Archives pour la catégorie Musique



Kreolischer Konzertabend

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Schwarz-Rot sind die Tango-Farben und so ist auch die kleine Bühne an diesem Tango-Abend.

Unter dem neuen Logo  « Kulturvolk » (Freie Volksbühne) treffen an diesem Montagskulturabend eine finnische Pianistin und eine chinesische Bratschistin aufeinander die das Concierto Criollo para Viola y Piano vor: Culto y Zamba – Plegaria – Malambo des argentinischen Komponisten Daniel Pacitti spielen und  damit diese südamerikanische Reise einleiten. Pacitti hat das Werk 2016 komponiert, eine spannende und sehr interessante Fusion melancholisch-leidenschaftlicher Tangothemen, Jazzrhythmen und der Musik seiner französischen Musik-Vorbilder, der Impressionisten wie Cesar Franck oder Debussy.
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Pacitti erklärt zwischendurch die drei Sätze des Concierto Criollo und wir erfahren, dass Malambo eigentlich ein Männertanz ist, monoton und stoisch wie die endlose Pampa der argentinischen Gauchos oder dass der Culto de Zamba spirituellen Ursprungs ist und auf die Inkakultur zurückgeht. Seine „monotone“ Vielseitigkeit wird brillant vorgetragen von Anni Laukkanen am Klavier und Qiyun Zhao an der Bratsche.
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Nach der Pause kommt schließlich der Tango-Teil und dafür nimmt  Maestro Pacitti selber das Bandoneon auf den Schoß. Zusammen mit dem Pianisten Ludger Ferreiro und Qiyun Zhano spielen sie hingebungsvoll vier unterschiedliche Tangovarianten: Berretín (Tango von Pedro Laurenz), Pablo ( von José Martínez), La Yumba (von Osvaldo Pugliese und La Bordona (von Emilio Balcarse).
Glänzende Performance!
Der zweite Teil dieser musikalischen Reise wird Ende Mai stattfinden.
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Criollos nannten die spanischen Kolonialisten die Nachkommen von Europäern (nicht nur spanischen Ursprungs), um sich von den Peninsulares (den aus dem Mutterland kommenden) und den Mestizen abzugrenzen.
Die Criollos bildeten im Verlauf der Zeit die Mittelschicht, wurden als Verwalter eingesetzt oder führten Handwerksberufe aus. Die höheren Posten in Verwaltung und Kirche gehörten aber generell den Spaniern aus Spanien!  Aber schon ab dem 18. Jahrhundert stellten die Criollos die Mehrheit und spielten eine wichtige Rolle in den Befreiungskämpfen der südamerikanischen Unabhängigkeitskriege.
Durch Einflüsse der Musik aus Spanien, die selber wiederum von arabischen Musikfragmenten geprägt war, der kubanischen Habanera, afrikanischen Perkussionrhythmen und den Flötentönen der südamerikanischen Indios entwickelte sich die kreolische Musik (Merengue, Salsa, Mambo oder Tango) in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
« Ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann“ bezeichnete der argentinische Komponist und Bühnenautor Enrique Santos Discépolo den Tango
Genauso verrucht wie das Hafenviertel von Buenos Aires, war dieser melancholisch-fröhlich-temperamentvolle und leidenschaftliche Tanz, der Tango. Matrosen brachten das Bandoneon, das übrigens der deutsche Heinrich Band entwickelte,  nach Buenos Aires, wo es zum Parademusikinstrument für den Tango wurde und bald Klavier und Geige in die zweite Reihe drängte.

Bevor er aber ein vornehmer Gesellschaftstanz werden durfte, war der Tango vor allem in den ärmeren und hoffnungslosen Emigranten-Unterhaltungsvierteln und in den anrüchigen Vororten beliebt. Mit Flöte und Gitarre oder Kontrabass tingelten die Trios und Quartettos durch die Bars. Noch wollte die argentinische Oberschicht von dieser Musik aus den barrios bajos (Armenvierteln) nichts wissen. In Buenos Aires war der Tango offiziell bis 1911 verboten. Erst Paris machte Anfang des 20. Jahrhunderts den Tango salonfähig. Seitdem gehört er zu den Gesellschaftstänzen und ist aus Wettbewerben und Tanzschulen nicht mehr wegzudenken.

Und so ist einer der bekanntesten Tangosänger und Bandoneonspieler ein Franzose aus Toulouse. Carlos Gardel kam 1935 bei einem Flugzeugunglück ums Leben und sein Grab wird immer noch täglich mit Blumen geschmückt.

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Der argentinische Komponist, Dirigent und Bandeonist Daniel Pacitti studierte in Buenos Aires, Paris, Mailand, Wien und Berlin. Hier hat er sich mit Musik für Solostimme und Bandoneon beschäftigt, um dieses Instrument auch der klassischen- und Kirchenmusik näher zu bringen. Zum Luther-Reformationsjahr hat er das Oratorium „Wir sind Bettler“ komponiert, welches am 28. Juni 2017 in der Philharmonie in Berlin uraufgeführt wird – mit Roman Trekel als Luther! Wir sind schon sehr gespannt, wie er diese Zeit interpretiert – Tango-Rhythmen sollen jedenfalls nicht darin vorkommen – sagt er uns zum Schluss dieses originellen und schönen Abends.
Christa Blenk
Fotos: Christa Blenk

 

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Ad Arma Fideles – Concerto Romano beim Aequinox Festival

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Vor dem Konzert – Gabriele Pro und Andrea Buccarella beim Stimmen –
Foto: (c) Christa Blenk

 

Ad arma, fideles! (Rüstet Euch, Ihr Gläubigen!) – Musikalische Frömmigkeit im Rom der Gegenreformation

Vom 17. – 19. März 2017 finden in der Fontanestadt Neuruppin die 8. Musiktage zur Tag & Nachtgleiche statt.

Ein Höhepunkt dieses Festivals, das an unterschiedlichen Orten in und um Neuruppin passiert, war ohne Zweifel der Auftritt des römischen Ensembles Concerto Romano am Samstag in der Temnitzkirche in Netzeband.

(Eine unglücklich ausgeschilderte Umleitung verhinderte das pünktliche Ankommen (von Zuhörer und Solisten) und der vorgesehene Beginn um 15.00 Uhr konnte nicht ganz eingehalten werden. Die Wartezeit wurde aber angenehm bei Kaffee und Kuchen in der kleinen Kirche aus dem 19. Jahrhundert überwunden. )

Vor vollem Haus präsentierte das römische Ensemble im Jahr der Reformation gestern ein Programm mit Musik der Gegenreformationsbewegung scuola romana, die im 17. Jahrhundert der Reformation in Rom erwidern sollte. Gestern Nachmittag hat Concerto Romano der Berliner Lautten Compagney geantwortet, die am Tag vorher den 500. Jahrestag der Reformation behandelte.

Alessandro Quarta hat mit diesen Sacrae Cantiones ein Program von paganen und religiösen Musikpreziosen zusammen gestellt, das interessanter, abwechslungsreicher und typischer für diese Zeit gar nicht sein konnte.

Im römischen Viertel La Vallicella, das heute zum begehrten und teuren centro storico gehört und von wo aus man nur den Tiber überqueren muss, um zum Petersdom zu gelangen, lebte in der Reformation und Gegenreformation die ärmere und einfachere Bevölkerung. Die Aufführungen durch die Philippinischen Brüder für die kleinen Leute der dort entstandenen Liturgien erlangten großen Zuspruch und wurden immer bekannter. Alte populäre Lieder, Madrigale, Sinfonien oder Lauden aus der Renaissance- und Frührenaissance wurden hervorgeholt und die Straße zum Konzert- und Beetsaal. Quarta vergleicht die gestern präsentierte Musik, die zum Teil dort entstand, mit Caravaggios manieristischer Malerei, der sich seine Modelle oft aus eben diesem Armenviertel geholt hatte, wo katholische Pracht und päpstlicher Glanz vollkommen abwesend waren.

Von den Musikern Francesco Foggia (1604-1688), Bonifacio Graziani (1604-1664)  Francisco Soto de Langa (1534-1619) Giacomo Carissimi (1605-1674) stammten u.a. die gestern in Abwechslung mit instrumentalen Kompositionen von zum Teil anonymen Musikern aus der Renaissance und dem Frühbarock vorgetragenen Werke. Mit drei Vokalsolisten Antonio Orsini, Alt; Luca Cervoni, Tenor und Giacomo Nanni, Bass und sechs Instrumentalsolisten hat er einem sehr interessierten Publikum diese fabelhaften Werke vorgestellt.

Das Lied Amici pastori von Bonifacio Graziano ist ein Weihnachts-Madrigal und gleicht fast einem Mini-Oratorium, es ist ein Dialog zwischen unterschiedlichen Parteien, bei dem u.a. die Hirten aufgerufen werden, mit ihrem Gesang doch den Neugeborenen nicht zu stören. Zwischendurch wird ein italienisches Schlummerlied gesungen und dann dreht sich Maestro Quarta zu uns und singt selber die Hirtenweise – und auch das ist es, was dieses Ensemble so einzigartig und sympathisch macht. Alessandro Quarta ist nicht nur ein hervorragender Musikwissenschaftler, ein sensibler und einfühlsamer Dirigent und ausgezeichneter Sänger: Quarta ist die Musik.

Eine Entdeckung ist der 19-jährige Violinist Gabriele Pro, er hat sicher eine große Karriere vor sich. Valeria Brunelli am Violoncello und Patxi Montero am Kontrabass interpretierten zusammen mit Francesco Tomasi an Gitarre und Theorbe ein Canario und eine Capona von Johann Hieronymus Kapsberger (1580-1651). Während die Instrumentalwerke noch eher der Renaissance zugeordnet werden dürfen, erinnerte die Toccata für Orgel von Michelangelo Rossi (1602-1656) schon an diese, mit denen später Bach jeden Organisten begeistern sollte. Gestern spielte sie Andrea Buccarella.

Immer wieder mussten die Musiker bei den schwankenden Temperaturen in der Kirche ihre alten Instrumente stimmen, während draußen ein Sturm tobte und das brandenburgische Licht die Kirche erhellte, war auch das ein Vergnügen. Die knapp zwei Stunden ohne Pause sind im Nu verflogen und Quarta, der sein Ensemble mit inniger Harmonie und in permanenter Verbindung zu den Solisten oder Musikern leitet, bedankte sich mit zwei Zugaben bei dem aufmerksamen, regungslosen, mitgerissenen und fast nicht atmenden Publikum für diese golden silence (seine Worte).

Das Concerto Romano hat er 2006 gegründet und seit ihrem erfolgreichen Deutschlanddebüt 2009 bei den Tagen Alter Musik in Herne, ist es den geneigten Barockfans ein fester Begriff.

Der Musikwissenschaftler Alessandro Quarta beschäftigt sich vor allem mit dem unveröffentlichten Repertoire der Scuola Romana in der römischen Renaissance bis hin zum Hochbarock und durchforscht die römischen Bibliotheken (darunter auch das Deutsche Historische Institut in Rom) auf der Suche nach Unbekanntem und ständig gelingt es ihm, etwas Neues auszugraben. Für ihre CD Einspielungen erhält Concerto Romano regelmäßig Preise wie z.B. für die erste CD „Luther in Rom“, die im Herbst 2012 auf den Markt kam und  von der französischen Fachzeitschrift DIAPASON gleich 5 Stimmgabeln bekam.

 

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die drei Vokal-Solisten

 

Beim Aequinox Festival waren sie dieses Jahr zum ersten Mal, aber dem Beifall nach zu urteilen, werden sie sicher wieder kommen. Für 2017 sind u.a. in Deutschland Konzertdebüts bei den Thüringer Bachwochen, Imago Dei Krems, bei den Händel Festspielen Göttingen und Halle, beim Musikfest Stuttgart und beim Musikfest Bremen geplant.

Sabine Radermacher hat die Texte der Lieder sehr einleuchtend ins Deutsche übersetzt; sie waren allesamt im Programm abgedruckt.

Großartig!

Hinweis:  Das Konzert zum Herbst-AEQUINOX 2017 findet am 10. September 2017 statt.

(Die Aequinox Musiktage werden gefördert von dem Land Brandenburg Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, dem Landkreis Ostprignitz-Ruppin, der Fontanestadt Neuruppin, der Sparkasse Ostprignitz-Ruppin und den Stadtwerken Neuruppin. Medienpartner sind die Märkische Allgemeine und das kulturradio vom rbb.)

 

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nach dem Konzert

 

Christa Blenk

Fotos: Christa Blenk

Weitere CD Einspielungen von Concerto Romano

La sete di Cristo

Sacred Music for the pool

 

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Die Schöpfung – Zubin Mehta und die Staatskapelle

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Wie oft beginnt der Abend mit einer interessanten Einführung in das Werk durch den Dramaturgen Detlef Giese:

Die Schöpfung beginnt mit einer kühnen und avancierten Intrumentaleinleitung die eher an Brahms als an Haydn denken lässt.  Haydn enttäuscht hier praktisch alle Erwartungshaltungen und gibt dem Publikum nie das, was es erwartet. Ansonsten hat Haydn sich am Messias von Haendel inspiriert.

Tonmalerische Elemente, lebendige Erlebnisse und eindringliche Bilder wechseln sich ab. Vor unseren Augen kommt der Tiger angeschlichen oder springt der Hirsch durch den Wald, die Lärche zwitschert und der kühle Bach macht Lust, sich abzukühlen. Hier geht Haydn mit ganz großem expressionistischem Pinsel ans Werk und wirft uns Landschaft und Tierwelt vor die Füße.

Dieses neu definierte Oratorium, bei dem der Chor und  die Solisten die Hauptprotagonisten sind, ist ein positives Werk, das auf der Erschaffung der Welt beruht, ohne das Negative und ohne den großen Sündenfall, obwohl das Libretto, sagt man, auch auf John Miltons Paradise Lost zurückgehen soll. Baron van Swieten hat den Wortlaut verfasst, auf der Basis eines englischen Textes, den Haydn während einer  Londonreise 1795 wohl in die Hand gedrückt bekam. Nur zweimal wird der Tod in Form von Auslöschen des Odems behandelt wenn Raphael singt „Du nimmt den Odem weg. In Staub zerfallen sie“.

Zubin Mehta hat den ersten Teil sehr abgeklärt und feierlich-respektvoll dirigiert, manchmal fast ein wenig zu langsam und mit viel Freiheit für die ausgezeichneten Musiker,  legt aber beim Adam und Eva–Teil kräftig zu und verwandelt diesen letzten, kurzen Part in Musiktheater.  Julia Kleiter trällert im ersten Teil die Vögel hervor, Pape die Würmer und Hirsche, betört dann als Eva ihren teuren Gatten Adam René Pape mit einem schüchternen und opernhaften Augenaufschlag, der vom Publikum mit einem Schmunzeln wahrgenommen wird und der durchaus erkennen lässt,  dass es bis zum verhängnisvollen Apfel nicht mehr weit ist. Christian Elsner begeistert als Uriel.

Die Musik ist hoch inspirierend und so ging das Werk nach der Uraufführung auf  Siegeszug um die Welt.  Giuseppe Carpanis berichtet nach der ersten Aufführung  von Haydns Krönungswerk im Palais Schwarzenberg in Wien 1789, bei der 400 Musiker auf der Bühne waren: „Ich war dabei und kann versichern, nie etwas Ähnliches erlebt zu haben. Die Blüte der literarischen und musikalischen Welt Wiens war in dem Raum versammelt …. Tiefstes Schweigen, gespannteste Aufmerksamkeit, eine – ich möchte sagen – religiöse Verehrung herrschten von dem Augenblick an vor, als der erste Bogenstrich getan wurde“.

Ausgezeichnet der Staatsopernchor unter Martin Wright. Über die Qualität der Staatskapelle braucht man ja nichts zu sagen, sie funktioniert – wie immer – wie gerade frisch geölt.

Großartiger Schöpfungsabend!

 

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Christa Blenk

 

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Petruschka / L’Enfant et les Sortilèges :1927

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Als die Bilder laufen lernten:

Doppelabend über Freiheit und Trotz, über Erwachsenwerden und Moral, über Glück und Verlust

2012 inszenierte das Künstlerkollektiv 1927 für die Komische Oper eine sehr erfolgreiche Zauberflöte, die es mit viel Applaus um die ganze Welt schaffte. 2017 versuchen sie nun, an diesen Erfolg anzuknüpfen und haben sich zwei Einakter dafür ausgesucht, die die Komische Oper seit Ende Januar 2017 zeigt.

Einmal das Ballet Petruschka, ursprünglich entworfen als Konzert für Orchester und Klavier, das Igor Strawinsky (1882-1971) 1911 in Paris mit dem Ballet Russe zur Uraufführung brachte und nach der Pause Ravels Märchenfantasie Das Kind und der Zauberspuk.

 

Petruschka hat Strawinsky nach der Geburt seines Sohnes komponiert; es steckt genau zwischen dem Feuervogel (1910) und dem Sacre-Skandal von 1913.

1927 hat ihr Augenmerk auf das Klavier gelegt und daraus eine Art Stummfilm mit Musikbegleitung, Text zum Lesen und Charly Chaplin Hut gemacht. Eine digitale Revolution in der Zeit der russischen Konstruktivisten und im Futurismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Jahrmarktstimmung, Zuckerwatte, Geisterbahn, Hau-den-Lukas und Karussell natürlich. Der traurige Clown, die Gliederpuppe Petruschka (Tiago Alexandre Fonseca), ist auf der Flucht vor seinem brutalen Puppenspieler und beginnt eine turbulente Reise über den schrillen Jahrmarkt, was ihn in alle möglichen Abenteuer und Probleme stürzt. Er versucht – vergeblich – sein Glück mit der Akrobatin Ptitschka (Pauliina Räsänen) immer wieder behindert durch einen anderen Leidensgenossen, den  Muskelmann Patap (Slava Volkov) und kreist schließlich frei und tod als fliegender Sputnit durch den Orbit. Nur die drei Puppen, Petruschka, Patap und Ptitschka sind Menschen mit Gefühlen und Ängsten. Die Jahrmarktbesucher sind animierte und schrill-bunte, unsensible und vergnügungssüchtige Puppen. Ausgezeichnete Darbietung der drei Akrobaten. Strawinskys traditionell-volkstümlich Musik passt wunderbar in dieses ohrenbetäubende Kirmes Geschrei und dieser Teil ist sehr gelungen. Wunderbare Schattenspiele sorgen für eine berauschende und mitreißende Ästhetik.

Aber nach der Pause Ravels Kurzoper L’Enfant et les sortilèges (Das Kind und der Zauberspuk).

Und hier passt plötzlich nichts mehr. Ist es der zweite Akt von Petruschka? Ein Déjà-vu-Erlebnis nach dem anderen und Langeweile stellt sich ein. Auch hier reden und singen die Puppen oder die als solche verkleidete. Die Sterne aus Petruschka hageln auf die Bühne und es animiert sich so vor sich hin. Die Musik kommt dadurch sehr ins Hintertreffen und ist irgendwann gar nicht mehr richtig vorhanden. Hier springt der Zauber der Animation nicht auf uns über. „Ich bin böse und frei!“ sagt das dickliche Kind (Nadja Mchantaf) und wird von der Mutter (Ezgi Kutlu)  in sein Zimmer verbannt, weil es die Hausaufgaben wieder nicht gemacht hat. Es zerstört aus Wut sein Umfeld, quält Tiere und Bäume. Möbel, Uhr, Tasse, Teekanne, Tee, Feuer, Fee aus dem Märchenbuch, Kaminfeuer, Mathematiklehrer, Baum, Libellen und Katzen klagen das Kind  an und stürzen es von einem Alptraum in den anderen. Bis es sich besinnt und einem Eichhörnchen die Pfote verbindet. Dann wird alles gut und der Alptraum ist vorbei. Ravels Stück endet mit Maman!

Maurice Ravels (1875-1937) Märchenmusik ist eine subtile Fantaisie lyrique unterschiedlicher musikalischer Stilrichtungen und gehört zu den schönsten Kompositionen von ihm, allein schon deshalb kann sie die viele Video-Animation nicht gut verkraften. Sie ist eine Abfolge von unterschiedlichen Szenen.  Menschen, Tiere und Gegenstände treten auf, singen, agieren, genial eine zauberhafte Ragtime-Szene zwischen Teekanne und chinesischer Tasse, die gestern irgendwie unterging. Schade!

Ravels Oper kam 1925 in Monte Carlo zur Uraufführung. Das Libretto schrieb die Dichterin Colette, allerdings schon 1915. Erst nach Verdun und dem Tod seiner Mutter näherte sich Ravel wieder diesem Stoff an.

Der Dirigent Markus Poschner mit dem Orchester der Komischen Oper bekam viel Applaus, die Sänger konnten nicht wirklich wahrgenommen werden.

Die Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme haben des Künstlerkollektiv 1927 (Suzanne Andrade, Esem Appleton, Pauzl Barritt, Pia Leong, Katrin Kath) entwickelt. Die Ideen sind interessant und die Künstler kennen natürlich die Filme und Arbeiten von William Kentridge oder Monthy Python, aber auch der expressionistische Film wird zitiert.

Christa Blenk

 

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Pierre Boulez Saal – Vortrag von Jörg Widmann

 
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Am dritten Tag der Eröffnungswoche des Pierre Boulez Saales in Berlin kommt der Münchner Komponist und Klarinettist Jörg Widmann und spricht über die „Schönen Stellen“ in der Musik, besser gesagt über seine „schönen Stellen“ in der Musik. Er zitiert dabei einen Aufsatz von Theodor W. Adorno aus 1965 und erzählt, dass Adorno dem Publikum vorwarf, nur  wegen der Schönen Stellen die Konzerthäuser aufzusuchen. Um sich das ganze aber zu relativieren, zitiert er am Schluss seine Liebensstellen in der Musik.

Jörg Widmann holt die großen Komponisten wie Beethoven, Mozart, Alban Berg, Schönberg, Brahms, Lachenmann, Stockhausen, Schumann und Carl Maria von Weber auf die Bühne und erklärt anhand von Beispielen, die er con brio und sehr animato auf dem Klavier spielt, warum gerade diese Stelle eine Schöne ist.

Er spricht über seine erste Begegnung mit Pierre Boulez und verrät, dass er ohne diese Entdeckung ein ganz anderer Musiker geworden wäre. Pierre Boulez wäre begeistert von diesem Raum, fährt er fort, denn ein Großteil  seiner Musik sei für Raumsituationen geschrieben worden, die eine solche Klangfreiheit bieten.

Seine schönen, oder verrufenen Stellen beziehen sich immer auf den Mut des jeweiligen Komponisten, plötzlich etwas anderes, etwas Unerwartetes zu versuchen und das bisher gekannte und praktizierte tonale System einfach zu brechen. Hier zitiert er Beethovens Erste, Mozarts Cosí fan Tutte oder Schumann überhaupt um uns kurz darauf den Walzer aus dem Freischütz vorzuspielen. Er schwärmt von Ausnahmen, von « fast » gefährdeter Schönheit, die sich durch den Überraschungseffekt einer ihr vorher gehenden Dissonanz in die Reihe der schönen Stellen einordnen wird. Hier wird Lachenmann mit Mozart und Stockhausen mit Brahms in Verbindung gebracht. Er versichert, dass atonale Musik wie tonale klingen kann – je nach Orchester und Annäherung und zitiert Peter Handke, Baudelaire und Hölderlins Heilig nüchternes Wasser.

Besonders angetan haben es ihm Schumanns Fieberkurven, die am besten mit Humor vorgetragen werden sollen und, getrieben durch ein stetiges presto possibile, davon rennen. Er lobt die Verrückungen, die durch diese Fieberkurven entstehen. Widmann ist mehr als appassionato, wenn er allein aber trotzdem a quattro mani , con forza e fuocoso ganze Orchesterpassagen am Klavier vorführt. Con furore haut er in die Tasten, um immer wieder zu sagen „Aber Mozart hat das nicht so gemacht“ ….. Con grandezza und Bescheidenheit den alten Meistern gegenüber wird er selber zu einem der großen jungen Meistern, der die komplette Musikgeschichte auf Befehl abrufen kann und ihm  « fällt schon wieder ganz viel ein“! (Hier spricht er über Brahms. Unreife Kritiker haben das Anfangsthema der vierten Sinfonie mit den Worten « Ihm fällt schon wieder nichts mehr ein » abgetan. Das zum Thema Musik-Rezension!).

Zum Schluss hat er sich und uns gewünscht, dass wir in Zukunft vielleicht ein wenig anders in die Musik hinein hören werden!

Lieber Herr Widmann, das hat funktioniert. Dieser Einführungs- und Vorführabend seiner « schönen Stellen » war für die Anwesenden sicher ein Highlight in dem noch ganz jungen Pierre Boulez Saal! Der stürmische Applaus hat das bestätigt.

Der Abend, assai armonioso und vivacissimo, mit dem Komponisten und Klarinettisten Jörg Widmann gleicht einem Traum, der alla marcia, animato und con brio, andantino, ma non troppo  an uns vorüberzieht. Bis zum  al fine halten wir den Atem an, um ja nichts von ihm zu verpassen oder zu überhören!

Wir haben nur einen Wunsch:  da capo!

Vielen Dank, Maestro!

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Und nun noch ein paar Worte zum Saal und zu seiner Entstehungsgeschichte:

Daniel Barenboim gründete 1999 zusammen mit dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said das West Eastern Divan Orchestra. 2015 entstand die Barenboim-Said Akademie, die nun im ehemaligen Intendanz- und Magazingebäude der Staatsoper Berlin untergekommen ist. Dazu gehört der Pierre Boulez Saal mit 650 Sitzplätzen. Der große Architekt Frank Gehry hat diesen ellipsoiden Innenraum entworfen. Das Auf und Ab ist wie leichter Seegang, nüchtern, mit hellem Holz. Das Konzept dieses Saales passt ganz wunderbar zur experimentellen Musik des großen Komponisten, der dem Saal seinen Namen gegeben hat: Pierre Boulez

Christa Blenk

 

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Les Contes d’Hoffmann – Hoffmanns Erzählungen

 
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 Uwe Schönberg (Hoffmann 1) Foto: (c) Monika Ritterhaus

 

Komische, romantische Oper mit viel Schuss!

Hoffmann 1 sitzt im Dunkeln, von unzähligen leeren Flaschen umgeben und in Schräglage. Definitiv eine Kneipe kurz vor der Sperrstunde und die verbrauchten Flaschen warten schon auf die Entsorgung im umweltfreundlichen Glascontainer!

Da kann man sich schon denken, wohin uns Barrie Kosky führen will. Sein Hoffmann säuft sich um Verstand, Kopf und Spiegelbild, hier geht es um mehr als um das fröhlich-feuchte Zusammensein. Die kommenden Stunden stürzt Hoffmann von einem Alptraum ins nächste Delirium tremens und damit ihm das nicht zu viel wird, gibt es ihn gleich dreimal.

Hoffmann 1, Schauspieler, Hoffmann 2, Tenor und Hoffmann 3, Bariton, wechseln sich ab – wobei Nummer Drei eigentlich so ist, wie Jacques Offenbach (1819-1880) ihn vorgesehen hatte. Die Rolle war eigentlich für einen Bariton geschrieben, da das Pariser Theater aber kurz vor der Premiere in Konkurs ging und Offenbach seine letzte, große Oper nur mit einer Tenorrolle an den Mann bzw. ans Theater bringen konnte, wird sie seitdem in Tenorlage gesungen! Da er aber die Oper sowieso nicht fertig schreiben konnte, weil der Tod ihm zuvor kam, hat jeder Regisseur viel Spielraum, um sich richtig auszutoben – was der Chef der Komischen Oper Barrie Kosky auch tat und alle sich ihm bietenden Möglichkeiten ausschöpfte,  um diese  grotesk-sonderbare und bizarre Geschichte von ETA Hoffmann zu erzählen.

Es gibt eine Sängerin für alle vier Frauenrollen, dafür aber den Hoffmann – wie gesagt – gleich dreimal.

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Nicole Chevalier (Olympia) + Hoffmann 2 /Dominik Köninger
Foto: (c) Monika Ritterhaus

 

Hoffmann 1 sitzt also in seinem 80er Jahre Künstler-Gewand unter seinen Flaschen und erzählt nuschelnd von seiner Liebe zu Stella, der Donna Anna in Mozarts Don Giovanni. Eine temperamentvolle und recht gelungene Zauberlehrling-Klein-Zack-Szene leitet – mit  dem Auftreten von Olympia – in ein lustiges Operettentreiben über.

Das physikalische Kabinett von Spalanzanis gleicht einer Schneiderwerkstatt in der Industrialisierung. Eifrigst wird erfunden und zusammen gesetzt. Hände und Köpfe werden durch die Gegend getragen. Und dann wird sie vorgestellt! Olympia: eine Schönere und Originellere hat es sicher noch nie gegeben. Inspiriert von den Schachrobotern, die im 19. Jahrhundert sehr in Mode waren, zuckt und ruckt sie durch den Biedermeiermenschenautomat, bei dem immer wieder Schubladen aufgehen oder gewaltsam zugemacht werden, aus dem tanzende Hände, lange Arme oder meterweit Rapunzelhaare hervorgeholt werden. Die ausdrucksstarke und wunderbare Nicole Chevalier (sie ist übrigens eine Urenkelin von Maurice Chevalier) gehört  – zum großen Glück für die Oper und für uns – seit ein paar Jahren zum festen Ensemble dieser. Sie zieht das Publikum – musikalisch wie schauspielerisch – voll in ihren Bann! Als Antonia singt sie sich rührselig, bedauernswert und umgeben von vielen schwarz-gekleideten Müttern zu Tode und als Giulietta muss sie Hoffmann sein Spiegelbild und damit seine Seele rauben. Mittlerweile ist Hoffmann aber so betrunken, dass er eh nichts mehr mitbekommt. Olympias Erbauer, Spalanzani, der Augenverkäufer Coppelius, Dapertutto oder Doktor Mirakel tummeln sich mit verpfuschten Erfindungen auf der Bühne oder durch die Kneipenlandschaft und sorgen für Chaos. Gut eingesetzter Slapstick und nie Zuviel aufgetragen.  Und immer wieder die vergeblichen Rettungsversuche der eleganten Muse durch diese fantastische Alptraum-, Frauen- und industrialisierten Alkohol-Welt.

Die Suche nach der idealen Frau oder einfach nur zu viel Promille, hohes Fieber, Wahnsinn oder verblendete Liebe. Hoffmann selber sucht das in immer anderen Frauen, zuerst Stella, der Mozart-Sängerin, dann Olimpia, dem Roboter, Antonia, der kranken Sängerin, oder Giulietta, der Seelen-raubenden, verwegenen Kurtisane. Hoffmann selber verzehrt sich immer wieder aufs Neue für die Neue. Da kann ihn dann auch seine Muse nicht mehr aufhalten.

Uwe Schönbeck spielt den Hoffmann 1, den Schauspieler, der den ganzen Abend über anwesend ist und Hoffmann 2 und Hoffmann 3 ablöst, vorschickt, aber auch berät bis er im fünften Akt wieder allein ist.

Nicole Chevalier war Stella/Olympia/Antonia und Giulietta und eine Traumbesetzung, hell, strahlend und bezaubernd hat sie vier ganz unterschiedliche Personen gespielt und gesungen – mit unterschiedlicher Hingabe und Temperament, farbenfroh und stilsicher. Mehr kann man sich nicht wünschen. Sehr gut auch die Muse, Karolina Gumos und auch die drei Hoffmanns (Uwe Schönbeck, Dominik Köninger, Alexander Lewis) haben bestanden.  Dimitry Ivashchenko und Ivan Tursic hatten ebenfalls mehrere Rollen, die sie mit Bravour meisterten.

Die Chorsolisten und Komparsen der Komischen Oper Berlin sowie das Orchester der Komischen Oper Berlin gaben ebenfalls überzeugt; am Pult mitreißend Stefan Soltesz.

Geschickt wird hier Horror mit Humor verbunden. Die drei Geschichten in der Oper beziehen sich auf drei Erzählungen von E.T.A. Hoffmann (Der Sandmann, Rat Krespel, Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild). Alle drei Protagonisten dieser Geschichten sind immer Hoffmann. Aufgeführt wurde die Opéra fantastique in fünf Akten von 1881 in französischer und deutscher Sprache. Das Libretto hat Jules Barbier nach dem gleichnamigen Drama von Jules Barbier und Michel Carré verfasst.

Der Australier Barrie Kosky zeichnet für die originelle und ansprechende Regie, die zwar doch dann und wann die Geschichte ein wenig hilflos verzerrte. Er lebt seit ein paar Jahren in Berlin, war vier Jahre am Wiener Schauspielhaus Codirektor was zu seinem internationalen Durchbruch als Opernregisseur im deutschsprachigen Raum führte. Er inszenierte für die Staatsoper und am Deutschen Theater Berlin und arbeitete von 2009- 2011 an seinen Ring-Zyklus in Hannover. Bis er nach Produktionen in Münschen und Frankfurt schließlich in der Spielzeit 2012/13 an die Komische Oper Berlin kam und Andreas Homoki ablöste.  Schon in der ersten Spielzeit  wurde die Komische Oper Berlin mit ihrem Programm zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt.

2014 hat ihn Katharina Wagner für die Inszenierung von Richard Wagners Meistersinger von Nürnberg bei den Bayreuther Festspielen 2017 verpflichten können.

Viel verdienter Applaus und viel Spaß!

Christa Blenk

 

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Eine Sinfonie der Welt – Buchbesprechung

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Eine Sinfonie der Welt (2014) – Alexander Bertsch

Das Buch beginnt mit dem Tod des Erzählers. Fesselnd, pragmatisch, empfindsam, detailliert und in großen Zeitsprüngen lässt  Alexander Bertsch den Komponisten Franz Niemann das kulturelle und politische Geschehen zwischen 1935 und 1990 erzählen. Franz kommt aus einer gut bürgerlichen Familie, sein Vater ist ein angesehener Professor und  sie wohnen in einer guten und eher vornehmen Gegend in Heidelberg.

Martina Fahrenbach ist ebenfalls Musikerin und war für kurze Zeit Schülerin von Franz. Sie wird von der Schwester von Franz überredet, sich um seine musikalische Hinterlassenschaft kümmern. Dabei stößt sie in seinem Gartenhaus auf die Tagebücher und rekapituliert die außergewöhnliche Lebensgeschichte dieses einsiedlerischen und ungewöhnlichen Musikers und interpretiert seine musikalischen Aufzeichnungen, mit denen er Jahrzehnte verbrachte. Martina ist aber auch die Tochter seiner ersten Liebe Sophie – aber das erfahren wir erst viel später. Fasziniert tritt sie in sein Leben ein und lässt es wie im Film vor uns abrollen. Es ist Winter – genauer gesagt, Februar.

Arnold Schönberg, Alban Berg, Leos Janácek oder Anton Webern sowie eine ältere Sängerin spielen bedeutende Rollen in seinem Wiener Leben, wo er vor dem Krieg hingeht, um über die neue Musik zu forschen, weil es in Deutschland aus politischen Gründen nicht möglich ist. Gegen den Wunsch seines Lehrers geht er noch vor dem Krieg zurück und schließt sich einer Widerstandsgruppe an, als Reaktion auf den Selbstmord eines ehemaligen, verehrten Professors. Im Widerstand lernt er Anna kennen, der er hilft nach einer Razzia nach Frankreich zu flüchten, wo sie seinen Sohn zur Welt bringt. Genau zu dem Zeitpunkt, als Sophies Eltern ihr den Umgang mit ihm, dem nicht Angepassten, verbieten. Es folgen Gefängnis, Strafbataillon, Partisanenmitglied, Kriegsgefangenschaft. Bis zu seiner Rückkehr nach Heidelberg vergehen viele Jahre und erst nach dem Krieg kann er wieder ins Gartenhaus einziehen und versucht, die schrecklichen Erlebnisse durch die Musik zu überwinden. Er will eine Sinfonie der Welt komponieren. Töne, Lieder und Noten aus der ganzen Welt und aus allen Kulturen sollen in ihr eine Rolle spielen und werden zu seiner Hauptbeschäftigung. Ein englisches Lied „Alas, my love, you do me wrong », wird zum Leitmotiv. Jahrelang sollte er daran arbeiten und zu Lebzeiten nichts davon der Öffentlichkeit übergeben.

Franz setzt sich sehr kritisch mit Adornos Musik-Ästhetik auseinander und Ernst Blochs „Prinzip“ begleitet ihn wie es dieMusik und die Einsamkeit tun. Mit dem RAF-Terror wird er durch Martina konfrontiert. Sie muss sich verstecken und erinnert sich, wie sie als kleines Mädchen das Gartenhaus entdeckte. In den 60er Jahren trifft er auch endlich seinen erwachsenen Sohn.

90 Jahre reichen für gut 550 Seiten die hauptsächlich in  Heidelberg, Wien und Frankfurt spielen. Ähnlich Feuchtwangers Exil geht es auch hier um das Leben eines fiktiven Komponisten, dessen Welt von der Geschichte des Krieges bestimmt ist und wenn wir ein wenig weiter spinnen, dann hat Bertsch sich vielleicht ein klein wenig an der Lebensgeschichte des deutschen Komponisten Hans Werner Henze inspiriert!

Für Martina wird diese Erbabwicklung zum Hauptinhalt ihres Lebens – wenigstens in den drei Jahren, die sie dafür braucht. Das Buch endet mit der Erstaufführung einiger Teile seiner Sinfonie der Welt.

Bertsch verlangt viel vom Lektor, lange und sehr gute Ausführungen über die Musikgeschichte, über die Entstehung der Moderne über winzige Einzelheiten, die eigentlich nur ein anderer Komponist oder Wissenschaftler voll verstehen kann, wirken manchmal schwer verdaulich aber faszinieren gleicherweise. Aufgelockert ist der Roman durch das Geschehen vor und im Krieg, durch Franz’ Beziehung zu vier Frauen: zu Sophie, seiner ersten Liebe, zu einer österreichischen Sängerin, zu Anna, die in Frankreich noch vor dem zweiten Weltkrieg einen Sohn von ihm zur Welt bringt und von seiner begnadeten Schülerin, die später eine bekannt Pianistin werden sollte.

Man mag den Roman gar nicht weglegen.

Er ist nicht das erste Mal, dass sich Alexander Bertsch mit der deutschen Geschichte um und nach dem « Zweiten Weltkrieg befasst. In „Wie Asche im Wind“ (1993) ist sie Thema, aber auch sein darauf folgendes Buch hat einen politischen Hintergrund, es erzählt vom Utopie-Verlust, den er anhand der Generation der 1968 Jahre beschreibt. Mit einem gewissen existenziellen Stoizismus erzählt er  „Eine Sinfonie der Welt » , sein vierter Roman. Ein Musik-Gesellschafts-Entwicklungsroman für Musikliebhaber, Historiker und Geduldige. Aufs präziseste recherchiert und beschrieben und außer Franz Niemann, dessen Person erfunden ist, tritt die komplette Musikergarde der 30er und 40er Jahre in Erscheinung!

„Was bleibt, ist die Musik », hat Niemann im Sinn von Ernst Bloch in seinem Tagebuch vermerkt.

(Alexander Bertsch, Eine Sinfonie der Welt. Roman. 552 Seiten, Verlag Regionalkultur)

Christa Blenk

 

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Die englische Katze von Hans Werner Henze

englischekatze

 

Doppelmoral und Meuchelmord: wie die Menschen so die Katzen

Mrs Halifax, das einzig menschliche Wesen im Stück – das allerdings nie zu sehen ist – mag Katzen und deshalb hat sie viele davon. Lord Puff, bejahrt, bigott-scheinheilig, bestechlich, geldgierig und bequem, will Präsident der  K.G.S.R., der Königlichen Gesellschaft für den Schutz der Ratten, werden. Dies kann aber nur zum Erfolg kommen, wenn er vorher heiratet – sagt Mrs Halifax und sucht ihm eine Braut. Diese heißt Minette und kommt vom Land. Jung, bezaubernd, schüchtern, naiv und gehorsam. Minette versucht zwar immer auf die Worte des Pfarrers von zuhause  zu hören, verliebt sich aber doch des Nachts auf dem Dach in den Straßenkater Tom. Davon erfährt der Neffe von Lord Puff,  der charakterlose und bösartige Arnold, er hat nämlich viele Schulden und hofft (zusammen mit seinem Gläubiger) auf das Erbe seines alten Onkels, dazu darf dieser aber nicht heiraten. Er nimmt das nächtliche Techtelmechtel von Tom und Minette zum Anlass und erzählt dem Onkel und der ihn umgebenden maroden Gesellschaft davon.  Aber Minette, die sehr schnell die Gepflogenheiten einer verlogenen und zynischen Gesellschaft gelernt hat, erklärt ihm kurzerhand, dass sie Tom eigentlich nur überreden wollte, dem K.G.S.R. beizutreten. Sie kann überzeugen und wird Ehefrau. Dann gibt es da noch Babette, Minettes Schwester, und Louise, eine Waisenmaus, die von den Katzen adoptiert wurde, um sie zu beschützen. In Wirklichkeit aber ist Louise so etwas wie eine Sklavin, die jeden Tag mit der Spendenbüchse auf die Straße geschickt wird, um zu betteln. Der Ertrag landet jeden Abend direkt im Tresor der Gesellschaft.

Im zweiten Teil sieht man Minette wie sie sich als schöne, reiche Frau eines angesehenen Präsidenten langweilt. Sie muss sich mit Literatur und Malerei plagen, aber vor allem muss sie Cello lernen und das liegt ihr gar nicht. Plötzlich kommt Babette über den Katzenbaum hereingepurzelt und beide beklagen gegenseitig ihr schlimmes Schicksal. Die eine hat zu viel und ist eingesperrt, die andere ist zu frei und hat zuwenig. Minette gibt ihr das Geld, das eigentlich für ein neues Kleid zur Eröffnung einer wichtigen Veranstaltung vorgesehen war.

Tom erscheint wieder, als Deserteur, denn eigentlich wollte er zum Militär um Minette zu vergessen. Wieder werden sie in flagranti vom durchtriebenen Arnold erwischt. Diesmal hilft keine Entschuldigung, die Scheidung droht. Tom schleicht sich als Anwalt von Minette ein und wohnt einem total korrupten und unmoralischen Prozess bei, wird entlarvt und soll verurteilt werden. Nun aber entdeckt der hohe  Richter, dass er der verlorene Sohn vom reichsten aber verschollenen Mann Englands ist, der sein Freund war. Tom hat noch einen Tag Zeit, sein Erbe einzufordern, bevor das große  Vermögen nach seinem 21. Geburtstag in die Hände der K.G.S.R. fällt. Was tun?

Minette muss auf Befehl von Mrs Halifax ertränkt werden und liegt schon im Plastiksack während sie noch schön-traurige Arien schmachtet und Tom davon überzeugt, dass er sich doch bitte nach ihrem Tod um Babette kümmern möchte, was Tom sich durchaus vorstellen kann. Ist sie doch auch so schön wie ihre Schwester. Doch  ist es eine Tragikomödie und ein Happy End ist demnach nicht vorgesehen. Tom, nun edel gewandet wie die anderen Gesellschaftskatzen, findet gerade zu Babette als er hinterlistig erstochen wird, was als Unfall oder Selbstmord durchgeht. Dem Übertragen des großen Vermögens auf die Gesellschaft steht nun nichts mehr im Wege. Louise, die Maus, hat entdeckt, dass man Katzen nicht trauen darf und macht sich vom Acker. Das Böse siegt!

Inspiriert wurde Hans Werner Henze zu dieser Oper durch eine Theateraufführung der  Kurzgeschichte von Honoré de Balzac „Peines de coeur d’une chatte anglaise“, in der eine junge Katze ihre Erlebnisse in einer bürgerlich-vornehmen, jedoch durch und durch skrupellosen englischen Katzengesellschaft schildert. Der englische Dramatiker Edward Bond schrieb daraus diese bissige Gesellschaftssatire.

Die Oper, die eigentlich „eine Geschichte für Sänger und Instrumentalisten in zwei Akten“ heißt, wurde 1983 in Schwetzingen uraufgeführt, mit Henze selber am Pult. Die Resonanz war geteilt. Henzes Streben war es immer „seine Musik aus dem Klangraum herauszunehmen und als eine Sprache zu vermitteln, die von allen verstanden wird“.  Auch bei der Katze hat er alle möglichen Formen ausgetestet. Das geht von Latinorhythmen, über volkstümliche Dreigroschenopernmusik, zur geölten schnurrigen Katzenmusik, hin zum Walzer oder Tango und zur 12-Ton-Musik mit dann wieder fast lyrischen Arien. Wie bei Elegie für junge Liebende  hat er auch hier den Haupt »katzen » Instrumente zugewiesen, so hat Lord Puff die Orgel, Minette tritt zu Geige und Zither mit naiven Walzern auf, Tom wird mit Klarinetten angekündigt, das Heckelphon gehört dem durchtriebenen Neffen Arnold und die zarte Blockflöte der versklavten Maus Louise. Das Werk ist für ein kleines Orchester geschrieben aber mit zum Teil ungewöhnlichen Instrumenten, wie eben das Heckelphon, die Zither oder die Celesta.

Dagmar Schlingmann hat den Darstellern so gut wie keine Katzenattribute gegeben, allerding konnte man sie als solche anhand der sanften und geschmeidigen Bewegungen und angedeuteten Katzenwaschrituals identifizieren. Er geht ja hier auch um das Menschliche im Tier. Niemand mehr ist zu retten und nur Geld zählt, denn Geld schafft Macht.  Diese Talfahrt der Werte zeigt sich auch in einer Schräglage der Bühne, bedeckt mit vielen Kuschelkissen, einem Katzenbaum quer durch den nach vorne abfallenden rechteckigen Kastenraum. Die Rendezvous von Tom und Minette finden auf einer roten Leiter statt und sie müssen sich dazu nach Bergsteigermanier anschnallen, um nicht abzustürzen. Darunter die Unterwelt für die Mäuse und die streunenden, nicht veganen Katzen.

Sung-Keun Park ist ein geradezu genialer Puff, man sieht ihm an, dass er immer zwischen dem Geld und dem warmen Plätzchen hinter dem Ofen hin- und hergerissen ist, eigentlich seine Ruhe haben will, aber die Gier das nicht zulässt. Außerdem hat er sehr textverständlich gesungen. Zum Walzerrhythmus erscheint die wunderbare Minette gesungen von Ania Vegry. Sichtlich sorglos spielt und singt sie sich durch die schwierige Rolle und meistert dies ausgezeichnet. Matthias Winckhler ist ein sehr charmanter und überzeugender Straßenkater, der sehr schnell lernt, sich auf dem Parkett der Reichen und Mächtigen zu bewegen, aber nicht drandenkt, sich einen Bodyguard zu engagieren! 

Das Lob geht an die gesamte Truppe unter der temperamentvollen und zurückhaltenden Leitung von Mark Rohde. Die Gemeinschaftsarien, von denn es viele gibt in der englischen Katze, sind wirklich Katzenmusik geworden.

Einzig die Sprache: wir hätten es lieber in der Englischen gehört!

Großartiger Opernabend!

Christa Blenk

 

tato

Zeichnung: Emanuel Borja

 

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Salomé

salome_197MonikaRittershaus
SALOME, Regie: Claus Guth, Deutsche Oper Berlin,
Premiere am 24. Januar 2016, copyright: Monika Rittershaus

 

Gutbürgerliche (s) Familien (drama) – Mutter – Tochter – Stiefvater

Der Vorhang hebt sich und wir befinden uns bei Madame Tussauds, nur dass die Puppen keine Wachsfiguren sondern Kleiderpuppen sind, männliche Kleiderpuppen für maßgeschneiderte Anzüge. Salomés Welt scheint erstickend konservativ zu sein, 50er Jahre. Behütet ist sie wohl aufgewachsen und doch ist eine Art unglückliches und von den guten Geistern verlassenes Monster aus ihr geworden. Kein Wunder, ihr Stiefvater ist der mächtige Herodes und dieser nimmt sich was er will. Dazu gehört auch Salomé. Claus Guth hat Salomé als Beobachterin in das Stück gestellt. Sie singt und observiert, sie ist eine erwachsene Frau, die rückblickend versucht, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Dazu braucht sie sechs weitere Salomés unterschiedlichen Alters die auftauchen und wieder verschwinden inmitten der männlichen Puppen. Zuckend die Musik, zuckend und bedrohlich auch die Bewegungen dieser zum Leben erwachten und noch unsicher gehenden Golems.

Und dann aus der Tiefe die Prophezeiungen von Jochanaan. Salomé ist fasziniert und schockiert, intrigiert und berührt und will ihn unbedingt sehen. Sie verführt den Wächter Narraboth mit Worten solange, bis er ihn ihr bringen lässt. Jochanaan kriecht aus einem Haufen ausgesonderter (wohl nicht mehr Mode) Kleider hervor und ist nackt. Er wird von den kleineren Salomés angekleidet, bis er in die 50er Jahre gut gekleidete und gut angesehene Bürgerwelt passt. Narraboth ist sozusagen das erste Opfer, er begeht Selbstmord, als er merkt wie Salomé auf diese Begegnung mit Narraboth reagiert. Jochanaan wird in der Regie von Guth immer mehr ein Doppelgänger von Herodes und sie verlangt seinen Kopf, um sich vom bösen Vater zu befreien, heraus aus der abgestandenen Luft des falschen Geborgenseins, endlich erlöst zu sein.

Wer allerdings einen erotisch-orientalisch und rauschenden Sieben-Schleiertanz erwartet, wird enttäuscht sein. Ich bin bereit Tetrach, ist ganz anders. Der Tanz findet ohne Salomé statt. Die sieben Salomes – stellvertretend für die sieben Schleier – unterschiedlicher Größe versuchen zuerst, die Eltern miteinander tanzen zu lassen, vielleicht eine Möglichkeit den Übergriffen zu entgehen. Der Tanz, ein Gemeinschaftsbewegungsprojekt mit Vater, Mutter, sieben Kindern, bleibt aber ein hoffnungsloses Unterfangen –  Herodes schickt die Kleinen nach und nach zu den Kunden, und lässt sie die neue Krawatten- oder Hutkollektion in Herodes Herrenboutique für die Reichen und Schönen vorführen. Die Mädchen fühlen sich belästigt, berührt und unsicher und Salomé versucht verzweifelt, ihre Mutter auf die Zustände aufmerksam zu machen, diese füllt aber nur erneut ihr Whisky Glas, dreht den Kopf weg und setzt eine dunkle Brille auf. Fast wie im richtigen Leben!

Doch Herodes hat Angst vor dem Propheten, denn dieser ist ein heiliger Mann. Das hat er gehört! Und genau seinen Kopf will sie, die Stieftochter, als Dank für den Tanz haben. Diese Szene ist sehr gelungen, der Kampf und das Überreden, doch sein halbes Königreich zu nehmen und seine Resignation sind unglaublich eindringlich und aufregend. Salomé hat erkannt, dass das einzige, was ihrem Vater Panik bereitet, ihr Wunsch ist, Jochanaas Kopf zu bekommen. Als sie ihm schließlich selber den Kopf abreißt, hat dieser die Züge ihres Stiefvaters und küssen kann sie ihn auch nicht, weil er sie schon wieder nicht ansieht!

Guth hat viel Symbolismus – ganz im Sinne der Zeit, in der das Stück entstand – eingebaut. In einer Szene sehen wir Salomé, hochgehoben von konvulsivischen Frankenstein-Kleiderpuppen oder Kunden im Geschäft, hängt sie da, ans Kreuz genagelt.

Ein Familiendrama ersten Grades und eine interessante Art, der Salomé einen anderen Fokus zu geben!

Oscar Wilde hat Salomé in französischer Sprache 1891 geschrieben. Im Zeichen der „Decadence“ und Maeterlinck wollte er etwas Symbolistisches schaffen. Es sollte eigentlich in London mit Sarah Bernhard uraufgeführt werden. Die Briten beriefen sich aber auf das Gesetzt, nachdem biblische Stoffe nicht auf die Bühne gebracht werden konnten und Sarah Bernhard reiste wieder ab. Erst 1896 – da war Wilde selber allerdings gerade im Gefängnis wegen Unsittlichkeit – kam es schließlich in Paris zur Uraufführung.

Richard Strauss wurde durch den Wiener Dichter Anton Lindner 1901 auf Wildes Salomé aufmerksam, hat sich aber dann entschlossen, das Libretto doch selber zu schreiben – und zwar basierend  auf der Übersetzung von Hedwig Lachmann – aus dem Englischen allerdings! Den Wortlaut hat er nur wenig angetastet. Salomé gilt als eine der ersten Literaturopern einerseits und mit seinen Dissonanzen, seiner musikalischen Kakophonie als Brücke zur neuen Musik andererseits. 1905 war er fertig und Salomé kam begleitet von vielen  Problemen im Vorfeld am 9. Dezember an der Dresdner Hofoper (Strauß war zwar Direktor der Hofoper in Berlin, hatte sich aber vorgenommen, dort keine Uraufführung mehr zu machen) unter Ernst von Schuch zur erfolgreichen Uraufführung. In Wien konnte es erst sehr viel später gezeigt werden, trotz Gustav Mahlers Bemühungen. Die Wiener wollten es wegen „die Sittlichkeit beleidigender Handlung“  die auf der Hofbühne nichts verloren hätte, nicht haben. Zusammen mit seinem Freund Romain Rolland erstellte Strauss sehr bald eine französische Fassung der Oper und zwar passend zu Oscar Wildes Originaltext. Diese Version kam 1907 in Paris und Brüssel zur Aufführung.

Die durchkomponierte sinnliche, schwüle, aufpeitschende und trunkene Musik enthält alle möglichen Orchestereffekte, wird zum Teil auch von Leitmotiven bestimmt und steht noch in der Tradition von Wagner; doch ging Strauß über die Wagnersche Sehnsucht nach Schönheit oder romantischer Harmonik hinaus. Es gibt drei Tote im Werk und viel todesverheissende Musik dementsprechend.

Sehr ansprechende Aufführung. Stefan Blunier am Pult peitschte das Orchester durch den Abend aber immer auf die Sänger achtend. Thomas Blondelle ist ein tyrannischer aber manchmal (gewollt) unsicherer Herodes, seine Whiskey trinkende Frau Herodias ist Jeanne-Michèle Charbonnet. Allison Oakes ist eine fantastische Salomé, hell und aussagekräftig. Jochanaan ist John Lundgren und er schafft es wirklich, dass man zu gleichen Teilen Angst und Respekt vor ihm hat. Narraboth ist Attilio Glaser.

Die Premiere war schon am 24. Januar 2016!

Christa Blenk

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King Arthur

 

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Mythen-Pasticcio 

Ein abgestürztes britisches Kampfflugzeug auf der Bühne! Na sowas, das war doch noch gar nicht erfunden!

Dieser Satz sollte im Verlauf des Abends öfters ausgesprochen werden. In dem neuen King Arthur der Staatsoper im Schillertheater wird viel geredet. Es ist ein hin- und her zwischen den 1940er Jahren, der Zeit Purcells und der Epoche der Gründung von Britannien durch den sagenumwobenen und legendären König und Englandgründer Arthur im Mittelalter. Aber es geht auch um Liebe, um eine schöne blinde Prinzessin und um Arthurs persönlichen Streit mit dem Sachsenkönig Oswald wegen und um Emmeline! Der große König ist von Nebenhandlungen und Parallelgeschehnissen umgeben, die ihn immer wieder von seinem prominenten Platz vertreiben. Und diese schon durch Purcell und Dryden eingebauten Nebenhandlungen haben den Regisseuren Sven-Eric Bechtolf und Julian Crouch noch nicht gereicht, deshalb haben sie eine weitere Haupt-Rahmengeschichte eingebaut. Und hier ist der Protagonist auch Arthur und dieser hat seinen Vater im Zweiten Weltkrieg verloren.

Arthur, das Kind, hat also Geburtstag und bekommt von seinem, im Rollstuhl sitzenden, grantigen Großvater ein Buch (und zwei Marionetten)  geschenkt. Dieses Buch, aus dem  ihm Großvater oder Mutter abwechselnd vorlesen, ist die Drehscheibe in der Geschichte. Hier steht die schönste Sage um König Artus. Und Arthur verliert sich in seinen Tag-Träumen und in allem was er kennt und weiß oder noch nicht weiß und schickt seine Fantasie auf eine Traumwelt-Reise – wir sind dabei.

 

Gerardo Aparicio
Gerardo Aparicio

König Arthur, ein wenig lächerlich und gespreizt, trägt eine Rüstung, die an C-3PO (so hieß der Begleiter von R2D2 bei Star Wars) denken lässt – obwohl Star Wars noch nicht erfunden war! Zauberer und böse Erdgeister hoppeln als Quasimodos über die Bühne, bräuchten dringend ein Bad und benehmen sich schlecht. Wotan wird mit fantasievollen Bräuchen gehuldigt „We have sacrificed“. Wagner mit einer allerschönsten Rheintochter-Szene zitiert und die Schäfer-und Schäferinnenszene „How blest are Shepherds“ wird von Rollstuhlfahrern und Kriegsverletzten gesungen und gerollt. Cupido fliegt durch Lully-Lüfte à la Benjamin Lazar; der wankelmütige Luftgeist Philidel kommt ebenfalls von oben, wie es sich für ihn gehört. Er landet als Fallschirmspringer in einem barocken Wald und versucht verzweifelt in einer bezaubernden Szene, die richtige Richtung zu zeigen, um den Verfolgern zu entkommen „Hither this way bend“ . Der Kampf des starwar-Arthur gegen seinen Widersacher um Emmeline wird von sizilianischen Pupi ausgetragen, diejenigen, die Arthur zum Geburtstag bekam. Einfach alles wie im Märchen. Nymphen, verführerische Sirenen und immer wieder moralische und pazifistische Botschaften werden in den Raum gestellt – aber zum Schluss muss der kleine Arthur doch in das Flugzeug seines Vaters steigen, dass aber diesmal mit der Schnauze nach oben da steht, um die Heldentradition diese higher middle class family fortzuführen oder um sich auf den Krieg vorzubereiten!

 

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Dazu viel Slapstick und eingebaute Gags, dass man es einfach nicht ernst nehmen wollte.

In den Hauptrollen dieser Sprechtheater-Opern-Aufführung waren nicht nur Sänger, sondern eben auch Schauspieler wie Michael Rehberg oder Michael Rotschopf, ja, mehr noch: die Hauptrollen gehören den Schauspielern. Die Solisten hatten alle mehrere Nebenrollen, weil das Stück eigentlich aus Nebensollen besteht! So hat Purcell das schon gewollt. Das gesamte Ensemble hat auch den schnellen Kleider- und Rollenwechsel ausgezeichnet gemeistert.

Wunderbare Arien hat Philidel (hell und klar Annett Frisch) und so hat sie sie auch gesungen, getanzt und gespielt. Die Frost Szene (wegen der wahrscheinlich 75% in der Oper saßen) war weniger gelungen als erhofft, was aber daran lag, dass der kleine Arthur den als Raumschiffpilot verkleideten Cold Genius ständig am Fuß packte, was diese sonst feierliche Szene irgendwie entweihte. Dafür umso besser das Zitterlied vom Chor direkt danach „We chatter and tremble.“ Emmeline (Meike Droste) ist sehr unschuldig sehend geworden, hat sich aber als alles andere als schüchtern entpuppt. Sie hat viel rumgezickt und sich nichts gefallen lassen.

Bechtolf, der vom Theater kommt, hat John Drydens Text modifiziert und gekürzt und ihn um witzige Passagen und Gags ergänzt und viele Lacher produziert (aber nicht alle waren immer amused).

Erwartungsgemäß hat René Jacobs am Pult vor der Akademie für Alte Musik Berlin bella figura gemacht und Purcells Musik plastisch und farbenfroh hervorgezaubert – ganz passend zu dem umwerfend bunten und originellen Bühnenbild und den Kostümen. Hervorragend der Chor. 100 Minuten Musik gibt es bei King Arthur  – gedauert hat das Ganze allerdings 150 Minuten -  Jacobs hat auf andere Melodien und Trinklieder von Purcell zurückgegriffen und einige Sprechstellen waren sogar mit dezenter Musik unterlegt. Das kann man mögen oder nicht!

Die Uraufführung fand 1691 mit mäßigem Erfolg  in London statt, wurde aber später zu Purcells größtem Erfolg überhaupt. Das Libretto hat John Dryden geschrieben, damals einer der renommiertesten Dichter und Poet auf Hofe von Charles II,  der im Land Frieden herstellte. Eine Nationaloper zu seinem 25 jährigen Jubiläums sollte es werden – aber es sollte noch Jahre dauern, bis es endlich soweit war. Dryden hotel Jahre später – von Geldnot getrieben – das Projekt wieder aus der Schublade und musste er erst einmal den politischen Umständen anpassen und erst zu diesem Zeitpunkt kam Purcell ins Spiel, der von Dryden eine singbarere Umarbeitung einforderte.

Henry Purcell (1659-1695) hat die Oper 1690 komponiert, sie trägt den Untertitel „The British Worthy“ (der britische Held). King Arthur ist eine Semi-Oper in fünf Akten. Die Hauptrollen gehören nicht den Sängern sondern den Schauspielern, die Musik hat eigentlich nur Begleit- und Untermalfunktion und gehört den Nebenrollen. Eine durchaus typische Musikgattung im England des 17. Jahrhunderts, bei der Gesang, Text und Tanz ziemlich gleichberechtigt waren – ganz dem französischen Vorbild folgend.

 

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Christa Blenk

 

 

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Die Kriminellen der Frau A. – Auf dem Weg zu Ovartaci

Berliner Atonale III – Werkstatt im Schillertheater

 

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Die Kriminellen der Frau A. – Auf dem Weg zu Ovartaci

 Er ist zweifelsohne unser interessantester Patient! Darüber sind sich die Ärzte in der Psychiatrie einig. Mehr noch, vielleicht wären sie sogar gerne ihr eigener Patient!

Und darum geht es in diesem Werk: um psychische Krankheiten, deren Ursachen und Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf das Umfeld des Kranken und seiner Mitmenschen und um Kunst, die daraus entstehen kann.

Die Oper Ovartaci crazy, queer & loveable ist ein work in progress und erzählt Abschnitte aus Ovartacis Leben.

Tanja Langer hat die Texte zur Ovartaci-Oper geschrieben und ein Pool von 13 Komponisten hat die bis jetzt existierenden Szenen vertont. Erschütternd und mitreißend Text und Musik – manchmal die Grenze austastend von dem was man moralisch vertreten kann, darf oder will –  grandios, bilderreich und fesselnd die Darbietung der Solisten. Begeisternd-dionysisch und enthusiastisch vorgetragene Balladen die an Schönberg denken lassen und ganz neue Töne. Man glaubt gar nicht, welch bemerkenswerte und spannende Laute oder Geräusche eine Fahrradpumpe oder zu Boden fallende Murmeln hervorbringen können.

Ulrike Brand
Ulrike Brand während « Heiss ist das Blut, kalt ist der Stahl »
Foto: © Helena Lingor

Die Ouvertüren-Arie für Bariton, Percussion, Klavier und Cello hat Rainer Rubbert komponiert. Sie beschreibt Ovartacis kohlenschippende und hungernde Reise auf einem Frachtdampfer von Argentinien nach Dänemark. Das, was Rubbert verspricht, halten die nachfolgenden Komponistenkollegen unbedingt ein. Das Publikum wird emotional eingebunden in die verschiedenen Abschnitte von Ovartacis Leben. Ein Elektronik-Solo von Eros Holz beschreibt den Gang des Psychiaters durch den Klinikflur. Die bewundernde Verblüffung über so ein Talent der Ärzteschaft hat Gabriel Iranyi für Mezzosopran und Violoncello vertont. Weiter mit einer geheimnisvollen Rauchorgie mit einem geheimnisvollen Chinesen und Argentiniern, die Martin Daske von einem Bariton, zwei Sängerinnen, Klavier, Violoncello und Elektronik erzählen lässt. Später sitzen wir auf dem Gepäckträger beim Landausflug  mit Klingel, Blumen und Schmetterlingen (und einem Augenzwinkern zu Rossinis Miau-Arie). Mayako Kubo hat diesen Teil für Bariton, zwei schauspielernde Sängerinnen und Percussion. komponiert, der einer der besten in der Oper ist. Bei Wanting to fly für Sopran und Violoncello liegt Ovartaci auf dem Boden; Charlotte Seithers Musik ist minimal und delikat, ätherisch, umso härter und überraschender, schaudernd gleich danach Ovartacis Selbstkastration, komponiert von Helmut Zapf für Bariton, Violoncello und Klavier. Unschlagbar hier Thorbjörn Björnsson; seine Stimme geht prompt eine Oktave höher. Über Liebe referiert Susanne Stelzenbachs Ballade und Stefan Lienenkämpers Musik beendet den Trip mit dem Schlaflied Sleep well, my love – Ovartaci und seine Pferdefrauen für Bariton, zwei Sängerinnen, Steine und Elektronik.

Spannend und abwechslungsreich die unterschiedliche Annäherung an Ovartacis Lebensgeschichte, die einmal aus seiner eigenen Perspektive und dann wieder von den Ärzten oder Psychologen erzählt wird.

Der dänische Maler und Dekorateur Louis Marcussen (1894-1985) verbrachte 56 Jahre seines Lebens in psychiatrischen Einrichtungen. Den Namen Ovartaci hat er sich selber gegeben. Er kommt vom jütländischen Wort Overtossi, was soviel wie Oberidiot bedeutet (in dem Kapitel Puma, Blume, Schmetterling / 64 times I was born wird darüber sehr humorvoll berichtet). Die Ärzte erkannten schnell sein Talent und ließen ihn künstlerisch und kreativ sein. Es entstanden viele Arbeiten aus Pappmaché, Skulpturen oder phantasievolle Flugmaschinen. Ovartaci verarbeitete sogar leere Zahnpastatuben und war ausgesprochen kreativ, wenn es um das Einbringen seltsamer Materialien, Mythen oder Personen in sein Werk oder sein Leben ging. Mit 63 Jahren wurde bei ihm durch einen amerikanischen Chirurgen eine Geschlechtsumwandlung vollzogen. Über die von ihm selbst durchgeführte Entmannung erzählt die Ballade  Heiss ist das Blut, kalt ist der Stahl. Künstler wie Jean Dubuffet oder Asger Jorn, deren Arbeiten sich manchmal der Art Brut nähern, haben ihn als Talent erkannt. Heute sind seine Arbeiten vor allem im Museum in Århus/Dänemark zu sehen. Die Oper, die fast sein ganzes Leben behandelt, bringt uns diesen doch recht unbekannten Künstler nahe. Sie soll in der diesjährigen dänischen Kulturhauptstadt Aarhus zur Aufführung kommen.

 

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 Die Schattenmänner von Ina Abuschenko-Matwejewa

Vor den Ovartaci-Szenen wurde der Liederzyklus « Die Kriminellen der Frau A. «  aufgeführt. Hier werden Geschichten von drei anderen psychisch Kranken, die die Kunsttherapeutin Ina Abuschenko-Matwejewa behandelte, erzählt. Der Bilderzyklus ihrer kriminellen Schattenmänner hängt dem Publikum gegenüber an der Wand hinter den Instrumenten. Tanja Langer legt den kriminell gewordenen Patienten verteidigende oder erklärende Worte in den Mund. Thomas Hennig komponierte die Arie des Steinewerfers Wer fragte Isaak. Gabriel Iranyi vertonte in Feuerkopf  einen Dialog zwischen Frau A., dem Brandstifter und der Cellistin Ulrike Brand. Die Ballade vom Tigermann, dem Mörder, hat Samuel Tramin für Mezzosopran und Klavier komponiert, hier spricht Frau A.

Thomas Hennig auch am Pult, wenn Musiker und Sänger gemeinsam zum Einsatz kommen. Die meisten Arien oder Opernfragmente sind im letzten Jahr entstanden.

Hin- und hergerissen sind wir zwischen der Psychologie und den kriminellen Akten. Manche Arien gehen in Form von permanent sich wiederholenden Wörtern oder Buchstaben auf die Sprache eines psychisch Kranken ein, andere beschreiben den Enthusiasmus, das Geschehen, die Freude und die Stille.

Das Lied für Barbara Suckfüll Tunk die Feder in die Tinte ist von der Komponistin Irini Amargianaki.

Ausgezeichnet und darstellerisch wie stimmlich fantastisch die Solisten Ramina Abdulla-zadè (Sopran), Claudia Herr (Mezzo), Thorbjörn Björnsson und Manuel Nickert (Bariton), Ulrike Brand (Violoncelllo), Alexandros Giavanos (Percussion), Martin Schneuing (Klavier) Martin Daske (Elektronik). Ihr Enthusiasmus und das Vertrauen in dieses anspruchsvolle Projekt haben sich auf das Publikum übertragen. Außer den herunterfallenden Murmeln war kein Mucks zu hören.

Die Texte stammen alle von der Schriftstellerin Tanja Langer, sie war auch ein wunderbarer Cicerone durch den Abend. Ihre Texte sind einfach, anspruchsvoll, verständlich und inhaltsreich. Sie überlässt viel der Interpretation der Sänger und Musiker – und die enttäuschen nicht!

Auf jeden Fall schon mal ein Grund, die diesjährige Kulturhauptstadt Århus zu besuchen. Bis dahin wird die Truppe sicher ein weiteres Stück Auf dem Weg zu Ovartaci zurückgelegt haben.

 

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Interpreten und Komponisten nach der Aufführung

 

Christa Blenk

 

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Tanztage Berlin : What a Thought is not

Ceci n’est pas une pipe! Heisst eines der berühmtesten Gemälde von Magritte. Es zeigt wirklich eine Pfeife, aber er behauptet das Gegenteil.

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nach der Veranstaltung Maria Walser und Emma Tricard

 

Gestern Abend bei der Premiere der Tanztage Berlin war das genau umgekehrt:

Zwei Pinguine – einer mit einem Schweinekopf, der andere als Ratte – bewegen sich schwerfällig von der hinteren Tür der Bühne Richtung Publikum und Licht und beginnen einen philosophischen Dialog über das was nicht ist. Der Besen ist die Bedeutung; der Stuhl der Sinn und der Boden? darüber wird mich sich nicht so recht einig. Beides, Bedeutung und Sinn, werden zu Beginn der Performance ausgesperrt, hinter die Bühne geschickt. Der Sinn ging also verloren « I sense you lost the sense ….. »

Und dann beginnt ein Dialog über eine Vision auf die Welt, die anders ist, die umbenannt werden sollte oder könnte wenn man es möchte.  Wahrheit und Illusion wechseln sich ab und wenn man etwas oft genug sagt, dann wird es wahr? ´« Still und Leise » singt das Tonbandgerät und Emma gibt vor, die Arie der Königin der Nacht zu trällern; a lie is a lie is a lie wird Gertrude Stein zitiert und so hüpft man durch DaDa und die Surrealisten.  Der Stuhl, der kein Kaffee mit oder ohne Milch ist, ist also der Sinn, der verbannt wird, so dass es gleichgültig ist, ob man Milch oder Sahne in ihm möchte, weil es eh keinen mehr gibt.

Nach 40 köstlichen Minuten Schlagabtausch zwischen Maria Walser (Choreografie) und Emma Tricard (Performance) müssen Bedeutung und Sinn wieder hereingeholt werden, weil Maria gerne mit Emma das Perlenfischerduett singen möchte.

 

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nach der Veranstaltung und nach der Befreiung von Sinn und Bedeutung

 

Alles geht in Rauch auf! Großartige Performance!

 

Die Französin Emma Tricard arbeitet als Performerin und Choreografin in Berlin. Maria Walser ist freiberufliche Tänzerin, Schauspielerin und Choreografin.

Das 21. Tanztage Berlin Festival geht noch bis zum 15. Januar. 2017 und ist mittlerweile eine fest Institution in der Berliner Tanzlandschaft geworden.

Christa Blenk

 

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Avanti, avanti – Neujahrskonzert in der Komischen Oper

Vatikan
Blick auf den Vatican (Foto : cmb)

Hommage an Rom

Prelude: Irgendwie wollte gar nichts so laufen wie geplant!
Eigentlich sollte der Moderator des Abends Max Hopp mit der roten Vespa auf die Bühne rollen, um die musikalische Reise durch die ewige Stadt am Tiber à la italiana zu begleiten, aber aus nicht näher zu definierenden Gründen hat er die Zeit vergessen und stand plötzlich vor „der vollen Hütte“ . Auf die  noch unter Silvester-Nachwirkung leicht vernebelten Techniker war auch kein Verlass und die Vespa blieb rot und stumm hinter der Bühne!
Das zweite Malheur präsentierte sich  in Form einer klemmenden Toilettentür, die den  Sänger Andreas Bordelli, der den 50er Jahre Rom-Romantik-Kitsch-Dauerbrenner « Volare » hätte singen sollen nicht aus dem Häuschen ließ. Dorthin hatte er sich zwecks Probe und der  ausgezeichneten Akustik auf Grund der Kacheln zurückgezogen. Als die schnell gerufenen und noch nicht wieder komplett nüchternen   Hausmeister der Komischen Oper ihn endlich herausschneiden konnten, bekam er vor Aufregung einen Schluckauf  welcher ihn nun komplett am Singen hinderte.  Die Leitung des Hauses hat deshalb ihn, den Moderator Max Hopp, aufgefordert, doch diesen Ohrwurm selber zu trällern. Das hat er nach längerer Überzeugungsarbeit und zögernder Absprache mit dem ersten Geiger und dem Musikdirektor Nánási auch prächtig und zwischen Anrufen (trotz von ihm dem Publikum auferlegtem Handyverbot) seiner Mutter glänzend hingekriegt – wie die Moderation überhaupt!  (wie Sie sicher schon gemerkt haben, ist diese Einleitung mit Humor zu lesen und kommt zwar Hopps Worten nahe aber nicht der Realität!)

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Rom am Tiber (Foto: cmb)
Avanti, avanti! Salite pure!
Verdis Hunnenkönig Attila steht vor den Toren Roms (wahrscheinlich am Ponte Milvio) dem damaligen mutigen Papst Leo gegenüber und will ihn nicht hereinlassen will. Mentre gonfiarsi l’anima schmettert der großartige Bass Alexander Vinogradov genauso überzeugend wie er nach der Pause den  Don Basilio aus dem Barbiere di Siviglia spielt und singt. Abgelöst von Karolina Gumos und Adrian Strooper mit dem Duett Un soave non so che aus Rosinis Cenerentola. Die Cenerentola  wurde natürlich – wie der Barbiere aus dem Karolia Gumos die Cavatina der Rosina ganz herrlich singt –   in Rom uraufgeführt während Adrian Strooper sich einer  furtiva lacrima von Donizetti hingibt.
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Begleitet wurden diese perfekten Solisten vom Orchester der Komischen Oper; am Pult der Musikdirektor Henrik Nánási. Konzertant gab es obendrein die spritzige Ouvertüre zu Gioachino Rossini (1767-1868) La Cenerentola, die Ouvertüre für Orchester op. 9 Römischer Karneval von Hector Berlioz (1803-1869), der fünf Jahre in Rom verbrachte und sich nie mit dem Karneval  anfreunden konnte sowie Pjotr I. Tschaikowskis Capriccio Italieno op. 45.
Viel Applaus und als Zugabe zu Dritt « O sole mio » – wie kann es anders sein im Januar in Berlin.
Schwungvoll, witzig, perlig und ausgezeichnet dieses 1. Januar Nachmittagskonzert.
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Bernini-Brunnen an der Piazza Navona
Christa Blenk

 

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Ein musiktheatrales Seminar für (potentielle) Führungskräfte

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Klar, auch Sie sind ein High Potential, also Träger größter Fähigkeiten und noch größerer Erwartungen Ihres Arbeitgebers. Wussten Sie gar nicht? Dann aber wird es höchste Zeit. Im Studio der Neuköllner Oper erwartetet Sie ein lukratives Angebot: lassen Sie sich weiterentwickeln von unserem kompetenten Kursleiter, der mit und an Ihnen die wahren Potenziale entdeckt: Effizienz, Commitment, Leadership Development und weitere Soft Skills z.B. fürs Konfliktmanagement – sollten Sie beispielsweise Mitarbeitern die Chance zur beruflichen Neuorientierung geben müssen. (Quelle: Neuköllner Oper)

„Willkommen beim Seminar für potentielle Führungskräfte“ begrüßt der Seminarleiter Thorsten Spacker die Teilnehmer am Seminar und wir, ca. 30 Teilnehmer, betreten einen Raum ohne Fenster. Im Hintergrund eine Leinwand, ein erleuchtend gelber Seminarraum-Sonnenteppich auf blauem Harmonie, Ruhe und Zufriedenheit assoziierendem  Teppichboden, ein Musiker mit Gitarre, an den Wänden ein paar Stühle. Alle (die Zuschauer, die vor dem Betreten des Seminarraumes mit einem Namensschild ausgestattet wurden) kommen aus derselben Firma und wurden aufgrund ihrer Vorgeschichte und ihres Lebenslaufes für dieses Führungsseminar auserwählt. Man wärmt sich auf,  in dem man mit Herrn Füller, der für die musikalische Untermalung zuständig ist, gemeinsam ein Liedchen singt das mit Obstsalat, Zitronen und Melonen zu tun hat, die paar Schritte, die er uns kurz zeigt, sorgen für lockeres Wohlbefinden. Irgendwie schräg, denken wir.

Die Kursteilnehmer-Theaterbesucher werden schließlich aufgefordert, mit den Nachbarn über ihre Stärken und Schwächen zu reden. Bewerbungs- und Feedbackgespräche werden geführt und Herr Spacker konzentriert sich schließlich auf zwei Teilnehmer, die im Konkurrenzkampf für einen wichtigen Posten, der einem großen Sprung auf der Karriereleiter gleichkommt, stehen. Wir werden wieder zu Zuschauern und erleben, wie sie sich beleidigen, anschreien und wie ein realistischer Zynismus Verachtung demonstriert.

Nini Stadlmann, Marco Billep, Urban Luig, Nico Selbach haben mit viel Humor und nachweislichen Coaching Fähigkeiten durch diese 90 Minuten geführt und frühere déjà-vu Seminarerlebnisse aufleben lassen. Jetzt wissen wir Alle, was wir im nächsten Jahr anders machen müssen und – beruflich – auf keinen Fall tun dürfen.

Beim Rausgehen bekam jeder Teilnehmer ein Kompetenz-Zertifikat, ausgestellt vom Zentrum für Schlüsselqualifikationen und vom IPO (Institut für postneurotische Oper). Nach der sehr gelungenen Büro für postidentisches Leben-Aufführung der Neuköllner Oper im Herbst, war das sozusagen die Lösung für diejenigen, die mit der Post-Identität nicht zurecht kamen. Witzig und amüsant allemal!

 

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Johanna Martin & Matthias Messmer haben das coaching-Seminar konzipiert; Songtexte und Musik sind von Markus Voigt und Johanna Martin.

Im Januar gibt es noch ein paarmal die Möglichkeiten zur Teilnahme an diesem Seminar; es reicht der Kauf einer Theaterkarte.

 

Christa Blenk

 

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Blog Highlights 2016 : Musik und Kunst im Rückblick

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Labyrinthe, Geburtstage, unheimliche Träume und Alpträume, eine Kirche in der Toscana, eine bretonische Insel, ein Atlantis in der Nordsee, eine Rhein-Reise, schräge Musik und andere, Tim Burton und Torten, Theater unterm Dach und Off Off, mexikanische Totentänze und römische Geschichte, zwar nicht postfaktische aber postidentische Zustände, ein Elch-Blues und ein Umzug …… und um noch viel mehr geht es in den Highlights 2016!

Aber sehen Sie selber.

 

Enzo Fililetti Mit einem außergewöhnlichen Konzert zum 111. Geburtstag von Giacinto Scelsi hat der Januar das neue Jahr eingeleitet. Das wunderbare kammermusikalische Hauskonzert in Anwesenheit der vier zeitgenössischen italienischen Komponisten, Giorgio Nottoli, Mauro Cardi, Giuseppe Silvi  und Michelangelo Lupone  fand in der  Scelsi Villa in Rom statt. Wir sind eher durch einen glücklichen Zufall darauf aufmerksam geworden. Der Saxophonist Enzo Filippetti (Foto) spielte u.a. Werke von Scelsi, aber auch von anderen zeitgenössischen Italienern. Was für ein Abend!

helenaerklärt Zerebrale Geoden, Pentagramme, Labyrinthe und primordiale Fruchtbarkeitssymbole stellte Helena Aikin im  Januar 2016 im Museum für populäre Kunst im Madrider Altstadtviertel La Latina in einer ehemaligen Corrala (dort wo vor 100 Jahren die Zarzuelas aufgeführt wurden) aus. Die Sammlung dieser faszinierenden Labyrinthe, die sie in den letzten Jahren gesammelt, konzipiert und nachgebaut hat wurde übrigens  später  im Jahr – ebenfalls mit großem Erfolg -  in der UNO in Genf gezeigt.

Abgesehen davon, dass sich Madrid schon deswegen lohnt weil dort die Künstler Cesar Borja, Gerardo Aparicio und Guillermo Lledo wohnen und es immer ein Vergnügen ist, ihre letzten Areiten zu entdecken, war er Ausflug in der Welt der Labyrinthe sehr spannend. Die Königin der Radierungen, Natividad Gutierrez, ist leider dieses Jahr verstorben. In Natis Werken vereinen sich auf der einen Seite die Vegetation ihrer Heimat, der Karibik, sowie ein Licht, das es nur in Madrid gibt.

In der Serie My Virtual Gallery gibt es außerdem Kurzportraits von vielen anderen Künstlern.

IngresEin Besuch im Prado darf natürlich bei einem Madrid-Aufenthalt nicht fehlen. Dort fand gerade eine sehr umfangreiche und sehenswerte Ausstellung von Ingres Gemälden statt.. Gegenüber auf der Madrider Museumsmeile, im Thyssen Museum, gab es eine umfangreiche Expo mit Gemälden von  Munch zu sehen.

P1280537Emma Dante, die wir im letzten Jahr mit Henzes Kurzoper Gisela in Palermo erlebt haben,  inszenierte eine Cenerentola und wie immer bei ihr ist man vollkommen perplex und überrascht. Diesmal waren die Kleider der Darsteller  mit kleinen Sahneschnittchen zu verwechseln.  Die Oper Rom hat Rossini aber noch ein zweites Mal  gehuldigt mit  einem sehr gewöhnungsbedürftigen Barbier von Sevilla in Form von Grusel-Ideen à la Tim Burton. Ausgezeichnete Sänger und viel Applaus. Vor 200 Jahren wurde Rossinis Barbier im Teatro Argentina in Rom uraufgeführt.

Die Oper Bonn hingegen glänzte mit einer witzigen Cosi fan tutte.

Traviata-Dorothée Lorthiois Auch mit großer Oper beschäftigte sich das französische Ensemble Opera Coté Choer in Paris. La Traviata, mutig und ganz anders. Brechend voll der Espace Pierre Cardin und es gab viele Vorhänge. Die Übersetzung von Jean-Noel Pettit folgt hier: La Traviata (version française).

 P1280710 Auch in Paris gab es eine Mammutausstellung von Anselm Kiefer im Centre Pompidou. Allein schon wegen dieser Schau hätte sich die Reise nach Paris gelohnt. Einfach großartig! Kiefer ist ein großartiger und einzigartiger Künstler, der immer ein wenig weiter geht als die anderen!

Ostia teatro Beeinflusst von Jean Cocteaus Antigone (so gesehen die Fortsetzung der Geschichte nach dem Ende von Ödipus), befasste sich der  große Igor Strawinsky zehn Jahre nach dem Sacre du Printemps-Skandal ebenfalls mit der griechischen Tragödie und arbeitete ab 1925 am Oedipus Rex.  Arien, Duette und Choreinlagen wechseln sich ab. Die Texte sind in Latein und die erklärenden Passagen wurden von einem Sprecher vorgetragen.

goethe-josefstiehler1828 Die Italienreise von Goethe ist vor 200 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht worden (30 Jahre nach seiner Reise!). Die Casa di Goethe hat aus diesem Anlass eine Veranstaltung der Serie Incontri romani dem Geheimrat vom Corso gewidmet. Mario Fortunato und Jan Koneffke haben dazu aus ihren Geschichten über und für Goethe vorgelegen.  Unter diesem Motto haben noch viele andere interessante Abende dort stattgefunden.

Mit Rom und Italien beschäftigt sich auch die  Künstlerin Schirin Fatami. Sie lebt in Rom und in Hannover und man sieht es ihren Arbeiten an, wo sie entstanden sind.

image001 Der kolumbianische Maler Botero ist sehr bekannt aber längst  nicht Jedermanns Sache – auch meine nicht! Vor ein paar Jahren hat er sich nun den Kreuzweg Christi vorgenommen. Dieser war im Frühjahr im Palazzo delle Esposizione in Rom zu sehen. Botero via crucis

Paula Modersohn-Becker wurde im Frühjahr im Pariser Museum für Moderne Kunst gezeigt. Die ausgezeichnete Schau mit über 120 Bildern und Zeichnungen dokumentiert acht oder neun sehr intensive Jahre auf einem (vorzeitigen und rasenden) Weg in die Moderne. Die Briefe aus Paris an die Familie, an Ottos Eltern oder an ihren Mann Otto Modersohn, sind eine einzige Liebeserklärung an Paris.

P1300056 Einen Geburtstagswalzer, einen Tango und noch mehr gab es im österreichischen Kulturinstitut in Rom, welches schon einmal Hans-Werner Henzes 90. Geburtstag am 1. Juli vorfeierte. Das  Cimarrón Ensemble Duo , Christina Schorn und Ivan Mancinelli,  interpretierten u.a. Werke von Hans-Werner Henze (1926-2012), Luca Lombardi  (*1945) und Astor Piazzola (1921-1992).  Miriam Meghnagi hat im selben Kulturinstitut ein paar Wochen später  sehr bewegende Lieder aus Theresienstadt vorgetragen.

La sete di Christo
La sete di Christo ist eine CD des römischen Ensemble Concerto Romano und hat  Anfang Februar 2016 den klassischen Musikmarkt erneut um ein vor-barockes und seltenes Schmankerl bereicherte. Außerdem gab es später im Jahr eine glanzvolle Aufführung von Stradellas San Giovanni Battista, eine wunderbare barocke Preziose, die Stradella selbst wohl als sein bestes Werk bezeichnete. Kein Wunder also, dass Händel und die späteren Zeitgenossen stark beeindruckt waren und in diesem Stil weiter machten. Aber auch das Luther Reformationsjubiläum haben sie sich zum Thema gemacht und eine interessante CD herausgebracht. Klang der ewigen Stadt zu Luthers Zeiten.

Giovanni Battista Pergolesis (1710-1736) Stabat Mater gehört sicher zu den meist gespielten Kirchenmusikstücken überhaupt. Viele große Stars und Musikensembles haben es gesungen und gespielt und die Erwartungshaltung des Publikums ist dementsprechend groß. Concerto Italiano hat es im März aufgeführt und es gab keine Enttäuschung!

Symbolismus Anfang März hat es in Mailand zwei Tage ohne Unterbrechung geregnet und wir haben viel Zeit in Museen verbracht. Mit dabei natürlich das letzte Abendmahl (Cenacolo) und die Pieta Rondanini sowie eine  umfangreiche Ausstellung über den Symbolismus. Für die Ausstellung Alphonse Mucha war die Schlange zu lang, diese konnten wir aber ein paar Wochen später in Rom sehen.

Im April hat der große Pappano Tschaikowskys Fünfte und Strawinskys Psalmensymphonie im Auditorium dirigiert; sowie eine überarbeitete Fassung von Riccardo Panfilis l’Aurora probabilmente. Panfili hat dieses kurze, aber sehr heftige und aufregende Opus posthum dem großen deutschen Komponisten Hans-Werner Henze (1926-2012) gewidmet.

P1300463 Paola Romoli Venturi ist eine außergewöhnliche römische Künstlerin. Ihre happenings haben wir nie verpasst! Im April in Trastevere hat sie ihre neuesten Arbeiten präsentiert. Ad pineam - Licht und Wind kamen wie bestellt und ließen ihre zarten Tücher tanzen. Auch auf eine weitere Veranstaltung mit ihr und weiteren italienischen Künstlern möchte ich gerne hinweisen.  TraNsfusioni#4 (das ist die italienische Version)

P1300712 Der grüne Traum ist ein deutsch-italienisches Wanderprojekt, an dem sich Künstler, Musiker und Dichter beteiligen. Dieses Jahr waren das u.a. Silvia Stucky, Beate von Essen, Lello Torchia, Maria Semmer  und  viele andere  die in der bezaubernden Villa Gregoriana bei Tivoli ihre Arbeiten zwischen Ruinen und Vegetation installierten, die man bei einem Spaziergang durch den Park entdecken konnte.

Mit Natur befasste sich auch eine Ausstellung im Archäologischen Museum in Neapel. Mito e Natura behandelte Mensch und Natur anhand von umwerfenden Fresken von Lustgärten oder Episoden aus der griechischen Mythologie.

P1320594 Ein anderer Entdeckungspaziergang führte uns zum Lungotevere, wo sich William Kentrich mit seinen Mammutfresken  “Triumphs and Laments” verewigte.  In sechs Monaten hat der südafrikanische Künstler und Theatermann William Kentridge auf über 500 Meter am Tiberufer zwischen Ponte Sisto und Ponte Mazzini (Piazza Tevere) die Geschichte Roms in 80 übergroßen Figuren wild durch die Jahrhunderte portraitiert. Später, im Sommer in Berlin, gab es passend dazu die Ausstellung No it is im Gropius Bau.

Mit dem Rhein hat sich sich eine Ausstellung in Bonn beschäftigt. Eine europäische Flußbiografie hat die Bundeskunsthalle aufgezeichnet und der Besucher  reist von der Quelle bis zur Nordseemündung dieses stolzes Stromes.

fff Das Fast Fortward Festival fand dieses Jahr zum ersten Mal statt. Zeitgenössische Musik wurde hier zwei Wochen lang aufs intensivste aufgeführt und präsentiert – in allen bedeutenden Theatern Roms. Eröffnet wurde es mit Heiner Goebbels Schwarz auf Weiß  das  er vor über 20 Jahren für und mit dem Ensemble Modern konzipierte. Deshalb kann es auch nur von diesem Orchester aufgeführt werden.  Bis jetzt kam es ca. 100 Mal zur Aufführung u.a. in Berlin, Brüssel. Dresden, Paris, Sevilla, Luzern, Taipeh, Moskau, Wien, Prag, München und Salzburg und fast alle Beteiligten sind schon seit der Uraufführung 1996 im Frankfurter Bockenheimer Depot mit dabei. Es ist Nacht und die Sieben sitzen in einem hohen Saale in der Stadt Ptolemais. Es wird zwar nicht extra erwähnt, aber wir wissen es trotzdem: sie können nicht entkommen, sie sind isoliert. Einer von ihnen, der junge Zoilus, ist schon tot.

Proserpina von Wolfgang Rihms war ebenfalls Teil dieses Festivals. Rihm kam extra dafür nach Rom und begleitete diesen großartigen Ausklang des ersten aber schon recht erfolgreichen Festivals. Hoffentlich wird es weitergehen.

P1320737 Die Stipendiatin der Casa Baldi in Olevano Romano, Antonia Low, präsentierte im Frühjahr im Palazzo Altemps in Rom ihre Installation « Status of Lost Imagery ». Hierbei ging es um die Bombardierung des Palmyra-Museum. Low hat ein Zeitungsfoto von der Verwüstung des archäologischen Museums vergrößert und dieses gepixelte Bild auf Stoff gedruckt.  Mit Schutzschuhen durfte  man die Ruinen betreten, das heisst sich über und in  ihnen bewegen. Spannende Ruinenbegehung!

Isabella Ambrosini hat mit dem Orchestra Roma Tre im Mai die  Cavalleria Rusticana im Palladium aufgeführt. Dieser Artikel ist in italienischer Sprache. 

P1000187 Dido und Aeneas in Montepulciano  war eines der großen Ereignisse oder vielleicht sogar das Hauptereignis dieses Jahr beim Cantiere in Montepulciano. Regie führte  Michael Kerstan. Mit wenig Mitteln und ausgezeichneten Solisten, unterstützt von einem perfekten Chor und dem diskreten Modus Ensemble Roma unter Mauro Marchetti, haben die Protagonisten das Publikum im Tempio di San Biagio – der übrigens auf einen Bauplan von Bramante zurückgeht und ein perfektes Beispiel einer römischen Basilika ist – regelrecht verzaubert.

Und dann hieß es:

Addio Roma (hinter den links verbergen sich drei Rom-Spaziergänge)

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und Hallo Berlin

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Hier hat  uns nicht nur italienische Sonne empfangen sondern auch eine  Velazquez Ausstellung!

 

csm_42_ESDO_Katalog_b88a2f60afEl Siglo de Oro. Die Ära Velázquez – Dunkel und furchterregend ist sie, die Malerei dieses Goldenen Zeitalters in dem herrschsüchtigen, strengen und selbstsicheren Spanien, wo es nicht viel zu lachen gab. Die Protagonisten auf den Bildern dieses kulturell so starken Jahrhunderts strahlen keine Freude oder Leichtigkeit aus. Direkt aus dem Manierismus herausgerissen, überbetont, streng ist sie noch lauernd vorhanden, la Santa Inquisición(die heilige Inquisition).

blick in den GartenDer August hat sich von seiner besten Seite gezeigt und das Einleben in Berlin recht leicht gemacht. Ein  Ausflug an den Wannsee, wo sich der Maler Liebermann einen Sommersitz errichtet hatte, war gerade richtig: Max Liebermann (1847-1935) gehört zu den wichtigsten deutschen Wegbereitern der Moderne. Von Anfang an hat er gegen die Akademiker gekämpft und mit der Gründung der Berliner Secession, bei der er eine wichtige Rolle gespielt hat, die Hauptstadt in den künsterlischen und kulturellen Vordergrund gerückt – er selber ist dann aber irgendwo auch zwischen Biergärten und Portraits stecken geblieben. Geboren im Zentrum von Berlin wo heute das Liebermann-Haus steht (in dem eine Ausstellung über Harry Graf Kessler zu sehen war) hat er sich 1909 ein Sommerhaus am Wannsee bauen lassen. Sein „Schloss am See“, wie er es nannte. Mit Anfang 60 hat er sich gerne hierher in die Ruhe zurück gezogen und über 200 Gemälde sind dort entstanden. Ab 1914 bis zu seinem einsamen Tod 1935 verbrachte er viele Monate dort. Von den Nationalsozialisten verfemt, zwangen diese seine Witwe Martha 1940 zum Verkauf des Hauses. Sie entzog sich 1943 durch Selbstmord einer Deportation. Nach dem Krieg allerdings ging das Haus an die Erben zurück, die es an die Stadt Berlin verkauften.

P1000285Emil Nolde – Der Maler  – Aufdringliche Farben und Nordlicht. Emil Nolde (1867 – 1956) malte mit den Fingern und Händen, ein Pinsel reichte nicht, um diese grelle Leidenschaft auf die Leinwand zu bringen. Ein krasser Gegensatz zu der weiten und unendlichen nicht immer farbigen Welt an der Frieslandküste. Naturgewalt, Einsamkeit, Legenden und gruselige, übertriebene Bauern- und Seemanns-Geschichten, die man sich nach Sonnenuntergang mit Gänsehaut zu erzählen pflegte, hat Nolde auf die Leinwand gebracht und uns ins Gesicht geschleudert.

P1000585 Wolfgang Rihm hatten wir ja beim FFF in Rom mit Proserpina gehört und erlebt. Da war es natürlich klar, dass wir uns Tutuguri nicht entgehen lassen würden. Das Berliner Musikfest wurde damit eröffnet.  Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht werden (Antonin Artaud 1947) . Französischer Surrealist trifft auf mexikanische Totentänze und Rihm macht die Musik dazu. Das klang gut und verheißungsvoll: aber es ist noch viel viel mehr! Es ist ein Erdbeben, ein musikalischer Horror-Tsunami, ein götterdämmernder Phönix-Weltuntergang!

P1010069 Die Kantorin der Kirche zur frohen Botschaft in Berlin-Karlshorst, Beate Kruppke, dachte sich zum 150. Geburstag von Eric Satie und zum 25. Todestag von Olivier Messiaen etwas ganz besonderes aus. Sie stellte ein ungewöhnliches Orgelprogramm zur Ehren der französischen Freigeister und  zur Aufführung auf der Amalienorgel in Karlshorst zusammen. Der Dritte im Bunde war ein weiterer Franzose, der Komponist César Franck (1822-1890).

postidentischeslebenGroßartig der erste Besuch in der Neuköllner Oper . EINE SPEKULATION ÜBER DIE FREIHEIT. Welcome to the office for postidentical living - Shape – edit – customize: Der Erfolgreiche muss sich optimieren, sich abgrenzen, besser sein, fit sein, digital sein, angepasst-unangepasst sein, seine personelle Identität pflegen und diese ausbauen, um vielleicht in einer kollektiven Identität heimlich Unterschlupf zu finden. Unsere Identität unterscheidet uns von den anderen, macht uns einmalig. Aber wozu brauchen wir das? Was brauchen wir überhaupt? Wissen wir was wir wollen? Stylen, shapen, bloggen, sich selfen, bewundert werden. Wie anstrengend, diese permanente Überforderung dem uns gebotenen information overflow gerecht zu werden: Nur wer das alles nicht (mit)machen muss, kann frei sein.

P1000693Das Büro für postidentisches Leben hat also die Antworten und Lösungen. Aber KAP HOORN, eine witzige Aufführung im Theaterdiscounter, vermittelt den  Jahrmarkt der Wünsche und Träume .  Aber was hat Napoleon mit Aschenputtel zu tun? Sehen Sie selber!

Ausstellungsplakat Der Golem, diese berühmteste Legendenfigur der Kabbala, ist ein seelenloses Wesen aus Lehm oder Sand. Er wird durch Rituale oder geheime Buchstabenkombinationen von einem Menschen zum Leben erweckt und ist mit übermenschlicher Kraft ausgestattet. Das Jüdische Museum hat ihm eine sehr interessante Ausstellung gewidmet.

P1010005Die Stadt Weimar war 1999 Europäische Kulturhauptstadt. Das war für den derzeitigen Chef des Berliner Staatsballetts, Nacho Duato, die Gelegenheit, Johann Sebastian Bach zu huldigen. Mit Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere hat er auf ganz besondere Weise Person und Werk dieses einzigartigen Komponisten gewürdigt. Er hat Bach auf die Bühne und ins Zentrum des Geschehens geholt.

P1000911 Siegfried Lenz ist 1926 als  Sohn eines Zollbeamten in Ostpreußen geboren. Mit 42 Jahren hat er seinen wichtigsten und einen der bedeutendsten deutschen Nachkriegsromane, Deutschstunde, veröffentlicht. Bei Deutschstunde geht es um Pflicht, Schuld, Macht, Freundschaft und Verlust und um das Nichtentkommen der Geschichte. Das Ensemble hat es aufgeführt. Aber auch die traditionelle Peymannsche Mutter Courage und ihre Kinder hat uns sehr gut gefallen.

Mauer-cmb-klein Traum, Nacht, Alptraum – Ian Bostridge erzählt von  Kriegen, Nachteulen und Meeresungeheuern. Mit Träumen, Natur und Illusionen hat sich in diesem Jahr auch die österreichische Künstlerin Christa Linossi beschäftigt.

100 Stuehle (1)Am 1. November 2016 feiert der Hamburger Bahnhof seinen 20. Geburtstag. Er entstand als  weiteres Haus der Nationalgalerie und dort werden während der Umbauarbeiten der Neuen Nationalgalerie abwechselnd Werke des deutschen Expressionismus – wie zurzeit Ernst Ludwig Kirchner HIEROGLYPHEN  – gezeigt.   Eine der besten Ausstellungen überhaupt mit Arbeiten von Carl André war 2016 im Hamburger Bahnhof zu sehen. Aber auch das Thema Kapital hat das Museum beschäftigt. Hier der Bericht.
AusstellungsplakatUnheimlich war der Titel der Ausstellung im Kunstmuseum in Bonn, die zur Zeit noch in Bonn zu sehen ist (bis Januar 2017). Unheimlich bedeutet schauerlich, gruselig oder furchterregend. Der Titel ist deshalb nicht sehr aussagekräftig, denn hier geht es auch viel um Angst und Einsamkeit, um Unwohlsein, um Hinweise auf Gewalt, versteckte und offensichtliche und um Traum und Wirklichkeit. Kein Entkommen, Dinge, Totenhaus, Alpträume, Einsamkeit, die Anderen,  Verschwinden, Tatorte sind die Schlagwörter und in diese ist die Ausstellung unterteilt.

P1040281 Bei der Geisterbraut ging es auch unheimlich zu. Diese  opernhafte und selten aufgeführte spätromantisch-wagnerianische Ballade von Antonín Dvořák (1841-1904) wurde  aus Anlass des 175. Geburtstags  dieses böhmischen Komponisten von der Berliner Singakademie und dem Konzerthausorchester unter Achim Zimmermann im Konzerthaus in Berlin aufgeführt. Isabelle Faust hat mit Werken von Luigi Nono  in der Philharmonie ebenfalls bella figura gemacht.

P1010413Der Britische Blick: Deutschland – Erinnerungen einer Nation. Mit dem Deutschlandbild der Briten hat sich diese Ausstellung beschäftigt, die auch uns so einiges über uns beigebracht hat. Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden(Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Xenien, 1796)

maulwerk Maulwerker -  Lautdichtungen und Sprechduette hat sich in einer Veranstaltung organisiert durch KONTRAKLANG im Heimathafen präsentiert. Gerhard Rühm, der bei der gestrigen Performance im Heimathafen Neukölln persönlich anwesend war, ist einer der bedeutendsten Künstler, ein Tausendsassa oder Wunderwurzi wie die Österreicher sagen. Er ist Schriftsteller, Lyriker, Schauspieler, Komponist, Performancekünstler, Maler und Poet. Er Gedichte oder Lautdichtungen aus seinem Repertoire vorgetragen – allein und Sprechduette er mit seiner Frau, der Musikpublizistin Monika Lichtenfeld. Dass er 86 Jahre alt ist würde man nicht vermuten. Temperamentvoll und witzig, ein einfallsreicher Sprachkünstler und Grenzgänger zwischen Noten, Buchstaben und Sprachexperimenten.   Kontraklang hab ein paar Wochen später das anstrengende aber sehr interessante Konzerthappening « Nach Kagel » - auch wieder im Heimathafen Neukölln organisiert. Und hier ging es um Sprechmusik, Peinlichkeit, Heilkräuter und um einen heiseren Wanderer! Lesen Sie selber!

P1010457Terpsichore, Liebesgötter und kalte Schönheiten. Der italienische neoklassizistische Künstler Antonio Canova (1757-1822) zählt zusammen mit dem Dänen Thorvaldsen zu den bedeutendsten Bildhauern seiner Zeit. Das Bode-Museum hat ihm diese Ausstellung über den Tanz ausgerichtet – mit dem schönen Titel:  Canova und der Tanz!

P1010502 Il Triunfo dem Tempo e del disinganno von Georg-Friedrich Händel zählt schon seit langem zu meinen Lieblings-Händel-Kompositionen. In diesem Stück hat er sich auch eine Rolle gegeben und deshalb wird er zur Sonata im ersten Teil er als anmutiger Jüngling an der Orgel (Thomas Guggeis) begleitet von Corelli an der Geige (Wolfram Brandl) ins Restaurant geschoben. Wunderbare Aufführung im Schillertheater! Viel Applaus für alle aber vor allem für das Vergnügen!

P1010637 Reden ist nicht immer die Lösung - meint Omer Fast in seiner im Rahmen des Programms „Immersion. Analoge Künste im digitalen Zeitalter“ im Martin-Gropius Bau organisierten Ausstellung, bei der sieben Filmprojekte von ihm gezeigt wurden. Der israelisch-amerikanische Videokünstler verarbeitet in seinen Projekten Krieg, Gewalt, Sex, Erziehung und Zusammenleben.  Und hier erwähnte ich Clemens von  Wedemeyer ; der  so ähnliche Geschichten in Hamburg erzählte.

P1010662 Die Europäische Akademie für Musik und Darstellende Kunst Palazzo Ricci ist ein bedeutendes deutsches Kulturprojekt in Italien, das sich vor allem der Musik widmet.  Seit dem Jahre 2000 sitzt die Hochschule für Musik und Tanz Köln in diesem Palast, der nach umfangreichen Renovierungsarbeiten im Jahre 2001 als Europäische Akademie wieder eröffnet wurde. Und damit sind wir auch schon beim Anlass des gestrigen Abends: das 15-jährige Jubiläum. Die Akademie feierte ihren Geburtstag mit einem Konzert, das  mit einem ganz besonders sorgfältig ausgesuchten Programm am Gendarmenmarkt im Berliner Konzerthaus bestach.

P1010682 Good Bait (guter Köder) ist das aktuelle und neuestes Standard-Programm der Quartett-Jazzband die den Beinamen … die flexible Einsatztruppe  bestehend aus dem Saxophonisten und Gründer der Truppe Markus Ehrlich, dem gerade aus New York zurückgekehrten Pianisten Johannes von Ballestrem, dem Bassisten Tom Berkmann und dem Schlagzeuger Philipp Schaeper. Dann haben wir noch den Piano Salon Christophori entdeckt – hier kann man alles hören – meist klassisch, aber es steht durchaus auch mal dann und wann ein Jazzabend an. Im Jazzclub Zig Zag in Berlin ist die Gruppe Subtone aufgetreten, die vor allem eigene Kompositionen gespielt haben. Schöner Club!   Der bekannte schwedische Posaunist und Sänger  Nils Landgren, alias Mr Redhorn, trifft beim diesjährigen Young Euro Classic Festival auf das junge Ensemble Olivinn, das die türkische Komponistin und Pianistin gegründet hat. Hier wurde Jazz mit Klassik verbunden und formell in einem Konzerthaus aufgeführt. 

P1010522 Die Stadt“ hat Theodor Storm sie ganz schlicht genannt. Zu seiner Zeit hat er wohl auch noch  durch die Stille las Meer brausen gehört. Das ist jetzt nicht mehr so, aber die Möwen, die Luft, das Salz darin, das Ebbe und Flut Spiel, das den Hafen hebt und senkt, ist immer noch so.   Jan Christophersen hat über diese so ganze andere Welt den Roman « Schneetage » geschrieben. Hier die Rezension!

Eine andere ganz besondere Reise ging in die Bretagne. Fünfzehn Kilometer vom Festland entfernt liegt sie, eine der größeren bretonischen Atlantikinseln: Belle-Île-en-Mer. 45 Minuten dauert die Überfahrt mit der Fähre von Quiberon nach Le Palais, der Hauptstadt von Belle-Île mit ungefähr 2600 Einwohnern. Hier verbrachte die Schauspielerin Sarah Bernhardt viel Zeit zwischen Felsen, Wind und Einsamkeit.

George Grosz - Grauer Tag Die Neue Nationalgalerie ist noch immer wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Deshalb zeigen die anderen « Filialen » abwechselnd Werke aus dieser umwerfenden Sammlung der Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Hamburger Bahnhof ist immer noch  Kirchner zu sehen und im Scharf-Gerstenberg Museum noch bis zum 23. April 2017 die Ausstellung « Surreale Sachlichkeit » Werke der 1920er- und 1930er Jahre aus der Nationalgalerie.

P1010830 Zarzuela ist spanisches Musiktheater vom Feinsten. Spitzbubenhafte Komödie, Folklore und populäre Romanzen verbunden mit spritziger Musik, opernähnlichen Arien, Temperament und guten Geschichten. Sie entstand im 19. Jahrhundert und wurde sowohl in Spanien als auch in Südamerika, vor allem in Argentinien, Mexiko aber auch in Kuba mit großem Publikumserfolg aufgeführt. In der Berliner Bibliothek des lateinamerikanischen Institut gegenüber der Gemäldegalerie wurde im Dezember eine Ausstellung über die Zarzuela eröffnet. Zur Eröffnung haben  zwei glänzende Interpreten Kostproben vorgetargen.

P1010868 Vor 500 Jahren, 1517, hat Martin Luther (1463-1546 in Eisleben), Mönch und Theologieprofessor  seine 95 Thesen zum Ablasswesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. Dort, im Wittenberger Kloster, kam ihm auch die Erleuchtung. Sein Turmerlebnis sollte die Welt, nicht nur die gläubige, verändern und die Reformation auslösen.  Ein Jahr später ist er dann auch gleich nach Rom vorgeladen worden. Schon  1516 hatte Luther öffentlich gegen die Ablasspraxis gepredigt. Über Musik in der Zeit Luther in Rom hat Concerto Romano im letzten Jahr eine wunderbare CD herausgebraucht.

P1020013  Zauberwald, Pemplum und Kuschel-Riesenplüschtiere. Die Premiere dieser Inszenierung von August Everding mit einem Bühnenbild von Fred Berndt nach den herausragenden Entwürfen der grandiosen Sternenkuppel (die Tassen und Geschirrtücher ziert) oder den ersten Auftritt der Königin der Nacht auf der Mondsichel vom Berliner Architekten und Baumeister Karl Friedrich Schinkel für die Berliner Königlichen Schauspiele 1816 fand schon 1994 statt. Sie gehört heute zu den am meisten gespielten Zauberflöten in Berlin und sorgt jedes Jahr wieder für ein volles Haus.

P1020021 Kindl ist vor allem Biertrinkern ein Begriff. Die ehemalige Brauerei in Neukölln wurde vor ein paar Wochen als neues zeitgenössisches Kulturzentrum in Berlin eröffnet. Ein Besuch ist hier beschrieben. Zur Zeit sind zwei Künstler dort ausgestellt.

 

Ein frohes, glückliches, beschwingtes, kulturelles und gesundes Jahr 2017 wünsche ich allen blog Besucher/innen.

Christa Blenk

 

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Street Art in Berlin

 

 

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Die Zauberflöte

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Zauberwald, Pemplum und Kuschel-Riesenplüschtiere

Die Premiere dieser Inszenierung von August Everding mit einem Bühnenbild von Fred Berndt nach den herausragenden Entwürfen der grandiosen Sternenkuppel (die Tassen und Geschirrtücher ziert) oder den ersten Auftritt der Königin der Nacht auf der Mondsichel vom Berliner Architekten und Baumeister Karl Friedrich Schinkel für die Berliner Königlichen Schauspiele 1816 fand schon 1994 statt. Sie gehört heute zu den am meisten gespielten Zauberflöten in Berlin und sorgt jedes Jahr wieder für ein volles Haus.

Everding hat diese Oper sehr oft inszeniert, aber noch nicht oft genug, sagte er einmal in einem Interview. « Die Beschäftigung mit dem Werk führt oft zu dem Trugschluß, es handle sich hier um ein Ideendrama, ein Weihespiel, eine Einführung in die Freimaurerei oder in den Humanismus. Das Werk geht aber viel weiter, es ist viel komplexer und auch irdischer. Es ist ein sehr menschliches Stück. Der Mensch besteht doch aus einem denkenden und phantasierenden Kopf, aus einem liebenden und enttäuschten Herzen, aus einem hungrigen und satten Magen, aus einem zielgerichteten und ziellosen Geschlechtstrieb. Andere wollen die ‘Zauberflöte’ deshalb eher als derbes Volksstück sehen… Doch in Wirklichkeit geht es um die Überwindung des großen Dualismus in unserer Welt, vertreten durch die Königin der Nacht und durch Sarastro, eine Überwindung durch die Kunst und die Liebe, wofür die Zauberflöte das Symbol wird.

Ob sich Schinkel über weiße Einhörner, tanzende Löwen und swingende Krokodile in einem Walt Disney Peplum gefreut hätte wissen wir nicht. Zusammen mit dem großartigen Staatsopernchor und der perfekte Staatskapelle unter Alexander Soddy gehört sie aber unbedingt zu den attraktivsten Zauberflöten-Inszenierungen.

Prinz Tamino ist der einzige, dessen Kleidung aus unserer Zeit stammt und die Prüfungen, die er – unterstützt oder  behindert durch Papageno im bunten Federgewand – bestehen muss um seine Pamina zu bekommen, bringen ihn durch neue, alte und geheimnisvolle Welten und Flötentöne.

Die drei schwarzen Abgeordneten der Königin der Nacht treten aus dem Rachen von drei Kroko-Dino-Monstern, die kurz vorher noch Feuer gespuckt und angsteinflößenden Lärm gemacht haben und Taminos Frage an seinen vermeintlichen Retter „Wo bin ich“ beantwortet Papageno lakonisch mit  „ im Schillertheater“ . Roman Trekel, der 1994 bei der Premiere sein Rollendebüt hatte, spielt ihn immer noch, den Papageno, und immer noch wirkt er frisch und voller Freude in seiner Rolle. Dass er mittlerweile über 20 Jahre älter  ist macht überhaupt nichts. Er verteilt nach wie vor Zuckerbonbons und flirtet mit den Zuhörerinnen in der ersten Reihe. So mancher Slapstick, beschwipste und tanzende Priester oder ein erbarmungswürdiger Monostatos (Dietmar Kerschbaum) lassen kurzfristig die humanistische Idee von Schikaneder in den Hintergrund treten, aber dann ist er auch gleich wieder präsent, der Appell an die Humanität und an die Gerechtigkeit. Keinen Moment geht hingegen die spielerische Leichtigkeit verloren.

Tamino, sehr stimmgewaltig Andreas Schager; mutig, bestimmt und zart Pamina (Anna Prohaska). Der noble und ruhige Bass von Sarastro (Rene Pape) kommt weise und geduldig daher. Nicola Proksch als Königin der Nacht ist in der ersten Arie sehr zurückhaltend und fast schüchtern, zeigt aber in der zweiten was sie kann, nämlich in durchsetzungsfähigen und kriegerischen Sechzehntelketten rachsüchtig und grausam alle Höhen erklimmen. Die Portugiesin Sónia Grané musste kurzfristig für die erkrankte Papagena (Elsa Dreisig) einspringen und hat das sehr routiniert und witzig gemacht. Harmonisches und kokett-streitend die drei Abgesandten vom Sternenhimmel (Adriane Queiroz, Katharina Kammerloher, Anja Schlosser). Die einfallsreichen, phantasievollen und bunten Kostüme von Dorothée Uhrmachers tun das ihre.

Die Handlung basiert auf einem Libretto von Emanuel Schikaneder, aber nicht nur von ihm allein. August Jacob Liebeskind Lulu oder die Zauberflöte  oder Wielands Oberon sowie das Heldenspiel von Freiherr von Gebler Thamos, König von Ägypten sowie Elemente des Singspiels Hüon und Amande von Friederike Sophie Seyler sind mit verarbeitet. Mozart und Schikaneder waren beide Freimaurer.

Aber auch die Musik birgt Geheimnisse und ihre Entstehung ist nur lückenhaft dokumentiert. Angeblich wollte mit dieser Oper Mozart dem sich in Geldnöten befindlichen Schikaneder helfen, obwohl Mozart es war, der unter permanentem Geldmangel litt. Schikaneder selber sollte auch die Rolle des Papageno singen, die mindestens soviel Schauspielkunst wie Stimmumfang verlangt. Die Zauberflöte wurde 1791 in Wien uraufgeführt.

Ansonsten ist über die Zauberflöte schon alles gesagt!

Christa Blenk

 

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Subtone – Jazzband

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Von Samba, Elchen und Heimatgefühlen

Die Modern Jazz Gruppe Subtone war gestern Abend Gast im Zig Zag Club in Berlin und spielte in einem brechend vollen Lokal ausschließlich eigene Kompositionen auf der Basis von Jazztraditionen. Die Musiker kommen aus Deutschland,  Österreich und Kanada.

Florian Hoefner, der eine Vielzahl des gestern aufgeführten Stücke auch komponierte, lebt seit ein paar Jahren in Kanada. Seine Kompositionen erzählen Geschichten aus dem Alltag, wie die über einen Elch, der sich gern mal in die Stadt schleicht, sich nicht an die Verkehrsvorschriften hält, zur Gefahr wird und wieder mit vereinten Kräften abtransportiert werden muss. Kann er ja schließlich bis zu 2 Meter groß sein und an die 700 kg wiegen.  Moose Blues hat Florian Hoefner, der auch der Pianist der Gruppe ist, komponiert. Es ist das listige Bewegungsprofil eines Elches. Hoefners Wahlheimat ist Neufundland und dort gehören Elche zur Standardausrüstung – und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

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Mit Jig hat Hoefner einen irischen Volkstanz verjazzt. Dieser ursprüngliche irisch-britische Solo-Stepptanz hat ganze Generationen von Musikern und Komponisten inspiriert und auch vor der Klassik nicht haltgemacht. Aus der Barockmusik (Gigue) ist er gar nicht wegzudenken. Ausgezeichnet umgesetzt und interpretiert! Und wenn im Lokal auch nur ein wenig mehr Platz gewesen wäre, hätten sich sicher Tanzformationen aufgestellt. Das gilt auch für das Stück Samba Samba, das mit einem Klaviersolo beginnt und dann in Gefilden ganz weit weg vom kalten Kanada endet. Hoefner studierte in Berlin bei Hubert Nuss und ging später  als Fulbright Stipendiat nach New York wo er 2010 seinen Master of Music machte. Er studierte u.a. bei Kurt Rosenwinkel und Dave Liebman.

Magnus Schriefl, der fantastische Trompeter der Band, kommt aus einer Musikerfamilie und hat in Amsterdam, Paris und Berlin u.a. auch bei Kurt Rosenwinkel studiert. 2010 war er DAAD Stipendiat an der Manhattan School of Musik in New York. Zwei Werke von ihm  Roswitha’s Revenge und Shift standen gestern auf dem Programm  Zusammen mit dem Holzbläser Malte Dürrschnabel ist er der Sound-Angeber der Band.

 

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Malte Dürrschnabel ist mit seinen Instrumenten verwachsen und während der Bassist Matthias Pichler mit seinem Kontrabass tanzt ist Dürrschnabels Beziehung zu seinen Instrumenten (er spielt auch Klarinette) eher innig. Wenn er gerade nicht am Zuge ist, versinkt er in konzentrierter Verschlossenheit.  Er wurde 2008 in Avignon mit dem Preis für den besten Instrumentalisten ausgezeichnet. Seine Lehrer sind u.a. David Liebman und John Hollenbeck. 2003 gewann er außerdem den Bundeswettberg Jugend Jazzt mit seiner damaligen Band Jazzatack.

Matthias Pichler ist der temperamentvollste von ihnen. Er studierte klassischen Kontrabass und Jazz Bass in Linz und wurde sehr schnell einer der gefragtesten jungen Bassisten in Europa. 2004 bekam auch er ein New York Stipendium und gewann 2010 den 1. Preis beim Internationalen Kontrabass Wettbewerb in Berlin in der Jazz-Kategorie.

 

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Der Fünfte im Bunde ist der  Schlagzeuger Peter Gall. Auch er ist sehr gefragt und bekannt. Gall studierte u.a. in Berlin bei John Hollenbeck und spielte schon im Kurt Rosenwinkel Trio oder bei Nils Landgren. Derzeit lebt er mit einem DAAD Stipendium in New York und studiert bei John Riley.

Die fünf jungen Musiker kreieren zusammen diesen wohlklangig-stimmungsvollen, auch nostalgischen Modern Bebop, der Geschichten erzählt von gestern und heute, der nur so strotzt vor Komplexität und schwierigen, anspruchsvollen Passagen die durchaus an die großen Jazzer denken lassen aber auf keinen Fall schablonenhafte Gemeinplätze bilden und in ihrer Persönlichkeit die endlose Farbpalette rauf und runter jazzen. Großartige Bass-Soli und schöne Saxophon-Trompeten- Dialoge.

Subtone gibt es seit 12 Jahren und tritt in der klassischen Formation von fünf Musikern auf. Gefunden haben sie sich in Berlin. Sie sind viel auf Reisen und bewegen sich zwischen Köln und New York. Schon seit ihrem Erfolg in Avignon 2008 gehören sie zu den deutschen Vorzeigegruppen des Modern Jazz. Sie sehen sich als Gemeinschaftsprodukt; ihre Kompositionen bestehen aus weniger Solopassagen als sonst beim Jazz üblich ist.

Ein Jazz-Abend für Anfänger und Fortgeschrittene!

Im Zig Zag Jazzclub in Friedenau/Berlin zahlt man keinen Eintritt. Die Konzerte werden durch  Spenden ( 15 Euro sollten es schon sein) der Zuhörer finanziert und dazu geht in der Pause eine Vase rum. Es scheint gut zu funktionieren und nach dem Konzert ging man noch lange nicht nach Hause!

 

Christa Blenk

 

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Kontraklang: Nach Kagel

Sprechmusik, Peinlichkeit, Heilkräuter und ein heiserer Wanderer

Kontraklang hat am 15.12.2016 das Konzert „Nach Kagel“ im Heimathafen Neukölln organisiert. Ein Konzert, das dem Publikum viel mehr als nur Interesse oder Freude an der zeitgenössischen Musik abverlangte.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Dorrit Bauerecker spielt Viscum album -
 © »mutesouvenir | kb«

 

Der deutsch-argentinische Komponist Maurizio Kagel (1931-2008) war einer der zeitgenössischen Komponisten, die das 20. und 21. Jahrhundert entscheidend mitgeprägt haben.  Ab den 1950er Jahren nahm er regelmäßig an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik teil, 1957 ließ er sich in Deutschland nieder und war ab 1960 Dozent in Darmstadt.  Mit einem anderen borderliner, Wolf Vostell, organisierte er ab 1968 akustische und visuelle Happenings. 1969 folgte er Stockhausen in Köln nach. Kagel dirigierte viele seiner Werke selber oder war sonst irgendwie beteiligt und das war auch gestern Abend bei seinen Schülern und den Schülern von seinen Schülern so.

Diese stellten im Heimathafen einige ihrer Werke, die dem Genre Instrumentaltheater, Sprechgesang und Experimentalmusik angehören, vor.  Mimik, Gestik, Aktionen, Bewegungen, Noten, Wörter, Töne und natürlich auch Musikinstrumente kamen zum Einsatz.  Polizeischutz wie 1971 vor der Hamburger Staatsoper bei der Uraufführung von Kagels Staatstheater brauchten dessen Schüler gestern natürlich nicht, aber das 3 ½ Stunden-Happening haben nicht alle Zuhörer bis zum Ende erlebt.

Vor allem die endlosen Piano Sonaten Nr. 17 und 18 von Chris Newman, die Mikhail Mordvinov interpretiert, bringen uns an unsere Grenzen. Dabei hört es sich ganz und gar nicht zeitgenössisch an oder gerade deswegen. Beethoven ist herauszuhören und alte Songs von den Kinks wie Lola. Newman will einfach nicht, dass der Zuhörer sich wohl fühlt, deshalb gibt er ihm einen Beethoven, dessen Noten er vorher zerstückelt hat und die beim Zusammenbauen ihre Seele einbüßen mussten.

Zwischendurch hat die großartige Akkordeonistin Dorrit Bauerecker sehr expressiv immer ein paar Takte aus Viscum Album, das ihr Lehrer Manos Tsangaris komponierte, gespielt und einmal auch unzählige Heilkräuter heruntergesagt oder vielleicht das Zauberrezept einer Hexe verraten!? Viscum album ist die Weiße oder Weißbeerige Mistel. Davon hätten wir auch gern ein paar Takte mehr gehört.

Witzig und originell Neele Hülcker, sie gehört zur zweiten Nach-Kagel-Generation. Copy myself #2 für Stimme, Elektronik und Projektion heißt ihre Arbeit und dafür hat sie  umgekehrt, d.h. rückwärts abgespielte Tonbandaufnahmen aus ihrer Kindheit nachgeplappert und wieder aufgenommen. Dann vor dem Publikum den Grad der Peinlichkeit und der Nervosität, inklusive Temperatur, Puls und Blutdruck gemessen und dies auf einem online-Formular festgehalten. Die Peinlichkeit ist, verrät sie uns, von Mal zu Mal bedeutungsloser. Sie hat ihr Kunstwerk schon in der U5, unter einer Brücke, am Meer oder im Museum aufgeführt. Kagel wäre sicher stolz auf sie gewesen.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Neele Hülcker – copy myself #2
©»mutesouvenir | kb«

 

Ähm Me, Hm (I) And M – Versuchsanordnung für vier Sprechende von Barblina Meierhans, ebenfalls eine Schülerin von Tsangaris, war ein Gespräch zwischen vier Personen, die sich – trotz Einsatz von Gesten und Gebärden – einfach nicht finden wollen und abgegrenzt von einander bleiben.

Von Manos Tsangaris hat der Klarinettist Theo Nabicht ein Stück für Kontrabassklarinette (und zwei Bierflaschen)„So Slow“ aufgeführt. Hierzu gehören insistenter Stimmeinsatz und Meckern aus dem Zuschauerraum, das erstmal sehr echt wirkt und der Störer sich böse Blicke einfängt – auch vom Klarinettisten. Tsangaris (*1956) ist ein echter Kagel-Schüler und Teilnehmer auf den einschlägegen zeitgenössischen Musikfestivals. 2016 hat er die künstlerische Leitung der Münchner Biennale als Nachfolger von Peter Ruzicka übernommen. 2015 war er Gast in der renommierten Villa Massimo in Rom.

Nicolas Kuhn (1989) war Schüler von Tsangaris in Dresden; arbeitet aber auch mit Helmut Lachenmann und anderen zeitgenössischen Größen zusammen. Er interpretiert und dirigiert oft seine eigenen Werke. Gestern  hat er das aufregende und sehr virtuoses Klavierstück „4“ vorgetragen und im Anschluss mit Stellenwort für Plattenglocke ein regelrechtes Studium von Klängen und Tönen durchgeführt. Mit einem Wattepad, einem Pulli, einer Kuhglocke, einem Stift oder weitere auf einem Tisch bereit stehende Gegenstände kreiert er auf der Plattenglocke alle möglichen Klänge, Un- oder Nichtklänge. 2014 entstand auf seine Initiative das Gegenklang-Orchester für seltenes Repertoire.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Nicolas Kuhn  mit der Plattenglocke 
© »mutesouvenir | kb«

 

Der erste und letzte Beitrag war je ein Lied von Chris Newman (*1958). Ist das Sprechgesang oder Musiksprechen oder  irgendetwas dazwischen ?

Chris Newman ist ein experimenteller Grenzgänger und Tausendsassa und eigentlich mit Niemandem zu vergleichen. Dichter, Schauspieler, Künstler, Komponist, Performer und Provokateur natürlich. So wie er Leinwände zerschneidet und sie wieder irgendwie zusammenschustert hört sich auch sein Gesang an. Schlurfend kommt er auf die Bühne, zieht  zuerst seine Jacke und dann seine Schuhe aus und bring das Publikum genau dorthin wo er es haben will – nämlich raus aus dem Raum (gefühlt). Seine Darbietung ist eher ein konzeptionelles Kunstwert als Musik,  das erste Lied  Tree Tops,  hat irgendwie an Schubert denken lassen und der Abschiedssong « Wizzes » könnte auch aus den drunken songs seines Landmannes Purcell stammen. Er wirkt wie ein ganz müder und verbrauchter Wanderer, obwohl er noch keine 60 ist. Aber auch das gehört zu seiner Kunst und was soll man denn nach Kagel sonst machen?

Kontraklang hat hier eine Truppe von Komponisten und Protagonisten auf die Bühne gebracht, die uns auf jeden Fall sehr beschäftigt hat.

 

“If they can take it for ten minutes, then we play it for fifteen,” I’d explain. “That’s our policy. Always leave them wanting less.” (Warhol and Hackett, Popism, 193).

 

Christa Blenk

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Camerata Vocale Berlin

schnee

 

Camerata Vocale Berlin hat am dritten Advent zwei von den sechs Kantaten in Johann Sebastian Bachs (1685-1750) Weihnachtsoratorium im Kammermusiksaal der Philharmonie aufgeführt.

Um den großen Sprung von Teil I zu Teil VI zu überwinden, gab es dazwischen das Magnificat MWV A 2, Kantate für Soli, Chor und Orchester von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

Er, Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) hat viel für die Bachmusik getan und ohne ihn würde es sicher ganz anders mit Bachs Bekanntheitsgrad aussehen. Mendelssohn-Bartholdy, ein Schüler von Friedrich Zelter, dem damaligen Direktor der Sing-Akademie zu Berlin, wurde über diesen auf Bachs Musik aufmerksam. Die sogenannte Bach-Renaissance fand 1829 mit einer legendären Wiederaufführung der Matthäuspassion unter dem nur 20-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy statt. ABer erst viele Jahre später wurde das Weihnachtsoratorium neu aufgeführt.

Mendelssohn-Bartholdys Beschäftigung mit seinem Vorbild, dem großen Barockmeister Bach, spiegelt sich in seinem Magnificat  wider. Unverkennbarer kontrapunktischer Bach-Stil, gepaart mit forsch-mutigen Melodien und einem im 19. Jahrhundert typischen, stilvollem Klangausdruck zeichnen dieses erste Kirchenwerk von Mendelssohn Bartholdy aus. Er schrieb es 1822, 13-jährig und war zu der Zeit schon seit drei Jahren Schüler von Zelter. In dieser Epoche entstanden auch seine ersten weltlichen Opern „Die wandernden Komödianten“ und „Die beiden Neffen oder der Onkel aus Boston“.

Teil I des Weihnachtsoratoriums soll eigentlich fröhlich und enthusiastisch sein. Heißt es doch Jauchzet, frohlocket… . ganz so kam es bei uns im F-Block dann aber nicht an. Ein wenig gelangweilt und emotionslos ging es los und die wichtigte Hochstimmung ließ ein wenig auf sich waren. Korrekt aber ein wenig fade, trotz sichtlicher Versuche von Etta Hilsberg, ein wenig Schwung in diese schöne Kantate zu bekommen.

Erst beim darauf folgenden Magnificat haben Chor und Orchester dann doch noch beweisen dürfen, dass sie auch anders können. Nach der Pause, ging es weiter mit Teil VI, dem Epiphaniasfest, und hier zeigten die Solisten ihr Können!

Sehr gut die Alt-Sängerin Seda Amir-Karayan (sie hat auch schon bei einem warmen « Bereite dich, Zion ») gefallen und ihr Landsmann, der armenische Tenor Karo Khachatryan. Er ist ein überzeugender Evangelist und hat vor allem im letzten Teil bella figura gemacht. Die Sopranistin war Esther Hilsberg; Bariton der Berliner Sebastian Bluth.

Etta Hilsberg hat den Laienchor 1985 gegründet. Sie ist auch Dirigentin und Managerin der Camerata vocale Berlin.  Mittlerweile spielt der Chor – gerade was die Aufführung von Oratorien angeht – eine sehr bedeutende Rolle im Berliner Chorleben und tritt regelmäßig in der Philharmonie oder im Konzerthaus auf.  Ihr Repertoire geht von Vivaldi, Bach und Händel über Beethoven zu Brahms, Puccini  und Mendelssohn Bartholdy. Das ist bemerkenswert. Begleitet wurde der Chor vom Neuen Kammerorchester Potsdam.

Etta Hilsbergs Energie ist nicht zu bremsen. Bevor die Zuschauer wieder der regnerischen Nacht überlassen wurden, durfte auf Anregung von Etta Hilsberg die Zuhörerschaft noch „Oh Du Fröhliche“ singen – das war auf jeden Fall laut!

Schöner dritter Adventsausklang.
Christa Blenk

 

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Zarzuela – el mundo comedia es!

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In der Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin fand heute Abend die Eröffnung der Ausstellung über die Geschichte der Zarzuela statt.

Zarzuela ist spanisches Musiktheater vom Feinsten. Spitzbubenhafte Komödie, Folklore und populäre Romanzen verbunden mit spritziger Musik, opernähnlichen Arien, Temperament und guten Geschichten. Sie entstand im 19. Jahrhundert und wurde sowohl in Spanien als auch in Südamerika, vor allem in Argentinien, Mexiko aber auch in Kuba mit großem Publikumserfolg aufgeführt.

Über 1600 Exemplare – die zur Zeit digitalisiert werden -  besitzt das Ibero-Amerikanische Institut und hat damit eine einzigartige und einmalige Sammlung über die Zarzuela in Spanien und Übersee. Auf Hör- und Videostationen sind Fragmente von früheren aber auch neueren Produktionen zu hören, gesungen von internationalen Star wie Placido Domingo und Teresa Berganza.

 

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Plakate in der Ausstellung

 

Die Zarzuela entstand im Siglo de Oro, also im 17. Jahrhundert, als höfisches Singspiel in der Nähe von Madrid, im Pardo, wo sich König Philipp IV seinen Palacio de la Zarzuela, ein Jagdschloss, hat errichten lassen. Zarza bedeutet übrigens Dornenbusch. In diesem Schloß also wurden zur Unterhaltung nach der Jagd Komödien aufgeführt. Einer der Schöpfer war der Dichter Calderón de la Barca. Im 19. Jahrhundert entstand das Teatro de la Zarzuela in Madrid. Der Unterhaltungswert und die Popularität waren enorm, bis die italienische Opera buffa und der Film sie ein wenig in den Hintergrund drängten. Chapí, Chueca oder Arrieta sind einige der bekanntesten Komponisten. Im 20. Jahrhundert kehrte die Zarzuela zurück und ihre Wiederentdecker hießen Federico Moreno Torroba, Pablo Luna, Rafael Milán aber auch Granados oder Manuel de Falla waren sich nicht zu schade, sich diesem Musikgendre zu widmen. Der Bürgerkrieg war keine Zeit für Musik und es trat eine zweite Zarzuela-Flaute ein. Allerdings fanden  noch in den 80er und 90er Jahren in Madrid jeden Sommer in der La Corrala im Zentrum von Madrid Aufführungen der bekanntesten Zarzuelas statt. Man saß an Tischen mit Tortilla de Patata und Corizo und Apfelwein. Anlässlich der 500 Jahrfeiern der Entdeckung Amerikas boomte die Zarzuela ein zweites Mal.

 

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Carmen Celada – La Gran Via und La Revoltosa begleitet von Nikos Tsiachris

 

Bis zum 31. Januar können die informativen und originellen Plakate und die Zarzuela-Geschichte noch im IAI besucht werden; allerdings ohne den schönen Gesang der hinreißenden Sängerin, Carmen Celada, una castiza de Madrid, die am Eröffnungsabend, begleitet auf der Gitarre von Nikos Tsiachris, Kostproben ihrer Lieblingszarzuelas zum Besten ab:  « La Gran Via » oder « La Revoltosa ». Diese beiden Zarzuelas habe ich in den 80er Jahren in Madrid in den Sommeraufführungen der « Corrala » gesehen. Carmen Celada erzählte nach der Aufführung, dass sie als Kind zum ersten Mal in Madrid in « La Revoltosa » aufgetreten ist. Vielleicht haben wir sie ja bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal gesehen.

Carmen Celada ist Spanierin und hat bei ihrem Vater, dem Dirigenten Luis Celada, wie gesagt schon als Kind Zarzuela-Partien gesungen. Sie ist eine Vertreterin des spanischen und deutschen Kunstliedes und war Mitglied im Chor Capilla matritense. Seit sieben Jahren lebt sich in Berlin. Zu ihrem Repertoire gehören auch Jazz und Klassik.

Nikos Tsiachris ist in Griechenland geboren. Er wohnt seit 2005 in Berlin spielt Flamenco, Fado, Klezmer. Seine Diplomarbeit hat den schönen Titel „Die Traditionellen Lieder des Flamenco, Registrierung und Kommentare von 23 Liedern“. 2012 hat er die Flamenco-Jazz Quartett Rasgueo gegründet.

 

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Organisiert wurde die Ausstellung durch das Ibero-Amerikanische Institut – Preußischer Kulturbesitz. Kuratiert hat sie Stephanie von Schmädel, die auch eine kleine Einführung in die Geschichte der Zarzuela gab.

 

Christa Blenk

 

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