Archives pour la catégorie Musique



Tanztage Berlin : What a Thought is not

Ceci n’est pas une pipe! Heisst eines der berühmtesten Gemälde von Magritte. Es zeigt wirklich eine Pfeife, aber er behauptet das Gegenteil.

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nach der Veranstaltung Maria Walser und Emma Tricard

 

Gestern Abend bei der Premiere der Tanztage Berlin war das genau umgekehrt:

Zwei Pinguine – einer mit einem Schweinekopf, der andere als Ratte – bewegen sich schwerfällig von der hinteren Tür der Bühne Richtung Publikum und Licht und beginnen einen philosophischen Dialog über das was nicht ist. Der Besen ist die Bedeutung; der Stuhl der Sinn und der Boden? darüber wird mich sich nicht so recht einig. Beides, Bedeutung und Sinn, werden zu Beginn der Performance ausgesperrt, hinter die Bühne geschickt. Der Sinn ging also verloren « I sense you lost the sense ….. »

Und dann beginnt ein Dialog über eine Vision auf die Welt, die anders ist, die umbenannt werden sollte oder könnte wenn man es möchte.  Wahrheit und Illusion wechseln sich ab und wenn man etwas oft genug sagt, dann wird es wahr? ´« Still und Leise » singt das Tonbandgerät und Emma gibt vor, die Arie der Königin der Nacht zu trällern; a lie is a lie is a lie wird Gertrude Stein zitiert und so hüpft man durch DaDa und die Surrealisten.  Der Stuhl, der kein Kaffee mit oder ohne Milch ist, ist also der Sinn, der verbannt wird, so dass es gleichgültig ist, ob man Milch oder Sahne in ihm möchte, weil es eh keinen mehr gibt.

Nach 40 köstlichen Minuten Schlagabtausch zwischen Maria Walser (Choreografie) und Emma Tricard (Performance) müssen Bedeutung und Sinn wieder hereingeholt werden, weil Maria gerne mit Emma das Perlenfischerduett singen möchte.

 

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nach der Veranstaltung und nach der Befreiung von Sinn und Bedeutung

 

Alles geht in Rauch auf! Großartige Performance!

 

Die Französin Emma Tricard arbeitet als Performerin und Choreografin in Berlin. Maria Walser ist freiberufliche Tänzerin, Schauspielerin und Choreografin.

Das 21. Tanztage Berlin Festival geht noch bis zum 15. Januar. 2017 und ist mittlerweile eine fest Institution in der Berliner Tanzlandschaft geworden.

Christa Blenk

 

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Avanti, avanti – Neujahrskonzert in der Komischen Oper

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Blick auf den Vatican (Foto : cmb)

Hommage an Rom

Prelude: Irgendwie wollte gar nichts so laufen wie geplant!
Eigentlich sollte der Moderator des Abends Max Hopp mit der roten Vespa auf die Bühne rollen, um die musikalische Reise durch die ewige Stadt am Tiber à la italiana zu begleiten, aber aus nicht näher zu definierenden Gründen hat er die Zeit vergessen und stand plötzlich vor „der vollen Hütte“ . Auf die  noch unter Silvester-Nachwirkung leicht vernebelten Techniker war auch kein Verlass und die Vespa blieb rot und stumm hinter der Bühne!
Das zweite Malheur präsentierte sich  in Form einer klemmenden Toilettentür, die den  Sänger Andreas Bordelli, der den 50er Jahre Rom-Romantik-Kitsch-Dauerbrenner « Volare » hätte singen sollen nicht aus dem Häuschen ließ. Dorthin hatte er sich zwecks Probe und der  ausgezeichneten Akustik auf Grund der Kacheln zurückgezogen. Als die schnell gerufenen und noch nicht wieder komplett nüchternen   Hausmeister der Komischen Oper ihn endlich herausschneiden konnten, bekam er vor Aufregung einen Schluckauf  welcher ihn nun komplett am Singen hinderte.  Die Leitung des Hauses hat deshalb ihn, den Moderator Max Hopp, aufgefordert, doch diesen Ohrwurm selber zu trällern. Das hat er nach längerer Überzeugungsarbeit und zögernder Absprache mit dem ersten Geiger und dem Musikdirektor Nánási auch prächtig und zwischen Anrufen (trotz von ihm dem Publikum auferlegtem Handyverbot) seiner Mutter glänzend hingekriegt – wie die Moderation überhaupt!  (wie Sie sicher schon gemerkt haben, ist diese Einleitung mit Humor zu lesen und kommt zwar Hopps Worten nahe aber nicht der Realität!)

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Rom am Tiber (Foto: cmb)
Avanti, avanti! Salite pure!
Verdis Hunnenkönig Attila steht vor den Toren Roms (wahrscheinlich am Ponte Milvio) dem damaligen mutigen Papst Leo gegenüber und will ihn nicht hereinlassen will. Mentre gonfiarsi l’anima schmettert der großartige Bass Alexander Vinogradov genauso überzeugend wie er nach der Pause den  Don Basilio aus dem Barbiere di Siviglia spielt und singt. Abgelöst von Karolina Gumos und Adrian Strooper mit dem Duett Un soave non so che aus Rosinis Cenerentola. Die Cenerentola  wurde natürlich – wie der Barbiere aus dem Karolia Gumos die Cavatina der Rosina ganz herrlich singt –   in Rom uraufgeführt während Adrian Strooper sich einer  furtiva lacrima von Donizetti hingibt.
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Begleitet wurden diese perfekten Solisten vom Orchester der Komischen Oper; am Pult der Musikdirektor Henrik Nánási. Konzertant gab es obendrein die spritzige Ouvertüre zu Gioachino Rossini (1767-1868) La Cenerentola, die Ouvertüre für Orchester op. 9 Römischer Karneval von Hector Berlioz (1803-1869), der fünf Jahre in Rom verbrachte und sich nie mit dem Karneval  anfreunden konnte sowie Pjotr I. Tschaikowskis Capriccio Italieno op. 45.
Viel Applaus und als Zugabe zu Dritt « O sole mio » – wie kann es anders sein im Januar in Berlin.
Schwungvoll, witzig, perlig und ausgezeichnet dieses 1. Januar Nachmittagskonzert.
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Bernini-Brunnen an der Piazza Navona
Christa Blenk

 

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Ein musiktheatrales Seminar für (potentielle) Führungskräfte

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Klar, auch Sie sind ein High Potential, also Träger größter Fähigkeiten und noch größerer Erwartungen Ihres Arbeitgebers. Wussten Sie gar nicht? Dann aber wird es höchste Zeit. Im Studio der Neuköllner Oper erwartetet Sie ein lukratives Angebot: lassen Sie sich weiterentwickeln von unserem kompetenten Kursleiter, der mit und an Ihnen die wahren Potenziale entdeckt: Effizienz, Commitment, Leadership Development und weitere Soft Skills z.B. fürs Konfliktmanagement – sollten Sie beispielsweise Mitarbeitern die Chance zur beruflichen Neuorientierung geben müssen. (Quelle: Neuköllner Oper)

„Willkommen beim Seminar für potentielle Führungskräfte“ begrüßt der Seminarleiter Thorsten Spacker die Teilnehmer am Seminar und wir, ca. 30 Teilnehmer, betreten einen Raum ohne Fenster. Im Hintergrund eine Leinwand, ein erleuchtend gelber Seminarraum-Sonnenteppich auf blauem Harmonie, Ruhe und Zufriedenheit assoziierendem  Teppichboden, ein Musiker mit Gitarre, an den Wänden ein paar Stühle. Alle (die Zuschauer, die vor dem Betreten des Seminarraumes mit einem Namensschild ausgestattet wurden) kommen aus derselben Firma und wurden aufgrund ihrer Vorgeschichte und ihres Lebenslaufes für dieses Führungsseminar auserwählt. Man wärmt sich auf,  in dem man mit Herrn Füller, der für die musikalische Untermalung zuständig ist, gemeinsam ein Liedchen singt das mit Obstsalat, Zitronen und Melonen zu tun hat, die paar Schritte, die er uns kurz zeigt, sorgen für lockeres Wohlbefinden. Irgendwie schräg, denken wir.

Die Kursteilnehmer-Theaterbesucher werden schließlich aufgefordert, mit den Nachbarn über ihre Stärken und Schwächen zu reden. Bewerbungs- und Feedbackgespräche werden geführt und Herr Spacker konzentriert sich schließlich auf zwei Teilnehmer, die im Konkurrenzkampf für einen wichtigen Posten, der einem großen Sprung auf der Karriereleiter gleichkommt, stehen. Wir werden wieder zu Zuschauern und erleben, wie sie sich beleidigen, anschreien und wie ein realistischer Zynismus Verachtung demonstriert.

Nini Stadlmann, Marco Billep, Urban Luig, Nico Selbach haben mit viel Humor und nachweislichen Coaching Fähigkeiten durch diese 90 Minuten geführt und frühere déjà-vu Seminarerlebnisse aufleben lassen. Jetzt wissen wir Alle, was wir im nächsten Jahr anders machen müssen und – beruflich – auf keinen Fall tun dürfen.

Beim Rausgehen bekam jeder Teilnehmer ein Kompetenz-Zertifikat, ausgestellt vom Zentrum für Schlüsselqualifikationen und vom IPO (Institut für postneurotische Oper). Nach der sehr gelungenen Büro für postidentisches Leben-Aufführung der Neuköllner Oper im Herbst, war das sozusagen die Lösung für diejenigen, die mit der Post-Identität nicht zurecht kamen. Witzig und amüsant allemal!

 

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Johanna Martin & Matthias Messmer haben das coaching-Seminar konzipiert; Songtexte und Musik sind von Markus Voigt und Johanna Martin.

Im Januar gibt es noch ein paarmal die Möglichkeiten zur Teilnahme an diesem Seminar; es reicht der Kauf einer Theaterkarte.

 

Christa Blenk

 

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Blog Highlights 2016 : Musik und Kunst im Rückblick

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Labyrinthe, Geburtstage, unheimliche Träume und Alpträume, eine Kirche in der Toscana, eine bretonische Insel, ein Atlantis in der Nordsee, eine Rhein-Reise, schräge Musik und andere, Tim Burton und Torten, Theater unterm Dach und Off Off, mexikanische Totentänze und römische Geschichte, zwar nicht postfaktische aber postidentische Zustände, ein Elch-Blues und ein Umzug …… und um noch viel mehr geht es in den Highlights 2016!

Aber sehen Sie selber.

 

Enzo Fililetti Mit einem außergewöhnlichen Konzert zum 111. Geburtstag von Giacinto Scelsi hat der Januar das neue Jahr eingeleitet. Das wunderbare kammermusikalische Hauskonzert in Anwesenheit der vier zeitgenössischen italienischen Komponisten, Giorgio Nottoli, Mauro Cardi, Giuseppe Silvi  und Michelangelo Lupone  fand in der  Scelsi Villa in Rom statt. Wir sind eher durch einen glücklichen Zufall darauf aufmerksam geworden. Der Saxophonist Enzo Filippetti (Foto) spielte u.a. Werke von Scelsi, aber auch von anderen zeitgenössischen Italienern. Was für ein Abend!

helenaerklärt Zerebrale Geoden, Pentagramme, Labyrinthe und primordiale Fruchtbarkeitssymbole stellte Helena Aikin im  Januar 2016 im Museum für populäre Kunst im Madrider Altstadtviertel La Latina in einer ehemaligen Corrala (dort wo vor 100 Jahren die Zarzuelas aufgeführt wurden) aus. Die Sammlung dieser faszinierenden Labyrinthe, die sie in den letzten Jahren gesammelt, konzipiert und nachgebaut hat wurde übrigens  später  im Jahr – ebenfalls mit großem Erfolg -  in der UNO in Genf gezeigt.

Abgesehen davon, dass sich Madrid schon deswegen lohnt weil dort die Künstler Cesar Borja, Gerardo Aparicio und Guillermo Lledo wohnen und es immer ein Vergnügen ist, ihre letzten Areiten zu entdecken, war er Ausflug in der Welt der Labyrinthe sehr spannend. Die Königin der Radierungen, Natividad Gutierrez, ist leider dieses Jahr verstorben. In Natis Werken vereinen sich auf der einen Seite die Vegetation ihrer Heimat, der Karibik, sowie ein Licht, das es nur in Madrid gibt.

In der Serie My Virtual Gallery gibt es außerdem Kurzportraits von vielen anderen Künstlern.

IngresEin Besuch im Prado darf natürlich bei einem Madrid-Aufenthalt nicht fehlen. Dort fand gerade eine sehr umfangreiche und sehenswerte Ausstellung von Ingres Gemälden statt.. Gegenüber auf der Madrider Museumsmeile, im Thyssen Museum, gab es eine umfangreiche Expo mit Gemälden von  Munch zu sehen.

P1280537Emma Dante, die wir im letzten Jahr mit Henzes Kurzoper Gisela in Palermo erlebt haben,  inszenierte eine Cenerentola und wie immer bei ihr ist man vollkommen perplex und überrascht. Diesmal waren die Kleider der Darsteller  mit kleinen Sahneschnittchen zu verwechseln.  Die Oper Rom hat Rossini aber noch ein zweites Mal  gehuldigt mit  einem sehr gewöhnungsbedürftigen Barbier von Sevilla in Form von Grusel-Ideen à la Tim Burton. Ausgezeichnete Sänger und viel Applaus. Vor 200 Jahren wurde Rossinis Barbier im Teatro Argentina in Rom uraufgeführt.

Die Oper Bonn hingegen glänzte mit einer witzigen Cosi fan tutte.

Traviata-Dorothée Lorthiois Auch mit großer Oper beschäftigte sich das französische Ensemble Opera Coté Choer in Paris. La Traviata, mutig und ganz anders. Brechend voll der Espace Pierre Cardin und es gab viele Vorhänge. Die Übersetzung von Jean-Noel Pettit folgt hier: La Traviata (version française).

 P1280710 Auch in Paris gab es eine Mammutausstellung von Anselm Kiefer im Centre Pompidou. Allein schon wegen dieser Schau hätte sich die Reise nach Paris gelohnt. Einfach großartig! Kiefer ist ein großartiger und einzigartiger Künstler, der immer ein wenig weiter geht als die anderen!

Ostia teatro Beeinflusst von Jean Cocteaus Antigone (so gesehen die Fortsetzung der Geschichte nach dem Ende von Ödipus), befasste sich der  große Igor Strawinsky zehn Jahre nach dem Sacre du Printemps-Skandal ebenfalls mit der griechischen Tragödie und arbeitete ab 1925 am Oedipus Rex.  Arien, Duette und Choreinlagen wechseln sich ab. Die Texte sind in Latein und die erklärenden Passagen wurden von einem Sprecher vorgetragen.

goethe-josefstiehler1828 Die Italienreise von Goethe ist vor 200 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht worden (30 Jahre nach seiner Reise!). Die Casa di Goethe hat aus diesem Anlass eine Veranstaltung der Serie Incontri romani dem Geheimrat vom Corso gewidmet. Mario Fortunato und Jan Koneffke haben dazu aus ihren Geschichten über und für Goethe vorgelegen.  Unter diesem Motto haben noch viele andere interessante Abende dort stattgefunden.

Mit Rom und Italien beschäftigt sich auch die  Künstlerin Schirin Fatami. Sie lebt in Rom und in Hannover und man sieht es ihren Arbeiten an, wo sie entstanden sind.

image001 Der kolumbianische Maler Botero ist sehr bekannt aber längst  nicht Jedermanns Sache – auch meine nicht! Vor ein paar Jahren hat er sich nun den Kreuzweg Christi vorgenommen. Dieser war im Frühjahr im Palazzo delle Esposizione in Rom zu sehen. Botero via crucis

Paula Modersohn-Becker wurde im Frühjahr im Pariser Museum für Moderne Kunst gezeigt. Die ausgezeichnete Schau mit über 120 Bildern und Zeichnungen dokumentiert acht oder neun sehr intensive Jahre auf einem (vorzeitigen und rasenden) Weg in die Moderne. Die Briefe aus Paris an die Familie, an Ottos Eltern oder an ihren Mann Otto Modersohn, sind eine einzige Liebeserklärung an Paris.

P1300056 Einen Geburtstagswalzer, einen Tango und noch mehr gab es im österreichischen Kulturinstitut in Rom, welches schon einmal Hans-Werner Henzes 90. Geburtstag am 1. Juli vorfeierte. Das  Cimarrón Ensemble Duo , Christina Schorn und Ivan Mancinelli,  interpretierten u.a. Werke von Hans-Werner Henze (1926-2012), Luca Lombardi  (*1945) und Astor Piazzola (1921-1992).  Miriam Meghnagi hat im selben Kulturinstitut ein paar Wochen später  sehr bewegende Lieder aus Theresienstadt vorgetragen.

La sete di Christo
La sete di Christo ist eine CD des römischen Ensemble Concerto Romano und hat  Anfang Februar 2016 den klassischen Musikmarkt erneut um ein vor-barockes und seltenes Schmankerl bereicherte. Außerdem gab es später im Jahr eine glanzvolle Aufführung von Stradellas San Giovanni Battista, eine wunderbare barocke Preziose, die Stradella selbst wohl als sein bestes Werk bezeichnete. Kein Wunder also, dass Händel und die späteren Zeitgenossen stark beeindruckt waren und in diesem Stil weiter machten. Aber auch das Luther Reformationsjubiläum haben sie sich zum Thema gemacht und eine interessante CD herausgebracht. Klang der ewigen Stadt zu Luthers Zeiten.

Giovanni Battista Pergolesis (1710-1736) Stabat Mater gehört sicher zu den meist gespielten Kirchenmusikstücken überhaupt. Viele große Stars und Musikensembles haben es gesungen und gespielt und die Erwartungshaltung des Publikums ist dementsprechend groß. Concerto Italiano hat es im März aufgeführt und es gab keine Enttäuschung!

Symbolismus Anfang März hat es in Mailand zwei Tage ohne Unterbrechung geregnet und wir haben viel Zeit in Museen verbracht. Mit dabei natürlich das letzte Abendmahl (Cenacolo) und die Pieta Rondanini sowie eine  umfangreiche Ausstellung über den Symbolismus. Für die Ausstellung Alphonse Mucha war die Schlange zu lang, diese konnten wir aber ein paar Wochen später in Rom sehen.

Im April hat der große Pappano Tschaikowskys Fünfte und Strawinskys Psalmensymphonie im Auditorium dirigiert; sowie eine überarbeitete Fassung von Riccardo Panfilis l’Aurora probabilmente. Panfili hat dieses kurze, aber sehr heftige und aufregende Opus posthum dem großen deutschen Komponisten Hans-Werner Henze (1926-2012) gewidmet.

P1300463 Paola Romoli Venturi ist eine außergewöhnliche römische Künstlerin. Ihre happenings haben wir nie verpasst! Im April in Trastevere hat sie ihre neuesten Arbeiten präsentiert. Ad pineam - Licht und Wind kamen wie bestellt und ließen ihre zarten Tücher tanzen. Auch auf eine weitere Veranstaltung mit ihr und weiteren italienischen Künstlern möchte ich gerne hinweisen.  TraNsfusioni#4 (das ist die italienische Version)

P1300712 Der grüne Traum ist ein deutsch-italienisches Wanderprojekt, an dem sich Künstler, Musiker und Dichter beteiligen. Dieses Jahr waren das u.a. Silvia Stucky, Beate von Essen, Lello Torchia, Maria Semmer  und  viele andere  die in der bezaubernden Villa Gregoriana bei Tivoli ihre Arbeiten zwischen Ruinen und Vegetation installierten, die man bei einem Spaziergang durch den Park entdecken konnte.

Mit Natur befasste sich auch eine Ausstellung im Archäologischen Museum in Neapel. Mito e Natura behandelte Mensch und Natur anhand von umwerfenden Fresken von Lustgärten oder Episoden aus der griechischen Mythologie.

P1320594 Ein anderer Entdeckungspaziergang führte uns zum Lungotevere, wo sich William Kentrich mit seinen Mammutfresken  “Triumphs and Laments” verewigte.  In sechs Monaten hat der südafrikanische Künstler und Theatermann William Kentridge auf über 500 Meter am Tiberufer zwischen Ponte Sisto und Ponte Mazzini (Piazza Tevere) die Geschichte Roms in 80 übergroßen Figuren wild durch die Jahrhunderte portraitiert. Später, im Sommer in Berlin, gab es passend dazu die Ausstellung No it is im Gropius Bau.

Mit dem Rhein hat sich sich eine Ausstellung in Bonn beschäftigt. Eine europäische Flußbiografie hat die Bundeskunsthalle aufgezeichnet und der Besucher  reist von der Quelle bis zur Nordseemündung dieses stolzes Stromes.

fff Das Fast Fortward Festival fand dieses Jahr zum ersten Mal statt. Zeitgenössische Musik wurde hier zwei Wochen lang aufs intensivste aufgeführt und präsentiert – in allen bedeutenden Theatern Roms. Eröffnet wurde es mit Heiner Goebbels Schwarz auf Weiß  das  er vor über 20 Jahren für und mit dem Ensemble Modern konzipierte. Deshalb kann es auch nur von diesem Orchester aufgeführt werden.  Bis jetzt kam es ca. 100 Mal zur Aufführung u.a. in Berlin, Brüssel. Dresden, Paris, Sevilla, Luzern, Taipeh, Moskau, Wien, Prag, München und Salzburg und fast alle Beteiligten sind schon seit der Uraufführung 1996 im Frankfurter Bockenheimer Depot mit dabei. Es ist Nacht und die Sieben sitzen in einem hohen Saale in der Stadt Ptolemais. Es wird zwar nicht extra erwähnt, aber wir wissen es trotzdem: sie können nicht entkommen, sie sind isoliert. Einer von ihnen, der junge Zoilus, ist schon tot.

Proserpina von Wolfgang Rihms war ebenfalls Teil dieses Festivals. Rihm kam extra dafür nach Rom und begleitete diesen großartigen Ausklang des ersten aber schon recht erfolgreichen Festivals. Hoffentlich wird es weitergehen.

P1320737 Die Stipendiatin der Casa Baldi in Olevano Romano, Antonia Low, präsentierte im Frühjahr im Palazzo Altemps in Rom ihre Installation « Status of Lost Imagery ». Hierbei ging es um die Bombardierung des Palmyra-Museum. Low hat ein Zeitungsfoto von der Verwüstung des archäologischen Museums vergrößert und dieses gepixelte Bild auf Stoff gedruckt.  Mit Schutzschuhen durfte  man die Ruinen betreten, das heisst sich über und in  ihnen bewegen. Spannende Ruinenbegehung!

Isabella Ambrosini hat mit dem Orchestra Roma Tre im Mai die  Cavalleria Rusticana im Palladium aufgeführt. Dieser Artikel ist in italienischer Sprache. 

P1000187 Dido und Aeneas in Montepulciano  war eines der großen Ereignisse oder vielleicht sogar das Hauptereignis dieses Jahr beim Cantiere in Montepulciano. Regie führte  Michael Kerstan. Mit wenig Mitteln und ausgezeichneten Solisten, unterstützt von einem perfekten Chor und dem diskreten Modus Ensemble Roma unter Mauro Marchetti, haben die Protagonisten das Publikum im Tempio di San Biagio – der übrigens auf einen Bauplan von Bramante zurückgeht und ein perfektes Beispiel einer römischen Basilika ist – regelrecht verzaubert.

Und dann hieß es:

Addio Roma (hinter den links verbergen sich drei Rom-Spaziergänge)

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und Hallo Berlin

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Hier hat  uns nicht nur italienische Sonne empfangen sondern auch eine  Velazquez Ausstellung!

 

csm_42_ESDO_Katalog_b88a2f60afEl Siglo de Oro. Die Ära Velázquez – Dunkel und furchterregend ist sie, die Malerei dieses Goldenen Zeitalters in dem herrschsüchtigen, strengen und selbstsicheren Spanien, wo es nicht viel zu lachen gab. Die Protagonisten auf den Bildern dieses kulturell so starken Jahrhunderts strahlen keine Freude oder Leichtigkeit aus. Direkt aus dem Manierismus herausgerissen, überbetont, streng ist sie noch lauernd vorhanden, la Santa Inquisición(die heilige Inquisition).

blick in den GartenDer August hat sich von seiner besten Seite gezeigt und das Einleben in Berlin recht leicht gemacht. Ein  Ausflug an den Wannsee, wo sich der Maler Liebermann einen Sommersitz errichtet hatte, war gerade richtig: Max Liebermann (1847-1935) gehört zu den wichtigsten deutschen Wegbereitern der Moderne. Von Anfang an hat er gegen die Akademiker gekämpft und mit der Gründung der Berliner Secession, bei der er eine wichtige Rolle gespielt hat, die Hauptstadt in den künsterlischen und kulturellen Vordergrund gerückt – er selber ist dann aber irgendwo auch zwischen Biergärten und Portraits stecken geblieben. Geboren im Zentrum von Berlin wo heute das Liebermann-Haus steht (in dem eine Ausstellung über Harry Graf Kessler zu sehen war) hat er sich 1909 ein Sommerhaus am Wannsee bauen lassen. Sein „Schloss am See“, wie er es nannte. Mit Anfang 60 hat er sich gerne hierher in die Ruhe zurück gezogen und über 200 Gemälde sind dort entstanden. Ab 1914 bis zu seinem einsamen Tod 1935 verbrachte er viele Monate dort. Von den Nationalsozialisten verfemt, zwangen diese seine Witwe Martha 1940 zum Verkauf des Hauses. Sie entzog sich 1943 durch Selbstmord einer Deportation. Nach dem Krieg allerdings ging das Haus an die Erben zurück, die es an die Stadt Berlin verkauften.

P1000285Emil Nolde – Der Maler  – Aufdringliche Farben und Nordlicht. Emil Nolde (1867 – 1956) malte mit den Fingern und Händen, ein Pinsel reichte nicht, um diese grelle Leidenschaft auf die Leinwand zu bringen. Ein krasser Gegensatz zu der weiten und unendlichen nicht immer farbigen Welt an der Frieslandküste. Naturgewalt, Einsamkeit, Legenden und gruselige, übertriebene Bauern- und Seemanns-Geschichten, die man sich nach Sonnenuntergang mit Gänsehaut zu erzählen pflegte, hat Nolde auf die Leinwand gebracht und uns ins Gesicht geschleudert.

P1000585 Wolfgang Rihm hatten wir ja beim FFF in Rom mit Proserpina gehört und erlebt. Da war es natürlich klar, dass wir uns Tutuguri nicht entgehen lassen würden. Das Berliner Musikfest wurde damit eröffnet.  Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht werden (Antonin Artaud 1947) . Französischer Surrealist trifft auf mexikanische Totentänze und Rihm macht die Musik dazu. Das klang gut und verheißungsvoll: aber es ist noch viel viel mehr! Es ist ein Erdbeben, ein musikalischer Horror-Tsunami, ein götterdämmernder Phönix-Weltuntergang!

P1010069 Die Kantorin der Kirche zur frohen Botschaft in Berlin-Karlshorst, Beate Kruppke, dachte sich zum 150. Geburstag von Eric Satie und zum 25. Todestag von Olivier Messiaen etwas ganz besonderes aus. Sie stellte ein ungewöhnliches Orgelprogramm zur Ehren der französischen Freigeister und  zur Aufführung auf der Amalienorgel in Karlshorst zusammen. Der Dritte im Bunde war ein weiterer Franzose, der Komponist César Franck (1822-1890).

postidentischeslebenGroßartig der erste Besuch in der Neuköllner Oper . EINE SPEKULATION ÜBER DIE FREIHEIT. Welcome to the office for postidentical living - Shape – edit – customize: Der Erfolgreiche muss sich optimieren, sich abgrenzen, besser sein, fit sein, digital sein, angepasst-unangepasst sein, seine personelle Identität pflegen und diese ausbauen, um vielleicht in einer kollektiven Identität heimlich Unterschlupf zu finden. Unsere Identität unterscheidet uns von den anderen, macht uns einmalig. Aber wozu brauchen wir das? Was brauchen wir überhaupt? Wissen wir was wir wollen? Stylen, shapen, bloggen, sich selfen, bewundert werden. Wie anstrengend, diese permanente Überforderung dem uns gebotenen information overflow gerecht zu werden: Nur wer das alles nicht (mit)machen muss, kann frei sein.

P1000693Das Büro für postidentisches Leben hat also die Antworten und Lösungen. Aber KAP HOORN, eine witzige Aufführung im Theaterdiscounter, vermittelt den  Jahrmarkt der Wünsche und Träume .  Aber was hat Napoleon mit Aschenputtel zu tun? Sehen Sie selber!

Ausstellungsplakat Der Golem, diese berühmteste Legendenfigur der Kabbala, ist ein seelenloses Wesen aus Lehm oder Sand. Er wird durch Rituale oder geheime Buchstabenkombinationen von einem Menschen zum Leben erweckt und ist mit übermenschlicher Kraft ausgestattet. Das Jüdische Museum hat ihm eine sehr interessante Ausstellung gewidmet.

P1010005Die Stadt Weimar war 1999 Europäische Kulturhauptstadt. Das war für den derzeitigen Chef des Berliner Staatsballetts, Nacho Duato, die Gelegenheit, Johann Sebastian Bach zu huldigen. Mit Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere hat er auf ganz besondere Weise Person und Werk dieses einzigartigen Komponisten gewürdigt. Er hat Bach auf die Bühne und ins Zentrum des Geschehens geholt.

P1000911 Siegfried Lenz ist 1926 als  Sohn eines Zollbeamten in Ostpreußen geboren. Mit 42 Jahren hat er seinen wichtigsten und einen der bedeutendsten deutschen Nachkriegsromane, Deutschstunde, veröffentlicht. Bei Deutschstunde geht es um Pflicht, Schuld, Macht, Freundschaft und Verlust und um das Nichtentkommen der Geschichte. Das Ensemble hat es aufgeführt. Aber auch die traditionelle Peymannsche Mutter Courage und ihre Kinder hat uns sehr gut gefallen.

Mauer-cmb-klein Traum, Nacht, Alptraum – Ian Bostridge erzählt von  Kriegen, Nachteulen und Meeresungeheuern. Mit Träumen, Natur und Illusionen hat sich in diesem Jahr auch die österreichische Künstlerin Christa Linossi beschäftigt.

100 Stuehle (1)Am 1. November 2016 feiert der Hamburger Bahnhof seinen 20. Geburtstag. Er entstand als  weiteres Haus der Nationalgalerie und dort werden während der Umbauarbeiten der Neuen Nationalgalerie abwechselnd Werke des deutschen Expressionismus – wie zurzeit Ernst Ludwig Kirchner HIEROGLYPHEN  – gezeigt.   Eine der besten Ausstellungen überhaupt mit Arbeiten von Carl André war 2016 im Hamburger Bahnhof zu sehen. Aber auch das Thema Kapital hat das Museum beschäftigt. Hier der Bericht.
AusstellungsplakatUnheimlich war der Titel der Ausstellung im Kunstmuseum in Bonn, die zur Zeit noch in Bonn zu sehen ist (bis Januar 2017). Unheimlich bedeutet schauerlich, gruselig oder furchterregend. Der Titel ist deshalb nicht sehr aussagekräftig, denn hier geht es auch viel um Angst und Einsamkeit, um Unwohlsein, um Hinweise auf Gewalt, versteckte und offensichtliche und um Traum und Wirklichkeit. Kein Entkommen, Dinge, Totenhaus, Alpträume, Einsamkeit, die Anderen,  Verschwinden, Tatorte sind die Schlagwörter und in diese ist die Ausstellung unterteilt.

P1040281 Bei der Geisterbraut ging es auch unheimlich zu. Diese  opernhafte und selten aufgeführte spätromantisch-wagnerianische Ballade von Antonín Dvořák (1841-1904) wurde  aus Anlass des 175. Geburtstags  dieses böhmischen Komponisten von der Berliner Singakademie und dem Konzerthausorchester unter Achim Zimmermann im Konzerthaus in Berlin aufgeführt. Isabelle Faust hat mit Werken von Luigi Nono  in der Philharmonie ebenfalls bella figura gemacht.

P1010413Der Britische Blick: Deutschland – Erinnerungen einer Nation. Mit dem Deutschlandbild der Briten hat sich diese Ausstellung beschäftigt, die auch uns so einiges über uns beigebracht hat. Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden(Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Xenien, 1796)

maulwerk Maulwerker -  Lautdichtungen und Sprechduette hat sich in einer Veranstaltung organisiert durch KONTRAKLANG im Heimathafen präsentiert. Gerhard Rühm, der bei der gestrigen Performance im Heimathafen Neukölln persönlich anwesend war, ist einer der bedeutendsten Künstler, ein Tausendsassa oder Wunderwurzi wie die Österreicher sagen. Er ist Schriftsteller, Lyriker, Schauspieler, Komponist, Performancekünstler, Maler und Poet. Er Gedichte oder Lautdichtungen aus seinem Repertoire vorgetragen – allein und Sprechduette er mit seiner Frau, der Musikpublizistin Monika Lichtenfeld. Dass er 86 Jahre alt ist würde man nicht vermuten. Temperamentvoll und witzig, ein einfallsreicher Sprachkünstler und Grenzgänger zwischen Noten, Buchstaben und Sprachexperimenten.   Kontraklang hab ein paar Wochen später das anstrengende aber sehr interessante Konzerthappening « Nach Kagel » - auch wieder im Heimathafen Neukölln organisiert. Und hier ging es um Sprechmusik, Peinlichkeit, Heilkräuter und um einen heiseren Wanderer! Lesen Sie selber!

P1010457Terpsichore, Liebesgötter und kalte Schönheiten. Der italienische neoklassizistische Künstler Antonio Canova (1757-1822) zählt zusammen mit dem Dänen Thorvaldsen zu den bedeutendsten Bildhauern seiner Zeit. Das Bode-Museum hat ihm diese Ausstellung über den Tanz ausgerichtet – mit dem schönen Titel:  Canova und der Tanz!

P1010502 Il Triunfo dem Tempo e del disinganno von Georg-Friedrich Händel zählt schon seit langem zu meinen Lieblings-Händel-Kompositionen. In diesem Stück hat er sich auch eine Rolle gegeben und deshalb wird er zur Sonata im ersten Teil er als anmutiger Jüngling an der Orgel (Thomas Guggeis) begleitet von Corelli an der Geige (Wolfram Brandl) ins Restaurant geschoben. Wunderbare Aufführung im Schillertheater! Viel Applaus für alle aber vor allem für das Vergnügen!

P1010637 Reden ist nicht immer die Lösung - meint Omer Fast in seiner im Rahmen des Programms „Immersion. Analoge Künste im digitalen Zeitalter“ im Martin-Gropius Bau organisierten Ausstellung, bei der sieben Filmprojekte von ihm gezeigt wurden. Der israelisch-amerikanische Videokünstler verarbeitet in seinen Projekten Krieg, Gewalt, Sex, Erziehung und Zusammenleben.  Und hier erwähnte ich Clemens von  Wedemeyer ; der  so ähnliche Geschichten in Hamburg erzählte.

P1010662 Die Europäische Akademie für Musik und Darstellende Kunst Palazzo Ricci ist ein bedeutendes deutsches Kulturprojekt in Italien, das sich vor allem der Musik widmet.  Seit dem Jahre 2000 sitzt die Hochschule für Musik und Tanz Köln in diesem Palast, der nach umfangreichen Renovierungsarbeiten im Jahre 2001 als Europäische Akademie wieder eröffnet wurde. Und damit sind wir auch schon beim Anlass des gestrigen Abends: das 15-jährige Jubiläum. Die Akademie feierte ihren Geburtstag mit einem Konzert, das  mit einem ganz besonders sorgfältig ausgesuchten Programm am Gendarmenmarkt im Berliner Konzerthaus bestach.

P1010682 Good Bait (guter Köder) ist das aktuelle und neuestes Standard-Programm der Quartett-Jazzband die den Beinamen … die flexible Einsatztruppe  bestehend aus dem Saxophonisten und Gründer der Truppe Markus Ehrlich, dem gerade aus New York zurückgekehrten Pianisten Johannes von Ballestrem, dem Bassisten Tom Berkmann und dem Schlagzeuger Philipp Schaeper. Dann haben wir noch den Piano Salon Christophori entdeckt – hier kann man alles hören – meist klassisch, aber es steht durchaus auch mal dann und wann ein Jazzabend an. Im Jazzclub Zig Zag in Berlin ist die Gruppe Subtone aufgetreten, die vor allem eigene Kompositionen gespielt haben. Schöner Club!   Der bekannte schwedische Posaunist und Sänger  Nils Landgren, alias Mr Redhorn, trifft beim diesjährigen Young Euro Classic Festival auf das junge Ensemble Olivinn, das die türkische Komponistin und Pianistin gegründet hat. Hier wurde Jazz mit Klassik verbunden und formell in einem Konzerthaus aufgeführt. 

P1010522 Die Stadt“ hat Theodor Storm sie ganz schlicht genannt. Zu seiner Zeit hat er wohl auch noch  durch die Stille las Meer brausen gehört. Das ist jetzt nicht mehr so, aber die Möwen, die Luft, das Salz darin, das Ebbe und Flut Spiel, das den Hafen hebt und senkt, ist immer noch so.   Jan Christophersen hat über diese so ganze andere Welt den Roman « Schneetage » geschrieben. Hier die Rezension!

Eine andere ganz besondere Reise ging in die Bretagne. Fünfzehn Kilometer vom Festland entfernt liegt sie, eine der größeren bretonischen Atlantikinseln: Belle-Île-en-Mer. 45 Minuten dauert die Überfahrt mit der Fähre von Quiberon nach Le Palais, der Hauptstadt von Belle-Île mit ungefähr 2600 Einwohnern. Hier verbrachte die Schauspielerin Sarah Bernhardt viel Zeit zwischen Felsen, Wind und Einsamkeit.

George Grosz - Grauer Tag Die Neue Nationalgalerie ist noch immer wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Deshalb zeigen die anderen « Filialen » abwechselnd Werke aus dieser umwerfenden Sammlung der Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Hamburger Bahnhof ist immer noch  Kirchner zu sehen und im Scharf-Gerstenberg Museum noch bis zum 23. April 2017 die Ausstellung « Surreale Sachlichkeit » Werke der 1920er- und 1930er Jahre aus der Nationalgalerie.

P1010830 Zarzuela ist spanisches Musiktheater vom Feinsten. Spitzbubenhafte Komödie, Folklore und populäre Romanzen verbunden mit spritziger Musik, opernähnlichen Arien, Temperament und guten Geschichten. Sie entstand im 19. Jahrhundert und wurde sowohl in Spanien als auch in Südamerika, vor allem in Argentinien, Mexiko aber auch in Kuba mit großem Publikumserfolg aufgeführt. In der Berliner Bibliothek des lateinamerikanischen Institut gegenüber der Gemäldegalerie wurde im Dezember eine Ausstellung über die Zarzuela eröffnet. Zur Eröffnung haben  zwei glänzende Interpreten Kostproben vorgetargen.

P1010868 Vor 500 Jahren, 1517, hat Martin Luther (1463-1546 in Eisleben), Mönch und Theologieprofessor  seine 95 Thesen zum Ablasswesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. Dort, im Wittenberger Kloster, kam ihm auch die Erleuchtung. Sein Turmerlebnis sollte die Welt, nicht nur die gläubige, verändern und die Reformation auslösen.  Ein Jahr später ist er dann auch gleich nach Rom vorgeladen worden. Schon  1516 hatte Luther öffentlich gegen die Ablasspraxis gepredigt. Über Musik in der Zeit Luther in Rom hat Concerto Romano im letzten Jahr eine wunderbare CD herausgebraucht.

P1020013  Zauberwald, Pemplum und Kuschel-Riesenplüschtiere. Die Premiere dieser Inszenierung von August Everding mit einem Bühnenbild von Fred Berndt nach den herausragenden Entwürfen der grandiosen Sternenkuppel (die Tassen und Geschirrtücher ziert) oder den ersten Auftritt der Königin der Nacht auf der Mondsichel vom Berliner Architekten und Baumeister Karl Friedrich Schinkel für die Berliner Königlichen Schauspiele 1816 fand schon 1994 statt. Sie gehört heute zu den am meisten gespielten Zauberflöten in Berlin und sorgt jedes Jahr wieder für ein volles Haus.

P1020021 Kindl ist vor allem Biertrinkern ein Begriff. Die ehemalige Brauerei in Neukölln wurde vor ein paar Wochen als neues zeitgenössisches Kulturzentrum in Berlin eröffnet. Ein Besuch ist hier beschrieben. Zur Zeit sind zwei Künstler dort ausgestellt.

 

Ein frohes, glückliches, beschwingtes, kulturelles und gesundes Jahr 2017 wünsche ich allen blog Besucher/innen.

Christa Blenk

 

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Street Art in Berlin

 

 

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Die Zauberflöte

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Zauberwald, Pemplum und Kuschel-Riesenplüschtiere

Die Premiere dieser Inszenierung von August Everding mit einem Bühnenbild von Fred Berndt nach den herausragenden Entwürfen der grandiosen Sternenkuppel (die Tassen und Geschirrtücher ziert) oder den ersten Auftritt der Königin der Nacht auf der Mondsichel vom Berliner Architekten und Baumeister Karl Friedrich Schinkel für die Berliner Königlichen Schauspiele 1816 fand schon 1994 statt. Sie gehört heute zu den am meisten gespielten Zauberflöten in Berlin und sorgt jedes Jahr wieder für ein volles Haus.

Everding hat diese Oper sehr oft inszeniert, aber noch nicht oft genug, sagte er einmal in einem Interview. « Die Beschäftigung mit dem Werk führt oft zu dem Trugschluß, es handle sich hier um ein Ideendrama, ein Weihespiel, eine Einführung in die Freimaurerei oder in den Humanismus. Das Werk geht aber viel weiter, es ist viel komplexer und auch irdischer. Es ist ein sehr menschliches Stück. Der Mensch besteht doch aus einem denkenden und phantasierenden Kopf, aus einem liebenden und enttäuschten Herzen, aus einem hungrigen und satten Magen, aus einem zielgerichteten und ziellosen Geschlechtstrieb. Andere wollen die ‘Zauberflöte’ deshalb eher als derbes Volksstück sehen… Doch in Wirklichkeit geht es um die Überwindung des großen Dualismus in unserer Welt, vertreten durch die Königin der Nacht und durch Sarastro, eine Überwindung durch die Kunst und die Liebe, wofür die Zauberflöte das Symbol wird.

Ob sich Schinkel über weiße Einhörner, tanzende Löwen und swingende Krokodile in einem Walt Disney Peplum gefreut hätte wissen wir nicht. Zusammen mit dem großartigen Staatsopernchor und der perfekte Staatskapelle unter Alexander Soddy gehört sie aber unbedingt zu den attraktivsten Zauberflöten-Inszenierungen.

Prinz Tamino ist der einzige, dessen Kleidung aus unserer Zeit stammt und die Prüfungen, die er – unterstützt oder  behindert durch Papageno im bunten Federgewand – bestehen muss um seine Pamina zu bekommen, bringen ihn durch neue, alte und geheimnisvolle Welten und Flötentöne.

Die drei schwarzen Abgeordneten der Königin der Nacht treten aus dem Rachen von drei Kroko-Dino-Monstern, die kurz vorher noch Feuer gespuckt und angsteinflößenden Lärm gemacht haben und Taminos Frage an seinen vermeintlichen Retter „Wo bin ich“ beantwortet Papageno lakonisch mit  „ im Schillertheater“ . Roman Trekel, der 1994 bei der Premiere sein Rollendebüt hatte, spielt ihn immer noch, den Papageno, und immer noch wirkt er frisch und voller Freude in seiner Rolle. Dass er mittlerweile über 20 Jahre älter  ist macht überhaupt nichts. Er verteilt nach wie vor Zuckerbonbons und flirtet mit den Zuhörerinnen in der ersten Reihe. So mancher Slapstick, beschwipste und tanzende Priester oder ein erbarmungswürdiger Monostatos (Dietmar Kerschbaum) lassen kurzfristig die humanistische Idee von Schikaneder in den Hintergrund treten, aber dann ist er auch gleich wieder präsent, der Appell an die Humanität und an die Gerechtigkeit. Keinen Moment geht hingegen die spielerische Leichtigkeit verloren.

Tamino, sehr stimmgewaltig Andreas Schager; mutig, bestimmt und zart Pamina (Anna Prohaska). Der noble und ruhige Bass von Sarastro (Rene Pape) kommt weise und geduldig daher. Nicola Proksch als Königin der Nacht ist in der ersten Arie sehr zurückhaltend und fast schüchtern, zeigt aber in der zweiten was sie kann, nämlich in durchsetzungsfähigen und kriegerischen Sechzehntelketten rachsüchtig und grausam alle Höhen erklimmen. Die Portugiesin Sónia Grané musste kurzfristig für die erkrankte Papagena (Elsa Dreisig) einspringen und hat das sehr routiniert und witzig gemacht. Harmonisches und kokett-streitend die drei Abgesandten vom Sternenhimmel (Adriane Queiroz, Katharina Kammerloher, Anja Schlosser). Die einfallsreichen, phantasievollen und bunten Kostüme von Dorothée Uhrmachers tun das ihre.

Die Handlung basiert auf einem Libretto von Emanuel Schikaneder, aber nicht nur von ihm allein. August Jacob Liebeskind Lulu oder die Zauberflöte  oder Wielands Oberon sowie das Heldenspiel von Freiherr von Gebler Thamos, König von Ägypten sowie Elemente des Singspiels Hüon und Amande von Friederike Sophie Seyler sind mit verarbeitet. Mozart und Schikaneder waren beide Freimaurer.

Aber auch die Musik birgt Geheimnisse und ihre Entstehung ist nur lückenhaft dokumentiert. Angeblich wollte mit dieser Oper Mozart dem sich in Geldnöten befindlichen Schikaneder helfen, obwohl Mozart es war, der unter permanentem Geldmangel litt. Schikaneder selber sollte auch die Rolle des Papageno singen, die mindestens soviel Schauspielkunst wie Stimmumfang verlangt. Die Zauberflöte wurde 1791 in Wien uraufgeführt.

Ansonsten ist über die Zauberflöte schon alles gesagt!

Christa Blenk

 

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Subtone – Jazzband

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Von Samba, Elchen und Heimatgefühlen

Die Modern Jazz Gruppe Subtone war gestern Abend Gast im Zig Zag Club in Berlin und spielte in einem brechend vollen Lokal ausschließlich eigene Kompositionen auf der Basis von Jazztraditionen. Die Musiker kommen aus Deutschland,  Österreich und Kanada.

Florian Hoefner, der eine Vielzahl des gestern aufgeführten Stücke auch komponierte, lebt seit ein paar Jahren in Kanada. Seine Kompositionen erzählen Geschichten aus dem Alltag, wie die über einen Elch, der sich gern mal in die Stadt schleicht, sich nicht an die Verkehrsvorschriften hält, zur Gefahr wird und wieder mit vereinten Kräften abtransportiert werden muss. Kann er ja schließlich bis zu 2 Meter groß sein und an die 700 kg wiegen.  Moose Blues hat Florian Hoefner, der auch der Pianist der Gruppe ist, komponiert. Es ist das listige Bewegungsprofil eines Elches. Hoefners Wahlheimat ist Neufundland und dort gehören Elche zur Standardausrüstung – und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

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Mit Jig hat Hoefner einen irischen Volkstanz verjazzt. Dieser ursprüngliche irisch-britische Solo-Stepptanz hat ganze Generationen von Musikern und Komponisten inspiriert und auch vor der Klassik nicht haltgemacht. Aus der Barockmusik (Gigue) ist er gar nicht wegzudenken. Ausgezeichnet umgesetzt und interpretiert! Und wenn im Lokal auch nur ein wenig mehr Platz gewesen wäre, hätten sich sicher Tanzformationen aufgestellt. Das gilt auch für das Stück Samba Samba, das mit einem Klaviersolo beginnt und dann in Gefilden ganz weit weg vom kalten Kanada endet. Hoefner studierte in Berlin bei Hubert Nuss und ging später  als Fulbright Stipendiat nach New York wo er 2010 seinen Master of Music machte. Er studierte u.a. bei Kurt Rosenwinkel und Dave Liebman.

Magnus Schriefl, der fantastische Trompeter der Band, kommt aus einer Musikerfamilie und hat in Amsterdam, Paris und Berlin u.a. auch bei Kurt Rosenwinkel studiert. 2010 war er DAAD Stipendiat an der Manhattan School of Musik in New York. Zwei Werke von ihm  Roswitha’s Revenge und Shift standen gestern auf dem Programm  Zusammen mit dem Holzbläser Malte Dürrschnabel ist er der Sound-Angeber der Band.

 

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Malte Dürrschnabel ist mit seinen Instrumenten verwachsen und während der Bassist Matthias Pichler mit seinem Kontrabass tanzt ist Dürrschnabels Beziehung zu seinen Instrumenten (er spielt auch Klarinette) eher innig. Wenn er gerade nicht am Zuge ist, versinkt er in konzentrierter Verschlossenheit.  Er wurde 2008 in Avignon mit dem Preis für den besten Instrumentalisten ausgezeichnet. Seine Lehrer sind u.a. David Liebman und John Hollenbeck. 2003 gewann er außerdem den Bundeswettberg Jugend Jazzt mit seiner damaligen Band Jazzatack.

Matthias Pichler ist der temperamentvollste von ihnen. Er studierte klassischen Kontrabass und Jazz Bass in Linz und wurde sehr schnell einer der gefragtesten jungen Bassisten in Europa. 2004 bekam auch er ein New York Stipendium und gewann 2010 den 1. Preis beim Internationalen Kontrabass Wettbewerb in Berlin in der Jazz-Kategorie.

 

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Der Fünfte im Bunde ist der  Schlagzeuger Peter Gall. Auch er ist sehr gefragt und bekannt. Gall studierte u.a. in Berlin bei John Hollenbeck und spielte schon im Kurt Rosenwinkel Trio oder bei Nils Landgren. Derzeit lebt er mit einem DAAD Stipendium in New York und studiert bei John Riley.

Die fünf jungen Musiker kreieren zusammen diesen wohlklangig-stimmungsvollen, auch nostalgischen Modern Bebop, der Geschichten erzählt von gestern und heute, der nur so strotzt vor Komplexität und schwierigen, anspruchsvollen Passagen die durchaus an die großen Jazzer denken lassen aber auf keinen Fall schablonenhafte Gemeinplätze bilden und in ihrer Persönlichkeit die endlose Farbpalette rauf und runter jazzen. Großartige Bass-Soli und schöne Saxophon-Trompeten- Dialoge.

Subtone gibt es seit 12 Jahren und tritt in der klassischen Formation von fünf Musikern auf. Gefunden haben sie sich in Berlin. Sie sind viel auf Reisen und bewegen sich zwischen Köln und New York. Schon seit ihrem Erfolg in Avignon 2008 gehören sie zu den deutschen Vorzeigegruppen des Modern Jazz. Sie sehen sich als Gemeinschaftsprodukt; ihre Kompositionen bestehen aus weniger Solopassagen als sonst beim Jazz üblich ist.

Ein Jazz-Abend für Anfänger und Fortgeschrittene!

Im Zig Zag Jazzclub in Friedenau/Berlin zahlt man keinen Eintritt. Die Konzerte werden durch  Spenden ( 15 Euro sollten es schon sein) der Zuhörer finanziert und dazu geht in der Pause eine Vase rum. Es scheint gut zu funktionieren und nach dem Konzert ging man noch lange nicht nach Hause!

 

Christa Blenk

 

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Kontraklang: Nach Kagel

Sprechmusik, Peinlichkeit, Heilkräuter und ein heiserer Wanderer

Kontraklang hat am 15.12.2016 das Konzert „Nach Kagel“ im Heimathafen Neukölln organisiert. Ein Konzert, das dem Publikum viel mehr als nur Interesse oder Freude an der zeitgenössischen Musik abverlangte.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Dorrit Bauerecker spielt Viscum album -
 © »mutesouvenir | kb«

 

Der deutsch-argentinische Komponist Maurizio Kagel (1931-2008) war einer der zeitgenössischen Komponisten, die das 20. und 21. Jahrhundert entscheidend mitgeprägt haben.  Ab den 1950er Jahren nahm er regelmäßig an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik teil, 1957 ließ er sich in Deutschland nieder und war ab 1960 Dozent in Darmstadt.  Mit einem anderen borderliner, Wolf Vostell, organisierte er ab 1968 akustische und visuelle Happenings. 1969 folgte er Stockhausen in Köln nach. Kagel dirigierte viele seiner Werke selber oder war sonst irgendwie beteiligt und das war auch gestern Abend bei seinen Schülern und den Schülern von seinen Schülern so.

Diese stellten im Heimathafen einige ihrer Werke, die dem Genre Instrumentaltheater, Sprechgesang und Experimentalmusik angehören, vor.  Mimik, Gestik, Aktionen, Bewegungen, Noten, Wörter, Töne und natürlich auch Musikinstrumente kamen zum Einsatz.  Polizeischutz wie 1971 vor der Hamburger Staatsoper bei der Uraufführung von Kagels Staatstheater brauchten dessen Schüler gestern natürlich nicht, aber das 3 ½ Stunden-Happening haben nicht alle Zuhörer bis zum Ende erlebt.

Vor allem die endlosen Piano Sonaten Nr. 17 und 18 von Chris Newman, die Mikhail Mordvinov interpretiert, bringen uns an unsere Grenzen. Dabei hört es sich ganz und gar nicht zeitgenössisch an oder gerade deswegen. Beethoven ist herauszuhören und alte Songs von den Kinks wie Lola. Newman will einfach nicht, dass der Zuhörer sich wohl fühlt, deshalb gibt er ihm einen Beethoven, dessen Noten er vorher zerstückelt hat und die beim Zusammenbauen ihre Seele einbüßen mussten.

Zwischendurch hat die großartige Akkordeonistin Dorrit Bauerecker sehr expressiv immer ein paar Takte aus Viscum Album, das ihr Lehrer Manos Tsangaris komponierte, gespielt und einmal auch unzählige Heilkräuter heruntergesagt oder vielleicht das Zauberrezept einer Hexe verraten!? Viscum album ist die Weiße oder Weißbeerige Mistel. Davon hätten wir auch gern ein paar Takte mehr gehört.

Witzig und originell Neele Hülcker, sie gehört zur zweiten Nach-Kagel-Generation. Copy myself #2 für Stimme, Elektronik und Projektion heißt ihre Arbeit und dafür hat sie  umgekehrt, d.h. rückwärts abgespielte Tonbandaufnahmen aus ihrer Kindheit nachgeplappert und wieder aufgenommen. Dann vor dem Publikum den Grad der Peinlichkeit und der Nervosität, inklusive Temperatur, Puls und Blutdruck gemessen und dies auf einem online-Formular festgehalten. Die Peinlichkeit ist, verrät sie uns, von Mal zu Mal bedeutungsloser. Sie hat ihr Kunstwerk schon in der U5, unter einer Brücke, am Meer oder im Museum aufgeführt. Kagel wäre sicher stolz auf sie gewesen.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Neele Hülcker – copy myself #2
©»mutesouvenir | kb«

 

Ähm Me, Hm (I) And M – Versuchsanordnung für vier Sprechende von Barblina Meierhans, ebenfalls eine Schülerin von Tsangaris, war ein Gespräch zwischen vier Personen, die sich – trotz Einsatz von Gesten und Gebärden – einfach nicht finden wollen und abgegrenzt von einander bleiben.

Von Manos Tsangaris hat der Klarinettist Theo Nabicht ein Stück für Kontrabassklarinette (und zwei Bierflaschen)„So Slow“ aufgeführt. Hierzu gehören insistenter Stimmeinsatz und Meckern aus dem Zuschauerraum, das erstmal sehr echt wirkt und der Störer sich böse Blicke einfängt – auch vom Klarinettisten. Tsangaris (*1956) ist ein echter Kagel-Schüler und Teilnehmer auf den einschlägegen zeitgenössischen Musikfestivals. 2016 hat er die künstlerische Leitung der Münchner Biennale als Nachfolger von Peter Ruzicka übernommen. 2015 war er Gast in der renommierten Villa Massimo in Rom.

Nicolas Kuhn (1989) war Schüler von Tsangaris in Dresden; arbeitet aber auch mit Helmut Lachenmann und anderen zeitgenössischen Größen zusammen. Er interpretiert und dirigiert oft seine eigenen Werke. Gestern  hat er das aufregende und sehr virtuoses Klavierstück „4“ vorgetragen und im Anschluss mit Stellenwort für Plattenglocke ein regelrechtes Studium von Klängen und Tönen durchgeführt. Mit einem Wattepad, einem Pulli, einer Kuhglocke, einem Stift oder weitere auf einem Tisch bereit stehende Gegenstände kreiert er auf der Plattenglocke alle möglichen Klänge, Un- oder Nichtklänge. 2014 entstand auf seine Initiative das Gegenklang-Orchester für seltenes Repertoire.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Nicolas Kuhn  mit der Plattenglocke 
© »mutesouvenir | kb«

 

Der erste und letzte Beitrag war je ein Lied von Chris Newman (*1958). Ist das Sprechgesang oder Musiksprechen oder  irgendetwas dazwischen ?

Chris Newman ist ein experimenteller Grenzgänger und Tausendsassa und eigentlich mit Niemandem zu vergleichen. Dichter, Schauspieler, Künstler, Komponist, Performer und Provokateur natürlich. So wie er Leinwände zerschneidet und sie wieder irgendwie zusammenschustert hört sich auch sein Gesang an. Schlurfend kommt er auf die Bühne, zieht  zuerst seine Jacke und dann seine Schuhe aus und bring das Publikum genau dorthin wo er es haben will – nämlich raus aus dem Raum (gefühlt). Seine Darbietung ist eher ein konzeptionelles Kunstwert als Musik,  das erste Lied  Tree Tops,  hat irgendwie an Schubert denken lassen und der Abschiedssong « Wizzes » könnte auch aus den drunken songs seines Landmannes Purcell stammen. Er wirkt wie ein ganz müder und verbrauchter Wanderer, obwohl er noch keine 60 ist. Aber auch das gehört zu seiner Kunst und was soll man denn nach Kagel sonst machen?

Kontraklang hat hier eine Truppe von Komponisten und Protagonisten auf die Bühne gebracht, die uns auf jeden Fall sehr beschäftigt hat.

 

“If they can take it for ten minutes, then we play it for fifteen,” I’d explain. “That’s our policy. Always leave them wanting less.” (Warhol and Hackett, Popism, 193).

 

Christa Blenk

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Camerata Vocale Berlin

schnee

 

Camerata Vocale Berlin hat am dritten Advent zwei von den sechs Kantaten in Johann Sebastian Bachs (1685-1750) Weihnachtsoratorium im Kammermusiksaal der Philharmonie aufgeführt.

Um den großen Sprung von Teil I zu Teil VI zu überwinden, gab es dazwischen das Magnificat MWV A 2, Kantate für Soli, Chor und Orchester von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Er, Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) hat viel für die Bachmusik getan und ohne ihn würde es sicher ganz anders mit Bachs Bekanntheitsgrad aussehen. Mendelssohn-Bartholdy, ein Schüler von Friedrich Zelter, dem damaligen Direktor der Sing-Akademie zu Berlin, wurde über diesen auf Bachs Musik aufmerksam. Die sogenannte Bach-Renaissance fand 1829 mit einer legendären Wiederaufführung der Matthäuspassion unter dem nur 20-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy statt. ABer erst viele Jahre später wurde das Weihnachtsoratorium neu aufgeführt.

Mendelssohn-Bartholdys Beschäftigung mit seinem Vorbild, dem großen Barockmeister Bach, spiegelt sich in seinem Magnificat  wider. Unverkennbarer kontrapunktischer Bach-Stil, gepaart mit forsch-mutigen Melodien und einem im 19. Jahrhundert typischen, stilvollem Klangausdruck zeichnen dieses erste Kirchenwerk von Mendelssohn Bartholdy aus. Er schrieb es 1822, 13-jährig und war zu der Zeit schon seit drei Jahren Schüler von Zelter. In dieser Epoche entstanden auch seine ersten weltlichen Opern „Die wandernden Komödianten“ und „Die beiden Neffen oder der Onkel aus Boston“.

Teil I des Weihnachtsoratoriums soll eigentlich fröhlich und enthusiastisch sein. Heißt es doch Jauchzet, frohlocket… . ganz so kam es bei uns im F-Block dann aber nicht an. Ein wenig gelangweilt und emotionslos ging es los und die wichtigte Hochstimmung ließ ein wenig auf sich waren. Korrekt aber ein wenig fade, trotz sichtlicher Versuche von Etta Hilsberg, ein wenig Schwung in diese schöne Kantate zu bekommen.

Erst beim darauf folgenden Magnificat haben Chor und Orchester dann doch noch beweisen dürfen, dass sie auch anders können. Nach der Pause, ging es weiter mit Teil VI, dem Epiphaniasfest, und hier zeigten die Solisten ihr Können!

Sehr gut die Alt-Sängerin Seda Amir-Karayan (sie hat auch schon bei einem warmen « Bereite dich, Zion ») gefallen und ihr Landsmann, der armenische Tenor Karo Khachatryan. Er ist ein überzeugender Evangelist und hat vor allem im letzten Teil bella figura gemacht. Die Sopranistin war Esther Hilsberg; Bariton der Berliner Sebastian Bluth.

Etta Hilsberg hat den Laienchor 1985 gegründet. Sie ist auch Dirigentin und Managerin der Camerata vocale Berlin.  Mittlerweile spielt der Chor – gerade was die Aufführung von Oratorien angeht – eine sehr bedeutende Rolle im Berliner Chorleben und tritt regelmäßig in der Philharmonie oder im Konzerthaus auf.  Ihr Repertoire geht von Vivaldi, Bach und Händel über Beethoven zu Brahms, Puccini  und Mendelssohn Bartholdy. Das ist bemerkenswert. Begleitet wurde der Chor vom Neuen Kammerorchester Potsdam.

Etta Hilsbergs Energie ist nicht zu bremsen. Bevor die Zuschauer wieder der regnerischen Nacht überlassen wurden, durfte auf Anregung von Etta Hilsberg die Zuhörerschaft noch „Oh Du Fröhliche“ singen – das war auf jeden Fall laut!

Schöner dritter Adventsausklang.
Christa Blenk

 

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Zarzuela – el mundo comedia es!

zarzuela

 

In der Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin fand heute Abend die Eröffnung der Ausstellung über die Geschichte der Zarzuela statt.

Zarzuela ist spanisches Musiktheater vom Feinsten. Spitzbubenhafte Komödie, Folklore und populäre Romanzen verbunden mit spritziger Musik, opernähnlichen Arien, Temperament und guten Geschichten. Sie entstand im 19. Jahrhundert und wurde sowohl in Spanien als auch in Südamerika, vor allem in Argentinien, Mexiko aber auch in Kuba mit großem Publikumserfolg aufgeführt.

Über 1600 Exemplare – die zur Zeit digitalisiert werden -  besitzt das Ibero-Amerikanische Institut und hat damit eine einzigartige und einmalige Sammlung über die Zarzuela in Spanien und Übersee. Auf Hör- und Videostationen sind Fragmente von früheren aber auch neueren Produktionen zu hören, gesungen von internationalen Star wie Placido Domingo und Teresa Berganza.

 

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Plakate in der Ausstellung

 

Die Zarzuela entstand im Siglo de Oro, also im 17. Jahrhundert, als höfisches Singspiel in der Nähe von Madrid, im Pardo, wo sich König Philipp IV seinen Palacio de la Zarzuela, ein Jagdschloss, hat errichten lassen. Zarza bedeutet übrigens Dornenbusch. In diesem Schloß also wurden zur Unterhaltung nach der Jagd Komödien aufgeführt. Einer der Schöpfer war der Dichter Calderón de la Barca. Im 19. Jahrhundert entstand das Teatro de la Zarzuela in Madrid. Der Unterhaltungswert und die Popularität waren enorm, bis die italienische Opera buffa und der Film sie ein wenig in den Hintergrund drängten. Chapí, Chueca oder Arrieta sind einige der bekanntesten Komponisten. Im 20. Jahrhundert kehrte die Zarzuela zurück und ihre Wiederentdecker hießen Federico Moreno Torroba, Pablo Luna, Rafael Milán aber auch Granados oder Manuel de Falla waren sich nicht zu schade, sich diesem Musikgendre zu widmen. Der Bürgerkrieg war keine Zeit für Musik und es trat eine zweite Zarzuela-Flaute ein. Allerdings fanden  noch in den 80er und 90er Jahren in Madrid jeden Sommer in der La Corrala im Zentrum von Madrid Aufführungen der bekanntesten Zarzuelas statt. Man saß an Tischen mit Tortilla de Patata und Corizo und Apfelwein. Anlässlich der 500 Jahrfeiern der Entdeckung Amerikas boomte die Zarzuela ein zweites Mal.

 

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Carmen Celada – La Gran Via und La Revoltosa begleitet von Nikos Tsiachris

 

Bis zum 31. Januar können die informativen und originellen Plakate und die Zarzuela-Geschichte noch im IAI besucht werden; allerdings ohne den schönen Gesang der hinreißenden Sängerin, Carmen Celada, una castiza de Madrid, die am Eröffnungsabend, begleitet auf der Gitarre von Nikos Tsiachris, Kostproben ihrer Lieblingszarzuelas zum Besten ab:  « La Gran Via » oder « La Revoltosa ». Diese beiden Zarzuelas habe ich in den 80er Jahren in Madrid in den Sommeraufführungen der « Corrala » gesehen. Carmen Celada erzählte nach der Aufführung, dass sie als Kind zum ersten Mal in Madrid in « La Revoltosa » aufgetreten ist. Vielleicht haben wir sie ja bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal gesehen.

Carmen Celada ist Spanierin und hat bei ihrem Vater, dem Dirigenten Luis Celada, wie gesagt schon als Kind Zarzuela-Partien gesungen. Sie ist eine Vertreterin des spanischen und deutschen Kunstliedes und war Mitglied im Chor Capilla matritense. Seit sieben Jahren lebt sich in Berlin. Zu ihrem Repertoire gehören auch Jazz und Klassik.

Nikos Tsiachris ist in Griechenland geboren. Er wohnt seit 2005 in Berlin spielt Flamenco, Fado, Klezmer. Seine Diplomarbeit hat den schönen Titel „Die Traditionellen Lieder des Flamenco, Registrierung und Kommentare von 23 Liedern“. 2012 hat er die Flamenco-Jazz Quartett Rasgueo gegründet.

 

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Organisiert wurde die Ausstellung durch das Ibero-Amerikanische Institut – Preußischer Kulturbesitz. Kuratiert hat sie Stephanie von Schmädel, die auch eine kleine Einführung in die Geschichte der Zarzuela gab.

 

Christa Blenk

 

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Good Bait – Markus Ehrlich und die flexible Eingreiftruppe

Markus Ehrlich und die flexible Eingreiftruppe

 

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Auftritt im Donau 115

 

Hier geht es nicht um eine neue Friedensmission sondern um eine Jazzband und die ist gestern Abend – mittlerweile zum 14. Mail – in der Donau 115 aufgetreten. Donau 115 ist kein Pegelstand oder eine Werbung für eine Donaukreuzfahrt  sondern ein ganz kleiner (räumlich gesehen) Jazzclub für Insider und einer der angesagtesten in Berlin übrigens. Gerammelt voll war es, teilweise saßen die Gäste sogar auf dem Boden.

Good Bait (guter Köder) ist das aktuelle und neuestes Standard-Programm der Quartett-Jazzband bestehend aus dem Saxophonisten und Gründer der Truppe Markus Ehrlich, dem gerade aus New York zurückgekehrten Pianisten Johannes von Ballestrem, dem Bassisten Tom Berkmann und dem Schlagzeuger Philipp Schaeper.

 

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Johannes von Ballestrem und Tom Berkmann

 

Eingreiftruppe steht für das  Spiel mit dem Charme des Unkalkulierbaren und des Unbeständigen („just as free as a bird and as good as his word“ wie es in ihrer Lieblingsballade „Old Folks“ von Etta Jones heißt). Ehrlichs Truppe formatierte sich 2013 und umfasst an die 20 hochkarätige Musiker, mit denen er abwechselnd seit acht Jahren auf den deutschen und europäischen Bühnen zu hören ist:  mit unterschiedlichen Solisten und Programmen – je nachdem! Es funktioniert bestens, wie wir gestern Abend erleben konnten. Die Gruppe strahlt Dynamik, Initiative,  Können und mitreißend-ansteckende Freude an der Musik aus. Auf dem Good Bait-Programm standen gestern unter anderem Klassiker wie Remember, The More I See You, Jive at Five, Sister Sadie oder Stars Fell on Alabama, bei letzterem spielte der Bassist die Melodie.

 

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Philipp Schaeper und Markus Ehrlich

 

Zu ködern gab es eigentlich gar nicht so viel, denn diejenigen, die vor Ort waren, sind sicher wegen der Truppe oder wegen der Lokalität gekommen, uns allerdings haben sie an den Angelhaken gekriegt!

Markus Ehrlich spielt außerdem Klarinette und Flöte, ist viel auf Reisen und permanenter Gast auf vielen bedeutenden Jazz-Festivals in Europa. Johannes von Ballestrem war auch schon einmal Mitglied im Bundesjazzorchester und mit diesem in vielen Ländern auf Tournee. Stilistisch sehr vielseitig hat er in der Vergangenheit u.a. mit Kurt Rosenwinkel oder Greg Cohen auf der Bühne gestanden.  Tom Bergmann ist in einer bayerischen Einöde aufgewachsen und hat die Musik erst spät entdeckt. Vielleicht hat ihn ja das Muhen der Kühe zum Bass gebracht! Er hat bei Kurt Rosenwinkel und John Hollenbeck studiert und ist auf europäischen und amerikanischen Bühnen zu erleben. Für den Film „Oh Boy“ erhielt er 2013 zusammen mit der Gruppe The Major Minors, der auch der Schlagzeuger Philipp Schaeper angehört, den Deutschen Filmpreis für die Filmmusik.

Großartiger Jazz-Abend!

Christa Blenk

 

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Palazzo Ricci in Berlin

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Palazzo Ricci nach dem Konzert

 

Intime Begegnungen

Das Ensemble Palazzo Ricci hat seinen Sitz in Montepulciano, mitten in der Toscana, im Renaissance-Palast Palazzo Ricci.

Die Europäische Akademie für Musik und Darstellende Kunst Palazzo Ricci ist ein bedeutendes deutsches Kulturprojekt in Italien, das sich vor allem der Musik widmet.  Seit dem Jahre 2000 sitzt die Hochschule für Musik und Tanz Köln in diesem Palast, der nach umfangreichen Renovierungsarbeiten im Jahre 2001 als Europäische Akademie wieder eröffnet wurde. Und damit sind wir auch schon beim Anlass des gestrigen Abends: das 15-jährige Jubiläum. Die Akademie feierte ihren Geburtstag mit einem Konzert, das  mit einem ganz besonders sorgfältig ausgesuchten Programm am Gendarmenmarkt im Berliner Konzerthaus bestach.

Wenn man an die schöne Weinstadt in der Toscana, Montepulciano,  denkt, darf natürlich Hans-Werner Henze nicht fehlen. Hat er doch 1976 die Stadt, die Menschen dort und den Vino Nobile entdeckt und den Cantiere Internazionale d’Arte (eine Internationale Kunstwerkstatt) gegründet, eine  italienische Sommerakademie und ein Kultur-Treffpunkt für junge Sänger, Musiker, Regisseure, Künstler und Komponisten, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Die enge Verbindung zu Köln entstand, da Henze in der Enstehungszeit an der Hochschule für Musik und Tanz Köln lehrte.

Henze selber hatte beim Cantiere auch einige seiner Werke zur Uraufführung gebracht, wie die Kinderoper Pollicino (1980) aus der gestern die Sonatine für Violine und Klavier, glänzend vorgetragen von Gustavo Vergara und Anthony Spiri, aufgeführt wurde. Aber vorher durften wir an den Selbst- und Zwiegesprächen für Viola und Klavier (1984) teilnehmen. Die Serenade für Cello solo, gespielt von Leonid Gorokhov, diente anschließend als Brücke für eine Gegenüberstellung von Henzes Musik zu Luigi Nonos Komposition für zwei Violinen Hay que caminar (sognando). Nono entdeckte diesen Spruch zufällig 1980 im spanischen Toledo an einer Hauswand. Er stammt aus einem Gedicht von Antonio Machado „Caminantes, no hay caminos, hay que caminar“ (Wanderer, es gibt keine Wege, man muss gehen). Die Solisten sind im Parkett von Notenständer zu Notenständer gewandert und haben sich „unterhalten“. Stilmäßig waren sich die beiden Musikerkollegen und ursprüngliche Freunde hier sehr nahe. Im  Verlauf ihres Komponistenlebens hatten beide durchaus Unstimmigkeiten auszufechten, da Nono Henzes Musik nicht zeitgenössisch genug war, nachdem Henze sich dem Zwang der seriellen Musik der Darmstädter Ferienkurse nicht unterwerfen wollte und eigene Musik-Wege sucht und die Henze-Musik erfand. Bei dieser Begegnung gestern haben sie sich jedenfalls prächtig verstanden, was natürlich auch der ausgezeichneten Interpretation zu verdanken war!

Eingeleitet wurde das Konzert von einer Fantazia von Henry Purcell (1659-1695) „Upon one Note“ F-Dur Z 745; den Schluß bildete ein Kammerkonzert-Klassiker von Brahms (1833-1897) das Klavierquintett f-Moll o. 34 , ebenfalls wunderbar und in rasanten, brahmschen Galopp lebendig und mitreissend interpretiert von dem internationalen Ensemble dem der Amerikaner Anthony Spiri (Klavier), die griechisch-US Musikerin Ariadne Daskalakis (Violine), der Chilene Gustavo Vergara (Violine), der Hamburger Matthias Buchholz (Viola) und  Leonid Gorokhov (Violoncello), der aus St. Peterburg kommt, angehören. Brahms schrieb dieses Klavierquintett 1862 ursprünglich für zwei Celli und brachte nach Rücksprache mit Clara Schumann und Joseph Joachim so einige Änderungen an, bis es schließlich ein Klavier und Streichquartett wurde. Der Dirigent Hermann Levi schrieb im November 1864 an Brahms: „Das Quintett ist über alle Massen schön; wer es nicht unter den früheren Firmen: Streichquintett und Sonate gekannt hat, der wird nicht glauben, dass es für andere Instrumente gedacht und geschrieben ist.“

Seit 2012 Jahren gibt es in Montepulciano jährlich eine internationale Kammermusikwoche; Palazzo Ricci organisiert aber auch Meisterkurse und  Festivals, bei denen international bekannte und renommierte Dozenten mit Ensembles und Solisten ein Kammermusik Programm erarbeiten.

Wenn man im Sommer durch Montepulciano spaziert, kann man den Zauber hören. An jeder Ecke macht jemand Musik und Töne und Noten fliegen aus fast jedem Haus durch die flirrende toscanische Sommerhitze und hüllen die Besucher ein!

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Bravi!

Christa Blenk

 

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Spectrum – Eröffnungskonzert im Kammermusiksaal der Philharmonie

kammermusiksaal mit Notenständern

 

Gestern Abend  fand das 29. Eröffnungskonzert in Kammermusiksaal der Philharmonie vor einem sehr reduzierten Publikum statt – was sehr schade war!.
Auf dem Programm standen drei gut ausgesuchte Werke für Streicher und Klavier.

Der erkrankte Pianist Igor Tchetuev wurde glänzend von der koreanischen Pianisten Yeol Eum Son vertreten. Gemeinsam mit Geige und Cello eröffneten sie den Abend mit Schostakowitschs Trio Nr. 1 für Klavier, Violine und Violoncello c Moll, op 8. Dmitri Schostakowitsch hat es 1906 für Tatjana Gliwenko komponiert während eines Kuraufenthaltes auf der Krim. Es war die Zeit, in der er sich seinen Lebensunterhalt (und den seiner Familie, nachdem sein Vater den Winter nicht überlebte) auch als Begleitmusiker für Stummfilme verdiente, was dem Trio durchaus anzuhören ist. Viel Bewegung und ungleiche Abschnitte und nervöse Noten bzw. Wörter zeichnen es aus.

Weiter ging es mit der Serenade für Violine, Viola und Violoncello in C-Dur, op 19 von Ernst von Dohnányi (1877-1960). Sie entstand 1902 als von Dohnányi 25 Jahre alt und gehört noch der spätromantischen Zeit an. Sie plätschert eher schön so dahin.

Nach der Pause folgte das beeindruckende Klavierquintett mit zwei Violinen, Viola und Violoncello in f-Moll von César Franck (1822-1890). Franck hat es 1879 komponiert als die französische Musik (und die Kunst)  gerade dabei war, in die Modernität einzutreten. Franck, beeinflusst von Wagner,  hat einen wichtigen Beitrag geleistet, um die französische Musik aus der Spätromantik hin zum Impressionismus  zu führen. Das Quintett zählt zu seinen besten kammermusikalischen Kompositionen lässt aber durchaus die Bedeutung der Orgel für Francks Musik erkennen.

Ausgezeichnete Interpretation von Boris Brovtsyn (Geige), Clara Jumi-Kang (Geige), Maxim Rysanov (Viola), Alexander Chaushian (Cello) und natürlich Yel Eum Son am Klavier.

Christa Blenk

 

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Unerhörte Musik – Forseti Quartett

Unerhörte Musik – das Forseti-Quartett wirbelt durch das BKA

 

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Forseti Quartett im BKA

Das Saxophon-Programm gestern Abend im BKA Theater stand unter dem Motto „Macht Freiheit“!

Das Quartett eröffnete den unglaublichen Konzertabend mit einem Werk von H. Johannes Wallmann aus 1992 „Gleich den Vögeln – vergiss nicht, dass Du Flügel hast“ für vier voneinander weit entfernte Saxophone. Und wie der Titel schon sagt, ging es hier um Fliegen, Flattern, Schnabeln, Piepsen – eine ganze Waldfauna oder ein Gefiederzoo plapperte und disputierte im Vogeldialog fröhlich durcheinander.  In jeder Himmelsrichtung steht ein Musiker. Die Saxophonisten agieren, reagieren und interpretieren.  Es gibt keine festen Regeln und je nach Raum und Akustik hört es ich immer anders an. Brillant vorgetragen und der persönlich anwesende Wallmann war sichtlich zufrieden mit der Interpretation.

Im Anschluss das Saxophonquartett von Lisa Streichs Madonna del Prato. Es ist 2012 entstanden und basiert – sehr entfremdet -  auf der Bachkantate „Komm, o Tod, du Schlages Bruder“. Dekonstruktiv,  ruhig, meditativ und kontemplativ plätschern die Wassernoten dahin und setzen sich ab wo sie grad Lust haben. Lisa Streich hat es als Hommage an Giovanni Bellinis Gemälde gleichen Namens komponiert.

Nach der Pause ging es weiter mit einer Uraufführung. Das Stück So Be it von Thierry Tidrow entstand 2016 und wurde für das Forseti-Quartett geschrieben.  Diese Interpretation war die vollendete Umsetzung eines genialen Stückes. Forseti, ist der Name eines nordisch/germanischen Windgottes und hier kam er voll zum Einsatz, der Windgott mit seinen Kindern und Nebengöttern. Die Musiker sprechen zum Teil in ihr Instrument, die Wörter wollen aber nicht bei uns ankommen, sie bleiben drin oder werden beim Versuch zu entkommen abgewürgt oder vom Wind weggetragen. Wie ein politischer Diskurs über Lautsprecher, der lärmend und unkontrolliert im Nichts verläuft, vorher aber Häuser und Gegenden verwüstet. Grandios!

Anschließend wurde es poetisch. Der Bonner Komponist Hans Thomalla (*1975) hat sein Werk Albumblatt II 2012 geschrieben. Hier geht es um Nostalgie und um Festhalten dieser, um Nachhaltigkeit von dem was war. Rhythmisch haltbare, zarte Klänge werden zu Gedichten, zum Poesiealbum der 50er Jahre und wie der Altsaxophonist Frank Riedel so passend sagte: „In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken“!

Zweifeln Sie aber jetzt bloß nicht am Zeitgenössischen dieser Komposition!

Mit einem ihrer Lieblingsstücke ging das Konzert zu Ende. Reach Out von Dai Fujikura (*1977) entstand 2002. Permanenter  Saxophonwechsel hält die Musiker in Atem. Es beginnt ruhig und harmonisch, wird aber im Verlauf rockig und jazzig und man kann gut nachvollziehen, warum sie es gerne spielen. Dai Fujikura hat früher zur Gruppe Gruppe Guns N’Roses gehört.

Das Forseti Saxophonquartett ist 2005 entstanden. Alle vier Musiker, Magdalena Lapaj-Jagow, Sopransaxophon; Dom Childs, Sopran- und Altsaxophon; Enrico Taubmann, Sopran- und Tenorsaxophon; Frank Riedel, Sopran- , Alt- und Baritonsaxophon, waren Schüler bei Prof. Daniel Gauthier an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. In vielen Meisterkursen im In- und Ausland perfektionierten sie sich und setzen sich jetzt  hauptsächlich mit zeitgenössischer Musik auseinander.

Christa Blenk

 

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Il trionfo del tempo e del Disinganno

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Enjoy yourself – It’s later than you think!

Il trionfo del Tempo e del Disinganno – Der Triumpf von Zeit und Enthüllung (der Wahrheit)

Papst Innozenz XII rief  im Jahre 1700 ein Heiliges Jahr aus. Eine der Konsequenzen daraus war ein totales Opernverbot im sumpfigen und unmoralischen Rom. Auch sein Nachfolger, Papst Clemens XI, achtete auf die Einhaltung dieses. Weil man aber in Rom ohne Oper, Theater oder Musik nicht leben konnte, erfand man kurzerhand das Oratorium. Alessandro Scarlatti soll daran maßgeblich beteiligt gewesen sein. Theologisch fundiert und oft sich auf biblische Themen stützend, konnte ein Oratorium trotz päpstlicher Strenge meistens zur Aufführung gelangen.

Der junge Sache, Georg Friedrich Händel kam 1706 nach Italien und 1707 nach Rom, wo er schnell Zugang zu der kulturellen und wohlhabenden Schicht fand und – auch wegen seiner Virtuosität an der Orgel – begeisterte. Noch im selben Jahr entstand « Il trionfo del Tempo e del Disinganno » . Ein kompositorisches Jugend-Meisterwerk, das an Perfektion und Schönheit fast nicht zu übertreffen ist. Den Text dazu bekam er von dem sehr begabten Benedetto Pamphilj, der sich wohl an Maria Magdalena orientiert hatte und später noch mehr Libretti für Händel schreiben sollte.

Vier allegorische Wesen bestreiten das Werk.

Bellezza,  selber von ihrer Schönheit fasziniert und flankiert von Piacere (Vergnügen), die trotz tickender Uhr darauf besteht, das Heute zu leben und nichts zu verpassen stehen Tempo (Zeit) und  Disinganno (Wahrheit  oder Enttäuschung) gegenüber. Ein geistreicher Disput zwischen Vergänglichkeit, Religion, Demut und Frivolität.  Jürgen Flimm lässt die Geschichte in einem schicken Restaurant wohl in Berlin Mitte spielen, die rich and beautiful people kommen selber gerade aus Händels Aufführung in der Staatsoper, was wir am Programmheft erkennen können.  Es war sicher eine Premiere, denn Alle sind in lange und sehr elegante Roben gewandet. Ein Kommen und Gehen von anderen Konzertbesuchern, die nur stumme Rollen haben, sich lebhaft unterhalten und zum Teil auch gar nicht auf den anspruchsvollen und philosophischen Disput unserer vier Allegorien achten.  Bellezza-Marilyn, auch physisch immer hin- und hergerissen zwischen dem Vergnügen und der Uhr, fühlt sich sichtlich bedroht von den knallharten Ermahnungen der ernüchternden Disinganno und schwört aber trotzdem Piacere ewige Treue, was sich als großer Fehler herausstellen wird.

Händels musikalische Lösungen für jedes Bild sind dramatisch, beschreibend um umwerfend schön. Berauscht-verzückt, heißblütig,  vielfältig und amüsant-unterhaltsam dann wieder klagend-leidend, nachdenklich, unsicher und schwermütig-grüblerisch oder sinnlich oder komisch – Händel hat für jede Rolle den richtigen Ton gefunden. 

So gesehen entfernt sich Il Tionfo sehr weit vom herkömmlichen Oratorium. Der auch musikalisch stille und bescheiden hingenommene Stieg der Kirche hat es aber immer salonfähig bzw. kirchenfähig gemacht. Händel selber hat bestimmte Fragmente in spätere Werke, wie z.B. in Rinaldo, nochmals überarbeitet und eingebaut und einige Melodien wohl schon im Hamburger-Gepäck nach Rom gebracht.

Disinganno (ausgezeichnet Sara Mingardo) ist die einzige dunkle Stimme, erdverbunden und ernst-mahnend. Tempo  (Charles Workman, Tenor), war auch schauspielerisch ganz in seiner Rolle. Inga Kalna hat das Vergnügen mit Temperament, Ärger und Perfektion hingedonnert. Piacere hat wohl auch die aufregendsten Arien in dem Stück. Die Schöne war Hélène le Corre. Bemerkenswert und fast schon ein wenig pathetisch wie sie sich von einer aufgedonnerten Blondine in eine Büßerin verwandelt und sich demütig auf den Boden wirft; dies vor den Augen der müden Kellner die nach Hause wollen, die Stühle auf den Tisch stellen und die Tischdecken auf den Boden werden, was  das Restaurant irgendwie in ein Kirchenschiff verwandelt.

Und natürlich die Staatskapelle Berlin mit Sébastian Rouland am Pult – unverwechselbar dynamisch, einfühlsam und  perfekt!

Ach ja, und Händel selber hat sich in dem Stück auch eine Rolle gegeben und deshalb wird er zur Sonata im ersten Teil er als anmutiger Jüngling an der Orgel (Thomas Guggeis) begleitet von Corelli an der Geige (Wolfram Brandl) ins Restaurant geschoben.

Viel Applaus für alle aber vor allem für das Vergnügen!

 

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nach der Vorstellung

Christa Blenk

 

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Kontraklang – Maulwerker und Rühm

Onomatopoesie-Abend

 

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« Maulwerker » nach der Veranstaltung

 

Kontraklang: Lautdichtungen und Sprechduette

Gerhard Rühm, der bei der gestrigen Performance im Heimathafen Neukölln persönlich anwesend war, ist einer der bedeutendsten Künstler, ein Tausendsassa oder Wunderwurzi wie die Österreicher sagen. Er ist Schriftsteller, Lyriker, Schauspieler, Komponist, Performancekünstler, Maler und Poet. Gestern Abend hat er Gedichte oder Lautdichtungen aus seinem Repertoire vorgetragen – allein und Sprechduette er mit seiner Frau, der Musikpublizistin Monika Lichtenfeld. Dass er 86 Jahre alt ist würde man nicht vermuten. Temperamentvoll und witzig, ein einfallsreicher Sprachkünstler und Grenzgänger zwischen Noten, Buchstaben und Sprachexperimenten.

Das Programm begann mit der Kurzoper „Die Schwester“ (2016) von Christian Kesten (er gehört, wie auch Steffi Weismann, zu den Maulwerkern) nach einem Libretto von Gerhard Rühm und vorgetragen von dem Ensemble „Maulwerker“. Spannend, hauchend, schreiend, gestikulierend und Gegenstände verrückend hielt diese Performance das Publikum in Atem, wenn  man sich überhaupt traute zu atmen.

Die Künstler erzählen die Geschichte einer Person, die sich mit einer zweiten Person über eine Dritte unterhält. Sie spielt weit weg, vielleicht auf einem anderen Planeten. Die Sprache, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr; aber es gibt noch eine Wohlfühl-Verbindung zu früher, zum Bekannten. Das Radio, die unzähligen Frequenzstörungen lassen dann und wann ein Wort durch das wir verstehen und kennen, Musik  (von Ravel) ist zu hören und allgemeine Störgeräusche. Aber immerhin hat das ausgereicht, um am Ende zwei Sätze zustande zu bringen. „Es war schönes Wetter heute“.

Dann kam Rühm auf die Bühne und las vier Soli (Seufzerprozession (2009), Lautgedicht (2000), Verlautbarung, eine Sprechstunde in Amtsdeutsch (2006) und Josephslegende (2007). Weiter ging es mit den Sprechduetten und dazu kam kam Monika Lichtenfeld zu ihm auf die Bühne und es wurde sehr lustig. Anschließend  wissen wir also, dass ein Mann den Rekord an gesprochenen Wörtern innehat und Frauen erst ab 30 Jahren mehr reden, um ihren vor ihnen sterbenden Männern auch alles noch mitteilen zu können. Köstlich die Beiden!

Nach der Pause wieder die Maulwerker mit einem frühen, sehr minimalem, Werk von Rühm aus 1962 sowie einem Beitrag von Sven-Ake Johannson (Stereo für 8 aus 2005). Johannson war übrigens auch persönlich anwesend.

Antje Vowinckel lebt als  Radio – und Klangkünstlerin, Performerin und Regisseurin in Berlin. Sie ließ Amy Walker in 21 Dialekten oder Akzenten ihren Kurz-CV auf Video herunterplattern  (das Video 21 accents gibt es auf Youtube) – es lohnt sich!

Steffi Weismanns „folie (2016) hat uns sehr berührt und mit Panik überschüttet. Fünf Maulwerker befanden sich auf der dunklen Bühne und hatten Plastikfolien auf dem Gesicht. Wir konnten die Atembewegungen und angsterfüllte Atemveränderungen  hören und sehen. Ein weiteres Mitglied hat diesen Schauer-Prozess mit einer lauten und monotonen Ratsche begleitet.

Rühms Väter sind u.a. auch die Dadaisten und wie er zerlegt er Sprachmaterial und baut Buchstabenmusik oder Gedichte daraus. Hugo Ball und Emmy Hennings praktizierten dies zum ersten Mal im Februar 1916, im Jahr der Erfindung der Dada-Bewegung als sie im Cabaret Voltaire in Zürich Unsinnsgedichte vortrugen und viel Erfolg verzeichnen konnten. Der Österreicher Rühm lebt seit den 60er Jahren in Berlin und Köln, in Wien hat man ihn nicht verstanden und es gab sogar ein Publikationsverbot.

Die Maulwerker haben sich in der jetzigen Formation 1988 gegründet und sind aus musiktheatralen Werken unseres Jahrhunderts nicht wegzudenken. Zu Ihnen gehören  Michael  Hirsch, Ariane Jeßulat, Henrik Kairies, Christan Kesten, Katarina Rasinksi, Tilmann Walzer, Steffi  Weismann. Sie sind Sänger, Performer, Künstler, Schauspieler oder Komponisten  und dementsprechend auch ihre Spannbreite als experimentelles Vokalensemble oder Musik-Raum-Klang-Architekten die sich mit Cage und Fluxus befassen.

Interessanter Abend!

Das nächste Konzert organisiert durch Kontraklang „Nach Kagel“ findet am 15. Dezember 2016  auch wieder im Heimathafen Neukölln statt.

Christa Blenk

 

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Petite Messe Solennelle

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 nach dem Konzert

Gestern Abend hat es sich wieder einmal gezeigt, dass man nicht unbedingt die großen und bekannten Chöre und Sänger braucht, um eine prächtige und schöne Aufführung von Rossinis kleiner und doch so großer, genialer, schwieriger und mit über 80 Minuten gar nicht so kleiner Messe zu hören.  

Der Bonvivant Rossini musste ja etwas tun, um sich sein Plätzchen im Himmel zu sichern und hat 1863 die Musikwelt mit diesem bedeutenden sakralen Werk überrascht: über 30 Jahre nach dem Erfolg von Wilhelm Tell und seinem ersten kirchlichen Werk, dem Stabat Mater (1832). Ganz bescheiden – wie der Bittsteller Rossini vor Gott – ist sie. (Rossini: Hier ist sie, die arme kleine Messe. Ist es wirklich heilige Musik (musique sacrée) oder doch vermaledeite Musik (sacrée musique?) Ich bin für die Opera buffa geboren. Du weißt es wohl! Ein bisschen Können, ein bisschen Herz, das ist alles. Sei also gepriesen und gewähre mir das Paradies.)  Zwei Instrumente (Klavier und Harmonium), vier Solisten und ein Dutzend Sänger, mehr braucht sie nicht, diese wuchtige und so abwechslungsreiche Opern-Messe.

 

Rossini in Rom

 

Er hat sie in Paris geschrieben, für ein französisches oder italienisches Publikum. Uns Deutsche wollte er damit eher verschonen. „Das ist keine Kirchenmusik für Euch Deutsche, meine heiligste Messe ist doch nur immer semi seria“ soll er gesagt haben. Er konnte ja nicht die Erfolge seiner Opern wie der Barbier von Sevilla und der Cenerentola aufs Spiel setzen. Übertreiben brauchte man es ja schließlich auch nicht!

Der Charlottenburger Kammerchor hat gestern in der Osterkirche in Berlin-Wedding mit über 20 Sängern, vier ausgezeichneten Solisten und zwei Instrumenten die Petite Messe Solennelle ihrem Namen gerecht aufgeführt. Feierlich und nobel. Die Pianissimi haben Chor und Leiter Stefan Schmidt wunderbar hervorgezaubert. Er hat den Chor durch die dynamisch-lebhafte Eröffnung, das transparente Kyrie über Gloria und Amen zum temperamentvollen Cum sancto Spiritu geführt und es mit einem sehr gelungenen, dezentem Dona nobis pacem ausflüstern lassen.

Dann und wann trat das Harmonium (Sebastian Glöckner) zu stark in den Hintergrund weil das Piano (Anders Mansson)  schon mal zu übermütig wurde und die Sänger verwirrte,  aber rundum war es eine beachtenswerte Aufführung. Die Sopranistin Adriane Queiroz gehört zum festen Ensemble der Staatsoper. Sie hat ein sehr schönes, volles Opern-Timbre und ist sicher genau das, was Rossini sich gewünscht hätte, feierlich-ernst und opernhaft-frivol. Friederike Harmsen hat ihre Alt-Arien sehr sicher und kraftvoll gesungen. Sie ist übrigens auch die Stimmbildnerin des Chores und ansonsten sehr mit zeitgenössischen und experimentellen Musik- oder Theaterproduktionen befasst. Makellos auch der Tenor Harmut Schröder, obwohl er am meisten unter dem manchmal zu lauten Piano zu leiden schien. Sebastian Bluth hat als Bass unbedingt überzeugt. Er war Meisterschüler von Dietrich Fischer-Dieskau und Peter Schreier und hat schon viele Preise gewonnen.

Stefan Schmidt ist Pädagoge und leitet den Charlottenburger Kammerchor seit 2003 Er hat das Projekt „Straßenchor“ ins Leben gerufen und gibt regelmäßig Meisterkurse in Spanien und Asien.

1868 ist Rossini in Paris-Passy verstorben. Ob er es in den Himmel geschafft hat wissen wir nicht, aber in die Riege der großen Messen, die heute zum Standard-Repertoire gehören, ist die Petite Messe Solennelle auf jeden Fall eingetreten.

Wir haben den Chor zum ersten Mal aber sicher nicht zum letzten Mal gehört.

Bravo!

Christa Blenk

 

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Festkonzert der Berliner Symphoniker

Von Planeten, Göttern, Belcanto und viel Leidenschaft

 

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nach « Die  Planeten »

 

Gestern feierten die Berliner Symphoniker ihren 50. Geburtstag und eröffneten mit einem Jubiläumskonzert im großen Saal der Philharmonie die Konzertsaison. Am Pult der langjährige Chefdirigenten Lior Shambadal.

Vor einem begeisterten Publikum und mit leicht verdaulichen aber trotzdem ansprechenden und anspruchsvollen Schmankerl des 19. Jahrhunderts, stellten die jungen Solisten mit den Symphonikern die Bandbreite ihres Repertoires unter Beweis.

 

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Helena Aikins Planet-Installation (Foto: Christa Blenk)

 

Mit dem bekanntesten Werk des Engländers Gustav Holst (1874-1934), der 50-minütigen Reise durch das Universum der Planeten oder über den umfangreichen Götterhimmel der griechischen Mythologie wurde dieser Konzertnachmittag eröffnet.  

Holsts Orchestersuite „Die Planeten“ entstand zu Beginn des Ersten Weltkrieges und beginnt entgegen der Reihenfolge der Planeten im Sonnensystem mit einer herausfordernden Beschreibung des Planeten Mars. Mit mächtiger Musikgewalt katapultiert er uns durch das All. Die Komposition besteht (nur) aus sieben Teilen, da der Planet Pluto zur Zeit der Entstehung noch nicht entdeckt war. Holst hat jedem Planeten/Gott gewissen Attribute bereits mit in den Partitur gelegt.

Nach Mars‘ heißblütigem Wüten, säbelwetzenden Soldaten und Kanonendonner der Kriegswirren muss die liebliche Venus  versuchen, die Wogen wieder zu glätten und das Unheil abzuwenden.  Alles schwebt vor den immer noch von  Angst und Schrecken verschlossenen Augen. Aber wie wir Alle wissen, hat Venus versagt, denn der Krieg ging trotz vielfachen diplomatischen Versöhnungsreisen des quirligen Götterboten Merkur weiter. Mit blitzenden und donnernden Temperamentsausbrüchen des Jupiter (oder vielleicht eher mit denen seiner Frau Juno nach einem heftigen Ehestreit zwischen dem ewig Untreuen und seiner Gattin)  reisen wir fröhlich im Gefolge des Göttervaters durch die brodelnde Welt bis uns der alternde und weise Bringer des hohen Alters Saturn wieder etwas Ruhe finden lässt. Der Saturn-Part ist Holst ausgesprochen gut gelungen. Das Zögern des alten Kronos, sein Fast-Nicht-mehr-Sein, sein selbstsicheres Schwanken und das permanente sich wieder Aufrappeln hat er musikalisch in Adagio-Andante Passagen glänzend umgesetzt. Aber dann sind wir schon bei Uranus; er ist ein Riese aus Gas, umgeben von Ringen und von vielen kleinen magischen Teilchen und Elementen. Aus ihm hat Holst einen durchs All stiebenden, besenfliegenden Magier gemacht. Der geheimnisvolle Mystiker Neptun verdrängt den Zauberlehrung und tritt als Letzter auf. Er wird – als Einziger – von einem weihevollen, eleusinischen sechsstimmigen Frauenchor begleitet. Erde, Mond und Sonne dürfen nicht mitspielen.

Gigantische Tonfarben und unglaubliche Klangeffekte lassen keine Langeweile aufkommen und haben die Filmmusik kräftig inspiriert; trotzdem wird die Suite bei uns sehr wenig gespielt.

 

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Die Götterwelt in der Villa Farnesina

 

Aufgeführt wurden Die Planeten allerdings erst nach dem Krieg, 1918 im privaten Kreis in London und offiziell erst 1920 in Birmingham.  

Nach der Pause spielte zuerst die junge Pianistin Anna Karasawa Chopins Grand Rondeau de Concert op 14 „Krakowiak“. Anschließend wurde vor aller Augen der Flügel versenkt und die Bühne frei gemacht für die Solisten. Natürlich darf bei so einem Festtagskonzert der Belcanto nicht fehlen. Deshalb schmetterte der österreichischer Tenor Martin Piskorski „La donna è mobile“ aus Verdis Rigoletto und eine Arie aus Gounods Romeo und Julia. Die belgische Mezzo Sara Jo Benoot sang eine Arie von Francesco Cilea und die Arie der Azecena aus Verdis Il Trovatore. Highlight im zweiten Teil war ohne Zweifel die Violinistin Zhi-Jong Wang mit Camille Saint-Saens Introduktion und Rondo capriccioso op 28.

Nach einer weiteren kurzen Pause ging es ins Finale, das ganz sachte mit dem eher undramatischen und leidenschaftslosen, ja sogar ein wenig langweiligen Madrider Rückzug vom italienischen Frühklassiker Luigi Boccherini anfing. In den 70er Jahren hat es Luciano Berio für Orchester bearbeitet – was es aber nicht lebhafter machte. Übergangslos ging es in die ersten  Noten zu Maurice Ravels (1875-1937) Bolero.

Ravel selber war überzeugt davon, dass die 15-16 Bolero-Minuten auch die spannungsgeladensten seines musikalischen Werkes sind. « Mein Meisterwerk? Der Bolero natürlich. Schade nur, daß er überhaupt keine Musik enthält. »(soll Ravel einmal gesagt haben). Ursprünglich war es eine Komposition für die androgyne Tänzerin Ida Rubenstein und inspiriert dazu hat er sich an einer spanischen Melodie. In 18 Variationen steigert sich dieser Bolero zu einem progressiv rauschend-pfiffigen und ekstatischen-eruptiven Orchestercrescendo mit einem verblüffenden Schluss. Als eine Konzertbesucherin Ravel nach der Uraufführung 1928 in der Pariser Oper ansprach und ihm sagte er wäre ja wohl verrückt, konnte der Komponist nur schmunzeln und ihr gratulieren, denn sie hätte das Stück verstanden. Ganz präzise wird es nicht schneller sondern immer nur lauter!

Die Berliner Symphoniker sind ein Produkt des Mauerbaus. Um die plötzlich arbeitslos gewordenen musikalischen Grenzgänger unter zu bringen hat der Senat kurzerhand ein drittes staatlichen Klassikensemble in Berlin eingerichtet.  Das Orchester hat schon viele  Höhen und Tiefen erfolgreich überwunden und ist und war immer wieder von Subventionsstreichungen betroffen und schlagen sich seit 2004 als frei finanziertes Projektorchester durch.

Schöner Konzertnachmittag!

Christa Blenk

 

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Die Geisterbraut

Gruseliger Hochzeitsweg!

Die Geisterbraut, opernhafte und selten aufgeführte spätromantisch-wagnerianische Ballade von Antonín Dvořák (1841-1904) wurde  gestern Abend aus Anlass des 175. Geburtstags  dieses böhmischen Komponisten von der Berliner Singakademie und dem Konzerthausorchester unter Achim Zimmermann im Konzerthaus in Berlin aufgeführt.

Dvořák hat es nach einem Text von Karl Jaromír Erben für Sopran, Tenor, Bass, Chor und Orchester komponiert.  Der ursprüngliche Titel lautete „Die Brauthemden“. Bei uns hat sich Gottfried August Bürger in seiner Lenore 1773 mit diesem Schauermärchen befasst.

Die Geisterbraut spielt im böhmischen Land der Mythen und Legenden und  es geht um Liebe und Tod, und ist spooky. Das Stück wurde 1883  mit großem Erfolg zuerst in Pilsen und ein paar Monate später beim Birmingham Festival aufgeführt; diese hatten das Mammutgroßwerk auch in Auftrag gegeben.

Bei der Geschichte geht es um ein junges, frommes Waisen-Mädchen das allein in einem Zimmer sitzt und Brauthemden näht. Seit Jahren wartet sie auf die Rückkehr ihres plötzlich kurz vor der Hochzeit verschwundenen Bräutigams. Sie betet und plötzlich, um Mitternacht, geht die Tür auf und er tritt ein, um sie endlich zu holen. Sie versteht zuerst nicht, dass er schon tot ist. Erst auf dem Weg zum neuen Heim und zur Hochzeitsgesellschaft kommt sie ins Wanken.  Auf dem langen, ungemütlichen Pfad – man muss 100 Meilen zurücklegen – versucht sie ihre  Angst mit Fragen über die Familie zu minimieren und folgt ihm nur mühsam über Stock und Stein, Waldstrüpp und Hinternissen. Des Bräutigams einziger Beitrag zur Konversation ist die permanente Aufforderung – und dabei wird er kräftig unterstützt vom Bass-Erzähler und vom Chor – sich doch endlich von der Last der religiösen Reliquien zu befreien, um leichter durch die Zeit zu fliegen. So landet nach und nach Gebetsbuch, Rosenkranz und Kreuz im Gestrüpp.

Wald Niederbayern

Angekommen an der Friedhofsmauer, weigerst sie sich, als erste drüber zu springen. Sie ahnt nun Schreckliches und flüchtet in ein Leichenhaus. Der dort aufgebahrte Leichnam fängt an sich zu bewegen; sie fleht wieder die Muttergottes Maria an und dann wird es Tag und der Spuk ist vorbei.Was bleibt ist ein verängstigtes Mädchen, das von den Kirchgängern befreit wird.

Große gestalterische Dramatik und tonmalerisch sehr spannende Musik zeichnet diese Geisterbraut aus. Der Chor spielt eine sehr bedeudente Rolle, da er – zusammen mit dem Bass – die Erzählerrolle über hat.  Hoffnung, Schrecken, Mutlosigkeit, Schauer, Unsicherheit, Erleichterung, undefinierbare, fremde und unbändige Tierlaute, Glockenklänge führen  den Zuhörer von Gänsehaut begleitet durch den Abend. Die Harfe, als Himmelsinstrument, mischt sich immer ein, wenn es ans Beten geht. Das Stück ist gruselig aber auch wieder witzig und sehr abwechslungsreich.

Die Anforderungen an die Sänger sind hoch. Sie müssen sich permanent gegen das Orchester und den großen Chor durchsetzen und obendrein sehr textverständlich singen können.  Diesem kam vor allem der Tenor Lothar Odinius glänzend nach. Wenn er sang, musste man nicht mitlesen.  Aber auch die Sopranistin Martina Rüping und der Erzähler Philipp Kaven haben sich meistens gut geschlagen. Für letzteren war es noch schwerer, denn er musste gegen Chor und Orchester ansingen.  

Langer und begeisterter und verdienter Applaus für diese originelle Kantate!

Vielen Dank!

Christa Blenk

 

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Sinfoniekonzert mit Michael Francis und Ian Bostridge

Traum, Nacht, Alptraum

Von Kriegen, Nachteulen und Meeresungeheuern

 

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Midnight’s bell goes ting, ting, ting – …. but the nightingale, and she cries twit, twit, twit  …. and the cats cry mew, mew mew… (Thomas Middleton)

Der Brite Michael Francis gehört zur jungen Dirigenten-Generation: er dirigiert seit 2015 das Florida Orchestra.

In dieser Spielzeit ist er u.a. auch Gast beim Orchester der Komischen Oper Berlin und hat gestern Abend dort das erste Sinfoniekonzert dirigiert. Dazu hat er sich einen anderen Briten, den herrlichen Sänger Ian Bostridge, nach Berlin geholt. Bostridge ist einer der ganz Großen  und auf den bedeutenden Bühnen der Welt zu erleben. 2015 machte er obendrein noch von sich hören, als er über Schuberts Winterreise, die er nicht nur eigenwillig und genial singt, auch ein launiges und sehr originelles Buch herausbrachte.

Die Musik von Benjamin Britten (1913-1946) gehört auch zu seinem Repertoire und von ihm hat er gestern Abend in einem ausgezeichneten Zusammenspiel mit den Musikern Brittens Liederzyklus Nocture Op 60 vorgetragen. Britten hat den Liederzyklus 1958 für sieben obligate Instrumente und Streichorchester und für den britischen Tenor Peter Pears geschrieben. Nocturne liegt eine Reihe von Gedichten englischer Poeten der letzten 500 Jahre zugrunde. Flöte, Englischhorn, Klarinette, Fagott, Horn Harfe und Pauken leiten jeweils ein neues Gedichte/Lied ein. Wie ein Staffellauf, in dem ein Instrument an das andere übergibt.  Am Ende vereinen sich alle Instrumente zu einem concertino. Es geht hier um Träume, Alpträume, um Erinnerungen und Prophezeiungen und um das, was Bostridge daraus macht und das ist sehr viel!

On a Poet’s Lips I slept, nach einem Gedicht von Shelley (aus Prometheus Unbound -1820) macht den Anfang und figuriert in den folgenden 30 Minuten als Bindeglied. Die Streicher geben anschließend an das Fagott ab. In The Kraken, beschreibt Tennyson (1809-1892) ein auf dem Meeresgrund lebendes aber schlafendes Seeungeheuer. Der Einsatz der Harfe markiert den dritten Teil Encinctured with a Twine of leaves, ein Gedicht von  Colerdige (1797). Es ist Mitternacht, die Glocken schlagen. Das ist die Zeit der nächtlich streunenden Katzen. Midnight Bell ist wie ein Weck- oder Lockruf. Keiner mimt wie Bostride Nachtigallen, Eulen und Katzensprache so komisch, dramatisch und treffend nach, das  Horn unterstützt und unterstreicht. Thomas Middleton hat es um 1570 geschrieben.  Mit den Pauken ändert sich die Stimmung. But that Night when on my Bed I Lay von William Wordsworth (1770-1850) wird das September-Massaker in der Französischen Revolution erzählt; Britten Musik ist aber auch Musik, die nach dem zweiten Weltkrieg entstanden ist. Sleep no more! Das Englischhorn trauert zu The Kind Ghost nach einem Gedicht von Owen (1893-1918). Der Dichter erzählt seine Erlebnisse als Soldat im ersten Weltkrieg kurz bevor er an der Front fiel. Brittens War Requiem das er 1962 komponierte, geht ebenfalls auf Texte von Owen zurück. Flöte und Klarinette gehört der folgende Passus. Sleep and Poetry vom Romantiker Keats (1795-1821). Britten zieht hier ganz kurz den Hut vor Wagners Götterdämmerung. Natürlich darf bei so einer Zusammenstellung der britischen Dichter der allergrößte, William Shakespeare, nicht fehlen. Das Sonnet XLIII bildet den Schluss von Nocturne und die bisher nur sporadisch als Solisten eingesetzten Instrumente vereinen sich mit den Streichern.  Britten hat es, nicht nur musikalisch, der Mahler-Witwe Alma Mahler-Werfel gewidmet, die er in den USA zwischen 1939 und 1942, kennen gelernt hatte.

Bostridge ist ein moderner Manierist. Sehr beeindruckend wie der lange und schlaksige Sänger sich darauf einlässt, wie er in die Musik kriecht und wie sein Körper mitsingt, wie er leidet, sich erinnert, träumt und aufwacht. Von ganz unten nach ganz oben, begleitet aber nie übertönt von den Musikern. Einfach großartig!

Nach der Pause gab es aus der Oper Peter Grimes die Four Sea Interludes op 33 für großes Orchester.  Peter Grimes basiert auf einer Dichtung von 1810 des Schriftstellers und Pfarrers George Crabbe (1754-1832) und ist die Geschichte eines Fischers der beschuldigt wird, am Tod von zwei jungen Lehrlingen schuld zu sein und der von der  bigotten und grausamen Dorfgemeinschaft in den Tod getrieben wird. Peter Grimes wurde für Benjamin Britten und den Tenor Peter Pears, der die Titelrolle sang, schnell zu einem großen Erfolg. Britten selber hat einige Instrumentalpassagen für Konzertaufführungen umgearbeitet, darunter eben die Four Sea Interludes.

Eingebettet wurde die Britten Musik von zweimal Robert Schumann (1810-1956). Zu Beginn die Manfred-Ouvertüre op 115 und am Ende Schumanns glückliche und den Neubeginn ankündigende Rheinische.

Christa Blenk

 

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Orgelmusik französischer Freigeister

 

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 Amalien Orgel in Karlshorst

 

Die Kantorin der Kirche zur frohen Botschaft in Berlin-Karlshorst, Beate Kruppke, dachte sich zum 150. Geburstag von Eric Satie und zum 25. Todestag von Olivier Messiaen etwas ganz besonders aus. Sie stellte ein ungewöhnliches Orgelprogramm zusammen. Der Dritte im Bunde war ein weiterer Franzose, der Komponist César Franck (1822-1890).

Auf dieser außergewöhnlichen Orgel, der Amalienorgel in der evangelischen Kirche „Zur frohen Botschaft“ in Berlin-Karlshorst, die 1755 als Hausorgel für die preussische Prinzessin Anna Amalia für das Berliner Stadtschloss gebaut wurde, spielte sie also einen französischen Romantiker, einen Minimal-Impressionisten und einen zeitgenössischen Komponisten  und das war genial! 

Zwischen Olivier Messiaens (1908-1992) Apparition de l’église éternelle (mit diesem Stück sollte sie das Konzert auch beenden) und Auszüge aus César Francks Pastorale E-Dur op 19 Six Pièces spielte sich Eric Saties (1866-1925) Gnossienne Nr 1. Gnossienne Nr 2 und Nr 3 unterbrachen dann in der Folge zwei weitere kleine Stücke von César Frank und eines seiner Hauptwerke für Orgel, Prélude, Fugue et Variations h-Moll op 18. César Franck hat es seinem Freund Camille Saint-Saens gewidmet; es entstand um 1860. 

Saties Gnossiennes gehen auf altgriechische Traditionen zurück, er ließ sich eventuell auf der Pariser Weltausstellung 1889 dazu inspirieren, reicherte sein Werk  mit  gerade aktuellen Musiktendenzen an und fügte obendrein neue Ideen und Notenfragmente hinzu,

Und bevor sie – wie gesagt – nochmals Olivier Messiaens Eingangswerk, das dieser für Orgel 1932 komponierte, spielte, schenkte sich uns noch die pièces froides von Satie.

Satie hat seine außergewöhnliche und farbenfrohe Musik nicht unbedingt für eine Barockorgel geschrieben, aber es hat funktioniert. Kruppke spannte einen Bogen zwischen sehr mutig und unmöglich (ihre Worte im Programm!)

Originell, perfekt vorgetragen und unterstützt von den beiden Registrantinnen Eun-Hee Hwang und Ulrike Wilson war das ein sehr launiger, kurioser und denkwürdiger Orgelabend.

 

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Christa Blenk

 

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