Archives pour la catégorie Reisen

In den Rheinauen – während COP23

Während der COP23 waren in den Bonner Rheinauen Installationen und Skulpturen des dänischen Künstlers Jens Galschiot (*1954) zu sehen.  Seine Arbeiten befassen sich generell mit dem Thema Humanismus, Menschenrechte und mit der Verteidigung von ethischen Werten der Gesellschaft – weg von politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Interessen. Meist stellt er seine Arbeiten an öffentlichen Plätzen aus, die dann gerne in eine Performance übergehen.

Die schwimmende Installation The Refugee Ship zeigt Klimaflüchtlinge in Kupfer und wurde bis jetzt in 30 deutschen Städten gezeigt sowie in weiten Teilen in Skandinavien

Anläßlich des Mauerfalls im Herbst 1989 entstand eine Skulptur mit Mauerfragmenten, dazu erhielt er von der Stadt Berlin zwei Mauerstücke, aufgestellt wurde die Skulptur in Berlin jedoch nicht (allerdings wurde das Modell am Checkpoint Charlie gezeigt). Das Original steht in seinem Skulpturengarten in Odense.  

 

P1060245P1060248P1060252P1060249P1060250P1060256
In den Rheinauen während der COP23 – u.a. mit Skulpturen von Jens Galschiot

cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

 

Venezianische Brücken

In Venedig gibt es keine Autos, keine Motorräder, keine Fahrräder – dafür viele Boote, Gondeln, Vaporetti, Motorboote, Ruderboote und Taxi-Boote. Über den Canale Grande, die Hauptverkehrsstraße sozusagen,  führen nicht viele Brücken; deshalb fährt das Vaporetto (vor allem die Linie 1) im Zig-Zag von einer Seite zur anderen oder man setzt mit Gondeln über auf die andere Seite. Aber hinter dieser Wasser-Avenue gibt es unzählige Brücken, in allen möglichen Varianten – Holz oder Stein. 

Eine Statistik besagt, dass es im Zeitraum zwischen 1088 und 1362 an die 258 Brücken in Venedig gab. Am Ende des 16. Jahrhunderts waren es mehr als 400 Brücken. Die meisten sind gar nichts besonders und verbinden einfach nur zwei Straßen oder führen zu einer Wohnungstür. Tatsache ist jedenfalls, dass man in Venedig permanent irgendwelche Treppen geht oder über Brücken muss. Ein paar davon habe ich festgehalten auf dem Weg von der Piazzale Roma bis zum Arsenale. (Norbert Huse hat ein wunderbares Buch darüber geschrieben).

Die Brücken haben so schöne Namen wie  Ponte del Tolentini, Ponte de le Sechere, Ponte Canal, Ponte Ca Dona, Ponte de la Madoneta, Ponte Bernardo,   Ponte de la Bande, Ponte dei Carmini, Ponte S. Isepo, Ponte Picolo. Zwei Fotos sind die Brücken beim Hotel de la Fenice etc. 

 

P1050886P1050884P1050883P1050882P1050881P1050879P1050877P1050875P1050874P1050873P1050869P1050868P1050867P1050865P1050850P1050846P1050830P1050826P1050824P1050823P1050821P1050818P1050895P1050813P1050816P1050814P1050894P1050893P1050892P1050889P1050877P1060057P1060056P1060055P1060047P1060027P1050950P1050948P1050931P1050928P1050927P1050926P1050925P1050924P1050920P1050821P1050818P1050816P1050814venezia4venezia121venezia2P1050882P1050870venezia3

Fotos: cmb und Gisela Lech

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Trouvaillen, Petitessen und Sottisen

Dorfpoet
So sieht sich der (Dorf)Poet Rudi Faßbender auch

 

Der verkanntete Dorfpoet Rudi Faßbender philosophiert in den kleinen gelben Heften über Café-Häuser, Reisen und bekannte Persönlichkeiten. Die Broschüren gibt er im Selbstverlag heraus.

Die – auch gelbe – Broschüre Ein Parforce-Ritt durch die Geschichte der Caféhäuser  unter besonderer Berücksichtigung der sie häufiger frequentiert habenden Pinsel, Feder- und / oder Wortführer « Das int’ressiert mich, nicht die Bohne » führt durch die großen Cafés in Europa mit Zitaten oder Reimen der prominenten Besucher/innen (vielleicht hat er sie ihnen aber auch in den Mund gelegt!). 

Die Ausgabe Nr. 102 der Trouvaillen, Petitessen und Sottisen ist eine Art Bretagne und Vendée-Sonderheft und hat uns allein schon deshalb ganz besonders interessiert. Entstanden ist es im August 2017, als wir uns auch gerade dort aufgehalten haben. Er reist um die Inseln Noirmoutier und Yeu  genau wie wir und überquert den Gois bei Ebbe, wo wir uns immer die Palourdes holen.

Eine surrealistische Reise in Wortspielereien, Reimen und Ironie an der Atlantikküste entlang – von der Normandie nach Saint Malo mit Abstechern auf die Inseln bis Saint Gilles Croix de Vie. Man muss oft zweimal hinsehen oder hinlesen, um die feine Ironie auch zu entschlüsseln und vor allem muss man natürlich die Geografie dort kennen, denn sonst versteht man nicht wenn er aus Croix de Vie « Schnaps » macht oder diese Anekdote erzählt: „Gilles, der Chef des Hotels du Marché in Beauvoir-sur-mer, dem Flecken, von dem Simone de Beauvoir damals aufbrach, um trockenen Fußes die Passage du Gois zur Insel Noirmoutier zu bezwingen, sagte lachend, wir sollten uns da mal nichts vormachen lassen vom einfachen, gemächlichen und entschleunigten Leben auf der Insel, die Einwohner hätten samt und sonders ihre Mercedes, BMW und Porsches auf dem Festland – sie sagen: auf dem Continent – stehen » (Zitat)

(Anmerkung meinerseits: wenn man allerdings an einem Freitag auf die Insel will und die Brücke nehmen muss, weil gerade Flut ist, kann man durchaus lange Zeit im Stau mit eben diesen Autos stehen, denn dann fahren sie alle dort hin!)

Zwischendurch zitiert er immer wieder Georges Brassens und andere Poeten und macht Exkurse in unterschiedliche Gegenden Man mag blättert darin mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht und mag das kleine Heftchen gar nicht mehr weglegen, so kurzweilig ist es, darin zu schmökern.

Und wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist und Frankreich mag, kann sodann das Sonderheft  (XVI) Provence zur Hand nehmen. Hier erklärt der Poet gleich auf der ersten Seite, worüber in diesem Heft leider nicht berichtet wird.

„Wenn Du meinst es geht nicht mehr, geht noch ein Stück Camembert“ (französische Essensregel)

Rudi Faßbender lebt und dichtet in Prasdorf und ihn kann man auch als « Trouvaille » bezeichnen!

 

Und hier ein paar Fotos von den beschriebenen Orten, die wir gemacht haben:

vendee2 (11)vendee2 (12)vendee2 (13)vendee2 (14)vendee2 (16)vendee2 (15)vendee2 (18)vendee2 (5)vendee2 (8)vendee2 (4)P1330837vendee2 (1)
Von Saint Malo bis zum Gois von Noirmoutier 
 
Festival de Lanvellec
Der Gois
Dans le Jardin de William Christie
Am Atlantik
 
Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Kloster Chorin

Die ehemalige Zisterzienserabtei Chorin liegt in der Nähe des Ortes Chorin im Landkreis Barnim. Im 13. Jahrhundert erbaut im Stil der norddeutschen Ziegelbaugotik. war es schon 300 Jahre später dem Verfall preisgegeben. Erst Karl-Friedrich Schinkel entdeckte es auf seinen Reisen und hat sich dafür eingesetzt, dass der Preussische Staat sich um den Wiederaufbau kümmert. Eine zeitlang wurde die Klosterruine auch als Stall benutzt, wovon immer noch Tränken im linken Teil des Baues sprechen.

Das Kloster liegt an einem See, der früher Choriner See hieß und heute den Namen Amtssee hat. Chorin kommt vom slawischen Wort « chory » was « krank » bedeutet. Der See war fischarm und sumpfig und entstand, als die Mönche mit dem Bau des Klosters das Wasser um knapp zwei Meter absenkten.

Heute gibt es dort schöne Wanderwege und sympathische Restaurants. Das Kloster, das nicht mehr als solches benutzt wird, ist ein Ausflugs- und Ausstellungsort. Im Kloster selber werden im Sommer Konzerte abgehalten.

Mit dem Regionalzug Richtung Stralsund ist Chorin in einer guten Stunde zu erreichen.

 

P1050484P1050520P1050499P1050531P1050533P1050534P1050547P1050535P1050552

 

cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

Palourdes vom Gois

 
P1040378gois1
Palourdesuchen am Gois

Dieses Jahr, Ende August ist der Koeffizient nur 38. Wir machen uns aber trotzdem auf den Weg zum Gois, um Palourdes zu holen. Im Vergleich zu vor einer Woche (s. Foto)  sind nur wenige Palourdesucher unterwegs, was auch am leichten Regen liegen koennte.  Da die Ebbe noch nicht total angekommen ist, lassen wir dieses Mal unser Auto nicht  mitten im Meer im festen Schlick stehen, sondern parken schon 500 Meter vor dem Wasser, auf der Insel und machen uns mit unserem kleinen, geflochtenen Metallkorb und mit der kleinen Harke und Gummistiefel  - vorbei an wartenden Autos, die über den Gois wollen – auf den Weg ins schlickige Meer.

P1040373

Nach einer guten Stunde graben im feuchten Lehm, unterbrochen nur von einem Griff in die Jackentasche zur Schlüsselkontrolle (in zwei Stunden kommt die Flut und hier würde man nie und nimmer einern verlorenen Schlüssel finden), aber auch um den Rücken durchzubiegen,  haben wir ca 1 Kilo schöne große Muscheln -  laut Vorschrift sollen sie nicht kleiner als 4 cm sein – gesammelt.  die Kleinen werfen wir wieder ins Meer zurück und beschliessen, sie beim nâchsten Mal mitzunehmen. Voller Vorfreude auf den Leckerbissen zum Abendessen treten wir den Rückzug an.

Die Palourdes müssen nun mindestens drei Stunden gewässert werden, um den Sand auszuscheiden.

P1040377

Dazu holen wir uns Meerwasser (es geht aber auch mit Süßwasser in das man sehr viel grobes Salz schüttet). Ich wechsle das Wasser dreimal und gegen 20 Uhr sind sie  dann verzehrfähig und ich überlege, wie ich daraus  ein schönes Abendessen zaubern könnte. Zuerst brate ich Zwiebeln, Knoblauch,Tomaten, Pili Pili (wenig) und Lauch an und lösche das mit Roséwein aus der Gegend. In diesen Sud rühre ich einen Teelöffel Dijon Senf; dann schneide ich die Karotten und die Noirmoutier Kartoffel in ca. 2-3 cm Scheiben und lege alles in die Brühe, zum Schluss füge ich  das mittlerweile zweimal aufgekochte Salikorngemuese von William (dem Salzbauern) samt Wasser dazu, das nun erheblich an Salz verloren hat. Auch ein wenig frischer  Ingwer wird dazu gerieben. Dann lasse ich es eine halbe Stunde zugedeckt köcheln. Als nächstes schichte ich unsere Venusmuscheln auf diese (Gemüse)Bouillabaisse, gebe nochmals ein wenig Wein und viel frische Petersilie hinzu. Dann decke ich alles wieder ab bis nach ca. 5-6 Minuten sich nacheinander mit einem Klacken alle Muscheln öffnen. Ich gebe noch einen Spritzer Zitronensaft darauf und serviere es mit getoastetem Brot das ich mit Olivenöl; Knoblauch und Tomaten abgerieben habe: Es ist köstlich und wir nennen es Casserole Noirmoutière.

Sie dürfen es gerne nachkochen – geht auch sicher mit ganz normalen Miesmuscheln, aber ich weiß nicht, ob es ohne salicorne so gut schmeckt.

Guten Appetit

cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

Das Salz von Noirmoutier

P1330844

Auf der Insel Noirmoutier in der Vendée wird das beste und weisseste fleur de sel hergestellt. Die meisten Salzbauern sind noch unabhängig und jeder hat seine eigene Marke. Wir kaufen immer bei einem Salzbauern in Epine, bei Willy:

Karge Lehmböden, Meerwasser, Sonne und Wind, Flut und Ebbe sind die Werkzeuge, die zur Salzgewinnung notwendig sind.

P1330811 P1330812 P1330833 P1330837 P1330838 P1330839

Hier arbeitet er gerade bevor die tägliche kleine Konferenz um 17 Uhr beginnt, in der er vor seinem weissen Gold über die faszinierende Arbeit eines Salzbauern erzählt:

P1330813

Fotos: cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

San Antonio de la Florida

P1040622

 

Jedes Jahr im Juni feiert dieser Stadtteil am Manzanares im Zentrum von Madrid das Fest des Heiligen Antonius. Der Königshof von Karl IV hatte den Bau dieser kleinen Kapelle an einer Einsiedelei angeregt. Goyas Freund und Aufklärer, der Justizminister Gaspar Jovellanes, den Goya auch des Öfteren portraitierte, beauftragte den Maler mit den Fresken, die einerseits den Einfluss der Inquisition vermindern und andererseits vor Justizirrtümern warnen sollten. Das war 1798 und Goya brauchte sechs Monate um die Fresken zu vollenden.

Die Legende des Heiligen Antonius kam da gerade recht: Der Vater des Heiligen Antonius von Padua wurde in Lissabon des Mordes angeklagt. Antonius erfährt durch eine göttliche Botschaft davon und macht sich gleich auf den Weg dorthin. Im Gerichtssaal erweckte er den Ermordeten wieder zum Leben und sein Vater wurde freigesprochen.

Goyas Himmel ist voller realistischer Farben und Formen. Alle Beteiligten lehnen an einer Art Brüstung und betrachten die Welt von oben. Goya hat die gesamte Decke bemalt. Auf der einen Seite die Auferstehung des Ermordeten durch das Wirken von Antonius vor einer aufgewühlten Menschenmenge, die dem Wunder des Hl. Antonius zusieht. Weiter in der Mitte der neu zum Leben erwachte. Interessant ist, dass Goya seinen Personen das Schweben genommen hat. Man sieht, dass sie die Balustrade oder etwas anderes brauchen, um sich anzulehnen oder festzuhalten. Die Schwerkraft greift hier ein. Eine der vielen Revolutionen in Goyas Malerei. Groß ist der Unterschied von den Personen auf den Fresken und denen des Volksfestes am Manzanares nicht. Hier schweben keine himmelblau gekleideten engelhaften Menschen durch das Universum, Goyas Personen sind realistisch, sie schauen verdächtig, gleichgültig oder entsetzt auf uns herab. Hier ist das Heilige und das Irdische nicht mehr zu trennen, Goya malt verhärmte Alltagsgesichter.

Francisco de Goya malte diese Fresken in der zweiten Hälfte seines Lebens, mit 52 Jahren und bis zu seinem Tod 1828 sollte es noch viele Kunst-Eroberungen geben. Aber diese Fresken, die Sixtinische Kapelle von Madrid,  ist ein Meisterwerk.

Gebaut wurde die kleine Kapelle zwischen 1792 bis 1798 – noch im Barockstil – vom italienischen Architekten Filippo Fontana im Auftrag von Karl IV.  Der Grundriss ist ein griechisches Kreuz mit einer Kuppel im Zentrum.

Der große spanische Maler Goya zählt zu den Revolutionären der Malerei und schaffte es, auf der einen Seite Hofmaler oder Auftragsmaler zu sein und auf der anderen seine eigenen Bilder und Ideen zu verwirklichen.  Goya war ein Expressionist, ein Sozialkritiker, seiner Zeit weit voraus. Er dokumentiert auf sehr provokative Weise  Unruhe, Ungerechtigkeit und Unmut seiner Epoche wie sonst Keiner. Seine Zeit war die Romantik und der Klassizismus, seine Malerei hingegen ist vor allem ein sehr eigenwilliger Realismus.

Francisco de Goya ist in Bordeaux verstorben; 1901 wurde sein Leichnam allerdings nach Spanien überführt und seit 1919 hat er seine letzte Ruhestätte dort.

P1040624 
Goya-Denkmal

 

Direkt nebenan kann man sich anschließend in einer typischen spanischen Bar stärken – Casa Mingo gehört zu den ältesten Restaurants in Madrid. Die Spezialitäten dort sind Chorizo, Tortilla, Empanadas und natürlich das Brathähnchen. Am besten schmeckt es mit Sidra de Asturias.

 

P1040628

 

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Pellworm

P1040485

 

Pellworm! – wo ist das denn?

Die Insel Pellworm gehört zu den Nordfriesischen Inseln und ist eigentlich nur ein Überbleibsel einer weiten Flur, die im achten Jahrhundert von Friesen besiedelt wurde. Erst um 1000 n.C. durchbrach die Nordsee diese Ebene und setzte das Land unter Wasser. Schon aus dieser Zeit stammen die ersten Deich- und Warftbauten und die Bewohner entwickelten Ideen und Pläne, um sich im Kampf gegen die Nordsee zu organisieren. Im Laufe der Jahrhunderte, wurden aber aus dieser Landfläche immer mehr Inseln und Hallige.

Die erste große bekannte Flut fand im 14. Jahrhundert statt und ab dem 17. Jahrhundert gab es immer wieder verheerende Fluten; die letzte, die Pellworm fast komplett überschwemmte, fand im Jahre 1825 statt.

Heute erreicht man diese grüne Insel in einer guten halben Stunde mit der Fähre von Nordstrand. Alles ist bestens organisiert, denn der Zug aus Husum wartet auf den Bus, der die Gäste nach Nordstrand bringt und dort wartet die Fähre. Bei Ebbe geht die Fahrt durch eine Furt, links und rechts sieht man den Grund der Nordsee.
Pellworm ist eingerahmt von sehr hohen Deichen auf denen sich die Schafe mit den Austernfischern tummeln. Hinter den Deichen ist auf der einen Seite das Meer und auf der anderen Häuser, Höfe und Wiesen. Pellworm hat viel Natur, Zeit und Platz und alles tickt ein wenig ruhiger.

»Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren…«

Der deutsche Naturalist und Neuromantiker Detlev von Liliencron (1844-1909) hat ein Jahr dort verbracht und wurde Anfang 1882 sogar zum Hardesvogt ernannt, das ist eine Art Stellvertreteramt in der Gemeinde, die zu diesem Zeitpunkt schon zu Preußen gehörte.  Auf Pellworm entstand seine sicher berühmteste Ballade „Trutz, blanke Hans“. Er verarbeitete hier die Rungholtsage und die  große Sturmflut von 1634, die Grote Mandränke, die die vor Husum gelegene Insel Nordstrand seinerzeit verwüstete. Der Blanke Hans ist eine friesische Bezeichnung für die Nordsee. Rungholt ging das erste Mal in der Zweiten Marcellusflut im Januar 1362 unter. Dieses sagenumwobene Atlantis der Nordsee lag vor Pellworm, auf der heutigen Hallig Südfall, genau dort wo der Verfasser Hardesvogt war. In seinem Tagebuch schreibt er, wie er auf der Fähre von Husum nach Pellworm von dieser Sage höre.

Und wie immer wenn es keine echten Zeitzeugen gibt, blühen Sagen und Legenden. Zwei Geschichtsschreiber im 17. Jahrhundert erwähnten diese untergegangene Stadt mit den verborgenen Schätzen. Erst in den 1920 Jahren spülte das Meer nördlich von Südfall Überreste einer früheren Zivilisation ans Land und es begann ein systematische Aufarbeitung der Funde.  Auf einer Karte von 1636 die wohl auf einer anderen von 1240 basiert wird zum ersten Mal der Name Rungholt erwähnt. Das Datum liegt ca acht Monate vor der Marcellusflut. Ein wichter Rungholt Forscher war Andreas Busch (über ihn und seine Theorien und Aufzeichnungen kann man viel im Museum in Husum lesen und sehen).

 

P1040445P1040465P1040564

 

Im Rahmen der Christianisierung entstand im Jahre 1095 die Alte Kirche St. Salvator. Sie liegt auf einer Linie mit anderen vier Mutterkirchen der Christianisierung. Ca 150 Jahre später entstand der Gotische Turm, von dem heute noch eine 25 Meter hohe Ruine übrig ist. Der damals übliche und benutzte Tuffstein kam aus dem Rheinland. Spätgotisch ist der Flügelaltar; er zeigt die Passion Christ in sieben Szenen.

Aber der Hauptanziehungspunkt in der Kirche von  Pellworm ist ein Spätwerk des berühmten deutschen Orgelbauers Arp Schnitger. 1711 hat er sie aus unbehandeltem Eichenholz gebaut, sie hat 24 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Hälfte davon sind noch Originale. In Schleswig Holstein ist sie die einzig erhaltene Schnitger-Orgel und deshalb eine große Sehenswürdigkeit, auf die die Pellwormer sehr stolz sind, zumal im Sommer jeden Mittwoch regelmäßige Orgelkonzerte stattfinden – mit zum Teil recht bekannten Interpreten.

Einen Sandstrand wird man auf Pellworm hingegen nicht finden, da die Insel vor dem Meer mit hohen Dämmen geschützt werden muss. Dafür kann man wunderbare Wattwanderungen dort unternehmen. Ebbe und Flut wechseln sich alle sechs Stunden ab und geben dann für kurze Zeit den Meeresboden frei. Die ganz Mutigen können natürlich auch den Postboten auf seinem Fußmarsch durch das Watt begleiten – denn ein Ehepaar wohnt ganzjährig auf dieser Hallig. Allerdings muss man gut zu Fuß sein, denn  drei Stunden ist man mindestens unterwegs.

 

P1040551
der alte Turm

 Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Zwischen Ostsee und Achterwasser

P1030661
Blick vom Garten auf Leiter, Boot und Achterwasser

 

Nur knapp 300 Meter Land, ein wenig mehr als ein Steinwurf, liegen dort Ostsee und Achterwasser. Auf dieser engsten Stelle der Insel Usedom steht ein S-Bahn-Wagen. Der Maler Otto Niemeyer-Holstein (1896-1984) hat ihn im Jahre 1932 für 60,50 Mark in Berlin-Rummelsburg gekauft und ihn 1933 (ohne Räder, denn diese hat jemand anderes gekauft) unter großem finanziellen und technischen Aufwand und mit viel Phantasie an diesen sandigen Fleck gebracht. 1932 legt er dort – aus Berlin kommend – mit seinem Segelboot Lütter an. Außer einem großen Schuppen, einem holprigen Pflastersteineeg, ein wenig Ried und krumme Weiden gibt es sonst dort nichts. Genau was er sucht, nur ein paar Meter zum Strand. „Hier will ich leben, hier will ich sterben“, ruft er und geht an Land. Niemeyer hat sein Paradies, sein Refugium, das ihm für den Rest seines Lebens Geborgenheit, Schutz und Inspiration werden sollte, gefunden. Sein Segler „Lütter“ sollte auch dem Ort Lüttenort den Namen geben.

Der Maler Niemeyer, der eigentlich Gärtner werden wollte, hat im Laufe der Zeit einen Skulpturen-Zaubergarten um den Wagen herum angelegt, wie ihn Klingsor nicht schöner hätte erträumen können. Jahrelang waren er und seine Familie Selbstversorger. Im Obstgarten lehnt immer noch die lange Leiter am Baum und lädt zur Ernte ein. Weiter weg entdeckt man eine leicht überwucherte Getreidemühle und eine große Schiffsglocke. In einer anderen Ecke – im japanischen Garten – gibt es China-Wacholder und allerlei Sträucher und ein wenig weiter liegt der  Kastanienhof sowie ein Quittengarten  und von fast allen Plätzen aus kann man auf eine Lagune des Peenestromes, das Achterwasser, blicken. Dort liegt noch ein Boot und der Wind streift leise über die Schilfgräser, vertreibt die Wolken und lässt die Konturen überdurchschnittlich scharf hervortreten. Alles ist sehr gepflegt und doch ist hier die Natur kein bisschen beschnitten.

 

P1030653P1030639P1030634
« Paar » Wolf-Eike Kuntsche; Waldemar Grzimek « Torso »; Wieland förster « Große Stehende »

 

31 Skulpturen von Künstlerfreunden wie Waldemar Grzimek, Sabina Grzimek, Sabine Teubner, Wolf-Eike Kuntsche, Werner Stötzer und viele mehr beleben den Garten, verstecken sich und stehen miteinander im Dialog. Niemeyer hat sie entweder geschenkt bekommen oder sie gegen seine Bilder eingetauscht. Auch die Kopie eines römischen Augustus‘ ist darunter. Zweige ringen sich um seinen Fuß, fast wie bei Berninis Daphne. Dieser Garten gehört sicher zu den schönsten Skulpturengärten, die ab den 1960er Jahren fast überall in Europa wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Ich denke da an das Kröller-Müller Museum/Otterlo, die Skulpturenmeile in Hannover oder die Museumsinsel Hombroich. Ein Tor aus alten Schiffsbalken führt auf der Rückseite zum Achterwasser. Eine Zeitlang ist auch allerlei Viehzeugs dort rumgelaufen, das dann später auf den Tisch kam. Die Not war oft groß, denn erst ab den 1960er Jahren hat Niemeyer-Holstein gut vom Verkauf seiner Bilder leben können. Unter der recht einfachen Einrichtung sticht das Kieler Zimmer besonders heraus. Niemeyer hat es aus seinem großbürgerlichen Elternhaus in Kiel auf die Insel transportieren lassen. Das einzige was ihm aus der Zeit geblieben ist.

 

griechischer Kämpfer _ kopie
Griechische Skulptur mit Blick auf das Haus

 

Das was man heute dort sieht erinnert nur noch ganz entfernt an das unwirtliche, kleine Stück Moorland. Der Boden ist befestigt und der Garten gewachsen, wie dies auch die Bäume und Sträucher taten. Sogar der S-Bahn-Wagen bekommt nach und nach ein Obergeschoss mit Schlafräumen, die über eine ganz steile Hühnerleiter zu erreichen sind, und links und rechts gibt es jetzt kleine Anbauten. Von außen erkennt man den Wagen nur noch, wenn man weiß, dass er die Basis dieser originellen Behausung bildet. Tritt man aber ein, ist man überrascht, wie breit so ein öffentliches Transportmittel doch ist. Erst viele Jahre später kann Niemeyer sich ein gemütliches und sehr schönes Atelier in der Nähe des Wagen-Hauses errichten. Dorthin zieht er sich auch zurück, wenn ihm die Besucher einmal zu viel werden. Tabu steht an der Tür und daneben hat der ehemalige starke Raucher handschriftlich einen Hinweis auf das herrschende Rauchverbot angebracht.

 

P1030674P1030531
ONHs Weg zum Strand und Wellenbrecher

 

Hier ist die Zeit stehen geblieben. Es fehlt nur noch, dass plötzlich der Wasserkessel zu pfeifen anfängt und uns der Duft eines selbst gebackenen Marmorkuchens in die Nase steigt. Sogar der Fellmantel, den er immer trug, wenn er im Winter Bahn und Straße  überquerend zum Meer ging, hängt noch dort und macht ihn unsterblich.

1896 wird Niemeyer als Kind eines international bekannten und recht wohlhabenden Völkerrechtlers geboren. Schon mit knapp 10 Jahren schenken ihm seine Eltern das Segelboot Lütter, mit dem er 25 Jahre später Usedom erreichen sollte. 1914 meldet er sich freiwillig zu den Husaren und kehrt verletzt wieder nach Hause zurück. Um sich zu erholen, schicken ihn die Eltern in die Schweiz und dort fängt er an zu malen – aus Langeweile und als Autodidakt wie er selber sagte. Fundamental für seine Künstlerkarriere ist die Begegnung mit Alexej von Jawlensky und dessen Partnerin Marianne von Werefkin. Der Bohemien-Lebensstil der Beiden liegt ihm, dem gutbürgerlichen Kieler Kind zwar nicht, auch war ihm Jawlenskys schriller Expressionismus zu kompliziert und zu weit hergeholt aber Niemeyer lernt, wie wichtig es für einen Künstler ist, eine eigene Handschrift zu haben. Er weiß nun, was er will: nämlich malen, was sein Auge wahrnimmt, nicht mehr und nicht weniger. Mit 24 heiratet er Hertha Langwara, eine sensible und weltfremde Sängerin. Die beiden bekommen einen Sohn. Herthas Bildnis entsteht 1920; es lässt den Einfluss von Jawlensky erkennen. Das Portrait hängt im Museum in Lüttenort und ist sicher eine seiner interessantesten Arbeiten.

 

P1030648
 Tor zum Achterwasser

Lyonel Feininger lernt er 1923 kennen und gründet mit anderen Malern kurz darauf die Künstlergruppe Der Große Bär in Ascona/Italien. Es gibt ein Bild von ihm in Anzug und Weste in den Schweizer Bergen wo er eher wie ein Fremdkörper in der Landschaft steht und als Maler nicht zu identifizieren ist. Ein Jahr später lässt er sich von Hertha scheiden. Seine zweite Ehe mit der gebildeten Annelise Schmidt sollte sein Leben lang halten. Aber auch Begegnungen mit Otto Manigk oder Herbert Wegehaupt, der sich übrigens auch auf der Insel Usedom niederließ,  waren wichtige Ereignisse in seinem Leben.

« Der hat mir interessiert, aber ick hab’n noch ‘n kleen’ Stups jegebn. Aus dem wird wat, denn der klaut sich de Farben aus’m Meer » (der Berliner Maler Max Liebermann über Niemeyers Malversuche in den 1920er Jahren)

Hin und wieder macht Niemeyer einen Anlauf und schreibt sich in einer Kunstakademie als Student ein, muss aber nach kurzer Zeit feststellen, dass ihn der dort gepredigte Akademismus nicht weiter bringen wird und bricht ab. Otto Niemeyer-Holstein, der seine Bilder mit ONH signierte, war und blieb ein Autodidakt, geprägt von Menzel und Morandi, den großen Franzosen des 19. Jahrhunderts wie Cezanne oder Gauguin, aber auch von den Malern der Brücke, von Heckel oder Otto Müller. Paula Modersohn-Beckers Farben tauchen immer wieder auf und einige seiner Akte erinnern an Picassos blaue und rosa Periode. Mit der Zeit wird aber die Ostsee sein Modell. Tagein, tagaus besucht er sie und malt die täglichen Stimmungen, die Wasserveränderungen, die Wellenbrecher, Eisberge am Strand oder den Weg dorthin. Die permanente Suche, die Ostsee zu verstehen, sie festzuhalten,  hat ihn zum Künstler gemacht. Bildnisse nennt er seine Portraits. Sie sind neben Landschafts- und Naturbildern der Hauptbestandteil seines künstlerischen Werkes.

Die Niemeyers leben zwar zurückgezogen, aber nicht isoliert. Dafür hatten sie viel zu viele sehr interessante Freunde auch aus der wilden Berliner Zeit in den 1920er Jahren. Man führt ein offenes Haus und ständig kommen Freunde oder andere Künstler zu Besuch, es herrscht reger künstlerischer Austausch. Seefahrer aus dem Ort bringen ihm afrikanische Masken und Skulpturen von ihren Reisen mit und bekommen Bilder dafür.

Das Werkeverzeichnis des Museums ist ein unglaublicher Spaziergang durch die Moderne. Angezogen vom Expressionismus und von der Neuen Sachlichkeit, kümmern ihn Tendenzen oder Moden trotzdem eher weniger.

Anfangs waren es nur ausgedehnte Sommer, die die Familie auf Usedom verbringt. Ab 1939 wird das Refugium zum permanenten Wohnsitz. Peenemünde ist nur knapp 30 km von Lüttenort entfernt und der Krieg bringt so einige kritische Momente. Ab 1940 versteckt er aber trotzdem seine jüdische Schwiegermutter dort. Hin und wieder fallen Bomben in die angrenzenden Wiesen und in den letzten Kriegsmonaten wurde das Land um ihn herum vermint, aber die geplante Sprengung 1945, die diese engste Stelle auf der Insel, wo sein Haus steht, fluten sollte, wird nur ganz knapp verhindert, weil sowjetische Truppen die Insel besetzen.

Vor dem Krieg waren seine Werke von den Nazis „nicht erwünscht“ (allerdings wird Niemeyer nur in wenig Museen vertreten und so konnte auch nur ganz wenig verschwinden) und nach dem Krieg, in den 1950er Jahren gerät ONH in den Kunststreit der DDR. Eine Ausstellung in Dresden findet ohne seine Bilder statt. ONH malt Lenin-Ikonen  für öffentliche Gebäude. Er darf dann aber doch 1954 in Mannheim ausstellen. In den 1960er Jahren reist Neumeyer nach China, Taschkent, Samarkand und Buchara und wird 1963 Präsident der internationalen Ostsee-Biennale in Rostock. Erst ab den 1970er Jahren häufen sich seine Ausstellungen, auch in Italien und Norwegen. 1981 wird sein Gesamtkunstwerk in Rostock gezeigt und der Fernsehfilm „Und der Strand ist meine Geliebte“ gedreht. Ein einfühlsamer, langsamer Film mit vielen Sprechpausen. Er läuft im Museum und ist wirklich sehenswert. ONH sagt ganz wichtige Dinge so en passant, als ganz persönliche Reflexion. Er hätte kein Talent, er müsse sich alles erarbeiten. Aber das sei gut so. Künstler mit viel Talent sind mit 25 Jahren fertig.. 86jährig lernt er immer noch täglich etwas hinzu. 1984 stirbt Otto Neumeyer-Holstein und ein paar Monate später folgt ihm seine Frau Annelise.

 

P1030659
 Eingang zu seinem Atelier

 

Schon ein Jahr nach seinem Tod, also 1985, wird Lüttenort Museum und Ort der Begegnung -ganz nach seinem Wunsch. Dort finden jetzt regelmäßig Konferenzen und Konzerte statt und abwechselnd auch Ausstellungen mit Werken von seinen Malerfreunden. Das Museum wird 2001 nahe am Atelier errichtet. Ein kleines Paradies, bei dem die vielen Bäume den Lärm der Schnellstraße fast komplett auffangen.

Otto Neumeyer-Holstein hat an die 5000 Arbeiten (Zeichnungen, Aquarelle, Ölgemälde oder Radierungen) hinterlassen. Ein Großteil gehört dem Museum. Die Bilder hängen aber auch in  Museen in Berlin, Leipzig, Rostock, Dresden, Ascona, Kiel, Oberhausen, Mannheim oder im Folkwang Essen zu sehen. An die 500 sind in Privatbesitz, die meisten dokumentiert und in einem sagenhaften Werkeverzeichnis aufgeführt.

Christa Blenk

Fotos Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Wandteppich von Anger, Zyklus der Apokalypse

angers1
Eingang ins Schloss

 

In der Ich-Form richtet sich der Verfasser der Apokalypse mit den sieben Sendschreiben an die sieben Gemeinden in Ephesus in Kleinasien. Die Offenbarung des Johannes ist das letzte Buch des Neuen Testamentes und gilt als prophetische Hoffnungsschrift für die unterdrückten Christen im Römischen Reich.

Sieben Schreiben, sieben Gemeinden, sieben Siegel, sieben Trompeten, sieben Reiter, sieben Plagen, sieben Engel und sieben Schlafende oder Tote. Visionär, spannend und theatral und mit dem Gedankengut des 14. Jahrhunderts vor dem Hintergrund des 100 jährigen Krieges, wird dieser umwerfende Zyklus erzählt. Er weiß von grausamen und moderne Geschichten zu berichten, dokumentiert die Anbetung des Teufels, die Umkehrung der Macht, die Verführung, die Vernichtung und die Zerstörung von Babylon bis zum Sieg des Guten und den Eintritt in das Paradies.

angers3angers2

 

Das  ausschließlich aus Wolle bestehende Teppich-Ensemble besteht aus 6 Teilen mit je 14 Bildern, wobei leider nicht mehr alle vorhanden sind. 84 Szenen auf einer Gesamtflache von 700 qm halten den Betrachter in Atem und erstaunen immer wieder durch die Modernität, aber auch künstlerisch erkennt man – noch im Mittelalter des 14. Jahrhunderts –  die ersten wackeligen Schritte der Renaissance Perspektive.

Jede Serie wird von einer Persönlichkeit eingeleitet und geht dann weiter in zwei übereinander liegenden Reihen, im Schachbrettmuster  angeordnet – je sieben himmlische und irdische Szenen.14 Szenen pro Teppich. Hintergrundfarbe ist abwechselnd rot und blau; jedes Bild hat auch eine Bildunterschrift.

 

angers drachen
der siebenköpfige Drachen

Der Zyklus der Apokalypse misst 103 Meter und ist 4,5 Meter hoch. Er ist somit der größte Wandteppich der jemals in Europa hergestellt wurde. Er entstand zwischen 1373 und 1382 im Auftrag von Herzog Ludwig I. von Anjou, der Weber Nicolas Bataille kümmerte sich um Beides: Finanzierung und Fertigstellung in nur sieben Jahren! Die Entwürfe stammen vom Brügger Künstler Jean de Bruges und in der Pariser Werkstatt von Robert Poisson wurde der Teppich hergestellt.

Seit 1954 hat der Teppich einen extra für ihn gebauten Trakt im Schloss von Angers. Von dem ursprünglich 140 Meters sind heute noch 103 erhalten.

Wandteppichen kam im Mittelalter eine ganz wichtige Rolle zu. Sie bereicherten den Besitzer und begleiteten ihn oft auf seinen Reisen, sie verschönerten und wärmten und waren gern gesehene Gastgeschenke. Allerdings waren sie nie 140 Meter lang und höher als ein dreistöckiges Haus.

Aus welchem Anlass der Teppich von Anger gewebt wurde, weiß man nicht. Man rätselt, dass er vielleicht den Kreuzorden von Ludwig I, den dieser 1370 gegründet hatte, aufwerten sollte. 1782 wurde diese Preziose zum Verkauf angeboten und während der Französischen Revolution zerschnitten. Der Wandteppich wurde als Decke, Bettvorleger oder Schutz im Winter für die Orangenbäume zweckentfremdet. Erst 1843 ging der Bischof von Anger auf die Suche nach dem Verbleib und konnte relativ viel wieder zusammen holen. Aber einige Fragmente sind wohl für immer verloren, andere verblasst. Einige Serien sind aber glücklicherweise in ihren Komplettheit zu bestaunen, allerdings lässt sich nicht immer die richtige Reihenfolge oder auch die Bedeutung zuordnen. Der Audioguide ist gut gemacht und unbedingt erforderlich!

Hier kann man nur sagen: der Besuch lohnt einen Stopp in Angers, abgesehen davon ist die Stadt sehr interessant und schön.

Christa Blenk

Fotos: JNPettit

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

Eisschmelze – Berlin im Februar

P1030106

 

Am 15. Februar 2017 kam plötzlich der Frühing nach Berlin.

Die Minustemperaturen verwandelten sich in +Grade und auf der Spree setzte sich die Eisblücke in Bewegung. Faszinierender Anblick, wie sie ähnlich einem Wasserfall, das kleine Stauwerk (Mitte – zwischen Unter den Linden und Leipziger Straße) herunterdonnerten, wie sich das Licht darin brach und die  Vögel auf der Spree entlang auf die transparenten Eisscheiben reisten.

 

P1030080P1030084P1030088P1030092P1030094P1030108P1030114P1030112P1030111

Fotos: (c) Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Museum Barberini Potsdam

Museum Barberini
Museum Barberini Potsdam

 

Potsdam, nur einen Steinwurf von Berlin entfernt, entwickelte sich ab dem 17. Jahrhundert zu einer der schönsten Barockstädte in Deutschland. Kurfürst Friedrich Wilhelm kaufte einige, damals verpfändete, Stadtgebiete und machte Potsdam zu einer zweiten Residenz neben Berlin. Aber erst unter dem Aufklärer Friedrich II wurde die Stadt auch optisch eine Residenzstadt. Sie entstand praktisch neu, wurde komplett umstrukturiert und neu gestaltet und sogar die Bürgerhäuser bekamen aufwendige Barockfassaden. 1745 ließ er seinen Sommersitz, Schloss Sanssouci, sowie viele Parkanlagen bauen. Vor 250 Jahren, also 1772, ließ Friedrich der Große in Potsdam nicht weit vom Schloss entfernt vom Architekten Carl von Gontard das Palais Barberini errichten.  Vorbild war der Palazzo Barberini in Rom, den zwei große römische Barockkünstler, Bernini und Borromini errichteten.

Im Krieg wurde das Palais vollkommen zerstört und erst 2013 begann man mit dem Wiederaufbau. Der Kunstsammler und Mitbegründer des Museums Hasso Plattner hat sich dieses sozusagen selber zum Geburtstag geschenkt. Ende Januar 2017 konnte das Museum Barberini schließlich eröffnet werden – und dies gleich mit drei vorzüglichen Ausstellungen, zu denen Leihgaben u.a. aus Sankt Petersburg, aus Paris, aus Hamburg oder Washington anreisten, aber vor allem auch aus Privatsammlungen. Und so soll es laut Plan der Museumsdirektorin Ortrud Westheider auch weitergehen. Jährlich sollen drei Ausstellungen mit Leihgaben und Beständen aus der hochkarätigen Sammlung Plattner in Potsdam zu sehen sein.

 

P1030004P1030008P1030037
 Saalansicht Impressionisten, Monet « Pappeln in Giverny (1887) und Heuhaufen (1893)

 

Eine der Eröffnungsausstellungen ist dem Impressionismus gewidmet  - ein kluger Schachzug, denn diese Lichtbilder der großen Franzosen sorgen immer für ein volles Haus. Mit 93 Exponaten ist sie die größte Ausstellung der Drei. Es werden ausschließlich Landschaftsgemälde, die das Thema Wasser, Wald und Winter behandeln, gezeigt. Sie stammen aus Privatsammlungen oder aus großen und bedeutenden Museen. Gleich zu Anfang hängt ein Gemälde von Claude Monet, das der Kunstverein in Bremen zur Verfügung gestellt hat Boote.  Claude Monet hat es mit knapp 30 Jahren, 1869, gemalt. Drei Jahre vor seinem umkrempelnden Gemälde Impression – solei levant (1872), das dem Impressionismus seinen Namen geben sollte.

Sie tummeln sich alle hier, Alfred Sisley, Gustave Caillebotte, Pissarro und noch mehr Monets, die in London oder in Norditalien entstanden sind, eingerahmt von Themenbildern wie Heuhaufen. Monet hat sich gerne ausführlich mit einem Motiv auseinander gesetzt und es immer wieder bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen oder Tageszeiten gemalt, siehe die Seerosenbilder, die Rouen Kathedrale oder die Heuhaufen, von denen einige zu sehen sind.

Ergänzend sind eine Reihe von Rodin-Skulpturen, Leihgaben aus dem Musée Rodin, Paris, zu sehen, in Anlehnung an die gemeinsame Ausstellung 1889 in Paris von Rodin und Monet Bewegte Körper – im Dialog mit Monet. Vorarbeiten für die Bürger von Calais oder der Denker, eine Plastik, die Rodin ursprünglich für seine Höllentor-Skulptur anfertigte, inspiriert von und basierend auf Dantes Göttlicher Komödie.

 

P1020923
 August Rodin, Der Denker (1881) – Guss (1967)

 

Die zweite Ausstellung befasst sich mit dem weiten Begriff der Klassiker der Moderne. Anhand von 60 Exponaten wird hier eine Brücke gebaut zwischen den Biergarten-  und Lichtbildern von Max Liebermann, bis hin zu den klatschigen und expressionistischen Bildern von seinem Gegenspieler Emil Nolde oder Max Slevogt. Hier werden die beiden menschlich und künsterlisch so gegensätzlichen Maler  Liebermann und Nolde miteinander konfrontiert. Beide schwimmen im Licht, aber Nolde sehr viel weiter!  Ausgezeichnet zusammengesucht und keine Überschwemmung an Werken. Sogar ein ungewöhnlicher Gustav Klimt Seeufer mit Birken (1901)  hat sich dazwischengedrängt – ebenfalls aus einer Privatsammlung. Um die Jahrhundertwende malte Klimt eine Reihe von dekorativen Landschaftsbildern.

Edvard Munch (1863-1944) kennen wir vor allem als Maler der Dramatik und der inneren Zerrissenheit. Von ihm sind einige sehr lohnenswerte und aus Privatsammlungen kommende Exponate ausgestellt. Munch hat um die Jahrhundertwende im norwegischen Badeort Åsgårdstrand eine Serie von Strand- und Lichtbildern gemalt. Darunter das lichte und leichte Gemälde Sommernacht am Strand (1902/03).

 

P1020900P1020903Munch
 Emil Nolde « Frischer Tag am Meere (1906) und Max Liebermann « Biergarten in Laren (1903) ,Edvard Munch « Sommernacht am Strand »

 

Die dritte Eröffnungsausstellung befasst sich mit Kunst aus der DDR, besser gesagt der Kunst der Leipziger Schule – Plessner hat sich hier eine bemerkenswerte Sammlung zusammengekauft.

„Aus der Sammlung des Museum Barberini“ wird in zwei  Räumen gezeigt – aber das soll nur ein Vorgeschmack sein. U.a. sind Werke von  Rolf Händler (1938), Willi Sitte (1921-2013), Werner Tübke (1929-2004) , Harald Hetzkes (1929), Bernhard Heisig (1925-2011), Wolfgang Mattheuer (1927-2004) zu sehen mit Schwerpunkt auf den Leipziger Maler Wolfgang Mattheuer. Von ihm ist auch die Bronzeskulptur im Garten des Museums „Jahrhundertschritt“, eine Art Abrechnung der politischen und gesellschaftlichen Widersprüche im 20. Jahrhundert und die Auseinandersetzung mit Faschismus und Sozialismus. Diese Plastik wird dort dauerhaft stehen bleiben. Mattheuer hat 1984 an der 41. Biennale in Venedig teilgenommen und war 1977 Teilnehmer an der in Kassel. Die documenta6 hatte stand unter dem Thema Neue realistische Kunst.  Mattheuer war der Vertreter des Sozialistischen Realismus.

 

P1020945P1020972P1020965
 Saalansicht Bernhard Heisig « Die Straße der Kommune » (1989), Willi Sitte « Selbstbildnis mit Tube und Schutzhelm » (1984)

 

Im Herbst geht es dann weiter, Mit mit der Ausstellung Hinter der Maske. Künstler aus der DDR sollen weitere Werken aus der Barberini-Sammlung Leihgaben gegenüber gestellt werden.

Insgesamt 2800 qm Ausstellungsfläche gibt es in dem Palais und es war wohl ein Glück, dass Plattner nicht seine erste Wahl – das DDR Hotel Mercure – dafür zur Vergügung gestellt bekam. Denn dieses wollten die Potsdamer nicht abreißen lassen!

Die beiden Haupt-Ausstellungen sind noch bis Ende Mai zu sehen – Die DDR Kunst bis zum 3. Oktober.

Seit 1990 gehört Potsdam übrigens zum UNESCO Welterbe. Die Babelsberg Filmstudios wurden dort 1912 als erste große Filmstudien weltweit eingerichtet

 

P1030053

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Skulpturenmeile Hannover

Straßenkunstprogramm in Hannover

Besuch der Skulpturenmeile

Die Landeshauptstadt Hannover  finanzierte das Projekt der Skulpturenmeile schon in den 70er Jahren und nach den Nanas  von Nicki de Saint Phalle wurden die ersten Werke in den 80er Jahren dort permanent installiert – entlang der Brühlstraße und dem Leibnizufer bis hin zum Sprengelmuseum.  Knapp 1 ½ km Fußweg legt man zurück, um an den ganz unterschiedlichen Arbeiten entlang zu schlendern.

Die erste Skulptur auf dem Parcours  Kreisteilung – Quadratanordnung – Kegel von Alf Lechner 1987) steht am Königsworther Platz direkt am Eingang zum Georgengarten. Man sieht sie fast nicht, weil sie sich perfekt in die Landschaft einbindet.

 

P1020644
« Kreisteilung – Quadratanordnung – Kugel » (1987) – Alf Lechner (*1925)

 

Das Bildhauer-Ehepaar Martin Matschinsky (*1921) und Brigitte Matschinsky-Denninghoff (1923-2011) installierte die Skulptur « Genesis » (1983-1985). Auch diese bildet eine Fusion an diesem grauen Vormittag mit dem Himmel und den Häusern von Hannover.

P1020640
Genesis (1985)

 

Anders hingegen die Skulptur von  John Henry (*1943)  Symphonie in Red – sie dominiert komplett die Mitte der vielspurigen Straße und hätte sehr gut noch mehr Licht vertragen können. Spitz und aggressiv greift sie in die Wolken.

P1020638
Symphony in Red (2000)

 

Auf der anderen Seite der Straße, leicht versteckt zwischen Bäumen, hat der belgisch-französische  Bildhauer Eugène Dodeigne (*1923) die Skulpturengruppe Etude 1-5 (1982) aufgestellt. Die einzige figurative Arbeit, die auf der Meile zu finden ist. Dodeignes Steinskulpturen  gehören zu den bedeutenden modernen Kunstwerken, die nach nach dem zweiten Weltkrieg entstanden. Er hat in der Entwicklung der Skulptur eine wichtige Rolle gespielt. Hier denkt man unweigerlich an Carnac.

 

P1020630
Etude 1-5 (1982)

 

Deus Ex Machina (1985) vom Berliner Bildhauer Bernhard Heiliger (1915-1995) heisst die nächste Skulptur. Heiliger nahm in den 50er Jahren an der documenta I und II teil und war Gast auf der Biennale von Venedig. Außerdem wurde er mit  dem Figurenbaum für den Deutschen Pavillon der Expo 58 betraut.

P1020651
Deus Ex Machina

 

Die klatschig-kitschigen, dralligen und selbstbewussten Nanas (Charlotte, Sophie und Caroline) der französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle (1930-2002) waren die Vorreiter dieser Meile. Nicki de Saint Phalle hat mit ihren Arbeiten immer Aufsehen erregt und wurde mit ihren Nanas international bekannt und ist aus der europäischen Kunstszene nicht wegzudenken.  Die Nanas (Mädchen) kamen schon 1974 nach Hannover und wurden am Leineufer aufgestellt.  Am heutigen Samstag war Flohmarkttag und die Drei haben sich unter die Besucher oder umgekehrt gemischt.

P1020657
Nanas von Nicki di Saint Phalle

 

Kenneth Snelson (1927) hat die große Skulptur Avenue K (1958) gebaut; wie bei fast all seinen Arbeiten stehen auch bei dieser die physikalischen Kräfte im Mittelpunkt.

Erich Hauser (1930 – 2004) Stahl 17/87.  Hauser hat in vielen deutschen Städten Plastiken aufgestellt; er  war Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und hat in seiner Heimat (Rottweil) einen eigenen Skulpturenpark errichtet, den man an mehreren Tagen auch besuchen kann.  Seit 2008 wird übrigens von der Kunststiftung Erich Hauser, Rottweil der Erich-Hauser-Preis vergeben.

Auch diese beiden Werke sind perfekt in das Straßenleben von Hannover eingebunden und – obwohl sie sehr groß sind – dominieren sie weder Platz noch Straße.

P1020676P1020649
« Avenue K »   und daneben « Stahl 17/87″ von Erich Hauser

 

Dann geht es nach rechts weiter Richtung Sprengel Museum, aber auch hier wird vman von Skulpturen begleitet. Nicht alle sind ausgezeichnet oder beschildert.

Vor dem Museum steht eine große Skulptur von Alice Aycock  und daneben eine von Alexander Calder; auf der anderen Seite Richtung stadteinwärts stößt man auf eine kleinere, ganz typische Arbeit  von Horst Antes.

Sogar die Bushaltestelle trägt zeitgenössische Züge und könnte glatt mit einer weiteren Skulptur verwechselt werden.

 

P1020705P1020897P1020682P1020699P1020895P1020681Karl Hartung - Grosse Kugelform, 1956Hans wolf Lingemann, Drehbare Schrauben 1971Hans Breder - In between, 2001,
Alice Aycock « Another Twister », Horst Antes « Figur 1. September », Berto Lardera „Île de France“, Hans-Jürgen Breuste « Derry » und die Göttinger Bürger, Hans Hartung « große Kugelform », Hans Wolf Lingemann « Drehbare Schrauben »,  Hans Breder « In Between », 

 

Auf dem Weg zum Museum kommt man an einer Skulpturengruppe vorbei, die aus der Reihe fällt, weil sie figurativ ist. Floriano Bodini das Straßendenkmal zu Ehren der Göttinger Sieben von 1837 gebaut. Es erinnert an die Zivilcourage von Bürgern, die einem Verfassungsbruch entgegentragen und dafür Amt und Würde vorloren haben und aus der Stadt gejagt wurden. !!

Diese Meile macht Hannover zu einem Vorreiter abstrakter Plastiken und zu der  Skulptur-Hauptstadt in Deutschland schlechthin.  Die monumentalen und avantgardistischen Skulpturen  holte der Galerist Robert Simon nach Hannover.

Christa Blenk

Foto: (c) Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Winter in Berlin

2017 – Januar

 

P1020233P1020230P1020224P1020213P1020211P1020209P1020195P1020187P1020181P1020179P1020172P1020081P1020075Olympia-BerlinP1020239P1020301P1020298P1020276P1020270P1020240P1020274P1020416P1020413P1020597

Blog Highlights 2016 : Musik und Kunst im Rückblick

cinema

 

Labyrinthe, Geburtstage, unheimliche Träume und Alpträume, eine Kirche in der Toscana, eine bretonische Insel, ein Atlantis in der Nordsee, eine Rhein-Reise, schräge Musik und andere, Tim Burton und Torten, Theater unterm Dach und Off Off, mexikanische Totentänze und römische Geschichte, zwar nicht postfaktische aber postidentische Zustände, ein Elch-Blues und ein Umzug …… und um noch viel mehr geht es in den Highlights 2016!

Aber sehen Sie selber.

 

Enzo Fililetti Mit einem außergewöhnlichen Konzert zum 111. Geburtstag von Giacinto Scelsi hat der Januar das neue Jahr eingeleitet. Das wunderbare kammermusikalische Hauskonzert in Anwesenheit der vier zeitgenössischen italienischen Komponisten, Giorgio Nottoli, Mauro Cardi, Giuseppe Silvi  und Michelangelo Lupone  fand in der  Scelsi Villa in Rom statt. Wir sind eher durch einen glücklichen Zufall darauf aufmerksam geworden. Der Saxophonist Enzo Filippetti (Foto) spielte u.a. Werke von Scelsi, aber auch von anderen zeitgenössischen Italienern. Was für ein Abend!

helenaerklärt Zerebrale Geoden, Pentagramme, Labyrinthe und primordiale Fruchtbarkeitssymbole stellte Helena Aikin im  Januar 2016 im Museum für populäre Kunst im Madrider Altstadtviertel La Latina in einer ehemaligen Corrala (dort wo vor 100 Jahren die Zarzuelas aufgeführt wurden) aus. Die Sammlung dieser faszinierenden Labyrinthe, die sie in den letzten Jahren gesammelt, konzipiert und nachgebaut hat wurde übrigens  später  im Jahr – ebenfalls mit großem Erfolg -  in der UNO in Genf gezeigt.

Abgesehen davon, dass sich Madrid schon deswegen lohnt weil dort die Künstler Cesar Borja, Gerardo Aparicio und Guillermo Lledo wohnen und es immer ein Vergnügen ist, ihre letzten Areiten zu entdecken, war er Ausflug in der Welt der Labyrinthe sehr spannend. Die Königin der Radierungen, Natividad Gutierrez, ist leider dieses Jahr verstorben. In Natis Werken vereinen sich auf der einen Seite die Vegetation ihrer Heimat, der Karibik, sowie ein Licht, das es nur in Madrid gibt.

In der Serie My Virtual Gallery gibt es außerdem Kurzportraits von vielen anderen Künstlern.

IngresEin Besuch im Prado darf natürlich bei einem Madrid-Aufenthalt nicht fehlen. Dort fand gerade eine sehr umfangreiche und sehenswerte Ausstellung von Ingres Gemälden statt.. Gegenüber auf der Madrider Museumsmeile, im Thyssen Museum, gab es eine umfangreiche Expo mit Gemälden von  Munch zu sehen.

P1280537Emma Dante, die wir im letzten Jahr mit Henzes Kurzoper Gisela in Palermo erlebt haben,  inszenierte eine Cenerentola und wie immer bei ihr ist man vollkommen perplex und überrascht. Diesmal waren die Kleider der Darsteller  mit kleinen Sahneschnittchen zu verwechseln.  Die Oper Rom hat Rossini aber noch ein zweites Mal  gehuldigt mit  einem sehr gewöhnungsbedürftigen Barbier von Sevilla in Form von Grusel-Ideen à la Tim Burton. Ausgezeichnete Sänger und viel Applaus. Vor 200 Jahren wurde Rossinis Barbier im Teatro Argentina in Rom uraufgeführt.

Die Oper Bonn hingegen glänzte mit einer witzigen Cosi fan tutte.

Traviata-Dorothée Lorthiois Auch mit großer Oper beschäftigte sich das französische Ensemble Opera Coté Choer in Paris. La Traviata, mutig und ganz anders. Brechend voll der Espace Pierre Cardin und es gab viele Vorhänge. Die Übersetzung von Jean-Noel Pettit folgt hier: La Traviata (version française).

 P1280710 Auch in Paris gab es eine Mammutausstellung von Anselm Kiefer im Centre Pompidou. Allein schon wegen dieser Schau hätte sich die Reise nach Paris gelohnt. Einfach großartig! Kiefer ist ein großartiger und einzigartiger Künstler, der immer ein wenig weiter geht als die anderen!

Ostia teatro Beeinflusst von Jean Cocteaus Antigone (so gesehen die Fortsetzung der Geschichte nach dem Ende von Ödipus), befasste sich der  große Igor Strawinsky zehn Jahre nach dem Sacre du Printemps-Skandal ebenfalls mit der griechischen Tragödie und arbeitete ab 1925 am Oedipus Rex.  Arien, Duette und Choreinlagen wechseln sich ab. Die Texte sind in Latein und die erklärenden Passagen wurden von einem Sprecher vorgetragen.

goethe-josefstiehler1828 Die Italienreise von Goethe ist vor 200 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht worden (30 Jahre nach seiner Reise!). Die Casa di Goethe hat aus diesem Anlass eine Veranstaltung der Serie Incontri romani dem Geheimrat vom Corso gewidmet. Mario Fortunato und Jan Koneffke haben dazu aus ihren Geschichten über und für Goethe vorgelegen.  Unter diesem Motto haben noch viele andere interessante Abende dort stattgefunden.

Mit Rom und Italien beschäftigt sich auch die  Künstlerin Schirin Fatami. Sie lebt in Rom und in Hannover und man sieht es ihren Arbeiten an, wo sie entstanden sind.

image001 Der kolumbianische Maler Botero ist sehr bekannt aber längst  nicht Jedermanns Sache – auch meine nicht! Vor ein paar Jahren hat er sich nun den Kreuzweg Christi vorgenommen. Dieser war im Frühjahr im Palazzo delle Esposizione in Rom zu sehen. Botero via crucis

Paula Modersohn-Becker wurde im Frühjahr im Pariser Museum für Moderne Kunst gezeigt. Die ausgezeichnete Schau mit über 120 Bildern und Zeichnungen dokumentiert acht oder neun sehr intensive Jahre auf einem (vorzeitigen und rasenden) Weg in die Moderne. Die Briefe aus Paris an die Familie, an Ottos Eltern oder an ihren Mann Otto Modersohn, sind eine einzige Liebeserklärung an Paris.

P1300056 Einen Geburtstagswalzer, einen Tango und noch mehr gab es im österreichischen Kulturinstitut in Rom, welches schon einmal Hans-Werner Henzes 90. Geburtstag am 1. Juli vorfeierte. Das  Cimarrón Ensemble Duo , Christina Schorn und Ivan Mancinelli,  interpretierten u.a. Werke von Hans-Werner Henze (1926-2012), Luca Lombardi  (*1945) und Astor Piazzola (1921-1992).  Miriam Meghnagi hat im selben Kulturinstitut ein paar Wochen später  sehr bewegende Lieder aus Theresienstadt vorgetragen.

La sete di Christo
La sete di Christo ist eine CD des römischen Ensemble Concerto Romano und hat  Anfang Februar 2016 den klassischen Musikmarkt erneut um ein vor-barockes und seltenes Schmankerl bereicherte. Außerdem gab es später im Jahr eine glanzvolle Aufführung von Stradellas San Giovanni Battista, eine wunderbare barocke Preziose, die Stradella selbst wohl als sein bestes Werk bezeichnete. Kein Wunder also, dass Händel und die späteren Zeitgenossen stark beeindruckt waren und in diesem Stil weiter machten. Aber auch das Luther Reformationsjubiläum haben sie sich zum Thema gemacht und eine interessante CD herausgebracht. Klang der ewigen Stadt zu Luthers Zeiten.

Giovanni Battista Pergolesis (1710-1736) Stabat Mater gehört sicher zu den meist gespielten Kirchenmusikstücken überhaupt. Viele große Stars und Musikensembles haben es gesungen und gespielt und die Erwartungshaltung des Publikums ist dementsprechend groß. Concerto Italiano hat es im März aufgeführt und es gab keine Enttäuschung!

Symbolismus Anfang März hat es in Mailand zwei Tage ohne Unterbrechung geregnet und wir haben viel Zeit in Museen verbracht. Mit dabei natürlich das letzte Abendmahl (Cenacolo) und die Pieta Rondanini sowie eine  umfangreiche Ausstellung über den Symbolismus. Für die Ausstellung Alphonse Mucha war die Schlange zu lang, diese konnten wir aber ein paar Wochen später in Rom sehen.

Im April hat der große Pappano Tschaikowskys Fünfte und Strawinskys Psalmensymphonie im Auditorium dirigiert; sowie eine überarbeitete Fassung von Riccardo Panfilis l’Aurora probabilmente. Panfili hat dieses kurze, aber sehr heftige und aufregende Opus posthum dem großen deutschen Komponisten Hans-Werner Henze (1926-2012) gewidmet.

P1300463 Paola Romoli Venturi ist eine außergewöhnliche römische Künstlerin. Ihre happenings haben wir nie verpasst! Im April in Trastevere hat sie ihre neuesten Arbeiten präsentiert. Ad pineam - Licht und Wind kamen wie bestellt und ließen ihre zarten Tücher tanzen. Auch auf eine weitere Veranstaltung mit ihr und weiteren italienischen Künstlern möchte ich gerne hinweisen.  TraNsfusioni#4 (das ist die italienische Version)

P1300712 Der grüne Traum ist ein deutsch-italienisches Wanderprojekt, an dem sich Künstler, Musiker und Dichter beteiligen. Dieses Jahr waren das u.a. Silvia Stucky, Beate von Essen, Lello Torchia, Maria Semmer  und  viele andere  die in der bezaubernden Villa Gregoriana bei Tivoli ihre Arbeiten zwischen Ruinen und Vegetation installierten, die man bei einem Spaziergang durch den Park entdecken konnte.

Mit Natur befasste sich auch eine Ausstellung im Archäologischen Museum in Neapel. Mito e Natura behandelte Mensch und Natur anhand von umwerfenden Fresken von Lustgärten oder Episoden aus der griechischen Mythologie.

P1320594 Ein anderer Entdeckungspaziergang führte uns zum Lungotevere, wo sich William Kentrich mit seinen Mammutfresken  “Triumphs and Laments” verewigte.  In sechs Monaten hat der südafrikanische Künstler und Theatermann William Kentridge auf über 500 Meter am Tiberufer zwischen Ponte Sisto und Ponte Mazzini (Piazza Tevere) die Geschichte Roms in 80 übergroßen Figuren wild durch die Jahrhunderte portraitiert. Später, im Sommer in Berlin, gab es passend dazu die Ausstellung No it is im Gropius Bau.

Mit dem Rhein hat sich sich eine Ausstellung in Bonn beschäftigt. Eine europäische Flußbiografie hat die Bundeskunsthalle aufgezeichnet und der Besucher  reist von der Quelle bis zur Nordseemündung dieses stolzes Stromes.

fff Das Fast Fortward Festival fand dieses Jahr zum ersten Mal statt. Zeitgenössische Musik wurde hier zwei Wochen lang aufs intensivste aufgeführt und präsentiert – in allen bedeutenden Theatern Roms. Eröffnet wurde es mit Heiner Goebbels Schwarz auf Weiß  das  er vor über 20 Jahren für und mit dem Ensemble Modern konzipierte. Deshalb kann es auch nur von diesem Orchester aufgeführt werden.  Bis jetzt kam es ca. 100 Mal zur Aufführung u.a. in Berlin, Brüssel. Dresden, Paris, Sevilla, Luzern, Taipeh, Moskau, Wien, Prag, München und Salzburg und fast alle Beteiligten sind schon seit der Uraufführung 1996 im Frankfurter Bockenheimer Depot mit dabei. Es ist Nacht und die Sieben sitzen in einem hohen Saale in der Stadt Ptolemais. Es wird zwar nicht extra erwähnt, aber wir wissen es trotzdem: sie können nicht entkommen, sie sind isoliert. Einer von ihnen, der junge Zoilus, ist schon tot.

Proserpina von Wolfgang Rihms war ebenfalls Teil dieses Festivals. Rihm kam extra dafür nach Rom und begleitete diesen großartigen Ausklang des ersten aber schon recht erfolgreichen Festivals. Hoffentlich wird es weitergehen.

P1320737 Die Stipendiatin der Casa Baldi in Olevano Romano, Antonia Low, präsentierte im Frühjahr im Palazzo Altemps in Rom ihre Installation « Status of Lost Imagery ». Hierbei ging es um die Bombardierung des Palmyra-Museum. Low hat ein Zeitungsfoto von der Verwüstung des archäologischen Museums vergrößert und dieses gepixelte Bild auf Stoff gedruckt.  Mit Schutzschuhen durfte  man die Ruinen betreten, das heisst sich über und in  ihnen bewegen. Spannende Ruinenbegehung!

Isabella Ambrosini hat mit dem Orchestra Roma Tre im Mai die  Cavalleria Rusticana im Palladium aufgeführt. Dieser Artikel ist in italienischer Sprache. 

P1000187 Dido und Aeneas in Montepulciano  war eines der großen Ereignisse oder vielleicht sogar das Hauptereignis dieses Jahr beim Cantiere in Montepulciano. Regie führte  Michael Kerstan. Mit wenig Mitteln und ausgezeichneten Solisten, unterstützt von einem perfekten Chor und dem diskreten Modus Ensemble Roma unter Mauro Marchetti, haben die Protagonisten das Publikum im Tempio di San Biagio – der übrigens auf einen Bauplan von Bramante zurückgeht und ein perfektes Beispiel einer römischen Basilika ist – regelrecht verzaubert.

Und dann hieß es:

Addio Roma (hinter den links verbergen sich drei Rom-Spaziergänge)

mauer in Rombernini-vierstromebrunnen11201171_448806971964877_8353486730606813120_n

und Hallo Berlin

P1010011kuppel reichstagP1000620

 

Hier hat  uns nicht nur italienische Sonne empfangen sondern auch eine  Velazquez Ausstellung!

 

csm_42_ESDO_Katalog_b88a2f60afEl Siglo de Oro. Die Ära Velázquez – Dunkel und furchterregend ist sie, die Malerei dieses Goldenen Zeitalters in dem herrschsüchtigen, strengen und selbstsicheren Spanien, wo es nicht viel zu lachen gab. Die Protagonisten auf den Bildern dieses kulturell so starken Jahrhunderts strahlen keine Freude oder Leichtigkeit aus. Direkt aus dem Manierismus herausgerissen, überbetont, streng ist sie noch lauernd vorhanden, la Santa Inquisición(die heilige Inquisition).

blick in den GartenDer August hat sich von seiner besten Seite gezeigt und das Einleben in Berlin recht leicht gemacht. Ein  Ausflug an den Wannsee, wo sich der Maler Liebermann einen Sommersitz errichtet hatte, war gerade richtig: Max Liebermann (1847-1935) gehört zu den wichtigsten deutschen Wegbereitern der Moderne. Von Anfang an hat er gegen die Akademiker gekämpft und mit der Gründung der Berliner Secession, bei der er eine wichtige Rolle gespielt hat, die Hauptstadt in den künsterlischen und kulturellen Vordergrund gerückt – er selber ist dann aber irgendwo auch zwischen Biergärten und Portraits stecken geblieben. Geboren im Zentrum von Berlin wo heute das Liebermann-Haus steht (in dem eine Ausstellung über Harry Graf Kessler zu sehen war) hat er sich 1909 ein Sommerhaus am Wannsee bauen lassen. Sein „Schloss am See“, wie er es nannte. Mit Anfang 60 hat er sich gerne hierher in die Ruhe zurück gezogen und über 200 Gemälde sind dort entstanden. Ab 1914 bis zu seinem einsamen Tod 1935 verbrachte er viele Monate dort. Von den Nationalsozialisten verfemt, zwangen diese seine Witwe Martha 1940 zum Verkauf des Hauses. Sie entzog sich 1943 durch Selbstmord einer Deportation. Nach dem Krieg allerdings ging das Haus an die Erben zurück, die es an die Stadt Berlin verkauften.

P1000285Emil Nolde – Der Maler  – Aufdringliche Farben und Nordlicht. Emil Nolde (1867 – 1956) malte mit den Fingern und Händen, ein Pinsel reichte nicht, um diese grelle Leidenschaft auf die Leinwand zu bringen. Ein krasser Gegensatz zu der weiten und unendlichen nicht immer farbigen Welt an der Frieslandküste. Naturgewalt, Einsamkeit, Legenden und gruselige, übertriebene Bauern- und Seemanns-Geschichten, die man sich nach Sonnenuntergang mit Gänsehaut zu erzählen pflegte, hat Nolde auf die Leinwand gebracht und uns ins Gesicht geschleudert.

P1000585 Wolfgang Rihm hatten wir ja beim FFF in Rom mit Proserpina gehört und erlebt. Da war es natürlich klar, dass wir uns Tutuguri nicht entgehen lassen würden. Das Berliner Musikfest wurde damit eröffnet.  Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht werden (Antonin Artaud 1947) . Französischer Surrealist trifft auf mexikanische Totentänze und Rihm macht die Musik dazu. Das klang gut und verheißungsvoll: aber es ist noch viel viel mehr! Es ist ein Erdbeben, ein musikalischer Horror-Tsunami, ein götterdämmernder Phönix-Weltuntergang!

P1010069 Die Kantorin der Kirche zur frohen Botschaft in Berlin-Karlshorst, Beate Kruppke, dachte sich zum 150. Geburstag von Eric Satie und zum 25. Todestag von Olivier Messiaen etwas ganz besonderes aus. Sie stellte ein ungewöhnliches Orgelprogramm zur Ehren der französischen Freigeister und  zur Aufführung auf der Amalienorgel in Karlshorst zusammen. Der Dritte im Bunde war ein weiterer Franzose, der Komponist César Franck (1822-1890).

postidentischeslebenGroßartig der erste Besuch in der Neuköllner Oper . EINE SPEKULATION ÜBER DIE FREIHEIT. Welcome to the office for postidentical living - Shape – edit – customize: Der Erfolgreiche muss sich optimieren, sich abgrenzen, besser sein, fit sein, digital sein, angepasst-unangepasst sein, seine personelle Identität pflegen und diese ausbauen, um vielleicht in einer kollektiven Identität heimlich Unterschlupf zu finden. Unsere Identität unterscheidet uns von den anderen, macht uns einmalig. Aber wozu brauchen wir das? Was brauchen wir überhaupt? Wissen wir was wir wollen? Stylen, shapen, bloggen, sich selfen, bewundert werden. Wie anstrengend, diese permanente Überforderung dem uns gebotenen information overflow gerecht zu werden: Nur wer das alles nicht (mit)machen muss, kann frei sein.

P1000693Das Büro für postidentisches Leben hat also die Antworten und Lösungen. Aber KAP HOORN, eine witzige Aufführung im Theaterdiscounter, vermittelt den  Jahrmarkt der Wünsche und Träume .  Aber was hat Napoleon mit Aschenputtel zu tun? Sehen Sie selber!

Ausstellungsplakat Der Golem, diese berühmteste Legendenfigur der Kabbala, ist ein seelenloses Wesen aus Lehm oder Sand. Er wird durch Rituale oder geheime Buchstabenkombinationen von einem Menschen zum Leben erweckt und ist mit übermenschlicher Kraft ausgestattet. Das Jüdische Museum hat ihm eine sehr interessante Ausstellung gewidmet.

P1010005Die Stadt Weimar war 1999 Europäische Kulturhauptstadt. Das war für den derzeitigen Chef des Berliner Staatsballetts, Nacho Duato, die Gelegenheit, Johann Sebastian Bach zu huldigen. Mit Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere hat er auf ganz besondere Weise Person und Werk dieses einzigartigen Komponisten gewürdigt. Er hat Bach auf die Bühne und ins Zentrum des Geschehens geholt.

P1000911 Siegfried Lenz ist 1926 als  Sohn eines Zollbeamten in Ostpreußen geboren. Mit 42 Jahren hat er seinen wichtigsten und einen der bedeutendsten deutschen Nachkriegsromane, Deutschstunde, veröffentlicht. Bei Deutschstunde geht es um Pflicht, Schuld, Macht, Freundschaft und Verlust und um das Nichtentkommen der Geschichte. Das Ensemble hat es aufgeführt. Aber auch die traditionelle Peymannsche Mutter Courage und ihre Kinder hat uns sehr gut gefallen.

Mauer-cmb-klein Traum, Nacht, Alptraum – Ian Bostridge erzählt von  Kriegen, Nachteulen und Meeresungeheuern. Mit Träumen, Natur und Illusionen hat sich in diesem Jahr auch die österreichische Künstlerin Christa Linossi beschäftigt.

100 Stuehle (1)Am 1. November 2016 feiert der Hamburger Bahnhof seinen 20. Geburtstag. Er entstand als  weiteres Haus der Nationalgalerie und dort werden während der Umbauarbeiten der Neuen Nationalgalerie abwechselnd Werke des deutschen Expressionismus – wie zurzeit Ernst Ludwig Kirchner HIEROGLYPHEN  – gezeigt.   Eine der besten Ausstellungen überhaupt mit Arbeiten von Carl André war 2016 im Hamburger Bahnhof zu sehen. Aber auch das Thema Kapital hat das Museum beschäftigt. Hier der Bericht.
AusstellungsplakatUnheimlich war der Titel der Ausstellung im Kunstmuseum in Bonn, die zur Zeit noch in Bonn zu sehen ist (bis Januar 2017). Unheimlich bedeutet schauerlich, gruselig oder furchterregend. Der Titel ist deshalb nicht sehr aussagekräftig, denn hier geht es auch viel um Angst und Einsamkeit, um Unwohlsein, um Hinweise auf Gewalt, versteckte und offensichtliche und um Traum und Wirklichkeit. Kein Entkommen, Dinge, Totenhaus, Alpträume, Einsamkeit, die Anderen,  Verschwinden, Tatorte sind die Schlagwörter und in diese ist die Ausstellung unterteilt.

P1040281 Bei der Geisterbraut ging es auch unheimlich zu. Diese  opernhafte und selten aufgeführte spätromantisch-wagnerianische Ballade von Antonín Dvořák (1841-1904) wurde  aus Anlass des 175. Geburtstags  dieses böhmischen Komponisten von der Berliner Singakademie und dem Konzerthausorchester unter Achim Zimmermann im Konzerthaus in Berlin aufgeführt. Isabelle Faust hat mit Werken von Luigi Nono  in der Philharmonie ebenfalls bella figura gemacht.

P1010413Der Britische Blick: Deutschland – Erinnerungen einer Nation. Mit dem Deutschlandbild der Briten hat sich diese Ausstellung beschäftigt, die auch uns so einiges über uns beigebracht hat. Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden(Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Xenien, 1796)

maulwerk Maulwerker -  Lautdichtungen und Sprechduette hat sich in einer Veranstaltung organisiert durch KONTRAKLANG im Heimathafen präsentiert. Gerhard Rühm, der bei der gestrigen Performance im Heimathafen Neukölln persönlich anwesend war, ist einer der bedeutendsten Künstler, ein Tausendsassa oder Wunderwurzi wie die Österreicher sagen. Er ist Schriftsteller, Lyriker, Schauspieler, Komponist, Performancekünstler, Maler und Poet. Er Gedichte oder Lautdichtungen aus seinem Repertoire vorgetragen – allein und Sprechduette er mit seiner Frau, der Musikpublizistin Monika Lichtenfeld. Dass er 86 Jahre alt ist würde man nicht vermuten. Temperamentvoll und witzig, ein einfallsreicher Sprachkünstler und Grenzgänger zwischen Noten, Buchstaben und Sprachexperimenten.   Kontraklang hab ein paar Wochen später das anstrengende aber sehr interessante Konzerthappening « Nach Kagel » - auch wieder im Heimathafen Neukölln organisiert. Und hier ging es um Sprechmusik, Peinlichkeit, Heilkräuter und um einen heiseren Wanderer! Lesen Sie selber!

P1010457Terpsichore, Liebesgötter und kalte Schönheiten. Der italienische neoklassizistische Künstler Antonio Canova (1757-1822) zählt zusammen mit dem Dänen Thorvaldsen zu den bedeutendsten Bildhauern seiner Zeit. Das Bode-Museum hat ihm diese Ausstellung über den Tanz ausgerichtet – mit dem schönen Titel:  Canova und der Tanz!

P1010502 Il Triunfo dem Tempo e del disinganno von Georg-Friedrich Händel zählt schon seit langem zu meinen Lieblings-Händel-Kompositionen. In diesem Stück hat er sich auch eine Rolle gegeben und deshalb wird er zur Sonata im ersten Teil er als anmutiger Jüngling an der Orgel (Thomas Guggeis) begleitet von Corelli an der Geige (Wolfram Brandl) ins Restaurant geschoben. Wunderbare Aufführung im Schillertheater! Viel Applaus für alle aber vor allem für das Vergnügen!

P1010637 Reden ist nicht immer die Lösung - meint Omer Fast in seiner im Rahmen des Programms „Immersion. Analoge Künste im digitalen Zeitalter“ im Martin-Gropius Bau organisierten Ausstellung, bei der sieben Filmprojekte von ihm gezeigt wurden. Der israelisch-amerikanische Videokünstler verarbeitet in seinen Projekten Krieg, Gewalt, Sex, Erziehung und Zusammenleben.  Und hier erwähnte ich Clemens von  Wedemeyer ; der  so ähnliche Geschichten in Hamburg erzählte.

P1010662 Die Europäische Akademie für Musik und Darstellende Kunst Palazzo Ricci ist ein bedeutendes deutsches Kulturprojekt in Italien, das sich vor allem der Musik widmet.  Seit dem Jahre 2000 sitzt die Hochschule für Musik und Tanz Köln in diesem Palast, der nach umfangreichen Renovierungsarbeiten im Jahre 2001 als Europäische Akademie wieder eröffnet wurde. Und damit sind wir auch schon beim Anlass des gestrigen Abends: das 15-jährige Jubiläum. Die Akademie feierte ihren Geburtstag mit einem Konzert, das  mit einem ganz besonders sorgfältig ausgesuchten Programm am Gendarmenmarkt im Berliner Konzerthaus bestach.

P1010682 Good Bait (guter Köder) ist das aktuelle und neuestes Standard-Programm der Quartett-Jazzband die den Beinamen … die flexible Einsatztruppe  bestehend aus dem Saxophonisten und Gründer der Truppe Markus Ehrlich, dem gerade aus New York zurückgekehrten Pianisten Johannes von Ballestrem, dem Bassisten Tom Berkmann und dem Schlagzeuger Philipp Schaeper. Dann haben wir noch den Piano Salon Christophori entdeckt – hier kann man alles hören – meist klassisch, aber es steht durchaus auch mal dann und wann ein Jazzabend an. Im Jazzclub Zig Zag in Berlin ist die Gruppe Subtone aufgetreten, die vor allem eigene Kompositionen gespielt haben. Schöner Club!   Der bekannte schwedische Posaunist und Sänger  Nils Landgren, alias Mr Redhorn, trifft beim diesjährigen Young Euro Classic Festival auf das junge Ensemble Olivinn, das die türkische Komponistin und Pianistin gegründet hat. Hier wurde Jazz mit Klassik verbunden und formell in einem Konzerthaus aufgeführt. 

P1010522 Die Stadt“ hat Theodor Storm sie ganz schlicht genannt. Zu seiner Zeit hat er wohl auch noch  durch die Stille las Meer brausen gehört. Das ist jetzt nicht mehr so, aber die Möwen, die Luft, das Salz darin, das Ebbe und Flut Spiel, das den Hafen hebt und senkt, ist immer noch so.   Jan Christophersen hat über diese so ganze andere Welt den Roman « Schneetage » geschrieben. Hier die Rezension!

Eine andere ganz besondere Reise ging in die Bretagne. Fünfzehn Kilometer vom Festland entfernt liegt sie, eine der größeren bretonischen Atlantikinseln: Belle-Île-en-Mer. 45 Minuten dauert die Überfahrt mit der Fähre von Quiberon nach Le Palais, der Hauptstadt von Belle-Île mit ungefähr 2600 Einwohnern. Hier verbrachte die Schauspielerin Sarah Bernhardt viel Zeit zwischen Felsen, Wind und Einsamkeit.

George Grosz - Grauer Tag Die Neue Nationalgalerie ist noch immer wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Deshalb zeigen die anderen « Filialen » abwechselnd Werke aus dieser umwerfenden Sammlung der Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Hamburger Bahnhof ist immer noch  Kirchner zu sehen und im Scharf-Gerstenberg Museum noch bis zum 23. April 2017 die Ausstellung « Surreale Sachlichkeit » Werke der 1920er- und 1930er Jahre aus der Nationalgalerie.

P1010830 Zarzuela ist spanisches Musiktheater vom Feinsten. Spitzbubenhafte Komödie, Folklore und populäre Romanzen verbunden mit spritziger Musik, opernähnlichen Arien, Temperament und guten Geschichten. Sie entstand im 19. Jahrhundert und wurde sowohl in Spanien als auch in Südamerika, vor allem in Argentinien, Mexiko aber auch in Kuba mit großem Publikumserfolg aufgeführt. In der Berliner Bibliothek des lateinamerikanischen Institut gegenüber der Gemäldegalerie wurde im Dezember eine Ausstellung über die Zarzuela eröffnet. Zur Eröffnung haben  zwei glänzende Interpreten Kostproben vorgetargen.

P1010868 Vor 500 Jahren, 1517, hat Martin Luther (1463-1546 in Eisleben), Mönch und Theologieprofessor  seine 95 Thesen zum Ablasswesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. Dort, im Wittenberger Kloster, kam ihm auch die Erleuchtung. Sein Turmerlebnis sollte die Welt, nicht nur die gläubige, verändern und die Reformation auslösen.  Ein Jahr später ist er dann auch gleich nach Rom vorgeladen worden. Schon  1516 hatte Luther öffentlich gegen die Ablasspraxis gepredigt. Über Musik in der Zeit Luther in Rom hat Concerto Romano im letzten Jahr eine wunderbare CD herausgebraucht.

P1020013  Zauberwald, Pemplum und Kuschel-Riesenplüschtiere. Die Premiere dieser Inszenierung von August Everding mit einem Bühnenbild von Fred Berndt nach den herausragenden Entwürfen der grandiosen Sternenkuppel (die Tassen und Geschirrtücher ziert) oder den ersten Auftritt der Königin der Nacht auf der Mondsichel vom Berliner Architekten und Baumeister Karl Friedrich Schinkel für die Berliner Königlichen Schauspiele 1816 fand schon 1994 statt. Sie gehört heute zu den am meisten gespielten Zauberflöten in Berlin und sorgt jedes Jahr wieder für ein volles Haus.

P1020021 Kindl ist vor allem Biertrinkern ein Begriff. Die ehemalige Brauerei in Neukölln wurde vor ein paar Wochen als neues zeitgenössisches Kulturzentrum in Berlin eröffnet. Ein Besuch ist hier beschrieben. Zur Zeit sind zwei Künstler dort ausgestellt.

 

Ein frohes, glückliches, beschwingtes, kulturelles und gesundes Jahr 2017 wünsche ich allen blog Besucher/innen.

Christa Blenk

 

 metallungeheuer (2)P1020059
Street Art in Berlin

 

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

Lutherstadt Wittenberg

P1010905
Martin Luther (Auszug aus dem Cranach Gemälde Der Reformationsaltar – Predella) um 1548

 

 

Vor 500 Jahren, 1517, hat Martin Luther (1463-1546 in Eisleben), Mönch und Theologieprofessor  seine 95 Thesen zum Ablasswesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. Dort, im Wittenberger Kloster, kam ihm auch die Erleuchtung. Sein Turnerlebnis sollte die Welt, nicht nur die gläubige, verändern und die Reformation auslösen.  Ein Jahr später ist er dann auch gleich nach Rom vorgeladen worden. Schon  1516 hatte Luther öffentlich gegen die Ablasspraxis gepredigt.

Im 16. Jahrhundert war die kleine Stadt Wittenberg, die seit 1938 offiziell Lutherstadt Wittenberg heißt, kulturelles, geistiges und politisches Zentrum. Martin Luther, Philipp Melanchthon, Lucas Cranach d.Ä. waren alle Drei nicht aus Wittenberg, sollten aber zum Ruhm dieser Stadt einen entscheidenden Beitrag leisten.

Im Jahre 1502 wurde auf Betreiben von Friedrich dem Weisen die Universität Wittenberg gebaut, die sich sehr schnell zum Anziehungspunkt für Künstler und Intellektuelle entwickelte. Cranach kam 1505 in die Stadt, Luther 1508. Angetrieben u.a. auch durch die Buchdruckerkunst  erlebte die Stadt einen schnellen wirtschaftlichen und intellektuellen Aufschwung. Luthers Thesenanschlag 1517 und die Konsequenzen daraus zogen noch mehr Gelehrte und Studenten an und die Universität wurde zu einer der fortschrittlichsten überhaupt.  1518 kam Philipp Melanchthon in die Stadt.  Das Rom der Protestanten wurde Wittenberg auch genannt.

Gemälde von beiden Cranach (dem Älteren und dem Jüngeren) oder aus deren Werkstatt hängen in der Stadtkirche St. Marien, im Lutherhaus oder im Melanchthon Haus. Fast alle bekannten Portraits von Luther oder Melanchthon hat Cranach d.Ä. gemalt.

 

P1010883
Reformationsaltar von Crananch d.Ä. um 1548

 

Die bedeutendsten Werke sind wohl in der Stadtkirche zu finden. Darunter Cranachs großes Reformations-Triptychon : Der Reformationsaltar. Es beschreibt auf dem linken Seitenflügel eine Taufe, die Melanchthon gerade ausführt und bei der ihm der Maler Cranach assistiert. Auf dem rechten Flügel nimmt  der Stadtpfarrer und Beichtvater von Luther,  Johannes Bugenhagen, ihm gerade die Beichte ab, zu seinen Füßen ein Büßender. Der Mittelteil  zeigt die Sakramente, Taufe, Beichte und Abendmahl. Luther sitzt als Junker Jörg mit am Tisch und bekommt gerade einen Becher Wein gereicht. Auch weitere Personen sind identifiziert wie der Lutherbibel Verleger und Drucker Lufft. Neben Christus links im Bild sieht man Judas in Gelb. Burg und Baum im Hintergrund. Der schönste und künstlerisch wichtigste Teil ist die Predella.  Man sieht rechts einen predigenden Luther  mit erhobener Hand. Er sieht jung aus, obwohl er bei Fertigstellung des Bildes schon nicht mehr lebte.

Man weiß nicht genau wann es entstand, wahrscheinlich um 1548; Luther ist 1546 verstorben.

Das Melanchthon Haus gehört ebenfalls zum UNESCO-Welterbe. Sein tägliches Leben ist dort zu sehen, sein Arbeitszimmer und die Unterkünfte für Studenten. Er lebte dort mit seiner Frau und seinen Kindern. Viele seiner Bücher liegen dort und wieder Portraits, die Cranach und Holbein gemalt haben.

 

P1010914
Melanchthon Haus
 

Lutherstadt Wittenberg muss sich nun allerdings beeilen, denn gerade jetzt ist das Lutherhaus wegen Renovierungsarbeiten  geschlossen.

P1010868
Schlosskirche (Thesen)

 

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

Buchbesprechung – Schneetage

P1010557
Funde aus Rungholt im Husumer Museum

« Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren ». Dieser Satz aus einer bekannten Ballade von Detlev von Liliencron beschränkt die erste „Große Mandränke“, die Sturmflut, die 1362 die Insel Rungholt verschluckte. Die Rungholter sollen geld- und raffgierig gewesen sein und die Legende sagt, dass sie damit wohl bestraft werden sollten. Wenn ein Volk geschäftstüchtig ist, dann hat es auch Schätze.

gois-halbgeflutet2

Das „Atlantis“ im Wattenmeer und die Schneekatastrophe in Schleswig-Holstein 1978/79 sind die Eckpfeiler von Jan Christophersens Debüt-Roman „Schneetage“. Paul Tamm ist der Wirt vom Grenzkrug, ein Gasthaus an der deutsch-dänischen Grenze. Kurz vor Silvester wird er mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. In der Geborgenheit von Pauls Büro, konfrontiert mit Angst und aufziehenden Schneestürmen läuft Jannis’ Erinnerungsfilm ab. In Zeitsprüngen erzählt er, Pauls Ziehsohn, die Geschichte der Familie, die auch seine ist. Er denkt an Pauls wortkarge Besessenheit von der versunkenen Insel Rungholt, an die geheimnisvollen Funde im Watt, an Sensationsjournalisten und an die mysteriöse Okarina-Flöte, mit der alles begann. Er beschreibt die abenteuerlichen Wattausflüge mit Paul, bei denen er die alte Gräfin auf einer einsamen Hallig kennenlernt und die Beziehung zu Pauls Frau, die immer mehr die Rolle der ewig unzufriedenen Nörglerin bekommt. Sie muss den Grenzkrug zusammenhalten aber Paul gibt zuviel Geld für seine Leidenschaft, die Watt-Mission, und für teure Fund-Analysen aus. Das Wirtschaftswunder geht trotz Dauergast, in der Person einer teetrinkenden Maler-Hommage an Siegfried Lenz, am Grenzkrug vorbei. Als Jannis Paul schließlich im Krankenhaus besucht, weiß er plötzlich, was er tun muss. Er kauft sich ein Ticket nach England, um seinen Vater zu suchen.

Stoisch und bodenständig die Personen, emphatisch und reich die Sprache. Der faszinierende Ebbe- und Flutzauber bringt den Leser zwar nicht zum Lachen, erweckt aber den Archäologen in uns und den Wunsch, im Watt zu buddeln, um wenigstens die Scherbe einer Kirchglocke oder einen Auerochsenschädel zu finden.

schnee

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

Husum und Rungholt

Husum

 

P1010520P1010522P1010543
Am Hafen (Fotos: (c) Christa Blenk)

„Die Stadt“ hat Theodor Storm sie ganz schlicht genannt. Zu seiner Zeit hat er wohl auch noch  durch die Stille las Meer brausen gehört. Das ist jetzt nicht mehr so, aber die Möwen, die Luft, das Salz darin, das Ebbe und Flut Spiel, das den Hafen hebt und senkt, ist immer noch so.

„Doch hängt mein ganzes Herz an dir, du graue Stadt am Meer“.  (T.Storm)

Grau ist sie auch nicht; die Innenstadt ist farbenfroh und freundlich.

 

 P1010537P1010530P1010515
 die ältete Straße von Husum (Fotos: (c) Christa Blenk)

Skandinavien, Schleswig und Friesland vermischen sich hier. Husum bedeutet „zu den Häusern“. 1597 ist die Stadt in einer Sage  beschrieben worden, aber schon 1409 wurde der Name zum ersten Mal erwähnt und 1640, nur sechs Jahre nach der zweiten großen Sturmflut, der Buchardiflut, entstand die „Chronica der Stadt Husum“. Händler und Seefahrer waren sie, die Bewohner, Vieh, Getreide und Salz waren ihre wichtigsten Güter.

Als die bedeutende Händlerhochburg Rungholt 1362 von einer Sturmflut  vernichtet wurde, begann der Aufstieg von Husum. Schon im Jahre 1603 erhielt der Ort Stadtrechte und die Stadt wuchs. Ende des 18. Jahrhunderts wohnten hier knapp 3500 Personen, im Deutschen Kaiserreicht stieg die Einwohnerzahl auf knapp 10 000, im ersten Weltkrieg waren es um die 15 000 Einwohner und nach dem zweiten Weltkrieg, aufgrund von Flüchtlingen und Vertriebenen die aus dem Osten kamen, wuchs Husum auf 25 000; heute sind es wieder ein paar weniger.

 

P1010552P1010557P1010536
 Im Museum – mit dem Buchhändler und Verleger Detlev Auvermann (Fotos: (c) Christa Blenk)

 

Prominent und stolz steht er dort, der Sturmflut-Pfahl am Binnenhafen und dominiert die Stadt; die Bewohner zeugen ihm Respekt, denn er zeigt die Wasserstände nach den wuchtigsten Fluten an, die den Ort maßgeblich prägten und prägen. Über die zwei großen Sturmfluten berichtet gerade eine sehr gut gemachte und informative Ausstellung im Museum.

»Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren…« Der Satz ist vom Dichter Detlev von Liliencron, der  in seiner Ballade von 1883„Trutz, blanker Hans“? die große, alles mit sich reißende Sturmflut von 1634, die Grote Mandränke, beschreibt. Sie hat die vor Husum gelegene Insel Nordstrand verwüstete.

Rungholt ist das sagenumwobene und geheimnisvolle Atlantis der Nordsee. Irgendwo zwischen Pellworm und Nordstrand soll es ganz tief begraben liegen mit vielen Kirchtürmen und Gütern von wohlhabenden Händlern. Die Ebbe bringt dann und wann wieder etwas an die Oberfläche. Nach der Sturmflut von 1362 konnten sich die nordfriesischen Inseln und Halligen wieder etwas erholen und den Handel einigermaßen etablieren; die Große Mandränke 1634 vernichtete allerdings komplett und definitiv den Ort und seit dem sind  Forscher und Dichter, Künstler und Abenteurer gleichsam fasziniert und besessen, Zeitzeugen oder Schätze ans Tageslicht zu holen oder gerade am richtigen Ort zu sein, wenn das Meer wieder etwas zurückgibt. Über die Flut von 1634 gibt es Schilderungen von Augenzeugen, während man von der im 14. Jahrhunderts so gut wie nichts weiß. Über 8000 Menschen sind umgekommen. Von Brunsbüttel bis Tondern tobte die Flut und irgendwo da draußen im Watt hat es gelegen…. Rungholt!“

 

P1010563
 Schloss vor Husum (Fotos: (c) Christa Blenk)

 

In der gut gemachten und didaktischen Ausstellung über den Mythos Rungholt werden zum ersten Mal wichtige Neufunde und Forschungsergebnisse vorgestellt, darunter das Modell eines Rungholter Schädels, hergestellt an der Flensburger Universität. Der Forscher Andreas Busch hat ihn 1925 im Watt gefunden. Man erfährt über den Deichbau und über das Torfstechen, die Salz- und Landgewinnung und den Küstenschutz. Die Wohnkultur auf den nordfriesischen Halligen wird erklärt und die Tierwelt im dortigen Wattenmeer dokumentiert. Über Hörstationen kann sich der Besucher selber ein Bild machen und die Phantasie zum blühen bringen.

Das Museum besitzt aber auch sonst sehenswerte Gegenstände und Kunstwerke und erzählt über den Museumsstifter Ludwig Nissen, der in Amerika reich wurde.

Interessant ist auch ein Besuch im Schloss vor Husum; es ist das Kulturzentrum der Westküste Schleswig-Holsteins; hier ist auch das Puppentheater Museum untergebracht, in dem reichlich an Storms Pole Poppenspäler erinnert wird. Wunderbare Marionetten, Puppen und Theaterrequisiten sind dort zu sehen. Ein Traum für Groß und Klein. Es heißt vor Husum, weil es außerhalb der ehemaligen Stadtgrenzen lag und wurde im 16. Jahrhundert von Herzog Adolf von Schlwesig-Holstein-Gottorf erbaut. Im 17. Jahrhundert war es Witwensitz für die Herzoginnen Augusta und Maria Elisabeth. Im 18. Jahrhundert rettete es König Friedrich V von Dänemark vor dem Verfall.

Der Buchhändler und Verleger Detlev Auvermann, der seit 40 Jahren zwischen Husum und Pellworm lebt, hat dem Museum und dem Schloß so einige Leihgaben und Schenkungen überlassen.

 

Mehr über Rungholt und die Schatzsuche hier

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Der Rhein – eine europäische Flussbiografie

rheinbeibonn
 Der Rhein in Bonn (nicht in der Ausstellung)

 

Der Rhein – Eine europäische Flussbiografie

Der Rhein entspringt im Schweizer Kanton Graubünden und ist 1235 km lang, davon sind knapp 900 km für die Großschifffahrt nutzbar, was ihn zu einer der verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt macht bis er mächtig und stolz in Rotterdam in der Nordsee verschwindet. Der Rhein ist aber längst nicht der längste Fluss Europas. Die Donau zum Beispiel fließt knappe 3000 km durch Europa.

In der Ausstellung herrscht die Farbe Blau vor; dabei wird blau ja eher mit der langen Donau, siehe Donauwalzer, in Verbindung gebracht. Die letzten Jahrzehnte hat er sich von einer gift-gelblichen Kloake in den 70er Jahren wieder auf grün-graues Trinkwasserniveau hochgearbeitet. Hieran erinnert ein Werk von Joseph Beuys aus 1981 Rhein Water Polluted aus dem Kölner Stadtmuseum. Eine durchsichtige Flasche mit braun-gelblicher Flüssigkeit, ähnlich den heute so begehrten power drinks.

Aber außer einem Foto von Andreas Gursky (Der Rhein I) das gleich als Ouvertüre neben Moriz von Schwinds Vater Rhein Schinken aus 1848 hängt und einem Monumentalgemälde von Anselm Kiefer Vater, Heiliger Geist und Sohn, welches unter der Kategorie Europa am Rhein auftritt und aus einer Privatsammlung kommt sowie eine kurze Erinnerung an den 1. Weltkrieg in Form eines Fotos von Willy Römer (Französische Soldaten am Deutschen Eck in Koblenz, 1918/19) das an Caspar David Friedrichs Einsamkeit erinnert, stehen doch die drei Soldaten am Deutschen Eck mit dem Rücken zu uns und blicken auf den stolzen Rhein, ist das 20. Jahrhundert eher vernachlässigt in dieser Rheinbiografie.

Viel Schönes und Edles gibt es zu sehen und Victor Hugos Briefzitate begleiten die Ausstellung, Heinrich Heine kommt natürlich zu Wort aber ansonsten hängen einige mittelmäßige Landschaften und Portraits zwischen den Inselvitrinen, gefüllt mit Preziosen und Skulpturen aus allen Zeiten wie edle Manuskripte oder die Aeneide von Heinrich von Veldecke und allerlei Religiöses. Nicht umsonst hat Maximilian Maximilian I den Rhein als Pfaffengasse bezeichnet. Die Besucher schlängeln sich zwischen Flussgöttern und Allegorien vom Rheinfall von Schaffhausen durch das Siebengebirge vorbei an echten Golddukaten aus dem Rheinschatz und natürlich den Nibelungen. Marianne und Germania, Industrie, Achse der Kirche sind weitere Kategorien, in die diese Ausstellung unterteilt ist.

Wo bleibt die Reise ins Meer von Hannsjörg Voth (hier fuhr eine 20 Meter lange gefesselte Mumie auf einem Floß von Speyer bis in die Nordsee und stürzt sich dort brennend ins Meer. Die Fotografin Ingrid Amslinger hat tagelang die Reise auf dem Land begleitet und alles fotografisch dokumentiert?) und wo bleiben die rheinischen Dichter und Schriftsteller der Nachkriegsjahre wie Heinrich Böll? Da tröstet dann die Rheinische, die musikalisch begleitet, auch nicht mehr.

Die Kuratorin und Kulturhistorikerin Marie-Louise Gräfin von Plessen hat über 300 Exponate für die Ausstellung nach Bonn geholt und es ist nicht das erste Mal, dass sie sich einem Fluss widmet. In den 90er Jahren hat sie schon einmal eine Flußbiografie über die Elbe für die Deichtorhallen in Hamburg organisiert.

Die Ausstellung ist sehenswert aber nicht umwerfend und geht noch bis zum 22. Januar 2016.

Christa Blenk

arpund blick vom Museum auf den Rhein
Blick vom Arp Museum auf dem Rhein

 

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Theaterscoutings Berlin

P1000603

 

In Berlin gibt es unzählige freie Theater und Spielorte (was früher etwa ein off-off Theater war). Ein unübersichtliches und geniales Theaterchaos, das neu Hierhergezogene erst einmal aufnehmen und verstehen müssen. Hier hilft Theaterscoutings. Von Theaterleuten organisierte Touren zu Theater hot spots und Spielstätten im Zentrum Berlins. Gestern Nachmittag fand so eine Tour statt.

Die Theaterregisseurin und Künsterlische Leiterin der Spreeagenten Berlin, Susanne Chrudina, führt unsere kleine Gruppe zu drei freien Berliner Theatern in Kreuzberg/Mitte und spricht über Theaterangelegenheiten, Bedürfnisse, Freuden und Sorgen der Freien Theater, Künstler und Regisseure überhaupt:

Auf dem Programm steht ein Besuch des TAK Theater im Aufbau Haus; des Theaterhaus Berlin Mitte und des Theaterdiscounters in der Klosterstraße. Treffpunkt ist vor dem Modulor in der Prinzenstr. 85, ein wichtiger Ort für alle Regisseure und Bühnenbildner, wie uns Susanne Chrudina versicherte.

Erste Station das TAK im Aufbauhaus, gleich um die Ecke. Wir werden von der Direktorin Nicole Otte begrüßt, die uns in den abgedunkelten Theatersaal führt und mit den Worten « Theaterleute mögen ja kein Tageslicht » die schwarzen licht-undurchlässigen Vorhänge zurückzieht. Das TAK ist ein Ort der Begegnung, offen für Initiativen, für neue Projekte, für Ideen und Visionen. Der Zuschauerraum fasst an die 110 Personen und die Bandbreite geht von Lesungen über Theater, Tanz und Konzertevents bis zur Vermietung des Theaters für Konferenzen oder andere Veranstaltungen. Brisantes und großes Thema ist Migration und Interkulturalität mit geografischem Schwerpunkt auf den Nahen Osten. Sie erzählt über das Theater, die Finanzierungsprobleme und die Freude, zu den Unabhängigen zu gehören.

 

P1000607

 

Wir ziehen über eine Art Niemandsland und bei großer Hitze weiter zum Theaterhaus Berlin Mitte. Ein Produktionszentrum für Freies Theater. Der Probenort und die Plattform für Schauspieler und Gruppen schlechthin sagt uns Susanne Chrudina auf dem Weg dort hin. Hier gibt es 23 bezahlbare und vielseitige Probenräume. Schon für drei Euro/Stunde kann man hier einen Raum mieten und bei offenen Proben Meinungen und Kritiken einsammeln. Über 2000 Künstler und ca. 300 verschiedene Theaterprojekte entstehen dort oder werden dort premierenreif geprobt. Susanne Chrudina bringt uns direkt in das kleine Café und es begrüßt uns der Direktor Christoff Bleidt, der über die Geschichte des Hauses und über die gegenwärtige Situation erzählt. 1992 vom Bezirksamt Berlin Mitte als Theaterprobenraum gegründet, damals noch in der Rosenthaler Straße, musste das Theater einige Male umziehen. Zuerst in ein Elektrowerk später in eine ehemalige Grundschule am Koppelplatz. Seit 2009 sind sie jetzt hoffentlich für länger in dieser ehemaligen DDR Schule an der Wallstraße untergebracht. Hier dürfen wir kurz bei zwei Proben anwesend sein. Barbara Stevenson gibt uns einen Vorgeschmack ihrer 20-Minuten- one-womon-show „Happiness“ das sie auf eine Stunde ausbauen will, wie sie später sagt. Anschließend machen wir noch einen kurzen Abstecher in einen anderen Raum zu den Proben von DIE TAUBE ZEITMASCHINE, eine Deaf-History, gespielt von Gehörlosen und Hörenden für Gehörlose und Hörende, in Gebärdensprache, Lautsprachbegleitenden Gebärden und Lautsprache. Das Stück kommt am 13. September in Hamburg zur Aufführung. Hier herrscht Anspannung und höchste Konzentration und wahrscheinlich stören wir.

Die letzte Station an diesem Samstag Nachmittag ist der Theaterdiscounter. Auch hier empfängt uns der Leiter der Einrichtung, Georg Scharegg. Im TD werden eigene Stücke produziert, er ist aber auch offen für andere Produktionen, deutsche und internationale, klassische und zeitgenössische oder Performances. Gegründet 2003 in der Oranienburger Straße, hat der TD seit 2009 seinen Sitz jetzt in den Räumen des ehemaligen Fernmeldeamtes, ganz in der Näher vom Alexanderplatz. Wir gehen in den vierten Stock, vorbei an Werkstätten und Bühnenbildnern, denn dort läuft gerade die Probe für die nächste Premiere am 16. September von KAP HOORN, eine szenische Konzertinstallation von KOIKATE. Das sah sehr vielversprechend und spannend aus. Aber leider ist uns an diesem Nachmittag die Zeit davon gelaufen und wir müssen auf die Probenteilnahme verzichten. Ein Grund mehr, bei der Premiere am 16.9. oder einer der darauf folgenden Veranstaltungen (17. 22., 23. und 24. September – jeweils um 20.00 Uhr) dabei zu sein.

 

P1000609
KAP HOORN – Premiere am 16.9.

Diese Theatertouren sind eine win-win situation. Die Teilnehmer lernen das Theaterleben hinter den Kulissen kennen und werden hoffentlich zukünftige Zuschauer und Besucher in den freien Theatern von Berlin und überall!

Wir wissen jetzt auf jeden Fall, was wir nächstes Wochenende machen werden!

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 
123

letzte Artikel

Figurengruppe – Emil Cimiotti

Figurengruppe - Emil Cimiotti

Archives

Visiteurs

Il y a 2 visiteurs en ligne

Besucher


LES PEINTURES ACRYLIQUES DE... |
ma passion la peinture |
Tom et Louisa |
Unblog.fr | Créer un blog | Annuaire | Signaler un abus | L'oiseau jongleur et les oi...
| les tableaux de marie
| création