Archives pour la catégorie Theater

Fuck the facts – Neuköllner Oper

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Neuronen, Binärcodes und Bytes sausen und rechnen im Schnelldurchlauf über die Wand. Botschaften darauf sind fast nicht zu lesen, so schnell geht es. Bevor man etwas verstanden hat, ist es schon wieder vorbei, bzw. hat sich weiter entwickelt.

Und so geht das eine gute Stunde – so lange dauert die Aufführung. Wie ein frischer Wind weht sie an uns vorbei. Da einzig Verlässliche ist Händels Messias Musik, die stimmgewaltig und mit gekonnter Leichtigkeit von den umwerfenden Darstellern ins Publikum geschmettert wird.

« Willkommen im Zeitalter der Selbstermächtigung. Einfach den Rechner anschalten und twittern, posten und trollen was das Zeug hält. Self-entitlement worldwide, das galt für die Virtual Spaceriders des Artischocken-Kultes schon immer. Motto: Make Internet great again! Aber was passiert, wenn die Artischocken sich gegenseitig an die Gurgel gehen? Um einen Wald in ein Häuflein Asche zu verwandeln braucht es nur eine Zigarette. Um das Internet brennen zu lassen braucht es nur einen tweet. Ob Fake, ob Fakt oder Fiktion? Egal, ICH habe gesprochen. ICH brauche keine Gegenrede, ICH bin schon Demokrat. Fuck the facts, you`re not my Dad! Unsere fiktive Geschichte spielt (auch) mitten in Berlin. / Informiert durch einen wahren Fall zwischen messianischer Heilserwartung und tribal justice im Global Village. Wir fragen: Wer spricht eigentlich da draußen im privatisierten Internet-Gericht? Wer sind die selbsternannten Cyber-Sheriffs? Und warum haben sie uns ein großes Holzpferd mitgebracht? » (Quelle: Neuköllner Oper)

Aber worum geht es eigentlich? Es geht um Hacker, Verrat, Überwachung und Versprechen, meist um die nicht eingehaltenen. Und um Opfer, die man bringen muss, damit sich etwas ändert. Robespierre, der strenge Jakobiner (aber Jake heißt nicht wegen ihm so sondern wegen Jacob A.),  hat das auch so gesehen. Um ihn zu zitieren, hat die Party auch in Kleidern aus seiner Zeit stattgefunden und die Verse imitierten den Rhythmus des 18. Jahrhunderts, den von Voltaire oder Schiller, diese haben ebenfalls mit scharfem Blick, Spott und Sarkasmus die Missstände ihrer Zeit kritisiert. Aber die Errungenschaften unseres Jahrhunderts ermöglichen natürlich viel mehr (Überwachungs)Möglichkeiten. Leicht und spritzig ist die Aufführung, geht in die Tiefe ohne schwerfällig zu werden. Die Geschichte verliert sich dann doch sehr schnell – wie wäre es anders zu erwarten – im allzu Menschlichen, aber einiges muss  man dann doch ernst nehmen!

Basieren tut das Ganze auf einer Materialsammlung der Journalistin Anna Catherin Loll über den Fall des US Journalisten und Internet Hackers Jacob Appelbaum.  Großartig kommen die vier Darsteller Allen Boxer, Hrund Ósk Árnadóttir, Angela Braun, Mario Klischies und Bijan Azadian rüber. Sehr beeindruckend der US Bariton Allen Boxter und die isländische Koloratursopranistin Hrund Osk Árnadóttir, die sicher auch ohne Mühen einen kompletten Messias durchstehen würden.

Loll hat auch den Text zu dem Stück verfasst; Regie hat Christina Römer geführt. Bijan Azadian hat die vier Darsteller auf seinem Spinett des 21. Jahrhundert begleitet und « dirigiert » . Die Musik stammte aus  Georg Friedrich Händels Messias und zeigt wieder einmal, wie modern und rhythmisch Barockmusik doch ist.

Christa Blenk

 

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The Situation am Gorki Theater

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The Situation – ein etwas anderer Deutschkurs am Maxim Gorki Theater

Acht Lektionen Deutsch in 90 Minuten

Political correct geht es nicht immer zu in diesem witzigen fast-Boulevardstück und es wimmelt nur so von Gemeinplätzen, Vorurteilen, politischen und kulturellen Klischees, die  die  israelische Regisseurin Yael Ronen alle in einen Topf wirft. Aus diesen ad absurdum Kulturbrühen-Zutaten soll Stefan nun einen Unterricht kochen und das gelingt ihm sehr  kurzweilig und verlegen-feinsinnig.

Mit Schlagfertigkeit und  schwarzem Humor saust dieses Hin und Her zwischen hebräisch, arabisch, englisch und deutsch so schnell an uns vorbei, dass man oft gar nicht mehr weiß ob man die Untertitel liest oder zuhört. Die Flagge ihres Herkunftslandes hat die Kostümbildnerin Amit Epstein in die Bekleidung der Darsteller eingebaut

Wir sind in Neukölln/Berlin, also mehr oder weniger auf neutralem Boden. In 90 Minuten versucht Stefan (Dimitrij Schaad) den palästinensischen, syrischen, israelischen Schauspielerinnen und Schauspieler sprich,  seinen Schülern Hamoudi (Ayham Majid Agda), Karim (Karim Daoud), Laila (Maryam Abu Khaled), Noa (Orit Nahmias) und Amir (Yousef Sweid) auf einer positiv-gelben Schultreppe Deutsch beizubringen. Sie kommen alle aus dem von Unruhen gebeutelten Nahen Osten und haben unterschiedliche Sprachniveaus – das geht von A 1 bis C 1.  Stefan  hat es nicht leicht, das Noch-Paar, der Palästinenser Karim und die Israelin Noa streiten sich und Hamoudi kann unmöglich neben einer Frau aus Israel sitzen. Man darf nicht über die Vergangenheit reden, denn vor dieser sind sie geflüchtet; über die Zukunft auch nicht, denn wegen der Situation gibt es für sie keine. Und die Gegenwart geht sowieso nicht. Also versucht er es mit der Möglichkeitsform. Stefan will den Nahen Osten retten und fängt damit an, dass er Hamoudi bei sich wohnen lässt. Allerdings macht er das nicht unbedingt selbstlos, denn Stefan ist schwul und wurde gerade von seinem Freund verlassen. Dann soll er auch noch den antisemitischen Text von Amirs Rap-Song ins Deutsche übersetzen.

Der erste Teil ist witzig-feinsinnig und es gibt viel zu Lachen; im zweiten Teil wird es dann philosophisch-intim und die Darsteller erzählen über sich.  Stefan, der plötzlich zum Hauptprotagonisten des Abends wird,  beginnt in einem etwas zu langen und schon ein wenig pathetischen Monolog  von seiner kasachischen Kindheit (jawohl, auch er ist nicht in Deutschland geboren und ein  Musterbeispiel der Integration) zu erzählen. Er ist dem Publikum zugewandt, und während die anderen auf der Treppe sitzen und ihren Gedanken nachhängen, verrät er uns, wie sehr er unter der Einsamkeit in der kleinen Wohnung im Rheinland gelitten hat, wo er als Achtjähriger mit seinen Eltern landete. Wir erfahren, dass er durch seine Freunde ARD und ZDF perfekt Deutsch lernte und für seine Eltern alle Behördengänge erledigte und wie er die Achtung für seinen Vater wiederfand. Während Hamoud, der syrische Flüchtling für alle Humus zubereitet und ihn mit großzügigen Versöhnungsgesten verteilt, erzählen die anderen Schüler über sich. Das ist eine sehr gelungene, ruhige Szene und wir können zum Schluss selber Humus zubereiten.  

Fazit: Lost in Translation, aber wie Noa so schön in ihrer Schlussrede rezitiert „Wer hätte es für möglich gehalten, dass …..“ – Everything goes!

Die (Rap)Musik dazu haben Yaniv Fridel und Ofer Shabi komponiert.

Die Premiere war schon im Herbst 2015. 

Christa Blenk

 

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Luther dancing with the gods

 
2017-10-04 15.29.45

 

Bewegte“ Musik

« Ich weiß ein Wort, das hat ein L; wer das sieht, der begehrt es schnell. Wenn aber das L weg und fort ist, Nichts Bessres im Himmel und auf Erden ist. Hast Du nun einen weisen Geist, so sage mir, wie das Wörtlein heißt ». (Ein Rätsel: Gemeint ist « Gold » – « God » für « Gott » – aus einer Luther Tischrede)

Anläßlich des 500. Jahrestages der Reformation hat der New Yorker Regisseur Robert Wilson gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin das Projekt Luther dancing with the gods entwickelt. Eine Schöpfung aus Text und Musik, Klang, Bewegung, Licht und Bild. Das Team inszeniert damit gleichzeitig die erste szenische Produktion für den Pierre Boulez Saal.

Motetten von Johann Sebastian Bach bilden den musikalischen Drehpunkt dieser Aufführung. Angereichert ist die Performance mit „Immortal Bach“ einer Improvisation  zu Bachs Lied “Komm, süßer Tod” von Knut Nystedt und einer großartigen Präsentation von Steve Reichs „Clapping Music“ auf der einen Seite und mit Texten von Luther, Übersetzungen, Bibelextrakten, Streitgesprächen, Rätseln sowie einem Text des amerikanischen Dichters William Carlos Williams auf der anderen.

Zwischen den Bach-Motetten hat Wilson seine bekannten Kneeplays eingebaut. Theatralische Mittel als Verbindungsstelle zwischen den Hauptakten: Luther als Kind, als Streitender, als Sterbender und irgendwie auch als beweinter Abwesender.

Alles fließt: Der ausgezeichnete, in strenge Mönchskluft gekleidete Chor, hat hier Ballett- und Schauspielaufgaben zu übernehmen. Sie waren ständig auf Pilgerschaft durch den Raum und über die Treppen; der Musik hat das gut getan und das Publikum hatte einen Chor „zum Anfassen“, ja man fühlte sich als Teil davon.

Es geht hier um Zeit und Kunst in und um Luthers Epoche und danach. Aber auch der Dreißigjährige Krieg wird zitiert, wenn sich der in einem Boschschen Heuwagen sitzende Teufel gestikulierend auf die Bühne kutschieren lässt und sich zu Luthers Tanz mit den Göttern gesellt. Keiner hat die Übel und Plagen der Menschheit besser gemalt als Bosch oder Bruegel! Wilson zitiert den Krieg mit weißen Speeren, inspiriert durch das Holbein-Bild „Schweizerschlacht“; es entstand 1524, in dieser Zeit arbeitete Luther an der ersten Bibelübersetzung. Überhaupt haben Wilson und sein Team der Kunst eine Hauptrolle in dieser Aufführung zugedacht. Der rote Vogelmensch spaziert direkt aus Hieronymos Boschs „Garten der Lüste“ auf die Bühne und bricht die schwarz-weiße Ästhetik und mit Pieter Bruegels „Triumpf des Todes“ stürzen die Weißgekleideten zu Boden. Die Sänger tragen Kopfbedeckungen, wie wir sie auf Cranachs „Jungbrunnen“ Gemälde wiederfinden oder wie Lucas Cranach Luther und seine Familie portraitierte. Die Steinigungsszene basiert auf einer Radierung von Girolamo da Treviso.

Luther war, im Gegensatz zu Zwingli oder Calvin, nicht gegen die Malerei. Bilder konnten dem einfachen Menschen die Bibel-Lektüre erleichtern. Das hat aber auch mit seiner Freundschaft zum Maler der Reformation, Lucas Cranach, zu tun. Cranach war sein Trauzeuge und Taufpate eines seiner Kinder und die Portraits von Luther, die fast alle in Cranachs Werkstatt entstanden sind, haben unser Lutherbild geprägt. Wilsons Luther trägt so auch den Cranach-Look! Mutig geht er bis ins 20. Jahrhundert und gibt Luthers Witwe Man Rays surrealistische Idealisierung des Banalen, das Nagelbügeleisen „Gift“ in die Hand wenn Fiona Shaw über „The Widow‘s Lament in Springtime“ von William Carlos Williams spricht.

Himmelsleiter, Totenbett und verbotene Äpfel

Die anfängliche Überraschung ist dann aber irgendwann keine mehr und das Geschehen nicht immer nachvollziehbar, aber das wäre ja auch zu einfach! Eine sehr bilder- und szenenreiche Aufführung mit viel Bewegung auf der Bühne. So schafft es Wilson, mit relativ wenig Darstellern großes, streitendes Chaos zu versinnbildlichen. Eine Geschichte, die vor allem durch Licht und Kostüme unter einem minimalistischen Deckmantel, gespickt mit Zitaten und der Kunstgeschichte im 16. Jahrhundert, lebt. Oft makaber, kommt die Regie aber dann doch an die Grenze der ertragbaren Symbolik und man wünschte sich mehr protestantische Demut!

Ausgezeichnet der Rundfunk Chor Berlin unter brillanter Leitung und Leistung der beiden jungen Dirigenten Gijs Leenaars und Benjamin Goodson, die Stereo operieren und auch immer in Bewegung sind; denn alles findet im Kreis statt und die Sänger blicken, singen und schauspielern in alle Richtungen!

Musikalisch begleitet von Aleke Alpermann (Violoncello); Mirjam Wittulski (Kontrabass) und Arno Schneider an der Orgel. Jürgen Holtz ist Luther, Serafin Mishiev spielt das Kind und den roten Vogelmenschen.

Ende September und Anfang Oktober gab es Voraufführungen; die Premiere ist am 6. Oktober 2017.

 

Christa Blenk

Gerardo Aparicio
Gerardo Aparicio – Himmelstreppe und Heuwagen
 
und hier geht es zum Luther Oratorium – « Wir sind Bettler »
 

 

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Caligula im Berliner Ensemble

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Nichts und der Mond

Gleich drei Eröffnungspremieren gibt es am neuen Berliner Ensemble unter Oliver Reese. Eine davon ist « Caligula » von Albert Camus. Der junge portugiesisch-chilenische Regisseur Antú Romero Nunes stellt mit seiner  Inszenierung gleich mehrere Fragen:

Warum oder wie wird man zum Diktator? Ist es Schicksal, hervorgerufen durch Verlust oder ist es eine Entscheidung zur absoluten Macht? Wie weit muss man gehen, um das Unmögliche möglich zu machen?

Ursprünglich war er ein harmloser junger Kaiser.  Durch den Verlust seiner Geliebten / Schwester schlägt er einen gefühllosen und skrupellosen Weg zur Macht ein. Wer nicht einverstanden ist, ist Feind und der Feind muss weg. Aber vor allem will er den Mond – ein kindlicher Wunsch!

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Kettensäge und Keilschuhe

 

Viel (Theater)Blut gibt es bei diesem Caligula, viel Geschrei, viele Masken, viel Rauch und Lärm – also wie immer bei  den Berliner Inszenierungen – hinzu kommt dieses Mal ein Hurrikan, der durch das Publikum zieht – man spürt den „frischen“ Wind. Ob das ein Zeichen ist, wie es nun im Berliner Ensemble werden wird – mal sehen!

Bevor sich der Vorhang hebt, sucht Caligulas verschlampte und ein wenig vertrottelte Truppe nach dem Nichts und findet auch Nichts. Aber eigentlich suchen sie nach Caligula, denn er soll auftreten. Dazu ist er aber zu deprimiert und steckt nur ab und zu den Kopf durch den Vorhang. Dieser hebt sich aber schließlich doch und ein Tsunami weht durch das Theater, der alle – außer denKaiser – zu Boden reißt.

Caligula ist so etwas wie ein grausamer Zirkusdirektor, der Vorsitzende einer heruntergekommenen Clowntruppe, die sich nicht entscheiden kann ob sie ihn lieben oder hassen soll und die sich gegenseitig anschwärzt. Ihr Auftreten ist demoralisierend und dekadent. Die Kostümbildnerin Victoria Behr lässt sie in abgerissenen und schmutzigen Kleidern herumlaufen, die im Verlauf des Abends immer blutverschmierter werden und ihre Gesichter zeigen noch die verschmierte und gesichtslose Theaterschminke von vorgestern. Die Harlekine sind eine Mischung aus Jack Nickolson als Joker und  der musikalischen Todesallegorie bei Viscontis  Tod in Venedig.

Caligula wird von der großartigen Constanze Becker gespielt, sie ist ein Glatzkopf  in Weiß-Rot! Die Clown-Senatoren sind Oliver Kraushaar, Aljoscha Stadelmann, Patrick  Güldenberg, Felix Rech, Annika Meier und Drífa Hansen. Richtig begeistern konnte und der Abend aber trotzdem nicht!

Albert Camus (1913-1960)  begann mit 25 Jahren, also 1938, die Arbeit an Caligula und wollte das Stück  ursprünglich an einem kleinen Theater in Algier mit ihm selber in der Hauptrolle zur Aufführung bringen.  Letztendlich wurde es aber erst 1944 bei Gallimard verlegt und 1945 in Paris unter der Regie von Paul Œttly uraufgeführt.

Gaius Caesar Augustus Germanicus , genannt Caligula lebte von 12 – 41 n.C.  und war als Nachfolger von Tiberius römischer Kaiser von 37-41. Hoffnungs- und erwartungsvoll startet seine Ära, die in eine  autokratische und wahnsinnige Tyrannei mündet. Er  ließ willkürlich unzählige Senatoren hinrichten bis ihn die Prätorianer Garde ermordete.

Christa Blenk

 

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Phädra am Deutschen Theater

Sarcofago Ostia

 

Der Vorhang hebt sich zu der Affekt-Definition von Spinoza, die an die weiße Wand projiziert werden. Das war gut so, denn sonst hätten wir nicht verstanden, dass es hier um Affekte oder um Gefühle geht.

Phädra ist griechisches Theater, eine Tragödie um brennende Liebe, große Gefühle, Verleumdung, Rache, voreilige und nicht mehr rückgängig zu machende Entscheidungen.

Phädra (Corinna Harfouch), die zweite Frau des Königs von Athen, Theseus, kommt als Gothic-Braut auf die Bühne geschlürft. Die schwarzen, zotteligen Haare bedecken wie ein Vorhang ihr bleiches Gesicht. Sie ist hemmungslos und rücksichtslos in ihren Stiefsohn Hippolyt verliebt und als die Nachricht von Theseus’ Tod am Hofe ankommt, gesteht sie ihm ihre Liebe. Das alles passiert unter nervösem Rumgerenne von einer weißen Wand zur anderen. Sie  springen auf Sockel, rutschen wieder runter und schreien rum.

Da ist der lässige Hippolyt (Alexander Khuon), er trägt einen blassblauen Wollpullover und wirkt eher wie ein Weichling. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass ihm Aricia (Linn Reusse), die Tochter des Feines, etwas bedeutet. Sie, die Fremde in Athen, schreit herum und spurtet noch mehr als die anderen, tritt zuweilen auch mit den Füßen und benimmt sich wie ein pubertierender Teenager, der für die Olympiade trainiert. Phädras Leidenschaft wird mit permanentem Perückenwechsel dargestellt und als Theseo (Bernd Stempel) schließlich doch noch nach Hause kommt, ist sie von seinem Aufzug (oder von seiner Rückkehr) so geschockt, dass ihre Umarmung, begleitet von einem blöden Dauergrinsen, an ihm vorbei geht und sie mit ausgebreiteten Armen die Bühne verlässt. So eine blöde Szene muss man sich erst einmal ausdenken! Später kommt der König, mutiert als blasierter Salondandy der 1920 Jahre mit beigem Anzug und Sonnenbrille, wieder zurück und verstößt ziemlich unglaubwürdig seinen Sohn, nachdem Phädras Zofe Oenone (Kathleen Morgenever), die sich auch nicht entscheiden kann ob sie für oder gegen Phädra ist, ihm erklärt, dass Hippolyth sich seiner Stiefmutter gegenüber daneben benommen hätte.  Während das Drama seinen Lauf nimmt, kommt die nun büßende Phädra –  diesmal im blutroten Reifenrock aus der Zeit von Schillers Übersetzung – auf die Bühne und verkündet, dass das tödliche Gift schon durch ihre Adern laufe. Dann führt sie einen sehr lauten und lächerlichen Slapstick-Totentanz auf (der ihr sicher viele blaue Flecken bereitet hat) bis endlich der Tod sie erlöst (und uns).  

Die Darstellung der Protagonisten passt zur uninteressanten und teilweise ironischen Regie von Stephan Kimmich. Entsetzliches Geschrei löste unverständliches Geflüster ab (man war dann und wann geneigt, auf die englischen Untertitel zu schielen, aber die waren, da weiß auf grau, auch nicht zu lesen).  Und das ewige Gerenne an die undurchdringlichen Mauern, stumpfte mit der Zeit deutlich ab.

Schiller hat diesen großartigen Text von Jean Racines Phèdre in weniger als einem Monat übersetzt – auf dem Totenbett sozusagen!

Schade!

 

Christa Blenk

 

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Norway Today

Christa Linossi
Foto: Christa Linossi

 

Das Zwei-Personen-Drama Norway Today ist ein modernes Theaterstück des Schweizer Dramatiker und Regisseur Igor Bauersima (*1964). Er hat es als Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Düsseldorf geschrieben und bei der Uraufführung im November 2000  selber Regie geführt.  2001 bekam er  im Rahmen der Mülheimer Theatertage die Publikumsstimme und Bauersima wurde in der Kritikerumfrage von Theater heute zum deutschen Nachwuchsautor desselben Jahres gewählt.  2003 und 2004 war Norway Today das meistinszenierte Stück auf deutschen Bühnen und wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt.  2002 und 2004 bekam er den Nestroy Theaterpreis in der Kategorie Beste Ausstattung und Beste Regie.

Die zwanzigjährige Julie ist eine moderne Romantikerin und ist es leid zu leben. Sie will sich umbringen und sucht übers Internet Gleichgesinnte, damit sie nicht alleine in den Tod gehen muss. In einem Chatroom lernt sie den etwas jüngeren August kennen und steigt mit ihm auf einen schneeverwehten Berg in 600 Meter Höhe irgendwo in Norwegen um dort in den Tod zu springen.

Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit; Bauersima hat davon in der Zeitung gelesen. 

Die elf Schüler der Schauspielfabrik haben als Abschlussarbeit ihres drei-Montatskurses unterschiedliche Szenen aus dem Stück gespielt. Meist das Ankommen auf dem Gipfel. Jede Szene hat ihre eigene Dramatik bzw. ihren eigenen Humor. Da ist Augusta Nummer 1. Sie leidet am PMS und muss sich zwanghaft Schokoriegel und Salzgebäck in den Mund stecken, was sie aber nicht daran hindert, wasserfallartig über den geplanten Selbstmord zu reden, zu dem Julie sie animiert. August Nummer 3 hingegen versteht einfach nicht, wieso man 5 Stunden – mit Proviant – auf einen Berg klettert und dann – vor dem Essen – von diesem zu springen. Die vierte Szene mündet von anfänglichem Frieden in große Theatralik. Die beiden jungen Leute liegen – jeder in seinem – Schlafsack. August schnarcht und Julie kippt ihm eine Flasche Wasser über den Kopf um ihn zu wecken. Die Szene spitzt sich zu bis Julie mit verletztem Bein am Boden liegt, August abzieht und nicht nur Julie aufgewühlt zurücklässt.  Der letzte August steht mit sich selbst im Dialog. Er ist in Julie verliebt und will ihr näherkommen, glaubt aber nicht daran, weil sie zu schön für ihn ist.

Die einzigen Requisiten sind Rucksäcke und ein paar Decken, sowie Musik- und choreografische Einlagen. Manchmal wurde die Angespanntheit vielleicht mit zu viel Schreien demonstriert, aber ansonsten ein interessanter Theaterabend ohne déjà-vu mit dem Sophies, Sarahs oder Martins der nächsten Theatersaisons.

 

Szene 1: Aniella als Julie, Olivia als August(a)

Szene 2: Denise als August(a)

Szene 3: Luisa als Julie, Tom Garus als August

Szene 4: Carlotta Kettel als Julie, Maximilian Väth als August

Szene 5: Katherina als Julie, Maximilian Eller als August

Szene 6: Kim als Julie, Paul als August.

 

Christa Blenk

 

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König Ubu

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Gefräßig, feige, machtbesessen, skrupellos, hinterhältig, verlogen und rücksichtslos, dummdreist, spießig und egoman – warum kommt uns das so bekannt vor? – ist  Vater Ubu. Dumm ist er auch, aber er hat ja  die ehrgeizige Mutter Ubu, die ihn zum Königsmord anstiftet: denn mehr Geld und mehr Essen kann er nun mal nicht widerstehen.  Und nun geht es erst richtig los – Macht und Geld müssen vermehrt werden und da bleibt ihm nur ein Weg: Alle anderen Reichen, in diesem Fall die Adeligen, müssen weg. Also landen sie in der Enthirnungsmaschine und ihr Besitz bei Ubu. Von nun an nimmt er alles selber in die Hand: Gerechtigkeit, Finanz- und Steuerangelegenheit und das Wohlwollen seiner Untergebenen und reist höchstpersönlich als Steuereintreiber durch die Dörfer. Als es dem Volk dann irgendwann doch zu viel wird, stiftet der legitime Thronfolger einen Aufstand mit Hilfe des russischen Zars an und es bricht ein blutiger Krieg aus, der die Ubus zur Flucht zwingt. Aber die beiden - wie sich das so gehört - fallen natürlich wieder auf die Beine und so wie es aussieht, werden sie sich wohl in Germanien niederlassen – denn dort soll es sehr schön sein ….. 

Großartige Performance der drei Protagonisten, die sämtliche sonstigen Rollen übernehmen. Da wird Mutter Ubu (Linda Pöppel) u.a. zu König Wenzeslas und Zar Alexis und Hauptmann Bordure (Elias Arens) zu Bougrelas und Königin Rosamunde und zum  kriegerischen Volk überhaupt. Der Krieg zwischen den Polen und Russen ausgetragen von Božidar Kocevski (Vater Ubu und Boleslas und Ladislas) und Elias Arens ist eine großartige choreografische und schauspielerische Leistung, die besser nicht sein kann.

Deftig und derb-ordinär Sprache und Optik. Alfred Jarry wäre sehr glücklich mit dieser Aufführung gewesen, die außer ein paar Papierpuppen, einem Mikrofon und Schaumstoffklötzen gar nichts braucht.

Die Uraufführung in Paris 1896 löste einen großen Skandal aus. Das Publikum war entsetzt über die vulgäre Sprache und über die Absurdität des Erzählten. Es gab Prügeleien im Publikum und das Stück wurde nach der Premiere sofort wieder abgesetzt. Der einzige befürwortende Kritiker entlassen!

« Man wird zugeben, dass die Ereignisse der letzten zwanzig Jahre Ubu eine unerhörte prophetische Bedeutung zusprechen » das schrieb André Breton 1950 und heute können wir es einfach nur genauso wiederholen!

Als Jarry das Stück über Mißgunst und andere niedere Instinkte – eine Parodie auf seinen Physiklehrer –  1888, fünfzehnjährig, mit ein paar Freunden als Marionettenspiel aufführte, hätte wohl niemand vermutet, dass es nur 10 Jahre später das komplette  Welt-Theater revolutionieren würde.

Der Ungar András Dömötör führte Regie. Er hat die Marionettenidee übernommen und alle Nebenpersonen als Papierpuppen tanzen lassen (darunter sogar einige uns sehr bekannte aktuelle Politiker!). Eine Gratwanderung zwischen leicht-lustig und derb-ordinär, die nicht ein einziges Mal abrutschte. Brillant interpretiert von dem großartigen Trio Elias Arens, Božidar Kocevski, Linda Pöppel.

Christa Blenk

 

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WUT – am Deutschen Theater Berlin

WUT

 

„Singe den Zorn, oh Göttin“

Prometheus will Zeus überlisten. Er opfert ihm ein Tier, behält aber die besten Stück so dass für Zeus eigentlich nur Knochen und Fett zurückbleiben. Zur Strafe lässt ihn der Göttervater im Kaukasus in Ketten legen und schickt jeden Tag den Adler, der an seiner Leber knabbert, bis er endlich vom Titanen-Held Herakles von der Qual erlöst und frei wird.

Die Ilias, Europides, König David, Sigmund Freud und Martin Heidegger, Politik und Hilflosigkeit sind die Zutaten für WUT. Keine leichte Kost.

Wut ist Raserei, Leidenschaft, unbeherrschter, peitschender Wahnsinn den man pflegen muss, solange er warm ist. Denn abgekühlte Wut wird lauwarm, zahm.

Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ist eine harte, sarkastische sozial-politische Provokateurin. Nach dem Attentat auf die Charly Hebdo Redaktion und auf einen jüdischen Supermarkt in Paris im Januar 2015 lässt sie ihren Zorn an Wörtern aus und schreibt WUT. Hierbei räumt sie gleich mit allen Religionen und Göttern auf und mit der ganzen Welt auf.

„Nehmen wir einfach mal Zeus. An ihn glaubt eh niemand mehr, da kann nichts passieren“

In Smoking und Abendgarderobe, small talkend und blasiert Champagner trinkend, der auch nur Wasser ist, wie sich später herausstellen sollte, stehen die Protagonisten Andreas Döhler, Sebastian Grünewald, Linn Reusse, Anja Schneider und Sabine Waibel fast gelangweilt auf der Bühne, sie bewegen sich unsicher. Keyboard Hintergrund-Aufzugsmusik und Soft Jazz begleiten dieses unbeteiligt wirkende Gehabe. Aber das war es natürlich nicht. Plötzlich bricht Aggression aus und die laue Musik wird ohrenbetäubend und überschreitet sicher die erlaubten Dezibel.  Ein „göttliches“ Fingerschnippen macht aus der gekonnten WUT-Lichtreklame ZORN. Mit jedem Bild änder sich dann diese Lichtinstallation  und wird zu KILL, LIVE, ASYL. Nach und nach kommen Religionsfanatiker aller Couleur an das Mikrophon, und versuchen ihr mörderisches Tun zu rechtfertigen. Döhler ist ein Wutbürger in einer Wut-Welt und tut dies mit sächsischem Akzent!

„Wenn alle tot sind ist alles gleich“

Wir kennen die Namen der Täter, aber kennt einer von Euch (ins Publikum) die Namen der Opfer? Weiß natürlich keiner, ist ja auch schon zwei Jahre her und Döhler googelt sie für uns.

Die rasende Wut wird auch textlich immer schneller und schwieriger.

„Wir sehen, wir sehen, ja, uns hat man jetzt die Augen geöffnet, jetzt, da es zu spät ist“                         

Die salonfähigen Nobelbürger haben sich daran gewöhnt, wie die täglichen  breaking news im Radio- und Fernsehen von anderen, frischeren breaking News oder Tragödien abgelöst werden und die gerade noch Aktuellen in die Vergessenskiste wandern. Ein zerbeultes Auto, das Columbo alle Ehre gemacht hätte, rollt mit einer jammernden Elfriede Jelinek (Sabine Waibel mit Perücke und Lippenstift im Elfriede-Look ) auf die Bühne. Allgemeiner Kostümwechsel, nun trägt man Götter- oder Terroristenlook. Später muss Sebastian Grünewald als nackter Jesus sein Kreuz tragen. Er legt es aufs Auto und sich selber dann darauf. Das Gockelkostüm, mit dem er zum Schluss überrascht, habe ich nicht verstanden. Und dann fliegt uns, dem Publikum, das Jelinek Stück in Form von losen Blättern um die Ohren

„In der Wut gibt es keine Zweifel“ – „I wish I understood“.

Jelinek überfordert zwar nicht die Schauspieler, die sind großartig, aber uns schon ein wenig. Man wird in diesen 150 Minuten komplett mit Worten, Thesen und Konzepten überhäuft, richtiggehend zugeschüttet und kann nicht immer direkt folgen. Manche Szenen dehnen sich aus und wollen einfach nicht enden. Man kann nicht mehr und das, obwohl Martin Laberenz aus den Münchner vier Stunden nur 150 Minuten gemacht hat – sehr intensive allerdings!

„Den Geist hat vielleicht Heidegger noch gebraucht, und er hat geglaubt, dass auch andere ihn brauchen, nun, ich brauche ihn nicht.“

Martin Laberenz hat aber immer wieder geschickte und überraschende Komik- Situationen eingefügt, und wir können trotz Maschinengewehr-Salven (mit auf das Publikum gerichteten Waffen) das Lachen nicht verhindern, wenn Döhler sich über die Plastiksektgläser beschwert und über den Inhalt, der nicht mal Apfelschorle ist oder wenn Grünewald en passant mitteilt, wie froh er darüber sei „nicht zum festen Ensemble“ de DT zugehören.

„Nicht weinen um die Toten! , ich glaube, die wollen das gar nicht, dass man um sie weint, es ist eine narzisstische Kränkung für sie, erst durch das Weinen ist ihr Tod beglaubigt und bestätigt“

Was bleibt ist letztendlich ausufernde Hilflosigkeit und ein Haufen Papiermüll auf der Bühne und im Theater. Aber beeindruckend war es!

charly
Blumen für die Opfer

 

Die Premiere in Berlin fand im März 2017 statt; ihn München schon ein Jahr vorher.

Christa Blenk

 

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Je suis Jeanne d’Arc – Gorki Theater Studio

„Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“ (Schiller, Johanna von Orleans, 5. Akt)

 

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vor der Aufführung im Gorki Studio

 

Der französische Regisseur Mikaël Serre hat sich Schillers Tragödie Die Jungfrau von Orleans vorgenommen und es auf die jetzige Zeit und das aktuelle Aufkommen von Patriotismus und Nationalismus begleitet von Flüchtlingsdramen, Terroranschlägen und die allübergreifende Hilflosigkeit von Politik und Gesellschaft übertragen – sei es in Deutschland, in Frankreich oder der Welt.

Die züchtige und gläubige Schäferin Johanna, wird in der Zeit des 100-jährigen Krieges im 15. Jahrhundert als Jeanne d’Arc zur Retterin Frankreichs und zur Nationalheldin. Sie vertrieb die Fremden (Engländer) von französischem Boden, krönte Charles VII, wurde als Häretikerin verdammt und bei lebendigem Leib verbrannt. Daraus hat Schiller eine romantische Tragödie gemacht.

Die Bronzestatue der Heldin Johanna steht im ersten Arrondissement in Paris und ist zum Kultort des Front National geworden, wohin diese regelmäßig pilgern und durch die Presse breittreten lassen.

Mikaël Serre hat Schiller defragmentiert, eine Art Slapstick-Tragikomödie daraus gemacht, die die Zuschauer ständig zwischen Lachen und Weinen pendeln lässt. Es ist auch eine Abrechnung mit der französischen Geschichte und während unter dem dominierenden Kreuz in der Kirchenschiff-förmigen Bühne von Nina Wetzel über Trennung von Kirche und Staat gesprochen wird, werden Schillers noble Aufklärungswünsche über Menschlichkeit und Empathie von Hasstiraden der wütenden und verlassenen Pariser Vorortbewohner zertreten.

Bourgogne (Aleksandar Radenkovic) will Burgunder trinken, reißt sich die Kleider vom Leid und versucht mit großem körperlichen Einsatz auf einem Strohsack über das Meer zu schwimmen. Er kommt dabei ums Leben. Die Videoprojektionen von Sébastien Dupouey zeigen die Terroranschläge in Paris,  glückliche Strandbesucher, verklärte Engel aus der Stummfilmzeit, den Massenkonsum und religiöse Symbole. Anspielungen auf Charly (Hebdo oder Brown?) wechseln sich mit einem crossover-Musikarrangement von Nils Ostendorf ab. Die Schauspieler tragen zum Teil historische Kostüme, leicht verfremdet die dann später zweckentfremdet werden. So wird der Mantel des weinerlichen Weichei-Königs (Faliou Seck) zur Pferdedecke für Jeannes Gaul. Sie durchschaut aber den Betrug und ruft plötzlich „Du bist kein Pferd“ – alle lachen und das Nicht-Pferd wird abgemetzelt.

Um die abfallende Stimmung ein wenig aufzurichten, erzählt Jeanne in bewundernswertem Rattertempo einen Witz, der eigentlich keiner ist und nur ihr selber ein erzwungenes Lachen abringt. Man vergisst im Verlauf der ca. 80 Minuten, wer die Guten oder die Bösen sind, man vergisst auch worum es geht. Eigentlich dürfte man gar nicht Lachen, denn weder Stoff noch Geschichte geben Anlass zum Amüsement.

Es dauert lange bis Jeanne (Marina Frenk) schließlich aus ihrer Ecke ins Geschehen tritt. Die Jungfrau mit Kreuz und Fahne poltert ihren Text herunter, der von Schiller aber auch aus allen politischen Ecken kommen könnte und überzeugt schließlich König und Gefolge nach Bestehen des Jungfrauentestes, dass sie eine von  Gott Gesandte ist. Ähnlich einer Götzenbeschwörung sieht man Marine le Pen auf der Leinwand, die von einer Schweinemaske in Ektase betanzt wird. Schillers Text wird mit politischen und philosophischen Zitaten aus der französischen und Weltpolitik aufgemischt und es geht hin und her zwischen rechts und links und ganz rechts und man singt „Avancer, avancer“. Beide, Bâtard Dunois (Mehmet Yilmaz für den ausgefallenen Till Wonka) und La Hire (Aram Tafreshian) wollen Johanna zur Frau damit sie endlich des Weibes Pflicht erfüllen kann und feilschen um ihre Gunst. Sie lehnt ab, stapft energisch von der Bühne und aus dem Delacroix- Männergruppenbild mit Fahne, um sich den kurdischen Frauen anschließen.

Aber diese Aneinanderreihung von Gemeinplätzen wäre auch ohne Schiller möglich gewesen,  Geschadet hat es allerdings auch nicht.

Die Premiere fand im Dezember 2015 statt – vier Wochen nach dem Pariser Bataclan Attentat und ein knappes Jahr nach Charly Hebdo!

Für Serre ist es nicht das erste Mal, dass er am Berliner Maxim Gorki Theater arbeitet. « Deutschland ist der Ort, an dem ich mich ausdrücken kann » – sagte er vor ein paar Jahren als er im Jahre 2009 Camus’ Fremden und ein Jahr vor  Schillers Johanna von Orleans   die Pädagogische App Performance The Rise of Glory dort inszenierte.

Christa Blenk

 

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Theater-Collage in der Schauspielschule

Auf dem Sofa

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Street Art San Lorenzo

 

Am 9. April fand das Frühlingsfest der Schüler Schauspieltraining-Berlin in deren Räumen in Charlottenburg statt.

Die Studenten aller Altersklassen spielten, tanzten und sangen und die Schülerinnen der orientalischen Tanzklassen präsentierten ihre Bauchtanzeinstudierungen. Die Leiterin Christine Kostropetsch stellte ein umfangreiches und abwechslungsreiches Programm zusammen, das Christian Miebach großartig musikalisch begleitete.

U.a. spielten die Studenten Ausschnitte aus bekannten Theaterstücken wie „Fräulein Julie“ von August Strindberg, « Das Kalkwerk » von Thomas Bernhard (sehr gut Paul, der später noch bei « Interview mit fiesen Männern  » von David Foster Wallace auffallen sollte) „Die Heirat“ von Gogol (großartig Wanda, die schon bei einem anderen Stück von Sathyan Ramesh auf sich aufmerksam machte) oder Sketsche von Loriot („Maskenbildner“ mit Colin, Christian und Kerstin war eines der highlights); Nina sang – ziemlich gut – „Roxanne“ von The Police. Am schwierigsten wohl ein kurzer Auszug aus „Herrinnen“ von Theresia Walser bei dem Carlotta, Kamilla, Mara, Sandy und Simone erfolgreich versuchten, den Spannungs-Pegel nicht absinken zu lassen.

Das Bühnenbild bestand aus einem Sofa – das vor allem beim Maskenbildner zum Einsatz kam und ansonsten die Wartezone war – sowie einer  Flasche Wein, ein paar verstellbaren Tischen und natürlich schrägen Kostümen!

Wir verlassen diese kurzweilige Veranstaltung mit einem Lächeln auf dem Gesicht! Was will man mehr?  Und wer weiß – vielleicht sehen wir die Eine oder den Anderen demnächst in einem großen Theater!

 

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Christa Blenk

 

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Faust – Frank Castorfs Abschiedsveranstaltung an der Volksbühne

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Eingang zur Hölle (eine Referenz an Fellinis 8 1/2?)

 

Unsortierter Puzzle-Zitatenberg aus der Faust-Bouillabaisse

« Irgendeinen Sinn muss das Ganze doch haben. Was bedeutet es? Und wenn es nichts bedeutet, warum dauert es dann so lang? »

Dieser Satz wurde im zweiten Akt zu einem der großen Lacher in diesem unabhängigen, berauschenden, unvergesslich-ausschweifenden, politisch-antikapitalistischen, witzig und sehr musikalischen, akrobatischen, überladen- ausuferenden und imponierend-strapaziösen Roadmovie Faust der mit der Büchse der Pandora unterwegs ist und in Paris spielt vor dem Hintergrund des Algerien-Unabhängigkeitskrieges. An- und Abfahrtsort ist die Metrostation „Stalingrad“.

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“

Immer dann, wenn man gerade dabei war zu vergessen, dass es um den Faust geht oder überhaupt vergessen hat worum es eigentlich geht, kommt wieder ein Goethe-Zitat daher gebrüllt und stellt unsere kleine Welt wieder gerade.

Jaques Brels „Ne me quittez pas“ singt – in deutscher Fassung – Gretchen/Helena (Valery Tscheplanowa) gleich zu Beginn  indem sie versucht ihre Hand aus dem Reagenzglas mit dem Embryo zu ziehen. Eine der Andeutungen auf den Abschied von Frank Castorf, der nach 25 Jahren die Volksbühne verlässt. Eine gloriose Abschiedsveranstaltung mit vielen bedeutenden Volksbühnen-Darsteller  wie  Martin Wuttke, Marc Hosemann, Valery Tscheplanowa, Sophie Rois oder Alexander Scheer. Sogar vor dem Theater findet eine Art Abschiedshappening statt und vor dem großen Rat – das übrigens auch weg soll – steht ein mit Blumen geschmückter Sarg auf dem Danke steht“.

Castorf bedient sich in diesem Faust-Pool wann immer es ihm gerade in den Sinn kommt – was nicht unbedingt immer Sinn machen muss oder dieser sich dem Publikum nicht immer erschließt. Er lässt uns aber trotzdem nicht los oder zur Ruhe kommen, obwohl durchaus ein gewisser Castorf-Sadismus dem Publikum viel abverlangt und man bei einigen gewollten Längen schon mal den Rücken spürt und sich das Ende herbei wünscht! (wie sagte Andy Warhol einmal von einem seiner Filme sprechend?: Wenn sie drei Stunden aushalten können – gib’ ihnen sieben!) Das dauert aber meistens nicht lang genug und dann kommt wieder ein origineller Peitschenschlag oder eine komische Einlage, ja, es gibt durchaus Lacher in diesem Faust und wäre das Stück hier vier Stunden kürzer, hätte es Unterhaltungstheater pur werden können. Aber diese Ambition kennt Castorf nicht! Er sagt ja selber, dass man mit dem Faust alles anstellen könne.

„Werd’ ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!

Martin Wuttke ist noch viel mehr als großartig, vielleicht seine beste Rolle. Er ist einmal ein hässlicher Sabbergreis, ein ernst-trauriger Faust, ein ängstlich-unsicherer Pudelhalter, ein bombenlegender Partisan in der U-Bahn und ein schelmisch mit quietschendem Kinderdreirad und die algerische Flagge schwingend über die Bühne fahrend Trauriger – mit Zylinder, mit Greisenmaske, singend, tanzend oder mit Iggi Pop Langhaarperücke. Irgendwann zu Ende hat er auch plötzlich die Augen des Hölleneingangs! Immer gehen seine Monologe durch Mark und Bein und erschüttern, aber er bringt uns auch zum Lachen. Er ist der Mittelpunkt des Abends und immer wenn er auftaucht, wenn es noch glänzender.

Brillant das Ende des ersten Aktes wenn er mit der Hexe (Sophie Rois) zum Akkordeonspiel von Sir Henry einen Tanz hinlegt. Es gehört zu den Highlights des Abends. Rois beendet den ersten Akt mit dem   »Leiermann » aus Schuberts « Winterreise ». Von Bühnengeschichts-Höhenpunkten und von Schicksalsstunden wird hier gesprochen. Ein großartiges Gespann, die Beiden. Leider taucht Sophie Rois im zweiten Teil nicht mehr auf.

Marc Hosemann ist fantastisch in der akrobatischen Rolle des Mephistopheles und nimmermüde, wenn er sich wie ein  Tarzan durch die Pariser U-Bahn schwingt.

  »Der Worte sind genug gewechselt. Lasst mich auch endlich Taten sehn. » Sagt Lord Byron (Alexander Scheer). Er imitiert gleich zu Anfang einen Stepptänzer-Theaterdirektor der sich mit flämischem Akzent über das provinzielle Programm auf deutschen Bühnen lustig macht, wofür er von Faust-Wuttke in Slapstick-Manier ein Glas Bier auf den Kopf gekippt bekommt. Eine Anspielung auf den ankommenden Direktor? Lord Byron muss dafür für den Rest des ersten Aktes mit einer nassen Jacke rumlaufen.

« Was willst du dich denn hier genieren? Musst du nicht längst kolonisieren“

Der Theaterdirektor ist Daniel Zillmann und er schikaniert seine Truppe nicht schlecht, brüllt sie an, droht mit Schließung und Schlägen – immer dem Herzinfarkt nahe!

„Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“ –„Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.“

Am  Ende von Faust II das heißt „Das Unbeschreibliche – Hier ist’s getan – Das Ewig-Weibliche – Zieht uns hinan“ ist praktisch die ganze Zeit in Form von vier Glitzerfrauen-Grazien (Lilith Stangenberg, Hanna Hilsdorf, Thelma Buabeng und Angela Guerreiro) präsent, die einen kurzen Exkurs in  Zolas Nana Kurtisanenmilieu machen und damit beschäftigt sind, sich von den Enttäuschungen und Verletzungen der Männer zu erholen und sich gegenseitig aufzubauen.  Ansonsten werden u.a. auch Shakespeare und Celan, Jaques Brel, Bob Dylan und immer wieder auch die Musik von Gounod und Wagner zitiert.

Auf die Frage „Wer hat denn noch die Wette gewonnen“? rattert Helena statistische Zahlen herunter und das Ende scheint noch doch noch nicht in Sicht zu sein. Es ist mittlerweile die siebste Stunde, ca. 0.30 Uhr und Wuttke spricht die Drohung „wir haben ja noch ein wenig Zeit“ aus. Dann ist plötzlich wieder viel Aktion auf der Bühne und wir sind froh über diese Androhung!

Alexander Denic hat eine Drehbühne aus post-war, no-future und Caspar Hauser Stall auf der Bühne verschachtelt (der ein wenig an eine Castorf Inszenierung der „Kameliendame“ im Pariser Odeon-Theater vor ein paar Jahren erinnert). Im Mittelpunkt einmal er Eingang zur Metro Stalingrad und natürlich in die rot leuchtende Spelunkenhölle. Der Zug hält nur, wenn man die Notbremse zieht, weil man aussteigen will oder eine Bombe noch schnell rauswerfen muss. Aber die Haupthandlung spielt sich eh auf dem großen Bildschirm ab, über den die Darsteller live gefilmt werden. Ansonsten wird eine Ausstellung über Kolonialismus in Marseille 1906 angekündigt und man sieht Kinoplakate für Horrorfilme.

 

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nach der Aufführung

 

Das Programm des Abends trägt den Titel „Wie man ein Arschloch wird“ und darin geht es um Kapitalismus und Kolonisierung. Castof selber lässt sich in einem längeren Text darüber aus, dass er gerne noch mit Bert Neumann etwas über Döblins Amazonas-Roman gemacht hätte. Einen großen Fluss durch das ganze Haus wollte er installieren, um sich über Ausbeutung durch die Spanier (Karl V) in Südamerika auszulassen. Das wäre sicher ein gewaltiges Oeuvre geworden und die Zuschauer hätten dann ihre Garderobe nicht abgegeben sondern wären mit einen Neopren-Anzug ausgestattet worden, um die sieben oder acht Stunden im kalten Wasser ohne Erkältung zu überstehen!

 

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Abschiedshappening vor der Volksbühne

 

Der Designer Rainer Haußmann, der das Räuberrad vor der Volksbühne 1994 aufstellte (und das zum Logo der Volksbühne geworden ist), will, dass es mit Castorfs Weggang ebenfalls verschwindet. Castorf und viele Mitarbeiter der Volksbühne sehen das genau so. Das  Rad würde für etwas stehen, was es nach Frank Castorfs Weggang nicht mehr geben wird! Ursprünglich war die Skulptur nur als temporäre Installation gedacht, dominiert und ziert aber den Platz nun schon seit 23 Jahren. Jetzt muss aber erst einmal geklärt werden, wem es eigentlich gehört und wo es hin soll! Der Abbau wird sicher ein weiteres Problem für den Castorf Nachfolger Christ Dercon werden, dessen Start – wie es scheint –  jetzt schon unter einem schlechten Stern steht.

Christa Blenk

 

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Combattimento x 2

combattimento Chiaroscuro Consort Ensemble
Chiaroscuro  Consort Ensemble

Zwischen Gebet und Tod oder: was hat eine Wrestler-Arena mit Monteverdi zu tun?

Nach dem ersten Regieprojekt von HfM Hanns Eisler Berlin und der Neuköllner Oper im Februar 2016, bei dem sich drei Regisseurinnen in je unterschiedlichen Produktionen mit der Zauberin Armida befasst hatten, fand an diesem Wochenende die zweite Nacht der Talente in der Neuköllner Oper statt. Auch dieses Jahr nach einem Epos von Torquato Tasso.

Combattimento x 2 ist das diesjährige Projekt von Tristan Braun (Trauma) und Marielle Sterra (Catch3000), beide aus dem Masterstudiengang Musiktheaterregie der HfM. Braun und Sterra setzen sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Claudio Monteverdis dramatischen, achtenMadrigal nachTorquato Tassos Epos “das befreite Jerusalem“auseinander, das wiederum als Grundlage für Monteverdis bahnbrechendes und richtungsweisendes Kriegsdrama“Ilcombattimento di Tancredi e Clorinda“herhielt. Das Madrigal-Drama wurde im Jahre 1624 während des Karnevals im Palast von GirolamoMocenigo in Venedig uraufgeführt.

I: Trauma

Der traumatisierte, christliche Kreuzfahrer Tancredi (Georg Drake) wirft achtlos den leblosen Körper von Clorinda (Isabel Reinhard) auf die Bühne. Er kann es nicht glauben, dass er im Zweikampf seine als Krieger verkleidete Geliebte, die Sarazenin Clorinda, getötet hat. Er dreht, wendet und faltet sie zu Monteverdis schön-rasender Musik, er versucht sie wiederzubeleben, aber ohne Erfolg natürlich. Denn die Geschichte will ja, dass sie stirbt. Verzweifelt wickelt er sie in einen durchsichtigen Plastiksack, den schwarze Hände hinter den Vorhangziehen, dieser öffnet sich und ein minimales Feldlager kommt zum Vorschein.

Um sein Trauma zu verarbeiten, muss er in der Zeit zurückgehen und das Vorher und Nachher beleuchten. Clorinda steht nun einem Heer von wütenden Christen in Springerstiefeln, die ihr Christentum mit vor der Brust gekreuzten Hosenträgern zur Schau stellen, gegenüber, verliert den Kampf, will aber wenigstens das Paradies gewinnen und lässt sich – jedenfalls bei Tasso – kurz vor ihrem Tode noch schnell taufen.

Monteverdis Combattimentodauert nur knapp zwanzig sehr intensive Minuten. Braun hat deshalb weitere Monteverdi-Madrigale und eine Passacaille von Luigi Rossi eingebaut und verlegt die Geschichte kurzerhand ins Paradies, wo eine wütende Clorinda mindestens 1 kg Äpfel zum Tremolo und Pizzicato der MontevediMusik zerquetscht.

Musikalisch ausgezeichnet begleitet vom ChiaroscuroConsort Ensemble.

Trauma
Trauma

 

II: Catch3000

„Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie Shawn im Matsch zu ihm „I’msorry, I loveyou, sagte und ihn dann unter Tränen pinnte.“(Peter NastkeSpecial Guest)

Der Zeremonienmeister und Schiedsrichter verteilt beim Betretender Arena Namensschilder. Wir nehmen unseren Platz ein und sehen uns nun gegenüber auf der Leinwand sitzen und werden somit zu Zuschauern der Zuschauer.

Beim Wrestling geht es um Schmerz, um Niederlage, um Mut und um Gerechtigkeit, offenbart die Managerin von TancrediThe Tankvor dem entscheidenden Match an. Die Bühne ist nun eine Kampfarena, und dort spielt sich Marielle SterrasCombattimentoab. Hier geht es nicht nur um den Kampf zwischen Christen und Muslimen oder Griechen und Trojanern, hier geht es um den Kampf zwischen den Geschlechtern. Eine Kamera ist live dabei, begleitet Kämpfer und Aktion. Der Zeremonienmeister, Schiedsrichter und Erzähler Testo(Aciel Pol)brieft uns vor dem Gefecht und übt mit uns die Ahs, Ohs und Buhs! Unter christlicher Beweihräucherung und aufgestachelt von den Managern Schrappe (Dennis Depta) und Katchy(Kara Schröder) ziehen die Krieger Quicksilver (Eva Hüster) und The Tank (Felix Witzlau) mit furchterregenden Masken in die Manege und wir halten euphorisch und jubelnd unsere Anfeuerungsplakate hoch. Der Kampf beginnt. Als TancrediThe Tankallerdings feststellt, dass es sich bei seinem Gegenüber um Clorinda Quicksilverhandelt, gibt er auf und verlässt die Arena. Er will kein Trauma, wie wir es im ersten Teil erleben mussten.

Das darauf folgende Match wird von Achill und der Amazonenkönigin Penthesilea ausgetragen und wird eher ein Verbales. Die Managerin tritt frustriert ab und der Schiedsrichter bedankt sich beim Publikum fürs Kommen. Hier wird es kein Blut mehr geben, aber dafür wohnen wir einem waschechtes Waterbording (stellvertretend für die Taufe) bei, aus dem schließlich Clorinda / Penthesilea als Siegerin hervortritt. Eine Glanzleistung von Felix Witzlau und Eva Hüster, die zwischen den kurzen Momenten wo sie den Kopf gerade nicht im Wasser haben aber den Kopf des Antagonisten dafür gerade reindrücken, immer noch schön singen oder rezitieren können.

Musikalisch begleitet durch La Flute (MarinelleDell’Eva) am Cembalo.

Catch3000 (1)
Catch3000

 

Brillante Ideen die großartig umgesetzt und interpretiert wurden. Beide Abende waren übrigens ausverkauft!

Die HfM Hanns Eisler Berlin gehört zu den bedeutendsten Musikhochschulen in Europa. Aus ihr kamen u.a. bekannte Absolventen wie Sol Gabetta, Isabelle Faust, Vladimir Jurowski oder Roman Trekel.

Christa Blenk

 

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Friedrich Kiesler – Martin-Gropius-Bau

mde
Ausstellungsplakat – es zeigt « Bucephalus »

 

Seit dem 11. März zeigt der Gropius Bau eine Ausstellung über Friedrich Kiesler: Architekt, Künstler, Theoretiker und Visionär – ein Tausendsassa der Moderne

400 Fotos, Zeichnungen, Pläne und Modelle vom Raumtheater bis zum Raum-Zeit-Projekt Endless House sind zu sehen. Hin und hergerissen ist man zwischen expressionistischem Dadaismus, Surrealismus und schlichtester Architektur à la De Stijl von Mondrian.

Kunstgattungen zerriss und sprengte er hemmungslos und sein Konzept eines endlos sich dahinziehenden Raumes (Raumbühne) ist nicht leicht zu verstehen. Seine Theorien zählen zu den großen Visionen des 20 Jahrhunderts, er kommunizierte mit der Avantgarde und hatte zu allen aktuellen Konzepten seine eigenen, sehr speziellen, Ideen und entwickelte permanent ungewöhnliche Interpretationen. Viele seiner Ideen wie der Mensch leben oder Konzerte hören sollte wurden später durchaus realisiert, wie der Konzertsaal, bei dem die Bühne in der Mitte ist. Es ist die erste Ausstellung dieses österreichisch-amerikanischen Künstlers in Berlin, der 1890 in Czernowitz geboren wurde und 1965 in New York verstarb.

Im Berlin der 20er Jahre unter unzähligen Kunsttendenzen und dem expressionistischen Film wie Paul Wegeners Golem, Murnaus  Nosferatur oder Fritz Langs Dr. Mabuse war der Revolutionär Friedrich Kiesler (1890-1965) gerade richtig. Die Ausstellung beginnt mit dem elektro-mechanischen Bühnenbild zu „W.U.R. (R.U.R.) Werstands Universal Robots. 1923 kam es am Theater am Kurfürstendamm mit großem Erfolg zur Aufführung. Das Stück vom tschechischen Schriftsteller Karel Čapek ist 1920 erschienen und hat Kiesler sofort angesprochen. Auch er – wie Čapek – kommt aus dem Land des Golem, da lag die Idee, einen künstlichen Menschen zu erschaffen, der als billige und rechtlose Arbeitskraft die Weltwirtschaft verändern sollte, nicht so weit weg. Dieser Androide, dieser Roboter – Čapek hat das Wort übrigens erfunden – hat andere utopische Schriftsteller wie Huxley oder Orwell inspiriert.  Werstand (Verstand) heisst übersetzt Rozum im Tschechischen.

Kiesler geht 1926 nach New York – er sollte dort nach dem Pariser Erfolg – ein weiteres Mal seine „International Theater Exposition“ organisieren. Schlägt sich später u.a. auch als Dekorateur für Schaufester schicker Geschäfte wie Saks 5th Ave durch. Er entwirft Möbel und Lampen und arbeitet an seiner Vision des Einfamilienhauses, sein  Space House. In den 30er Jahren endlich gelingt ihm der Theaterdurchbruch mit dem Bühnenbild zu George Antheils Oper „Helen Retires“, was ihm eine Anstellung an der Juilliard School of Music verschafft. Später wird er das Laboratory for Design Correlation an der Columbia Universität New York leiten und entwickelt die Correalismus-Theorie, die von einem Designansatz ausgeht, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Er entwickelt die Vision Maschine und schreibt zwei Bücher, die aber nicht veröffentlicht werden. Auch seine Architektur-Entwürfe, bis auf einen, werden nie realisiert. Das einzige Gebäude das der Architekt und Künstler Friedrich Kiesler baute, steht in Jerusalem und beherbergt die Schriftrollen von Qumran. Der Rundbau Shrine oft he Book konnte ein paar Monate vor seinem Tod eingeweiht werden.

Sein spektakulärer Ausstellungsraum für die Peggy Guggenheims Galerie „Art of This Century Gallery“ ist in der Ausstellung nachgebaut und bildet das Highlight dieser. Weitere Bühnenarbeiten u.a. zu Darius Milhauds Musik Le pauvre Matelot (der arme Seemann) folgen. In den 1950 Jahren arbeitet Kiesler an einer Skulptur für das Glass House von Philip Johnson (Galaxy). In den 1960 er Jahren entstehen Aluminium Skulpturen wie „Bucephalus“. Sie ist, wie sein komplettes Werk, der Kategorie des  endless house zuzuordnen, welches sich wie ein roter Faden durch sein Leben und Werk zieht. Im MoMA darf er 1958 ein begehbares Modell im Garten aufstellen.

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung in Wien, die seit 20 Jahren den Nachlass des Künstlers betreut. Wirklich ansprechend ist sie nicht, sehr technisch und sicher sehr interessant für Architekten. Vor allem aber vermisst man mehr Infomationen oder Filmausschnitte der bahnbrechenden Theaterinszenierungen.

Die Ausstellung im Martin Gropius Bau ist noch bis zum 11. Juni 2017 zu sehen.

Christa Blenk

 

 

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Der eingebildete Kranke von Molière in der Schaubühne

 der eingebildete Kranke
Renato Schuch, Ulrich Hoppe, Peter Moltzen, Jule Böwe,
Felix Römer, Regine Zimmermann
Foto: (c) Katrin Ribbe

 

Am französischen Hof von Ludwig XIV ging es nicht unbedingt hygienisch und blitzsauber zu; das ist bekannt. Es ist auch bekannt, dass er mit seinen Zähnen Probleme hatte und deshalb nicht kauen oder verdauen konnte; Waschen war auch eher ein ungebräuchlicher Begriff – wozu auch -  es gab ja schließlich das (französische) Parfum? Dieses wurde zwar schon vor über 7000 Jahren erfunden, aber natürlich auch, um schlechte Gerüche zu überspielen. Andere hielten sich Minze unter der Nase, aber am französischen Hof jedenfalls wurde Parfum literweise verbraucht!

Michael Thalheimer hat sich wohl an den Konditionen am französischen Hof zu Zeiten von Molière, Lully und dem perückenbestückten und rüschchenverzierten König Ludwig XIV bei seiner Inszenierung des Eingebildeten Kranken orientiert.  Argan trägt eine Leggins, wichtiges Kleidungsstück der Noblen früher,  unter seinem rosaroten Rock und seine Frau ist in ein Kleid von Madame de Maintenant gewandet, sie allerdings oben ohne.

Das Bühnenbild besteht aus einem weiß gefliesten, konstruktivistisch-sterilem Quadrat und sieht aus wie eine unbefleckte Operationsraum-Zelle  – jedenfalls in den Anfangs-Sekunden.  Argan wird seinem Rollstuhl sitzend hereingependelt und jammert. Die Körperflüssigkeiten, die der Kranke dann ausscheidet oder ausspuckt, Einläufe und Blut aus der Konserve versauen komplett den ehemals so picobello sauberen Ort. Aber so kann wenigstens Argans Testament im eigenen Blut auf der Wand – ermutigt durch das hinterlistige Betreiben der schlangenfalschen Ehefrau – verewigt  werden. Stotternd, trampelnd und von der Seite treten nach und nach die gruseligen Protagonisten auf. Ein Slapstick, der aber nicht zum Lachen bringt, so wie die ganze Komödie hier nicht allzu viele Lacher hergibt. Manchmal ansatzweise, aber eine durch Lachen befreite Wohlfühlstimmung soll ja auch nicht auftreten, es soll eher das Leid der Reichen im 17. Jahrhundert gezeigt werden.

Begleitet werden diese 100 Minuten von mal laut und mal leiser nervender und monotoner Hintergrund-Computermusik von Bert Wrede die wohl versuchen soll, ein wenig Ordnung in das schmutzige Chaos zu bringen, manchmal hindert sie aber das Publikum daran, alles zu verstehen. Molière hätte dieses unkoordinierte und laute Treiben im Quadrat wahrscheinlich sogar recht witzig gefunden.

Mit Andreas Gryphius’ Hölle: Mord! Zeter! Jammer! Angst! Kreutz! Marter! Würme! Plagen! Pech! Folter! Henker! Flamm! Stanck! Geister! Kälte! Zagen  geht es los und hört es auch auf! Traurig und deprimiert verlässt er – gehend und nicht im Rollstuhl – sein gefliestes Höllen-Gefängnis von Enttäuschung, Schmerz und eingebildeter Krankheit.

Peter Moltzen ist ein intensiver, spuckender, hustender und keuchender Argan, der sich in seinem Schmutz und in seinen Krankheiten mit viel grimmiger Freude auf seinem Rollstuhlthron und in seinen dreckigen Windeln suhlt. Was ihm genau fehlt weiß er nicht und will er auch nicht wissen. Er sieht immer schlecht aus, hat aber ansonsten durchaus Appetit auf Gebackenes und Gebratenes. Regine Zimmermann ist die freche Hausdienerin Toinette und spielt ihm sehr überzeugend auch einen zufällig vorbeikommenden Rotkreuz-Arzt vor, um ihm endlich die Augen zu öffnen. Jule Böwe ist die berechnende Ehefrau Béline, die Töchter sind Iris Becher und Alina Stiegler, die eine im Reifrock mit Cowboystiefeln, die andere auf Rollschuhen. Felix Römer spielt einen ausgesprochen dämlichen Cléante aber noch doofer ist der Arztsohn Thomas (Renato Schuch). Ulrich Hoppe ist der abgefeimt-schäbige und einschmeichelnde-heuchlerische Arzt Diafoirus. Argans toter und einarmiger Bruder (Kay Bartholomäus Schulze) verblutet praktisch vor den Augen des Publikums, obwohl er als Toter eigentlich eh schon blutleer sein sollte. Allesamt sehen sie zum Erschrecken aus und wenn alle Gruselbrüder einmal auf der Bühne sind, können durchaus Alpträume hervorgerufen werden.

Molière hat sich ja am Ende seines Lebens fast nur noch  mit leichtem Theater befasst und dazu gehörten  und vor allem Ballettkomödien zu Lullys Musik. Deshalb geht dem Theaterstück normalerweise eine lange Tanzszene voraus. Uraufgeführt wurde dieses letzte Werk von Molière 1673 in Paris mit ihm höchstpersönlich in der Hauptrolle; er starb bei der vierten Vorstellung auf der Bühne.

Olaf Altmann hat das Bühnenbild entwickelt, Michaela Barth die Kostüme entworfen und Michael Thalheimer die Regie. Der Eingebildete Kranke ist schon sein zweiter Molièrean der Schauühne  nach Tartuffe 2013. Dieser Kranke war auf 100 Minuten gekürzt in der Übersetzung von Hans Weigel – mehr hat man dann auch nicht gebraucht!

Aber trotzdem durchaus sehenswert!

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Christa Blenk

 

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Unterwerfung

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Dominique Cozette – liberte-egalite-fraternitete (2011)
168×226 cm

 

François ist Mitte 40, Literaturprofessor und Spezialist auf dem Gebiet der dekadenten Literatur, vor allem was den Schriftsteller Huysmans angeht. Er ist der Erzähler der Geschichte und so wie es aussieht – hält er sich im Krankenhaus auf (ob aus psychischen oder physischen Gründen oder beides – bleibt dem Zuschauer überlassen). Die weiteren Hauptdarsteller sind Ärzte, Pfleger oder Krankenschwestern, die sich aber kurzerhand – wenn François  gerade mal aus seiner Depression ausbricht und in Erzählzwang gerät – in Miriam, seine Kollegin, einen Kollege, in Martine Le Pen oder in Mohammed Ben Abbes verwandeln. Frankreich, Europa und er sind krank.

Alles was passiert – und das ist außer Reden nicht viel – passiert um das bewegliche Bett herum. Die Papiertreppe inmitten der Bühne zeigt gleich, dass es ein Entkommen nicht geben wird, der Welt auf wackeligen kranken Beinen steht und der Himmel darüber – ebenfalls aus durchsichtigem Papier – bekommt mit dem Herabsenken der Kamera schon die ersten Risse.

Wir sind in Frankreich, in Paris, genauer gesagt, an der Sorbonne und man schreibt das Jahr 2022 – die Zeit der französischen Wahlen. 

François kommentiert die politischen Machtverhältnisse in Frankreich und das Übereinkommen der Bruderschaft der Muslime mit den anderen traditionellen Parteien, um dem Front National mit Marine Le Pen keine Chance auf den Präsidentenstuhl zu geben. Er versteht und spürt  in seinem gleichgültigen Existenzialismus doch die Anspannung und die Unsicherheit  obwohl er, um mit seinen Worten zu sprechen, so politisiert wie ein Handtuch ist. Sein Hauptinteresse gilt dem Schriftsteller Huysmans. Und dann gibt es da noch die Frauen, seine Studentinnen, zu denen er regelmäßig  nicht emotionale Beziehungen unterhält – eine Ausnahme ist Miriam, aber die geht mit ihren Eltern nach Tel Aviv und lernt Jemanden kennen – oder Escort-Beziehungen, die ihn zwischen den Studentinnen über den Sommer bringen und ihn für kurze Zeit aus dem dunklen Loch holen. Er tut uns leid, hat Schmerzen und weiß nicht wohin mit seinen Sorgen.

Er bekommt eine Kündigung, weil die Universität keinen Laizismus mehr dulden kann, ist dann doch neidisch auf das hohe Gehalt der Kollegen, die geblieben sind, schmeißt sich in einem Smoking und wartet, bis ihm die Decke buchstäblich auf den Kopf fällt und er, wahrscheinlich irgendwie befreit und froh, über die Ruinen seiner Papierwelt tänzelt und  Bühne wie Welt verlassen darf.

Steven Scharf spielt einen unsicheren, fast bemitleidenswerten Lehrer, der verloren nach einem Sinn sucht und das tut er sehr gut. Die afroamerikanische Schauspielerin Lorna Ishema  übernimmt alle Frauenrollen (Krankenschwester/Marie-Françoise Tanneur, Kollegin an der Uni/Reporterin/Marine Le Pen, Front National/Myriam, Studentin und Ex-Freundin). Sie glänzt überall, vor allem aber als Madonna und Marine Le Pen. Camill Jammal ist der Chefarzt und Mohammed Ben Abbes, der neue gewählte Präsident; Marcel Kohler ist Reporter, ein Uni-Kollege und ein Zivildienstleistender und Wolfgang Pregler spielt den undercover-Spion und Mann von François’ Kollegin sowie den angepassten und konvertierten Rektor der Sorbonne, den die neue Regierung ganz nach oben katapultiert.

Stephan Kimmig hat das ziemlich überbewertete Mode-Theaterstück nach dem Roman von Michel Houllebecq  sehr minimal inszeniert – mehr braucht es auch nicht. Außer einem Bett auf Rollen hat Katja Hass nur zerbrechliche und verletzliche Requisiten vorgesehen.

Die Premiere fand schon im April 2016 im Deutschen Theater mit großem Erfolg statt.

street Art San Lorenzo - Rom
Street Art San Lorenzo – Rom

Christa Blenk

 

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King Arthur

 

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Mythen-Pasticcio 

Ein abgestürztes britisches Kampfflugzeug auf der Bühne! Na sowas, das war doch noch gar nicht erfunden!

Dieser Satz sollte im Verlauf des Abends öfters ausgesprochen werden. In dem neuen King Arthur der Staatsoper im Schillertheater wird viel geredet. Es ist ein hin- und her zwischen den 1940er Jahren, der Zeit Purcells und der Epoche der Gründung von Britannien durch den sagenumwobenen und legendären König und Englandgründer Arthur im Mittelalter. Aber es geht auch um Liebe, um eine schöne blinde Prinzessin und um Arthurs persönlichen Streit mit dem Sachsenkönig Oswald wegen und um Emmeline! Der große König ist von Nebenhandlungen und Parallelgeschehnissen umgeben, die ihn immer wieder von seinem prominenten Platz vertreiben. Und diese schon durch Purcell und Dryden eingebauten Nebenhandlungen haben den Regisseuren Sven-Eric Bechtolf und Julian Crouch noch nicht gereicht, deshalb haben sie eine weitere Haupt-Rahmengeschichte eingebaut. Und hier ist der Protagonist auch Arthur und dieser hat seinen Vater im Zweiten Weltkrieg verloren.

Arthur, das Kind, hat also Geburtstag und bekommt von seinem, im Rollstuhl sitzenden, grantigen Großvater ein Buch (und zwei Marionetten)  geschenkt. Dieses Buch, aus dem  ihm Großvater oder Mutter abwechselnd vorlesen, ist die Drehscheibe in der Geschichte. Hier steht die schönste Sage um König Artus. Und Arthur verliert sich in seinen Tag-Träumen und in allem was er kennt und weiß oder noch nicht weiß und schickt seine Fantasie auf eine Traumwelt-Reise – wir sind dabei.

 

Gerardo Aparicio
Gerardo Aparicio

König Arthur, ein wenig lächerlich und gespreizt, trägt eine Rüstung, die an C-3PO (so hieß der Begleiter von R2D2 bei Star Wars) denken lässt – obwohl Star Wars noch nicht erfunden war! Zauberer und böse Erdgeister hoppeln als Quasimodos über die Bühne, bräuchten dringend ein Bad und benehmen sich schlecht. Wotan wird mit fantasievollen Bräuchen gehuldigt „We have sacrificed“. Wagner mit einer allerschönsten Rheintochter-Szene zitiert und die Schäfer-und Schäferinnenszene „How blest are Shepherds“ wird von Rollstuhlfahrern und Kriegsverletzten gesungen und gerollt. Cupido fliegt durch Lully-Lüfte à la Benjamin Lazar; der wankelmütige Luftgeist Philidel kommt ebenfalls von oben, wie es sich für ihn gehört. Er landet als Fallschirmspringer in einem barocken Wald und versucht verzweifelt in einer bezaubernden Szene, die richtige Richtung zu zeigen, um den Verfolgern zu entkommen „Hither this way bend“ . Der Kampf des starwar-Arthur gegen seinen Widersacher um Emmeline wird von sizilianischen Pupi ausgetragen, diejenigen, die Arthur zum Geburtstag bekam. Einfach alles wie im Märchen. Nymphen, verführerische Sirenen und immer wieder moralische und pazifistische Botschaften werden in den Raum gestellt – aber zum Schluss muss der kleine Arthur doch in das Flugzeug seines Vaters steigen, dass aber diesmal mit der Schnauze nach oben da steht, um die Heldentradition diese higher middle class family fortzuführen oder um sich auf den Krieg vorzubereiten!

 

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Dazu viel Slapstick und eingebaute Gags, dass man es einfach nicht ernst nehmen wollte.

In den Hauptrollen dieser Sprechtheater-Opern-Aufführung waren nicht nur Sänger, sondern eben auch Schauspieler wie Michael Rehberg oder Michael Rotschopf, ja, mehr noch: die Hauptrollen gehören den Schauspielern. Die Solisten hatten alle mehrere Nebenrollen, weil das Stück eigentlich aus Nebensollen besteht! So hat Purcell das schon gewollt. Das gesamte Ensemble hat auch den schnellen Kleider- und Rollenwechsel ausgezeichnet gemeistert.

Wunderbare Arien hat Philidel (hell und klar Annett Frisch) und so hat sie sie auch gesungen, getanzt und gespielt. Die Frost Szene (wegen der wahrscheinlich 75% in der Oper saßen) war weniger gelungen als erhofft, was aber daran lag, dass der kleine Arthur den als Raumschiffpilot verkleideten Cold Genius ständig am Fuß packte, was diese sonst feierliche Szene irgendwie entweihte. Dafür umso besser das Zitterlied vom Chor direkt danach „We chatter and tremble.“ Emmeline (Meike Droste) ist sehr unschuldig sehend geworden, hat sich aber als alles andere als schüchtern entpuppt. Sie hat viel rumgezickt und sich nichts gefallen lassen.

Bechtolf, der vom Theater kommt, hat John Drydens Text modifiziert und gekürzt und ihn um witzige Passagen und Gags ergänzt und viele Lacher produziert (aber nicht alle waren immer amused).

Erwartungsgemäß hat René Jacobs am Pult vor der Akademie für Alte Musik Berlin bella figura gemacht und Purcells Musik plastisch und farbenfroh hervorgezaubert – ganz passend zu dem umwerfend bunten und originellen Bühnenbild und den Kostümen. Hervorragend der Chor. 100 Minuten Musik gibt es bei King Arthur  – gedauert hat das Ganze allerdings 150 Minuten -  Jacobs hat auf andere Melodien und Trinklieder von Purcell zurückgegriffen und einige Sprechstellen waren sogar mit dezenter Musik unterlegt. Das kann man mögen oder nicht!

Die Uraufführung fand 1691 mit mäßigem Erfolg  in London statt, wurde aber später zu Purcells größtem Erfolg überhaupt. Das Libretto hat John Dryden geschrieben, damals einer der renommiertesten Dichter und Poet auf Hofe von Charles II,  der im Land Frieden herstellte. Eine Nationaloper zu seinem 25 jährigen Jubiläums sollte es werden – aber es sollte noch Jahre dauern, bis es endlich soweit war. Dryden hotel Jahre später – von Geldnot getrieben – das Projekt wieder aus der Schublade und musste er erst einmal den politischen Umständen anpassen und erst zu diesem Zeitpunkt kam Purcell ins Spiel, der von Dryden eine singbarere Umarbeitung einforderte.

Henry Purcell (1659-1695) hat die Oper 1690 komponiert, sie trägt den Untertitel „The British Worthy“ (der britische Held). King Arthur ist eine Semi-Oper in fünf Akten. Die Hauptrollen gehören nicht den Sängern sondern den Schauspielern, die Musik hat eigentlich nur Begleit- und Untermalfunktion und gehört den Nebenrollen. Eine durchaus typische Musikgattung im England des 17. Jahrhunderts, bei der Gesang, Text und Tanz ziemlich gleichberechtigt waren – ganz dem französischen Vorbild folgend.

 

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Christa Blenk

 

 

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Ein musiktheatrales Seminar für (potentielle) Führungskräfte

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Klar, auch Sie sind ein High Potential, also Träger größter Fähigkeiten und noch größerer Erwartungen Ihres Arbeitgebers. Wussten Sie gar nicht? Dann aber wird es höchste Zeit. Im Studio der Neuköllner Oper erwartetet Sie ein lukratives Angebot: lassen Sie sich weiterentwickeln von unserem kompetenten Kursleiter, der mit und an Ihnen die wahren Potenziale entdeckt: Effizienz, Commitment, Leadership Development und weitere Soft Skills z.B. fürs Konfliktmanagement – sollten Sie beispielsweise Mitarbeitern die Chance zur beruflichen Neuorientierung geben müssen. (Quelle: Neuköllner Oper)

„Willkommen beim Seminar für potentielle Führungskräfte“ begrüßt der Seminarleiter Thorsten Spacker die Teilnehmer am Seminar und wir, ca. 30 Teilnehmer, betreten einen Raum ohne Fenster. Im Hintergrund eine Leinwand, ein erleuchtend gelber Seminarraum-Sonnenteppich auf blauem Harmonie, Ruhe und Zufriedenheit assoziierendem  Teppichboden, ein Musiker mit Gitarre, an den Wänden ein paar Stühle. Alle (die Zuschauer, die vor dem Betreten des Seminarraumes mit einem Namensschild ausgestattet wurden) kommen aus derselben Firma und wurden aufgrund ihrer Vorgeschichte und ihres Lebenslaufes für dieses Führungsseminar auserwählt. Man wärmt sich auf,  in dem man mit Herrn Füller, der für die musikalische Untermalung zuständig ist, gemeinsam ein Liedchen singt das mit Obstsalat, Zitronen und Melonen zu tun hat, die paar Schritte, die er uns kurz zeigt, sorgen für lockeres Wohlbefinden. Irgendwie schräg, denken wir.

Die Kursteilnehmer-Theaterbesucher werden schließlich aufgefordert, mit den Nachbarn über ihre Stärken und Schwächen zu reden. Bewerbungs- und Feedbackgespräche werden geführt und Herr Spacker konzentriert sich schließlich auf zwei Teilnehmer, die im Konkurrenzkampf für einen wichtigen Posten, der einem großen Sprung auf der Karriereleiter gleichkommt, stehen. Wir werden wieder zu Zuschauern und erleben, wie sie sich beleidigen, anschreien und wie ein realistischer Zynismus Verachtung demonstriert.

Nini Stadlmann, Marco Billep, Urban Luig, Nico Selbach haben mit viel Humor und nachweislichen Coaching Fähigkeiten durch diese 90 Minuten geführt und frühere déjà-vu Seminarerlebnisse aufleben lassen. Jetzt wissen wir Alle, was wir im nächsten Jahr anders machen müssen und – beruflich – auf keinen Fall tun dürfen.

Beim Rausgehen bekam jeder Teilnehmer ein Kompetenz-Zertifikat, ausgestellt vom Zentrum für Schlüsselqualifikationen und vom IPO (Institut für postneurotische Oper). Nach der sehr gelungenen Büro für postidentisches Leben-Aufführung der Neuköllner Oper im Herbst, war das sozusagen die Lösung für diejenigen, die mit der Post-Identität nicht zurecht kamen. Witzig und amüsant allemal!

 

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Johanna Martin & Matthias Messmer haben das coaching-Seminar konzipiert; Songtexte und Musik sind von Markus Voigt und Johanna Martin.

Im Januar gibt es noch ein paarmal die Möglichkeiten zur Teilnahme an diesem Seminar; es reicht der Kauf einer Theaterkarte.

 

Christa Blenk

 

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Blog Highlights 2016 : Musik und Kunst im Rückblick

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Labyrinthe, Geburtstage, unheimliche Träume und Alpträume, eine Kirche in der Toscana, eine bretonische Insel, ein Atlantis in der Nordsee, eine Rhein-Reise, schräge Musik und andere, Tim Burton und Torten, Theater unterm Dach und Off Off, mexikanische Totentänze und römische Geschichte, zwar nicht postfaktische aber postidentische Zustände, ein Elch-Blues und ein Umzug …… und um noch viel mehr geht es in den Highlights 2016!

Aber sehen Sie selber.

 

Enzo Fililetti Mit einem außergewöhnlichen Konzert zum 111. Geburtstag von Giacinto Scelsi hat der Januar das neue Jahr eingeleitet. Das wunderbare kammermusikalische Hauskonzert in Anwesenheit der vier zeitgenössischen italienischen Komponisten, Giorgio Nottoli, Mauro Cardi, Giuseppe Silvi  und Michelangelo Lupone  fand in der  Scelsi Villa in Rom statt. Wir sind eher durch einen glücklichen Zufall darauf aufmerksam geworden. Der Saxophonist Enzo Filippetti (Foto) spielte u.a. Werke von Scelsi, aber auch von anderen zeitgenössischen Italienern. Was für ein Abend!

helenaerklärt Zerebrale Geoden, Pentagramme, Labyrinthe und primordiale Fruchtbarkeitssymbole stellte Helena Aikin im  Januar 2016 im Museum für populäre Kunst im Madrider Altstadtviertel La Latina in einer ehemaligen Corrala (dort wo vor 100 Jahren die Zarzuelas aufgeführt wurden) aus. Die Sammlung dieser faszinierenden Labyrinthe, die sie in den letzten Jahren gesammelt, konzipiert und nachgebaut hat wurde übrigens  später  im Jahr – ebenfalls mit großem Erfolg -  in der UNO in Genf gezeigt.

Abgesehen davon, dass sich Madrid schon deswegen lohnt weil dort die Künstler Cesar Borja, Gerardo Aparicio und Guillermo Lledo wohnen und es immer ein Vergnügen ist, ihre letzten Areiten zu entdecken, war er Ausflug in der Welt der Labyrinthe sehr spannend. Die Königin der Radierungen, Natividad Gutierrez, ist leider dieses Jahr verstorben. In Natis Werken vereinen sich auf der einen Seite die Vegetation ihrer Heimat, der Karibik, sowie ein Licht, das es nur in Madrid gibt.

In der Serie My Virtual Gallery gibt es außerdem Kurzportraits von vielen anderen Künstlern.

IngresEin Besuch im Prado darf natürlich bei einem Madrid-Aufenthalt nicht fehlen. Dort fand gerade eine sehr umfangreiche und sehenswerte Ausstellung von Ingres Gemälden statt.. Gegenüber auf der Madrider Museumsmeile, im Thyssen Museum, gab es eine umfangreiche Expo mit Gemälden von  Munch zu sehen.

P1280537Emma Dante, die wir im letzten Jahr mit Henzes Kurzoper Gisela in Palermo erlebt haben,  inszenierte eine Cenerentola und wie immer bei ihr ist man vollkommen perplex und überrascht. Diesmal waren die Kleider der Darsteller  mit kleinen Sahneschnittchen zu verwechseln.  Die Oper Rom hat Rossini aber noch ein zweites Mal  gehuldigt mit  einem sehr gewöhnungsbedürftigen Barbier von Sevilla in Form von Grusel-Ideen à la Tim Burton. Ausgezeichnete Sänger und viel Applaus. Vor 200 Jahren wurde Rossinis Barbier im Teatro Argentina in Rom uraufgeführt.

Die Oper Bonn hingegen glänzte mit einer witzigen Cosi fan tutte.

Traviata-Dorothée Lorthiois Auch mit großer Oper beschäftigte sich das französische Ensemble Opera Coté Choer in Paris. La Traviata, mutig und ganz anders. Brechend voll der Espace Pierre Cardin und es gab viele Vorhänge. Die Übersetzung von Jean-Noel Pettit folgt hier: La Traviata (version française).

 P1280710 Auch in Paris gab es eine Mammutausstellung von Anselm Kiefer im Centre Pompidou. Allein schon wegen dieser Schau hätte sich die Reise nach Paris gelohnt. Einfach großartig! Kiefer ist ein großartiger und einzigartiger Künstler, der immer ein wenig weiter geht als die anderen!

Ostia teatro Beeinflusst von Jean Cocteaus Antigone (so gesehen die Fortsetzung der Geschichte nach dem Ende von Ödipus), befasste sich der  große Igor Strawinsky zehn Jahre nach dem Sacre du Printemps-Skandal ebenfalls mit der griechischen Tragödie und arbeitete ab 1925 am Oedipus Rex.  Arien, Duette und Choreinlagen wechseln sich ab. Die Texte sind in Latein und die erklärenden Passagen wurden von einem Sprecher vorgetragen.

goethe-josefstiehler1828 Die Italienreise von Goethe ist vor 200 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht worden (30 Jahre nach seiner Reise!). Die Casa di Goethe hat aus diesem Anlass eine Veranstaltung der Serie Incontri romani dem Geheimrat vom Corso gewidmet. Mario Fortunato und Jan Koneffke haben dazu aus ihren Geschichten über und für Goethe vorgelegen.  Unter diesem Motto haben noch viele andere interessante Abende dort stattgefunden.

Mit Rom und Italien beschäftigt sich auch die  Künstlerin Schirin Fatami. Sie lebt in Rom und in Hannover und man sieht es ihren Arbeiten an, wo sie entstanden sind.

image001 Der kolumbianische Maler Botero ist sehr bekannt aber längst  nicht Jedermanns Sache – auch meine nicht! Vor ein paar Jahren hat er sich nun den Kreuzweg Christi vorgenommen. Dieser war im Frühjahr im Palazzo delle Esposizione in Rom zu sehen. Botero via crucis

Paula Modersohn-Becker wurde im Frühjahr im Pariser Museum für Moderne Kunst gezeigt. Die ausgezeichnete Schau mit über 120 Bildern und Zeichnungen dokumentiert acht oder neun sehr intensive Jahre auf einem (vorzeitigen und rasenden) Weg in die Moderne. Die Briefe aus Paris an die Familie, an Ottos Eltern oder an ihren Mann Otto Modersohn, sind eine einzige Liebeserklärung an Paris.

P1300056 Einen Geburtstagswalzer, einen Tango und noch mehr gab es im österreichischen Kulturinstitut in Rom, welches schon einmal Hans-Werner Henzes 90. Geburtstag am 1. Juli vorfeierte. Das  Cimarrón Ensemble Duo , Christina Schorn und Ivan Mancinelli,  interpretierten u.a. Werke von Hans-Werner Henze (1926-2012), Luca Lombardi  (*1945) und Astor Piazzola (1921-1992).  Miriam Meghnagi hat im selben Kulturinstitut ein paar Wochen später  sehr bewegende Lieder aus Theresienstadt vorgetragen.

La sete di Christo
La sete di Christo ist eine CD des römischen Ensemble Concerto Romano und hat  Anfang Februar 2016 den klassischen Musikmarkt erneut um ein vor-barockes und seltenes Schmankerl bereicherte. Außerdem gab es später im Jahr eine glanzvolle Aufführung von Stradellas San Giovanni Battista, eine wunderbare barocke Preziose, die Stradella selbst wohl als sein bestes Werk bezeichnete. Kein Wunder also, dass Händel und die späteren Zeitgenossen stark beeindruckt waren und in diesem Stil weiter machten. Aber auch das Luther Reformationsjubiläum haben sie sich zum Thema gemacht und eine interessante CD herausgebracht. Klang der ewigen Stadt zu Luthers Zeiten.

Giovanni Battista Pergolesis (1710-1736) Stabat Mater gehört sicher zu den meist gespielten Kirchenmusikstücken überhaupt. Viele große Stars und Musikensembles haben es gesungen und gespielt und die Erwartungshaltung des Publikums ist dementsprechend groß. Concerto Italiano hat es im März aufgeführt und es gab keine Enttäuschung!

Symbolismus Anfang März hat es in Mailand zwei Tage ohne Unterbrechung geregnet und wir haben viel Zeit in Museen verbracht. Mit dabei natürlich das letzte Abendmahl (Cenacolo) und die Pieta Rondanini sowie eine  umfangreiche Ausstellung über den Symbolismus. Für die Ausstellung Alphonse Mucha war die Schlange zu lang, diese konnten wir aber ein paar Wochen später in Rom sehen.

Im April hat der große Pappano Tschaikowskys Fünfte und Strawinskys Psalmensymphonie im Auditorium dirigiert; sowie eine überarbeitete Fassung von Riccardo Panfilis l’Aurora probabilmente. Panfili hat dieses kurze, aber sehr heftige und aufregende Opus posthum dem großen deutschen Komponisten Hans-Werner Henze (1926-2012) gewidmet.

P1300463 Paola Romoli Venturi ist eine außergewöhnliche römische Künstlerin. Ihre happenings haben wir nie verpasst! Im April in Trastevere hat sie ihre neuesten Arbeiten präsentiert. Ad pineam - Licht und Wind kamen wie bestellt und ließen ihre zarten Tücher tanzen. Auch auf eine weitere Veranstaltung mit ihr und weiteren italienischen Künstlern möchte ich gerne hinweisen.  TraNsfusioni#4 (das ist die italienische Version)

P1300712 Der grüne Traum ist ein deutsch-italienisches Wanderprojekt, an dem sich Künstler, Musiker und Dichter beteiligen. Dieses Jahr waren das u.a. Silvia Stucky, Beate von Essen, Lello Torchia, Maria Semmer  und  viele andere  die in der bezaubernden Villa Gregoriana bei Tivoli ihre Arbeiten zwischen Ruinen und Vegetation installierten, die man bei einem Spaziergang durch den Park entdecken konnte.

Mit Natur befasste sich auch eine Ausstellung im Archäologischen Museum in Neapel. Mito e Natura behandelte Mensch und Natur anhand von umwerfenden Fresken von Lustgärten oder Episoden aus der griechischen Mythologie.

P1320594 Ein anderer Entdeckungspaziergang führte uns zum Lungotevere, wo sich William Kentrich mit seinen Mammutfresken  “Triumphs and Laments” verewigte.  In sechs Monaten hat der südafrikanische Künstler und Theatermann William Kentridge auf über 500 Meter am Tiberufer zwischen Ponte Sisto und Ponte Mazzini (Piazza Tevere) die Geschichte Roms in 80 übergroßen Figuren wild durch die Jahrhunderte portraitiert. Später, im Sommer in Berlin, gab es passend dazu die Ausstellung No it is im Gropius Bau.

Mit dem Rhein hat sich sich eine Ausstellung in Bonn beschäftigt. Eine europäische Flußbiografie hat die Bundeskunsthalle aufgezeichnet und der Besucher  reist von der Quelle bis zur Nordseemündung dieses stolzes Stromes.

fff Das Fast Fortward Festival fand dieses Jahr zum ersten Mal statt. Zeitgenössische Musik wurde hier zwei Wochen lang aufs intensivste aufgeführt und präsentiert – in allen bedeutenden Theatern Roms. Eröffnet wurde es mit Heiner Goebbels Schwarz auf Weiß  das  er vor über 20 Jahren für und mit dem Ensemble Modern konzipierte. Deshalb kann es auch nur von diesem Orchester aufgeführt werden.  Bis jetzt kam es ca. 100 Mal zur Aufführung u.a. in Berlin, Brüssel. Dresden, Paris, Sevilla, Luzern, Taipeh, Moskau, Wien, Prag, München und Salzburg und fast alle Beteiligten sind schon seit der Uraufführung 1996 im Frankfurter Bockenheimer Depot mit dabei. Es ist Nacht und die Sieben sitzen in einem hohen Saale in der Stadt Ptolemais. Es wird zwar nicht extra erwähnt, aber wir wissen es trotzdem: sie können nicht entkommen, sie sind isoliert. Einer von ihnen, der junge Zoilus, ist schon tot.

Proserpina von Wolfgang Rihms war ebenfalls Teil dieses Festivals. Rihm kam extra dafür nach Rom und begleitete diesen großartigen Ausklang des ersten aber schon recht erfolgreichen Festivals. Hoffentlich wird es weitergehen.

P1320737 Die Stipendiatin der Casa Baldi in Olevano Romano, Antonia Low, präsentierte im Frühjahr im Palazzo Altemps in Rom ihre Installation « Status of Lost Imagery ». Hierbei ging es um die Bombardierung des Palmyra-Museum. Low hat ein Zeitungsfoto von der Verwüstung des archäologischen Museums vergrößert und dieses gepixelte Bild auf Stoff gedruckt.  Mit Schutzschuhen durfte  man die Ruinen betreten, das heisst sich über und in  ihnen bewegen. Spannende Ruinenbegehung!

Isabella Ambrosini hat mit dem Orchestra Roma Tre im Mai die  Cavalleria Rusticana im Palladium aufgeführt. Dieser Artikel ist in italienischer Sprache. 

P1000187 Dido und Aeneas in Montepulciano  war eines der großen Ereignisse oder vielleicht sogar das Hauptereignis dieses Jahr beim Cantiere in Montepulciano. Regie führte  Michael Kerstan. Mit wenig Mitteln und ausgezeichneten Solisten, unterstützt von einem perfekten Chor und dem diskreten Modus Ensemble Roma unter Mauro Marchetti, haben die Protagonisten das Publikum im Tempio di San Biagio – der übrigens auf einen Bauplan von Bramante zurückgeht und ein perfektes Beispiel einer römischen Basilika ist – regelrecht verzaubert.

Und dann hieß es:

Addio Roma (hinter den links verbergen sich drei Rom-Spaziergänge)

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und Hallo Berlin

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Hier hat  uns nicht nur italienische Sonne empfangen sondern auch eine  Velazquez Ausstellung!

 

csm_42_ESDO_Katalog_b88a2f60afEl Siglo de Oro. Die Ära Velázquez – Dunkel und furchterregend ist sie, die Malerei dieses Goldenen Zeitalters in dem herrschsüchtigen, strengen und selbstsicheren Spanien, wo es nicht viel zu lachen gab. Die Protagonisten auf den Bildern dieses kulturell so starken Jahrhunderts strahlen keine Freude oder Leichtigkeit aus. Direkt aus dem Manierismus herausgerissen, überbetont, streng ist sie noch lauernd vorhanden, la Santa Inquisición(die heilige Inquisition).

blick in den GartenDer August hat sich von seiner besten Seite gezeigt und das Einleben in Berlin recht leicht gemacht. Ein  Ausflug an den Wannsee, wo sich der Maler Liebermann einen Sommersitz errichtet hatte, war gerade richtig: Max Liebermann (1847-1935) gehört zu den wichtigsten deutschen Wegbereitern der Moderne. Von Anfang an hat er gegen die Akademiker gekämpft und mit der Gründung der Berliner Secession, bei der er eine wichtige Rolle gespielt hat, die Hauptstadt in den künsterlischen und kulturellen Vordergrund gerückt – er selber ist dann aber irgendwo auch zwischen Biergärten und Portraits stecken geblieben. Geboren im Zentrum von Berlin wo heute das Liebermann-Haus steht (in dem eine Ausstellung über Harry Graf Kessler zu sehen war) hat er sich 1909 ein Sommerhaus am Wannsee bauen lassen. Sein „Schloss am See“, wie er es nannte. Mit Anfang 60 hat er sich gerne hierher in die Ruhe zurück gezogen und über 200 Gemälde sind dort entstanden. Ab 1914 bis zu seinem einsamen Tod 1935 verbrachte er viele Monate dort. Von den Nationalsozialisten verfemt, zwangen diese seine Witwe Martha 1940 zum Verkauf des Hauses. Sie entzog sich 1943 durch Selbstmord einer Deportation. Nach dem Krieg allerdings ging das Haus an die Erben zurück, die es an die Stadt Berlin verkauften.

P1000285Emil Nolde – Der Maler  – Aufdringliche Farben und Nordlicht. Emil Nolde (1867 – 1956) malte mit den Fingern und Händen, ein Pinsel reichte nicht, um diese grelle Leidenschaft auf die Leinwand zu bringen. Ein krasser Gegensatz zu der weiten und unendlichen nicht immer farbigen Welt an der Frieslandküste. Naturgewalt, Einsamkeit, Legenden und gruselige, übertriebene Bauern- und Seemanns-Geschichten, die man sich nach Sonnenuntergang mit Gänsehaut zu erzählen pflegte, hat Nolde auf die Leinwand gebracht und uns ins Gesicht geschleudert.

P1000585 Wolfgang Rihm hatten wir ja beim FFF in Rom mit Proserpina gehört und erlebt. Da war es natürlich klar, dass wir uns Tutuguri nicht entgehen lassen würden. Das Berliner Musikfest wurde damit eröffnet.  Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht werden (Antonin Artaud 1947) . Französischer Surrealist trifft auf mexikanische Totentänze und Rihm macht die Musik dazu. Das klang gut und verheißungsvoll: aber es ist noch viel viel mehr! Es ist ein Erdbeben, ein musikalischer Horror-Tsunami, ein götterdämmernder Phönix-Weltuntergang!

P1010069 Die Kantorin der Kirche zur frohen Botschaft in Berlin-Karlshorst, Beate Kruppke, dachte sich zum 150. Geburstag von Eric Satie und zum 25. Todestag von Olivier Messiaen etwas ganz besonderes aus. Sie stellte ein ungewöhnliches Orgelprogramm zur Ehren der französischen Freigeister und  zur Aufführung auf der Amalienorgel in Karlshorst zusammen. Der Dritte im Bunde war ein weiterer Franzose, der Komponist César Franck (1822-1890).

postidentischeslebenGroßartig der erste Besuch in der Neuköllner Oper . EINE SPEKULATION ÜBER DIE FREIHEIT. Welcome to the office for postidentical living - Shape – edit – customize: Der Erfolgreiche muss sich optimieren, sich abgrenzen, besser sein, fit sein, digital sein, angepasst-unangepasst sein, seine personelle Identität pflegen und diese ausbauen, um vielleicht in einer kollektiven Identität heimlich Unterschlupf zu finden. Unsere Identität unterscheidet uns von den anderen, macht uns einmalig. Aber wozu brauchen wir das? Was brauchen wir überhaupt? Wissen wir was wir wollen? Stylen, shapen, bloggen, sich selfen, bewundert werden. Wie anstrengend, diese permanente Überforderung dem uns gebotenen information overflow gerecht zu werden: Nur wer das alles nicht (mit)machen muss, kann frei sein.

P1000693Das Büro für postidentisches Leben hat also die Antworten und Lösungen. Aber KAP HOORN, eine witzige Aufführung im Theaterdiscounter, vermittelt den  Jahrmarkt der Wünsche und Träume .  Aber was hat Napoleon mit Aschenputtel zu tun? Sehen Sie selber!

Ausstellungsplakat Der Golem, diese berühmteste Legendenfigur der Kabbala, ist ein seelenloses Wesen aus Lehm oder Sand. Er wird durch Rituale oder geheime Buchstabenkombinationen von einem Menschen zum Leben erweckt und ist mit übermenschlicher Kraft ausgestattet. Das Jüdische Museum hat ihm eine sehr interessante Ausstellung gewidmet.

P1010005Die Stadt Weimar war 1999 Europäische Kulturhauptstadt. Das war für den derzeitigen Chef des Berliner Staatsballetts, Nacho Duato, die Gelegenheit, Johann Sebastian Bach zu huldigen. Mit Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere hat er auf ganz besondere Weise Person und Werk dieses einzigartigen Komponisten gewürdigt. Er hat Bach auf die Bühne und ins Zentrum des Geschehens geholt.

P1000911 Siegfried Lenz ist 1926 als  Sohn eines Zollbeamten in Ostpreußen geboren. Mit 42 Jahren hat er seinen wichtigsten und einen der bedeutendsten deutschen Nachkriegsromane, Deutschstunde, veröffentlicht. Bei Deutschstunde geht es um Pflicht, Schuld, Macht, Freundschaft und Verlust und um das Nichtentkommen der Geschichte. Das Ensemble hat es aufgeführt. Aber auch die traditionelle Peymannsche Mutter Courage und ihre Kinder hat uns sehr gut gefallen.

Mauer-cmb-klein Traum, Nacht, Alptraum – Ian Bostridge erzählt von  Kriegen, Nachteulen und Meeresungeheuern. Mit Träumen, Natur und Illusionen hat sich in diesem Jahr auch die österreichische Künstlerin Christa Linossi beschäftigt.

100 Stuehle (1)Am 1. November 2016 feiert der Hamburger Bahnhof seinen 20. Geburtstag. Er entstand als  weiteres Haus der Nationalgalerie und dort werden während der Umbauarbeiten der Neuen Nationalgalerie abwechselnd Werke des deutschen Expressionismus – wie zurzeit Ernst Ludwig Kirchner HIEROGLYPHEN  – gezeigt.   Eine der besten Ausstellungen überhaupt mit Arbeiten von Carl André war 2016 im Hamburger Bahnhof zu sehen. Aber auch das Thema Kapital hat das Museum beschäftigt. Hier der Bericht.
AusstellungsplakatUnheimlich war der Titel der Ausstellung im Kunstmuseum in Bonn, die zur Zeit noch in Bonn zu sehen ist (bis Januar 2017). Unheimlich bedeutet schauerlich, gruselig oder furchterregend. Der Titel ist deshalb nicht sehr aussagekräftig, denn hier geht es auch viel um Angst und Einsamkeit, um Unwohlsein, um Hinweise auf Gewalt, versteckte und offensichtliche und um Traum und Wirklichkeit. Kein Entkommen, Dinge, Totenhaus, Alpträume, Einsamkeit, die Anderen,  Verschwinden, Tatorte sind die Schlagwörter und in diese ist die Ausstellung unterteilt.

P1040281 Bei der Geisterbraut ging es auch unheimlich zu. Diese  opernhafte und selten aufgeführte spätromantisch-wagnerianische Ballade von Antonín Dvořák (1841-1904) wurde  aus Anlass des 175. Geburtstags  dieses böhmischen Komponisten von der Berliner Singakademie und dem Konzerthausorchester unter Achim Zimmermann im Konzerthaus in Berlin aufgeführt. Isabelle Faust hat mit Werken von Luigi Nono  in der Philharmonie ebenfalls bella figura gemacht.

P1010413Der Britische Blick: Deutschland – Erinnerungen einer Nation. Mit dem Deutschlandbild der Briten hat sich diese Ausstellung beschäftigt, die auch uns so einiges über uns beigebracht hat. Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden(Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Xenien, 1796)

maulwerk Maulwerker -  Lautdichtungen und Sprechduette hat sich in einer Veranstaltung organisiert durch KONTRAKLANG im Heimathafen präsentiert. Gerhard Rühm, der bei der gestrigen Performance im Heimathafen Neukölln persönlich anwesend war, ist einer der bedeutendsten Künstler, ein Tausendsassa oder Wunderwurzi wie die Österreicher sagen. Er ist Schriftsteller, Lyriker, Schauspieler, Komponist, Performancekünstler, Maler und Poet. Er Gedichte oder Lautdichtungen aus seinem Repertoire vorgetragen – allein und Sprechduette er mit seiner Frau, der Musikpublizistin Monika Lichtenfeld. Dass er 86 Jahre alt ist würde man nicht vermuten. Temperamentvoll und witzig, ein einfallsreicher Sprachkünstler und Grenzgänger zwischen Noten, Buchstaben und Sprachexperimenten.   Kontraklang hab ein paar Wochen später das anstrengende aber sehr interessante Konzerthappening « Nach Kagel » - auch wieder im Heimathafen Neukölln organisiert. Und hier ging es um Sprechmusik, Peinlichkeit, Heilkräuter und um einen heiseren Wanderer! Lesen Sie selber!

P1010457Terpsichore, Liebesgötter und kalte Schönheiten. Der italienische neoklassizistische Künstler Antonio Canova (1757-1822) zählt zusammen mit dem Dänen Thorvaldsen zu den bedeutendsten Bildhauern seiner Zeit. Das Bode-Museum hat ihm diese Ausstellung über den Tanz ausgerichtet – mit dem schönen Titel:  Canova und der Tanz!

P1010502 Il Triunfo dem Tempo e del disinganno von Georg-Friedrich Händel zählt schon seit langem zu meinen Lieblings-Händel-Kompositionen. In diesem Stück hat er sich auch eine Rolle gegeben und deshalb wird er zur Sonata im ersten Teil er als anmutiger Jüngling an der Orgel (Thomas Guggeis) begleitet von Corelli an der Geige (Wolfram Brandl) ins Restaurant geschoben. Wunderbare Aufführung im Schillertheater! Viel Applaus für alle aber vor allem für das Vergnügen!

P1010637 Reden ist nicht immer die Lösung - meint Omer Fast in seiner im Rahmen des Programms „Immersion. Analoge Künste im digitalen Zeitalter“ im Martin-Gropius Bau organisierten Ausstellung, bei der sieben Filmprojekte von ihm gezeigt wurden. Der israelisch-amerikanische Videokünstler verarbeitet in seinen Projekten Krieg, Gewalt, Sex, Erziehung und Zusammenleben.  Und hier erwähnte ich Clemens von  Wedemeyer ; der  so ähnliche Geschichten in Hamburg erzählte.

P1010662 Die Europäische Akademie für Musik und Darstellende Kunst Palazzo Ricci ist ein bedeutendes deutsches Kulturprojekt in Italien, das sich vor allem der Musik widmet.  Seit dem Jahre 2000 sitzt die Hochschule für Musik und Tanz Köln in diesem Palast, der nach umfangreichen Renovierungsarbeiten im Jahre 2001 als Europäische Akademie wieder eröffnet wurde. Und damit sind wir auch schon beim Anlass des gestrigen Abends: das 15-jährige Jubiläum. Die Akademie feierte ihren Geburtstag mit einem Konzert, das  mit einem ganz besonders sorgfältig ausgesuchten Programm am Gendarmenmarkt im Berliner Konzerthaus bestach.

P1010682 Good Bait (guter Köder) ist das aktuelle und neuestes Standard-Programm der Quartett-Jazzband die den Beinamen … die flexible Einsatztruppe  bestehend aus dem Saxophonisten und Gründer der Truppe Markus Ehrlich, dem gerade aus New York zurückgekehrten Pianisten Johannes von Ballestrem, dem Bassisten Tom Berkmann und dem Schlagzeuger Philipp Schaeper. Dann haben wir noch den Piano Salon Christophori entdeckt – hier kann man alles hören – meist klassisch, aber es steht durchaus auch mal dann und wann ein Jazzabend an. Im Jazzclub Zig Zag in Berlin ist die Gruppe Subtone aufgetreten, die vor allem eigene Kompositionen gespielt haben. Schöner Club!   Der bekannte schwedische Posaunist und Sänger  Nils Landgren, alias Mr Redhorn, trifft beim diesjährigen Young Euro Classic Festival auf das junge Ensemble Olivinn, das die türkische Komponistin und Pianistin gegründet hat. Hier wurde Jazz mit Klassik verbunden und formell in einem Konzerthaus aufgeführt. 

P1010522 Die Stadt“ hat Theodor Storm sie ganz schlicht genannt. Zu seiner Zeit hat er wohl auch noch  durch die Stille las Meer brausen gehört. Das ist jetzt nicht mehr so, aber die Möwen, die Luft, das Salz darin, das Ebbe und Flut Spiel, das den Hafen hebt und senkt, ist immer noch so.   Jan Christophersen hat über diese so ganze andere Welt den Roman « Schneetage » geschrieben. Hier die Rezension!

Eine andere ganz besondere Reise ging in die Bretagne. Fünfzehn Kilometer vom Festland entfernt liegt sie, eine der größeren bretonischen Atlantikinseln: Belle-Île-en-Mer. 45 Minuten dauert die Überfahrt mit der Fähre von Quiberon nach Le Palais, der Hauptstadt von Belle-Île mit ungefähr 2600 Einwohnern. Hier verbrachte die Schauspielerin Sarah Bernhardt viel Zeit zwischen Felsen, Wind und Einsamkeit.

George Grosz - Grauer Tag Die Neue Nationalgalerie ist noch immer wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Deshalb zeigen die anderen « Filialen » abwechselnd Werke aus dieser umwerfenden Sammlung der Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Hamburger Bahnhof ist immer noch  Kirchner zu sehen und im Scharf-Gerstenberg Museum noch bis zum 23. April 2017 die Ausstellung « Surreale Sachlichkeit » Werke der 1920er- und 1930er Jahre aus der Nationalgalerie.

P1010830 Zarzuela ist spanisches Musiktheater vom Feinsten. Spitzbubenhafte Komödie, Folklore und populäre Romanzen verbunden mit spritziger Musik, opernähnlichen Arien, Temperament und guten Geschichten. Sie entstand im 19. Jahrhundert und wurde sowohl in Spanien als auch in Südamerika, vor allem in Argentinien, Mexiko aber auch in Kuba mit großem Publikumserfolg aufgeführt. In der Berliner Bibliothek des lateinamerikanischen Institut gegenüber der Gemäldegalerie wurde im Dezember eine Ausstellung über die Zarzuela eröffnet. Zur Eröffnung haben  zwei glänzende Interpreten Kostproben vorgetargen.

P1010868 Vor 500 Jahren, 1517, hat Martin Luther (1463-1546 in Eisleben), Mönch und Theologieprofessor  seine 95 Thesen zum Ablasswesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. Dort, im Wittenberger Kloster, kam ihm auch die Erleuchtung. Sein Turmerlebnis sollte die Welt, nicht nur die gläubige, verändern und die Reformation auslösen.  Ein Jahr später ist er dann auch gleich nach Rom vorgeladen worden. Schon  1516 hatte Luther öffentlich gegen die Ablasspraxis gepredigt. Über Musik in der Zeit Luther in Rom hat Concerto Romano im letzten Jahr eine wunderbare CD herausgebraucht.

P1020013  Zauberwald, Pemplum und Kuschel-Riesenplüschtiere. Die Premiere dieser Inszenierung von August Everding mit einem Bühnenbild von Fred Berndt nach den herausragenden Entwürfen der grandiosen Sternenkuppel (die Tassen und Geschirrtücher ziert) oder den ersten Auftritt der Königin der Nacht auf der Mondsichel vom Berliner Architekten und Baumeister Karl Friedrich Schinkel für die Berliner Königlichen Schauspiele 1816 fand schon 1994 statt. Sie gehört heute zu den am meisten gespielten Zauberflöten in Berlin und sorgt jedes Jahr wieder für ein volles Haus.

P1020021 Kindl ist vor allem Biertrinkern ein Begriff. Die ehemalige Brauerei in Neukölln wurde vor ein paar Wochen als neues zeitgenössisches Kulturzentrum in Berlin eröffnet. Ein Besuch ist hier beschrieben. Zur Zeit sind zwei Künstler dort ausgestellt.

 

Ein frohes, glückliches, beschwingtes, kulturelles und gesundes Jahr 2017 wünsche ich allen blog Besucher/innen.

Christa Blenk

 

 metallungeheuer (2)P1020059
Street Art in Berlin

 

 

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Kontraklang: Nach Kagel

Sprechmusik, Peinlichkeit, Heilkräuter und ein heiserer Wanderer

Kontraklang hat am 15.12.2016 das Konzert „Nach Kagel“ im Heimathafen Neukölln organisiert. Ein Konzert, das dem Publikum viel mehr als nur Interesse oder Freude an der zeitgenössischen Musik abverlangte.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Dorrit Bauerecker spielt Viscum album -
 © »mutesouvenir | kb«

 

Der deutsch-argentinische Komponist Maurizio Kagel (1931-2008) war einer der zeitgenössischen Komponisten, die das 20. und 21. Jahrhundert entscheidend mitgeprägt haben.  Ab den 1950er Jahren nahm er regelmäßig an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik teil, 1957 ließ er sich in Deutschland nieder und war ab 1960 Dozent in Darmstadt.  Mit einem anderen borderliner, Wolf Vostell, organisierte er ab 1968 akustische und visuelle Happenings. 1969 folgte er Stockhausen in Köln nach. Kagel dirigierte viele seiner Werke selber oder war sonst irgendwie beteiligt und das war auch gestern Abend bei seinen Schülern und den Schülern von seinen Schülern so.

Diese stellten im Heimathafen einige ihrer Werke, die dem Genre Instrumentaltheater, Sprechgesang und Experimentalmusik angehören, vor.  Mimik, Gestik, Aktionen, Bewegungen, Noten, Wörter, Töne und natürlich auch Musikinstrumente kamen zum Einsatz.  Polizeischutz wie 1971 vor der Hamburger Staatsoper bei der Uraufführung von Kagels Staatstheater brauchten dessen Schüler gestern natürlich nicht, aber das 3 ½ Stunden-Happening haben nicht alle Zuhörer bis zum Ende erlebt.

Vor allem die endlosen Piano Sonaten Nr. 17 und 18 von Chris Newman, die Mikhail Mordvinov interpretiert, bringen uns an unsere Grenzen. Dabei hört es sich ganz und gar nicht zeitgenössisch an oder gerade deswegen. Beethoven ist herauszuhören und alte Songs von den Kinks wie Lola. Newman will einfach nicht, dass der Zuhörer sich wohl fühlt, deshalb gibt er ihm einen Beethoven, dessen Noten er vorher zerstückelt hat und die beim Zusammenbauen ihre Seele einbüßen mussten.

Zwischendurch hat die großartige Akkordeonistin Dorrit Bauerecker sehr expressiv immer ein paar Takte aus Viscum Album, das ihr Lehrer Manos Tsangaris komponierte, gespielt und einmal auch unzählige Heilkräuter heruntergesagt oder vielleicht das Zauberrezept einer Hexe verraten!? Viscum album ist die Weiße oder Weißbeerige Mistel. Davon hätten wir auch gern ein paar Takte mehr gehört.

Witzig und originell Neele Hülcker, sie gehört zur zweiten Nach-Kagel-Generation. Copy myself #2 für Stimme, Elektronik und Projektion heißt ihre Arbeit und dafür hat sie  umgekehrt, d.h. rückwärts abgespielte Tonbandaufnahmen aus ihrer Kindheit nachgeplappert und wieder aufgenommen. Dann vor dem Publikum den Grad der Peinlichkeit und der Nervosität, inklusive Temperatur, Puls und Blutdruck gemessen und dies auf einem online-Formular festgehalten. Die Peinlichkeit ist, verrät sie uns, von Mal zu Mal bedeutungsloser. Sie hat ihr Kunstwerk schon in der U5, unter einer Brücke, am Meer oder im Museum aufgeführt. Kagel wäre sicher stolz auf sie gewesen.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Neele Hülcker – copy myself #2
©»mutesouvenir | kb«

 

Ähm Me, Hm (I) And M – Versuchsanordnung für vier Sprechende von Barblina Meierhans, ebenfalls eine Schülerin von Tsangaris, war ein Gespräch zwischen vier Personen, die sich – trotz Einsatz von Gesten und Gebärden – einfach nicht finden wollen und abgegrenzt von einander bleiben.

Von Manos Tsangaris hat der Klarinettist Theo Nabicht ein Stück für Kontrabassklarinette (und zwei Bierflaschen)„So Slow“ aufgeführt. Hierzu gehören insistenter Stimmeinsatz und Meckern aus dem Zuschauerraum, das erstmal sehr echt wirkt und der Störer sich böse Blicke einfängt – auch vom Klarinettisten. Tsangaris (*1956) ist ein echter Kagel-Schüler und Teilnehmer auf den einschlägegen zeitgenössischen Musikfestivals. 2016 hat er die künstlerische Leitung der Münchner Biennale als Nachfolger von Peter Ruzicka übernommen. 2015 war er Gast in der renommierten Villa Massimo in Rom.

Nicolas Kuhn (1989) war Schüler von Tsangaris in Dresden; arbeitet aber auch mit Helmut Lachenmann und anderen zeitgenössischen Größen zusammen. Er interpretiert und dirigiert oft seine eigenen Werke. Gestern  hat er das aufregende und sehr virtuoses Klavierstück „4“ vorgetragen und im Anschluss mit Stellenwort für Plattenglocke ein regelrechtes Studium von Klängen und Tönen durchgeführt. Mit einem Wattepad, einem Pulli, einer Kuhglocke, einem Stift oder weitere auf einem Tisch bereit stehende Gegenstände kreiert er auf der Plattenglocke alle möglichen Klänge, Un- oder Nichtklänge. 2014 entstand auf seine Initiative das Gegenklang-Orchester für seltenes Repertoire.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Nicolas Kuhn  mit der Plattenglocke 
© »mutesouvenir | kb«

 

Der erste und letzte Beitrag war je ein Lied von Chris Newman (*1958). Ist das Sprechgesang oder Musiksprechen oder  irgendetwas dazwischen ?

Chris Newman ist ein experimenteller Grenzgänger und Tausendsassa und eigentlich mit Niemandem zu vergleichen. Dichter, Schauspieler, Künstler, Komponist, Performer und Provokateur natürlich. So wie er Leinwände zerschneidet und sie wieder irgendwie zusammenschustert hört sich auch sein Gesang an. Schlurfend kommt er auf die Bühne, zieht  zuerst seine Jacke und dann seine Schuhe aus und bring das Publikum genau dorthin wo er es haben will – nämlich raus aus dem Raum (gefühlt). Seine Darbietung ist eher ein konzeptionelles Kunstwert als Musik,  das erste Lied  Tree Tops,  hat irgendwie an Schubert denken lassen und der Abschiedssong « Wizzes » könnte auch aus den drunken songs seines Landmannes Purcell stammen. Er wirkt wie ein ganz müder und verbrauchter Wanderer, obwohl er noch keine 60 ist. Aber auch das gehört zu seiner Kunst und was soll man denn nach Kagel sonst machen?

Kontraklang hat hier eine Truppe von Komponisten und Protagonisten auf die Bühne gebracht, die uns auf jeden Fall sehr beschäftigt hat.

 

“If they can take it for ten minutes, then we play it for fifteen,” I’d explain. “That’s our policy. Always leave them wanting less.” (Warhol and Hackett, Popism, 193).

 

Christa Blenk

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Deutschstunde – Aufführung im Berliner Ensemble

Die Freuden der Pflicht oder Die Grenzen der Freundschaft

 

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Siegfried Lenz ist 1926 als  Sohn eines Zollbeamten in Ostpreußen geboren. Mit 42 Jahren hat er seinen wichtigsten und einen der bedeutendsten deutschen Nachkriegsromane, Deutschstunde, veröffentlicht. Bei Deutschstunde geht es um Pflicht, Schuld, Macht, Freundschaft und Verlust und um das Nichtentkommen der Geschichte.

Der Schriftsteller Christoph Hein hat das Buch 2015 als Theaterstück für die das Berliner Ensemble aufbereitet; Regie  Philip Tiedemann. Die Premiere war am 6. Juni 2015.

 

Ostsee
Foto: Ines Kluwe-Thanel

 

Gestern Abend wurde das Stück etwas modifiziert aber mit denselben Schauspielern wie 2015 im Berliner Ensemble aufgeführt.

Wir befinden uns in den 50er Jahren und Siggi Jepsen (Peter Miklusz) sitzt im weiß-grauen Erziehungsheimambiente. Er gilt als Bilderdieb und muss wieder gerade gebogen werden.  Der Lehrer schreibt das Aufsatzthema „Die Freuden der Pflicht“ an die Tafel. Siggi sitzt, als einziger, mit dem Gesicht zum Publikum, von den Lehrern, Pflegern oder Erziehern sieht mit nur weiße Kittelrücken. Siggi erinnert sich an die Zeit zwischen 1943 und 1945 und die Verwandlung seines Vaters von einem Menschen zu einem hassenden Pflichterfüller. Alles begann mit der Überbringung des aus Berlin offiziell diktierten Malverbots an den am Ort lebenden Maler Max Ludwig Nansen (Martin Seifert).

Siggi ist permanent hin- und hergerissen,  zwischen seinem Vater, den er nicht verstehen kann, der dumm und gehorsam ist und für den alles was war nicht mehr zählt und Onkel Max (Nansen), den er bewundert und verehrt, dessen Bilder er versteckt. Er wirkt klein und unsicher, zögert aber keine Sekunde, sich für das « Gute » zu entscheiden.

Die Geräusche von Meer, Wind, Regen, Schüssen  werden von den Schauspielern ad hoc erzeugt und versetzen den Zuschauer an die raue Nordsee, wo der Wind stärker bläst als anderswo und wo die Seemöwen kreischen, wo der Dorfpolizist mit seinem Fahrrad gegen den Wind ankämpft aber in Ausführung seiner ihm von höchster Stelle auferlegten Aufgaben nicht aufgibt. Er erinnert sich an den  Pflichtenberg seines Vaters, den unerbittlichen Dorfpolizisten von Rugbül Jens Ole Jepsen (Joachim Mimtz). Er erinnert sich, wie sein Vater zuerst fast peinlich berührt das Schreiben übergibt mit dem Hinweis, ja nur seine Pflicht zu tun und die Freundschaft zu dem Maler, dessen Bilder eigentlich niemand im Dorf mag,  in die Brüche geht. Er schreibt, wie sein Vater immer strenger und pflichtgetreuer wird, ja wie er sogar seinen älteren Sohn opfert. Er erinnert sich an die anderen Dorfeinwohner, die Rolling home singen und Jazzrhythmen klopfen, aber die auch melden, wenn jemand Radio London hört.

Im Hintergrund wird eine Torfhütte gebaut, in der Jepsens ältester Sohn auf der Flucht sich beim Maler Nansen versteckt und dann bei einem Luftangriff umkommt. Später werden diese Torfziegel die Straßensperre, die Niemanden mehr aufhalten wird. Er erinnert sich auch wie sein Vater nach Kriegsende  immer noch Nansens ungemalte Bilder, weiße Blätter, wie den Unsichtbaren Sonnenuntergang mit Brandung, den er bei der Beschlagnahmung als ein wenig zu dekorativ bezeichnet hatte.

Wind, Krieg, Seeluft und Pflicht haben den Verstand begraben. Männer machen den Krieg, Männer machen die Gesetze und Männer aus Berlin befehlen und erheben das Malverbot. Hat Tiedemann deshalb alle Rollen mit Männern besetzt?

Berlin hatte gerade die erste Retrospektive von Emil Nolde im Brücke Museum in Dahlem gezeigt. Es spricht ja vieles dafür, dass Lenz ihn als Vorlage für den Maler Nansen genommen hat.

Eine im Ganzen gute Aufführung, die animiert, die Deutschstunde nachmals zu lesen.

Christa Blenk

 

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