Archives pour la catégorie Theater

Highlights 2018

Liebe Leserinnen und Leser,

Wie schon in den vergangenen Jahren kommt hier ein Rückblick auf die kulturellen Highlights 2018 in Berlin und anderswo.

Begleitet und illustriert werden die Berichte dieses Mal von Fotos der französischen Atlantikküste.

 

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 Le Gois 

 

Mehr als 300.000 Menschen von Berlin bis Neuseeland haben Barrie Koskys amüsant-absurde und gewöhnungsbedürftige Produktion für die Komische Oper von Mozarts Zauberflöte in der Inszenierung der britischen Theatergruppe 1927 gesehen und diese Mischung  aus Zeichentrick- und Action-Stummfilm meist gemocht, obwohl sie Mozarts große Oper auch ein wenig verrät!   2017 war von dieser Gruppe Petruschka hier in Berlin auf der Bühne zu erleben.

Entdeckt hatten wir die Zehlerdorfer Hauskonzerte schon 2017. Aber auch im vergangenen Jahr brachte die Hausherrin von der Glasharfe bis zu Schubert ganz unterschiedliche Künstler zu sich in das musikalische Wohnzimmer und überraschte das Publikum mit ihrem Programm immer wieder.

 

Vendée2013-März 433

 

Bildhauerinnen der Moderne war der Titel  einer Ausstellung im Kolbe Museum, welches immer wieder die spannendsten Kombinationen in den schönen Ausstellungsräumen am Berliner Stadtrand zusammenstellt. Die  Ausstellung Zarte Männer in der Skulptur der Moderne läuft noch bis Februar 2019. Die Ausstellungsszene in Berlin ist ja sonst eher mager und das Angebot an Ausstellungen ist sehr verbesserungsfähig. Das Bröhan Museum brachte im ersten Halbjahr eine Sammelausstellung « Berliner Realismus » und nach dem Sommer eine Schau über  Georg Grosz  - beides durchaus erwähnenswert. Der Hamburger Bahnhof versuchte mit einer kleinen Ausstellung über Otto Müller  das Fehlen (Umbau immer noch nicht fertig) der Neuen Nationalgalerie aufzufangen. Diese Ausstellung läuft noch bis März 2019. Erwähnenswert auf jeden Fall die Ausstellung Leben ist Glühn mit Bildern des deutschen Expressionisten Fritz Ascher (1893-1970), die in der Berliner Villa Oppenheim und im Museum Potsdam zu sehen waren.

Ansonsten ist hier das Portrait über die Künstlerin Schirin Fatemi für KULTURA EXTRA zu lesen und ein langer Bericht über eine großartige Ausstellung im Grand Palais in Paris über Kupka.

„Banned Art“ sollte die Ausstellung, die 1938 in London als Antwort auf die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München organisiert wurde, ursprünglich heißen. Um ihr aber das Politische zu nehmen, nannte man sie schließlich nur  « Twentieth Century German Art« . Angeblich sollen über 300 Exponate für diese Schau nach London geschickt worden sein. Gezeigt werden konnten  – aus Platzgründen – schließlich nur 270 Werke. Eine so große und bedeutende Ausstellung deutscher moderner Kunst  hatte es bis dahin in England noch nicht gegeben. Die Villa Liebermann am Wannsee hat mit sehr viel weniger Werken aber guten Texten, die Ausstellung nochmals aufleben lassen.

 

Vendée2013-März 430

 

Mit Das Wunder der Heliane und Die tote Stadt  gab es von dem in Österreich geborenen Komponisten Erich Wolfgang Korngold  gleich zwei sehenswerte Produktionen in Berlin. Korngold ist aber heutzutage vor allem wegen seiner vielen Preise für Filmmusik in Hollywood bekannt.

Aus der Begegnung im Jahre 2009 von Robert Wilson und Arvo Pärt im päpstlichen Wartesaal in Rom ist Adams Passion entstanden. Nacho Duato war 2018 schon auf dem Sprung das Staatsballett vorzeitig zu verlassen. In der Komischen Oper wurde nochmals eine seiner besten Produktionen « Herrumbre » aufgeführt.

Abgelöst wurde er im Sommer 2018 von Johannes Öhmann. Sasha Waltz wird in diesem Jahr die Ko-Direktion übernehmen. Öhmann Einstieg hätte besser nicht sein können mit der Doppelproduktion Celis – Eyal. Rauschender Applaus und viel Vorfreude auf Zukünftiges – vor allem von Eyal!

 

Vendée2013-März 145

 

Die Premiere von Benjamin Britten « The turn of the screw  fand schon vor fünf Jahren in der Staatsoper statt und kann seitdem immer wieder das Haus füllen. Britten komponierte die Oper 1954  nach einer Erzählung von Henry James. Hans Werner Henze fühlte sich ein wenig als kleiner Bruder von Britten. Ein großartiges Erlebnis im Herbst war die Aufführung von Hans Werner Henzes  Werk « El Cimarron » in Gelsenkirchen in einer Produktion von Michael Kerstan, das im Rahmen der Konzertreihe „Musik erzählt von Freiheit“  im Kulturraum Die Flora in Gelsenkirchen aufgeführt wurde. Diese Reise von Berlin ins Ruhrgebiet hat sich allemal gelohnt.

Im März verzauberte das Freiburger Barockorchester mit Pergolesis Intermezzo la serva padrona“ das Berliner Publikum. Passend dazu gab es in der Fenice in Venedig « I tre Gobbi » - Commedia dell’arte pur. Auch Rossini liebte es, sich bei der Commedia dell’arte zu bedienen und das hat Katharina Thalbach mit dem Barbier von Sevilla sehr ernst genommen.  Der Theaterregisseur Jan Bosse legte mit Rossinis « Il viaggio a Reims » in der Deutschen Oper eine Punktlandung, bei der fast alles stimmte, hin. Eine geniale Interpretation des Wartens!

 

Vendée2013-März 653
 Austernsteg in der Vendee

Aber um Warten ging es auch bei Salvatore Sciarrinos neuer Oper « Ti vedo ti sento mi perdo » . Harrte man aber in Reims geduldig aus, um endlich von einem Ort wegzukommen, so lässt Sciarrino die Künstler während der Generalprobe einer Stradella-Oper im Palazzo Colonna  auf den Maestro selber warten.

Auf eine eine Heimweh-Reise schickte uns der argentinische Komponist und Bandeonist Daniel Pacitti mit einem gelungenen Konzert in der Philharmonie « Viaggio in Argentina ». Im Vorjahr brachte er das Luther Oratorium « Wir sind Bettler » als Auftragsarbeit auf die Bühne.

Die Neuköllner Oper enttäuscht eigentlich nie. Mit  « Welcome to Hell »  hat sie den umstrittenen G 20 Gipfel von Hamburg aufgearbeitet und mit Wolfskinder  das Humperdinck Märchen Hänsel und Gretel neu erzählt. Das Original dieser Kinder-Erwachsenen Oper wurde im pünktlich zur Weihnachtszeit und alle Jahre wieder in der Staatsoper aufgeführt. Eine weitere beeindruckende Produktion war Kreneks Oper Der Diktator.

 

Vendée2013-März 112

 

Olafur Eliasson ließ erboste Götter und nachtragende Frauen über einen Star Wars Himmel donnern und zauberte so ein modernes Versailles für Rameaus Hippolythe et Aricie. Ein französisches Opern Pasticcio präsentierte mit « Les beaux jours de l’amour » (die schönen Tage der Liebe) der französische Dirigent Raphael Pichon mit einem Programm aus Opern von Rameau und Gluck .

Den 200. Geburtstag von Jacques Offenbach (1819 – 1880) feierte die Komische Oper mit einer neuen Produktion der Oper „Blaubart“ . Stefan Herheim führte Regie und versuchte, die Kult-Inszenierung von Felsensteins wieder aufleben zu lassen, die  zwischen 1963 und 1992 knapp 400 Mal zur Aufführung kam.

 

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 Salzland

Marie Bäumer spielt Romy Schneider bei einem Kurzaufenthalt in der Bretagne. Drei Tage in Quiberon heisst das Opus. Auch der Film Transit spielt in Frankreich, aber während des Krieges, und diese Zeit ist auch Protagonist bei dem sehr gelungenen Film Der Trafikant.  Ballon basiert auf einer wahren Begebenheit und kam Ende September 2018 in die deutschen Kinos. Sechs Jahre hat der Regisseur und Produzent Michael Herbig daran gearbeitet und mit einzelnen Familienmitgliedern oder Hauptprotagonisten gesprochen. Der Film beschreibt die Flucht 1979  in einem selbst gebauten Heißluftballon von  der DDR in den Westen: an Bord die Familien Strelzyk und Wetzel.

Die Beelitzer Heilstätten animieren dazu, erneut den Zauberberg zu lesen. Ein Besuch über die Glienicker Brücke zur Villa Schöningen hingegen bringt den Spion der aus der Kälte kam wieder auf den Nachttisch. Wer Thomas Mann und John le Carre aber nicht mehr lesen mag, kann sich mit der Hauptstadt  von Robert Menasse vergnügen, hier wird die Europa-Hauptstadt Brüssel aufs Korn genommen.

In der Villa Schönigen waren 2018 übrigens auch die Kostüme für den Bayreuther Lohengrin zu sehen, die das Künstlerpaar Rosa Loy & Neo Rauch entworfen hatte.

Leo Janácek hat sich mit seinem Spätwerk „Die Sache Makropulosmit dem Thema « Alt werden oder Jung bleiben müssen » befasst, beeindruckt und inspiriert von einem damals ganz neuen Theaterstück von Karel Capek

Michael Thalheimer hat Brechts „Kaukasischen Kreidekreis“ am Berliner Ensemble, mit großartigen Darstellern  inszeniert und minimalisiert. So ganz ohne Bühnenbild und viel Elektro-Guitarre.  Beeindruckend auch Karin Henkels  geschlechterlose Interpretation der Drei Schwestern.

Zum Dezember gehört auch das Weihnachtsoratorium  und besinnliche Kirchenkonzerte wie sie sie zum Beispiel die  Gemeinde der Sophienkirche organisiert.

 

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Dies ist nur eine Auswahl unter vielen anderen Artikeln und Beobachtungen! Und jetzt kann das neue Jahr mit vielen neuen Ausstellungen und Musikveranstaltungen beginnen.

Alles Gute!

cmb

Fotos (c) Christa Blenk

hier die links zu den blog-Highlights der vergangenen Jahre

Highlights 2017

Highlights 2016

Highlights 2015

Highlights 2014

 

 

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Die Drei Schwestern

Olga, Mascha und Irina, drei Schwestern, kultiviert und gebildet, gehörten einst der besseren Moskauer Gesellschaft an, bis sie mit ihrem Vater, dem General, vom lebendigen, kulturellen Moskau in die Provinz versetzt werden und dort auch nach dem Tod des Vater hängenbleiben. Moskau ist für sie das unerreichbare Paradies, dorthin fliehen sie in Gedanken, um dem öden Alltag, der Hoffnungslosigkeit zu entfliehen. Der vierte im Bunde ist ihr schwacher und spielsüchtiger Bruder, der obendrein eine Frau ins Haus bringt, die sich sogleich als Oberhaupt aufführt. Tschechow hat mit diesem Frauenstück den Abgrund einer lebensunfähigen Gesellschaft beschrieben.

Karin Henkel hat das Stück nun neu und geschlechterlos interpretiert. Die Hauptrollen werden von Männern in Frauenkleider und Masken interpretiert, die aber jeweils ebenso  den Partner/Partnerin spielen. Im Verlauf der Geschichten, werden die Masken immer minimaler und die Masken werden nicht mehr konsequent übergezogen. Das eh komplexe Werk wird dadurch noch komplexer, aber nicht unverständlicher!

Meist wird nur ganz schnell ein Mantel übergeworfen und schon ist der Soldat wieder Olga oder Mascha. . Irina ist gleichzeitig Nikolai und später – wenn die Vergangenheit zur Gegenwart wird, übernimmt Angela Winkler die Rolle der älteren Irina. Ein knisterndes Kofferradio stellt immer wieder die Verbindung zur Welt her und die Kippbühne verstärkt den Eindruck des Schwindels und des Vergehens. „Wie die Zeit wegtickt“ sagt Andrej. Sie nimmt Hoffnung und Wohlstand mit und lässt Unzufriedenheit und Frust zurück.

Felix Goeser spielt Andrej und seine  raffgierige, unzufriedene Frau Natascha. Bernd Moss spielt Olga, die ältere Schwester, die vernünftige, die Schuldirektorin werden soll, aber das alles gar nicht mehr schafft. Er/Sie bringt die Erschöpfung, die Aussichtslosigkeit auf die Bühne und wenn er den Frauenrock auszieht, ist er plötzlich Oberstleutnant Werschinin, wie Michael Goldberg immer zwischen Mascha und Kulygin hin und her pendelt. Manchmal mit dann wieder ohne Perücke. Und dann Irina, die kleine, schöne Schwester, die noch mehr als die anderen nach Moskau will. Bernjamin Lillie ist die junge Irina und Tusenbach, der ihr ständig ein besseres Leben verspricht, das dann Angela Winkler als ältere Irina aus den Augen verliert

Die Drei Schwestern wurde 1901 in Moskau uraufgeführt.

cmb

 

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Der Kaukasische Kreidekreis im Berliner Ensemble

Minimales Bühnenbild und Elektroguitarre

Michael Thalheimer hat Brechts „Kaukasischen Kreidekreis“ am Berliner Ensemble, sehr minimal inszeniert. Weggefallen ist nicht nur das komplette  Bühnenbild sondern auch der Text musste Federn lassen, so gab es z.B. das komplette Vorspiel in einem georgischen, fruchtbaren Tal nicht.

Dafür gibt es eine weinende und klagende Elektroguitarre, die irgendwo zwischen Hendrix und Cohen, die Dramatik, die Einsamkeit, die Hoffnungslosigkeit unterstreicht und einen Vorredner am Rand der Bühne. Die Schauspieler halten sich im hinteren Teil der Bühne auf und warten auf ihren Auftritt.

Grusche (beeindruckend Stefanie Reinsperger), die Magd ist fast immer dran, abgerissen und blutverschmiert, ein wenig linkisch ist sie permanent hin und hergerissen zwischen Mitleid und Angst, wächst aber – allein gelassen von der Gesellschaft und ihrem feigen Bruder – an ihrer Aufgabe und kümmert sich so selbstlos, dass sie dabei ihr eigenes Glück verliert. Die Rolle des Richters ist hier schwer einzuschätzen, war er ursprünglich ein Mönch? Ist er wirklich ein Fürsprecher der Armen? Kann man ihn überhaupt ernst nehmen? Den Kreisekreis zieht er mit dem Blut, mit dem er vor Grusche übergossen wird. Grusche, die blonde Magd, bleibt zum Schluss allein mit dem ihr zugesprochenen Kind zusammengerollt und verlassen auf einem Stuhl liegen.

Berthold Brecht hat den Kaukasischen Kreisekreis 1954 anlässlich der Übernahme des Hauses am Schiffbauerdamm inszeniert. Stefanie Reinsperger ist großartig und braucht auch keine Dekoration. Der Sänger/Erzähler Ingo Hülsmann ist brillant, ebenso Tilo Nest als Richter Azdak oder Horrorclown.

cmb

 

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I Tre Gobbi – Teatro La Fenice

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Acqua Alta in Venedig

 

Der große italienische Komödienschreiber Carlo Goldoni (1707-1793) schrieb das Libretto zu Vincenzo Legrenzio Ciampis Intermezzo musicale „La favola de tre gobbi“ (Die Geschichte der drei Buckeligen). Das Werk entstand 1749 in Venedig.

Michele Modesto Casarin (der auch selber mitspielt) und Alberto Maron haben in einer gemeinsamen Produktion des Teatro La Fenice, der venezianischen Theaterkompagnie Pantakin Commedia und dem Woodstock Teatro eine Bearbeitung in Anlehnung an die Musik von Ciampi ausgearbeitet und diese mit Ilenia Tosatto (Sopran), Andrea Biscontin (Tenor) sowie dem Ensemble Harmonia Prattica im November 2018 in der Sale Apollinee aufgeführt. Kostüme und Masken sind von Licia Lucchese und Roberta Bianchini.

Alessia D’Anna, Claudio Colobmo, Davide Dolores, Michele Modesto Casarin haben hier die  Commedia dell’Arte wieder aufleben lassen und mit viel Witz, Humor, Slapstick, Begeisterung und schöner Musik ein permanentes Lächeln auf die Gesichter der glücklichen Zuschauer gezaubert, das noch ganz lange in den Abend hinein angehalten hat.  

Zur Geschichte: Carlo Goldoni ist nicht gut drauf. Leicht angetrunken torkelt er auf die Bühne, er hat eine Schaffenskrise und vor allem Schulden, die fällig werden. Die Geldeintreiber Beccaferro und Tagliacarne, zwei trottelige Gesellen, stehen vor seiner Tür und drohen damit, seine Fußsohlen abzuschneiden, wenn er nicht endlich die Schulden, die er beim venezianischen Edelmann Grimani hat, zu begleichen. Da er aber nicht bezahlen kann, verspricht er, etwas zu schreiben und schindet so noch drei Tage Aufschub heraus. Seine Dienerin, Catte (großartig Alessia D’Anna), rät ihm, das Theater doch endlich sein zu lassen,  versorgt ihn aber vor dem wichtigen Projekt noch mit Rosolio. Goldoni, voller Schaffenseifer, widmet sich aber mehr dem Alkohol als den Wörtern und schläft die drei Tage durch, spricht: er verschläft seine Chance. Catte weckt ihn, als die Zwei wieder auftauchen. Eine wilde und köstlich gespielte Jagd beginnt und schließlich bekommt er nochmals eine Galgenfrist bis zum Abend. Catte erzählt ihm die Geschichte der drei Buckeligen und er schreibt sie direkt den Darstellern (die beiden Geldeintreiber und er selber) auf den Leib. So wird sein Schreibzimmer zur Bühne und Catte zu der vornehmen Madame Vezzosa, in die sich die drei Buckeligen verlieben. Dichtung, Realität und Komödie vermischen sich und Catte träumt von einer Karriere als Schauspielerin. Zum Schluss schlägt Goldoni vor, die Musik von Ciampi komponieren zu lassen.

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Mehr kann man von Volkstheater nicht verlangen!
Bravi.

Christa Blenk

 

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Theater: Willkommen bei den Hartmanns

Angelika und Richard Hartmann leben in einem großen Haus in einer guten Gegend (Zehlendorf, Dahlem oder Grünewald) und sind so um die 60. Gut situiert, keine sichtbaren Sorgen, Wohlstandslangeweile bei Angelika und verspätete Midlife-crises Botox inklusive bei Richard. Die ehemalige Deutschlehrerin Angelika hält sich immer an einem Weinglas fest und sucht eine sinnvolle Aufgabe, nachdem ihre erwachsenen Kinder, Sophie, die ewige Studentin,  und der vom burn-out bedrohte Philipp, aus dem Haus sind. Ihr Mann Richard, erfolgreicher Chirurg seines Zeichens, lebt immer noch für die Arbeit und hat ein Problem mit den Wörtern alt und Rente. Schließlich beschließt Angelika über den Kopf der skeptischen Familie hinweg, einen Flüchtling aufzunehmen. Unterstützt dabei wird sie von ihrer früheren, durchgeknallten, sozial und grün eingestellten Freundin Heike auf dem Öko-Hilfe-Flüchtlings-Trip.

So kommt Diallo ins Haus und konfrontiert sie alle nacheinander mit ihrem Leben (Die Deutschen sind alle so verwirrt, zitiert Diallo des öfteren). Jedes einzelne Familienmitglied wird sich plötzlich der vorherrschenden Einsamkeit und Oberflächlichkeit bewusst. Diallo bringt sie wieder zusammen, findet einen Mann für Sophie und verhindert die Trennung von Richard und Angelika. Sogar Philipps aufsässiger, versetzungsgefährdeter und rappender Sohn Sebastian schreibt mit Diallos Hilfe endlich mal eine Eins.

Zum Schluss mögen sich  Alle und fahren gemeinsam in Diallos Heimat, um seinen kleinen Bruder zu holen, denn Richard kann endlich in Würde alt werden und in Rente gehen.

Amüsant-manipulierende Gemeinplätze in rasanter Folge mit dem Fazit: Kennen heißt verstehen bzw. tolerieren!

Die Komödie nach dem gleichnamigen Film von Simon Verhoeven basiert auf einem Text von John von Düffel. Regie Martin Woelffer, Bühne und Kostüme Stephan Fernau. Es spielen  Rufus Beck, Gesine Cukrowski, Marion Kracht, Mike Adler, Quatis Tarkington, Jonathan Beck und Pia-Micaela Barucki.

cmb

 

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Blog Highlights 2017

Liebe Leserinnen und Leser,

Hier sind nochmals die kulturellen Highlights der letzten 12 Monate nachzulesen, Verbindungen werden hergestellt und Brücken gebaut – wie es nur Musik und Kunst fertig bringen. Dieses Jahr wird der Übergang von einem Kulturevent zum anderen über eine venezianische Brücke von statten gehen. Es geht deshalb auch nicht immer chronologisch zu auf dieser Reise durch 2017!

P1060051 Avanti Avanti. Mit einem spritzigen Silvesterkonzert in der Komischen Oper fing das kulturelle Jahr 2017 an. Max Hopp rollte Volare Volare singend (und tanzend) mit der Vespa (aber nicht mit dieser – diese habe ich auf der Biennale in Venedig entdeckt) auf die Bühne – jedenfalls hatte er das vor … aber lesen Sie selber.

Brücke ohne Geländer Tanzend ging es auch gleich weiter mit den Tanztagen in Berlin . Surrealistisch und perfekt. Duato Shechter gab es in der Komischen Oper. Großartig war auch eine Aufführung des Nederlands Dans Theaters Anfang Dezember.

venezia3  Die Kriminellen der Frau A   war ein ausgesprochen packendes Erlebnis zwischen Theater, Kunst und Musik. Die Oper Ovartaci crazy, queer & loveable ist ein work in progress und erzählt Abschnitte aus Ovartacis Leben. Wir freuen uns schon auf den nächsten Teil!

P1050886 Viel klassische und konventionelle Oper gab es natürlich auch. Hervorzuheben  Salomé in der Deutschen Oper, eine großartige Aufführung von Purcells King Arthur. Abwechselnd zwischen Staatsoper, Komischer Oper und Deutscher Oper gibt es Berichte über  Petruschka, Hoffmanns Erzählungen, Don Giovanni, Der fliegende Holländer, Jacob Lenz, Elektra , La damnation de Faust oder Lohengrin. Sehr zu empfehlen hier Philipp Glass’ Satyagraha  in der Komischen Oper und L’Invisible von Aribert Reimann in der DO. Nicht sehr überzeugend und ein wenig langweilig war Tod in Venedig.

P1050884 Das Georg Kolbe Museum hat gleich drei großartige Ausstellungen in den eher armen Berliner Ausstellungshimmel geschossen. Georg Kolbe im Netzwerk der Moderne , eine umfassende Recherche über Flechtheim und kurz vor Jahresende Emil Cimiotti. Dazu passte perfekt die Ausstellung über Rudolf Belling.

P1050881 Hannover  hat außer einer ziemlich guten Oper auch noch viel Kunst zu bieten. Auf der Skulpturenmeile trifft man auf viele Bildhauer des 20. Jahrhunderts aber natürlich hat sich die Reise schon gelohnt, um dort Hans Werner Henzes « Englische Katze »  zu sehen. Später im Jahr wurde dann auch die Oper LOT  von Giorgio Battistelli dort aufgeführt. In der Ausstellung Manifesto spielt Cate Blanchet 13 verschiedene Rollen. Diese Ausstellung ging durch alle wichtigen europäischen Museen.

1 Das Pariser Centre Pompidou ist immer einen Abstecher wert. Die jeweiligen Restrospektiven über Cy Twombly und David Hockney haben das wieder bewiesen. Jean Noel Pettit hat Cy Twombly ins Französische  übersetzt.

P1050882  Und wieder über eine Brücke und es geht ins Theater. Davon hat Berlin auch genug. Jeanne d’Arc in einem weißen Würfel im Gorki Theater, Wut  am Deutschen Theater, der gefräßige und feige König Ubu, eine enttäuschende Phädra und Caligula  am Berliner Ensemble mit Kettensägen und Wahnsinn.  Sehr gut The Situation im Gorki Theater und weniger gelungen Michel Houellebecq  Unterwerfung. Highlight war sicher die FAUST  Aufführung in der Volksbühne und der damit verbundene Abschied vom Theater-Wüterich Castorf. Kurz vor Jahresende war er dann Gast im Berliner Ensemble mit einer sehr freien Interpretation von Hugos Les Misérables.

P1050924 das wunderbare Ensemble Concerto Romano kennen wir schon aus Rom. 2017 konnten wir sie gleich zweimal in und um Berlin erleben. Einmal mit der herausragenden Aufführung Ad Arma Fideles beim Äquinox Festival und ein zweites Mal beim Göttinger Musikfestival.

P1050875 Aber jetzt wieder ein wenig Kunst. In der Biennale von Venedig hat mich am meisten die side show von Michelangelo Pistoletto interessiert. Er installierte seine Arbeiten in der Palladio-Umgebung.

Gut die Schau über Friedrich Kiesler im Gropius Bau oder die Präsentation von Jeanne Mammen in der Berlinischen Galerie. Im Hamburger Bahnhof war Hanne Darboven zu sehen und eine Entdeckung war  Jan Toorop. Ansonsten hat sich die Kunst in Berlin eher zurückgehalten.

P1050873 Jetzt mit einem großen Sprung über diese Brücke zur zeitgenössischen Musik. Hier ist das Festival Hofklang Anfang September hervorzuheben. Unerhörte Musik gibt es meistens am Dienstag im BKA. Korpus  oder e-werk waren u.a. zu Gast.  Ulrike Brand war auch in einer Performance Walls and Waves  in einer Kirche zu erleben.

P1050870 Überraschend eine Aufführung in der Ahlbecker Kirche auf Usedom von Pergolesis Stabat Mater. Usedom war sonst eher enttäuschend, aber gelohnt hat sich auf jeden Fall ein Besuch im Museum von Otto Niemeyer-Holstein. In dem Artikel zwischen Ostsee und Achterwasser  ist es beschrieben.

P1050850 Und über diese Brücke kommen wir zur Orgel und zu der Orgel-Ikone Matthias Eisenberg. Später im Jahr – zu Luthers Geburtstag – reisten wir ihm nach Leipzig nach und daraus wurde ein musikalisches Leipzig-Wochenende. 

P1050826 Aber auch Robert Wilson beschäftigte sich mit Luther und seinem Jubiläum mit der etwas konfusen Aufführung « Luther dancing with the Gods«  im Pierre Boulez Saal. Kammermusik mit und ohne Worte und ein Auftritt des großartigen Klarinettisten Jörg Widmann sind ebenso beschrieben.

2 Auch der argentinische Komponist und Bandeonist mit italienischen Wurzeln Daniel Pacitti befasste sich mit Luther. Im Juli wurde in der Philharmonie sein Oratorium « Wir sind Bettler » uraufgeführt mit Roman Trekel in der Hauptrolle. Kennen gelernt allerdings haben wir Pacitti bei einer ganz anderen Gelegenheit, nämlich bei einem kreolischen Tangoabend in den Räumen der Freien Volksbühne.

P1050816 Bei einem wunderbaren Hauskonzert in Zehlendorf hat Pacitti seine dritte Seite präsentiert. Das zeitgenössische Stück mit Einflüssen aus seiner Heimat. La Cruz del Sur wurde von zwei virtuosen jungen Solisten (Klavier und Querflöte) vorgetragen. Ausgeklungen sind die Zehlendorfer Hauskonzerte mit Werken von  Franz Schubert.

P1050920 In der Kunst und Ausstellungshalle in Bonn gab es eine sehr gut zusammen gestellte Ausstellung von Ferdinand Hodler  und München befasste sich mit dem 19. Jahrhundert in der Ausstellung GUT WAHR SCHÖN . Diese beiden Artikel sind u.a. auch auf KULTURA EXTRA  erschienen.

P1050894 Der Sommer in der Vendee besteht nicht nur aus Palourdes sammeln oder Strandspaziergängen. In Thiré findet jedes Jahr das Festival « Dans le Jardin de William Christie » statt. Dieses Jahr Monteverdi  gewidmet. William Christie war auch im Dezember zu Gast in der Philharmonie mit einer fantastischen Aufführung von Monteverdis  « Selva spirituale e morale ». Aber auch die Staatsoper feierte den großen Monteverdi mit einer sehr schönen Aufführung von L’incoronazione di Poppea.

Auch die Neuköllner Oper widmete Monteverdi einen Abend – bei Combattimento x 2 geht es in den Wrestler Ring!

P1050850 In einen anderen Garten – nämlich in den von Guillermo Lledó - führte die diesjährige Madrid-Reise. « Plaza para un hombre solo » ist eine Skulptur und die Eröffnung dieser wurde ganz groß in seinem Garten in einem Madrider Vorort gefeiert mit Künstlern und Madrider Kunstwelt. Madrid ist eine Kunst-Stadt, ein wenig davon ist hier auch beschrieben: Mateo Mate, Rosa Barba, Franz Erhard Walter. Das Museo Reina Sofia hatte eine umfangreiche Ausstellung zu Picasso und Guernica organisiert. Piedad y terror en Picasso.

P1050892 der argentinische Künstler Nestor Boscoscuro lebt in Berlin und in Buenos Aires. Mit ihm wurde die Portrait-Serie für KULTURA EXTRA erweitert.

P1050877 Die Aufführungen der Neuköllner Oper lohnen sich ebenfalls immer und sind jedesmal überraschend und erfrischend. Unter anderem gab es dort Combattimento x 2, Fuck the Facts und eine sehr freie Interpretation der Bettleropera.

P1050948 Pellworm – wo ist das denn? Aber eine Reise dorthin lohnt schon deshalb, weil diese Ecke in der Nordsee eine Art Atlantis ist – umgeben von Mythen und Sagen.

P1050818 The future is female war der Titel einer Reihe von Aufführungen  in den Sophiensälen. HUMBUG  wurde durch OPERALAB aufgeführt, war sehr amüsant und führte in die Zirkuswelt. In Norway Today  waren die zukünftigen Sophies Rois oder Wuttkes dieser Welt zu sehen.

P1060047 Das Colombian Youth Orchestra erfand Strawinsky neu und das auch noch im Konzerthaus am Gendarmenmarkt  und Josep Pons dirigierte Ravel, Falla und ebenfalls Strawinsky.

P1050928Bei dem Buch « Eine Sinfonie der Welt » geht es auch um Musik. Hier beschreibt Alexander Bertsch das Leben eines Komponisten in der Nazi-Zeit.  Ein schönes Buch!

Brücke ohne Geländer Hoch im Norden lebt der Dorfpoet  und macht sich über sich selber und die Welt lustig -  aber lesen Sie selber.

 

Einen Guten Rutsch mit Trauben, Linsen oder anderen Bräuchen  wünsche ich allen Leserinnen und Leser und ich freue mich auf Ihren Besuch im nächsten Jahr!

P1030084

 

Christa Blenk

 

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Les Misérables – am Berliner Ensemble

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Real Fabrica de Tabaco steht da auf der von Castorf so geliebten shabby-chic-Hühnerleiter-Drehbühne geschrieben. Sind wir etwa versehentlich in der Carmen gelandet! Dann dauert es ganz schön lange, gefühlt über eine Stunde, bis man bei der Geschichte, um die es eigentlich geht, anlangt. Ein alter Mann sitzt in einer Art Käfig (den könnte sich Castorf bei seiner Kameliendame-Inszenierung in Paris 2008 ausgeliehen haben) und referiert über Kloaken, Dreck, die Ratten der Pariser Kanalisation, Därme und Untergrundgerüche und über die Leiden des Alters. Laute Kubanische und Latino-Musik der 1950er Jahre begleiten das Knurren und Brüllen von zwei Frauen.

In der Mitte der ersten Halbzeit betritt er die Bühne, es muss wohl endlich Jean Valjean sein. Der dunkel gekleidete Mann sucht eine Bleibe, hat Hunger und bekommt nur Absagen, dafür sorgt sein gelber Gefängnisausweis. Er lamentiert über die Ungerechtigkeit seines  Lebens, denn eigentlich war er nur ein kleiner Dieb und landete für 19 Jahre auf der Galeere, weil er flüchten wollte. Jean Valjean (Andreas Döhler) ist nun in die Geschichte von Victor Hugos „Les Misérables“ getreten und es kann beginnen.

Der salbungsvolle und von Gerechtigkeit sprechende Bischof (Jürgen Holtz) nimmt ihn auf, gibt ihm gutes Essen, feinen Wein aus edelstem Silbergeschirr, das er ihm anschließend aufdrängt, damit der Ex-Knacki ein besserer Mensch werden kann. Wie immer bei Castorf wird das alles live gefilmt und auf einer Leinwand für das Publikum übertragen. Viel langatmiges Déjà-vu an diesem Abend.

Castorf liebt die Literatur des 19. Jahrhunderts aber warum hat er die Geschichte nach Kuba verlegt? Hier geht es um Kolonien, Ausbeutung und Revolution. Er fusioniert den Juni-Aufstand in Paris 1832 mit Fidel Castros Revolution und holt sich Cabrera Infantes 1965 entstandenen Roman „Tres Tristes Tigres“ (drei traurige Tiger) ins Boot.  Und wie Tiger fauchen auch die Frauen sich an, bevor Fantine (Valery Tscheplanowa) ihre Tochter Cosette bei einem schrägen Glitzer-Opportunisten-Paar in Pflege gibt, um später auf dem Strich zu landen. Der Bürgermeister ist, so wie es aussieht, unser Valjean, und dieser zwingt den Gesetzeshüter und ewigen Valjean-Verfolger Javert sie freizulassen. Dieser vermutet nun gleich,  dass da wohl etwas nicht stimmen kann und so endet – nach drei Stunden – der erste Teil mit der glühenden Rede aus dem Radio von Victor Hugo, die er 1849 auf einem Pazifistenkongress gehalten hat und die gerade jetzt erst entstanden zu sein scheint. DaDa pur!

Nach der Pause beginnt Javerts (Wolfgang Michael) Jagt zwischen Stummfilm und Film Noir. Wirklich folgen kann man der Geschichte eher noch weniger, aber das soll ja wohl auch nicht so sein. Das hysterische Gebrülle braucht man eigentlich auch nicht mehr an diesem bewusst und gezielt verlängerten Theater-Abend.

Castorf hat auch hier wieder eine Art „pot–au-feu“ auf den Herd gebracht, der manchmal überkocht, die Herdplatte ein wenig verbrennt, beim zurückgedrehten Feuer sich wieder auf ein leises Blubbern beruhigt, heiß auf den Tisch kommt, aber schnell lauwarm wird, dementsprechend schal schmeckt aber schon Vorfreude auf das nächste gemeinsame Essen hervorruft.

Christa Blenk

 

LES MISÉRABLES 
Regie/Bearbeitung: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Licht: Ulrich Eh
Soufflage: Elisabeth Zumpe
Musikkonzeption: Wiliam Minke
Video-Konzeption: Jens Crull und Andreas Deinert
Live-Kamera: Andreas Deinert und Mathias Klütz
Live-Schnitt: Jens Crull und Maryvonne Riedelsheimer
Tonangel: Dario Brinkmann und Wiliam Minke
Dramaturgie: Frank Raddatz
Künstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink
Mit: Thelma Buabeng, Andreas Döhler, Patrick Güldenberg, Jürgen Holtz, Oliver Kraushaar, Sina Martens, Wolfgang Michael, Rocco Mylord, Stefanie Reinsperger, Aljoscha Stadelmann, Valery Tscheplanova und Abdoul Kader Traoré
Premiere war am 1. Dezember 2017.

 

 

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Humbug – OPERALAB Berlin

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„Wer will nochmal, wer hat noch nicht“

Humbug

Der US Zirkuspionier, Kulturmanager und Marketing-Genie  P.T. Barnum alias Prince of Humbugs (wie er sich selber nannte) kaufte 1841 das Amerikanische Museum in New York. Dort präsentierte er seine Wunderkammer und allerlei seltsame Lebewesen – wobei es nicht immer ohne Tricks zuging. Im Laufe seines Direktorendaseins füllte er jedenfalls die Kassen und lockte 38 Millionen Besucher mit seiner Mischung aus Völkerkunde, seltsamen Lebewesen, kleinen Schwindeleien und exotischen Gegenständen in das Museum.

Bei dem Stück Humbug geht es um den Mythos der Meerjungfrau und Barnums größten Coup. Wir zahlen unseren Obolus und treten ein in die Freak-Show. In der Mitte auf einer Bühne liegt das Fabelwesen und redet auf eine Büste ein, sie wartet auf ihre Erlösung. Die drei Frauenstimmen sind dreimal die Person von Barnum (Gina May Walter und  Nina Guo, Sopran) und Luise Lein, Mezzo – manchmal übernimmt eine der Protagonisten in eine andere Rolle, so wird z.B. Luise Lein kurzfristig zum Seefahrer Odysseus, der sich von Barnum Nr. 1 fesseln lässt, um den Verlockungen der Sirene zu entkommen. Singen kann diese Fischfrau allerdings nicht, denn man hat ihr vorher die Stimmbänder aus dem Mund gezogen.  Ab und an wird sie mit Plastik gefüttert.

Aber zu diesem Kuriositätenkabinett gehören auch auf die Musiker, die sich vor ihrem Einsatz dem Publikum präsentieren. Da ist die bärtige Frau (Evdoxia Fillipou, Schlagzeug), der Mann mit Brüsten (Pedro Pablo Camara Toldos, Saxophon) und Mia Bodet am Keyboard, die eine Art rosaroter Menschenaffe sein könnte. Die drei Zirkusdirektoren tragen bunte Jacken mit Kordeln und Zylinderhut. Irgendwann wird unsere Meerjungfrau sehr gekonnt aus der schwarzen Plastikmülltütenhülle geschält und scheint erlöst. Unsicher und mühsam versucht sie immer wieder auf die Beine zu kommen bzw. zu flüchten, was die Direktoren natürlich nicht zulassen wollen, denn sie sorgt ja schon für gute Einnahmen.

Zum Schluss sitzt das Fabelwesen, eine Mischung aus Sirene, Udine und Andersens kleiner Meerjungfrau, auf einem Hocker. Sie hat nun Beine, aber immer noch keine Stimmbänder und zerlegt ganz kunstvoll eine Dorade, während die drei Sängerinnen im minimalen Loop-Stil und beeindruckenden Stimmen ihre Verse singen.  Dann hält sie uns die Fischgräte hin, die wie eine Meerjungfrau  aussieht.

Großartige Leistung der Meerjungfrau (Margaux Marielle-Tréhouart). Sie entwarf auch die Choreografie.

Opera Lab Berlin im Ackerstadtpalast hat aus einem fünfteiligen Liedzyklus des österreichischen Komponisten Bernhard Lang (*1957) eine Musiktheater-Kurzoper für Frauenstimme und drei Instrumente arrangiert. „Songbook I“ für Frauenstimme, Saxophon, Keyboards und Schlagzeug entstand schon im Jahre 2004. 2017 hat er sie überarbeitet und diese Version im Ackerstadtpalast nun zur Uraufführung gebracht. Die Lieder „Watchtower“, „Ophelia“, „Count 2 4“, „Burning Sister“ und „Another Door … for Jenny“ sind der Sängerin Jenny Renate Wicke gewidmet, die 2007 verstarb.

Regie führte Michael Höppner, die fantasievollen Kostüme entwarf Aurel Lenfert. Musikalische Leitung hatte David Eggert.

Auf jeden Fall haben wir uns köstlich amüsiert, obwohl die Musik durch das aufregende Geschehen in der Zirkus-Freak-Show zu kurz kam. 

Das Ensemble für zeitgenössisches Musiktheater, Opera Lab Berlin, gibt es seit 2013.  Humbug ist die neunte Produktion (IM FELD#9).

Nicht ganz zu verstehen war, warum die Hocker an das Publikum erst dann verteilt wurden, als es sich alle schon auf dem Boden bequem gemachten hatten. Aber das gehörte sicher auch zur Inszenierung …..  ….

Christa Blenk

 

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Fuck the facts – Neuköllner Oper

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Neuronen, Binärcodes und Bytes sausen und rechnen im Schnelldurchlauf über die Wand. Botschaften darauf sind fast nicht zu lesen, so schnell geht es. Bevor man etwas verstanden hat, ist es schon wieder vorbei, bzw. hat sich weiter entwickelt.

Und so geht das eine gute Stunde – so lange dauert die Aufführung. Wie ein frischer Wind weht sie an uns vorbei. Da einzig Verlässliche ist Händels Messias Musik, die stimmgewaltig und mit gekonnter Leichtigkeit von den umwerfenden Darstellern ins Publikum geschmettert wird.

« Willkommen im Zeitalter der Selbstermächtigung. Einfach den Rechner anschalten und twittern, posten und trollen was das Zeug hält. Self-entitlement worldwide, das galt für die Virtual Spaceriders des Artischocken-Kultes schon immer. Motto: Make Internet great again! Aber was passiert, wenn die Artischocken sich gegenseitig an die Gurgel gehen? Um einen Wald in ein Häuflein Asche zu verwandeln braucht es nur eine Zigarette. Um das Internet brennen zu lassen braucht es nur einen tweet. Ob Fake, ob Fakt oder Fiktion? Egal, ICH habe gesprochen. ICH brauche keine Gegenrede, ICH bin schon Demokrat. Fuck the facts, you`re not my Dad! Unsere fiktive Geschichte spielt (auch) mitten in Berlin. / Informiert durch einen wahren Fall zwischen messianischer Heilserwartung und tribal justice im Global Village. Wir fragen: Wer spricht eigentlich da draußen im privatisierten Internet-Gericht? Wer sind die selbsternannten Cyber-Sheriffs? Und warum haben sie uns ein großes Holzpferd mitgebracht? » (Quelle: Neuköllner Oper)

Aber worum geht es eigentlich? Es geht um Hacker, Verrat, Überwachung und Versprechen, meist um die nicht eingehaltenen. Und um Opfer, die man bringen muss, damit sich etwas ändert. Robespierre, der strenge Jakobiner (aber Jake heißt nicht wegen ihm so sondern wegen Jacob A.),  hat das auch so gesehen. Um ihn zu zitieren, hat die Party auch in Kleidern aus seiner Zeit stattgefunden und die Verse imitierten den Rhythmus des 18. Jahrhunderts, den von Voltaire oder Schiller, diese haben ebenfalls mit scharfem Blick, Spott und Sarkasmus die Missstände ihrer Zeit kritisiert. Aber die Errungenschaften unseres Jahrhunderts ermöglichen natürlich viel mehr (Überwachungs)Möglichkeiten. Leicht und spritzig ist die Aufführung, geht in die Tiefe ohne schwerfällig zu werden. Die Geschichte verliert sich dann doch sehr schnell – wie wäre es anders zu erwarten – im allzu Menschlichen, aber einiges muss  man dann doch ernst nehmen!

Basieren tut das Ganze auf einer Materialsammlung der Journalistin Anna Catherin Loll über den Fall des US Journalisten und Internet Hackers Jacob Appelbaum.  Großartig kommen die vier Darsteller Allen Boxer, Hrund Ósk Árnadóttir, Angela Braun, Mario Klischies und Bijan Azadian rüber. Sehr beeindruckend der US Bariton Allen Boxter und die isländische Koloratursopranistin Hrund Osk Árnadóttir, die sicher auch ohne Mühen einen kompletten Messias durchstehen würden.

Loll hat auch den Text zu dem Stück verfasst; Regie hat Christina Römer geführt. Bijan Azadian hat die vier Darsteller auf seinem Spinett des 21. Jahrhundert begleitet und « dirigiert » . Die Musik stammte aus  Georg Friedrich Händels Messias und zeigt wieder einmal, wie modern und rhythmisch Barockmusik doch ist.

Christa Blenk

 

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The Situation am Gorki Theater

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The Situation – ein etwas anderer Deutschkurs am Maxim Gorki Theater

Acht Lektionen Deutsch in 90 Minuten

Political correct geht es nicht immer zu in diesem witzigen fast-Boulevardstück und es wimmelt nur so von Gemeinplätzen, Vorurteilen, politischen und kulturellen Klischees, die  die  israelische Regisseurin Yael Ronen alle in einen Topf wirft. Aus diesen ad absurdum Kulturbrühen-Zutaten soll Stefan nun einen Unterricht kochen und das gelingt ihm sehr  kurzweilig und verlegen-feinsinnig.

Mit Schlagfertigkeit und  schwarzem Humor saust dieses Hin und Her zwischen hebräisch, arabisch, englisch und deutsch so schnell an uns vorbei, dass man oft gar nicht mehr weiß ob man die Untertitel liest oder zuhört. Die Flagge ihres Herkunftslandes hat die Kostümbildnerin Amit Epstein in die Bekleidung der Darsteller eingebaut

Wir sind in Neukölln/Berlin, also mehr oder weniger auf neutralem Boden. In 90 Minuten versucht Stefan (Dimitrij Schaad) den palästinensischen, syrischen, israelischen Schauspielerinnen und Schauspieler sprich,  seinen Schülern Hamoudi (Ayham Majid Agda), Karim (Karim Daoud), Laila (Maryam Abu Khaled), Noa (Orit Nahmias) und Amir (Yousef Sweid) auf einer positiv-gelben Schultreppe Deutsch beizubringen. Sie kommen alle aus dem von Unruhen gebeutelten Nahen Osten und haben unterschiedliche Sprachniveaus – das geht von A 1 bis C 1.  Stefan  hat es nicht leicht, das Noch-Paar, der Palästinenser Karim und die Israelin Noa streiten sich und Hamoudi kann unmöglich neben einer Frau aus Israel sitzen. Man darf nicht über die Vergangenheit reden, denn vor dieser sind sie geflüchtet; über die Zukunft auch nicht, denn wegen der Situation gibt es für sie keine. Und die Gegenwart geht sowieso nicht. Also versucht er es mit der Möglichkeitsform. Stefan will den Nahen Osten retten und fängt damit an, dass er Hamoudi bei sich wohnen lässt. Allerdings macht er das nicht unbedingt selbstlos, denn Stefan ist schwul und wurde gerade von seinem Freund verlassen. Dann soll er auch noch den antisemitischen Text von Amirs Rap-Song ins Deutsche übersetzen.

Der erste Teil ist witzig-feinsinnig und es gibt viel zu Lachen; im zweiten Teil wird es dann philosophisch-intim und die Darsteller erzählen über sich.  Stefan, der plötzlich zum Hauptprotagonisten des Abends wird,  beginnt in einem etwas zu langen und schon ein wenig pathetischen Monolog  von seiner kasachischen Kindheit (jawohl, auch er ist nicht in Deutschland geboren und ein  Musterbeispiel der Integration) zu erzählen. Er ist dem Publikum zugewandt, und während die anderen auf der Treppe sitzen und ihren Gedanken nachhängen, verrät er uns, wie sehr er unter der Einsamkeit in der kleinen Wohnung im Rheinland gelitten hat, wo er als Achtjähriger mit seinen Eltern landete. Wir erfahren, dass er durch seine Freunde ARD und ZDF perfekt Deutsch lernte und für seine Eltern alle Behördengänge erledigte und wie er die Achtung für seinen Vater wiederfand. Während Hamoud, der syrische Flüchtling für alle Humus zubereitet und ihn mit großzügigen Versöhnungsgesten verteilt, erzählen die anderen Schüler über sich. Das ist eine sehr gelungene, ruhige Szene und wir können zum Schluss selber Humus zubereiten.  

Fazit: Lost in Translation, aber wie Noa so schön in ihrer Schlussrede rezitiert „Wer hätte es für möglich gehalten, dass …..“ – Everything goes!

Die (Rap)Musik dazu haben Yaniv Fridel und Ofer Shabi komponiert.

Die Premiere war schon im Herbst 2015. 

Christa Blenk

 

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Luther dancing with the gods

 
2017-10-04 15.29.45

 

Bewegte“ Musik

« Ich weiß ein Wort, das hat ein L; wer das sieht, der begehrt es schnell. Wenn aber das L weg und fort ist, Nichts Bessres im Himmel und auf Erden ist. Hast Du nun einen weisen Geist, so sage mir, wie das Wörtlein heißt ». (Ein Rätsel: Gemeint ist « Gold » – « God » für « Gott » – aus einer Luther Tischrede)

Anläßlich des 500. Jahrestages der Reformation hat der New Yorker Regisseur Robert Wilson gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin das Projekt Luther dancing with the gods entwickelt. Eine Schöpfung aus Text und Musik, Klang, Bewegung, Licht und Bild. Das Team inszeniert damit gleichzeitig die erste szenische Produktion für den Pierre Boulez Saal.

Motetten von Johann Sebastian Bach bilden den musikalischen Drehpunkt dieser Aufführung. Angereichert ist die Performance mit „Immortal Bach“ einer Improvisation  zu Bachs Lied “Komm, süßer Tod” von Knut Nystedt und einer großartigen Präsentation von Steve Reichs „Clapping Music“ auf der einen Seite und mit Texten von Luther, Übersetzungen, Bibelextrakten, Streitgesprächen, Rätseln sowie einem Text des amerikanischen Dichters William Carlos Williams auf der anderen.

Zwischen den Bach-Motetten hat Wilson seine bekannten Kneeplays eingebaut. Theatralische Mittel als Verbindungsstelle zwischen den Hauptakten: Luther als Kind, als Streitender, als Sterbender und irgendwie auch als beweinter Abwesender.

Alles fließt: Der ausgezeichnete, in strenge Mönchskluft gekleidete Chor, hat hier Ballett- und Schauspielaufgaben zu übernehmen. Sie waren ständig auf Pilgerschaft durch den Raum und über die Treppen; der Musik hat das gut getan und das Publikum hatte einen Chor „zum Anfassen“, ja man fühlte sich als Teil davon.

Es geht hier um Zeit und Kunst in und um Luthers Epoche und danach. Aber auch der Dreißigjährige Krieg wird zitiert, wenn sich der in einem Boschschen Heuwagen sitzende Teufel gestikulierend auf die Bühne kutschieren lässt und sich zu Luthers Tanz mit den Göttern gesellt. Keiner hat die Übel und Plagen der Menschheit besser gemalt als Bosch oder Bruegel! Wilson zitiert den Krieg mit weißen Speeren, inspiriert durch das Holbein-Bild „Schweizerschlacht“; es entstand 1524, in dieser Zeit arbeitete Luther an der ersten Bibelübersetzung. Überhaupt haben Wilson und sein Team der Kunst eine Hauptrolle in dieser Aufführung zugedacht. Der rote Vogelmensch spaziert direkt aus Hieronymos Boschs „Garten der Lüste“ auf die Bühne und bricht die schwarz-weiße Ästhetik und mit Pieter Bruegels „Triumpf des Todes“ stürzen die Weißgekleideten zu Boden. Die Sänger tragen Kopfbedeckungen, wie wir sie auf Cranachs „Jungbrunnen“ Gemälde wiederfinden oder wie Lucas Cranach Luther und seine Familie portraitierte. Die Steinigungsszene basiert auf einer Radierung von Girolamo da Treviso.

Luther war, im Gegensatz zu Zwingli oder Calvin, nicht gegen die Malerei. Bilder konnten dem einfachen Menschen die Bibel-Lektüre erleichtern. Das hat aber auch mit seiner Freundschaft zum Maler der Reformation, Lucas Cranach, zu tun. Cranach war sein Trauzeuge und Taufpate eines seiner Kinder und die Portraits von Luther, die fast alle in Cranachs Werkstatt entstanden sind, haben unser Lutherbild geprägt. Wilsons Luther trägt so auch den Cranach-Look! Mutig geht er bis ins 20. Jahrhundert und gibt Luthers Witwe Man Rays surrealistische Idealisierung des Banalen, das Nagelbügeleisen „Gift“ in die Hand wenn Fiona Shaw über „The Widow‘s Lament in Springtime“ von William Carlos Williams spricht.

Himmelsleiter, Totenbett und verbotene Äpfel

Die anfängliche Überraschung ist dann aber irgendwann keine mehr und das Geschehen nicht immer nachvollziehbar, aber das wäre ja auch zu einfach! Eine sehr bilder- und szenenreiche Aufführung mit viel Bewegung auf der Bühne. So schafft es Wilson, mit relativ wenig Darstellern großes, streitendes Chaos zu versinnbildlichen. Eine Geschichte, die vor allem durch Licht und Kostüme unter einem minimalistischen Deckmantel, gespickt mit Zitaten und der Kunstgeschichte im 16. Jahrhundert, lebt. Oft makaber, kommt die Regie aber dann doch an die Grenze der ertragbaren Symbolik und man wünschte sich mehr protestantische Demut!

Ausgezeichnet der Rundfunk Chor Berlin unter brillanter Leitung und Leistung der beiden jungen Dirigenten Gijs Leenaars und Benjamin Goodson, die Stereo operieren und auch immer in Bewegung sind; denn alles findet im Kreis statt und die Sänger blicken, singen und schauspielern in alle Richtungen!

Musikalisch begleitet von Aleke Alpermann (Violoncello); Mirjam Wittulski (Kontrabass) und Arno Schneider an der Orgel. Jürgen Holtz ist Luther, Serafin Mishiev spielt das Kind und den roten Vogelmenschen.

Ende September und Anfang Oktober gab es Voraufführungen; die Premiere ist am 6. Oktober 2017.

 

Christa Blenk

Gerardo Aparicio
Gerardo Aparicio – Himmelstreppe und Heuwagen
 
und hier geht es zum Luther Oratorium – « Wir sind Bettler »
 

 

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Caligula im Berliner Ensemble

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Nichts und der Mond

Gleich drei Eröffnungspremieren gibt es am neuen Berliner Ensemble unter Oliver Reese. Eine davon ist « Caligula » von Albert Camus. Der junge portugiesisch-chilenische Regisseur Antú Romero Nunes stellt mit seiner  Inszenierung gleich mehrere Fragen:

Warum oder wie wird man zum Diktator? Ist es Schicksal, hervorgerufen durch Verlust oder ist es eine Entscheidung zur absoluten Macht? Wie weit muss man gehen, um das Unmögliche möglich zu machen?

Ursprünglich war er ein harmloser junger Kaiser.  Durch den Verlust seiner Geliebten / Schwester schlägt er einen gefühllosen und skrupellosen Weg zur Macht ein. Wer nicht einverstanden ist, ist Feind und der Feind muss weg. Aber vor allem will er den Mond – ein kindlicher Wunsch!

caligula1
Kettensäge und Keilschuhe

 

Viel (Theater)Blut gibt es bei diesem Caligula, viel Geschrei, viele Masken, viel Rauch und Lärm – also wie immer bei  den Berliner Inszenierungen – hinzu kommt dieses Mal ein Hurrikan, der durch das Publikum zieht – man spürt den „frischen“ Wind. Ob das ein Zeichen ist, wie es nun im Berliner Ensemble werden wird – mal sehen!

Bevor sich der Vorhang hebt, sucht Caligulas verschlampte und ein wenig vertrottelte Truppe nach dem Nichts und findet auch Nichts. Aber eigentlich suchen sie nach Caligula, denn er soll auftreten. Dazu ist er aber zu deprimiert und steckt nur ab und zu den Kopf durch den Vorhang. Dieser hebt sich aber schließlich doch und ein Tsunami weht durch das Theater, der alle – außer denKaiser – zu Boden reißt.

Caligula ist so etwas wie ein grausamer Zirkusdirektor, der Vorsitzende einer heruntergekommenen Clowntruppe, die sich nicht entscheiden kann ob sie ihn lieben oder hassen soll und die sich gegenseitig anschwärzt. Ihr Auftreten ist demoralisierend und dekadent. Die Kostümbildnerin Victoria Behr lässt sie in abgerissenen und schmutzigen Kleidern herumlaufen, die im Verlauf des Abends immer blutverschmierter werden und ihre Gesichter zeigen noch die verschmierte und gesichtslose Theaterschminke von vorgestern. Die Harlekine sind eine Mischung aus Jack Nickolson als Joker und  der musikalischen Todesallegorie bei Viscontis  Tod in Venedig.

Caligula wird von der großartigen Constanze Becker gespielt, sie ist ein Glatzkopf  in Weiß-Rot! Die Clown-Senatoren sind Oliver Kraushaar, Aljoscha Stadelmann, Patrick  Güldenberg, Felix Rech, Annika Meier und Drífa Hansen. Richtig begeistern konnte und der Abend aber trotzdem nicht!

Albert Camus (1913-1960)  begann mit 25 Jahren, also 1938, die Arbeit an Caligula und wollte das Stück  ursprünglich an einem kleinen Theater in Algier mit ihm selber in der Hauptrolle zur Aufführung bringen.  Letztendlich wurde es aber erst 1944 bei Gallimard verlegt und 1945 in Paris unter der Regie von Paul Œttly uraufgeführt.

Gaius Caesar Augustus Germanicus , genannt Caligula lebte von 12 – 41 n.C.  und war als Nachfolger von Tiberius römischer Kaiser von 37-41. Hoffnungs- und erwartungsvoll startet seine Ära, die in eine  autokratische und wahnsinnige Tyrannei mündet. Er  ließ willkürlich unzählige Senatoren hinrichten bis ihn die Prätorianer Garde ermordete.

Christa Blenk

 

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Phädra am Deutschen Theater

Sarcofago Ostia

 

Der Vorhang hebt sich zu der Affekt-Definition von Spinoza, die an die weiße Wand projiziert werden. Das war gut so, denn sonst hätten wir nicht verstanden, dass es hier um Affekte oder um Gefühle geht.

Phädra ist griechisches Theater, eine Tragödie um brennende Liebe, große Gefühle, Verleumdung, Rache, voreilige und nicht mehr rückgängig zu machende Entscheidungen.

Phädra (Corinna Harfouch), die zweite Frau des Königs von Athen, Theseus, kommt als Gothic-Braut auf die Bühne geschlürft. Die schwarzen, zotteligen Haare bedecken wie ein Vorhang ihr bleiches Gesicht. Sie ist hemmungslos und rücksichtslos in ihren Stiefsohn Hippolyt verliebt und als die Nachricht von Theseus’ Tod am Hofe ankommt, gesteht sie ihm ihre Liebe. Das alles passiert unter nervösem Rumgerenne von einer weißen Wand zur anderen. Sie  springen auf Sockel, rutschen wieder runter und schreien rum.

Da ist der lässige Hippolyt (Alexander Khuon), er trägt einen blassblauen Wollpullover und wirkt eher wie ein Weichling. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass ihm Aricia (Linn Reusse), die Tochter des Feines, etwas bedeutet. Sie, die Fremde in Athen, schreit herum und spurtet noch mehr als die anderen, tritt zuweilen auch mit den Füßen und benimmt sich wie ein pubertierender Teenager, der für die Olympiade trainiert. Phädras Leidenschaft wird mit permanentem Perückenwechsel dargestellt und als Theseo (Bernd Stempel) schließlich doch noch nach Hause kommt, ist sie von seinem Aufzug (oder von seiner Rückkehr) so geschockt, dass ihre Umarmung, begleitet von einem blöden Dauergrinsen, an ihm vorbei geht und sie mit ausgebreiteten Armen die Bühne verlässt. So eine blöde Szene muss man sich erst einmal ausdenken! Später kommt der König, mutiert als blasierter Salondandy der 1920 Jahre mit beigem Anzug und Sonnenbrille, wieder zurück und verstößt ziemlich unglaubwürdig seinen Sohn, nachdem Phädras Zofe Oenone (Kathleen Morgenever), die sich auch nicht entscheiden kann ob sie für oder gegen Phädra ist, ihm erklärt, dass Hippolyth sich seiner Stiefmutter gegenüber daneben benommen hätte.  Während das Drama seinen Lauf nimmt, kommt die nun büßende Phädra –  diesmal im blutroten Reifenrock aus der Zeit von Schillers Übersetzung – auf die Bühne und verkündet, dass das tödliche Gift schon durch ihre Adern laufe. Dann führt sie einen sehr lauten und lächerlichen Slapstick-Totentanz auf (der ihr sicher viele blaue Flecken bereitet hat) bis endlich der Tod sie erlöst (und uns).  

Die Darstellung der Protagonisten passt zur uninteressanten und teilweise ironischen Regie von Stephan Kimmich. Entsetzliches Geschrei löste unverständliches Geflüster ab (man war dann und wann geneigt, auf die englischen Untertitel zu schielen, aber die waren, da weiß auf grau, auch nicht zu lesen).  Und das ewige Gerenne an die undurchdringlichen Mauern, stumpfte mit der Zeit deutlich ab.

Schiller hat diesen großartigen Text von Jean Racines Phèdre in weniger als einem Monat übersetzt – auf dem Totenbett sozusagen!

Schade!

 

Christa Blenk

 

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Norway Today

Christa Linossi
Foto: Christa Linossi

 

Das Zwei-Personen-Drama Norway Today ist ein modernes Theaterstück des Schweizer Dramatiker und Regisseur Igor Bauersima (*1964). Er hat es als Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Düsseldorf geschrieben und bei der Uraufführung im November 2000  selber Regie geführt.  2001 bekam er  im Rahmen der Mülheimer Theatertage die Publikumsstimme und Bauersima wurde in der Kritikerumfrage von Theater heute zum deutschen Nachwuchsautor desselben Jahres gewählt.  2003 und 2004 war Norway Today das meistinszenierte Stück auf deutschen Bühnen und wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt.  2002 und 2004 bekam er den Nestroy Theaterpreis in der Kategorie Beste Ausstattung und Beste Regie.

Die zwanzigjährige Julie ist eine moderne Romantikerin und ist es leid zu leben. Sie will sich umbringen und sucht übers Internet Gleichgesinnte, damit sie nicht alleine in den Tod gehen muss. In einem Chatroom lernt sie den etwas jüngeren August kennen und steigt mit ihm auf einen schneeverwehten Berg in 600 Meter Höhe irgendwo in Norwegen um dort in den Tod zu springen.

Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit; Bauersima hat davon in der Zeitung gelesen. 

Die elf Schüler der Schauspielfabrik haben als Abschlussarbeit ihres drei-Montatskurses unterschiedliche Szenen aus dem Stück gespielt. Meist das Ankommen auf dem Gipfel. Jede Szene hat ihre eigene Dramatik bzw. ihren eigenen Humor. Da ist Augusta Nummer 1. Sie leidet am PMS und muss sich zwanghaft Schokoriegel und Salzgebäck in den Mund stecken, was sie aber nicht daran hindert, wasserfallartig über den geplanten Selbstmord zu reden, zu dem Julie sie animiert. August Nummer 3 hingegen versteht einfach nicht, wieso man 5 Stunden – mit Proviant – auf einen Berg klettert und dann – vor dem Essen – von diesem zu springen. Die vierte Szene mündet von anfänglichem Frieden in große Theatralik. Die beiden jungen Leute liegen – jeder in seinem – Schlafsack. August schnarcht und Julie kippt ihm eine Flasche Wasser über den Kopf um ihn zu wecken. Die Szene spitzt sich zu bis Julie mit verletztem Bein am Boden liegt, August abzieht und nicht nur Julie aufgewühlt zurücklässt.  Der letzte August steht mit sich selbst im Dialog. Er ist in Julie verliebt und will ihr näherkommen, glaubt aber nicht daran, weil sie zu schön für ihn ist.

Die einzigen Requisiten sind Rucksäcke und ein paar Decken, sowie Musik- und choreografische Einlagen. Manchmal wurde die Angespanntheit vielleicht mit zu viel Schreien demonstriert, aber ansonsten ein interessanter Theaterabend ohne déjà-vu mit dem Sophies, Sarahs oder Martins der nächsten Theatersaisons.

 

Szene 1: Aniella als Julie, Olivia als August(a)

Szene 2: Denise als August(a)

Szene 3: Luisa als Julie, Tom Garus als August

Szene 4: Carlotta Kettel als Julie, Maximilian Väth als August

Szene 5: Katherina als Julie, Maximilian Eller als August

Szene 6: Kim als Julie, Paul als August.

 

Christa Blenk

 

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König Ubu

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Gefräßig, feige, machtbesessen, skrupellos, hinterhältig, verlogen und rücksichtslos, dummdreist, spießig und egoman – warum kommt uns das so bekannt vor? – ist  Vater Ubu. Dumm ist er auch, aber er hat ja  die ehrgeizige Mutter Ubu, die ihn zum Königsmord anstiftet: denn mehr Geld und mehr Essen kann er nun mal nicht widerstehen.  Und nun geht es erst richtig los – Macht und Geld müssen vermehrt werden und da bleibt ihm nur ein Weg: Alle anderen Reichen, in diesem Fall die Adeligen, müssen weg. Also landen sie in der Enthirnungsmaschine und ihr Besitz bei Ubu. Von nun an nimmt er alles selber in die Hand: Gerechtigkeit, Finanz- und Steuerangelegenheit und das Wohlwollen seiner Untergebenen und reist höchstpersönlich als Steuereintreiber durch die Dörfer. Als es dem Volk dann irgendwann doch zu viel wird, stiftet der legitime Thronfolger einen Aufstand mit Hilfe des russischen Zars an und es bricht ein blutiger Krieg aus, der die Ubus zur Flucht zwingt. Aber die beiden - wie sich das so gehört - fallen natürlich wieder auf die Beine und so wie es aussieht, werden sie sich wohl in Germanien niederlassen – denn dort soll es sehr schön sein ….. 

Großartige Performance der drei Protagonisten, die sämtliche sonstigen Rollen übernehmen. Da wird Mutter Ubu (Linda Pöppel) u.a. zu König Wenzeslas und Zar Alexis und Hauptmann Bordure (Elias Arens) zu Bougrelas und Königin Rosamunde und zum  kriegerischen Volk überhaupt. Der Krieg zwischen den Polen und Russen ausgetragen von Božidar Kocevski (Vater Ubu und Boleslas und Ladislas) und Elias Arens ist eine großartige choreografische und schauspielerische Leistung, die besser nicht sein kann.

Deftig und derb-ordinär Sprache und Optik. Alfred Jarry wäre sehr glücklich mit dieser Aufführung gewesen, die außer ein paar Papierpuppen, einem Mikrofon und Schaumstoffklötzen gar nichts braucht.

Die Uraufführung in Paris 1896 löste einen großen Skandal aus. Das Publikum war entsetzt über die vulgäre Sprache und über die Absurdität des Erzählten. Es gab Prügeleien im Publikum und das Stück wurde nach der Premiere sofort wieder abgesetzt. Der einzige befürwortende Kritiker entlassen!

« Man wird zugeben, dass die Ereignisse der letzten zwanzig Jahre Ubu eine unerhörte prophetische Bedeutung zusprechen » das schrieb André Breton 1950 und heute können wir es einfach nur genauso wiederholen!

Als Jarry das Stück über Mißgunst und andere niedere Instinkte – eine Parodie auf seinen Physiklehrer –  1888, fünfzehnjährig, mit ein paar Freunden als Marionettenspiel aufführte, hätte wohl niemand vermutet, dass es nur 10 Jahre später das komplette  Welt-Theater revolutionieren würde.

Der Ungar András Dömötör führte Regie. Er hat die Marionettenidee übernommen und alle Nebenpersonen als Papierpuppen tanzen lassen (darunter sogar einige uns sehr bekannte aktuelle Politiker!). Eine Gratwanderung zwischen leicht-lustig und derb-ordinär, die nicht ein einziges Mal abrutschte. Brillant interpretiert von dem großartigen Trio Elias Arens, Božidar Kocevski, Linda Pöppel.

Christa Blenk

 

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WUT – am Deutschen Theater Berlin

WUT

 

„Singe den Zorn, oh Göttin“

Prometheus will Zeus überlisten. Er opfert ihm ein Tier, behält aber die besten Stück so dass für Zeus eigentlich nur Knochen und Fett zurückbleiben. Zur Strafe lässt ihn der Göttervater im Kaukasus in Ketten legen und schickt jeden Tag den Adler, der an seiner Leber knabbert, bis er endlich vom Titanen-Held Herakles von der Qual erlöst und frei wird.

Die Ilias, Europides, König David, Sigmund Freud und Martin Heidegger, Politik und Hilflosigkeit sind die Zutaten für WUT. Keine leichte Kost.

Wut ist Raserei, Leidenschaft, unbeherrschter, peitschender Wahnsinn den man pflegen muss, solange er warm ist. Denn abgekühlte Wut wird lauwarm, zahm.

Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ist eine harte, sarkastische sozial-politische Provokateurin. Nach dem Attentat auf die Charly Hebdo Redaktion und auf einen jüdischen Supermarkt in Paris im Januar 2015 lässt sie ihren Zorn an Wörtern aus und schreibt WUT. Hierbei räumt sie gleich mit allen Religionen und Göttern auf und mit der ganzen Welt auf.

„Nehmen wir einfach mal Zeus. An ihn glaubt eh niemand mehr, da kann nichts passieren“

In Smoking und Abendgarderobe, small talkend und blasiert Champagner trinkend, der auch nur Wasser ist, wie sich später herausstellen sollte, stehen die Protagonisten Andreas Döhler, Sebastian Grünewald, Linn Reusse, Anja Schneider und Sabine Waibel fast gelangweilt auf der Bühne, sie bewegen sich unsicher. Keyboard Hintergrund-Aufzugsmusik und Soft Jazz begleiten dieses unbeteiligt wirkende Gehabe. Aber das war es natürlich nicht. Plötzlich bricht Aggression aus und die laue Musik wird ohrenbetäubend und überschreitet sicher die erlaubten Dezibel.  Ein „göttliches“ Fingerschnippen macht aus der gekonnten WUT-Lichtreklame ZORN. Mit jedem Bild änder sich dann diese Lichtinstallation  und wird zu KILL, LIVE, ASYL. Nach und nach kommen Religionsfanatiker aller Couleur an das Mikrophon, und versuchen ihr mörderisches Tun zu rechtfertigen. Döhler ist ein Wutbürger in einer Wut-Welt und tut dies mit sächsischem Akzent!

„Wenn alle tot sind ist alles gleich“

Wir kennen die Namen der Täter, aber kennt einer von Euch (ins Publikum) die Namen der Opfer? Weiß natürlich keiner, ist ja auch schon zwei Jahre her und Döhler googelt sie für uns.

Die rasende Wut wird auch textlich immer schneller und schwieriger.

„Wir sehen, wir sehen, ja, uns hat man jetzt die Augen geöffnet, jetzt, da es zu spät ist“                         

Die salonfähigen Nobelbürger haben sich daran gewöhnt, wie die täglichen  breaking news im Radio- und Fernsehen von anderen, frischeren breaking News oder Tragödien abgelöst werden und die gerade noch Aktuellen in die Vergessenskiste wandern. Ein zerbeultes Auto, das Columbo alle Ehre gemacht hätte, rollt mit einer jammernden Elfriede Jelinek (Sabine Waibel mit Perücke und Lippenstift im Elfriede-Look ) auf die Bühne. Allgemeiner Kostümwechsel, nun trägt man Götter- oder Terroristenlook. Später muss Sebastian Grünewald als nackter Jesus sein Kreuz tragen. Er legt es aufs Auto und sich selber dann darauf. Das Gockelkostüm, mit dem er zum Schluss überrascht, habe ich nicht verstanden. Und dann fliegt uns, dem Publikum, das Jelinek Stück in Form von losen Blättern um die Ohren

„In der Wut gibt es keine Zweifel“ – „I wish I understood“.

Jelinek überfordert zwar nicht die Schauspieler, die sind großartig, aber uns schon ein wenig. Man wird in diesen 150 Minuten komplett mit Worten, Thesen und Konzepten überhäuft, richtiggehend zugeschüttet und kann nicht immer direkt folgen. Manche Szenen dehnen sich aus und wollen einfach nicht enden. Man kann nicht mehr und das, obwohl Martin Laberenz aus den Münchner vier Stunden nur 150 Minuten gemacht hat – sehr intensive allerdings!

„Den Geist hat vielleicht Heidegger noch gebraucht, und er hat geglaubt, dass auch andere ihn brauchen, nun, ich brauche ihn nicht.“

Martin Laberenz hat aber immer wieder geschickte und überraschende Komik- Situationen eingefügt, und wir können trotz Maschinengewehr-Salven (mit auf das Publikum gerichteten Waffen) das Lachen nicht verhindern, wenn Döhler sich über die Plastiksektgläser beschwert und über den Inhalt, der nicht mal Apfelschorle ist oder wenn Grünewald en passant mitteilt, wie froh er darüber sei „nicht zum festen Ensemble“ de DT zugehören.

„Nicht weinen um die Toten! , ich glaube, die wollen das gar nicht, dass man um sie weint, es ist eine narzisstische Kränkung für sie, erst durch das Weinen ist ihr Tod beglaubigt und bestätigt“

Was bleibt ist letztendlich ausufernde Hilflosigkeit und ein Haufen Papiermüll auf der Bühne und im Theater. Aber beeindruckend war es!

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Blumen für die Opfer

 

Die Premiere in Berlin fand im März 2017 statt; ihn München schon ein Jahr vorher.

Christa Blenk

 

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Je suis Jeanne d’Arc – Gorki Theater Studio

„Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“ (Schiller, Johanna von Orleans, 5. Akt)

 

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vor der Aufführung im Gorki Studio

 

Der französische Regisseur Mikaël Serre hat sich Schillers Tragödie Die Jungfrau von Orleans vorgenommen und es auf die jetzige Zeit und das aktuelle Aufkommen von Patriotismus und Nationalismus begleitet von Flüchtlingsdramen, Terroranschlägen und die allübergreifende Hilflosigkeit von Politik und Gesellschaft übertragen – sei es in Deutschland, in Frankreich oder der Welt.

Die züchtige und gläubige Schäferin Johanna, wird in der Zeit des 100-jährigen Krieges im 15. Jahrhundert als Jeanne d’Arc zur Retterin Frankreichs und zur Nationalheldin. Sie vertrieb die Fremden (Engländer) von französischem Boden, krönte Charles VII, wurde als Häretikerin verdammt und bei lebendigem Leib verbrannt. Daraus hat Schiller eine romantische Tragödie gemacht.

Die Bronzestatue der Heldin Johanna steht im ersten Arrondissement in Paris und ist zum Kultort des Front National geworden, wohin diese regelmäßig pilgern und durch die Presse breittreten lassen.

Mikaël Serre hat Schiller defragmentiert, eine Art Slapstick-Tragikomödie daraus gemacht, die die Zuschauer ständig zwischen Lachen und Weinen pendeln lässt. Es ist auch eine Abrechnung mit der französischen Geschichte und während unter dem dominierenden Kreuz in der Kirchenschiff-förmigen Bühne von Nina Wetzel über Trennung von Kirche und Staat gesprochen wird, werden Schillers noble Aufklärungswünsche über Menschlichkeit und Empathie von Hasstiraden der wütenden und verlassenen Pariser Vorortbewohner zertreten.

Bourgogne (Aleksandar Radenkovic) will Burgunder trinken, reißt sich die Kleider vom Leid und versucht mit großem körperlichen Einsatz auf einem Strohsack über das Meer zu schwimmen. Er kommt dabei ums Leben. Die Videoprojektionen von Sébastien Dupouey zeigen die Terroranschläge in Paris,  glückliche Strandbesucher, verklärte Engel aus der Stummfilmzeit, den Massenkonsum und religiöse Symbole. Anspielungen auf Charly (Hebdo oder Brown?) wechseln sich mit einem crossover-Musikarrangement von Nils Ostendorf ab. Die Schauspieler tragen zum Teil historische Kostüme, leicht verfremdet die dann später zweckentfremdet werden. So wird der Mantel des weinerlichen Weichei-Königs (Faliou Seck) zur Pferdedecke für Jeannes Gaul. Sie durchschaut aber den Betrug und ruft plötzlich „Du bist kein Pferd“ – alle lachen und das Nicht-Pferd wird abgemetzelt.

Um die abfallende Stimmung ein wenig aufzurichten, erzählt Jeanne in bewundernswertem Rattertempo einen Witz, der eigentlich keiner ist und nur ihr selber ein erzwungenes Lachen abringt. Man vergisst im Verlauf der ca. 80 Minuten, wer die Guten oder die Bösen sind, man vergisst auch worum es geht. Eigentlich dürfte man gar nicht Lachen, denn weder Stoff noch Geschichte geben Anlass zum Amüsement.

Es dauert lange bis Jeanne (Marina Frenk) schließlich aus ihrer Ecke ins Geschehen tritt. Die Jungfrau mit Kreuz und Fahne poltert ihren Text herunter, der von Schiller aber auch aus allen politischen Ecken kommen könnte und überzeugt schließlich König und Gefolge nach Bestehen des Jungfrauentestes, dass sie eine von  Gott Gesandte ist. Ähnlich einer Götzenbeschwörung sieht man Marine le Pen auf der Leinwand, die von einer Schweinemaske in Ektase betanzt wird. Schillers Text wird mit politischen und philosophischen Zitaten aus der französischen und Weltpolitik aufgemischt und es geht hin und her zwischen rechts und links und ganz rechts und man singt „Avancer, avancer“. Beide, Bâtard Dunois (Mehmet Yilmaz für den ausgefallenen Till Wonka) und La Hire (Aram Tafreshian) wollen Johanna zur Frau damit sie endlich des Weibes Pflicht erfüllen kann und feilschen um ihre Gunst. Sie lehnt ab, stapft energisch von der Bühne und aus dem Delacroix- Männergruppenbild mit Fahne, um sich den kurdischen Frauen anschließen.

Aber diese Aneinanderreihung von Gemeinplätzen wäre auch ohne Schiller möglich gewesen,  Geschadet hat es allerdings auch nicht.

Die Premiere fand im Dezember 2015 statt – vier Wochen nach dem Pariser Bataclan Attentat und ein knappes Jahr nach Charly Hebdo!

Für Serre ist es nicht das erste Mal, dass er am Berliner Maxim Gorki Theater arbeitet. « Deutschland ist der Ort, an dem ich mich ausdrücken kann » – sagte er vor ein paar Jahren als er im Jahre 2009 Camus’ Fremden und ein Jahr vor  Schillers Johanna von Orleans   die Pädagogische App Performance The Rise of Glory dort inszenierte.

Christa Blenk

 

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Theater-Collage in der Schauspielschule

Auf dem Sofa

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Street Art San Lorenzo

 

Am 9. April fand das Frühlingsfest der Schüler Schauspieltraining-Berlin in deren Räumen in Charlottenburg statt.

Die Studenten aller Altersklassen spielten, tanzten und sangen und die Schülerinnen der orientalischen Tanzklassen präsentierten ihre Bauchtanzeinstudierungen. Die Leiterin Christine Kostropetsch stellte ein umfangreiches und abwechslungsreiches Programm zusammen, das Christian Miebach großartig musikalisch begleitete.

U.a. spielten die Studenten Ausschnitte aus bekannten Theaterstücken wie „Fräulein Julie“ von August Strindberg, « Das Kalkwerk » von Thomas Bernhard (sehr gut Paul, der später noch bei « Interview mit fiesen Männern  » von David Foster Wallace auffallen sollte) „Die Heirat“ von Gogol (großartig Wanda, die schon bei einem anderen Stück von Sathyan Ramesh auf sich aufmerksam machte) oder Sketsche von Loriot („Maskenbildner“ mit Colin, Christian und Kerstin war eines der highlights); Nina sang – ziemlich gut – „Roxanne“ von The Police. Am schwierigsten wohl ein kurzer Auszug aus „Herrinnen“ von Theresia Walser bei dem Carlotta, Kamilla, Mara, Sandy und Simone erfolgreich versuchten, den Spannungs-Pegel nicht absinken zu lassen.

Das Bühnenbild bestand aus einem Sofa – das vor allem beim Maskenbildner zum Einsatz kam und ansonsten die Wartezone war – sowie einer  Flasche Wein, ein paar verstellbaren Tischen und natürlich schrägen Kostümen!

Wir verlassen diese kurzweilige Veranstaltung mit einem Lächeln auf dem Gesicht! Was will man mehr?  Und wer weiß – vielleicht sehen wir die Eine oder den Anderen demnächst in einem großen Theater!

 

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Christa Blenk

 

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Faust – Frank Castorfs Abschiedsveranstaltung an der Volksbühne

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Eingang zur Hölle (eine Referenz an Fellinis 8 1/2?)

 

Unsortierter Puzzle-Zitatenberg aus der Faust-Bouillabaisse

« Irgendeinen Sinn muss das Ganze doch haben. Was bedeutet es? Und wenn es nichts bedeutet, warum dauert es dann so lang? »

Dieser Satz wurde im zweiten Akt zu einem der großen Lacher in diesem unabhängigen, berauschenden, unvergesslich-ausschweifenden, politisch-antikapitalistischen, witzig und sehr musikalischen, akrobatischen, überladen- ausuferenden und imponierend-strapaziösen Roadmovie Faust der mit der Büchse der Pandora unterwegs ist und in Paris spielt vor dem Hintergrund des Algerien-Unabhängigkeitskrieges. An- und Abfahrtsort ist die Metrostation „Stalingrad“.

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“

Immer dann, wenn man gerade dabei war zu vergessen, dass es um den Faust geht oder überhaupt vergessen hat worum es eigentlich geht, kommt wieder ein Goethe-Zitat daher gebrüllt und stellt unsere kleine Welt wieder gerade.

Jaques Brels „Ne me quittez pas“ singt – in deutscher Fassung – Gretchen/Helena (Valery Tscheplanowa) gleich zu Beginn  indem sie versucht ihre Hand aus dem Reagenzglas mit dem Embryo zu ziehen. Eine der Andeutungen auf den Abschied von Frank Castorf, der nach 25 Jahren die Volksbühne verlässt. Eine gloriose Abschiedsveranstaltung mit vielen bedeutenden Volksbühnen-Darsteller  wie  Martin Wuttke, Marc Hosemann, Valery Tscheplanowa, Sophie Rois oder Alexander Scheer. Sogar vor dem Theater findet eine Art Abschiedshappening statt und vor dem großen Rat – das übrigens auch weg soll – steht ein mit Blumen geschmückter Sarg auf dem Danke steht“.

Castorf bedient sich in diesem Faust-Pool wann immer es ihm gerade in den Sinn kommt – was nicht unbedingt immer Sinn machen muss oder dieser sich dem Publikum nicht immer erschließt. Er lässt uns aber trotzdem nicht los oder zur Ruhe kommen, obwohl durchaus ein gewisser Castorf-Sadismus dem Publikum viel abverlangt und man bei einigen gewollten Längen schon mal den Rücken spürt und sich das Ende herbei wünscht! (wie sagte Andy Warhol einmal von einem seiner Filme sprechend?: Wenn sie drei Stunden aushalten können – gib’ ihnen sieben!) Das dauert aber meistens nicht lang genug und dann kommt wieder ein origineller Peitschenschlag oder eine komische Einlage, ja, es gibt durchaus Lacher in diesem Faust und wäre das Stück hier vier Stunden kürzer, hätte es Unterhaltungstheater pur werden können. Aber diese Ambition kennt Castorf nicht! Er sagt ja selber, dass man mit dem Faust alles anstellen könne.

„Werd’ ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!

Martin Wuttke ist noch viel mehr als großartig, vielleicht seine beste Rolle. Er ist einmal ein hässlicher Sabbergreis, ein ernst-trauriger Faust, ein ängstlich-unsicherer Pudelhalter, ein bombenlegender Partisan in der U-Bahn und ein schelmisch mit quietschendem Kinderdreirad und die algerische Flagge schwingend über die Bühne fahrend Trauriger – mit Zylinder, mit Greisenmaske, singend, tanzend oder mit Iggi Pop Langhaarperücke. Irgendwann zu Ende hat er auch plötzlich die Augen des Hölleneingangs! Immer gehen seine Monologe durch Mark und Bein und erschüttern, aber er bringt uns auch zum Lachen. Er ist der Mittelpunkt des Abends und immer wenn er auftaucht, wenn es noch glänzender.

Brillant das Ende des ersten Aktes wenn er mit der Hexe (Sophie Rois) zum Akkordeonspiel von Sir Henry einen Tanz hinlegt. Es gehört zu den Highlights des Abends. Rois beendet den ersten Akt mit dem   »Leiermann » aus Schuberts « Winterreise ». Von Bühnengeschichts-Höhenpunkten und von Schicksalsstunden wird hier gesprochen. Ein großartiges Gespann, die Beiden. Leider taucht Sophie Rois im zweiten Teil nicht mehr auf.

Marc Hosemann ist fantastisch in der akrobatischen Rolle des Mephistopheles und nimmermüde, wenn er sich wie ein  Tarzan durch die Pariser U-Bahn schwingt.

  »Der Worte sind genug gewechselt. Lasst mich auch endlich Taten sehn. » Sagt Lord Byron (Alexander Scheer). Er imitiert gleich zu Anfang einen Stepptänzer-Theaterdirektor der sich mit flämischem Akzent über das provinzielle Programm auf deutschen Bühnen lustig macht, wofür er von Faust-Wuttke in Slapstick-Manier ein Glas Bier auf den Kopf gekippt bekommt. Eine Anspielung auf den ankommenden Direktor? Lord Byron muss dafür für den Rest des ersten Aktes mit einer nassen Jacke rumlaufen.

« Was willst du dich denn hier genieren? Musst du nicht längst kolonisieren“

Der Theaterdirektor ist Daniel Zillmann und er schikaniert seine Truppe nicht schlecht, brüllt sie an, droht mit Schließung und Schlägen – immer dem Herzinfarkt nahe!

„Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“ –„Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.“

Am  Ende von Faust II das heißt „Das Unbeschreibliche – Hier ist’s getan – Das Ewig-Weibliche – Zieht uns hinan“ ist praktisch die ganze Zeit in Form von vier Glitzerfrauen-Grazien (Lilith Stangenberg, Hanna Hilsdorf, Thelma Buabeng und Angela Guerreiro) präsent, die einen kurzen Exkurs in  Zolas Nana Kurtisanenmilieu machen und damit beschäftigt sind, sich von den Enttäuschungen und Verletzungen der Männer zu erholen und sich gegenseitig aufzubauen.  Ansonsten werden u.a. auch Shakespeare und Celan, Jaques Brel, Bob Dylan und immer wieder auch die Musik von Gounod und Wagner zitiert.

Auf die Frage „Wer hat denn noch die Wette gewonnen“? rattert Helena statistische Zahlen herunter und das Ende scheint noch doch noch nicht in Sicht zu sein. Es ist mittlerweile die siebste Stunde, ca. 0.30 Uhr und Wuttke spricht die Drohung „wir haben ja noch ein wenig Zeit“ aus. Dann ist plötzlich wieder viel Aktion auf der Bühne und wir sind froh über diese Androhung!

Alexander Denic hat eine Drehbühne aus post-war, no-future und Caspar Hauser Stall auf der Bühne verschachtelt (der ein wenig an eine Castorf Inszenierung der „Kameliendame“ im Pariser Odeon-Theater vor ein paar Jahren erinnert). Im Mittelpunkt einmal er Eingang zur Metro Stalingrad und natürlich in die rot leuchtende Spelunkenhölle. Der Zug hält nur, wenn man die Notbremse zieht, weil man aussteigen will oder eine Bombe noch schnell rauswerfen muss. Aber die Haupthandlung spielt sich eh auf dem großen Bildschirm ab, über den die Darsteller live gefilmt werden. Ansonsten wird eine Ausstellung über Kolonialismus in Marseille 1906 angekündigt und man sieht Kinoplakate für Horrorfilme.

 

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nach der Aufführung

 

Das Programm des Abends trägt den Titel „Wie man ein Arschloch wird“ und darin geht es um Kapitalismus und Kolonisierung. Castof selber lässt sich in einem längeren Text darüber aus, dass er gerne noch mit Bert Neumann etwas über Döblins Amazonas-Roman gemacht hätte. Einen großen Fluss durch das ganze Haus wollte er installieren, um sich über Ausbeutung durch die Spanier (Karl V) in Südamerika auszulassen. Das wäre sicher ein gewaltiges Oeuvre geworden und die Zuschauer hätten dann ihre Garderobe nicht abgegeben sondern wären mit einen Neopren-Anzug ausgestattet worden, um die sieben oder acht Stunden im kalten Wasser ohne Erkältung zu überstehen!

 

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Abschiedshappening vor der Volksbühne

 

Der Designer Rainer Haußmann, der das Räuberrad vor der Volksbühne 1994 aufstellte (und das zum Logo der Volksbühne geworden ist), will, dass es mit Castorfs Weggang ebenfalls verschwindet. Castorf und viele Mitarbeiter der Volksbühne sehen das genau so. Das  Rad würde für etwas stehen, was es nach Frank Castorfs Weggang nicht mehr geben wird! Ursprünglich war die Skulptur nur als temporäre Installation gedacht, dominiert und ziert aber den Platz nun schon seit 23 Jahren. Jetzt muss aber erst einmal geklärt werden, wem es eigentlich gehört und wo es hin soll! Der Abbau wird sicher ein weiteres Problem für den Castorf Nachfolger Christ Dercon werden, dessen Start – wie es scheint –  jetzt schon unter einem schlechten Stern steht.

Christa Blenk

 

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Combattimento x 2

combattimento Chiaroscuro Consort Ensemble
Chiaroscuro  Consort Ensemble

Zwischen Gebet und Tod oder: was hat eine Wrestler-Arena mit Monteverdi zu tun?

Nach dem ersten Regieprojekt von HfM Hanns Eisler Berlin und der Neuköllner Oper im Februar 2016, bei dem sich drei Regisseurinnen in je unterschiedlichen Produktionen mit der Zauberin Armida befasst hatten, fand an diesem Wochenende die zweite Nacht der Talente in der Neuköllner Oper statt. Auch dieses Jahr nach einem Epos von Torquato Tasso.

Combattimento x 2 ist das diesjährige Projekt von Tristan Braun (Trauma) und Marielle Sterra (Catch3000), beide aus dem Masterstudiengang Musiktheaterregie der HfM. Braun und Sterra setzen sich auf ganz unterschiedliche Weise mit Claudio Monteverdis dramatischen, achtenMadrigal nachTorquato Tassos Epos “das befreite Jerusalem“auseinander, das wiederum als Grundlage für Monteverdis bahnbrechendes und richtungsweisendes Kriegsdrama“Ilcombattimento di Tancredi e Clorinda“herhielt. Das Madrigal-Drama wurde im Jahre 1624 während des Karnevals im Palast von GirolamoMocenigo in Venedig uraufgeführt.

I: Trauma

Der traumatisierte, christliche Kreuzfahrer Tancredi (Georg Drake) wirft achtlos den leblosen Körper von Clorinda (Isabel Reinhard) auf die Bühne. Er kann es nicht glauben, dass er im Zweikampf seine als Krieger verkleidete Geliebte, die Sarazenin Clorinda, getötet hat. Er dreht, wendet und faltet sie zu Monteverdis schön-rasender Musik, er versucht sie wiederzubeleben, aber ohne Erfolg natürlich. Denn die Geschichte will ja, dass sie stirbt. Verzweifelt wickelt er sie in einen durchsichtigen Plastiksack, den schwarze Hände hinter den Vorhangziehen, dieser öffnet sich und ein minimales Feldlager kommt zum Vorschein.

Um sein Trauma zu verarbeiten, muss er in der Zeit zurückgehen und das Vorher und Nachher beleuchten. Clorinda steht nun einem Heer von wütenden Christen in Springerstiefeln, die ihr Christentum mit vor der Brust gekreuzten Hosenträgern zur Schau stellen, gegenüber, verliert den Kampf, will aber wenigstens das Paradies gewinnen und lässt sich – jedenfalls bei Tasso – kurz vor ihrem Tode noch schnell taufen.

Monteverdis Combattimentodauert nur knapp zwanzig sehr intensive Minuten. Braun hat deshalb weitere Monteverdi-Madrigale und eine Passacaille von Luigi Rossi eingebaut und verlegt die Geschichte kurzerhand ins Paradies, wo eine wütende Clorinda mindestens 1 kg Äpfel zum Tremolo und Pizzicato der MontevediMusik zerquetscht.

Musikalisch ausgezeichnet begleitet vom ChiaroscuroConsort Ensemble.

Trauma
Trauma

 

II: Catch3000

„Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie Shawn im Matsch zu ihm „I’msorry, I loveyou, sagte und ihn dann unter Tränen pinnte.“(Peter NastkeSpecial Guest)

Der Zeremonienmeister und Schiedsrichter verteilt beim Betretender Arena Namensschilder. Wir nehmen unseren Platz ein und sehen uns nun gegenüber auf der Leinwand sitzen und werden somit zu Zuschauern der Zuschauer.

Beim Wrestling geht es um Schmerz, um Niederlage, um Mut und um Gerechtigkeit, offenbart die Managerin von TancrediThe Tankvor dem entscheidenden Match an. Die Bühne ist nun eine Kampfarena, und dort spielt sich Marielle SterrasCombattimentoab. Hier geht es nicht nur um den Kampf zwischen Christen und Muslimen oder Griechen und Trojanern, hier geht es um den Kampf zwischen den Geschlechtern. Eine Kamera ist live dabei, begleitet Kämpfer und Aktion. Der Zeremonienmeister, Schiedsrichter und Erzähler Testo(Aciel Pol)brieft uns vor dem Gefecht und übt mit uns die Ahs, Ohs und Buhs! Unter christlicher Beweihräucherung und aufgestachelt von den Managern Schrappe (Dennis Depta) und Katchy(Kara Schröder) ziehen die Krieger Quicksilver (Eva Hüster) und The Tank (Felix Witzlau) mit furchterregenden Masken in die Manege und wir halten euphorisch und jubelnd unsere Anfeuerungsplakate hoch. Der Kampf beginnt. Als TancrediThe Tankallerdings feststellt, dass es sich bei seinem Gegenüber um Clorinda Quicksilverhandelt, gibt er auf und verlässt die Arena. Er will kein Trauma, wie wir es im ersten Teil erleben mussten.

Das darauf folgende Match wird von Achill und der Amazonenkönigin Penthesilea ausgetragen und wird eher ein Verbales. Die Managerin tritt frustriert ab und der Schiedsrichter bedankt sich beim Publikum fürs Kommen. Hier wird es kein Blut mehr geben, aber dafür wohnen wir einem waschechtes Waterbording (stellvertretend für die Taufe) bei, aus dem schließlich Clorinda / Penthesilea als Siegerin hervortritt. Eine Glanzleistung von Felix Witzlau und Eva Hüster, die zwischen den kurzen Momenten wo sie den Kopf gerade nicht im Wasser haben aber den Kopf des Antagonisten dafür gerade reindrücken, immer noch schön singen oder rezitieren können.

Musikalisch begleitet durch La Flute (MarinelleDell’Eva) am Cembalo.

Catch3000 (1)
Catch3000

 

Brillante Ideen die großartig umgesetzt und interpretiert wurden. Beide Abende waren übrigens ausverkauft!

Die HfM Hanns Eisler Berlin gehört zu den bedeutendsten Musikhochschulen in Europa. Aus ihr kamen u.a. bekannte Absolventen wie Sol Gabetta, Isabelle Faust, Vladimir Jurowski oder Roman Trekel.

Christa Blenk

 

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