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Zwischen Ostsee und Achterwasser

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Blick vom Garten auf Leiter, Boot und Achterwasser

 

Nur knapp 300 Meter Land, ein wenig mehr als ein Steinwurf, liegen dort Ostsee und Achterwasser. Auf dieser engsten Stelle der Insel Usedom steht ein S-Bahn-Wagen. Der Maler Otto Niemeyer-Holstein (1896-1984) hat ihn im Jahre 1932 für 60,50 Mark in Berlin-Rummelsburg gekauft und ihn 1933 (ohne Räder, denn diese hat jemand anderes gekauft) unter großem finanziellen und technischen Aufwand und mit viel Phantasie an diesen sandigen Fleck gebracht. 1932 legt er dort – aus Berlin kommend – mit seinem Segelboot Lütter an. Außer einem großen Schuppen, einem holprigen Pflastersteineeg, ein wenig Ried und krumme Weiden gibt es sonst dort nichts. Genau was er sucht, nur ein paar Meter zum Strand. „Hier will ich leben, hier will ich sterben“, ruft er und geht an Land. Niemeyer hat sein Paradies, sein Refugium, das ihm für den Rest seines Lebens Geborgenheit, Schutz und Inspiration werden sollte, gefunden. Sein Segler „Lütter“ sollte auch dem Ort Lüttenort den Namen geben.

Der Maler Niemeyer, der eigentlich Gärtner werden wollte, hat im Laufe der Zeit einen Skulpturen-Zaubergarten um den Wagen herum angelegt, wie ihn Klingsor nicht schöner hätte erträumen können. Jahrelang waren er und seine Familie Selbstversorger. Im Obstgarten lehnt immer noch die lange Leiter am Baum und lädt zur Ernte ein. Weiter weg entdeckt man eine leicht überwucherte Getreidemühle und eine große Schiffsglocke. In einer anderen Ecke – im japanischen Garten – gibt es China-Wacholder und allerlei Sträucher und ein wenig weiter liegt der  Kastanienhof sowie ein Quittengarten  und von fast allen Plätzen aus kann man auf eine Lagune des Peenestromes, das Achterwasser, blicken. Dort liegt noch ein Boot und der Wind streift leise über die Schilfgräser, vertreibt die Wolken und lässt die Konturen überdurchschnittlich scharf hervortreten. Alles ist sehr gepflegt und doch ist hier die Natur kein bisschen beschnitten.

 

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« Paar » Wolf-Eike Kuntsche; Waldemar Grzimek « Torso »; Wieland förster « Große Stehende »

 

31 Skulpturen von Künstlerfreunden wie Waldemar Grzimek, Sabina Grzimek, Sabine Teubner, Wolf-Eike Kuntsche, Werner Stötzer und viele mehr beleben den Garten, verstecken sich und stehen miteinander im Dialog. Niemeyer hat sie entweder geschenkt bekommen oder sie gegen seine Bilder eingetauscht. Auch die Kopie eines römischen Augustus‘ ist darunter. Zweige ringen sich um seinen Fuß, fast wie bei Berninis Daphne. Dieser Garten gehört sicher zu den schönsten Skulpturengärten, die ab den 1960er Jahren fast überall in Europa wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Ich denke da an das Kröller-Müller Museum/Otterlo, die Skulpturenmeile in Hannover oder die Museumsinsel Hombroich. Ein Tor aus alten Schiffsbalken führt auf der Rückseite zum Achterwasser. Eine Zeitlang ist auch allerlei Viehzeugs dort rumgelaufen, das dann später auf den Tisch kam. Die Not war oft groß, denn erst ab den 1960er Jahren hat Niemeyer-Holstein gut vom Verkauf seiner Bilder leben können. Unter der recht einfachen Einrichtung sticht das Kieler Zimmer besonders heraus. Niemeyer hat es aus seinem großbürgerlichen Elternhaus in Kiel auf die Insel transportieren lassen. Das einzige was ihm aus der Zeit geblieben ist.

 

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Griechische Skulptur mit Blick auf das Haus

 

Das was man heute dort sieht erinnert nur noch ganz entfernt an das unwirtliche, kleine Stück Moorland. Der Boden ist befestigt und der Garten gewachsen, wie dies auch die Bäume und Sträucher taten. Sogar der S-Bahn-Wagen bekommt nach und nach ein Obergeschoss mit Schlafräumen, die über eine ganz steile Hühnerleiter zu erreichen sind, und links und rechts gibt es jetzt kleine Anbauten. Von außen erkennt man den Wagen nur noch, wenn man weiß, dass er die Basis dieser originellen Behausung bildet. Tritt man aber ein, ist man überrascht, wie breit so ein öffentliches Transportmittel doch ist. Erst viele Jahre später kann Niemeyer sich ein gemütliches und sehr schönes Atelier in der Nähe des Wagen-Hauses errichten. Dorthin zieht er sich auch zurück, wenn ihm die Besucher einmal zu viel werden. Tabu steht an der Tür und daneben hat der ehemalige starke Raucher handschriftlich einen Hinweis auf das herrschende Rauchverbot angebracht.

 

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ONHs Weg zum Strand und Wellenbrecher

 

Hier ist die Zeit stehen geblieben. Es fehlt nur noch, dass plötzlich der Wasserkessel zu pfeifen anfängt und uns der Duft eines selbst gebackenen Marmorkuchens in die Nase steigt. Sogar der Fellmantel, den er immer trug, wenn er im Winter Bahn und Straße  überquerend zum Meer ging, hängt noch dort und macht ihn unsterblich.

1896 wird Niemeyer als Kind eines international bekannten und recht wohlhabenden Völkerrechtlers geboren. Schon mit knapp 10 Jahren schenken ihm seine Eltern das Segelboot Lütter, mit dem er 25 Jahre später Usedom erreichen sollte. 1914 meldet er sich freiwillig zu den Husaren und kehrt verletzt wieder nach Hause zurück. Um sich zu erholen, schicken ihn die Eltern in die Schweiz und dort fängt er an zu malen – aus Langeweile und als Autodidakt wie er selber sagte. Fundamental für seine Künstlerkarriere ist die Begegnung mit Alexej von Jawlensky und dessen Partnerin Marianne von Werefkin. Der Bohemien-Lebensstil der Beiden liegt ihm, dem gutbürgerlichen Kieler Kind zwar nicht, auch war ihm Jawlenskys schriller Expressionismus zu kompliziert und zu weit hergeholt aber Niemeyer lernt, wie wichtig es für einen Künstler ist, eine eigene Handschrift zu haben. Er weiß nun, was er will: nämlich malen, was sein Auge wahrnimmt, nicht mehr und nicht weniger. Mit 24 heiratet er Hertha Langwara, eine sensible und weltfremde Sängerin. Die beiden bekommen einen Sohn. Herthas Bildnis entsteht 1920; es lässt den Einfluss von Jawlensky erkennen. Das Portrait hängt im Museum in Lüttenort und ist sicher eine seiner interessantesten Arbeiten.

 

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 Tor zum Achterwasser

Lyonel Feininger lernt er 1923 kennen und gründet mit anderen Malern kurz darauf die Künstlergruppe Der Große Bär in Ascona/Italien. Es gibt ein Bild von ihm in Anzug und Weste in den Schweizer Bergen wo er eher wie ein Fremdkörper in der Landschaft steht und als Maler nicht zu identifizieren ist. Ein Jahr später lässt er sich von Hertha scheiden. Seine zweite Ehe mit der gebildeten Annelise Schmidt sollte sein Leben lang halten. Aber auch Begegnungen mit Otto Manigk oder Herbert Wegehaupt, der sich übrigens auch auf der Insel Usedom niederließ,  waren wichtige Ereignisse in seinem Leben.

« Der hat mir interessiert, aber ick hab’n noch ‘n kleen’ Stups jegebn. Aus dem wird wat, denn der klaut sich de Farben aus’m Meer » (der Berliner Maler Max Liebermann über Niemeyers Malversuche in den 1920er Jahren)

Hin und wieder macht Niemeyer einen Anlauf und schreibt sich in einer Kunstakademie als Student ein, muss aber nach kurzer Zeit feststellen, dass ihn der dort gepredigte Akademismus nicht weiter bringen wird und bricht ab. Otto Niemeyer-Holstein, der seine Bilder mit ONH signierte, war und blieb ein Autodidakt, geprägt von Menzel und Morandi, den großen Franzosen des 19. Jahrhunderts wie Cezanne oder Gauguin, aber auch von den Malern der Brücke, von Heckel oder Otto Müller. Paula Modersohn-Beckers Farben tauchen immer wieder auf und einige seiner Akte erinnern an Picassos blaue und rosa Periode. Mit der Zeit wird aber die Ostsee sein Modell. Tagein, tagaus besucht er sie und malt die täglichen Stimmungen, die Wasserveränderungen, die Wellenbrecher, Eisberge am Strand oder den Weg dorthin. Die permanente Suche, die Ostsee zu verstehen, sie festzuhalten,  hat ihn zum Künstler gemacht. Bildnisse nennt er seine Portraits. Sie sind neben Landschafts- und Naturbildern der Hauptbestandteil seines künstlerischen Werkes.

Die Niemeyers leben zwar zurückgezogen, aber nicht isoliert. Dafür hatten sie viel zu viele sehr interessante Freunde auch aus der wilden Berliner Zeit in den 1920er Jahren. Man führt ein offenes Haus und ständig kommen Freunde oder andere Künstler zu Besuch, es herrscht reger künstlerischer Austausch. Seefahrer aus dem Ort bringen ihm afrikanische Masken und Skulpturen von ihren Reisen mit und bekommen Bilder dafür.

Das Werkeverzeichnis des Museums ist ein unglaublicher Spaziergang durch die Moderne. Angezogen vom Expressionismus und von der Neuen Sachlichkeit, kümmern ihn Tendenzen oder Moden trotzdem eher weniger.

Anfangs waren es nur ausgedehnte Sommer, die die Familie auf Usedom verbringt. Ab 1939 wird das Refugium zum permanenten Wohnsitz. Peenemünde ist nur knapp 30 km von Lüttenort entfernt und der Krieg bringt so einige kritische Momente. Ab 1940 versteckt er aber trotzdem seine jüdische Schwiegermutter dort. Hin und wieder fallen Bomben in die angrenzenden Wiesen und in den letzten Kriegsmonaten wurde das Land um ihn herum vermint, aber die geplante Sprengung 1945, die diese engste Stelle auf der Insel, wo sein Haus steht, fluten sollte, wird nur ganz knapp verhindert, weil sowjetische Truppen die Insel besetzen.

Vor dem Krieg waren seine Werke von den Nazis „nicht erwünscht“ (allerdings wird Niemeyer nur in wenig Museen vertreten und so konnte auch nur ganz wenig verschwinden) und nach dem Krieg, in den 1950er Jahren gerät ONH in den Kunststreit der DDR. Eine Ausstellung in Dresden findet ohne seine Bilder statt. ONH malt Lenin-Ikonen  für öffentliche Gebäude. Er darf dann aber doch 1954 in Mannheim ausstellen. In den 1960er Jahren reist Neumeyer nach China, Taschkent, Samarkand und Buchara und wird 1963 Präsident der internationalen Ostsee-Biennale in Rostock. Erst ab den 1970er Jahren häufen sich seine Ausstellungen, auch in Italien und Norwegen. 1981 wird sein Gesamtkunstwerk in Rostock gezeigt und der Fernsehfilm „Und der Strand ist meine Geliebte“ gedreht. Ein einfühlsamer, langsamer Film mit vielen Sprechpausen. Er läuft im Museum und ist wirklich sehenswert. ONH sagt ganz wichtige Dinge so en passant, als ganz persönliche Reflexion. Er hätte kein Talent, er müsse sich alles erarbeiten. Aber das sei gut so. Künstler mit viel Talent sind mit 25 Jahren fertig.. 86jährig lernt er immer noch täglich etwas hinzu. 1984 stirbt Otto Neumeyer-Holstein und ein paar Monate später folgt ihm seine Frau Annelise.

 

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 Eingang zu seinem Atelier

 

Schon ein Jahr nach seinem Tod, also 1985, wird Lüttenort Museum und Ort der Begegnung -ganz nach seinem Wunsch. Dort finden jetzt regelmäßig Konferenzen und Konzerte statt und abwechselnd auch Ausstellungen mit Werken von seinen Malerfreunden. Das Museum wird 2001 nahe am Atelier errichtet. Ein kleines Paradies, bei dem die vielen Bäume den Lärm der Schnellstraße fast komplett auffangen.

Otto Neumeyer-Holstein hat an die 5000 Arbeiten (Zeichnungen, Aquarelle, Ölgemälde oder Radierungen) hinterlassen. Ein Großteil gehört dem Museum. Die Bilder hängen aber auch in  Museen in Berlin, Leipzig, Rostock, Dresden, Ascona, Kiel, Oberhausen, Mannheim oder im Folkwang Essen zu sehen. An die 500 sind in Privatbesitz, die meisten dokumentiert und in einem sagenhaften Werkeverzeichnis aufgeführt.

Christa Blenk

Fotos Christa Blenk

 

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Wandteppich von Anger, Zyklus der Apokalypse

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Eingang ins Schloss

 

In der Ich-Form richtet sich der Verfasser der Apokalypse mit den sieben Sendschreiben an die sieben Gemeinden in Ephesus in Kleinasien. Die Offenbarung des Johannes ist das letzte Buch des Neuen Testamentes und gilt als prophetische Hoffnungsschrift für die unterdrückten Christen im Römischen Reich.

Sieben Schreiben, sieben Gemeinden, sieben Siegel, sieben Trompeten, sieben Reiter, sieben Plagen, sieben Engel und sieben Schlafende oder Tote. Visionär, spannend und theatral und mit dem Gedankengut des 14. Jahrhunderts vor dem Hintergrund des 100 jährigen Krieges, wird dieser umwerfende Zyklus erzählt. Er weiß von grausamen und moderne Geschichten zu berichten, dokumentiert die Anbetung des Teufels, die Umkehrung der Macht, die Verführung, die Vernichtung und die Zerstörung von Babylon bis zum Sieg des Guten und den Eintritt in das Paradies.

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Das  ausschließlich aus Wolle bestehende Teppich-Ensemble besteht aus 6 Teilen mit je 14 Bildern, wobei leider nicht mehr alle vorhanden sind. 84 Szenen auf einer Gesamtflache von 700 qm halten den Betrachter in Atem und erstaunen immer wieder durch die Modernität, aber auch künstlerisch erkennt man – noch im Mittelalter des 14. Jahrhunderts –  die ersten wackeligen Schritte der Renaissance Perspektive.

Jede Serie wird von einer Persönlichkeit eingeleitet und geht dann weiter in zwei übereinander liegenden Reihen, im Schachbrettmuster  angeordnet – je sieben himmlische und irdische Szenen.14 Szenen pro Teppich. Hintergrundfarbe ist abwechselnd rot und blau; jedes Bild hat auch eine Bildunterschrift.

 

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der siebenköpfige Drachen

Der Zyklus der Apokalypse misst 103 Meter und ist 4,5 Meter hoch. Er ist somit der größte Wandteppich der jemals in Europa hergestellt wurde. Er entstand zwischen 1373 und 1382 im Auftrag von Herzog Ludwig I. von Anjou, der Weber Nicolas Bataille kümmerte sich um Beides: Finanzierung und Fertigstellung in nur sieben Jahren! Die Entwürfe stammen vom Brügger Künstler Jean de Bruges und in der Pariser Werkstatt von Robert Poisson wurde der Teppich hergestellt.

Seit 1954 hat der Teppich einen extra für ihn gebauten Trakt im Schloss von Angers. Von dem ursprünglich 140 Meters sind heute noch 103 erhalten.

Wandteppichen kam im Mittelalter eine ganz wichtige Rolle zu. Sie bereicherten den Besitzer und begleiteten ihn oft auf seinen Reisen, sie verschönerten und wärmten und waren gern gesehene Gastgeschenke. Allerdings waren sie nie 140 Meter lang und höher als ein dreistöckiges Haus.

Aus welchem Anlass der Teppich von Anger gewebt wurde, weiß man nicht. Man rätselt, dass er vielleicht den Kreuzorden von Ludwig I, den dieser 1370 gegründet hatte, aufwerten sollte. 1782 wurde diese Preziose zum Verkauf angeboten und während der Französischen Revolution zerschnitten. Der Wandteppich wurde als Decke, Bettvorleger oder Schutz im Winter für die Orangenbäume zweckentfremdet. Erst 1843 ging der Bischof von Anger auf die Suche nach dem Verbleib und konnte relativ viel wieder zusammen holen. Aber einige Fragmente sind wohl für immer verloren, andere verblasst. Einige Serien sind aber glücklicherweise in ihren Komplettheit zu bestaunen, allerdings lässt sich nicht immer die richtige Reihenfolge oder auch die Bedeutung zuordnen. Der Audioguide ist gut gemacht und unbedingt erforderlich!

Hier kann man nur sagen: der Besuch lohnt einen Stopp in Angers, abgesehen davon ist die Stadt sehr interessant und schön.

Christa Blenk

Fotos: JNPettit

 

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Eisschmelze – Berlin im Februar

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Am 15. Februar 2017 kam plötzlich der Frühing nach Berlin.

Die Minustemperaturen verwandelten sich in +Grade und auf der Spree setzte sich die Eisblücke in Bewegung. Faszinierender Anblick, wie sie ähnlich einem Wasserfall, das kleine Stauwerk (Mitte – zwischen Unter den Linden und Leipziger Straße) herunterdonnerten, wie sich das Licht darin brach und die  Vögel auf der Spree entlang auf die transparenten Eisscheiben reisten.

 

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Fotos: (c) Christa Blenk

 

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Museum Barberini Potsdam

Museum Barberini
Museum Barberini Potsdam

 

Potsdam, nur einen Steinwurf von Berlin entfernt, entwickelte sich ab dem 17. Jahrhundert zu einer der schönsten Barockstädte in Deutschland. Kurfürst Friedrich Wilhelm kaufte einige, damals verpfändete, Stadtgebiete und machte Potsdam zu einer zweiten Residenz neben Berlin. Aber erst unter dem Aufklärer Friedrich II wurde die Stadt auch optisch eine Residenzstadt. Sie entstand praktisch neu, wurde komplett umstrukturiert und neu gestaltet und sogar die Bürgerhäuser bekamen aufwendige Barockfassaden. 1745 ließ er seinen Sommersitz, Schloss Sanssouci, sowie viele Parkanlagen bauen. Vor 250 Jahren, also 1772, ließ Friedrich der Große in Potsdam nicht weit vom Schloss entfernt vom Architekten Carl von Gontard das Palais Barberini errichten.  Vorbild war der Palazzo Barberini in Rom, den zwei große römische Barockkünstler, Bernini und Borromini errichteten.

Im Krieg wurde das Palais vollkommen zerstört und erst 2013 begann man mit dem Wiederaufbau. Der Kunstsammler und Mitbegründer des Museums Hasso Plattner hat sich dieses sozusagen selber zum Geburtstag geschenkt. Ende Januar 2017 konnte das Museum Barberini schließlich eröffnet werden – und dies gleich mit drei vorzüglichen Ausstellungen, zu denen Leihgaben u.a. aus Sankt Petersburg, aus Paris, aus Hamburg oder Washington anreisten, aber vor allem auch aus Privatsammlungen. Und so soll es laut Plan der Museumsdirektorin Ortrud Westheider auch weitergehen. Jährlich sollen drei Ausstellungen mit Leihgaben und Beständen aus der hochkarätigen Sammlung Plattner in Potsdam zu sehen sein.

 

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 Saalansicht Impressionisten, Monet « Pappeln in Giverny (1887) und Heuhaufen (1893)

 

Eine der Eröffnungsausstellungen ist dem Impressionismus gewidmet  - ein kluger Schachzug, denn diese Lichtbilder der großen Franzosen sorgen immer für ein volles Haus. Mit 93 Exponaten ist sie die größte Ausstellung der Drei. Es werden ausschließlich Landschaftsgemälde, die das Thema Wasser, Wald und Winter behandeln, gezeigt. Sie stammen aus Privatsammlungen oder aus großen und bedeutenden Museen. Gleich zu Anfang hängt ein Gemälde von Claude Monet, das der Kunstverein in Bremen zur Verfügung gestellt hat Boote.  Claude Monet hat es mit knapp 30 Jahren, 1869, gemalt. Drei Jahre vor seinem umkrempelnden Gemälde Impression – solei levant (1872), das dem Impressionismus seinen Namen geben sollte.

Sie tummeln sich alle hier, Alfred Sisley, Gustave Caillebotte, Pissarro und noch mehr Monets, die in London oder in Norditalien entstanden sind, eingerahmt von Themenbildern wie Heuhaufen. Monet hat sich gerne ausführlich mit einem Motiv auseinander gesetzt und es immer wieder bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen oder Tageszeiten gemalt, siehe die Seerosenbilder, die Rouen Kathedrale oder die Heuhaufen, von denen einige zu sehen sind.

Ergänzend sind eine Reihe von Rodin-Skulpturen, Leihgaben aus dem Musée Rodin, Paris, zu sehen, in Anlehnung an die gemeinsame Ausstellung 1889 in Paris von Rodin und Monet Bewegte Körper – im Dialog mit Monet. Vorarbeiten für die Bürger von Calais oder der Denker, eine Plastik, die Rodin ursprünglich für seine Höllentor-Skulptur anfertigte, inspiriert von und basierend auf Dantes Göttlicher Komödie.

 

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 August Rodin, Der Denker (1881) – Guss (1967)

 

Die zweite Ausstellung befasst sich mit dem weiten Begriff der Klassiker der Moderne. Anhand von 60 Exponaten wird hier eine Brücke gebaut zwischen den Biergarten-  und Lichtbildern von Max Liebermann, bis hin zu den klatschigen und expressionistischen Bildern von seinem Gegenspieler Emil Nolde oder Max Slevogt. Hier werden die beiden menschlich und künsterlisch so gegensätzlichen Maler  Liebermann und Nolde miteinander konfrontiert. Beide schwimmen im Licht, aber Nolde sehr viel weiter!  Ausgezeichnet zusammengesucht und keine Überschwemmung an Werken. Sogar ein ungewöhnlicher Gustav Klimt Seeufer mit Birken (1901)  hat sich dazwischengedrängt – ebenfalls aus einer Privatsammlung. Um die Jahrhundertwende malte Klimt eine Reihe von dekorativen Landschaftsbildern.

Edvard Munch (1863-1944) kennen wir vor allem als Maler der Dramatik und der inneren Zerrissenheit. Von ihm sind einige sehr lohnenswerte und aus Privatsammlungen kommende Exponate ausgestellt. Munch hat um die Jahrhundertwende im norwegischen Badeort Åsgårdstrand eine Serie von Strand- und Lichtbildern gemalt. Darunter das lichte und leichte Gemälde Sommernacht am Strand (1902/03).

 

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 Emil Nolde « Frischer Tag am Meere (1906) und Max Liebermann « Biergarten in Laren (1903) ,Edvard Munch « Sommernacht am Strand »

 

Die dritte Eröffnungsausstellung befasst sich mit Kunst aus der DDR, besser gesagt der Kunst der Leipziger Schule – Plessner hat sich hier eine bemerkenswerte Sammlung zusammengekauft.

„Aus der Sammlung des Museum Barberini“ wird in zwei  Räumen gezeigt – aber das soll nur ein Vorgeschmack sein. U.a. sind Werke von  Rolf Händler (1938), Willi Sitte (1921-2013), Werner Tübke (1929-2004) , Harald Hetzkes (1929), Bernhard Heisig (1925-2011), Wolfgang Mattheuer (1927-2004) zu sehen mit Schwerpunkt auf den Leipziger Maler Wolfgang Mattheuer. Von ihm ist auch die Bronzeskulptur im Garten des Museums „Jahrhundertschritt“, eine Art Abrechnung der politischen und gesellschaftlichen Widersprüche im 20. Jahrhundert und die Auseinandersetzung mit Faschismus und Sozialismus. Diese Plastik wird dort dauerhaft stehen bleiben. Mattheuer hat 1984 an der 41. Biennale in Venedig teilgenommen und war 1977 Teilnehmer an der in Kassel. Die documenta6 hatte stand unter dem Thema Neue realistische Kunst.  Mattheuer war der Vertreter des Sozialistischen Realismus.

 

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 Saalansicht Bernhard Heisig « Die Straße der Kommune » (1989), Willi Sitte « Selbstbildnis mit Tube und Schutzhelm » (1984)

 

Im Herbst geht es dann weiter, Mit mit der Ausstellung Hinter der Maske. Künstler aus der DDR sollen weitere Werken aus der Barberini-Sammlung Leihgaben gegenüber gestellt werden.

Insgesamt 2800 qm Ausstellungsfläche gibt es in dem Palais und es war wohl ein Glück, dass Plattner nicht seine erste Wahl – das DDR Hotel Mercure – dafür zur Vergügung gestellt bekam. Denn dieses wollten die Potsdamer nicht abreißen lassen!

Die beiden Haupt-Ausstellungen sind noch bis Ende Mai zu sehen – Die DDR Kunst bis zum 3. Oktober.

Seit 1990 gehört Potsdam übrigens zum UNESCO Welterbe. Die Babelsberg Filmstudios wurden dort 1912 als erste große Filmstudien weltweit eingerichtet

 

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Christa Blenk

 

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Skulpturenmeile Hannover

Straßenkunstprogramm in Hannover

Besuch der Skulpturenmeile

Die Landeshauptstadt Hannover  finanzierte das Projekt der Skulpturenmeile schon in den 70er Jahren und nach den Nanas  von Nicki de Saint Phalle wurden die ersten Werke in den 80er Jahren dort permanent installiert – entlang der Brühlstraße und dem Leibnizufer bis hin zum Sprengelmuseum.  Knapp 1 ½ km Fußweg legt man zurück, um an den ganz unterschiedlichen Arbeiten entlang zu schlendern.

Die erste Skulptur auf dem Parcours  Kreisteilung – Quadratanordnung – Kegel von Alf Lechner 1987) steht am Königsworther Platz direkt am Eingang zum Georgengarten. Man sieht sie fast nicht, weil sie sich perfekt in die Landschaft einbindet.

 

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« Kreisteilung – Quadratanordnung – Kugel » (1987) – Alf Lechner (*1925)

 

Das Bildhauer-Ehepaar Martin Matschinsky (*1921) und Brigitte Matschinsky-Denninghoff (1923-2011) installierte die Skulptur « Genesis » (1983-1985). Auch diese bildet eine Fusion an diesem grauen Vormittag mit dem Himmel und den Häusern von Hannover.

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Genesis (1985)

 

Anders hingegen die Skulptur von  John Henry (*1943)  Symphonie in Red – sie dominiert komplett die Mitte der vielspurigen Straße und hätte sehr gut noch mehr Licht vertragen können. Spitz und aggressiv greift sie in die Wolken.

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Symphony in Red (2000)

 

Auf der anderen Seite der Straße, leicht versteckt zwischen Bäumen, hat der belgisch-französische  Bildhauer Eugène Dodeigne (*1923) die Skulpturengruppe Etude 1-5 (1982) aufgestellt. Die einzige figurative Arbeit, die auf der Meile zu finden ist. Dodeignes Steinskulpturen  gehören zu den bedeutenden modernen Kunstwerken, die nach nach dem zweiten Weltkrieg entstanden. Er hat in der Entwicklung der Skulptur eine wichtige Rolle gespielt. Hier denkt man unweigerlich an Carnac.

 

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Etude 1-5 (1982)

 

Deus Ex Machina (1985) vom Berliner Bildhauer Bernhard Heiliger (1915-1995) heisst die nächste Skulptur. Heiliger nahm in den 50er Jahren an der documenta I und II teil und war Gast auf der Biennale von Venedig. Außerdem wurde er mit  dem Figurenbaum für den Deutschen Pavillon der Expo 58 betraut.

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Deus Ex Machina

 

Die klatschig-kitschigen, dralligen und selbstbewussten Nanas (Charlotte, Sophie und Caroline) der französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle (1930-2002) waren die Vorreiter dieser Meile. Nicki de Saint Phalle hat mit ihren Arbeiten immer Aufsehen erregt und wurde mit ihren Nanas international bekannt und ist aus der europäischen Kunstszene nicht wegzudenken.  Die Nanas (Mädchen) kamen schon 1974 nach Hannover und wurden am Leineufer aufgestellt.  Am heutigen Samstag war Flohmarkttag und die Drei haben sich unter die Besucher oder umgekehrt gemischt.

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Nanas von Nicki di Saint Phalle

 

Kenneth Snelson (1927) hat die große Skulptur Avenue K (1958) gebaut; wie bei fast all seinen Arbeiten stehen auch bei dieser die physikalischen Kräfte im Mittelpunkt.

Erich Hauser (1930 – 2004) Stahl 17/87.  Hauser hat in vielen deutschen Städten Plastiken aufgestellt; er  war Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und hat in seiner Heimat (Rottweil) einen eigenen Skulpturenpark errichtet, den man an mehreren Tagen auch besuchen kann.  Seit 2008 wird übrigens von der Kunststiftung Erich Hauser, Rottweil der Erich-Hauser-Preis vergeben.

Auch diese beiden Werke sind perfekt in das Straßenleben von Hannover eingebunden und – obwohl sie sehr groß sind – dominieren sie weder Platz noch Straße.

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« Avenue K »   und daneben « Stahl 17/87″ von Erich Hauser

 

Dann geht es nach rechts weiter Richtung Sprengel Museum, aber auch hier wird vman von Skulpturen begleitet. Nicht alle sind ausgezeichnet oder beschildert.

Vor dem Museum steht eine große Skulptur von Alice Aycock  und daneben eine von Alexander Calder; auf der anderen Seite Richtung stadteinwärts stößt man auf eine kleinere, ganz typische Arbeit  von Horst Antes.

Sogar die Bushaltestelle trägt zeitgenössische Züge und könnte glatt mit einer weiteren Skulptur verwechselt werden.

 

P1020705P1020897P1020682P1020699P1020895P1020681Karl Hartung - Grosse Kugelform, 1956Hans wolf Lingemann, Drehbare Schrauben 1971Hans Breder - In between, 2001,
Alice Aycock « Another Twister », Horst Antes « Figur 1. September », Berto Lardera „Île de France“, Hans-Jürgen Breuste « Derry » und die Göttinger Bürger, Hans Hartung « große Kugelform », Hans Wolf Lingemann « Drehbare Schrauben »,  Hans Breder « In Between », 

 

Auf dem Weg zum Museum kommt man an einer Skulpturengruppe vorbei, die aus der Reihe fällt, weil sie figurativ ist. Floriano Bodini das Straßendenkmal zu Ehren der Göttinger Sieben von 1837 gebaut. Es erinnert an die Zivilcourage von Bürgern, die einem Verfassungsbruch entgegentragen und dafür Amt und Würde vorloren haben und aus der Stadt gejagt wurden. !!

Diese Meile macht Hannover zu einem Vorreiter abstrakter Plastiken und zu der  Skulptur-Hauptstadt in Deutschland schlechthin.  Die monumentalen und avantgardistischen Skulpturen  holte der Galerist Robert Simon nach Hannover.

Christa Blenk

Foto: (c) Christa Blenk

 

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Winter in Berlin

2017 – Januar

 

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Blog Highlights 2016 : Musik und Kunst im Rückblick

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Labyrinthe, Geburtstage, unheimliche Träume und Alpträume, eine Kirche in der Toscana, eine bretonische Insel, ein Atlantis in der Nordsee, eine Rhein-Reise, schräge Musik und andere, Tim Burton und Torten, Theater unterm Dach und Off Off, mexikanische Totentänze und römische Geschichte, zwar nicht postfaktische aber postidentische Zustände, ein Elch-Blues und ein Umzug …… und um noch viel mehr geht es in den Highlights 2016!

Aber sehen Sie selber.

 

Enzo Fililetti Mit einem außergewöhnlichen Konzert zum 111. Geburtstag von Giacinto Scelsi hat der Januar das neue Jahr eingeleitet. Das wunderbare kammermusikalische Hauskonzert in Anwesenheit der vier zeitgenössischen italienischen Komponisten, Giorgio Nottoli, Mauro Cardi, Giuseppe Silvi  und Michelangelo Lupone  fand in der  Scelsi Villa in Rom statt. Wir sind eher durch einen glücklichen Zufall darauf aufmerksam geworden. Der Saxophonist Enzo Filippetti (Foto) spielte u.a. Werke von Scelsi, aber auch von anderen zeitgenössischen Italienern. Was für ein Abend!

helenaerklärt Zerebrale Geoden, Pentagramme, Labyrinthe und primordiale Fruchtbarkeitssymbole stellte Helena Aikin im  Januar 2016 im Museum für populäre Kunst im Madrider Altstadtviertel La Latina in einer ehemaligen Corrala (dort wo vor 100 Jahren die Zarzuelas aufgeführt wurden) aus. Die Sammlung dieser faszinierenden Labyrinthe, die sie in den letzten Jahren gesammelt, konzipiert und nachgebaut hat wurde übrigens  später  im Jahr – ebenfalls mit großem Erfolg -  in der UNO in Genf gezeigt.

Abgesehen davon, dass sich Madrid schon deswegen lohnt weil dort die Künstler Cesar Borja, Gerardo Aparicio und Guillermo Lledo wohnen und es immer ein Vergnügen ist, ihre letzten Areiten zu entdecken, war er Ausflug in der Welt der Labyrinthe sehr spannend. Die Königin der Radierungen, Natividad Gutierrez, ist leider dieses Jahr verstorben. In Natis Werken vereinen sich auf der einen Seite die Vegetation ihrer Heimat, der Karibik, sowie ein Licht, das es nur in Madrid gibt.

In der Serie My Virtual Gallery gibt es außerdem Kurzportraits von vielen anderen Künstlern.

IngresEin Besuch im Prado darf natürlich bei einem Madrid-Aufenthalt nicht fehlen. Dort fand gerade eine sehr umfangreiche und sehenswerte Ausstellung von Ingres Gemälden statt.. Gegenüber auf der Madrider Museumsmeile, im Thyssen Museum, gab es eine umfangreiche Expo mit Gemälden von  Munch zu sehen.

P1280537Emma Dante, die wir im letzten Jahr mit Henzes Kurzoper Gisela in Palermo erlebt haben,  inszenierte eine Cenerentola und wie immer bei ihr ist man vollkommen perplex und überrascht. Diesmal waren die Kleider der Darsteller  mit kleinen Sahneschnittchen zu verwechseln.  Die Oper Rom hat Rossini aber noch ein zweites Mal  gehuldigt mit  einem sehr gewöhnungsbedürftigen Barbier von Sevilla in Form von Grusel-Ideen à la Tim Burton. Ausgezeichnete Sänger und viel Applaus. Vor 200 Jahren wurde Rossinis Barbier im Teatro Argentina in Rom uraufgeführt.

Die Oper Bonn hingegen glänzte mit einer witzigen Cosi fan tutte.

Traviata-Dorothée Lorthiois Auch mit großer Oper beschäftigte sich das französische Ensemble Opera Coté Choer in Paris. La Traviata, mutig und ganz anders. Brechend voll der Espace Pierre Cardin und es gab viele Vorhänge. Die Übersetzung von Jean-Noel Pettit folgt hier: La Traviata (version française).

 P1280710 Auch in Paris gab es eine Mammutausstellung von Anselm Kiefer im Centre Pompidou. Allein schon wegen dieser Schau hätte sich die Reise nach Paris gelohnt. Einfach großartig! Kiefer ist ein großartiger und einzigartiger Künstler, der immer ein wenig weiter geht als die anderen!

Ostia teatro Beeinflusst von Jean Cocteaus Antigone (so gesehen die Fortsetzung der Geschichte nach dem Ende von Ödipus), befasste sich der  große Igor Strawinsky zehn Jahre nach dem Sacre du Printemps-Skandal ebenfalls mit der griechischen Tragödie und arbeitete ab 1925 am Oedipus Rex.  Arien, Duette und Choreinlagen wechseln sich ab. Die Texte sind in Latein und die erklärenden Passagen wurden von einem Sprecher vorgetragen.

goethe-josefstiehler1828 Die Italienreise von Goethe ist vor 200 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht worden (30 Jahre nach seiner Reise!). Die Casa di Goethe hat aus diesem Anlass eine Veranstaltung der Serie Incontri romani dem Geheimrat vom Corso gewidmet. Mario Fortunato und Jan Koneffke haben dazu aus ihren Geschichten über und für Goethe vorgelegen.  Unter diesem Motto haben noch viele andere interessante Abende dort stattgefunden.

Mit Rom und Italien beschäftigt sich auch die  Künstlerin Schirin Fatami. Sie lebt in Rom und in Hannover und man sieht es ihren Arbeiten an, wo sie entstanden sind.

image001 Der kolumbianische Maler Botero ist sehr bekannt aber längst  nicht Jedermanns Sache – auch meine nicht! Vor ein paar Jahren hat er sich nun den Kreuzweg Christi vorgenommen. Dieser war im Frühjahr im Palazzo delle Esposizione in Rom zu sehen. Botero via crucis

Paula Modersohn-Becker wurde im Frühjahr im Pariser Museum für Moderne Kunst gezeigt. Die ausgezeichnete Schau mit über 120 Bildern und Zeichnungen dokumentiert acht oder neun sehr intensive Jahre auf einem (vorzeitigen und rasenden) Weg in die Moderne. Die Briefe aus Paris an die Familie, an Ottos Eltern oder an ihren Mann Otto Modersohn, sind eine einzige Liebeserklärung an Paris.

P1300056 Einen Geburtstagswalzer, einen Tango und noch mehr gab es im österreichischen Kulturinstitut in Rom, welches schon einmal Hans-Werner Henzes 90. Geburtstag am 1. Juli vorfeierte. Das  Cimarrón Ensemble Duo , Christina Schorn und Ivan Mancinelli,  interpretierten u.a. Werke von Hans-Werner Henze (1926-2012), Luca Lombardi  (*1945) und Astor Piazzola (1921-1992).  Miriam Meghnagi hat im selben Kulturinstitut ein paar Wochen später  sehr bewegende Lieder aus Theresienstadt vorgetragen.

La sete di Christo
La sete di Christo ist eine CD des römischen Ensemble Concerto Romano und hat  Anfang Februar 2016 den klassischen Musikmarkt erneut um ein vor-barockes und seltenes Schmankerl bereicherte. Außerdem gab es später im Jahr eine glanzvolle Aufführung von Stradellas San Giovanni Battista, eine wunderbare barocke Preziose, die Stradella selbst wohl als sein bestes Werk bezeichnete. Kein Wunder also, dass Händel und die späteren Zeitgenossen stark beeindruckt waren und in diesem Stil weiter machten. Aber auch das Luther Reformationsjubiläum haben sie sich zum Thema gemacht und eine interessante CD herausgebracht. Klang der ewigen Stadt zu Luthers Zeiten.

Giovanni Battista Pergolesis (1710-1736) Stabat Mater gehört sicher zu den meist gespielten Kirchenmusikstücken überhaupt. Viele große Stars und Musikensembles haben es gesungen und gespielt und die Erwartungshaltung des Publikums ist dementsprechend groß. Concerto Italiano hat es im März aufgeführt und es gab keine Enttäuschung!

Symbolismus Anfang März hat es in Mailand zwei Tage ohne Unterbrechung geregnet und wir haben viel Zeit in Museen verbracht. Mit dabei natürlich das letzte Abendmahl (Cenacolo) und die Pieta Rondanini sowie eine  umfangreiche Ausstellung über den Symbolismus. Für die Ausstellung Alphonse Mucha war die Schlange zu lang, diese konnten wir aber ein paar Wochen später in Rom sehen.

Im April hat der große Pappano Tschaikowskys Fünfte und Strawinskys Psalmensymphonie im Auditorium dirigiert; sowie eine überarbeitete Fassung von Riccardo Panfilis l’Aurora probabilmente. Panfili hat dieses kurze, aber sehr heftige und aufregende Opus posthum dem großen deutschen Komponisten Hans-Werner Henze (1926-2012) gewidmet.

P1300463 Paola Romoli Venturi ist eine außergewöhnliche römische Künstlerin. Ihre happenings haben wir nie verpasst! Im April in Trastevere hat sie ihre neuesten Arbeiten präsentiert. Ad pineam - Licht und Wind kamen wie bestellt und ließen ihre zarten Tücher tanzen. Auch auf eine weitere Veranstaltung mit ihr und weiteren italienischen Künstlern möchte ich gerne hinweisen.  TraNsfusioni#4 (das ist die italienische Version)

P1300712 Der grüne Traum ist ein deutsch-italienisches Wanderprojekt, an dem sich Künstler, Musiker und Dichter beteiligen. Dieses Jahr waren das u.a. Silvia Stucky, Beate von Essen, Lello Torchia, Maria Semmer  und  viele andere  die in der bezaubernden Villa Gregoriana bei Tivoli ihre Arbeiten zwischen Ruinen und Vegetation installierten, die man bei einem Spaziergang durch den Park entdecken konnte.

Mit Natur befasste sich auch eine Ausstellung im Archäologischen Museum in Neapel. Mito e Natura behandelte Mensch und Natur anhand von umwerfenden Fresken von Lustgärten oder Episoden aus der griechischen Mythologie.

P1320594 Ein anderer Entdeckungspaziergang führte uns zum Lungotevere, wo sich William Kentrich mit seinen Mammutfresken  “Triumphs and Laments” verewigte.  In sechs Monaten hat der südafrikanische Künstler und Theatermann William Kentridge auf über 500 Meter am Tiberufer zwischen Ponte Sisto und Ponte Mazzini (Piazza Tevere) die Geschichte Roms in 80 übergroßen Figuren wild durch die Jahrhunderte portraitiert. Später, im Sommer in Berlin, gab es passend dazu die Ausstellung No it is im Gropius Bau.

Mit dem Rhein hat sich sich eine Ausstellung in Bonn beschäftigt. Eine europäische Flußbiografie hat die Bundeskunsthalle aufgezeichnet und der Besucher  reist von der Quelle bis zur Nordseemündung dieses stolzes Stromes.

fff Das Fast Fortward Festival fand dieses Jahr zum ersten Mal statt. Zeitgenössische Musik wurde hier zwei Wochen lang aufs intensivste aufgeführt und präsentiert – in allen bedeutenden Theatern Roms. Eröffnet wurde es mit Heiner Goebbels Schwarz auf Weiß  das  er vor über 20 Jahren für und mit dem Ensemble Modern konzipierte. Deshalb kann es auch nur von diesem Orchester aufgeführt werden.  Bis jetzt kam es ca. 100 Mal zur Aufführung u.a. in Berlin, Brüssel. Dresden, Paris, Sevilla, Luzern, Taipeh, Moskau, Wien, Prag, München und Salzburg und fast alle Beteiligten sind schon seit der Uraufführung 1996 im Frankfurter Bockenheimer Depot mit dabei. Es ist Nacht und die Sieben sitzen in einem hohen Saale in der Stadt Ptolemais. Es wird zwar nicht extra erwähnt, aber wir wissen es trotzdem: sie können nicht entkommen, sie sind isoliert. Einer von ihnen, der junge Zoilus, ist schon tot.

Proserpina von Wolfgang Rihms war ebenfalls Teil dieses Festivals. Rihm kam extra dafür nach Rom und begleitete diesen großartigen Ausklang des ersten aber schon recht erfolgreichen Festivals. Hoffentlich wird es weitergehen.

P1320737 Die Stipendiatin der Casa Baldi in Olevano Romano, Antonia Low, präsentierte im Frühjahr im Palazzo Altemps in Rom ihre Installation « Status of Lost Imagery ». Hierbei ging es um die Bombardierung des Palmyra-Museum. Low hat ein Zeitungsfoto von der Verwüstung des archäologischen Museums vergrößert und dieses gepixelte Bild auf Stoff gedruckt.  Mit Schutzschuhen durfte  man die Ruinen betreten, das heisst sich über und in  ihnen bewegen. Spannende Ruinenbegehung!

Isabella Ambrosini hat mit dem Orchestra Roma Tre im Mai die  Cavalleria Rusticana im Palladium aufgeführt. Dieser Artikel ist in italienischer Sprache. 

P1000187 Dido und Aeneas in Montepulciano  war eines der großen Ereignisse oder vielleicht sogar das Hauptereignis dieses Jahr beim Cantiere in Montepulciano. Regie führte  Michael Kerstan. Mit wenig Mitteln und ausgezeichneten Solisten, unterstützt von einem perfekten Chor und dem diskreten Modus Ensemble Roma unter Mauro Marchetti, haben die Protagonisten das Publikum im Tempio di San Biagio – der übrigens auf einen Bauplan von Bramante zurückgeht und ein perfektes Beispiel einer römischen Basilika ist – regelrecht verzaubert.

Und dann hieß es:

Addio Roma (hinter den links verbergen sich drei Rom-Spaziergänge)

mauer in Rombernini-vierstromebrunnen11201171_448806971964877_8353486730606813120_n

und Hallo Berlin

P1010011kuppel reichstagP1000620

 

Hier hat  uns nicht nur italienische Sonne empfangen sondern auch eine  Velazquez Ausstellung!

 

csm_42_ESDO_Katalog_b88a2f60afEl Siglo de Oro. Die Ära Velázquez – Dunkel und furchterregend ist sie, die Malerei dieses Goldenen Zeitalters in dem herrschsüchtigen, strengen und selbstsicheren Spanien, wo es nicht viel zu lachen gab. Die Protagonisten auf den Bildern dieses kulturell so starken Jahrhunderts strahlen keine Freude oder Leichtigkeit aus. Direkt aus dem Manierismus herausgerissen, überbetont, streng ist sie noch lauernd vorhanden, la Santa Inquisición(die heilige Inquisition).

blick in den GartenDer August hat sich von seiner besten Seite gezeigt und das Einleben in Berlin recht leicht gemacht. Ein  Ausflug an den Wannsee, wo sich der Maler Liebermann einen Sommersitz errichtet hatte, war gerade richtig: Max Liebermann (1847-1935) gehört zu den wichtigsten deutschen Wegbereitern der Moderne. Von Anfang an hat er gegen die Akademiker gekämpft und mit der Gründung der Berliner Secession, bei der er eine wichtige Rolle gespielt hat, die Hauptstadt in den künsterlischen und kulturellen Vordergrund gerückt – er selber ist dann aber irgendwo auch zwischen Biergärten und Portraits stecken geblieben. Geboren im Zentrum von Berlin wo heute das Liebermann-Haus steht (in dem eine Ausstellung über Harry Graf Kessler zu sehen war) hat er sich 1909 ein Sommerhaus am Wannsee bauen lassen. Sein „Schloss am See“, wie er es nannte. Mit Anfang 60 hat er sich gerne hierher in die Ruhe zurück gezogen und über 200 Gemälde sind dort entstanden. Ab 1914 bis zu seinem einsamen Tod 1935 verbrachte er viele Monate dort. Von den Nationalsozialisten verfemt, zwangen diese seine Witwe Martha 1940 zum Verkauf des Hauses. Sie entzog sich 1943 durch Selbstmord einer Deportation. Nach dem Krieg allerdings ging das Haus an die Erben zurück, die es an die Stadt Berlin verkauften.

P1000285Emil Nolde – Der Maler  – Aufdringliche Farben und Nordlicht. Emil Nolde (1867 – 1956) malte mit den Fingern und Händen, ein Pinsel reichte nicht, um diese grelle Leidenschaft auf die Leinwand zu bringen. Ein krasser Gegensatz zu der weiten und unendlichen nicht immer farbigen Welt an der Frieslandküste. Naturgewalt, Einsamkeit, Legenden und gruselige, übertriebene Bauern- und Seemanns-Geschichten, die man sich nach Sonnenuntergang mit Gänsehaut zu erzählen pflegte, hat Nolde auf die Leinwand gebracht und uns ins Gesicht geschleudert.

P1000585 Wolfgang Rihm hatten wir ja beim FFF in Rom mit Proserpina gehört und erlebt. Da war es natürlich klar, dass wir uns Tutuguri nicht entgehen lassen würden. Das Berliner Musikfest wurde damit eröffnet.  Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht werden (Antonin Artaud 1947) . Französischer Surrealist trifft auf mexikanische Totentänze und Rihm macht die Musik dazu. Das klang gut und verheißungsvoll: aber es ist noch viel viel mehr! Es ist ein Erdbeben, ein musikalischer Horror-Tsunami, ein götterdämmernder Phönix-Weltuntergang!

P1010069 Die Kantorin der Kirche zur frohen Botschaft in Berlin-Karlshorst, Beate Kruppke, dachte sich zum 150. Geburstag von Eric Satie und zum 25. Todestag von Olivier Messiaen etwas ganz besonderes aus. Sie stellte ein ungewöhnliches Orgelprogramm zur Ehren der französischen Freigeister und  zur Aufführung auf der Amalienorgel in Karlshorst zusammen. Der Dritte im Bunde war ein weiterer Franzose, der Komponist César Franck (1822-1890).

postidentischeslebenGroßartig der erste Besuch in der Neuköllner Oper . EINE SPEKULATION ÜBER DIE FREIHEIT. Welcome to the office for postidentical living - Shape – edit – customize: Der Erfolgreiche muss sich optimieren, sich abgrenzen, besser sein, fit sein, digital sein, angepasst-unangepasst sein, seine personelle Identität pflegen und diese ausbauen, um vielleicht in einer kollektiven Identität heimlich Unterschlupf zu finden. Unsere Identität unterscheidet uns von den anderen, macht uns einmalig. Aber wozu brauchen wir das? Was brauchen wir überhaupt? Wissen wir was wir wollen? Stylen, shapen, bloggen, sich selfen, bewundert werden. Wie anstrengend, diese permanente Überforderung dem uns gebotenen information overflow gerecht zu werden: Nur wer das alles nicht (mit)machen muss, kann frei sein.

P1000693Das Büro für postidentisches Leben hat also die Antworten und Lösungen. Aber KAP HOORN, eine witzige Aufführung im Theaterdiscounter, vermittelt den  Jahrmarkt der Wünsche und Träume .  Aber was hat Napoleon mit Aschenputtel zu tun? Sehen Sie selber!

Ausstellungsplakat Der Golem, diese berühmteste Legendenfigur der Kabbala, ist ein seelenloses Wesen aus Lehm oder Sand. Er wird durch Rituale oder geheime Buchstabenkombinationen von einem Menschen zum Leben erweckt und ist mit übermenschlicher Kraft ausgestattet. Das Jüdische Museum hat ihm eine sehr interessante Ausstellung gewidmet.

P1010005Die Stadt Weimar war 1999 Europäische Kulturhauptstadt. Das war für den derzeitigen Chef des Berliner Staatsballetts, Nacho Duato, die Gelegenheit, Johann Sebastian Bach zu huldigen. Mit Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere hat er auf ganz besondere Weise Person und Werk dieses einzigartigen Komponisten gewürdigt. Er hat Bach auf die Bühne und ins Zentrum des Geschehens geholt.

P1000911 Siegfried Lenz ist 1926 als  Sohn eines Zollbeamten in Ostpreußen geboren. Mit 42 Jahren hat er seinen wichtigsten und einen der bedeutendsten deutschen Nachkriegsromane, Deutschstunde, veröffentlicht. Bei Deutschstunde geht es um Pflicht, Schuld, Macht, Freundschaft und Verlust und um das Nichtentkommen der Geschichte. Das Ensemble hat es aufgeführt. Aber auch die traditionelle Peymannsche Mutter Courage und ihre Kinder hat uns sehr gut gefallen.

Mauer-cmb-klein Traum, Nacht, Alptraum – Ian Bostridge erzählt von  Kriegen, Nachteulen und Meeresungeheuern. Mit Träumen, Natur und Illusionen hat sich in diesem Jahr auch die österreichische Künstlerin Christa Linossi beschäftigt.

100 Stuehle (1)Am 1. November 2016 feiert der Hamburger Bahnhof seinen 20. Geburtstag. Er entstand als  weiteres Haus der Nationalgalerie und dort werden während der Umbauarbeiten der Neuen Nationalgalerie abwechselnd Werke des deutschen Expressionismus – wie zurzeit Ernst Ludwig Kirchner HIEROGLYPHEN  – gezeigt.   Eine der besten Ausstellungen überhaupt mit Arbeiten von Carl André war 2016 im Hamburger Bahnhof zu sehen. Aber auch das Thema Kapital hat das Museum beschäftigt. Hier der Bericht.
AusstellungsplakatUnheimlich war der Titel der Ausstellung im Kunstmuseum in Bonn, die zur Zeit noch in Bonn zu sehen ist (bis Januar 2017). Unheimlich bedeutet schauerlich, gruselig oder furchterregend. Der Titel ist deshalb nicht sehr aussagekräftig, denn hier geht es auch viel um Angst und Einsamkeit, um Unwohlsein, um Hinweise auf Gewalt, versteckte und offensichtliche und um Traum und Wirklichkeit. Kein Entkommen, Dinge, Totenhaus, Alpträume, Einsamkeit, die Anderen,  Verschwinden, Tatorte sind die Schlagwörter und in diese ist die Ausstellung unterteilt.

P1040281 Bei der Geisterbraut ging es auch unheimlich zu. Diese  opernhafte und selten aufgeführte spätromantisch-wagnerianische Ballade von Antonín Dvořák (1841-1904) wurde  aus Anlass des 175. Geburtstags  dieses böhmischen Komponisten von der Berliner Singakademie und dem Konzerthausorchester unter Achim Zimmermann im Konzerthaus in Berlin aufgeführt. Isabelle Faust hat mit Werken von Luigi Nono  in der Philharmonie ebenfalls bella figura gemacht.

P1010413Der Britische Blick: Deutschland – Erinnerungen einer Nation. Mit dem Deutschlandbild der Briten hat sich diese Ausstellung beschäftigt, die auch uns so einiges über uns beigebracht hat. Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden(Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Xenien, 1796)

maulwerk Maulwerker -  Lautdichtungen und Sprechduette hat sich in einer Veranstaltung organisiert durch KONTRAKLANG im Heimathafen präsentiert. Gerhard Rühm, der bei der gestrigen Performance im Heimathafen Neukölln persönlich anwesend war, ist einer der bedeutendsten Künstler, ein Tausendsassa oder Wunderwurzi wie die Österreicher sagen. Er ist Schriftsteller, Lyriker, Schauspieler, Komponist, Performancekünstler, Maler und Poet. Er Gedichte oder Lautdichtungen aus seinem Repertoire vorgetragen – allein und Sprechduette er mit seiner Frau, der Musikpublizistin Monika Lichtenfeld. Dass er 86 Jahre alt ist würde man nicht vermuten. Temperamentvoll und witzig, ein einfallsreicher Sprachkünstler und Grenzgänger zwischen Noten, Buchstaben und Sprachexperimenten.   Kontraklang hab ein paar Wochen später das anstrengende aber sehr interessante Konzerthappening « Nach Kagel » - auch wieder im Heimathafen Neukölln organisiert. Und hier ging es um Sprechmusik, Peinlichkeit, Heilkräuter und um einen heiseren Wanderer! Lesen Sie selber!

P1010457Terpsichore, Liebesgötter und kalte Schönheiten. Der italienische neoklassizistische Künstler Antonio Canova (1757-1822) zählt zusammen mit dem Dänen Thorvaldsen zu den bedeutendsten Bildhauern seiner Zeit. Das Bode-Museum hat ihm diese Ausstellung über den Tanz ausgerichtet – mit dem schönen Titel:  Canova und der Tanz!

P1010502 Il Triunfo dem Tempo e del disinganno von Georg-Friedrich Händel zählt schon seit langem zu meinen Lieblings-Händel-Kompositionen. In diesem Stück hat er sich auch eine Rolle gegeben und deshalb wird er zur Sonata im ersten Teil er als anmutiger Jüngling an der Orgel (Thomas Guggeis) begleitet von Corelli an der Geige (Wolfram Brandl) ins Restaurant geschoben. Wunderbare Aufführung im Schillertheater! Viel Applaus für alle aber vor allem für das Vergnügen!

P1010637 Reden ist nicht immer die Lösung - meint Omer Fast in seiner im Rahmen des Programms „Immersion. Analoge Künste im digitalen Zeitalter“ im Martin-Gropius Bau organisierten Ausstellung, bei der sieben Filmprojekte von ihm gezeigt wurden. Der israelisch-amerikanische Videokünstler verarbeitet in seinen Projekten Krieg, Gewalt, Sex, Erziehung und Zusammenleben.  Und hier erwähnte ich Clemens von  Wedemeyer ; der  so ähnliche Geschichten in Hamburg erzählte.

P1010662 Die Europäische Akademie für Musik und Darstellende Kunst Palazzo Ricci ist ein bedeutendes deutsches Kulturprojekt in Italien, das sich vor allem der Musik widmet.  Seit dem Jahre 2000 sitzt die Hochschule für Musik und Tanz Köln in diesem Palast, der nach umfangreichen Renovierungsarbeiten im Jahre 2001 als Europäische Akademie wieder eröffnet wurde. Und damit sind wir auch schon beim Anlass des gestrigen Abends: das 15-jährige Jubiläum. Die Akademie feierte ihren Geburtstag mit einem Konzert, das  mit einem ganz besonders sorgfältig ausgesuchten Programm am Gendarmenmarkt im Berliner Konzerthaus bestach.

P1010682 Good Bait (guter Köder) ist das aktuelle und neuestes Standard-Programm der Quartett-Jazzband die den Beinamen … die flexible Einsatztruppe  bestehend aus dem Saxophonisten und Gründer der Truppe Markus Ehrlich, dem gerade aus New York zurückgekehrten Pianisten Johannes von Ballestrem, dem Bassisten Tom Berkmann und dem Schlagzeuger Philipp Schaeper. Dann haben wir noch den Piano Salon Christophori entdeckt – hier kann man alles hören – meist klassisch, aber es steht durchaus auch mal dann und wann ein Jazzabend an. Im Jazzclub Zig Zag in Berlin ist die Gruppe Subtone aufgetreten, die vor allem eigene Kompositionen gespielt haben. Schöner Club!   Der bekannte schwedische Posaunist und Sänger  Nils Landgren, alias Mr Redhorn, trifft beim diesjährigen Young Euro Classic Festival auf das junge Ensemble Olivinn, das die türkische Komponistin und Pianistin gegründet hat. Hier wurde Jazz mit Klassik verbunden und formell in einem Konzerthaus aufgeführt. 

P1010522 Die Stadt“ hat Theodor Storm sie ganz schlicht genannt. Zu seiner Zeit hat er wohl auch noch  durch die Stille las Meer brausen gehört. Das ist jetzt nicht mehr so, aber die Möwen, die Luft, das Salz darin, das Ebbe und Flut Spiel, das den Hafen hebt und senkt, ist immer noch so.   Jan Christophersen hat über diese so ganze andere Welt den Roman « Schneetage » geschrieben. Hier die Rezension!

Eine andere ganz besondere Reise ging in die Bretagne. Fünfzehn Kilometer vom Festland entfernt liegt sie, eine der größeren bretonischen Atlantikinseln: Belle-Île-en-Mer. 45 Minuten dauert die Überfahrt mit der Fähre von Quiberon nach Le Palais, der Hauptstadt von Belle-Île mit ungefähr 2600 Einwohnern. Hier verbrachte die Schauspielerin Sarah Bernhardt viel Zeit zwischen Felsen, Wind und Einsamkeit.

George Grosz - Grauer Tag Die Neue Nationalgalerie ist noch immer wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Deshalb zeigen die anderen « Filialen » abwechselnd Werke aus dieser umwerfenden Sammlung der Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Hamburger Bahnhof ist immer noch  Kirchner zu sehen und im Scharf-Gerstenberg Museum noch bis zum 23. April 2017 die Ausstellung « Surreale Sachlichkeit » Werke der 1920er- und 1930er Jahre aus der Nationalgalerie.

P1010830 Zarzuela ist spanisches Musiktheater vom Feinsten. Spitzbubenhafte Komödie, Folklore und populäre Romanzen verbunden mit spritziger Musik, opernähnlichen Arien, Temperament und guten Geschichten. Sie entstand im 19. Jahrhundert und wurde sowohl in Spanien als auch in Südamerika, vor allem in Argentinien, Mexiko aber auch in Kuba mit großem Publikumserfolg aufgeführt. In der Berliner Bibliothek des lateinamerikanischen Institut gegenüber der Gemäldegalerie wurde im Dezember eine Ausstellung über die Zarzuela eröffnet. Zur Eröffnung haben  zwei glänzende Interpreten Kostproben vorgetargen.

P1010868 Vor 500 Jahren, 1517, hat Martin Luther (1463-1546 in Eisleben), Mönch und Theologieprofessor  seine 95 Thesen zum Ablasswesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. Dort, im Wittenberger Kloster, kam ihm auch die Erleuchtung. Sein Turmerlebnis sollte die Welt, nicht nur die gläubige, verändern und die Reformation auslösen.  Ein Jahr später ist er dann auch gleich nach Rom vorgeladen worden. Schon  1516 hatte Luther öffentlich gegen die Ablasspraxis gepredigt. Über Musik in der Zeit Luther in Rom hat Concerto Romano im letzten Jahr eine wunderbare CD herausgebraucht.

P1020013  Zauberwald, Pemplum und Kuschel-Riesenplüschtiere. Die Premiere dieser Inszenierung von August Everding mit einem Bühnenbild von Fred Berndt nach den herausragenden Entwürfen der grandiosen Sternenkuppel (die Tassen und Geschirrtücher ziert) oder den ersten Auftritt der Königin der Nacht auf der Mondsichel vom Berliner Architekten und Baumeister Karl Friedrich Schinkel für die Berliner Königlichen Schauspiele 1816 fand schon 1994 statt. Sie gehört heute zu den am meisten gespielten Zauberflöten in Berlin und sorgt jedes Jahr wieder für ein volles Haus.

P1020021 Kindl ist vor allem Biertrinkern ein Begriff. Die ehemalige Brauerei in Neukölln wurde vor ein paar Wochen als neues zeitgenössisches Kulturzentrum in Berlin eröffnet. Ein Besuch ist hier beschrieben. Zur Zeit sind zwei Künstler dort ausgestellt.

 

Ein frohes, glückliches, beschwingtes, kulturelles und gesundes Jahr 2017 wünsche ich allen blog Besucher/innen.

Christa Blenk

 

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Street Art in Berlin

 

 

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Lutherstadt Wittenberg

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Martin Luther (Auszug aus dem Cranach Gemälde Der Reformationsaltar – Predella) um 1548

 

 

Vor 500 Jahren, 1517, hat Martin Luther (1463-1546 in Eisleben), Mönch und Theologieprofessor  seine 95 Thesen zum Ablasswesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. Dort, im Wittenberger Kloster, kam ihm auch die Erleuchtung. Sein Turnerlebnis sollte die Welt, nicht nur die gläubige, verändern und die Reformation auslösen.  Ein Jahr später ist er dann auch gleich nach Rom vorgeladen worden. Schon  1516 hatte Luther öffentlich gegen die Ablasspraxis gepredigt.

Im 16. Jahrhundert war die kleine Stadt Wittenberg, die seit 1938 offiziell Lutherstadt Wittenberg heißt, kulturelles, geistiges und politisches Zentrum. Martin Luther, Philipp Melanchthon, Lucas Cranach d.Ä. waren alle Drei nicht aus Wittenberg, sollten aber zum Ruhm dieser Stadt einen entscheidenden Beitrag leisten.

Im Jahre 1502 wurde auf Betreiben von Friedrich dem Weisen die Universität Wittenberg gebaut, die sich sehr schnell zum Anziehungspunkt für Künstler und Intellektuelle entwickelte. Cranach kam 1505 in die Stadt, Luther 1508. Angetrieben u.a. auch durch die Buchdruckerkunst  erlebte die Stadt einen schnellen wirtschaftlichen und intellektuellen Aufschwung. Luthers Thesenanschlag 1517 und die Konsequenzen daraus zogen noch mehr Gelehrte und Studenten an und die Universität wurde zu einer der fortschrittlichsten überhaupt.  1518 kam Philipp Melanchthon in die Stadt.  Das Rom der Protestanten wurde Wittenberg auch genannt.

Gemälde von beiden Cranach (dem Älteren und dem Jüngeren) oder aus deren Werkstatt hängen in der Stadtkirche St. Marien, im Lutherhaus oder im Melanchthon Haus. Fast alle bekannten Portraits von Luther oder Melanchthon hat Cranach d.Ä. gemalt.

 

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Reformationsaltar von Crananch d.Ä. um 1548

 

Die bedeutendsten Werke sind wohl in der Stadtkirche zu finden. Darunter Cranachs großes Reformations-Triptychon : Der Reformationsaltar. Es beschreibt auf dem linken Seitenflügel eine Taufe, die Melanchthon gerade ausführt und bei der ihm der Maler Cranach assistiert. Auf dem rechten Flügel nimmt  der Stadtpfarrer und Beichtvater von Luther,  Johannes Bugenhagen, ihm gerade die Beichte ab, zu seinen Füßen ein Büßender. Der Mittelteil  zeigt die Sakramente, Taufe, Beichte und Abendmahl. Luther sitzt als Junker Jörg mit am Tisch und bekommt gerade einen Becher Wein gereicht. Auch weitere Personen sind identifiziert wie der Lutherbibel Verleger und Drucker Lufft. Neben Christus links im Bild sieht man Judas in Gelb. Burg und Baum im Hintergrund. Der schönste und künstlerisch wichtigste Teil ist die Predella.  Man sieht rechts einen predigenden Luther  mit erhobener Hand. Er sieht jung aus, obwohl er bei Fertigstellung des Bildes schon nicht mehr lebte.

Man weiß nicht genau wann es entstand, wahrscheinlich um 1548; Luther ist 1546 verstorben.

Das Melanchthon Haus gehört ebenfalls zum UNESCO-Welterbe. Sein tägliches Leben ist dort zu sehen, sein Arbeitszimmer und die Unterkünfte für Studenten. Er lebte dort mit seiner Frau und seinen Kindern. Viele seiner Bücher liegen dort und wieder Portraits, die Cranach und Holbein gemalt haben.

 

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Melanchthon Haus
 

Lutherstadt Wittenberg muss sich nun allerdings beeilen, denn gerade jetzt ist das Lutherhaus wegen Renovierungsarbeiten  geschlossen.

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Schlosskirche (Thesen)

 

Christa Blenk

 

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Buchbesprechung – Schneetage

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Funde aus Rungholt im Husumer Museum

« Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren ». Dieser Satz aus einer bekannten Ballade von Detlev von Liliencron beschränkt die erste „Große Mandränke“, die Sturmflut, die 1362 die Insel Rungholt verschluckte. Die Rungholter sollen geld- und raffgierig gewesen sein und die Legende sagt, dass sie damit wohl bestraft werden sollten. Wenn ein Volk geschäftstüchtig ist, dann hat es auch Schätze.

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Das „Atlantis“ im Wattenmeer und die Schneekatastrophe in Schleswig-Holstein 1978/79 sind die Eckpfeiler von Jan Christophersens Debüt-Roman „Schneetage“. Paul Tamm ist der Wirt vom Grenzkrug, ein Gasthaus an der deutsch-dänischen Grenze. Kurz vor Silvester wird er mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. In der Geborgenheit von Pauls Büro, konfrontiert mit Angst und aufziehenden Schneestürmen läuft Jannis’ Erinnerungsfilm ab. In Zeitsprüngen erzählt er, Pauls Ziehsohn, die Geschichte der Familie, die auch seine ist. Er denkt an Pauls wortkarge Besessenheit von der versunkenen Insel Rungholt, an die geheimnisvollen Funde im Watt, an Sensationsjournalisten und an die mysteriöse Okarina-Flöte, mit der alles begann. Er beschreibt die abenteuerlichen Wattausflüge mit Paul, bei denen er die alte Gräfin auf einer einsamen Hallig kennenlernt und die Beziehung zu Pauls Frau, die immer mehr die Rolle der ewig unzufriedenen Nörglerin bekommt. Sie muss den Grenzkrug zusammenhalten aber Paul gibt zuviel Geld für seine Leidenschaft, die Watt-Mission, und für teure Fund-Analysen aus. Das Wirtschaftswunder geht trotz Dauergast, in der Person einer teetrinkenden Maler-Hommage an Siegfried Lenz, am Grenzkrug vorbei. Als Jannis Paul schließlich im Krankenhaus besucht, weiß er plötzlich, was er tun muss. Er kauft sich ein Ticket nach England, um seinen Vater zu suchen.

Stoisch und bodenständig die Personen, emphatisch und reich die Sprache. Der faszinierende Ebbe- und Flutzauber bringt den Leser zwar nicht zum Lachen, erweckt aber den Archäologen in uns und den Wunsch, im Watt zu buddeln, um wenigstens die Scherbe einer Kirchglocke oder einen Auerochsenschädel zu finden.

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Christa Blenk

 

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Husum und Rungholt

Husum

 

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Am Hafen (Fotos: (c) Christa Blenk)

„Die Stadt“ hat Theodor Storm sie ganz schlicht genannt. Zu seiner Zeit hat er wohl auch noch  durch die Stille las Meer brausen gehört. Das ist jetzt nicht mehr so, aber die Möwen, die Luft, das Salz darin, das Ebbe und Flut Spiel, das den Hafen hebt und senkt, ist immer noch so.

„Doch hängt mein ganzes Herz an dir, du graue Stadt am Meer“.  (T.Storm)

Grau ist sie auch nicht; die Innenstadt ist farbenfroh und freundlich.

 

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 die ältete Straße von Husum (Fotos: (c) Christa Blenk)

Skandinavien, Schleswig und Friesland vermischen sich hier. Husum bedeutet „zu den Häusern“. 1597 ist die Stadt in einer Sage  beschrieben worden, aber schon 1409 wurde der Name zum ersten Mal erwähnt und 1640, nur sechs Jahre nach der zweiten großen Sturmflut, der Buchardiflut, entstand die „Chronica der Stadt Husum“. Händler und Seefahrer waren sie, die Bewohner, Vieh, Getreide und Salz waren ihre wichtigsten Güter.

Als die bedeutende Händlerhochburg Rungholt 1362 von einer Sturmflut  vernichtet wurde, begann der Aufstieg von Husum. Schon im Jahre 1603 erhielt der Ort Stadtrechte und die Stadt wuchs. Ende des 18. Jahrhunderts wohnten hier knapp 3500 Personen, im Deutschen Kaiserreicht stieg die Einwohnerzahl auf knapp 10 000, im ersten Weltkrieg waren es um die 15 000 Einwohner und nach dem zweiten Weltkrieg, aufgrund von Flüchtlingen und Vertriebenen die aus dem Osten kamen, wuchs Husum auf 25 000; heute sind es wieder ein paar weniger.

 

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 Im Museum – mit dem Buchhändler und Verleger Detlev Auvermann (Fotos: (c) Christa Blenk)

 

Prominent und stolz steht er dort, der Sturmflut-Pfahl am Binnenhafen und dominiert die Stadt; die Bewohner zeugen ihm Respekt, denn er zeigt die Wasserstände nach den wuchtigsten Fluten an, die den Ort maßgeblich prägten und prägen. Über die zwei großen Sturmfluten berichtet gerade eine sehr gut gemachte und informative Ausstellung im Museum.

»Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren…« Der Satz ist vom Dichter Detlev von Liliencron, der  in seiner Ballade von 1883„Trutz, blanker Hans“? die große, alles mit sich reißende Sturmflut von 1634, die Grote Mandränke, beschreibt. Sie hat die vor Husum gelegene Insel Nordstrand verwüstete.

Rungholt ist das sagenumwobene und geheimnisvolle Atlantis der Nordsee. Irgendwo zwischen Pellworm und Nordstrand soll es ganz tief begraben liegen mit vielen Kirchtürmen und Gütern von wohlhabenden Händlern. Die Ebbe bringt dann und wann wieder etwas an die Oberfläche. Nach der Sturmflut von 1362 konnten sich die nordfriesischen Inseln und Halligen wieder etwas erholen und den Handel einigermaßen etablieren; die Große Mandränke 1634 vernichtete allerdings komplett und definitiv den Ort und seit dem sind  Forscher und Dichter, Künstler und Abenteurer gleichsam fasziniert und besessen, Zeitzeugen oder Schätze ans Tageslicht zu holen oder gerade am richtigen Ort zu sein, wenn das Meer wieder etwas zurückgibt. Über die Flut von 1634 gibt es Schilderungen von Augenzeugen, während man von der im 14. Jahrhunderts so gut wie nichts weiß. Über 8000 Menschen sind umgekommen. Von Brunsbüttel bis Tondern tobte die Flut und irgendwo da draußen im Watt hat es gelegen…. Rungholt!“

 

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 Schloss vor Husum (Fotos: (c) Christa Blenk)

 

In der gut gemachten und didaktischen Ausstellung über den Mythos Rungholt werden zum ersten Mal wichtige Neufunde und Forschungsergebnisse vorgestellt, darunter das Modell eines Rungholter Schädels, hergestellt an der Flensburger Universität. Der Forscher Andreas Busch hat ihn 1925 im Watt gefunden. Man erfährt über den Deichbau und über das Torfstechen, die Salz- und Landgewinnung und den Küstenschutz. Die Wohnkultur auf den nordfriesischen Halligen wird erklärt und die Tierwelt im dortigen Wattenmeer dokumentiert. Über Hörstationen kann sich der Besucher selber ein Bild machen und die Phantasie zum blühen bringen.

Das Museum besitzt aber auch sonst sehenswerte Gegenstände und Kunstwerke und erzählt über den Museumsstifter Ludwig Nissen, der in Amerika reich wurde.

Interessant ist auch ein Besuch im Schloss vor Husum; es ist das Kulturzentrum der Westküste Schleswig-Holsteins; hier ist auch das Puppentheater Museum untergebracht, in dem reichlich an Storms Pole Poppenspäler erinnert wird. Wunderbare Marionetten, Puppen und Theaterrequisiten sind dort zu sehen. Ein Traum für Groß und Klein. Es heißt vor Husum, weil es außerhalb der ehemaligen Stadtgrenzen lag und wurde im 16. Jahrhundert von Herzog Adolf von Schlwesig-Holstein-Gottorf erbaut. Im 17. Jahrhundert war es Witwensitz für die Herzoginnen Augusta und Maria Elisabeth. Im 18. Jahrhundert rettete es König Friedrich V von Dänemark vor dem Verfall.

Der Buchhändler und Verleger Detlev Auvermann, der seit 40 Jahren zwischen Husum und Pellworm lebt, hat dem Museum und dem Schloß so einige Leihgaben und Schenkungen überlassen.

 

Mehr über Rungholt und die Schatzsuche hier

Christa Blenk

 

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Der Rhein – eine europäische Flussbiografie

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 Der Rhein in Bonn (nicht in der Ausstellung)

 

Der Rhein – Eine europäische Flussbiografie

Der Rhein entspringt im Schweizer Kanton Graubünden und ist 1235 km lang, davon sind knapp 900 km für die Großschifffahrt nutzbar, was ihn zu einer der verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt macht bis er mächtig und stolz in Rotterdam in der Nordsee verschwindet. Der Rhein ist aber längst nicht der längste Fluss Europas. Die Donau zum Beispiel fließt knappe 3000 km durch Europa.

In der Ausstellung herrscht die Farbe Blau vor; dabei wird blau ja eher mit der langen Donau, siehe Donauwalzer, in Verbindung gebracht. Die letzten Jahrzehnte hat er sich von einer gift-gelblichen Kloake in den 70er Jahren wieder auf grün-graues Trinkwasserniveau hochgearbeitet. Hieran erinnert ein Werk von Joseph Beuys aus 1981 Rhein Water Polluted aus dem Kölner Stadtmuseum. Eine durchsichtige Flasche mit braun-gelblicher Flüssigkeit, ähnlich den heute so begehrten power drinks.

Aber außer einem Foto von Andreas Gursky (Der Rhein I) das gleich als Ouvertüre neben Moriz von Schwinds Vater Rhein Schinken aus 1848 hängt und einem Monumentalgemälde von Anselm Kiefer Vater, Heiliger Geist und Sohn, welches unter der Kategorie Europa am Rhein auftritt und aus einer Privatsammlung kommt sowie eine kurze Erinnerung an den 1. Weltkrieg in Form eines Fotos von Willy Römer (Französische Soldaten am Deutschen Eck in Koblenz, 1918/19) das an Caspar David Friedrichs Einsamkeit erinnert, stehen doch die drei Soldaten am Deutschen Eck mit dem Rücken zu uns und blicken auf den stolzen Rhein, ist das 20. Jahrhundert eher vernachlässigt in dieser Rheinbiografie.

Viel Schönes und Edles gibt es zu sehen und Victor Hugos Briefzitate begleiten die Ausstellung, Heinrich Heine kommt natürlich zu Wort aber ansonsten hängen einige mittelmäßige Landschaften und Portraits zwischen den Inselvitrinen, gefüllt mit Preziosen und Skulpturen aus allen Zeiten wie edle Manuskripte oder die Aeneide von Heinrich von Veldecke und allerlei Religiöses. Nicht umsonst hat Maximilian Maximilian I den Rhein als Pfaffengasse bezeichnet. Die Besucher schlängeln sich zwischen Flussgöttern und Allegorien vom Rheinfall von Schaffhausen durch das Siebengebirge vorbei an echten Golddukaten aus dem Rheinschatz und natürlich den Nibelungen. Marianne und Germania, Industrie, Achse der Kirche sind weitere Kategorien, in die diese Ausstellung unterteilt ist.

Wo bleibt die Reise ins Meer von Hannsjörg Voth (hier fuhr eine 20 Meter lange gefesselte Mumie auf einem Floß von Speyer bis in die Nordsee und stürzt sich dort brennend ins Meer. Die Fotografin Ingrid Amslinger hat tagelang die Reise auf dem Land begleitet und alles fotografisch dokumentiert?) und wo bleiben die rheinischen Dichter und Schriftsteller der Nachkriegsjahre wie Heinrich Böll? Da tröstet dann die Rheinische, die musikalisch begleitet, auch nicht mehr.

Die Kuratorin und Kulturhistorikerin Marie-Louise Gräfin von Plessen hat über 300 Exponate für die Ausstellung nach Bonn geholt und es ist nicht das erste Mal, dass sie sich einem Fluss widmet. In den 90er Jahren hat sie schon einmal eine Flußbiografie über die Elbe für die Deichtorhallen in Hamburg organisiert.

Die Ausstellung ist sehenswert aber nicht umwerfend und geht noch bis zum 22. Januar 2016.

Christa Blenk

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Blick vom Arp Museum auf dem Rhein

 

 

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Theaterscoutings Berlin

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In Berlin gibt es unzählige freie Theater und Spielorte (was früher etwa ein off-off Theater war). Ein unübersichtliches und geniales Theaterchaos, das neu Hierhergezogene erst einmal aufnehmen und verstehen müssen. Hier hilft Theaterscoutings. Von Theaterleuten organisierte Touren zu Theater hot spots und Spielstätten im Zentrum Berlins. Gestern Nachmittag fand so eine Tour statt.

Die Theaterregisseurin und Künsterlische Leiterin der Spreeagenten Berlin, Susanne Chrudina, führt unsere kleine Gruppe zu drei freien Berliner Theatern in Kreuzberg/Mitte und spricht über Theaterangelegenheiten, Bedürfnisse, Freuden und Sorgen der Freien Theater, Künstler und Regisseure überhaupt:

Auf dem Programm steht ein Besuch des TAK Theater im Aufbau Haus; des Theaterhaus Berlin Mitte und des Theaterdiscounters in der Klosterstraße. Treffpunkt ist vor dem Modulor in der Prinzenstr. 85, ein wichtiger Ort für alle Regisseure und Bühnenbildner, wie uns Susanne Chrudina versicherte.

Erste Station das TAK im Aufbauhaus, gleich um die Ecke. Wir werden von der Direktorin Nicole Otte begrüßt, die uns in den abgedunkelten Theatersaal führt und mit den Worten « Theaterleute mögen ja kein Tageslicht » die schwarzen licht-undurchlässigen Vorhänge zurückzieht. Das TAK ist ein Ort der Begegnung, offen für Initiativen, für neue Projekte, für Ideen und Visionen. Der Zuschauerraum fasst an die 110 Personen und die Bandbreite geht von Lesungen über Theater, Tanz und Konzertevents bis zur Vermietung des Theaters für Konferenzen oder andere Veranstaltungen. Brisantes und großes Thema ist Migration und Interkulturalität mit geografischem Schwerpunkt auf den Nahen Osten. Sie erzählt über das Theater, die Finanzierungsprobleme und die Freude, zu den Unabhängigen zu gehören.

 

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Wir ziehen über eine Art Niemandsland und bei großer Hitze weiter zum Theaterhaus Berlin Mitte. Ein Produktionszentrum für Freies Theater. Der Probenort und die Plattform für Schauspieler und Gruppen schlechthin sagt uns Susanne Chrudina auf dem Weg dort hin. Hier gibt es 23 bezahlbare und vielseitige Probenräume. Schon für drei Euro/Stunde kann man hier einen Raum mieten und bei offenen Proben Meinungen und Kritiken einsammeln. Über 2000 Künstler und ca. 300 verschiedene Theaterprojekte entstehen dort oder werden dort premierenreif geprobt. Susanne Chrudina bringt uns direkt in das kleine Café und es begrüßt uns der Direktor Christoff Bleidt, der über die Geschichte des Hauses und über die gegenwärtige Situation erzählt. 1992 vom Bezirksamt Berlin Mitte als Theaterprobenraum gegründet, damals noch in der Rosenthaler Straße, musste das Theater einige Male umziehen. Zuerst in ein Elektrowerk später in eine ehemalige Grundschule am Koppelplatz. Seit 2009 sind sie jetzt hoffentlich für länger in dieser ehemaligen DDR Schule an der Wallstraße untergebracht. Hier dürfen wir kurz bei zwei Proben anwesend sein. Barbara Stevenson gibt uns einen Vorgeschmack ihrer 20-Minuten- one-womon-show „Happiness“ das sie auf eine Stunde ausbauen will, wie sie später sagt. Anschließend machen wir noch einen kurzen Abstecher in einen anderen Raum zu den Proben von DIE TAUBE ZEITMASCHINE, eine Deaf-History, gespielt von Gehörlosen und Hörenden für Gehörlose und Hörende, in Gebärdensprache, Lautsprachbegleitenden Gebärden und Lautsprache. Das Stück kommt am 13. September in Hamburg zur Aufführung. Hier herrscht Anspannung und höchste Konzentration und wahrscheinlich stören wir.

Die letzte Station an diesem Samstag Nachmittag ist der Theaterdiscounter. Auch hier empfängt uns der Leiter der Einrichtung, Georg Scharegg. Im TD werden eigene Stücke produziert, er ist aber auch offen für andere Produktionen, deutsche und internationale, klassische und zeitgenössische oder Performances. Gegründet 2003 in der Oranienburger Straße, hat der TD seit 2009 seinen Sitz jetzt in den Räumen des ehemaligen Fernmeldeamtes, ganz in der Näher vom Alexanderplatz. Wir gehen in den vierten Stock, vorbei an Werkstätten und Bühnenbildnern, denn dort läuft gerade die Probe für die nächste Premiere am 16. September von KAP HOORN, eine szenische Konzertinstallation von KOIKATE. Das sah sehr vielversprechend und spannend aus. Aber leider ist uns an diesem Nachmittag die Zeit davon gelaufen und wir müssen auf die Probenteilnahme verzichten. Ein Grund mehr, bei der Premiere am 16.9. oder einer der darauf folgenden Veranstaltungen (17. 22., 23. und 24. September – jeweils um 20.00 Uhr) dabei zu sein.

 

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KAP HOORN – Premiere am 16.9.

Diese Theatertouren sind eine win-win situation. Die Teilnehmer lernen das Theaterleben hinter den Kulissen kennen und werden hoffentlich zukünftige Zuschauer und Besucher in den freien Theatern von Berlin und überall!

Wir wissen jetzt auf jeden Fall, was wir nächstes Wochenende machen werden!

Christa Blenk

 

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Die Liebermann Villa am Wannsee

blick in den Garten
Foto vom Garten am Wannsee

 

Ausflug an den Wannsee

Max Liebermann (1847-1935) gehört zu den wichtigsten deutschen Wegbereitern der Moderne. Von Anfang an hat er gegen die Akademiker gekämpft und mit der Gründung der Berliner Secession, bei der er eine wichtige Rolle gespielt hat, die Hauptstadt in den künsterlischen und kulturellen Vordergrund gerückt. Geboren im Zentrum von Berlin wo heute das Liebermann-Haus steht (in dem gerade eine Ausstellung über Harry Graf Kessler zu sehen ist) hat er sich 1909 ein Sommerhaus am Wannsee bauen lassen. Sein „Schloss am See“, wie er es nannte. Mit Anfang 60 hat er sich gerne hierher in die Ruhe zurück gezogen und über 200 Gemälde sind dort entstanden. Ab 1914 bis zu seinem einsamen Tod 1935 verbrachte er viele Monate dort. Von den Nationalsozialisten verfemt, zwangen diese seine Witwe Martha 1940 zum Verkauf des Hauses. Sie entzog sich 1943 durch Selbstmord einer Deportation. Nach dem Krieg allerdings ging das Haus an die Erben zurück, die es an die Stadt Berlin verkauften. Einmal Krankenhaus dann Tauchclub, erfuhr das Haus viele Veränderungen und der Garten wurde zerstört.

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Marta Liebermann (1922)  und Enkelin, Selbstportrait (1923), Raum in der Villa

Erst 1995 wurde die Max-Liebermann-Gesellschaft gegründet und die Villa unter Denkmalschutz gestellt. Spenden und Privatinitiativen brachten den Garten wieder in seinen ursprünglichen Zustand und das Gebäude konnte renoviert werden. Heute ist es ein Museum, in dem eine beeindruckende beeindruckenden Dauerausstellung, in der vor allem seine Wannsee- und Biergartenbildern zu sehen sind. Seit 1870, der Münchner Zeit, bis zu seinem Lebensende, waren das ohnehin seine Lieblingsmotive, die er immer wieder aufnahm. Sonnendurchflutete Baumlandschaften oder Ausflugslokale, die von leicht platzierten Personen besetzt sind. Winter oder graue Tage scheint es in seinem Wannsee-Leben nicht gegeben zu haben.

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Der Blick von der Terrasse auf den See ist traumhaft.

Christa Blenk

 

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BALD GEHT ES WEITER

Liebe Leserinnen und Leser

umzugs- und technikbedingt ist eine längere Publikationspause entstanden!

Aber bald geht es wieder weiter – mit Berichterstattung vor allem aus Berlin!

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William Kentridge – Triumphs and Laments – Rome project 2016

William Kentridge – “Triumphs and Laments”

Seit April 2016 präsentiert William Kentridge in Rom am Tiberufer, auf 500 Metern zwischen Ponte Sisto und Ponte Mazzini, seine persönliche Interpretation der Geschichte Roms. Aufstiege und Niederlagen, Krieg, Frieden, Flucht.

Die römische Wölfin oder der Tod von Remus stehen den Taten von Herkules gegenüber. Ciceros Kopf, der Engel auf der Trajansäule, Papst Gregor VII und der Antipapst gleich neben dem abtrünnigen Mönch Giordano Bruno, dem von der Inquisition zuerst die Zunge herausgerissen wurde, und der anschließend bei lebendigem Leibe verbrannt wurde. Die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung und Garibaldis Soldaten neben Anita Ekberg und Marcello Mastroianni umarmt im Trevi Brunnen. Alle Ereignisse, ob dramatisch oder erfolgreich sind gleichberechtigt und trotzen der Zeit, sind weder vergessen noch verdrängt. Der Kopf von Berninis Heiliger Theresa in Ekstase und der tote Körper Pasolinis am Strand von Ostia in einem Atemzug mit Benito Mussolini als stolzer Reiter. Nicht fehlen darf natürlich die Bialetti Kaffeemaschine. Über 80 Figuren an der Zahl. Vom gegenüber liegenden Ufer hat man einen besseren Gesamteindruck, aber die Nähe zu den überdimensionalen Werken wenn man direkt darunter steht und nur schwer erkennen kann, worum es geht, ist fast gespenstig.  

Minuaturmauer im Museum

Eine Ausstellung im Museum für Zeitgenössische Kunst in Rom (MACRO) bereitet den Zuschauer auf das ikonographische Mammutwerk vor. Zwei Projekträume bringen uns die Idee näher. Auf einem Film kann man Kentridge im Dialog mit seinem Alter Ego zuhören, wie er sein Projekt vorstellt oder mit ihm diskutiert. Die Idee zu dieser idiosynkratischen Präsentation ist schon vor ein paar Jahren entstanden. Zuerst zeichnete Kentridge mit Kohle und Tusche auf alte Bögen, die aus einer Buchhaltung stammen könnten, dann werden diese, aleatorisch scheint es, zerschnitten oder zerrissen und wenn die Schnipsel sich wieder finden oder auch nicht finden, kommt Bewegung in die Figuren und es entstehen Engel oder Pferde. In Miniatur- und Scherenschnitttechnik werden die 500 Meter auf 5 Meter reduziert gezeigt.

Schon Weihnachten 2015 hat er mit den Arbeiten am Mauerfresko begonnen. Mit Hilfe riesiger Schablonen, die mit Spezialmaschinen angefertigt wurden, ließ er die Farbe im Negativ auf die Mauer auftragen. Den Schmutz an der Ufermauer hat er gleich in sein monumental-schwarz-weiß-Fresko mit einbezogen. Ein weiterer Film in der Ausstellung dokumentiert die aufwendigen Arbeiten des Anbringens.

Die Zeit ist für Kentridge eine fundamentale Inspiration und immer wieder befasst er sich in seinen Werken damit. Zeitlos und aktuell ist auch dieses, sein letztes Werk und man versucht gar nicht, die Personen einer Epoche zuzuordnen. Sie verwischen sich oder gehen ineinander über. Eine Geschichte bringt uns zur nächsten.

Schwarz-weiß sind seine Arbeiten, Licht und Schatten, Scherenschnitte und Zeichenkohle. Schwarz-weiß ist er auch immer gekleidet, dieser große Kentridge.

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Die Fresken hat er nicht für die Ewigkeit gemalt. Wie lange sie halten werden Zeit und Wetter bestimmen – und natürlich die römischen Bürger. Vor ein paar Tagen hat nämlich der Aufbau von Markt- und Essständen direkt vor der Mauermalerei begonnen (zum großen Ärger von Kentridge), die den Sommer über die Besucher an das sonst eher nicht so belebte und beliebte Tiberufer locken sollen. Die römische Geschichte muss dann hinter Pizza, Bier, Zuckerwatte und Eis zurücktreten! Hier werden ganz klar Prioritäten gesetzt!

Der südafrikanische Künstler und Theatermann, William Kentridge, gehört ohne Zweifel zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Kunstwelt. 1955 in Johannisburg geboren, studierte er in Südafrika und Europa. Kentridge hat viele Preise gewonnen und ist Ehrendoktor der Yale University. Er ist außerdem Dauergast bei der Documenta und bei der Biennale von Venedig und das Welttheater reißt sich darum, mit ihm zusammen zu arbeiten.

Die Ausstellung ist noch bis 2. Oktober 2016 zu sehen (ob allerdings die Fresken so lange halten!). Die Ausstellung Projekt Room #1 und #2 hat Federica Pirani mit Unterstützung von Claudio Crescentini kuratiert und ist in Zusammenarbeit mit der Galleria Lia Romma Mailand entstanden.  

Mehr: triumphs and laments

Christa Blenk

Römische Wandmalereien im Palazzo Massimo

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Casa Farnesina

 

Die Villa Iulia oder Casa della Farnesina stand um 20 v.C. am Ufer des Tibers. Man sagt, sie sei der Wohnsitz des Marcus Vipsanius Agrippa gewesen. Sie wurde seinerzeit zu nahe am Tiberurfer gebau und war deshalb vor Überschwemmungen nicht sicher. Als am Ende des 19. Jahrhunderts die Dammarbeiten begannen, wurde sie in den Gärten der Renaissance-Villa Farnesina entdeckt. Vier Räume und zwei Gänge sind fast vollständig erhalten. Die Wände waren reicht verziert mit typischen frühaugustischen Motiven. Ähnlich den Fresken der Casa di Livia sind auch diese im 2. und 3. Stil der römischen Wandmalerei entstanden. Heute zählen sie zu den wichtigsten Zeugen dieser Zeit um die den Beginn des Christentums.

Direkt nach ihrer Entdeckung wurden die Fresken abgenommen und sind heute im Palazzo Massimo, am Bahnhof Termini, zu bestaunen, ebenso wie die Malereien der Casa di Livia, die ursprünglich an der Prima Porta hingen.

 

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Casa di Livia

 

 

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Thematische Rom-Spaziergänge: Renaissance

Ein Spaziergang durch das Rom der Renaissance

Renaissance ist die Zeit zwischen Quattrocento (15. Jahrhundert) und Cinquecento (16. Jahrhundert), sie löste das Mittelalter und die Gotik ab und wurde später vom Manierismus und Barock verdrängt. Unter Papst Nikolaus V wurde auch Rom ein einem bedeutenden Humanismus-Mittelpunkt und Anziehungspunkt für Gelehrte und Künstler. Papst Sixtus IV öffnete die Kirche für Kunst und Wissenschaft. 1471 wurde der Bau der Vatikanischen Bibliothek begonnen. Botticelli, Perugino, Pinturicchio und anderen kamen nach Rom und schließlich auch Michelangelo und malte das berühmteste Kunstwerk der Welt- die Sixtinische Kapelle. Nach dem Tode von Sixtus IV kamen die Borgias an die päpstliche und politische Macht und eine sehr turbulente Zeit begann. Der Borgia Papst Alexander VI war skrupellos, machtbesessen und hatte mindestens zwei Kinder (Cesare und Lucrezia). Gewalt, Mord und Nepotismus blühten und gehörten zum täglichen Geschäft. Unter den Folgepäpsten erreichte Rom einen unglaublichen kulturellen Höhepunkt und übertrumpfte Florenz. Sogar das wirtschaftliche Zentrum und das Bankenwesen siedelten sich in Rom an. 1527 plünderten die Truppen Kaiser Karls V Rom (Sacco di Roma) und der Papst musste sich monatelang in der Engelsburg verstecken. Der Höhepunkt war überschritten und es ging wieder bergab. Der Norden Europas wurde durch Luther beeinflusst. England verließ die katholische Kirche,

Der Künstler und Künstlerbiograph Giorgio Vasari (1511-1574) hat den Begriff „Rinascimento“ rückwirkend 1550 zum ersten Mal benutzt. Für ihn gab es bis dahin drei Glanzepochen: die Antike, das Mittelalter, eine Art Zwischenzeitalter, und dann die sogenannte Wiedergeburt der antiken Ideale und des antiken Geistes. Das Abendmahl von Leonardo di Vinci (am 1495) zählt zu einem der Hauptwerke der Spätrenaissance, während Filippo Brunelleschi (1377-1446) ein Architekt oder besser gesagt der Architekt der Frührenaissance war. Er war auch der Entdecker der Perspektive, was schon 1410 geschah. Tizian, Donatello, Leonardo, Dürer, Shakespeare, Machiavelli, Erasmus von Rotterdam, Raffael, Botticelli, Martin Luther, Bramante etc sind die auffälligsten Renaissancevertreter. Vasari hat sie alle in seinem Hauptwerk erwähnt. Ohne Vasari wüssten wir sehr viel Weniger über die Renaissance-Künstler. Seine Beschreibungen nicht nur der Personen und deren Werke sondern auch Anekdoten über die Zeit der Mäzene, Intrigen und Sammlerleidenschaften sind sehr lebendig und präzise und bringen Farbe in diese Zeit. Er hat eigentlich die Kunstgeschichte erfunden. Seine « Vite » ist auch Jahrhunderte später noch als Bibel für die Kunsthistoriker anzusehen.

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Wir fangen unseren Spaziergang auf dem Gianicolo – oberhalb von Trastevere an. Der Architekt Bramante hat diesen perfekten kleinen Renaissance-Tempel auf dem Gianicolo in der spanischen Akademie und neben der Kirche San Pietro in Montorio gebaut bzw. bauen lassen. Wunderschön und harmonisch thront er im leider zu kleinen Innenhof. Wenn man Glück hat und die Tür ist auf – was leider selten vorkommt – kann man um ihn herumlaufen und ihn sogar betreten. Ansonsten muss man versuchen, an einer Veranstaltung in der spanischen Akademie teilzunehmen (die meisten sind kostenlos) und so einen Blick auf ihn zu werfen. Perfekte Proportionen, mehr Renaissance geht einfach nicht – jedenfalls nicht in Rom. Vasari leitet sein Kapitel über Bramante mit diesen Worten ein: « Von unschätzbarer Bedeutung für die moderne Baukunst war das Wirken von Filippo Brunelleschi, der die herrlichen Werke der kundigsten und größten Meister der Antike nach so vielen Menschaltern zu neuem Ruhm führte und in seinen eigenen Bauten nachzuahmen trachtete. Doch nicht minderen  Gewinn brachte unserem Jahrhundert der große Bramante, der , voller Mut und Tatkraft auf den Spuren des Filippo fortschreitend, den nachfolgenden Baumeistern sicher der Weg wies, da er sich in der Kunst der Architektur nicht nur durch hervorragende Begabung  und theoretische Kenntnisse, sondern auch durch praktische Übung und große Erfahrung auszeichnete. Die Natur hatte ihm den entschiedensten Geist verliehen. ….. »

Dann steigen wir die kleine Anhöhe hinunter (wenn man sie hochgeht kommt sie einem gar nicht so klein vor), am besten über die Treppe durch den Garten gleich neben der Akademie, immer die Via Garibaldi entlang und dann links durch das Tor auf die Via della Lungara. Hier liegt der Sommerpalast der Farnese, la Villa Farnesina. Eines der römischen Meisterwerke der Renaissance. Der Bankier Agostini Chigi hat ihn sich von Baldassare Peruzzi um 1510 erbauen lassen. Raffael (und seine Schüler) sind für einen Großteil der Fresken dort verantwortlich (entstanden um 1515). Im Erdgeschoss muss man unbedingt die Loggia di Psyche und die Sala di Galatea besichtigen und vorher am besten die Geschichte von Amor und Psyche (im Apuleios) lesen. Im Obergeschoss wird man von Perspektivspielen verzaubert. In den Besitz der Farnese ging die Villa erst am Ende des 15. Jahrhunderts über, im 18. dann an die Borbonen. Raffael hat auch die Gärten mit konzipiert.

Über ihn sagt der großzügige und geniale Giorgio Vasari: « Mit welch großmütiger Freigebigkeit der Himmel bisweilen über einen einzigen Menschen den ganzen Reichtum seiner Schätze, alle Talente und hervorragenden Fähigkeiten ausschüttet, die  er sonst im Lauf eines langen Zeitraums auf viele zu verteilen pflegt , zeigt sich deutlich an Raffael Sanzio von Urbino, der sich nicht minder durch sein einzigartiges  Genie als durch seltene persönliche Liebenswürdigkeit auszeichnete ».

Wir bleiben auf der rechten Tiberseite und gehen weiter Richtung Vatikan. Mitten in der Hochrenaissance, 1506, wurde der Grundstein für die neue Peterskirche gelegt. Der erste Entwurf stammte von Bramante, der auch bis zu seinem Tod 1514 der leitende Architekt blieb. Die ständig wechselnden Entwürfe unter Raffael, Antonio d Sangallo d.J. und Peruzzi verzögerten die Fertigstellung. 1547 übernahm dann Michelangelo die Bauleitung. 1607, mittlerweile war die Renaissance am Ausklingen, übernahm schließlich Carlo Maderno und 1624 Gian Lorenzo Bernini, der zusammen mit Francesco Borromini daran arbeitete. In dieser Zeit entstanden die Bernini-Kolonaden. 1626, also über 100 Jahre nach Beginn, erst wurde sie von Papst Urban VIII eingeweiht.

Nichtsdestoweniger wurde aber seit 1503 kräftig für die Vatikanischen Museen gesammelt. Aus dieser Anfangszeit stammt z.B. die Laokoongruppe. Die Stanzen von Raffael entstanden ab 1508. Papst Julius II hat sie in Auftrag gegeben. Die Sixtinische Kapelle wurde unter Papst Sixtus IV zwischen 1475 und 1483 errichtet. Das Hauptwerk hier sind natürlich die Fresken von Michelangelo; er  malte sie zwischen 1508 und 1512. Im Inneren der Kirche befindet sich seine Pieta. Die Vatikanischen Museen sind ein Sonderkapitel und werden deshalb hier nur kurz wegen Renaissance Bezug angesprochen.

Dann gehen wir über den Tiber Richtung Cancelleria. Diese päpstliche Kanzlei steht mitten in der Altstadt Corso Vittorio Emanuele II/ Piazza della Cancelleria. Erbaut wurde dieser noble Palast um 1490 als Residenz für Kardinal Raffaele Riario. Er steht stellvertretend für das wieder dominanter werdende Rom in dieser Zeit. Der Entwurf soll von Leon Battista Alberti stammen. Die Baumeister oder Architekten waren Donato Bramante und Andrea Bregno. Heute gehört die Cancelleria immer noch zum exterritorialen Gebiet des Heiligen Stuhls. Leider für die Öffentlichkeit nicht geöffnet, aber manchmal finden im Obergeschoss Konzerte statt. Als nächstes der schlicht-schöne Palazzo Venezia. Erbaut um 1460 als Sitz der Venezianischen Gesandtschaft. Heute befindet sich ein Museum darin und die Nationale Kunstbibliothek. Leider verschwindet das schlichte elegante Gebäude, weil die Augen automatisch auf die schreckliche „Schreibmaschine“ geleitet werden.

Nun müssen wir einen Schlenker machen, um zur Kirche San Pietro in Vincoli zu gelangen. Auf dem Esquilin-Hügel muss man sie sich über viele Treppen erkämpfen. Die Kirche ist eine der Alten und ruht auf Resten aus dem 2. Jahrhundert. Unzählige Umbauten haben sie zu dem gemacht, wie wir sie heute sehen. Wiederum war es Papst Julius II, der sie für die Renaissance umformte und Michelangelo beauftragte, sein monumentales Grabmal zu meißeln. 1506 entschied er sich aber, nicht weiterzumachen und Michelangelo verließ Rom. 1508 kehrte der Künstler wieder zurück, um wie gesagt die Sixtinische Kapelle auszumalen und nach Julius II Tod 1513 kehrte er zur Arbeit am Grabmal zurück. So entstanden der gefesselte und der sterbende Sklave und der vom Berg Sinai zurückkommende mit Gesetzestafeln beladene Moses (ein Meisterwerk).

Über den glänzenden, weißen Moses (1515) von Michelangelo – ein Meisterwerk – , der die Kirche dominiert, sagte Vasari folgendes: Als Michelangelo den Moses vollendet hatte, gab es kein Werk zu sehen, ob antik oder modern, das daneben bestehen konnte.

Nun müssen wir zurück zum Corso und strampeln uns durch die einkaufenden Touristen Richtung Piazza del Popolo. Auf der linken Seite Richtung Pantheon kommt man zur Basilika Santa Maria sopra Minerva. In der Carafa-Kapelle hat Filippino Lippi wunderbare Fresken (Ende 15. Jahrhundert) gemalt. Vor der Kirche steht übrigens der bekannte Bernini-Elefant. Wieder zurück zum Corso rechts den Berg hoch kommen wir zum Quirinalspalast, erbaut in der Spätrenaissance. Heute Dienstsitz der italienischen Präsidenten.

Am Ende des Corsos steht die Kirche Santa Maria del Popolo, direkt an der Aurelianischen Mauer (muro torto). Sisto IV ließ um 1480 eine frühere Konstruktion aus dem Mittelalter umbauen. Diese Kirche hat außer der Chigi-Kapelle auch noch drei umwerfende Caravaggio Fresken zu bieten.

Auf der Piazza del Popolo nehmen wir die Tram Richtung Villa Giulia, die päpstliche Sommerresidenz aus dem Spätbarock. Heute beherbergt sie das Etruskermuseum, das unbedingt einen Besuch lohnt.

Anmerkung: Unter Leitung von Michelangelo hat man 1560 mit dem Bau der Kirche Santa Maria degli Angeli e Martiri begonnen. Als Basis musste ein Teil der Dioklezianthermen herhalten. Der Haupteingang der Kirche war die Innenseite des Caldariums – heute sieht man nur noch Ruinen. Besonders schon und erwähnenswert in dieser Basilika ist der Meridian – der wandernde Sonnenstrahl – auf dem alle Tiere des Zodiak als Mosaik in den Boden gearbeitet sind – aber das ist auch ein anderes Kapitel.

Christa Blenk

Fotos: Christa Blenk

 

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William Kentridge – “Triumphs and Laments”

William Kentridge – “Triumphs and Laments” am Lungotevere

In sechs Monaten hat der südafrikanische Künstler und Theatermann William Kentridge auf über 500 Meter am Tiberufer zwischen Ponte Sisto und Ponte Mazzini (Piazza Tevere) die Geschichte Roms in 80 übergroßen Figuren wild durch die Jahrhunderte portraitier.

Die römische Wölfin von Romulus und Remo aber mit zwei Milchkrügen, Äneas Ankunft per Schiff, Päpste, Giordano Bruno, die Bialetti Kaffeemaschine, das italienische Kino, die Bekehrung von Paulaus, Flucht, Krieg und Frieden, Triumpf und Niederlagen.

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Fotos: Christa Blenk

Den Schmutz an der Mauer hat er gleich in sein monumental-schwarz-weiß-Fresko mit einbezogen. Von weitem erinnert es an einen Scherenschnitt. Es soll nur ein paar Jahre halten.

Seit ein paar Tagen allerdings werden Stände direkt vor der Mauermalerei aufgebaut, die den Sommer über die Besucher an das sonst eher nicht so belebte Tiberufer rufen. Die römische Geschichte muss dann hinter Pizza, Bier, Zuckerwatte und Eis zurücktreten!

Christa Blenk

 

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Mito e Natura – Von Griechenland bis Pompeji

Mito e Natura – Von Griechenland bis Pompeji

Hercolanum
Fresken in Herculaneum

Wer in der nächsten Zeit eine Reise nach Pompeij oder Herculaneum plant sollte nicht versäumen, die Ausstellung „Mito e Natura“ im Archäologischen Museum in Neapel im Anschluss zu besuchen. Im Museum, das über eine ausgezeichnete Sammlung verfügt, sind zwar fast permanent die Hälfte der Räume geschlossen (wegen Personalmangel) aber es reicht schon ein kleiner Teil, um einen Besuch lohnenswert zu machen.

Demeter mit Getreide oder Athena mit dem Ölbaum zieren die Vasen die zwischen 600 vC bis 200 nC vertreten sind. Dionisos steht in Trauben gekleidet vor dem Vesuv, wahrscheinlich nur kurze Zeit vor dessen Ausbruch 79 n.C. jedenfalls soll diese Wandmalerei in den 70er Jahren nC entstanden sein. Er ahnte natürlich nicht, dass kurze Zeit später die komplette Stadt in Lava, Asche und Bimssteinregen für die nächsten Jahrhunderte verschwinden würde. Ca. 35 nC soll eines der schönes Exponate entstanden sein: Ein friedlicher Garten in Blautönen, Vögel fliegen durch die Luft oder trinken in einem kleinen Brunnen, der Hausherr und die Hausdame sind portraitiert und vom Himmel herab kommen Theatermasken. Es ist Sommer und auch hier die Welt noch in Ordnung.

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Dionisos vor dem Vesuv (und Detail) kurz vor dem Ausbruch 79nC

Die Ausstellung behandelt Mensch und Natur anhand von umwerfenden Fresken von Lustgärten oder Episoden aus der griechischen Mythologie.

Dass die Landschaft an sich eine Erfindung der Romantik ist, ist eine Legende. Neben der Darstellung von mythologischen Szenen waren Gästen, Bäume, Pflanzen das wichtigste Motiv, mit denen die Paläste der römischen Villen in Pompeji, Herculaneum oder Rom von oben bis unten mit den allerschönsten, romantischsten und mysteriösesten Landschaften bedeckt waren. In den Ruinen selber sieht man davon dann und wann ein wenig, die meisten sind allerdings im Archäologischen Museum in Neapel, in Paestum oder in Rom zu bewundern und man kann nur staunen, wie gut sie erhalten sind! Die Griechen und die Römer haben die Darstellung von Landschaften und Gärten erfunden, diese wurde dann im Barock und in der Romantik kräftig ausgebaut und ausdrucksstark mächtige Felsen, reißende Flüsse oder tobendes Meer gemalt.

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Wandmalerei in Pompeji – Garten

Neben Vasen und Trinkgefäßen, Tonkrügen, Glas oder Bronze sind Schmuckstücke, goldene Lorbeerkronen, Votive oder Tafeln und sogar exklusiven Nahrungsmitteln und eben diese unglaublichen Fresken zu sehen. Immer wieder wird die Faszination aber auch der Respekt vor dem Meer hervorgehoben und nicht selten ist der Vesus – der viele Jahre vor dem großen Ausbruch friedlich und ungefährlich einfach nur da stand, so dass die Gefahr, die von ihm ausging, nicht mehr wahrgenommen wurde  – im Mittelpunkt des Geschehens. Ein Frauenkopf umgeben von fliegenden Blättern ist von einer frappierenden Modernität was Raumaufteilung angeht  Das bekannteste Ausstellungsstück ist der Taucher aus Paestum. Mutig und elegant springt er ins ungewiss wogende Blau.

 
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 Der Springer – Paestum

Bis September ist diese Ausstellung noch zu sehen, die während der Expo Mailand dort gezeigt wurde. Nach Neapel passt sie entschieden besser, da die meisten Exponate aus den vom Vesuv 79 n.C. zerstörten Städten stammen.

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Jagd auf die Kinder der Niobe – Wandmalerei Pompeji
 

Gemma Sena Chiesa, Angela Pontrandolfo, Valeria Sampaolo haben zusammen mit dem Archäologischen Museum Neapel diese Ausstellung kuratiert.

Christa Blenk

 

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Kulturspaziergang Bernini in Rom

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Der Bernini-Elefant vor dem Pantheon und der Bienenbrunnen

Thematische Kulturspaziergänge

Bericht für KULTURA EXTRA

Auf dem Weg zu Berninis Highlights im barocken Rom

Wenn man an Rom denkt, dann fällt einem zuerst der Kollosseum ein und dann der Vatikan. Dabei ist Rom erst im Barock wieder richtig groß und mächtig geworden und das spiegelt sich natürlich auch im Stadtbild wider. Rom ist eine barocke Stadt! Es gibt Künstler, wie Caravaggio zum Beispiel, die man nur in Rom entdecken und verstehen kann, Ein anderer ist der Bildhauer und Architekt Gian Lorenzo Bernini – dessen Werke über die Stadt verteilt und zu entdecken sind – und um ihn geht es in diesem Artikel.

Gian Lorenzo Bernini lebte vom 1598 bis 1680 und kann wohl als der bedeutendste italienische Bildhauer des Barock bezeichnet werden. Für Manche ist er sogar der Schöpfer des barocken Roms. Und wenn man in Rom auf seinen Spuren wandert, dann kommt man nicht umhin, dem zuzustimmen:

Berninis Karriere in Rom hat unter dem Borghese-Papst Paul V begonnen. In dieser Zeit war das Amt des höchsten Kirchenchefs ein Synonym für Reichtum und Macht – und das bezog sich nicht nur auf die Person des Papstes sondern auf seinen gesamten Klan! Ganz öffentlich und vor den Augen der Römer wurden lukrative Posten verschoben und man schröpfte wo man konnte. „Nach den Carafa, den Medici, Farnese – bereichert sich von nun an – das Haus Borghese“. So sprach die römische Bevölkerung und dieses spricht Bände. Oft reichte es schon, nur ein paar Monate Papst zu sein, um für sich und seine Familie ausgesorgt zu haben und in Luxus leben zu können. Das drei-Päpste Jahr 1605 fällt genau in diese Zeit. Obwohl Rom Anfang des 17. Jahrhunderts nur knapp 100 000 Einwohner hatte, also viel weniger als Neapel oder Venedig, stand es eben durch diese Kirchenverbindung, im Zentrum und war sozusagen „Königmacher“. Das positive an dieser Situation war, dass all diese Familien einem wahren Kultur- und Sammlerwahn verfallen waren und sie sich – ähnlich wie früher in Florenz – als Mäzen und Beschützer bzw. Förderer  von Künstlern fühlten und handelten. Bernini wurde also in diese Zeit hineingeboren und hat für Rom den Barock erfunden.

Als Sohn eines mittelmäßigen neapolitanischen Bildhauers, kam er 1605 mit seinem Vater nach Rom. Dieser erkannte sehr bald, was in seinem Sohn steckte, ließ seine Karriere liegen und förderte seinen Sprössling  (er wird oft mit Mozart verglichen). Als der Kunstliebhaber Kardinal Maffeo Barberini, der später für die lange Zeit von 1623 – 1644 als Papst Urban VIII (von 1623-1644) Berninis Hauptförderer werden sollte, Berninis Vater ins Gesicht sagte  dass sein Sohn ihn jetzt schon weit in den Schatten stellte, antwortete er mit sicherer Intelligenz und Voraussicht „Wer in diesem Spiel verliert, gewinnt“.

Intelligent, hochbegabt, opportunistisch, diplomatisch und aggressiv verfügte Bernini über alle Eigenschaften, um sich permanent in diesem Sumpf aus Beziehungen und Nepotismus (das Wort ist in dieser Zeit entstanden) ins rechte Licht zu setzen und alle anderen Konkurrenten auszuschalten oder erst gar nicht hochkommen zu lassen.

Unser Pilgerweg zu seinen Werken beginnt an der Kirche Santa Bibiana (1624) in der Nähe von Termini – außerhalb der Aurelianischen Mauer. Er hat sie im Auftrag von Papst Urban VIII geschaffen und dort ist sie geblieben, in dieser kleinen Kirche, in die fast nie einer kommt.

Dann gehen wir weiter Richtung Barberini-Platz zur Kirche der Hl. Vittoria, um der wunderbaren und sehr erotischen Skulptur der „Verzückung der Teresa de Avila“(ca 1650) einen Besuch abzustatten. Über drei Meter misst die Plastik und war lange Zeit ziemlich umstritten, denn sie zeigt eine vom Speer der Liebe und Leidenschaft getroffene Heilige, die durch ein wohl überirdisches Feuer in Verzückung gerät, eine Extase, die einer Heiligen einfach nicht zusteht. Ziemlich provokativ hat Bernini sich hier gezeigt. Erliegt Teresa der Erotik von Gott oder vielleicht von San Juan de la Cruz?

Nicht weit weg, am Beginn der Via Veneto an der Piazza Barberini steht der Bienen Brunnen (1644). Die Biene war das Wahrzeichen der Barberini-Familie und ihr hat Bernini viel zu verdanken; in der Mitte di Fontana del Tritone mit Neptun in der Mitte.

Unser nächstes Ziel ist der Vierströmebrunnen auf der Piazza Navona, vorher kommen wir aber noch an der Kirche Sant’Andrea al Quirinale (1658-1676) vorbei. Bernini hat sie konzipiert, sie ist oval und sehr protzig. Weiter Richtung Corso mit einem kleinen Umweg geht es zum Brunnen Fontana di Trevi. Der ist zwar nicht von Bernini, aber man sagt, dass er sehr wohl die Entwürfe dafür entworfen hätte.

Aber nicht weit davon ist die Barock-Kirche Sant’Andrea delle Fratte in der sich zwei überdimensionale Bernini-Engel befinden (außerdem hat diese Kirche einen wunderbaren Kreuzgang und ist der Durchgang zur Musikakademie Santa Cecilia. Schließlich auf dem Corso geht es in die Galleria Pamphilij zur Büste von Innozenz X um 1650 (neben dem Wahnsinnsportrait von Velazquez, das dieser vom Papst Innozenz X gemalt hat). Wer möchte, geht dann noch schnell über die Piazza Venezia zu den Kapitolinischen Museen – aber natürlich nicht nur wegen der  Bernini-Medusa.

Der Vierströmebrunnen entstand ungefähr zur gleichen Zeit wie die Hl. Teresa und ist Hochbarock pur! Vier Männerfiguren thronen auf Felsbrocken. Sie stehen stellvertretend für die damals bekannten Weltströme und Kontinente: Donau (Europa), Nil (Afrika), Ganges (Asien)  und Rio de la Plata (Südamerika). Ein paar Schritte weiter, gleich hinter dem Pantheon vor der Kirche Santa Maria sopra Minerva steht ein Spätwerk, der Elefant mit Obelisk (1665). Er gilt als Glückbringer und muss deshalb natürlich berührt werden. In der Kirche, die eine der schönsten in Rom ist, befindet sich übrigens ein Christus von Michelangelo (1520), den Bernini sehr verehrte.

Unser Weg führt uns nun über die Brücke Richtung Petersdom, am besten über die Engelsbrücke begleitet von den Bernini Engel. Diese hat Bernini zwar nicht selber in Marmor gehauen, aber die Kolonnaden (1659-1672) um den Petersplatz sind von ihm und im Inneren des Doms der teuerste Baldachin (1633) aller Zeiten (den er zusammen mit dem anderen großen Barockmeister Borromini baute) sowie die Grabdenkmäler für Papst Urban VIII (1627-1647) und für Papst Alexander VII (1671-1678).

Eigentlich ist nun noch ein Abstecher nach Trastevere notwendig, in die Barockkirche San Francesco de Ripa, ganz in der Nähe von Porta Portese. Sie liegt nicht auf dem Weg, aber der Umweg lohnt sich. Dort liegt schmerzverzerrt eine andere Heilige, die Agonie der Heiligen Ludovica Albertoni.

Nun haben wir uns eine kleine Pause in einem der vielen Cafes in Trastevere verdient, bevor es zu den Bernini Highlights am anderen Ende der Stadt weiter geht.

Wieder über den Tiber gehen wir in Richtung Piazza del Popolo. In der Kirche Santa Maria del Popolo befindet sich die Chigi Kapelle, die spätestens seit dem Film „Illuminati“ auch Nicht-Kunstliebhabern bekannt ist. Sämtliche Skulpturen in dieser Kapelle, gleich links  neben dem Eingang, sind von Bernini. Immer noch in der Kirche verlassen wir für einen Moment Bernini und gehen schnell zu den beeindruckenden Caravaggio Fresken neben dem Hauptaltar – das ist ein Must.

Ein 15-minütiger Spaziergang durch den Park der Villa Borghese bringt uns zur Galleria Borghese. Hier befinden sich Berninis Hauptwerke. Scipione Borghese, ein Neffe (Nipote, hiervon kommt das Wort Nepotismus) des Papstes Paul V, hat sich diese Villa bauen lassen und alle Hauptwerke von Bernini dort vereint. Es ist wie ein Rausch. Ich erwähne nur die Hauptwerke wie den David mit der Schleuder (1623) « Ich werde es Euch zeigen » lässt der junge Bernini den David sagen; die Gruppe Aeneas, Anchises und Ascanius auf der Flucht aus Troja (1618) . Hier sind – auch physisch – die drei Generationen festgehalten, das pummelige Kind, der muskulöse Mann und der alte runzelige und magere Vater. Die angsteinflößende Skulptur der Raub der Proserpina (1621), zwei Büsten von Kardinal Scipione Borghese (1632). Es gibt sie zweimal, weil bei der ersten der Marmor auf der Stirn gesprungen war und der eitle Borghese Kardinal sich so nicht gefiel, also fertigte Bernini selber eine Kopie seiner Büste. Der Betrachter sieht den Unterschied nur, wenn er die Geschichte kennt. Und hier nun eines seiner Meisterwerke: Apollo und Daphne (1622). 24 Jahre war Bernini alt, als er dieses geniale Werk schuf. Er hat einen Moment aus der Metamorphose von Ovid festgehalten. Apollo entführt die schöne Daphne, die gleich ihre Mutter um Hilfe ruft, diese hat keine bessere Idee, als ihre schöne Tochter schnell in einen Baum zu verwandeln. Bernini hat die Verwandlung in Carrara Marmor eingefroren: Über zwei Meter ist die Skulpturengruppe und man kann um sie herumgehen. Freud, Leid, Schock, Falten, Haare, Blätter und Baumrinde. Im Sockel der ist folgender Spruch eingemeißelt: „Wer als Liebender den Freuden flüchtiger Form nachjagt, der füllt seine Hand mit Laub und erntet bittere Beeren“.

Lesen Sie, wie Ovid die Verwandlung beschrieb, an die sich Bernini natürlich genau gehalten hat: …… befällt schwere Taubheit die Glieder. Die weichen Brüste werden von zarter Rinde umschlossen, die Haare werden zu Laub, die Arme wachsen als Äste; schon wird der flinke Fuß von trägen Wurzeln gehalten, ein Wipfel verbirgt das Gesicht ….. Man sagt, es sei eine beste Arbeit. Aber es ist schwer, sich zu entscheiden, denn sie sind alle faszinierend und erzählen Geschichten aus der Vergangenheit. Weiter geht es bis zum letzten Saal. Hier steht Die Wahrheit ein reiferes Werk in beige-bräunlichem Marmor (1650). Als er diese « Wahrheit » meißelte, hatte er schon einiges an Schlachten hinter sich, die Päpste haben gewechselt und er musste auch Niederlagen hinnehmen, die er natürlich meisterte. Nach seinem Tod allerdings, geriet er erstmals in Vergessenheit.

Außer dem sensiblen aber nicht weniger begabten hatte er so gut wie keine Gegenspieler. Gefördert von der Gunst der Päpste erreichte er eine Macht die soweit ging, dass er sogar für einen Mord nicht zur Rechenschaft gezogen wurde; die Päpste hingegen konnten mit seinen Arbeiten die Schäden der Reformation ausbessern und der Welt das neue, glänzende und aufsteigende Rom präsentieren.  Eine win-win-situation!

Berninis Grab hingegen, das in der Kirche Santa Maria Maggiore steht, ist eher schlicht und passt gar nicht zu seiner pompösen Barockkunst und seiner Megalomanie.

Christa Blenk

 

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