucher irgendwo hin transportieren sollen.  Eine Geräusch-Bilderflut von Opfern, Tätern und Folter. Ein Requiem der anonymen Gruppengewalt.

Der Architekt Jaffar Chalabi arbeitet nicht zum ersten Mal mit Nacho Duato und hat hierfür eine Gitterkonstruktion erfunden, die manchmal Gefängnis und dann wieder Tatort ist.

Großartige Leistung der Tänzer bei diesem wichtigen, unerbittlichen und kompromisslosen Ballett-Klassiker. Die Gefängniswächter sind in schwarz gekleidet – mit Knieschutz – und marschieren schon auch mal im Stechschritt über die Bühne, bis sie zu der nächsten Greueltat übergehen. Die Tänzer liegen gefesselt auf dem Boden, hängen an den Gittern, versuchen auszubrechen, werden herumgestoßen, gewürgt, getreten, über den Boden geschleift und mit Elektroschock behandelt.

Die Premiere fand im August 2004 in Barcelona im Teatro del Liceu  durch die Compañía Nacional de Danza statt. 18 Monate hat Duato daran gearbeitet, um die Beweggründe und Exekution der Tortur so auf die Bühne zu bringen. 

Der Spanier Nacho Duato ist 1957 in Valencia geboren und seit 2014 der Intendant des Staatsballetts Berlin, wo es gestern Abend wieder aufgeführt wurde. Ein großer Erfolg war das Ballett  « Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere ».

Christa Blenk

 

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Die 1. Generation – Bildhauerinnen der Berliner Moderne

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Seit Mitte Februar sind im Georg Kolbe Museum Arbeiten der bedeutendsten und bekanntesten Bildhauerinnen  des beginnenden 20. Jahrhunderts zu sehen. Große Künstlerinnen wie  Käthe Kollwitz (1867-1956),  Renée Sintenis (1888-1965), Emy Roeder (1890-1971) oder Milly Steger (1881-1948) treffen auf weniger bekannte aber nicht minder interessante Frauen wie Sophie Wolff (1865-1944)  Marg Moll (1884-1977), Tina Haim-Wentscher (1887-1974), Christa Winsloe (1888-1944), Jenny Mucchi-Wiegmann (1895-1969) und Louise Stomps (1900-1988).

Der Journalist, Schriftsteller und Kritiker Franz Servaes war 1916 noch nicht bereit für diese Frauenpower und äußerte sich nicht wirklich positiv oder respektvoll über die Künstlerinnen. „Milly Steger äfft Lehmbruch nach und Margarete Moll strebt einen Scheußlichkeitsrekord an“. Einzig Käthe Kollwitz fand Gnade vor seinem Auge, ihre Arbeiten nannte er immerhin „sehr innerlich“. Bildhauerei ist halt nichts für Frauen, war damals die allgemeine Meinung einiger der männlichen Künstler, ausgeschlossen hiervon Georg Kolbe und Max Liebermann.

Erst nach dem Ersten Weltkrieg, ab 1919, hatten Frauen das Recht an staatlichen Kunstakademien zu lernen. Angehende Künstlerinnen vor dieser Zeit  mussten über finanzielle Mittel verfügen, denn sie waren auf Privatakademien angewiesen. Ein Atelier musste her und teure Grundmaterialen wie Marmor oder Bronze besorgt werden.

Im Eingangsraum des Kolbe-Museums steht die „Tänzerin“ von Milly Steger, eine luftig-kräftige Bronzeskulptur die 1921, da war Milly Steger bereits sehr bekannt. In einschlägigen Kunstlexika bestand sie neben Barlach und Lehmbruck als eine der bedeutendsten Vertreterinnen der Bildhauerei des 20. Jahrhundert. Sie war keine Berlinerin sondern kam vom Niederrhein und bekam ihren ersten Zeichenunterricht an einer Londoner Privatschule. Der Bildhauer und Lehrer Karl Janssen der Düsseldorfer Akademie entdeckte ihr Talent und gab ihr weiterführenden Privatunterricht. Milly Steger reiste zu Georg Kolbe nach Berlin und zu Rodin und Maillol nach Paris und unternahm Bildungsreisen nach Florenz. Bekannt wurde sie  durch einen Skandal, ausgelöst durch vier überlebensgroße Frauenakte an der Fassade des Hagener Theaters. Die im Kolbe Museum gezeigte „Tänzerin“ erklärt auch Stegers Freundschaft mit der Ausdruckstänzerin Mary Wigman. 

Emy Roeder wurde 1890 in Würzburg geboren und erlangte neben Milly Steger und Renée Sintenis einen hohen Bekanntheitsgrad. Ihre humanistisch-expressionistischen Arbeiten hinterließen großen Eindruck beim Publikum. Roeder ging mit ihrem Mann, dem Bildhauer Herbert Garbe, 1933 nach Rom. Er bekam dort ein Stipendium an der renommierten Villa Massimo. Den Villa-Romana-Preis 1936 bekam allerdings sie, was ihr ein Jahr Florenz-Aufenthalt bescherte, der aber erst 1944 mit ihrer Verhaftung durch die Besatzer endete, denn die Villa Romana wurde unter der Leitung von Hans Purrmann eine Art Zufluchtsort. Erst 1949 kehrte sie nach Deutschland zurück.

Die Ikone Renée Sintenis war außer Louise Stomps die einzig echte Berlinerin und ihr Berliner Bär wird noch immer jährlich auf der Berlinale verliehen. Ihre Karriere begann als Modell von Georg Kolbe 1910. Eine ihrer erfolgreichen Arbeiten, die Große Daphne (1930), ist ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Androgyn und ohne Apollo steht sie da mit angewinkelten Knien auf dem Sockel und die nach oben gerechten Arme und Hände verwandeln sich gerade in Blattwerk, wie es die Geschichte will. Eine kleinere Version davon steht heute im MoMA in New York. Immer wieder kommt ihre Tierliebe in den Arbeiten zum Ausdruck und die Skulpturen werden kleiner mit der Zeit. Ab 1922 hat der Galerist Alfred Flechtheim sie vertreten. Mit Plastiken in kleinen Auflagen, die er verkaufte, konnte sie sich sehr gut über Wasser halten. Auch sie wurde 1934 aus der Akademie der Bildenden Künstler ausgeschlossen, da ihre Großmutter Jüdin war. Renée Sintenis war 1955 eine der ersten Professorinnen an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin.

Marg Moll ist 1884 im Elsass geboren ging mit ihrem Mann nach Berlin zu Lovis Corinth und 1907 nach Paris zu Matisse. Molls Arbeiten sind vom Kubismus geprägt und wirken emotionsloser, kälter, minimaler und rufen Assoziationen mit Skulpturen von Brancusi oder Belling hervor. Ihre Arbeiten reduzieren sich oft nur noch auf Material. 1926 ging sie mit ihrem Mann nach Breslau und beide schlossen sich dem Kreis von Oskar Schlemmer oder Otto Mueller an. Dort entstand auch die Plastik „Tänzerin“, aber auch ihre Arbeiten fielen den nationalsozialistischen Säuberungsaktionen zum Opfer. Die Tänzerin tauchte übrigens 2010 beim Skulpturenfund vor dem Berliner Roten Rathaus auf.

Natürlich darf bei diesen Künstler-Frauen die bekannteste, Käthe Kollwitz, nicht fehlen. In Königsberg geboren kam sie mit ihrem Mann, dem Arzt Karl Kollwitz 1891 nach Berlin. 1898 erhielt sie einen Lehrauftrag an der Berliner Künstlerinnenschule und schon 1903 erschien ihre erste Druckgrafik. Auch Kollwitz besuchte Rodin in Paris, zusammen mit ihren Freundin und Kollegin Sophie Wolff, die als „Halbjüdin“ schon 1933 aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen wurde. Kollwitz wurde als erste Frau in die Berliner Sezession aufgenommen und 1913 in den Vorstand gewählt. Kollwitz’ Werk setzt sich vor allem mit Armut und sozialen Missständen auseinander. Ihre Arbeiten strahlen immer eine massive, sorgenvolle Dramatik aus. 1936  wurde sie als „Entartete“ aus der Akademie ausgeschlossen und starb kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Von Käthe Kollwitz kennen wir aber eher ihre Holzschnitte oder grafischen Arbeiten. Sie hat nur 19 Skulpturen gemacht aber dafür zahlreiche Denkmäler.  Die Mutter mit zwei Kindern (1926) ist in der Ausstellung zu sehen. Im Vergleich zu ihren Zeichnungen ist diese Plastik rund und obwohl sie eine beschützende Haltung einnimmt, wirkt sie weniger tragisch.

Fast gänzlich unbekannt die Jüngste unter ihnen, Louise Stomps (1900-1988). Ihre Arbeiten kündigen schon die nächste Generation an. Formreduzierte Kompaktheit lässt die Transparenz weichen, ihre Arbeiten erinnern an die ihres Zeitgenossen Henry Moore.

An neuen Portrait-Realisierungen waren sie Alle interessiert. Renée Sintenis Abbild von Joachim Ringelnatz ist grobschlächtig und expressionistisch wie ein Gemälde von Kokoschka und ihre Fingerabdrücke scheinen noch im Lehm erkennbar zu sein, ganz im  Gegensatz zu Emy Roeders „Stute und Fohlen“ oder Marg Molls Katzen, die glatt und eben mit dem Blauen Reiter kokettieren. Picasso hat Anfang des 20. Jahrhunderts afrikanische Masken in seine Kunst integriert und sie so salonfähig gemacht. Hier hat sich vor allem Sophie Wolff dafür interessiert. Ihre primordialen, afrikanischen Köpfe sind gleich im ersten Saal zu sehen oder ein wenig später Emy Roeders Bronze-Figurenpallette. 

 

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v.l.n.r.: Marg Moll, Emi Roeder, Kathe Kollwitz, Louise Stomps, Milly Steger, Saalansicht
 

Diese Künstlerinnen trugen ihre Haare kurz oder arbeiteten mit Krawatte und bildeten die erste und beginnende zweite Generation von Bildhauerinnen in Berlin, die sich bei ihren männlichen Kollegen durchaus durchsetzen konnten, Anerkennung und Respekt ernteten, von der Kunstkritik besprochen wurden und deren Arbeiten einen Preis hatten. Sie sind Alle zwischen 1870 und 1900 geboren und waren die ersten Frauen, die auch in der Öffentlichkeit Erwähnung fanden und die auch – wie viele ihrer Künstlerkollegen -  in den 1930er Jahren zu Entarteten wurden und deren Arbeiten nicht mehr gezeigt werden konnten. 

Wie eine geballte Kraft finden die zehn Künstlerinnen in den Räumen des Kolbe Museums zusammen und beschreiben die grenzenlose Freiheit und ungestüme Wildheit der Moderne in der Weimarer Republik anhand von knapp 100 Exponaten – die zum Großteil aus Privatsammlungen stammen – und die Schau, die noch bis zum 17. Juni 2018 zu sehen ist,  allein deshalb schon sehenswert macht. Einen geeigneteren Ort für diese Ausstellung gibt es in Berlin nicht.

Christa Blenk

 

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Chili und Schokolade

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Ausstellung im Botanischen Museum Berlin

Bis zum 25. Februar 2018 konnte man sich im Botanischen Museum und in den Gewächshäusern über Mexikos wichtigste Produkte und Pflanzen informieren. Dazu gehören die unterschiedlichsten Chili-Pflanzen.

 

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Auf der kleinen Ausstellung konnte man erfahren wie man  « Hühnchen in Schokosaucee » oder einen « Mais-Schokoladen-Trunk »  zubereitet und lernen, wie Mais oder Bohnen zu uns kamen. Rund 30 000 Pflanzenarten gibt es in Mexiko, damit ist das Land eines der artenreichsten Länder der Erde. 

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cmb

 

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Eine Skulptur ist eine Skulptur ist eine Skulptur

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Primordiales trifft Klassisches!

Mit einer Hommage an Gertrude Steins berühmten Satz « A rose is a rose is a rose » werden im Hamburger Bahnhof seit Mitte Dezember Skulpturen der Modere gegenüber gestellt. 

« Das größte Glück ist die Berührung zwischen unserer Essenz und der ewigen Essenz » hat Constantin Brancusi einmal gesagt und dieser Satz steht am Anfang der Ausstellung, die von Rodins Denker und der Schimpansin (« Missie ») von Anton Puchegger  (1917) gegenüber steht. Der Denker in sich versunken und natürlich meditierend wird von  Missie nonchalant angeglotzt.

 

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Pablo Picasso bildet mit einer seiner spielerisch bemalten Skulptur über eine Holzfrau von Kirchner eine Achse zu Wilhelm Lehmbruck und Louise Bourgeois. Rudolf Belling, Georg Kolbe, Julio Gonzalez, Alberto Giacometti, Constantin Brancusi und andere Zeitgenossen sind vertreten. Vieles kommt aus der Neuen Nationalgalerie.

Der große Titel verspricht dann doch sehr viel mehr als er hält, aber es ist trotzdem schön, diese alten Bekannten wieder zu sehen.

 

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Richtkräfte einer neuen Gesellschaft (Josef Beuys)

 

Im Anschluss daran sollte man unbedingt noch bei Josef Beuys’ großartigen Arbeiten aus der Marx Sammlung vorbeischauen.

Die 100 schwarzen Schiefertafeln «  Richtkräfte einer neuen Gesellschaft » entstanden 1974 im Rahmen der Ausstellung « Art into Society – Society into Art » für das ICA in London stehen direkt neben seinen Fettskulpturen « Unschlitt » . Unschlitt heisst soviel wie Talg, wiegt an die 20 Tonnen und besteht aus Paraffin und unterschiedlichen Tierfetten – Beuys fertigte diese Skulpturengruppe für eine open air-Ausstellung in Münster 1977, an der er ursprünglich gar nicht teilnehmen wollte. Er verwandelte  seine Teilnahme dann aber in Protest gegen die Betonwüsten der modernen Architektur und platzierte sie dementsprechend in der Fußgängerunterführung zum neuen Hörsaalgebäude der Universität.

Der Kunstsammler Erich Marx kaufte diese gelb-braunen Fettfelsen 1982 und überließ sie zuerst dem Abteiberg Museum in Mönchengladbach. Erst später kam sie – auf Umwegen -  nach Berlin ursprünglich geplant zur Eröffnung des Hamburger Bahnhofs – einen geeigneteren Platz kann es nicht dafür geben.

 

 
 

cmb

Fotos: jnp

 

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Akademiekonzert im Pierre Boulez Saal

Instrumente

 

Akademiekonzert im Pierre Boulez Saal am 30. Januar 2018

Der Franzose Jean Françaix (1912-1997) stammt aus seiner Musikerfamilie und studierte bei Nadia Boulanger. Schon mit 20 Jahren errang er seinen ersten Erfolg mit einem Concertino für Klavier.

Blasinstrumente mochte er besonders und es gibt keinen anderen Komponisten des 20. Jahrhunderts, der so viel für Bläser komponierte wie Francaix. Außer Opern stammt auch auch Filmmusik (Musique pour faire plaisir) von ihm.

Die drei jungen Musiker des Akademiekonzertes am 30. Januar Estelle Akta, Parisa Saeednezhad und Nur Meisler eröffneten das Konzert mit Jean Francaix‘ Divertissement für Oboe, Klarinette und Fagott. Es entstand 1947 und kommt leicht und elegant daher. Meisterhaft, unterhaltend und humorig-geistreich, voller rhythmischer Einfälle und Eigentümlichkeiten baute er eine seiner Brücken vom französischen Barock  über Mozart direkt ins 20. Jahrhundert und flirtet mit der Filmmusik. Francaix kommt aus Le Mans und dort hat ihn nicht das 24-Stunden-Rennen inspiriert, sondern die großartige Kathedrale. Die drei Solisten haben sein Werk auch mit der nötigen Hingabe und voller Humor gespielt.

Der zweite Teil des knapp einstündigen Konzerts war dann Brahms gewidmet. Die Studierenden der Barenboim-Said-Akademie David Moreau, Hisham Khoury, Benjamin Voce und Teresa Beldi interpretierten Johannes Brahms Streichquartett a-moll op 51.Nr. 2, das Brahms 1873 komponierte.

Viel Applaus von einem sehr aufmerksamen Publikum.

Das nächste Akademiekonzert findet am 2. Februar 2018 statt.

cmb

 

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Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum

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Unvergleichlich

Der spanische Kunsthistoriker Emanuel Borja (1944-2005) hat viele Jahre damit verbracht, primordiale Kunst aus Afrika oder Asien mit der Kunst in Europa zu vergleichen bzw. sie miteinander zu konfrontieren. Er hat Zusammenhänge gefunden, die es gar nicht geben konnte zwischen den Höhlen von Altamira oder Lascaux und Figurationen in der Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts als man von diesen Höhlen (Lascaux wurde 1940 entdeckt) noch gar nicht wusste.

Das Bode Museum stellt nun in der Ausstellung „Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum“ afrikanische Kunst europäischen Preziosen gegenüber und das funktioniert sehr gut. Die Betrachtungsweise ändert sich mit dem was wir kennen und wissen, Vergleiche drängen uns auf.

Meisterwerke aus dem Ethnologischen Museum treffen auf Skulpturen und Arbeiten, die im Bode Museum zu hause sind. Die groben Figuren aus dem Kongo z.B. sollten Dörfer oder Stämme beschützen so wie eine Madonna aus der Renaissance oder der Barockzeit die katholische Gemeinde behütet. Zu ihr wird gebetet, wie in Westafrika vor der Skulptur Ritualtänze aufgeführt werden.

Ein Großteil der ausgesprochen schönen Exponate kommt aus Westafrika, aus dem Königreich Benin, Gabon, Senegal, Kongo, Elfenbeinküste oder  Nigeria.

Die Ausstellung ist in sieben Kapitel unterteilt:

DIE ANDEREN, ÄSTHETIK, GENDER – ODER DIE MULTIPLIZITÄT DER PERSON, SCHUTZ UND ANLEITUNG, PERFORMANCE, ABSCHIED, GEGENÜBERSTELLUNGEN. 

22 afrikanische und europäische Skulpturen werden themenübergreifend miteinander konfrontiert, so könnte die  Maria mit Kind des Ulmer Bildschnitzers Michel Erhart, die einer pfemba-Mutterschaftsfigur aus dem Kongo gegenübersteht, auch in den Teil Gender passen.

Klassische win-win!

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cv Emanuel Borja

Christa Blenk

 

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Berlin 1936

 
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 Olympia-Stadium Berlin

 

16 Tage im August beschreibt Oliver Hilmes in seinem Buch « Berlin 1936″.

1936: Berlin wird nochmal für gute zwei Wochen human und vermittelt den ausländischen Olympiabesuchern, dem Olympischen Komitee und der Welt ein Bild von Frieden, Wohlstand und Toleranz. Für kurze Zeit darf wieder der von den Nazis so verpönte amerikanische « Swing » gespielt werden, man sieht keine Schilder,die Juden den Eintritt in etwas verbieten wollen  und der « Stürmer » wird nicht öffentlich verkauft. Die Diktatur spielt zwei Wochen Pausentheater und Niemand ahnt die Unterdrückung und die Dramen hinter den Kulissen. Alles was vorher ins Ausland gedrungen war, wird zu fake news

Schicke Bars, teure Restaurants, in denen sich die Nazis mit Künstlern tummeln, megalomane Empfänge des Propagandaministers die mehr kosten als 2500 Arbeiter in einem Monat verdienen und die Hin- und Hergerissenheit über Jesse Owens Erfolg werden hier 16 Tage lang mit großer Spannung beschrieben. Erzählungen aus der Sicht von Touristen, Schriftsteller oder Berliner aller Couleurs machen dieses Buch zu einem « must“.

Vierhundertausend Meter Filmmaterial hat die Nazi-Ikone Leni Riefenstahl – ohne an Kosten denken zu müssen – gedreht. 18 Monate hat sie gebraucht, um daraus einen Beststeller zu machen, der am 20.04.1938, Hitlers Geburtstag, uraufgeführt wurde und über vier Millionen Mark eingespielt hat.

Knapp 400.000 Besucher wurden im Sommer 1936 in Berlin registriert – allein knapp 120.000 aus dem Ausland und (fast) alle waren begeistert von Präzision, Ordnung und Organisation des Nazi-Deutschlands.

Neutral und emotionslos beschreibt Hilmes anhand von damals (und heute) bekannten Personen die Situation, die Hilflosigkeit der Diplomatie von Ländern wie Frankreich, der USA oder England und die Vorbereitung im Hintergrund auf die Katastrophe. Geschichten von Opfern und Tätern, von Nutznießern, Kritikern oder einfach nur Beobachtern der Zeit.

Besser hätte es – trotz schlechtem Wetter – für die Nazis nicht laufen können. Die XI. Olympiade war ein Fest der Erfolge; sei es die Besucherzahl, die Teilnehmerzahl oder die aufgestellten Rekorde. Deutschland, vor Amerika, an erster Stelle mit 89 Medaillen, war mit Abstand die erfolgreichste Nation.  

Am Ende des Buches informiert Hilmes seine Leserschaft über das Fortgehen der Protagonisten und wir erfahren, dass Jesse Owens 1964 an den Ort seines Triumpfes zurückkam oder wie es den diversen Bar- und Restaurantbesitzern erging wie z.B. Horcher, der sich 1943 mit Möbel, Geschirr und Gläser seines Nobelrestaurants auf nach Madrid machte und dort ein Restaurant eröffnete, das heute noch zu den teuersten in Madrid gehört,  dass der Verleger Rowohlt am liebsten „Dicke Bohnen mit Speck“ auf dem Teller sah, Carl Zuckmayer mit seinen Prognosen aus dem Exil recht hatte und Pauline Strauß kein Blatt vor den Mund nahm (sie kam mit Gatten Richard Strauß zur Eröffnung angereist, da dieser im Auftrag des Olympischen Komitees die Olympische Hymne komponierte und sie eher missmutig dirigierte – Sport war ihm sowieso zuwider).

Man mag das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen.

Christa Blenk

 

 

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Gastveranstaltung Estonian Festival Orchestra in der Philharmonie

kammermusiksaal mit Notenständern

 

Gestern abend war das Estonian Festival Orchestra mit Paavo Järvi am Pult zu Gast in der Philharmonie. Paavo Järvi ist zurzeit einer der populärsten Dirigenten. Er gründete sowohl das Pärnu Music Festival in Estland als auch das dazu gehörige Estonian Festival Orchestra, bei dem die hoffnungsvollsten Nachwuchsmusiker Estlands große Solisten aus anderen Orchestern treffen. Gestern begleitete  die russische, talentierte Geigerin  Victoria Mullova das Orchester, das zum ersten Mal auf großer Tournee unterwegs war.

Viktoria Mullova verzauberte das Publikum mit Ihrer Darbietung bei Jean Sibelius’ « Konzert für Violine und Orchester d-Moll, op 47″ und mit einer großartigen Zugabe von Arvo Pärts Passacaglia für Violine und Klavier, die 2003 als Auftragswerk des Internationalen Violinwettbewerb Hannover entstand.

In Estland ist Arvo Pärt geboren und von ihm wurden noch die zwei anderen Werke  „Cantus in memory of Benjamin Britten“, und „Fratres für Streichorchester und Schlagzeug“ aufgeführt. Cantus in Memoriam Benjamin Britten entstand 1977 und ist wohl eines der bekanntesten Werke von Arvo Pärt (*1935, Estland). Es ist von dem von ihm entwickelten Tintinnabuli-Stil geprägt. Ein fast religiöses Werk, das über den Tod philosophiert. Das Stück braucht viel Stille und Järvi lässt seine Hand lange nicht sinken bevor das Publikum endlich applaudieren darf. Schöner wäre es noch ganz ohne Applaus gewesen. Gerne wird diese Komposition auch als background-Musik bei Filmen oder Serien eingesetzt. 

Fratres entstand ebenfalls 1977, Pärt hat diese Mitternachtsprozession der Mönche mittlerweile für unterschiedliche Instrumentalkombinationen verarbeitet.  Dem liturgisch-asketisch-minimalen Psalmenwerk merkt man an, dass sich Pärt in der Entstehungszeit  viel mit mittelalterlicher Musik befasst hat,

Nach der Pause gab es dann noch  Dmitri Schostakowitsch instrumentale Sinfonie Nr. 6. Sie entstand  im September 1939. Von nachdenklich -lyrisch im ersten Satz sprint sie zu einem gewaltig-pompösen Finale. Stimmungen von Frühling, Freude und Jugend wollte Schostakowitsch damit vermitteln. Das Orchester hat sich gut geschlagen und bekam sehr viel Applaus.

Viktoria Mullova tritt mit fast allen großen und bedeutenden Orchestern auf. Die Russin lebt in London und ist mit dem Cellisten Matthew Barley verheiratet. Sie studierte an der Moskauer Zentralschule für Musik im Hauptinstrument Violine und später bei Leonid Kogan am Moskauer Konservatorium fort. Schon seit 1980, als sie den Sibelius Wettbewerb in Helsinki gewann, ist sie auch international bekannt. Dann folgten Preise über Preise.

Der Dirigent und Schlagzeuger Paavo Järvi kommt aus einer Musikerfamilie. 1980 reiste er in die USA, um dort seine Ausbildung bei Leonard Bernstein zu vervollständigen. Die Dirigenten-Karriere begann 2001. Ab 2019 wird er Chefdirigent und künstlerischer Leiter des Tonhalle-Orchesters Zürich.

 Sehr schönes Konzert!

Christa Blenk

 

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Fritz Ascher: Leben ist Glühn

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 Ed Bischoff: Porträt Fritz Ascher, 1912,
Öl auf Leinwand, 50 x 38 cm Privatsammlung -
© Bianca Stock. Foto: Malcolm Varon

 

Leben ist Glühn

Der wieder entdeckte deutsche Expressionist Fritz Ascher (1893-1970) zu Gast  in der Berliner Villa Oppenheim und im Museum Potsdam.

« Hier geht ein ganz Großer in die Welt » soll Max Liebermann zu Fritz Aschers Vater gesagt haben, bevor der Berliner « Hof »-Maler ihn an die Akademie für Bildende Künste in Königsberg empfohlen hat.  Ascher war gerade mal 16 Jahre alt als Max Liebermann sein Talent erkannte. In Königsberg hat er auch den Maler Eduard Bischoff kennen gelernt, der 1912 Aschers Portrait malen wird, das einen jungen, sympathischen und fröhlichen Mann zeigt und die Ausstellung in der Villa in Charlottenburg eröffnet. Ein Jahr später, 1913, kommt Ascher nach Berlin zurück und studiert bei Lovis Corinth und Kurt Agthe und trifft auf den Maler  Edvard Munch. 

Zu  Beginn des ersten Weltkrieges ist Ascher  21 Jahre alt und malt im Geist der Zeit, schießt sich aber nicht der allgemeinen Kriegsbegeisterung an, die viele andere Künstler in den Krieg treiben und zerstören soll.

Ascher, der 1893 in eine wohlhabende Berliner, jüdische Bürgerfamilie hineingeboren wird – sein Vater war Zahnarzt und erfolgreicher Unternehmer, der in den USA studierte – und der seine Kinder um 1900 evangelisch taufen lässt,  hatte sich bis dahin nie mit dem Thema Judentum auseinanander gesetzt. Es entstehen Bilder wie Golgatha. Später, fasziniert durch Gustav Meyrinks Golem- Legende,  befasst er sich immer wieder mit der Legende um den Beschützer der Prager Juden. Die Farbe Gelb tritt in seine Bilder ein. Das Thema Golem rüttelt ihn immer wieder und einige seiner Werke nimmt er sogar nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Ascher ist fasziniert von Mythen, Sagen, Religion, Theater und Musik, komponiert auch selber und verehrt vor allem Beethoven, den er des öfteren malt.

Nach dem ersten Weltkrieg lernt er in München die Malerei des Blauen Reiters kennen und freundet sich mit den Künstlern des Satiremagazins Simplicissimus an, darunter George Grosz und Käthe Kollwitz. In den wilden Jahren zwischen den kriegen zählt er zu der hoffnungsvollen, jungen Avantgarde-Malern mit einer großen Zukunft.  In seinen Bildern stecken Noldes kräftige Farben und Max Beckmanns bauchige Figuren oder Kriegsschrecken-Bilder aber auch das ausdrucksstarke grelle Fratzen-Durcheinander von James Ensor und der grobe Pointillismus von  George Rouault interessieren ihn. Viele seiner Bilder lassen auch an den Spanier Goya denken.

 
 
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Saalansicht – Bäume – Villa Oppenheim

 

Ins Visier der Nazis gerät er schon 1933, ab 1938 darf er nicht mehr malen und gehört zu den Entarteten. Fritz Ascher verbringt den Krieg abwechselnd in Verstecken, im Konzentrationslager oder in Gefängnissen, ist bei Kriegsende zermürbt vom Widerstand gegen die Barbarei und Martha Grassmann wird sich zeitlebens um ihn kümmern.

Erst in den 1950er Jahren nimmt er die Produktion wieder auf, unterbrochen von Depressionsphasen. Ascher verbringt viel Zeit auf Spaziergängen im Grunewald und holt sich dort die Motive für seine Seelenbilder. Es entstehen kräftige Nolde-Sonnen – die die jahrelange Finsternis der Vor- und Kriegszeit vergessen lassen, Van Gogh Sonnenblumen oder stabile, unbiegsame sichere Bäume, die an die Farben von Liebermann erinnern und ob und zu eine Lichtung zulassen, wie auf seinem letzten Bild das 1968 entsteht. Das Figurative verschwindet fast gänzlich aber Licht spielt eine umso  wichtigere Rolle. Ascher ist allerdings ganz weit weg von den humoristischen Karikaturen der 1920er Jahre, die Poesie, die seine Malerei begleitet ist beschreibend, flehend.

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Fritz Ascher, Sonnenuntergang, 1962, Öl auf Leinwand,
80 x 70 cm – Privatsammlung
© Bianca Stock, Foto: Malcolm Varon

 

In den Nachkriegswerken tauchen manchmal Tedenzen oder Pinselstriche der Neuen Wilden wie Baselitz oder Lüpertz auf, ohne dass Ascher die Tendenzen der Malerei der 1960er Jahre aufnimmt. Ascher muss die lange Zeit des Nichtmalens nachholen und die verlorenen Jahren aufarbeiten.  In die Kriegsjahren, in den Verstecken und Gefängnissen entstehen Gedichte, die vereinzelt  in der Ausstellung zu lesen sind und mit den Bildern verschmelzen.  

Viele seine Werke wurden von den Nazis zerstört und praktisch alle Exponate befinden sich heute in Privatsammlungen.  Die Kunsthistorikerin und Ascher-Spezialistin Rachel Stern hat ihn entdeckt und gründete in New York vor über 30 Jahren die Fritz Ascher Gesellschaft für Verfolgte, Verfemte und Verbotene Kunst.  Diese verlorene Generation von Malern wie Fritz Ascher oder Josef Block werden zur Zeit in Berlin gerade neu entdeckt und in die Museen geholt.

Die Ausstellung « Leben ist Glühn: Der deutsche Expressionist Fritz Ascher » ist anlässlich seines 125. Geburtstag konzipiert worden und zeigt insgesamt ca 80 Exponate aus Privatsammlungen aus dem In- und Ausland. Sie ist noch bis zum 8. März 2018 in der Villa Oppenheim in Berlin und im Museum Potsdam  zu sehen. Die Schau ist sehr gut und umfassend dokumentiert und unbedingt sehenswert.

Zur Ausstellung, die schon im Felix Nussbaum-Haus in Osnabrück und in Chemnitz gezeigt wurde,  ist ein umfangreicher Katalog erschienen. Die Ausstellung in der Villa Oppenheim wurde von Dr. Sabine Witt, Leiterin des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf, kuratiert und steht unter der Schirmherrschaft der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien Prof. Dr. Monika Grütters.

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Fritz Ascher: Figurenkomposition (Inferno?)
1915, weiße Gouache und schwarze Tusche
über Aquarell und Grafit auf Papier, 46 x 58,5 cm
Privatsammlung - © Bianca Stock. Foto: Malcolm Varon

 

Aus Anlass dieser Schau hat die Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße im Potsdamer Polizeigefängnis Priesterstr./Bauhofstr. die Werkstattausstellung « Sechs Wochen sind fast wie lebenslänglich » zu sehen. Fritz Ascher war in diesem Gefängnis inhaftiert.

 

Christa Blenk

 

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Die Zauberflöte – von 1927

Artikel über die Premiere 2012 auf KULTURA EXTRA

 giardini notturno
Bild: Cristina Crespo (hat nichts mit der Inszenierung zu tun)

 

Mozarts Zauberflöte im infantilen Animationswald

Papageno, der ja – außer Essen und Trinken – nichts so gerne tut wie Reden, wird hier in einen Stummfilm verbannt und muss sich plötzlich in den Filmwelten von Metropolis oder Modern Times durchsetzen. Prinz Tamino ist ein Abklatsch von Buster Keaton.  Pamina sieht aus, als ob sie gerade aus einem 20er Jahre Kabarett entwischt wäre und zum Charleston geht, Monostatos ist ein Abbild von Nosferato, die Königin der Nacht schürt die Araknaphobie und lässt viele kleine gruselige Spinnen auf Pamina purzeln und Sarastro gleicht Abraham Lincoln, der einen Flohzirkus dirigiert.

Außer viel Animation, die mit der Zeit sehr ermüdend wird, gibt es eine weiße Wand und Podeste an der Wand, auf denen die Protagonisten dann und wann erscheinen, wenn sie nicht gerade vor irgendetwas weglaufen, bedroht werden oder von über die Leinwand huschenden Bikini-tragenden rosa Elefanten abgelenkt werden, die auf dem Weg zu einer Hühnerlegestation sind und den hungrigen Papageno  gebratene Hähnchen vorspiegeln, die dann aber doch an ihm vorbeiziehen. Die Bühne ist so gesehen inexistent und lebt durch eine Zwei- und Dreidimensionalität.

Suzanne Andrade und Paul Barritt zitieren die russischen Konstruktivisten, den Maler Hieronymus Bosch und Luis Buñuels Augen sind omnipräsent. Alles ist wahr und doch nicht, wenn die Sänger nur mit den Beinen rennen, virtuelle Katzen streicheln oder die Abgesandten der Königin pochende rote Herzen schmachtend auf Tamino werfen.

Alles was in dieser Oper sonst gesprochen wird, muss man, wie beim echten Stummfilm, lesen, begleitet von einem Hammerklavier aus dem 18. Jahrhundert.

Technisch sicher eine Meisterleistung, voller Codes, damit die Musik nicht zu den Bildern laufen muss. Aber es reicht nicht, das Pulver ist sehr schnell verschossen und eine gähnende Langeweile stellt sich ein, wenn zum dritten oder vierten Mal der gleiche Effekt präsentiert wird.

Der Hausherr der Komischen Oper Barrie Kosky hat sich diese Zauberflöte zusammen mit der Gruppe „1927“ ausgedacht. Die Premiere im November 2012 war ein riesiger Erfolg. Seitdem wird diese ganz andere Zauberflöte ein paarmal im Jahr wieder aus der Opernkiste geholt.

Jordan de Souza stand am 5. Januar am Pult. Adela Zaharia war eine schöne Pamina, spritzig und sauber; Adrian Strooper war Tamino. Aleksandra Olczyk hat sich als „Spinnen“-Königin der Nacht gut geschlagen. Papageno war Tom Erik Lie und wurde um viele schöne Stellen oder Szenen beraubt und die Musik kommt entschieden zu kurz.

Na ja, dann doch lieber die alte Everding-Inszenierung der Staatsoper!

Christa Blenk

 

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Blog Highlights 2017

Liebe Leserinnen und Leser,

Hier sind nochmals die kulturellen Highlights der letzten 12 Monate nachzulesen, Verbindungen werden hergestellt und Brücken gebaut – wie es nur Musik und Kunst fertig bringen. Dieses Jahr wird der Übergang von einem Kulturevent zum anderen über eine venezianische Brücke von statten gehen. Es geht deshalb auch nicht immer chronologisch zu auf dieser Reise durch 2017!

P1060051 Avanti Avanti. Mit einem spritzigen Silvesterkonzert in der Komischen Oper fing das kulturelle Jahr 2017 an. Max Hopp rollte Volare Volare singend (und tanzend) mit der Vespa (aber nicht mit dieser – diese habe ich auf der Biennale in Venedig entdeckt) auf die Bühne – jedenfalls hatte er das vor … aber lesen Sie selber.

Brücke ohne Geländer Tanzend ging es auch gleich weiter mit den Tanztagen in Berlin . Surrealistisch und perfekt. Duato Shechter gab es in der Komischen Oper. Großartig war auch eine Aufführung des Nederlands Dans Theaters Anfang Dezember.

venezia3  Die Kriminellen der Frau A   war ein ausgesprochen packendes Erlebnis zwischen Theater, Kunst und Musik. Die Oper Ovartaci crazy, queer & loveable ist ein work in progress und erzählt Abschnitte aus Ovartacis Leben. Wir freuen uns schon auf den nächsten Teil!

P1050886 Viel klassische und konventionelle Oper gab es natürlich auch. Hervorzuheben  Salomé in der Deutschen Oper, eine großartige Aufführung von Purcells King Arthur. Abwechselnd zwischen Staatsoper, Komischer Oper und Deutscher Oper gibt es Berichte über  Petruschka, Hoffmanns Erzählungen, Don Giovanni, Der fliegende Holländer, Jacob Lenz, Elektra , La damnation de Faust oder Lohengrin. Sehr zu empfehlen hier Philipp Glass’ Satyagraha  in der Komischen Oper und L’Invisible von Aribert Reimann in der DO. Nicht sehr überzeugend und ein wenig langweilig war Tod in Venedig.

P1050884 Das Georg Kolbe Museum hat gleich drei großartige Ausstellungen in den eher armen Berliner Ausstellungshimmel geschossen. Georg Kolbe im Netzwerk der Moderne , eine umfassende Recherche über Flechtheim und kurz vor Jahresende Emil Cimiotti. Dazu passte perfekt die Ausstellung über Rudolf Belling.

P1050881 Hannover  hat außer einer ziemlich guten Oper auch noch viel Kunst zu bieten. Auf der Skulpturenmeile trifft man auf viele Bildhauer des 20. Jahrhunderts aber natürlich hat sich die Reise schon gelohnt, um dort Hans Werner Henzes « Englische Katze »  zu sehen. Später im Jahr wurde dann auch die Oper LOT  von Giorgio Battistelli dort aufgeführt. In der Ausstellung Manifesto spielt Cate Blanchet 13 verschiedene Rollen. Diese Ausstellung ging durch alle wichtigen europäischen Museen.

1 Das Pariser Centre Pompidou ist immer einen Abstecher wert. Die jeweiligen Restrospektiven über Cy Twombly und David Hockney haben das wieder bewiesen. Jean Noel Pettit hat Cy Twombly ins Französische  übersetzt.

P1050882  Und wieder über eine Brücke und es geht ins Theater. Davon hat Berlin auch genug. Jeanne d’Arc in einem weißen Würfel im Gorki Theater, Wut  am Deutschen Theater, der gefräßige und feige König Ubu, eine enttäuschende Phädra und Caligula  am Berliner Ensemble mit Kettensägen und Wahnsinn.  Sehr gut The Situation im Gorki Theater und weniger gelungen Michel Houellebecq  Unterwerfung. Highlight war sicher die FAUST  Aufführung in der Volksbühne und der damit verbundene Abschied vom Theater-Wüterich Castorf. Kurz vor Jahresende war er dann Gast im Berliner Ensemble mit einer sehr freien Interpretation von Hugos Les Misérables.

P1050924 das wunderbare Ensemble Concerto Romano kennen wir schon aus Rom. 2017 konnten wir sie gleich zweimal in und um Berlin erleben. Einmal mit der herausragenden Aufführung Ad Arma Fideles beim Äquinox Festival und ein zweites Mal beim Göttinger Musikfestival.

P1050875 Aber jetzt wieder ein wenig Kunst. In der Biennale von Venedig hat mich am meisten die side show von Michelangelo Pistoletto interessiert. Er installierte seine Arbeiten in der Palladio-Umgebung.

Gut die Schau über Friedrich Kiesler im Gropius Bau oder die Präsentation von Jeanne Mammen in der Berlinischen Galerie. Im Hamburger Bahnhof war Hanne Darboven zu sehen und eine Entdeckung war  Jan Toorop. Ansonsten hat sich die Kunst in Berlin eher zurückgehalten.

P1050873 Jetzt mit einem großen Sprung über diese Brücke zur zeitgenössischen Musik. Hier ist das Festival Hofklang Anfang September hervorzuheben. Unerhörte Musik gibt es meistens am Dienstag im BKA. Korpus  oder e-werk waren u.a. zu Gast.  Ulrike Brand war auch in einer Performance Walls and Waves  in einer Kirche zu erleben.

P1050870 Überraschend eine Aufführung in der Ahlbecker Kirche auf Usedom von Pergolesis Stabat Mater. Usedom war sonst eher enttäuschend, aber gelohnt hat sich auf jeden Fall ein Besuch im Museum von Otto Niemeyer-Holstein. In dem Artikel zwischen Ostsee und Achterwasser  ist es beschrieben.

P1050850 Und über diese Brücke kommen wir zur Orgel und zu der Orgel-Ikone Matthias Eisenberg. Später im Jahr – zu Luthers Geburtstag – reisten wir ihm nach Leipzig nach und daraus wurde ein musikalisches Leipzig-Wochenende. 

P1050826 Aber auch Robert Wilson beschäftigte sich mit Luther und seinem Jubiläum mit der etwas konfusen Aufführung « Luther dancing with the Gods«  im Pierre Boulez Saal. Kammermusik mit und ohne Worte und ein Auftritt des großartigen Klarinettisten Jörg Widmann sind ebenso beschrieben.

2 Auch der argentinische Komponist und Bandeonist mit italienischen Wurzeln Daniel Pacitti befasste sich mit Luther. Im Juli wurde in der Philharmonie sein Oratorium « Wir sind Bettler » uraufgeführt mit Roman Trekel in der Hauptrolle. Kennen gelernt allerdings haben wir Pacitti bei einer ganz anderen Gelegenheit, nämlich bei einem kreolischen Tangoabend in den Räumen der Freien Volksbühne.

P1050816 Bei einem wunderbaren Hauskonzert in Zehlendorf hat Pacitti seine dritte Seite präsentiert. Das zeitgenössische Stück mit Einflüssen aus seiner Heimat. La Cruz del Sur wurde von zwei virtuosen jungen Solisten (Klavier und Querflöte) vorgetragen. Ausgeklungen sind die Zehlendorfer Hauskonzerte mit Werken von  Franz Schubert.

P1050920 In der Kunst und Ausstellungshalle in Bonn gab es eine sehr gut zusammen gestellte Ausstellung von Ferdinand Hodler  und München befasste sich mit dem 19. Jahrhundert in der Ausstellung GUT WAHR SCHÖN . Diese beiden Artikel sind u.a. auch auf KULTURA EXTRA  erschienen.

P1050894 Der Sommer in der Vendee besteht nicht nur aus Palourdes sammeln oder Strandspaziergängen. In Thiré findet jedes Jahr das Festival « Dans le Jardin de William Christie » statt. Dieses Jahr Monteverdi  gewidmet. William Christie war auch im Dezember zu Gast in der Philharmonie mit einer fantastischen Aufführung von Monteverdis  « Selva spirituale e morale ». Aber auch die Staatsoper feierte den großen Monteverdi mit einer sehr schönen Aufführung von L’incoronazione di Poppea.

Auch die Neuköllner Oper widmete Monteverdi einen Abend – bei Combattimento x 2 geht es in den Wrestler Ring!

P1050850 In einen anderen Garten – nämlich in den von Guillermo Lledó - führte die diesjährige Madrid-Reise. « Plaza para un hombre solo » ist eine Skulptur und die Eröffnung dieser wurde ganz groß in seinem Garten in einem Madrider Vorort gefeiert mit Künstlern und Madrider Kunstwelt. Madrid ist eine Kunst-Stadt, ein wenig davon ist hier auch beschrieben: Mateo Mate, Rosa Barba, Franz Erhard Walter. Das Museo Reina Sofia hatte eine umfangreiche Ausstellung zu Picasso und Guernica organisiert. Piedad y terror en Picasso.

P1050892 der argentinische Künstler Nestor Boscoscuro lebt in Berlin und in Buenos Aires. Mit ihm wurde die Portrait-Serie für KULTURA EXTRA erweitert.

P1050877 Die Aufführungen der Neuköllner Oper lohnen sich ebenfalls immer und sind jedesmal überraschend und erfrischend. Unter anderem gab es dort Combattimento x 2, Fuck the Facts und eine sehr freie Interpretation der Bettleropera.

P1050948 Pellworm – wo ist das denn? Aber eine Reise dorthin lohnt schon deshalb, weil diese Ecke in der Nordsee eine Art Atlantis ist – umgeben von Mythen und Sagen.

P1050818 The future is female war der Titel einer Reihe von Aufführungen  in den Sophiensälen. HUMBUG  wurde durch OPERALAB aufgeführt, war sehr amüsant und führte in die Zirkuswelt. In Norway Today  waren die zukünftigen Sophies Rois oder Wuttkes dieser Welt zu sehen.

P1060047 Das Colombian Youth Orchestra erfand Strawinsky neu und das auch noch im Konzerthaus am Gendarmenmarkt  und Josep Pons dirigierte Ravel, Falla und ebenfalls Strawinsky.

P1050928Bei dem Buch « Eine Sinfonie der Welt » geht es auch um Musik. Hier beschreibt Alexander Bertsch das Leben eines Komponisten in der Nazi-Zeit.  Ein schönes Buch!

Brücke ohne Geländer Hoch im Norden lebt der Dorfpoet  und macht sich über sich selber und die Welt lustig -  aber lesen Sie selber.

 

Einen Guten Rutsch mit Trauben, Linsen oder anderen Bräuchen  wünsche ich allen Leserinnen und Leser und ich freue mich auf Ihren Besuch im nächsten Jahr!

P1030084

 

Christa Blenk

 

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Les Misérables – am Berliner Ensemble

P1000912

 

Real Fabrica de Tabaco steht da auf der von Castorf so geliebten shabby-chic-Hühnerleiter-Drehbühne geschrieben. Sind wir etwa versehentlich in der Carmen gelandet! Dann dauert es ganz schön lange, gefühlt über eine Stunde, bis man bei der Geschichte, um die es eigentlich geht, anlangt. Ein alter Mann sitzt in einer Art Käfig (den könnte sich Castorf bei seiner Kameliendame-Inszenierung in Paris 2008 ausgeliehen haben) und referiert über Kloaken, Dreck, die Ratten der Pariser Kanalisation, Därme und Untergrundgerüche und über die Leiden des Alters. Laute Kubanische und Latino-Musik der 1950er Jahre begleiten das Knurren und Brüllen von zwei Frauen.

In der Mitte der ersten Halbzeit betritt er die Bühne, es muss wohl endlich Jean Valjean sein. Der dunkel gekleidete Mann sucht eine Bleibe, hat Hunger und bekommt nur Absagen, dafür sorgt sein gelber Gefängnisausweis. Er lamentiert über die Ungerechtigkeit seines  Lebens, denn eigentlich war er nur ein kleiner Dieb und landete für 19 Jahre auf der Galeere, weil er flüchten wollte. Jean Valjean (Andreas Döhler) ist nun in die Geschichte von Victor Hugos „Les Misérables“ getreten und es kann beginnen.

Der salbungsvolle und von Gerechtigkeit sprechende Bischof (Jürgen Holtz) nimmt ihn auf, gibt ihm gutes Essen, feinen Wein aus edelstem Silbergeschirr, das er ihm anschließend aufdrängt, damit der Ex-Knacki ein besserer Mensch werden kann. Wie immer bei Castorf wird das alles live gefilmt und auf einer Leinwand für das Publikum übertragen. Viel langatmiges Déjà-vu an diesem Abend.

Castorf liebt die Literatur des 19. Jahrhunderts aber warum hat er die Geschichte nach Kuba verlegt? Hier geht es um Kolonien, Ausbeutung und Revolution. Er fusioniert den Juni-Aufstand in Paris 1832 mit Fidel Castros Revolution und holt sich Cabrera Infantes 1965 entstandenen Roman „Tres Tristes Tigres“ (drei traurige Tiger) ins Boot.  Und wie Tiger fauchen auch die Frauen sich an, bevor Fantine (Valery Tscheplanowa) ihre Tochter Cosette bei einem schrägen Glitzer-Opportunisten-Paar in Pflege gibt, um später auf dem Strich zu landen. Der Bürgermeister ist, so wie es aussieht, unser Valjean, und dieser zwingt den Gesetzeshüter und ewigen Valjean-Verfolger Javert sie freizulassen. Dieser vermutet nun gleich,  dass da wohl etwas nicht stimmen kann und so endet – nach drei Stunden – der erste Teil mit der glühenden Rede aus dem Radio von Victor Hugo, die er 1849 auf einem Pazifistenkongress gehalten hat und die gerade jetzt erst entstanden zu sein scheint. DaDa pur!

Nach der Pause beginnt Javerts (Wolfgang Michael) Jagt zwischen Stummfilm und Film Noir. Wirklich folgen kann man der Geschichte eher noch weniger, aber das soll ja wohl auch nicht so sein. Das hysterische Gebrülle braucht man eigentlich auch nicht mehr an diesem bewusst und gezielt verlängerten Theater-Abend.

Castorf hat auch hier wieder eine Art „pot–au-feu“ auf den Herd gebracht, der manchmal überkocht, die Herdplatte ein wenig verbrennt, beim zurückgedrehten Feuer sich wieder auf ein leises Blubbern beruhigt, heiß auf den Tisch kommt, aber schnell lauwarm wird, dementsprechend schal schmeckt aber schon Vorfreude auf das nächste gemeinsame Essen hervorruft.

Christa Blenk

 

LES MISÉRABLES 
Regie/Bearbeitung: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Licht: Ulrich Eh
Soufflage: Elisabeth Zumpe
Musikkonzeption: Wiliam Minke
Video-Konzeption: Jens Crull und Andreas Deinert
Live-Kamera: Andreas Deinert und Mathias Klütz
Live-Schnitt: Jens Crull und Maryvonne Riedelsheimer
Tonangel: Dario Brinkmann und Wiliam Minke
Dramaturgie: Frank Raddatz
Künstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink
Mit: Thelma Buabeng, Andreas Döhler, Patrick Güldenberg, Jürgen Holtz, Oliver Kraushaar, Sina Martens, Wolfgang Michael, Rocco Mylord, Stefanie Reinsperger, Aljoscha Stadelmann, Valery Tscheplanova und Abdoul Kader Traoré
Premiere war am 1. Dezember 2017.

 

 

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Jahresausklang mit Franz Schubert in Zehlendorf

San Lorenzo

 

Zehlendorfer Hauskonzerte

Das letzte Zehlendorfer Hauskonzert 2017 fand am 20. Dezember statt. Dieses Mal spielte das junge und feine Arves Trio (Violine: David Khachatryan; Violoncello: Rahel Weymar; Klavier: Hratschya Gargaloyan) im Wohnzimmer des charmanten Holzhauses. Auf dem Programm stand Franz Schuberts Trio in Es-Dur, op. 100. Zwischen den Sätzen las der Schauspieler Martin Schnippa Geschichten, Zeitdokumente und Prosatexte von und über Franz Schubert.

Dieses großartige Meisterwerk  von Schubert ist im Jahre 1827 entstanden –  in der Winterreise-Kompositionszeit. Veröffentlicht wurde es allerdings erst in seinem Todesjahr 1828. Die Erstausgabe kam ein paar Wochen nach seinem Tode am 19. November in der österreichischen Hauptstadt an, wo Schubert in seinen  letzten Jahren lebte, obwohl er die Stelle des Vizekapellmeisters an der kaiserlichen Hofkapelle nicht bekommen hatte. Für einen anderen Komponisten, Robert Schumann, war es „wie eine zürnende Himmelserscheinung“  und blieb immer sein persönliches Lieblings-Trio : männlich, zornig-sehnsüchtig  und dramatisch. Einem prägnanten Hauptthema im ersten Satz steht ein im Nebel verhangenes Zweitthema gegenüber mit manchmal jazzigen und bebend bis rasenden Rhythmen. Der zweite Satz ist melancholischer Kummer mit klirrenden Klavier-Staccatoakkorden. Das Thema geht auf ein Lied der Winterreise zurück.  Der Kanon zwischen Klavier und Streichern ist dann wieder leicht-spielerisch.  Weiter geht es mit einem Tanz-Tremolo-Moll ins lange Finale und hier wird nochmals das Thema aus dem zweiten Satz aufgenommen.

Gut 40 Minuten dauert das Opus und schwedische Lieder sollen u.a. dort verarbeitet worden sein. Schubert hat den schwedischen Sänger Berg 1827 im Hause der Schwestern Fröhlich gehört.

Aus armen Verhältnissen kommend, dort wo Musik eher verpönt  oder etwas für die Reichen war, ist Schubert ein wichtiger und fester Bestandteil der Wiener Salons geworden. Leben oder Überleben mit dem was er mit seiner Musik verdiente, konnte Schubert nicht. Er war auf Freunde und Familie angewiesen. Schubert, der ewig einsame und leise Umstürzler und (unglücklich) Liebender starb mit 31 Jahren und hinterließ knapp 1000 katalogisierte Werke und von denen noch nicht alle bekannt sind.

Die drei jungen Musiker des Arves Trio, die in Berlin studieren, haben mit großer Begeisterung, viel Charme, Talent und Präzision die 2017er-Zehlendorfer-Hauskonzert-Saison ausklingen lassen.

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Arves Trio mit Martin Schnippa mit nach dem Konzert

 

Der Name  Arves Trio kommt aus dem Armenischen. „Arvest“ ist armenisch und bedeutet „Kunst“. Da der Geiger und der Pianist aus Armenien stammen und die Cellistin aus Deutschland, soll auf diese Weise auch ein Teil der armenischen Kultur im Ensemblenamen sichtbar werden. Der Begriff „Kunst“ wird zum einen auf die Musik, zum anderen aber hauptsächlich auf den Leitsatz „Musik ist Sprache“ bezogen und durch die Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Martin Schnippa um eine textliche Ebene erweitert. (Anmerkung der Gastgeberin!)

Wir freuen uns schon auf das erste Konzert im Januar 2018.

Christa Blenk

 

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Matschkes Krippen-Welt

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Die Edelholzkrippe

 

Im Dezember sind im Gemeindehaus neben der Schlosskirche von Buch Angelika und Peter Matschkes Krippen ausgestellt. Figuren, Figurengruppen, Tiere und Sänger aus  aller Welt, die alle irgendetwas mit Weihnachten und Krippen zu tun haben, sind zu bewundern. Die beiden stolzen Besitzer dieser kleinen Kunstwerke haben selber viele Jahre im Ausland gelebt und auf jedem Posten ihre Sammlung vergrößert.

Aber so eine Sammlung entsteht ja nicht von selber, in so etwas wird man hineingeboren: Als Pfarrerskind war Angelika Matschke näher als andere Kinder an Weihnachten und Weihnachtsgeschichten oder Krippenspielen. Der Weihnachtsberg in Brünlos im Erzgebirge hat sie als Kind sehr beeindruckt und die Mechanik, die die Figuren zum Leben erwachten, hat sie verzaubert. Und wenn andere kleine Mädchen sich Puppen wünschten, wollte sie Krippenkinder haben oder Papier-Ausschneide-Figuren und Gehäuse. Aber das Schönste war natürlich die Edelholzkrippe ihres Vaters, mit der sie allerdings als Kind nicht spielen durfte und das nicht nur, weil die Figuren in der Bodenplatte verankert waren. Spielen mit den Krippenhelden durfte sie aber mit den Schätzen Ihrer Großeltern.

 

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Die  Figuren aus anderen Kulturkreisen  kamen auf Posten wie Kairo, Lima, Caracas oder Bangkok  dazu und so wurde aus einer Souvenir-Sammlung eine internationale Krippensammlung.  Freunde wussten von diesem Zeitpunkt an auch immer, was sie den Matschkes schenken konnten: einen Engel, eine Krippe oder ein Krippentier.

Aber mindestens genau so spannend wie die unterschiedlichen Krippenfiguren sind die Geschichten dazu, die Angelika Matschke im Begleitkatalog zur Ausstellung erzählt.

Die Edelholzkrippe ihres Vaters kam zu ihr, als sie während ihres Kirchenmusikstudiums in Görlitz über die Weihnachts-Feiertage  nicht nach Hause kommen konnte. Sie ist aus unterschiedlichen Hölzern gearbeitet und eines der schönsten Arrangements in der Sammlung. Von den Großeltern stammen die größeren Holzengel, diejenigen, mit denen sie als Kind spielen durfte.

Beeindruckend ist das Krippenorchester, die „Grünhainichener“ Engel, die ebenfalls alle zusammen in einer anderen Vitrine musizieren. Die koptische Krippe bekam sie von einer Kollegin geschenkt, weil der Umzug von Bonn nach Kairo nicht pünktlich zu Weihnachten ankam. Die Figuren aus Bangkok sind die farbenfrohesten und die Playmobil Figur, die ihre Tochter zum ersten Weihnachten in Lima bekam, legte den Grundstein für eine  Playmobil-Sammlung.  In Peru kam auch eine ganz typische Krippe der Andenbewohner dazu und hier ist der Esel ein Lama geworden. In Venezuela hat sie später auf dem Weihnachtsmarkt der deutschen evangelischen Gemeinde eine  Krippe aus Bronze gekauft. Der dafür eigentlich etwas zu groß geratene Engel war das Abschiedsgeschenk der Kirchgemeinde Lima.

 

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Aber auch ein  Notenschlüssel aus Assisi, den ihr die Tochter von der  Konfirmandenfahrt nach Italien mitbrachte, gehört zur Sammlung sowie unzählige individuelle Engel- und Tierfiguren.

Und wenn Sie dann schon mal in Buch sind, werfen Sie unbedingt einen Blick in die Kirche, denn das lohnt sich auch. Sie zählt zu den schönsten Barock-Sakralbauten in Berlin-Brandenburg und wurde um 1730 nach Plänen des Architekten Friedrich Wilhelm Diterichs im Auftrag von Adam Otto von Viereck erbaut.  Theodor Fontane bewunderte bei seinem Besuch in Buch die Stattlichkeit und den malerischen Reiz dieses ziemlich auffälligen Bauwerks. Historische Fotos erzählen, wie sie vor der Bombardierung 1943 ausgesehen hat. Besonders originell und schön ist das Epitaph für Adam Otto von Viereck in der Rundbogennische an der Ostwand. Der Berliner Bildhauer Johann Georg Glume hat es 1763 geschaffen.  Die spätbarocke oder Rokoko-Skulptur füllt die komplette Nische aus und erzählt in einem  asymmetrischen Aufbau das Leben von Viereck.

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Epitaph in der Bucher Schlosskirche
 

Christa  Blenk

 

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Lohengrin an der Deutschen Oper Berlin

Deutsche Oper Lohengrin

LOHENGRIN von Richard Wagner, Deutsche Oper Berlin,
Premiere am 15. April 2012, copyright: Marcus Lieberenz

 

Die größte Ehre, die man einem Menschen antun kann, ist die, dass man zu ihm Vertrauen hat. (Matthias Claudius)

Um Vertrauen und wodurch sich die Liebe definiert geht es auch bei Lohengrin.  Für die US Kolumnistin Joyce Brothers war es ganz klar denn sie meinte einmal „Der beste Beweis der Liebe ist Vertrauen“.  Aber wie wir ja alle wissen, hat Wagner dieses Zitat nicht gekannt und sich gegen das Vertrauen und für die Kenntnis entschieden. Dementsprechend lässt er dann auch Elsa die zerstörerische Frage nach Namen und Art fragen und wischt das „Nie sollst Du mich befragen“  einfach weg und damit auch Glück und Liebe.

Aber nur das reicht natürlich nicht für vier Stunden, da braucht es noch Kriege, Intrigen und Böses. Dieses durchkomponierte, musikalische Drama von Wagner kommt nur ab und zu noch auf die altbewährte Form der Soloarien zurück, wenn Elsa ihren Traum erzählt zum Beispiel oder Lohengrin sich als Gralsritter outet.

Die Geschichte spielt im frühen Mittelalter, genauer gesagt in der Mitte des 10. Jahrhunderts. Wagner hat die Handlung nach Antwerpen verlegt, weil er die Gestalt des Schwanenritter einbauen wollte, der ursprünglich vom Niederrheinischen kommt. Brabant gab es damals natürlich auch noch nicht.  Wagner hat den Streit der ostfränkischen Stämme in seine Zeit der liberal—demokratischen Nationalbewegung gelegt und wenn er Heinrich den deutschen König nennt, dann ist das seiner blühenden Phantasie entsprungen und durch ein Vermischen von Sagen, Mythen und geschichtlichen Ereignissen entstanden.  Das Scheitern der Hauptprotagonisten ist stellvertretend für das Scheitern politischer Utopien in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Ouvertüre bietet ein tristes after-war-Szenario. Die Bühne ist übersäht von leblosen Körpern, Kriegsopfer wohl, und Frauen suchen nach ihren Männern, finden sie tot danieder liegend und brechen zusammen. Dann fällt der Vorhang und der Name LOHENGRIN steht in großen Buchstaben auf dem schwarzen Vorhang.

Sehr martialisch und laut wird herum gedonnert bis das Erscheinen der reinen, zarten Elsa Musik und Bühne erhellt.  Der glänzende Schwanenritter kommt zwar ohne Schwan dafür aber mit Flügel daher, die ihn schon direkt als Beschützer von Brabant definieren, noch bevor er Telramund besiegen wird.  Die Brabanter sind ein opportunistischer Mob, der sofort sein Fähnchen in den Wind hängt und umgehend den geheimnisvollen Lohengrin verehrt. Die Frauen kommen sowieso nicht gut bei ihm weg. Sie sind unschuldig, dumm, neugierig oder  bösartige und heimtückische Personen, die permanent die falschen Entscheidungen treffen. Ortrud, die Hexe, schürt und intrigiert und schon der Hochzeitsmarsch am Anfang des dritten Aktes steht unter einem bösen Stern.

Die Premiere dieser Produktion fand im April 2012 statt. Nur Klaus Florian Vogt in seiner Paraderolle und Petra Lang sind bei der letzten Aufführung in dieser Saison noch mit dabei. Anja Harteros übernahm die Rolle der Elsa und das hat sie großartig gemacht. Textverständlich und sicher waren sie Alle. Am Pult stand nicht Donald Runnicles. Axel Kober dirigiert das gute Orchester der DOB  – übersichtlich und fast minimal lässt er den Sängern viel Raum, sich auszubreiten.

Die Inszenierung von Kasper Holten passt gut zur schnörkellosen Leitung von Kober. Die hochgestreckte Faust in politisch nicht ganz korrekter Manier hat uns kurz schlucken lassen, aber ansonsten eine Inszenierung wie man sie sich wünscht und die die Musik in die erste Reihe stellt. Der kleine Gottfried, den Elsa in ihren Armen hereinbringt und ihn auf das weiße Marmorgrab legt das gerade noch ihr blütenweißes Hochzeitsbett war,  ist nur ein blutiger Fetzen. Ortruds Zauberstab waren grüne LED-Fäden.

Steffen Aerfing hat die Kostüme entworfen. Die Lichteffekte waren von Jesper Kongshaug.

Richard Wagner selber war bei der Premiere im August 1850 in Weimar, die Franz Liszt dirigierte, gar nicht anwesend, da er sich zu dieser Zeit schon im Exil in der Schweiz aufhielt und steckbrieflich gesucht wurde.

Christa Blenk

KULTURA EXTRA hat zweimal darüber berichtet:

Premiere

und drei später später mit Waltraud Maier

 

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