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Dmitri Schostakowitsch – Die Nase – HOC

Dmitri Schostakowitsch - Die Nase - HOC dans Musique gi-150x150 artista: Gilles Ghez

Die « Nase » in einer Inszenierung von Peter Stein am Teatro dell’Opera di Roma. Witzig, verrückt, genial  und farbenfroh konstruktivistisch.

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch (1906-1975) hat 6 Opern geschrieben. Eine davon ist « Die Nase » (1926) nach einer surrealistischen  Novelle von « Gogol », der diese 90 Jahre (1836) vorher geschrieben hatte. « NOS » (Nase) heisst umgekehrt « SON » (Traum).  Es ist eine Satire aus der Beamtenwelt über die Absurditäten und die Inkompetenz des Verwaltungsapparates in der Zeit von Zar Nikolaus II. Fast 100 Jahre später  beunruhigte das Stück aber immer noch die Behörden. Erst 1974 tauchte « die Nase » dann wieder auf und wurde in Moskau aufgeführt. In Rom stand die Oper  zum letzten Mal 1967 auf dem Programm.

In den post-revolutionären Jahren wurden in Leningrad Komponisten wie Strauss, Berg, Hindemith, Milhaud oder Krenek aufgeführt. Schostakowitsch kannte also  die sog. expressionistische Musik und setzte sich mit ihr und  allen anderen  Bewegungen des beginnenden 20. Jahrhunderts,  Surrelismus, Dadaismus, Symbolismus, Futurismus, Modernismus und atonaler Musik auseinander. In der « Nase » kämpfen Melodie und Konvention gegen Disharmonie und Erneuerung.  Schon  als junger Mann hatte er großen Erfolg in Rußland, dann ist er, der Hymnenschreiber, der geschickt Spott und Kritik in seinen Auftragswerken versteckte,  für das Regime Stalin  mit « Lady Macbeth von Mzensk »  in Ungnade gefallen. Stalin bezeichnete seine Musik als Chaos.  Prokofiew, Strawiskny und Mahler waren seine Vorbilder. Seinen ersten großen Erfolg hatte er, knapp 20-jährig, mit seiner 1. Symphonie in F-Moll.

Ende der 20er Jahre  begann er mit seiner « Nase ». Dieses chaotische, turbulente und gewitzt-freche und dadaistische Jungwerk, uraufgeführt 1930 in Leningrad, wurde allerdings nach nur 15 Aufführungen abgesetzt. So richtig geschafft hat es die Nase nie, ist  aber in den letzten Jahren fester Bestandteil im Repertoire aller großen Opernhäuser geworden. Ligety allerdings war sofort voller Bewunderung für das Werk und Gottfried Blumenstein bezeichnet die Oper als „apokalyptischen Soundtrack zum 20. Jahrhundert“. Die Aufführung in Rom ist eine Produktion des Opernhauses Zürich und wurde dort 2011 mit großem Erfolg (Peter Stein und Ingo Metzmacher waren das sog. « Dream Team ») aufgeführt. Peter Stein hat sich bei seiner recht konventionellen aber genialen Inszenierung  an die russischen Konstruktivisten, an die deutschen Expressionisten sowie an die Ästhetik der 20er Jahre (« Modern Times ») gehalten. Manche Szenen waren wie ein Gemälde von El Lissitzky oder Moholy Nagy! Besuch einer Ausstellung. Die Kostüme kamen zum einen aus der Gogol-Zeit (Biedermeier)  und waren dann wieder angelehnt an die 30er Jahre. Eine sehr gelungene  Inszenierung in 16 Bildern, der die Musik – am Pult Alejo Perez – wunderbar folgen konnte. Alle waren wir natürlich auf das erste Perkussionssolo gespannt und wurden dann auch nicht enttäuscht. Es gibt eigentlich nur eine wirkliche Hauptrolle (der Mayor war der Brasilianer Paulo Szot – er hat die Rolle auch schon an der MET gesungen), ansonsten war da noch sein Lakai (Ivan war Alexander Teliga) und ein großes Aufgebot an Sängern und Tänzern, aber eher alles kleine Rollen. Sie haben sich alle sehr gut durch das Stück gehandelt. Die Kutschenszene war ein wenig zu lang und zu langweilig.

Zur Handlung: Eines morgens beim Aufwachen ist die Nase des Petersburger Mayors Platon  Kowaljow verschwunden. Zeitgleich (das Publikum sieht zwei Bilder – dieses sollte sich dann noch ein paarmal im Laufe des Abends wiederholen) taucht sie im Brot seines Frisörs auf, der sie ganz schnell – auf Anraten seiner Frau, die nicht beschuldigt werden will –  unter großen Mühen und mit viel Nervenaufreibung schließlich in die Newa wirft. Eine sehr gelungene Szene in der der Barbier kilometerweit laufen muss, bis sich eine Gelegenheit bietet, das Corpus Delicti wegzuwerfen. Ständig kommen Leute, auch Bekannte, vorbei.  Dann geht die Suche und das Chaos los. Der Mayer ist untröstlich, eine Hand, einen Fuß, einen Zeh hätte man verlieren können, aber ohne Nase ist man Niemand! Er ist seiner Personalität beraubt worden. Der gesamte inkompetente Polizeiapparat sowie die Presse (aber ohne großes Engagement – man will ja seinen Ruf nicht verlieren, wenn man so eine absurde Geschichte veröffentlicht)  sind auf der Suche, es kommt zu vielen Mißverständnissen und witzigen Situationen, Prügeleien und Hochzeitsversprechen,  bis dann die Nase, die sich zwischendurch als hoher Staatsbeamter selbständig gemacht hat, wieder ihre normale Form annimmt und der Assessor aufwacht. Vorher hat er aber noch große Probleme, die Nase wieder an seinen richtigen Platz zu bringen. Selbst der herbeigerufene  Arzt kann es nicht und rät ihm, sie in Vodka zu konservieren.

Gogol hat mit seiner Erzählung das Absurde mit dem Täglichen verbunden, seinem Weltverständnis und dem seiner Zeit zufolge. Magie und Hexen in Verbindung mit dem Teufel bewegen uns. Mit dem Verlust seiner Nase verliert  K. seine Persönlichkeit. Ist es Traum oder Wirklichkeit. So plötzlich wie sie verschwunden war, taucht sie wieder auf und alles ist gut. Die Art und Weise  wie er der Mutter und der verschmähten Tochter eine „lange Nase“ macht zeigt, dass er nichts aus der Lektion gelernt hat.

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Am Pult glänzte der junge argentinische  Dirigent Alejo Pérez, dem das Orchester der Oper Rom perfekt bis zum Schluss folgte. Die Musik des 19./20. Jahrhunderts liegt ihm. Von 2009 bis 2012 war er musikalischer Leiter des Teatro Argentino de La Plata dem bedeutendsten Opernhaus Argentiniens nach dem Teatro Colón. Dort hat er mit großem Erfolg u.a. auch Schostakowitsch‘ Lady Macbeth von Mzensk, Bizets Carmen sowie  Wagners Tristan und Isolde und Das Rheingold dirigiert. Wagners Rienzi war  2012 in Madrid dran, dorthin hat ihn Gerard Mortier geholt. Mit Peter Eötvös’ „Lady Sarashina“  feierte er  2009 an der Opera Comique in Paris einen großen Erfolg.

Gogel oder Schostakowitsch kritisieren so ungefähr alles was man am Staat und an den Menschen  kritisieren kann. Unfähigkeit, Gleichgültigkeit, Inkompetenz, Faulheit, Bestechlichkeit, Sensationslust, Gier, Trägheit. Alle lassen sich wiederfinden.

Er war ein harter Arbeiter und hat noch 4 Tage vor seinem Tod Korrekturen an seinen Werken vorgenommen. Am 9. August 1975 ist Schostakowitsch an einem  Herzinfarkt gestorben. Sein Grab schmückte u.a. auch ein Kranz des KGB.

Christa Blenk

Teatro dell’Opera di Roma – 31.1.2013

Nachklapp: An der Garderobe und am Programmstand wurden dann Hustenbonbons verteilt (schließlich ist Hustenzeit- die Idee an sich ist ja nicht schlecht!), diese waren aber leider sehr gut – jeweils zwei  - in kleinen Tüten verpackt.  D.h. es gab dann Husten und Papierrascheln, weil die Huster die kleinen Tütchen nur mit Mühe (oder gar nicht)  aufkriegten und dieser  Zustand Nervosität beim Huster verursachte und diese wiederum weiteres Husten! 

 

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Hugo Wolf in Santa Maria sopra Minerva

6. Januar 2013

« Christnacht »  von Hugo Wolf (1860-1903)  und Auszüge aus der Petit Messe Solennelle von Rossini (1792-1868)

Hugo Wolf in Santa Maria sopra Minerva dans Musique sanlorenzo2-012-150x150Street Art (San Lorenzo) Foto: cb

In der römischen Basilika « Santa Maria sopra Minerva » gab es am 6. Januar ein interessantes und ungewöhnliches Konzert. Nicola Samale, Dirigent und Komponist, traute sich an das Oratorium « Christnacht » von Hugo Wolf. Er hat es arrangiert für 2 Flügel, Chor, Tenor und Sopran. Ein Erlebnis, musikalisch und auch optisch, wenn man bedenkt, dass man einen lebensgroßen Christus am Kreuz von Michelangelo vor sich  und  Engel, Fresken, Skulpturen und Gemälde  auf hohem Niveau (z.B. Filippo Lippi, Bernini ) um sich hat. Auf den Ruinen eines angeblichen Minerva-Tempels im 3. Jahrhundert errichtet, wurde die Basilika dann im Jahre 1280 umgebaut und im 16. Jahrhundert vergrößert, wie sich das in Rom so gehört. Die Basilika liegt direkt hinter dem Pantheon und vor ihrem Eingang steht der riesige Bernini-Elefant. (Die Akustik ist allerdings schwierig, was die Interpreten zwang, verstärkt zu singen, ein wenig schade, denn sie waren wirklich gut.)

 Den Anfang machte der Pianist Bruno Canino mit dem Preludio der Petite Messe Solennelle, dann kam die wunderbare Irene Veneziano an den zweiten Flügel, der St. Paul’s Choir (ca. 35 Sänger)  trat hervor und es ging weiter mit dem Kyrie. Der Opern-Tenor Edoardo Milletti sang das Domine Deus und die Soprano Rosanna Savoia (in dicker Jacke aber sehr elegant) das O Salutaris Hostia.

 Den zweiten Teil des Konzertes bildete das Oratorium « Christnacht » von Hugo Wolf (1860-1903). Ein sehr schönes, spätromantisches Stück, ganz wunderbar arrangiert von Maestro Samale und tadellos vorgetragen von den beiden Solisten und vom Chor. Ein schwieriges Werk, wird auch nicht oft aufgeführt, sehr lyrisch aber durchaus Musik des 20. Jahrhunderts. (Exkurs: Es hat mich an einigen Stellen ganz stark an den song von Greg Lake  « I believe in Father Christmas » – die Musik kommt hauptsächlich von Prokovief’s « Lieutenant Kijé – Troika » erinnert, das wir 2011 in Paris  mit unserem Chor Chor Classic ‘n Swing  einstudiert und aufgeführt haben.)

  »Christnacht » ist nach einem Text (« Seraphim »sche Heere »)  von August Graf von Platen komponiert. Wolf hat 1886 damit begonnen, die Uraufführung fand aber erst 1891 in Mannheim statt. Der Mannheimer Generalanzeiger druckte anlässlich der Uraufführung einen Brief an seinen Freund und Gönner, den Mannheimer Juristen und Amateurkomponisten, Oskar Grohe, ab, in dem Wolf sich zu seiner Komposition folgendermassen äussert: « Das Werk wird durch zwei Motive eingeleitet, die in ihrer Durchführung, – anschwellend bis zum höchsten Glanze und wiederum allmählich verklingend – die ganze Introduktion beherrschen. Diese zwei Motive bilden den Kernpunkt der Komposition, die Persönlichkeit Christi, des Kindes und Weltenüberwinders symbolisierend. Einem kindlich schlichten, von Holzbläsern getragenen Gesange: einem wirklichen Volksgesange, den ich bei den in Steiermark üblichen ländlichen naiven Darstellungen der heiligen Nacht selbst als Kind mitgesungen – antwortet das Horn, später die Posaunen in pathetischer Weise. Es ist das Motiv, worauf im Verlaufe des Stückes der Chor der Gläubigen die Worte singt: Preis dem Geborenen bringen wir dar. – Ich betone Gläubigen, weil ich einen Sang der Hirten, nach des Dichters Angabe, mit dem feierlich-pompösen Charakter dieser Stelle nicht für vereinbar hielt …. »

Wer würde ihm dafür nicht Geld geben!

Am Sonntag Abend gab es keine Posaunen oder Blech, deshalb hätte Wolf diese Version wohl nicht befürwortet. Uns hat es begeistert -  vor allem die Leidenschaft, mit der die  Pianisten an das Stück gingen!

 Wolf war ein ehrfürchtiger « Dichter-Komponist », der seine Karriere als gnadenloser Musikkritiker begann. Es gibt eine Reihe von Klavierliedern, die seine große Sensibilität für Lyrik bestätigen.

Hugo Wolf hat einen Teil seines Studiums mit Gustav Mahler verbracht. Schon mit 17 musste er aber das Konservatorium verlassen und war von nun an auf sich gestellt. Er hatte allerdings immer Gönner und Freunde, die ihn mehr schlecht als recht unterstützten. Oft deprimiert und krank starb der sensible Musiker 1903 mit nur 43 Jahren in Wien.

Christa Blenk

Hugo Wolf in italiano

 

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Verdi und Wagner – Rivalitäten und Gemeinsamkeiten

Verdi und Wagner - Rivalitäten und Gemeinsamkeiten dans Musique gill11-150x150  artist: Gilles Ghez – « à la poursuite de la Gloire » (auf der Jagd nach Ruhm)

Geboren sind sie beide im Jahre 1813 (der eine, Wagner, im Mai, der andere, Verdi, im Oktober).

In Europa wütet Krieg, Napoleon marschiert nach Rußland, Preußen erklärt Frankreich den Krieg bis dann später – im Oktober – die Leipziger Schlacht die große Vorherrschaft der Franzosen beendet. Rossini feiert mit « Tancredi »  seinen ersten großen Erfolg und Luigi Cherubini triumpfiert in Paris mit « Les Abencérages » (ganz im Trend der Spanien-Mode). Es ist übrigens auch das Geburtsjahr von Hebbel und Büchner und das Todesjahr des Dichters Wieland. Jane Austen schreibt « Pride and Prejudice » und Goethe den « Totentanz ». Dänemark erklärt Staatsbankrott und der Brite Davy  erfindet den « Lichtbogen ». Ein wichtiges Jahr, das Geburtsjahr der beiden! Aber weder Deutsche noch Italiener haben eine Vorstellung von ihrer jeweiligen Nation und Leipzig schaut viel mehr nach Italien als nach Berlin und spricht weiterhin französisch und italienisch.

In dieses Länder-, Dialekt- und Sprachendurcheinander werden die beiden also hineingeboren, Wagner in Leipzig und Verdi im Herzogtum Parma.

Vom Süden bis in den Norden ist Musik die einzig gemeinsame Sprache – sie versteht jeder. Italien ist die « musikalische » Weltmacht schlechthin, Cherubini arbeitet in Paris, Spontini in Berlin, Vivaldi in Wien etc.

Im Geburtsjahr von Verdi ist Busseto (Herzogtum Parma), noch französisch (man sagt, dass er jahrelang sein Geburtsjahr mit 1814 angab, um nicht Franzose zu sein). Während Verdi sehr schnell viel Erfolg hat und ziemlich gut verdient, ist Wagner ständig auf der Flucht u.a. auch vor Gläubigern.

Treffen tun die beiden sich nie – was aber durchaus möglich gewesen wäre, da sie sich desöfteren fast am gleichen Orten zur gleichen Zeit aufhalten. Beide reisen nicht wenig durch Europa, vor allem nach Paris und Venedig. Wagner ist zwischen 1839 und 1867 zehn mal nach Paris gereist (manchmal nur sehr kurz aber einmal ist er drei Jahre geblieben). Paris war der Brennpunkt des Musiklebens der ganzen Welt. Ohne Paris ging gar nichts.

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Während die Pariser den Italiener feiern, fällt Wagners « Tannhäuser » bei der Premiere durch (und setzt das Stück nach 4-5 Aufführungen ab). Seine Eitelkeit und auch sein Perfektionismus verbieten es ihm, den obligatorischen  Ballet-Akt um 22.00 Uhr einzubauen (im zweiten Akt – so gerade nach dem Abendessen, wenn dann die Mitglieder des bourgoisen « Jockey Club » die Oper betreten um nette Balletmädchen zu sehen), dafür baut Wagner schon im ersten Akt eine Balleteinlage ein und sorgt auch noch dafür, dass der Club davon erfährt. Tödlich für ihn, denn der Jockey Club rächt sich bitterlich und die Oper wird ausgepfiffen und ein « Reinfall » – aber nur oberflächlich. In den kultivierten Kreisen (zu dem der Jockey Club sicher nicht gehört) hat er schon einen Ruf. Jacques-Gabriel Prod’homme weist in seinem Aufsatz « Le Wagnérisme en France » auf eine Erwähnung in der « Revue musicale de Paris » vom 25. Mai 1833 hin: « Leipzick: Les nouveautés les plus importantes qui ont été entendues dans les concerts des souscription sont: …. et une symphonie par M. Richard Wagner, dans laquelle on a trouvé un mérite remarquable, quoique l’auteur soit à peine âgé de vingt ans » (sonst ist er auch schon mal Robert Wagner, M. Wagener  genannt worden). Trotz dieser Niederlage gilt das Jahr des Tannhäuser-Skandals, 1861, als die Geburtsstunde des « Wagnérisme ». Auf der einen Seite wurden seine Aufführungen boykottiert, während auf der anderen die Wagner-Euphorie ständig wuchs.

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Eitel ist Verdi auch, eher ein Tiefstapler, er liebt es, sich in schöne Stoffe zu kleiden und in guten Restaurants zu essen, besteht aber immer darauf, ein Mann aus dem Volk zu sein und es auch bleiben zu wollen. Mit nur 55 kauft er sich ein großes Landgut in der Region Parma. Sein Mitmischen in der Politik ist allerdings oberflächlicher, angepasster, obwohl er auch mit Mazzini kokettiert (er lässt sich sogar eine Vollbart wachsen) und in Italien Mitte des 18. Jahrhunderts auch die Hölle los ist. Beide sind ganz erpicht darauf,  in allen aktuellen und angebrachten Salons in Paris zu verkehren. Gerade die Niederlage seines « Tannhäusers » in Paris 1861 macht Wagner aber interessant. Während er, als Intellektueller, als visionärer Komponist, Sozialreformer und denkender Dramaturg stigmatisiert wird, ist Verdi der Gassenhauer-Komponist, ein Massenproduzent, geliebt von der Masse, belächelt von den Intellektuellen. Er steckt fest und fühlt sich – jedenfalls am Anfang – ganz wohl dabei. Und obwohl Verdi angeblich nie eine Note von Wagner gelesen hat – beide vertreten den Standpunkt, dass Opern nicht über das Lesen oder das Studium verstanden werden können sondern nur über Augen (Inszenierung) und Ohren (Klang) – wird ihm unterstellt, dass sein « Don Carlos » Wagnermusik ist. Bizet sagte sogar, « Verdi sei nun kein Italiener mehr – er mache Wagner »! Giuseppe Mazzini wiederum dürfte das freuen, er ist für die Vereinigung der individualisierten italienischen Melodie mit der systematischen Harmonie (das spätere Leitmotif) der Deutschen (Straub). Ganz im Sinne von Overbecks deutsch-römischen Allegorie von 1828! Mazzini ist ein echter Rossini-Gegner. Mozart (vor allem Don Giovanni) hingegen sieht er als Vorläufer dieser Vereinigung. Dieses hat er gemein mit Verdi und Wagner, die beide diese Oper ebenfalls sehr bewundern und beide Mozart als ihre wichtigsten Vorgänger betrachten. Wagner interessiert sich auch für Mazzini, der, wie er, ein Europäer ist. Der erste musikalische Europäer allerdings ist dann Meyerbeer, er vereint deutsche, italienische und französische Tendenzen meisterhaft, Wagner und Verdi erkennen das auch und bewundern (mit Neid) ihn dafür. Sie wollen es ihm gleich tun und europäische Musik schaffen. (Wagner mehr als Verdi).

Wagner kennt sich gut bei den italienischen Dichtern wie Dante und Ariost aus, während Verdi leidenschaftlich Schiller in Übersetzung liest, Grillparzer mag und Schlegels Vorlesungen zum Europäischen Theater kennt. Und während Wagner Italien bereist (er liebt im Gegensatz zu Verdi Sizilien), reist Verdi nach Wien, besucht Berlin und Köln. Beide halten sich öfter in Paris auf, eben weil sich beide als Weltbürger sehen. Verdi verlegt einige seiner Opern sogar nach Deutschland, während Wagner eher nach Märchen und Mythen sucht. Beide trachten nach der reinen, nackten Darstellung. Beide streben im Einverständnis mit Schiller nach einem Drama, das Vergnügen mit Unterricht, Ruhe mit Anstrengung und Kurzweil mit Bildung zusammenbringt (sagt Straub). Das Ziel dieser dramatischen Kunst war erreicht, « wenn Menschen aus allen Kreisen und Zonen und Ständen, abgeworfen jede Fessel der Künstelei und der Mode, herausgerissen aus jedem Drange des Schicksals durch eine allwebende Sympathie verbrüdert, in ein Geschlecht wieder aufgelöst ihrer selbst und der Welt vergessen und ihrem himmlichen Ursprung sich nähern. Jeder Einzelne geniesst die Entzückungen aller, die verstärkt und verschönert aus hundert Augen auf ihn zurückfallen und seine Brust gibt jetzt nur einer Empfindung Raum – es ist diese: ein Mensch zu sein ».

Verdi verteidigt die konventionelle Art Musik zu schreiben, 1871 scheibt er « Kehren wir zu den Alten zurück » fast so wie Wagner in seinem Meistersinger « Verachtet mir die Meister nicht ». Und wenn man bedenkt, dass alle wichtigen Opernhäuser um 1840 österreichisch sind – Mailand, Venedig, Triest und Wien, dann hat er spätestens mit dem Bibel-Freiheits-Epos Nabucco sein Ziel erreicht. Ein voller Erfolg auf der ganzen Linie, ohne « political incorrect » zu sein. Der Orient ist sowieso seit Napoleon und Ägypten in Mode (man sagt, dass sogar die Bauarbeiter bei den Proben aufgehört haben zu arbeiten, als der Chor das « Va pensiero » gesungen hat).

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Mit der Eröffnung der Bayreuther Festspiele 1876 hat es dann Wagner auch endgültig geschafft, seinen Werken einen festen Platz in den europäischen und amerikanischen Opernhäusern zu sichern. Wagner ist sein Leben lang auf Verdi eifersüchtig – finanziell wenigstens  – obwohl Verdi in jungen Jahren sehr auf die Unterstützung seines Gönners und Schwiegervaters angewiesen war, während dieser vor Neid fast platzt, wenn er an Wagners intellektuellen Stellenwert denkt. Als er von Wagners Tod erfährt, hat er auch nichts besseres als « Traurig, traurig, traurig » zu sagen – sehr öffentlichkeitswirksam allerdings.

Verdis Eltern sind Kleinbürger, die aber seine Begabung rasch erkennen und sich seine Ausbildung etwas kosten lassen. Er lernt Latein und bekommt Privatunterricht, was ihn sehr schnell vom Bauer wegbringt, er kokettiert allerdings sein Leben lang damit. Er legt sich im Laufe seines Lebens eine große Bildung zu, aber kommt nie auf den Stand von Wagner, dessen Eltern « Bildungsbürger » sind, zum Teil mit akademischem Hintergrund und – für Wagner sehr wichtig – sein Onkel Adolf aus Leipzig. Dieser Theologe und Philosoph, spricht fünf Sprachen, kennt sich in Kunst und Literatur aus.Von ihm erfährt Wagner über Dante, Tasso, Goldoni und Calderón und das Theater. So kommt er auch zur Mythologie, die sein Werk ganz einschneidend prägen soll. Wagner kommt über das Theater zur Musik und hatte als Dirigent gar keinen so schlechten Ruf; Verdi ist eher  ein mittelmässiger Dirigent aber ein recht guter Organist. Während in Norditalien Mazzini & Co versuchen, die Welt zu ändern, kommt Wagner 1830 – das Jahr der Juli Revolution – durch seinen Onkel wiederum, zur Politik und beteiligt sich an diversen Demonstrationen der Studenten. Leipzigs Universität zählt zu den besten in Deutschland, das Gewandhausorchester gibt es schon und über 30% aller deutschen Bücher werden in Leipzig verlegt. Wagner schreibt für die « Neue Zeitschrift für Musik », die eine der besten in Europa ist (hier kann man auch schon Kritiken über Verdis erste Oper lesen) und die Oper in Dresden ist so gut wie Wien oder Mailand. Der Perfektionist Wagner erträgt es nicht, wenn Sänger nicht « verständlich » sprechen oder singen. Gerade das aber verschafft ihm schon einen Ruf als Dirigent, bevor er etwas komponiert.  « Die Feen » entsteht 1834, das « Liebesverbot » 1836; zu diesem Zeitpunkt hat Verdi noch nichts geschaffen. Seine erste Oper « Oberto » entsteht 1839. Allerdings werden beide Opern von Wagner abgelehnt und so gut wie nie aufgeführt. Dabei lernt er Minna Planer kennen, die mit ihm nach Paris geht. Dort entsteht 1842 « Rienzi », die Oper aber erst bei seiner widerwilligen Rückkehr nach Dresden aufgeführt werden wird. « Ich habe keine Vorliebe in geographischer Hinsicht, und mein Vaterland, seine schönen Hügelketten, Täler und Wälder beiseite gestellt, ist mir sogar zuwider. Das ist ein verfluchtes Volk, diese Sachsen – schmierig, plump, faul und grob – was habe ich mit Ihnen zu tun ». Nachdem er 1843 zum Hofkapellmeister auf Lebenszeit ernannt wird, sieht er es als seine Verpflichtung an, Dresden auf Pariser Niveau zu bringen. Der « fliegende Holländer » (1843 uraufgeführt) sollte den Anfang machen. Die Geschichte dazu entdeckt er durch Heine in Paris und angereichert wird sie mit allen möglichen Ideen und Übersetzungen seines Onkels. Tannhäuser kommt dann 1845. Verdi bringt ab 1839 so gut wie jedes Jahr eine Oper heraus (Nabucco, Hernani, Due Foscari etc.). Verdi geht 1847 nach Paris und stürzt sich gleich in die PR Arbeit – unterstützt von seiner Geliebten, der Sängerin Giuseppina Strepponi (die sich als Gesanglehrerin schnell in die französische Gesellschaft eingliedert) – und auf Meyerbeer, den er unbedingt übertrumpfen will. Paris ist die wichtigste Musikstadt in Europa und Verdi muss sich anpassen, genauer werden, perfekter. (Das europaweite Revolutionsjahr 1848 steht vor der Tür, das scheint aber das Musikgeschehen nicht weiter zu stören). Wieder zurück in Italien, erobert er dann mit « Rigoletto », « Il Trovatore » und « La Traviata » die europäischen Bühnen und « Les vêpres siciliennes » wird sogar die Eröffnungsoper der Weltausstellung in Paris 1855. Damit ist nun Meyerbeer endgültig von seinem Platz verdrängt.

gilles4-150x150 artist: Gilles Ghez

Wagner muss 1849 nach Zürich fliehen und bekommt in Deutschland keinen Fuß mehr auf die Beine. Auch er strebt nach Paris. Paris und Frankreich haben es ihm wirklich angetan (er sagt  sogar schon die deutsch-französische Freundschaft vorher). Meyerbeer ist auch sein Dorn im Auge und Verdi tummelt sich ebenfalls dort. London, das auch noch in Frage kommt, da die Engländer seit Händel ganz versessen auf deutsche Komponisten sind, wird von Mendelssohn beherrscht. Wagner reist dann schließlich nach Italien wo er mit der Arbeit am « Rheingold » beginnt. Man kann sich vorstellen, wie wütend ihn Verdis Erfolg in Paris macht. Zürich liegt ihm gar nicht und deshalb entschließt er sich 1852 ganz nach Paris auszuwandern. Ab 1859 schafft er es dann auch, dort Fuß zu fassen und darf in der « belle société » mitmischen. Der französische « Wagnerisme » entsteht als geistig-ästhetische Bewegung. Ab 1860 erscheinen « Der fliegende Holländer » und « Tristan » auch auf französisch. Dennoch kommt es dann zum Tannhäuser-Skandal, der eher ein politisch-gesellschaftlicher Skandal ist, und ihn endgültig – wenigstens in Frankreich – berühmt macht. Der « Tristan » wird aber trotzdem vorerst nicht aufgeführt (das passiert dann erst Anfang des 20. Jahrhunderts).

Wagner muss wieder weg nach langem Hin- und Her (Berlin ist ihm verhasst und Meyerbeer-treu; Leipzig und Dresden findet er provinziell, Zürich langweilt ihn und in Italien ist man Verdi ergeben) also geht er nach Wien, damals musikalisch zwar auch voll in italienischer Hand, aber erstmal kein Konkurret in Sicht. Ab 1857 werden dann dort auch seine Werke (« Lohengrin » und « Tannhäuser ») aufgeführt. Die Wiener zeigen  Berlin damit,dass man in Wien doch liberaler als in Deutschland ist. In Wien trifft er auch auf den Kritiker Eduard Hanslick, von dem er aber absolut nichts wissen will. Er war – darin wie Verdi – überzeugt davon, dass nicht die Kritik, sondern das Publikum über den Erfolg entscheide. Eine Anekdote erzählt, dass Verdi einen Musikkritiker ein wenig aus dem Trovatore vorgespielt hat und dieser das ganz schrecklich fand, Verdi war darüber sehr glücklich « vielen herzlichen Dank, ich habe eine Oper für die Menschen von Italien scheiben wollen, wenn Sie sie, ein angesehener und vornehmer Kritiker, diese Oper gemocht hätten, hätte sie wahrscheinlich niemand anderem gefallen. Aber weil Sie sie nicht mögen, wird der Rest der Welt von ihr begeistert sein ».

dscf1247.vignetteVon Wien aus reist er immer öfter nach Italien und Venedig. Verdi komponiert weiterhin fast jedes Jahr eine Oper. 1864 muss er wieder mal – aus finanziellen Gründen – Wien ganz schnell verlassen und kommt so nach München zu Ludwig II. Seine Geldprobleme sind damit erstmals gelöst, seine sozialen nicht. Die Münchner verurteilen ihn wegen seines Verhältnisses zu Cosima von Bülow. Sie hat damit kein Problem und tritt selbstbewusst als seine Managerin auf. Auch Verdi Geliebte, die ehemalige Sängerin und Lehrerin, kümmert sich um sein gesellschaftliches Leben und führt ihm ihre Gesangsschülerinnen aus der besseren Gesellschaft zu. 1865 muss er aber schon wieder weg und geht diesmal nach Luzern. Während Verdi seit 1861 eine internationale Berühmtheit (man sagt, dass Briefe nur mit der Angabe  « Maestro Verdi Italien » bei ihm ankamen) erringt, 1861 sogar in die Politik geht und den « Maskenball », « Don Carlos » und die « Macht des Schicksals » komponiert, arbeitet Wagner unermüdlich an seinem « Tristan », der 1865 in München einen großen Erfolg erlangt, sowie an den « Meistersingern » und am « Ring ». Eduard Hanslick beschreibt sie dann 1870 als « ein denkwürdiges Kunsterlebnis, wenn auch keines von jenen, deren edler Schönheitssegen uns beglückend und läuternd durchs Leben begleitet. Ihm fehle die Melodie, die ihm ein melodiespinnendes Orchester nicht ersetzen könne, die Melodie der Singstimme war jederzeit in der Konzeption des Tondichters das Erste und Bestimmende. Diese Regel stürze Wagner mit seinem Experiment um, einer interessanten musikalischen Abnormität. Als Regel gedacht, würde sie das Ende der Musik bedeuten« . Mit Verdi ist er aber nicht gnädiger. Über den Ernani schreibt er « Massen von Stimmen, die wild mitsammen schreien, Massen von Instrumenten, die dazu hämmern, blasen, pfeifen, schnarren ..(..) Massen von Rhythmen ohne Zweck, von Tonarten ohne Verbindung, von Figuren ohne Bedeutung – kurz, Massen von dem, was der schlechte Geschmack irregeführt anbetet ». « Verdis roher Ungeschmack, er verstehe nichts vom Gesang » (etc).

gilles1-150x150 artist: Gilles Ghez

So gesehen haben Verdi und Wagner recht, nichts auf die Kritiker zu geben. Wagners Feinde sind deshalb aber längst nicht Verdis Freunde oder umgekehrt! 1875 triumphierte Verdi mit « Aida » auch in Wien. Dort sieht er auch den « Tannhäuser », aber einen nicht von Wagner einstudierten und Wagner hört Verdis « Requiem » von Hans Richter dirigiert. Cosima urteilt: « worüber nicht zu sprechen, entschieden das Beste ist ». So werden also Wagner und Verdi Ehrenmitglieder der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde und bilden eine Zweierherrschaft in der Österreich-ungarischen Zweiermonarchie. Verdi reist aber kein zweites Mal nach Wien – aus Angst, dort auf Wagner zu treffen. Er hält sich lieber an Paris. Wagner wird dafür Ehrenbürger von Bologna und schreibt am « Parsifal ». Verdi reagiert mit Unwohlsein auf den Zuspruch, den Wagner in Italien findet und wird von seinem Publikum nicht verstanden, die weiterhin Rigolettos und Aidas wollen und ihm vorwerfen, Musik wie Wagner zu schreiben, weil auch er nicht mehr ausschließlich Melodien komponieren wollte. 1871 hörte er sich in Bologna den « Lohengrin » an – ganz im Hintergrund ohne aufzufallen – notiert er sich auf seinem Klavierauszug zum ersten Akt « zu laut, unverständlich, schön, doch schwer erträglich wegen der ständigen hohen Noten der Violinen, hässlich, schlecht, schlecht gesungen ». Er findet die Oper schleppend und langweilig. Sein « Requiem » allerdings findet überall in Deutschland großen Beifall und wird dort häufiger als in Italien aufgeführt.

Ins Kino haben es die beiden auch geschafft (zum 100. Geburtstag gab es z.B. zwei Stumm- Filmveranstaltungen in Bielefeld:  den « Fliegenden Holländer » und « Aida »). Francis Ford Coppola hat in seinem Vietnam Blogbuster « Apocalypse Now » den Walkürenritt auch allen Nicht-Wagnerianern nahegebracht und die Marx Brothers haben den « Trovatore » zu ihrem Markenzeichen gemacht.

Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden: Wagner rief 1876  sein eigenes Festspiel in Bayreuth ins Leben, mit dem Streben, Aufführungen ganz nach seinem Willen zu produzieren. Er komponiert die Musik und bestimmt, wer welches Kostüm trägt und wann wer sich wohin bewegen darf. Minutiös.Verdi versuchte auch im Opernbetrieb bedingungslos seine Vorstellungen einer Inszenierung durchzusetzen. Beide sind sie sozusagen Theater-Tyrannen – unerträglich wahrscheinlich irgend etwas mit ihnen zu unternehmen.1869 schreibt Verdi an seinen Librettisten Camille du Locle « Sie werden das einigermaßen tyrannisch finden und das ist es auch, aber wenn das ganze Werk aus einem Guss ist, ist es eben nach einer Idee geformt, und alle müssen bestrebt sein, diese Einheit Ereignis werden zu lassen« . Wenn das nicht Wagners Wunsch für Bayreuth ist!

Kurz vor Wagner Tod weilt auch Verdi  in Venedig und beschliesst, ihn zu besuchen. Er kam aber zu spät!

gilles3-150x150 artist: Gilles Ghez

Wagner stirbt im Februar 1883 in Venedig; Verdi im Januar 1901 in Mailand.

Christa Blenk

Dank an Gilles Ghez (Ausstellung « Theater in the Box »)!  (ich bin sicher, Wagner hätte ihn als Bühnenbildner verpflichtet)

siehe dazu auch: Rienzi in der Oper Rom

Die Feen im Theater Regensburg

 

 

 

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Non-concerti di Natale a Roma

Non-concerti di Natale a Roma dans Musique OTZ33-112x150 non-strumento

Es gibt eine Geschichte von Antonio Amurri die heisst « Non-Dramma Casalingo ».  So ungefähr war das gestern Abend.

« Christmas Festival in Rome » nelle chiese e nelle basiliche.

Angekündigt waren vier Konzerte in vier verschiedenen Kirchen. Das Konzert am 20.12. in der Basilica di Santa Sabina all’Aventino war besonders attraktiv:  Nisi Dominus von Antonio Vivaldi (1655-1735). Alle großen Contertenöre wie Andreas Scholl oder Philip Jarousky haben das vorgetragen, deshalb hing die Latte natürlich hoch, die Vorfreude war aber groß.  Das Orchestra di Barocc0 di Roma unter Leitung von Daniele Moroni sollte das wunderbare Werk um 20.30 Uhr aufführen. Vivaldi hat das 20-Minuten Stück  um 1715 geschrieben, zu dieser Zeit hat er noch in Venedig gelebt, später ging der « Rote Priester » (so wurde der ewig kränkelnde Vivaldi wegen seiner Haare genannt), der er damals gar nicht mehr war, dann nach Mantua bevor er 1730 seinen Musikstil änderte und nach Wien ging.

Also rasch auf den Aventin und hoffend, dass es  – wie öfters – eh nicht pünktlich losgeht. Es standen ca. 100 Leute vor dem Tor, ratlos und genervt, weil die Tür noch zu war. Irgendwann hat dann ein Trupp mutiger Melomane gegen die Tür gepoltert bis nach ca. 10 Minuten ein aufgeregter Priester aus dem großen Tor kam und fragte was wir denn hier wollten? « Das Konzert », rief die Meute! « Hier gibt es kein Konzert, oder seht Ihr hier irgendwo ein Orchester? » – schrie der Priester, der der Situation gar nicht gewachsen war, zumal die Angereisten ihm als Kirchenautorität natürlich die Schuld gaben.

« Es stand aber in der Zeitung »,

« ohne Musik gibt es kein Konzert »,

« es war auch im Internet angekündigt »,

« Wir vermieten nur die Kirche, und die hat keiner gemietet »,

« genau wie letzten Sonntag in St. Alessio, da fand es auch nicht statt ».

« Da hat sich jemand einen Scherz erlaubt » – sagt der Pfarrer « Seht  Ihr hier irgendwo Instrumente »?

.. So ging das ca. 5 Minuten, bis dann die Ersten resignierten und sich entfernten. « Buon Natale » wünscht uns dann noch der Kirchenvertreter und verschwand wieder hinter seinem großen Tor.

Non-concerto, non-musicisti, non-orchestra, non-festivale, non-organizzazione!

Corriere della Sera (14/12/2012 – Cultura e tempo libero a Roma) – Bach e Mozart,

La musica è sacra – era un sacro errore?

Christa Blenk

 

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Corelli torna a casa: a Palazzo Pamphilj

Corelli torna a casa: a Palazzo Pamphilj dans Musique guestbook-002-150x150 artista: Antonella Papapiniromani-005-150x150 dans Musique

Splendido e generoso concerto dedicato a Corelli e Händel eseguito dall’ensemble “La Risonanza” all’Ambasciata del Brasile.

Dopo aver traversato la Piazza Navona, entriamo in questo meraviglioso Palazzo costruito nel 1630 in stile tardo rinascimentale. Vi lavorarono artisti come Pietro da Cortona,  che dipinse la lunga galleria progettata da Borromini con le Storie di Enea – fondatore di Roma! Quando i Pamphilij si insediarono nel nuovo edificio in Via del Corso, il palazzo di Piazza Navona fu lasciato all’Accademia Filarmonica Romana.

Arcangelo Corelli, grande compositore e violinista del periodo barocco, nacque nel 1653 e dopo gli studi a Bologna venne accolto nell’Accademia Filarmonica nel 1670 a Roma, dove i cardinali Benedetto Pamphilj e Pietro Ottoboni diventarono i suoi protettori e mecenati. Alcuni dei pezzi di questa sera sono stati composti ed eseguiti in questo palazzo per questa Sala Palestrina.

Georg Friedrich Händel arrivò a Roma nel 1707 e anche lui diventò un protetto del Cardinale Pamphilj.  Nel 1708 Corelli lasciò ogni attività pubblica e scelso una vita appartata, ma conobbe al compositore sassone. Le sue sonate sono magnifiche – noi  ne ascoltiamo tre: La Sonata “La Follia” in re minore e la Sonata in si minore per due violini e basso e un’altra come bis.

Il concerto inizia con  “Ave Regina Caelorum” – un’antifona per soprano, alto, due violini a basso – trascritta per voci da Antonio Tonelli. Tonelli nacque nel 1686 – un anno dopo Händel. Quest’ultimo arrivò a Roma nel 1707 e rimase 4 anni in Italia dove scrisse le cantate italiane tra il 1707 e il 1709 .  Meravigliosamente rappresentata dal soprano Yetzabel Arias Fernández e dall’alto Elena Biscula. Dopo la bellissima sonata in sol maggiore per due violini e basso di Georg Friedrich Händel, segue con la Sonata in si minore per due violini e basso di Corelli. Intelligente scelta, vediamo la differenza della musica dei due compositori: nonostante sia sempre  musica barocca. Corelli più matematico e Händel più moderno, meno prevedibile. Un piccolo aneddoto racconta che Händel e Corelli hanno avuto dei contrasti perché Corelli non era d’accordo con l’influenza della musica francese dal giovane Händel: “Ma, caro Sassone, questa Musica è nel Stilo Francese, di ch’io non m’intendo”, parlando dell’ouverture de “Il Trionfo del Tempo e del Disinganno”.

Yetzabel Arias Fernández ci presenta dopo una cantata di Händel “Notte placida e cheta” – un autentico gioiello. Magnifica cantante, serena, sicura e perfetta. La Risonanza negli ultimi anni si è concentrata sulla musica italiana di Händel. Non si può fare meglio!

handel-150x150corelli-150x150 Händel e Corelli

Applauso continuo meritato.
In seguito la fantastica e famosa Sonata di Corelli “La Follia” , sconvolgentemente eseguita da Carlo Lazzaroni.

Concludono con un’altra trascrizione d’Arcangelo Corelli da Antonio Tonelli. “Tantum ergo III” per soprano, alto, due violini e basso. Che bellezza – e malgrado l’epoca di tosse e una sala gremita non si sente quasi nulla. Da menzionare è anche che i musicisti hanno suonato strumenti antichi meravigliosi.

Standing ovations – bravi – bravissimi!

La Risonanza, fondata nel 1995 da Fabri Bonizzoni, che è anche l’organista e il clavicembalista, venuto a Roma con 4 musicisti della sua orchestra: i violinisti Carlo Lazzaroni e Ana Liz Ojeda, la violoncellista Caterina dell’Agnello e Gabriele Palomba alla tiorba. Tutti bravissimi! Un ensemble eccezionale. Ci sentiamo privilegiati di aver potuto essere presenti questa sera. Grazie mille!

Christa Blenk (con l’aiuto di Fiorella Pavan)

 

 

Zauberei und Mythos

Zauberei und Mythos dans Musique giardino-notturno-della-marchesa-casati-150x150 artista: Cristina Crespo

Mythos und Magie: ein zauberhaftes Konzert in der Aula Magna der Sapienza Universität am 11. Dezember 2012.

Paul Agnew, der seit Jahren schon einen Namen in der Barockmusikwelt hat,  kam mit dem European Union Baroque Orchestra nach Rom – nur für einen Tag. Auf dem Programm standen der  Ballettakt  « Pygmalion » von Jean-Philippe Rameau (1683-1764) und die Semi-Oper « The Fairy Queen » von Henry Purcell (1659-1695). Beide Barockkomponisten waren in ihren jeweiligen Ländern schon zu Lebzeiten sehr berühmt und ihre Musik wurde vor dem jeweiligen  Königshaus aufgeführt. Der Ballett-Tanz-Komponist Ramaeau spielte für Ludwig XIV und der Theater- und Literaturkomponist Purcell für Karl II.

Pygmalion eröffnet. Es ist eine Geschichte aus Ovids Metamorphosen.  Der Bildhauer Pygmalion schafft eine wunderbare Statue, verliebt sich in sie und bringt sie schließlich mit Hilfe von Amor zum Leben. Seine Freundin Cefise fleht ihn – ohne Erfolg – an, sie nicht zu verlassen, dann taucht Amor auf – wie immer – und beglückwünscht ihn zu seinem Werk und sein Vertrauen in ihre Macht,  kümmert sich aber postwendend um einen neuen Liebhaber für Cefise (stumme Rolle).

cristinacrespo-001-150x150 dans MusiqueCristina Crespo

Vier wunderbare Sänger übernehmen alle Rollen. So singt der Tenor Reinoud van Mechelen zuerst den Pygmalion (sehr überzeugend) und dann bei Purcell  das « Geheimnis », « Mopsa » und den « Sommer ». Eine Glanzleistung! Yannis François (Bass-Bariton) hat bei Pygmalion nur eine stumme Rolle und das Publikum kann sich erst bei der « Fairy Queen » als « Schlaf », « Coridon », « Winter » und dem « betrunkenen Poeten » von seiner Vielseitigkeit und seiner wunderbaren Stimme überzeugen. Die schöne Elodie Fonnard darf zuerst die zum Leben erwachende Statue darstellen und wird dann im zweiten Teil zur « Nacht », zum « Frühling » und zur « zweiten Fee ». « Cefise » wird von Rachel Redmond gesungen, die dann auch « Amor » im Pygmalion vorträgt und anschließend wunderbar als « Mysterium », « Herbst » und « erste Fee » weitersingt. Auch als Quartett harmonierten die vier zur Perfektion. Die Szene der Bauernsöhne  Mopsa und Coridon « no, no, no kissing at all » war einfach köstlich. Komisch und fantastisch vorgetragen von den beiden Männern ohne in Kitsch abzugleiten. Die Rolle bzw. der Text der Titania wurde abwechselnd von den Musikerinnen übernommen.

« The Fairy Queen » ist eine anonyme Bearbeitung (angelehnt – denn viele Rollen sind frei erfunden) an die Hochzeits-Verwechslungskomödie über Liebe, Verlieben und Entlieben « Sommernachtstraum » – ein Shakespeare-Klassiker. Es ist wie gesagt eine Semi-Oper und deshalb hat sie eigentlich keinen roten Faden. Man feiert den Geburtstag des Elfenkönigs Oberons und da passiert eben so allerlei, denn seine Frau Titania ist nicht seiner Meinung, dass Liebe Abwechslung braucht. Zauberkräfte spielen ein ganze wichtige Rolle in diesem Stück – sehr in Mode im England des 17. Jahrhunderts.

Das Publikum hat getobt und als Zugabe gab es dann nochmals « Hash » – alle vier!

Christa Blenk

Protégé : Mozart – Maderna – Moderne (Passé – Présent – Futur)

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Orient meets Occident

Orient meets Occident dans Musique guestbook-015-150x150 Fouad Bellamine

Silvia Schiavoni führt die fast ausschließlich jungen und sehr jungen Zuhörer durch zwei spannende Stunden. Von John Cage bis zur armenischen Poesie. Von China nach  Japan und von Bali nach  Indien über die Türkei und Armenien nach Italien. Auszüge aus Aufzeichnungen von Marco Polo werden ganz einfach mit Musik von John Cage und Giacinto Scelsi zusammengebracht; Steve Reich ist beeinflusst von japanischen Rhythmen und der zeitgenössische Chinese Guo Wenjing hat sogar ein Stück (Elegy for soprano and 3 percussions) nur für Sie und Ihre fantastischen Begleiter an den Instrumenten geschrieben. Es gab verschiedene Gong-Größen, eine indianische Orgel (sie hat auch schon den Beatles gedient), Break drums und Schlüsselinstrumente, Rohre und viel Perkussion. Antonio Caggiano mit seiner Truppe – Studenten vom Konservatorium von Frosinone Ars Ludi – waren einfach umwerfend. Die außergewöhnliche und wunderbare Silvia Schiavoni hat genauso perfekt einen Mann der eine Frauenrolle in der Pekingoper singt vorgetragen wie japanische Manga-Parolen. Es gibt nicht viele, die das können – sagte auch der Organisator am Schluss der Veranstaltung. Sie hat mit großer Betroffenheit  über den Genozid in Armenien gesprochen und ein wunderbar berührendes Lied vorgetragen (das aus allen Zeiten hätte stammen können)  sowie über die politische Situation in China. Japanische Kriegstrommeln haben das Konzert eröffnet. Ein musikalischer Beitrag wurde  abgelöst bzw. begleitet von Werken von Poeten wie Ezra Pound, Marco Polo, Tagore und vor allem von Daniel Varujan.

Eine wunderbare Idee – wer immer sie auch hatte – dieser Ciclo Musica Pourparler am 5. Dezember in der Sapienza. Im Endeffekt sind wir uns dann doch ähnlicher als wir denken – jedenfalls wenn es um Noten und Wörter geht!

Christa Blenk

Philip Glass in der Sala Santa Cecilia

Philip Glass in der Sala Santa Cecilia dans Musique SA-1-150x150 Album: Street Art

Romaeuropa feiert den 75. Geburtstag von Philip Glass mit einem Potpourri-Konzert im Auditorium Parco della Musica – Rom 23. November 2012  in  der Sala Santa Cecilia.

Philip Glass: Ist er Filmmusik-Komponist, Minimal-Komponist, New Age Musiker? Oder ordnen wir ihn bei den konventionellen oder seriellen Komponisten ein. Kommerziell – wenn man an die Filmmusik denkt?  Auch nicht! Er ist alles ein wenig und hat vor allem eines: keine Berührungsängste.

Das Konzert an diesem Freitag im Auditorium ist eines der « sicheren » Veranstaltungen des Festival Romaeuropa 2012. Man weiß was kommt und man weiß auch, ob man es mag oder nicht und es passt auch eigentlich gar nicht in das Konzept von Romaeuropa. Wollte man die Werke von  Stravinsky und Arvo Pärt mit den Kompositionen von Glass vergleichen? Gepasst hat es jedenfalls gut und spätestens beim letzten Stück (« Escape from India » aus dem Film Kundun)  hört man sie alle raus – Stravinsky, Pärt, Orff auch. Ich habe sogar Purcell und die « Frost Arie » gehört.  Sehr beeindruckend vom Chor vorgetragen  « De Profundis » von Arvo Pärt (*1935) und die « Vier Bauernlieder » von Stravinsky (1882 – 1971) . Der 1952 komponierte Klassiker « Concertino for 12 instruments »  ist dem Jazz gewidmet und so sind wir wieder bei Glass. Stravinksy ist 1939 von Paris nach USA gereist und dort bis zu seinem Tod geblieben.

Nach der Pause gehört die Bühne Philip Glass.  Wir hören Auszüge aus  « Einstein on the Beach » (Knee Play #1 und Knee Play #5) und aus dem Werk « The Photographer ». Zwischendurch immer wieder Musik fürs Kino – hauptsächlich für Scorsese-Filme.

Philip Glass, 1937 in Baltimore geboren, hat – wie sich das so gehört – an der Juilliard School of Musik in New York und dann bei Nadja Boulanger in Paris studiert.  Er hat eine zeitlang versucht Musik wie Schönberg zu schaffen, sich dann aber lieber Aaron Copland zugewandt, um dann einen eigenen, neuen Weg zu gehen.  Ausschlaggebend aber war ein Zusammentreffen mit Ravi Shankar, er begegnete ihm 1965 in Paris. Glass fertigte die Transkriptionen für seinen Film « Chappaqua « . Die Begegnung war fundamental für das weitere Wirken von Philipp Glass. Er nahm Unterricht bei Ravi Shankar, wurde später Buddhist und stellte sein Zeitverständnis um.

Vendee-april-2012-069-150x150 dans Musique  « Einstein on the Beach » entstand 1976 und war seine erste erfolgreiche Oper. Er arbeitete zum ersten Mal mit Robert Wilson zusammen. Das Werk wurde in Avignon uraufgeführt.  Mit Einstein hat es nichts zu tun und am Strand sind sie auch nicht – Beckett (1906-1989)  war sicherlich auch in seinem Kopf als er « Einstein on the Beach » komponierte – immerhin hat er sein erstes  Werk  für zwei Saxophone nach Becketts « Play » geschrieben. Einstein  dauert 5 Stunden und es passiert sehr wenig. Die Musik besteht nur aus wenigen Themen/Rastern.  Zahlen werden gesungen (one, two, three four …), begleitet von einer elektronischen Orgel und Bass.  Und obwohl es Oper heisst, ist es doch eher ein Happening oder ein Nicht-Happening. 1976 war es sicher radikal und nach Avingnon wurde sehr viel darüber geschrieben.  Leider habe ich das Werk nie gehört oder erlebt!

Im Programm wurde auch sein 1980  komponiertes Werk, die Ghandi Oper « Satyagraha » angekündigt: Ideal und Beharrlichkeit / an Vernunft und Gewissen des Gegners appellieren – Ghandis erstes politisches Prinzip. Die Oper  ist der zweite Teil der  « Portrait »-Trilogie von Philip Glass, bestehend  aus « Einstein on the Beach », « Satyagraha » und « Akhnaten ».  Satyagraha ist viel weicher, meditativer, spiritueller  als « Einstein ». Es spielt ein richtiges Symphonieorchester und richtige Opernsänger – nicht mehr sein Ensemble. Leider wurde es uns aber dann vorenthalten (ich habe aber die Aufführung an der Met – im Kino -  gesehen).  Dafür spielt das Ensemble noch mehr kommerzielle Filmmusik wie « Freezing » oder « Evidence ».  Leider  aber  nicht die Musik für « Koyaanisquatsi »  – mit ihr ist Glass in  der  New Age Ecke gelandet. Na ja!   Hier verließ er das spirituell-minimale. Es ist ein beeindruckend « hysterischer », schneller Film, der nur aus Bild-Fotosequenzen besteht – unterstützt haben Lucas und Coppola. (Koyaanisquatsi kommt aus einer noch existierenden Sprache des nordamerikanischen Indianerstamms der Hopi)

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« The Photographer » – eine Kammeroper, wurde 1982 in Amsterdam uraufgeführt. Sie basiert auf dem Prozess des britischen Fotografen/Künstlers Earweard Muybrigde (Muybridge ermordete den Liebhaber seiner Frau, wurde aber wegen « entschuldbaren Mordes » freigesprochen.) In der Oper werden Prozessauszüge und Ausschnitte aus Briefen seiner Frau verarbeitet. Wir hören daraus « A Gentleman’s honor » und im Hintergrund läuft ein Film mit Muybridges bekanntem Pferd das rennt aber nicht vom Fleck kommt – schön!

Peter Sellars hat einmal über ihn gesagt: „Bei Phil ist es ein bisschen wie bei einer Zugfahrt einmal quer durch Amerika: Wenn Sie aus dem Fenster sehen, scheint sich stundenlang nichts zu verändern, doch wenn Sie genau hinsehen, bemerken Sie, dass sich die Landschaft sehr wohl verändert – langsam, fast unmerklich. »

Am Pult stand Tonino Battista mit seinem  PMCE Parco della Musica Contemporanea Ensemble – er hat das gut gemacht – manchmal hat er das Ensemble zu laut werden lassen  – den Vor-Leser am Klavier während Knee Play #5 hat man sehr schlecht verstanden – aber vielleicht sollte das ja so sein; der Chor Santa Cecilia war wie immer ziemlich gut.

Christa Blenk

 

Refuse the Hour – William Kentridge

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« Undo », « Unsay », « Unsave », « Unremember », « Unhappen »

Kann man der Zeit entkommen? Sie umdrehen? Sie zurücklaufen lassen?

William Kentridge stellt sich und uns diese Fragen und hat deshalb dieses großartige philosophische Opern-Werk zwischen Ballet, Theater, Wissenschaft und Vorlesung, durch das er selber führt, geschaffen.

Während die Zuschauer noch ihre Plätze suchen, kommen die Musiker entspannt und gemütlich auf die Bühne und nehmen ihre Plätze hinter den Instrumenten ein. Blech, Harmonium, Perkussion, Piano, Geige. William Kentridge kommt heraus, wie immer mit schwarzer Hose und weißem Hemd. Er geht zum Pult und wartet bis er dran kommt. Dann geht das Licht aus und es geht los. Über der Bühne hängt ein zerlegtes, mechanisch angetriebenes Schlagzeug. Klöppel, Klänge, Metronome, Es tönt, klackt und schlägt – jedes Gerät in einem anderen Rhythmus und doch zusammen.

Akrisios, der König von Argos, hatte keinen Sohn. Auf die Frage an das Orakel nach einem Erben sagte ihm dieses, dass er durch den Sohn seiner Tochter Danae den Tod finden würde. Daraufhin sperrt der König Danae ein. Nach einer « Begegnung » mit Zeus, der in Form von Goldregen (durch ein Loch im Dach oder durchs Schlüsselloch, so genau weiß man das heute nicht mehr) zur ihr ins Verließ kam, gebar diese einen Sohn, Perseos. Akrisions, der nicht an Wunder glaubte, verdächtigte sofort seinen Bruder Proitos. Der Streit endete blutig. Akrisios setzt beide, Mutter und Sohn, in einen Korb und lässt diesen aufs offene Meer treiben. Die beiden werden aber an die Küste der Insel Seriphos gespült und von Fischern aufgenommen. Perseos wird erwachsen und nach vielen Abenteuern – u.a. enthauptet er die schreckliche Medusa mit Hilfe von Athene, den Flügelschuhen und dem glänzenden Bronzeschild – kehrt er nach Hause zurück. Als er von dem Orakelspruch erfährt beschliesst er, nach Argos zu gehen um seinem Großvater zu versichern, dass dieser vor ihm sicher sei. Akrisios hört, dass Perseos auf dem Weg zu ihm ist und flüchtet – verkleidet als Bettler. Die beiden treffen zufällig in Larisa zusammen, ohne sich natürlich zu erkennen. Perseos nimmt dort an Wettspielen teil, genauer gesagt, am Diskuswerfen. Und weil der Mythos will dass er der Beste ist, trifft seine Scheibe den sehr weit weg stehenden Akrisios und tötet ihn.

Mit dieser Lektüre von Kentridge beginnt die Aufführung. Kentridge, der damals 8 Jahre alt war, saß mit seinem Vater im Zug und dieser erzählte ihm die Geschichte von Danae und Perseos. Er erinnert sich an seine Verzweiflung und seine Fragen « Warum ist Akrisios geflüchtet », « Warum musste er in Larisa anhalten? », « Wieso stand er genau zu diesem Zeitpunkt als Perseos die Diskusscheibe warf, dort wo er stand », « Warum hat er sich als Bettler verkleidet », warum, warum warum! 1000 Fragen. Die Unmöglichkeit, etwas rückgängig zu machen. Er will die Zeit zurückdrehen um Akrisios zu raten, in aller Ruhe zu hause auf seinen Enkel zu warten. Schicksal, unglückliche Zufälle, Vorhersehung!
Die Zeitungen sind voll mit solchen Geschichten!

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Auf der Bühne stehen nun drei Riesenmetronome, die von drei Tänzern/Sängern mit Megaphonen (manchmal umgedreht, d.h. es wird in die große Öffnung gesprochen und die Worte bleiben drin) zum funktionieren angetrieben werden, oder zum Anhalten?. Eine bizarre riesengroße konstruktivstische Holzskulptur erinnert an Charlie Chaplins « Modern Times » und die perpetuelle Bewegung. Im Hintergrund läuft eine Video, in dem eine El Lissizky Skulptur ebenfalls abgehackte und unkontrollierte Bewegungen unternimmt. Wir lesen Slogans wie « Anti-Entropy » und « Give us back our Sun ». Große Uhren stehen auf der Bühne und hängen an der Wand, einige ruhen, die anderen rennen, Filmrollen liegen rum. Zwischendurch Einblendungen von Kentridges ephimeren Kunstwerken. « Undo », « Unsay », « Unsave », « Unremember », « Unhappen. Er meditiert – unterstützt durch die fantastischen Sänger und die wunderbare Dada Masilo – über Takt, Zeit, Raum und Schicksal und stellt sechs verschiedene Entropie-Varianten vor. Jede Variante hat die gleichen Zutaten, die aber verschieden gemischt werden. Am Ende landet die Masse zerbrochen auf dem Boden und es kommt die Aufforderung « Read your Fortune ».

img_1521-150x150 foto: cb       

Ein Rückgängigmachen der Unordnung oder der Zerstörung. Er referiert über die Lichtgeschwindigkeit und die Erfindung der Fotografie, die es erlaubt die Zeit einzufangen und zu konservieren. Hier macht er auch eine Verbeugung vor Eadwaerd Muybridge und seinen Serien. Filme, die rückwärts ablaufen können und die Zeit wieder herstellen bzw. das Geschehene ungeschehen machen und natürlich über die Wissenschaft. Fast am Ende der Oper läuft dann das an die Wand projizierte Orchester als Scherenschnitt, eine Referenez an die magische Laterne von links nach rechts bis es ohne Angst im Black Hole verschwindet. Diese Szene, begleitet von der originellen Musik von Philip Miller – die etwas von New Orleans Trauermusik hat – war wunderbar und mitreissend (sie ist auch in der Ausstellung im MAXXI zu sehen).

Beim roundtable nach der Aufführung erklärt Kentridge wie er – beeindruckt von einem Werk des Harvard-Professors für Wissenschaftsgeschichte und Physik, Peter Galison, die Idee zu dieser Installation entwickelt hat. Wie er die umwerfende Dada Masilo überreden konnte die « Wissenschaft » zu tanzen (sie hat auch die Choreographie entwickelt) und wie er den Komponisten Philip Miller ins Boot geholt hat, um gemeinsam diese einzigartige Musik-Theater-Installation zu schaffen.

Im Laufe des Abends unternimmt er mit uns eine Reise durch die Weltgeschichte: Mythologie, Götter, Leonardo, Tizian, Marcel Duchamps, Oskar Schlemmer und das Triadische Ballet, die russischen Konstruktivisten, Lois Fuller mit ihrem Schmetterlings-Tanz (Jean Noel spricht ihn beim roundtable darauf an und er und Dada Masilo haben im Frühjahr die fantastische Ausstellung im Centre Pompidou « Danser sa vie » gesehen und den Tanz von Lois Fuller – aber umgekehrt – in die Oper mit aufgenommen.) Er verbindet die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über « black hole » mit Zerberus und dem Hades. Wir folgen ihm atemlos, bleiben aber trotzdem auf unseren Stühlen sitzen. Es ist wie ein Science Fiction Film.

Ann Masina, Joanna Dudley (sie hat es geschafft, die Töne rückwärts zu singen!) und Bahm Ntabeni haben ihn musikalisch begleitet. Thato Motlhaolwa war der Magier, der Zeremonienmeister, der die Zeit und die Wissenschaft auf die Bühne geholt hat und sie auf Bedarf wieder verschwinden ließ.

Zwei unterschiedliche Welten stehen sich gegenüber: Die westliche Organisation der Zeit und das Bedürfnis sie zu dominieren und der viel komplexfreiere und weniger eingeengte Umgang mit Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen, Monaten und Jahren der südlichen Hemisphäre.

90 Minuten vor der Aufführung fand im MAXXI die Eröffnung seiner Ausstellung « The Refusal of Time » die in direktem Zusammenhang mit dem Stück « Refuse the Hour » steht. Wir haben es gerade noch geschafft nach der Vernissage und einem 30-minütigen Aufenthalt pünktlich zum Beginn im Theater zu sein

Jetzt ist es Vergangenheit – aber RAI hat es aufgezeichnet!

Im Sommer wurde « Refuse the Hour » in Avingnon ebenfalls mit großem Erfolg uraufgeführt. Das Publikum in Rom war hingerissen, das hat man schon daran gemerkt, dass 3/4 der Zuschauer bis um 24.00 Uhr geblieben sind, um ihm, Dada Masilo und Philip Miller zuzuhören.

Das Highlight im Romaeuropa Festival – Teatro Argentina – 16 November 2012.

Christa Blenk

 

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Call me God (Treibsand) – Teatro Argentina Roma

Der Attentäter hinterließ eine Tarotkarte (sie so oft in der Kriminalgeschichte und bei « Scoop »)  beim Opfer – auf dieser stand  „Call me God und keine Medien! »

So heisst auch das Stück das am 5.11.2012 hier in Rom uraufgeführt wurde.

Teatro Argentina:  Vier Schauspieler vom Münchner Residenztheater begeistern das römische Publikum. Die Aufführung fand in deutscher Sprache mit italienischen Untertiteln statt.
Call me God (Treibsand) - Teatro Argentina Roma dans Musique Gravados-Madrid-013-150x150 artista: César Borja

Es geht los mit der Eröffnung des neuen Museum Brandhorst in München in 2009 (das Jahr in dem der « Delinquent ») hingerichtet wurde.  Der Radiosprecher kommentiert den „Lepanto-Zyklus“ von Cy Twombly, 12 Bilder die 2001 auf der Biennale von Venedig ausgestellt waren und – wie ich gelesen habe – eigens für dieses Museum geschaffen wurden und eine seiner Hauptattraktionen sind. (Cy Twombly hat sich – anders als die US Maler seiner Zeit – übrigens sehr viel mit Europa und dem Mittelmeer befasst. Schon in den 60er Jahren hat er Griechenland bereist, zuletzt hat er bis zu seinem Tod in 2011 in Italien gelebt. Er, d.h. seine Bilder, stellen den Kontakt Europa-USA in diesem Stück her). Lepanto, an der westgriechischen Küste gelegen, war 1571 Treffpunkt einer der grausamsten Seeschlachten  überhaupt.  Die Spanische Flotte, geführt von Juan de Austria und mit Unterstützung von venezianischen und päpstlichen Truppen, besiegten hier die Osmanen. Über 450 Schiffe lagen sich gegenüber und fast 38000 Menschen verloren ihr Leben.  (Cervantes war auch in Lepanto dabei und verlor seine linke Hand).  Philipp II taucht dann später im Stück nochmals auf. Im Verlauf der knapp zweistündigen Aufführung begreifen wir, dass der Regisseur seine Geschichte auch in 12 Bildern ablaufen lässt (vielleicht waren es auch mehr, das macht aber nichts). Es war jedenfalls ein Kampf gegen den Halbmond, der damals entschied, wer letztendlich das Sagen im Mittelmeer haben sollte.

Aber zurück zum Stück. Im Moment wissen wir nicht, was Lepanto mit den Snipern von Washington in 2002 zu tun haben könnte. Die USA rüsten sich gegen den Irak, im Hintergrund hören wir das Adagio von Samuel Barber und dann später Bombenlärm,Hubschrauber und Kanonenschüsse. Vergleiche werden gezogen und Erfindungen kommentiert – vor allem amerikanische!

Licht aus – Spot on! Wir sind nun vor der Tonkabine und Frau Doktor X sitzt im Zahnarztwartezimmerstuhl und preist ihr Buch an – im Laufe des Abends werden in diesem Stück ständig Bücher angeboten, die man alle am Ausgang für 24 Dollar erwerben könne. Jeder schreibt praktisch ein Buch über seine Erlebnisse mit dem Sniper, ob Arzt, Tante, Opfer, Verwandter vom Opfer, Betreuer etc. Die Komik der Wiederholung. Hinter der Ärztin sehen wir eine Bahre auf der der Patient/Delinquent „Habe ich Patient gesagt, ich meinte natürlich der Delinquent“ liegt, erklären die beiden Henker die computergesteuerte Exekution mit drei verschiedenen Giften. Sie weisen darauf hin, dass es unmöglich ist nach der Hinrichtung zu wissen, wer den ausschlaggebenden Knopfdruck getan hat. „Das hilft sehr und man hat keinen Schuldkomplex“. Sollte man aber doch einen davon tragen, kann man immer noch das Buch der Ärztin kaufen, die nur anwesend ist, um den Tod festzustellen, denn als Ärztin müsse sie ja eigentlich Leben retten. „Er hat es getan, nein, Sie hat es getan“. Bevor der Countdown abläuft hören wir noch eine flammende Eloge über dieses fantastische Land, in dem die Bürger „den Kofferraum voller Schokoriegel haben“ und jedes Jahr einen neuen Rasenmäher kaufen. Das leidenschaftliche Plädoyer endet mit: „Wir haben keine Angst, wir haben Recht!“ Bei „Zero“ verwandelt sich die Szene  in einen Ort bei oder in Washington und nun erfahren wir, wie die Opfer heißen, wie alt  sie sind, was sie gerade getan haben als der tödliche Schuss kam. Das Dramatische an der Sache ist, dass das Publikum bei jedem Schuss zu lachen anfängt, denn der Regisseur will auf keinen Fall Dramatik aufkommen lassen. Es klatscht immer ein Liter Tomatensaft gegen die Glasscheibe und jemand sagt „wir haben ein Problem“.

Es ist fast Slapstick und uns stellt sich die Frage, ob wir darüber lachen dürfen (wie ein Film der Brüder Coen).  Die Schauspieler waren unvergleichlich gut. Sie schlüpften von einer Rolle in die andere durch Perücke aufsetzen, Haare öffnen, Rock hochziehen, aufstehen, Kittel überziehen, Jacke an oder aus, Brille aufsetzen oder abnehmen, Schulranzen fallen lassen, Stimme verändern oder in die Knie gehen. Es war eine Glanzleistung. Insgesamt haben die vier sicher an die 30 verschiedene Personen gespielt. Nachdem dann alle Opfer „erledigt“ waren, ging es weiter mit der Tätersuche. „Wir brauchen einen Erfolg“, „Er ist ein anständiger Mensch, obwohl er tätowiert ist“, „Wer zu Fuß geht ist ein schlechter Mensch“ etc. Polizei, übergewichtig und Sandwich-essend beim Verhör „ja eigentlich sehen Sie ja gar nicht aus wie der, den wir suchen“! FBI, CIA (sie profitieren vom Sniper), Guantanamo, Mondlandung, Kartoffelchips, Whisky Soda, Grenada und Mexiko und die uns schon bekannte »Rote Insel » kommen ins Spiel. Jetzt sackt das Stück ein wenig ab und wird sehr chaotisch. Immer wieder viel Bombenlärm und Pistolenschüsse. Musik zwischendurch – auch etwas auf Italienisch „You wanna be Americano“ singen sie, wie in den 60er Jahren Sophia Loren. Ironisch und witzig! Bei der Verhaftung der beiden waren mindestens 1000 Polizeiautos vor Ort. Wollte uns der Regisseur mit der Verteidigungsrede des Täters von dessen Unschuld überzeugen?  Wozu wollten die Täter das Erpressergeld? Um in Kanada eine Sniper-Schule zu eröffnen? Suchte er Vergebung, weil er eigentlich nur seine Frau, die ihm die Kinder weggenommen hat, töten wollte? Die Antwort blieb offen. Nachdem dann so ungefähr alle Gemeinplätze behandelt wurden, fand die computergesteuerte saubere und unpersönliche Hinrichtung statt, wie schon am Anfang angekündigt.

Rasender Applaus!

Katrin Röver, Genija Rykova, Thomas Gräßle und Lukas Turtur gebührt ein großes Kompliment, die bilderhafte Inszenierung von Marius von Mayenburg war sehr gelungen. Er machte mit ganz wenig viel. Das ganze war eine Gemeinschaftsproduktion des Residenztheaters und des Teatro di Roma, geschaffen von den beiden Münchner Marius von Mayenburg und Albert Ostermaier, des Argentiniers Rafael Spregelburd und des Napolitaner Gian Maria Cervo.

Organisiert und koordiniert hat das Goethe Institut in Rom.

Ich bin schon gespannt, was die Münchner zu diesem erfrischend konventionellen aber fast « leichten » Stück sagen werden.

Christa Blenk

 

 

 

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MAU – Birds with Skymirrors – Teatro Argentina

MAU - Birds with Skymirrors - Teatro Argentina dans Musique NATI2-150x150 artist: Nati Gutierrez

« Vögel mit Himmelsspiegel »

Im Rahmen des Romaeuropa Festivals 2012 wurde diese Tanz-Theater-Elegie am 28.10. im Teatro Argentina aufgeführt. Die Gruppe unter Leitung von Lemi Ponifasio kommt aus Neuseeland und hat wohl auch aus diesem Grund eine sensiblere Einstellung zu allem was Klimawandel und Klimakatastrophe betrifft. Jetzt hätte diese Aufführung sehr leicht in eine pathetische und didaktisch-moralische Pseudo-Umweltveranstaltung ausarten können – dem war aber nicht so.

Die Idee für « Bird with Skymirrors »  entstand, als Ponifasio zum ersten Mal auf dem Tarawa Atoll eine besonders seltene Vogelart beobachtete, die so etwas ähnliches wir flüssige Spiegel in ihren Schnäbeln transportierten – in Wirklichkeit waren es aber Abfälle von Videokassetten, die die Vögel aus dem Pazifischen Ozean – aus der größten Abfallstraße der Welt – gefischt haben. Ponifasio selber kommt aus Samoa auch ein Atoll, das vom Verschwinden bedroht ist. In seiner Heimat ist er  spirituell sehr einflussreich (fast ein Schamane). In diesem Stück bringt er Orakel, Magie und Mythologie unter einen Hut, ebenso wie asiatische Philosophie und europäischen Manierismus – einige Bilder waren unbedingt von Caravaggio beeinflusst, oder auf jeden Fall kennt er seine Malerei.

img0740.vignette dans Musique Album « Street Art »

Am Anfang passiert fast gar nichts auf der Bühne – es ist schwarz und ein breiter Balken geht schrägt von der „Hölle in den Himmel“. Die aktuelle Welt ist mitten drin! Dahinter ist eine matte Spiegelwand, unterteilt in rechteckige Fragmente. Die Musik erinnert erst mal an ein Flugzeugbrummen – zurückhaltend aber permanent. Sie wird sich dann später steigern, wird lauter und man hört den Lärm von großen Vogelschwärmen. Irgendwann hört man auch die Konversation zwischen Apollo 9 oder 10 mit Houston.  In Hintergrund ein wenig vernebelt steht ein „weißer“ Vogel, dann kommt ein buddhistischer Mönch auf die Bühne. Mehr Mönche werden dann später die schwarzen – Petroleum verseuchten – Vögel darstellen. Die Vogelfrauen bewegen sich wie auf Wellen, bis sie vom Petroleum erreicht werden. Später sieht man ihr Kämpfen mit dem Dreck – einige schaffen es, sich ein wenig zu säubern. Es ist eine Mischung aus Dante, griechischer Mythologie, Südatoll-Ritualen. Auf der linken Seite der Bühne nähert sich langsam eine Frau, nur mit einer schwarzen Bikinihose bekleidet und erschreckt uns mit ihrem durchdringenden Bocksgesang, sie ist wahrscheinlich Kassandra. Dann verschwindet sie ganz langsam im rechten Hintergrund, wo sie dann zum Vogel metamorphiert. Eine unheimlich schöne ästhetische Szene, die nur durch das Licht lebt.  Überhaupt sind die Bewegungen der Tänzer wunderbar verhalten, elegant und beunruhigend zugleich. Sie gleiten  über die Bühne  oder fliegen ganz tief über dem Land oder dem Meer. Die Flugbewegungen sind nur angedeutet, aber man versteht alles. Das eingeblendete Video im Hintergrund, das einen von Petroleum verseuchten Kormoran zeigt, bräuchten wir vielleicht gar nicht.

Später kommt auch noch ein nackter Mann mit Vogelmaske, die dann plötzlich verschwindet. Verwandelt er sich in einen Menschen? Er fängt auch gleich an, den Boden mit weißem Kalk zu bestreuen und wird dann peu à peu von drei dramatischen  Frauen in schwarzen Toten-Gewändern, die sich langsam aus dem Dunkel herausschieben und Laute von sich geben, unterstützt. Solange bis alles weiß ist. Gegen Ende treten die vogelartigen Mönchstänzer wieder auf und singen ein Lied von „Demut gegenüber der Schöpfung und allen Wesen und Formen“, die sie hervorgebracht hat – das habe ich gelesen, denn verstanden habe ich natürlich nichts. Vielleicht haben sie in einer Maori-Sprache gesungen.
Mit ganz wenig Hilfsmittels (eigentlich nur mit Licht)  zeigt uns Ponifasio eine magische Welt. In einem spirituellen Sinne macht er deutlich, dass wir gerade dabei sind, uns selber zu zerstören. Er ist ein Prophet. Was er inszeniert hat, ist kein Völkerkunde Unterricht – es ist primordiales mythologisches Minimal-Theater.

Ich bin tief beeindruckt. Und das Publikum war überraschend ruhig, obwohl es 90 Minuten keine Pause gab.

Christa Blenk

lesen Sie dazu auch Refuse the Hour

 

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Hans Werner Henze in memoriam

Hans Werner Henze in memoriam dans Musique scannen0001-150x150

10.11.2012

Antonio Pappano und Parco della Musica haben die drei Aufführungen von « Petite Messe Solennelle » am 10., 11. und 13.11. Hans Werner Henze gewidmet und vor der Aufführung sein letztes Werk « Ouverture zu einem Theater », das am 20.10. in Berlin uraufgeführt wurde,  gespielt.

Santa Cecilia

27.10.2012 – Heute habe ich zum ersten Mal sein Chorstück zu Pfingsten für gemischten Chor und Instrumente   sein letztes, im Juni in Leipzig aufgeführtes Werk,  « An den Wind » gehört.

Gute Reise!

normandie1705-070-150x150 dans Musique Le fil d’Ariane à Chartres

« Alles, was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe » -  diesen Satz von Elias Canetti zitiert Maestro Henze in seinem Werkbuch PHAEDRA. Ich habe es mit großer Freude, allerdings erst nach der Premiere in Salzburg, gelesen. Später habe ich die Phaedra dann nochmals in der Staatsoper gesehen.

Ich bin sehr froh, ihn gekannt zu haben!

henze-150x150 Rom 2007

Hier einige Artikel aus diversen Zeitungen über ihn:

HansWernerHenze

Die Zeit

en français (article du Figaro)

LaRepubblica

 

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An evening for John Cage

An evening for John Cage dans Musique rosa-4-150x150 artista: Rosa Quint

“An evening for John Cage” war der Titel eines außergewöhnlichen Konzertes im Rahmen des „Romaeuropa Festival 2012” im Teatro Palladium am 7. Oktober 2012

Sonntag Nachmittag – 17.00 Uhr – Garbatella.

Dass dieser Abend etwas ganz besonderes werden würde, war uns vorher nicht so richtig klar. Allerdings sind wir schon beim Reingehen mit einer Luftballon-Installation im Foyer des Teatro Palladium konfrontiert worden.  Die beiden großartigen Tänzer Paola Campagna und Fabio Ciccalè bewegten ihre weißen Ballons (die an Topfreinigern befestigt waren damit sie auch am Boden blieben) und sich selber wie Schachfiguren, bestimmt und fast fliegend gleichzeitig. Die Luftballons wurden dann – kurz vor 17.00 Uhr – mit großer Sorgfalt auf die Bühne verbracht, anschließend durften wir – das Publikum – dann rein. Es ging mit Stille los! Zuerst hörte man sie nur – dann kam die beeindruckende Silvia Schiavoni auf die Bühne. Die kleine zierliche Sängerin mit einer umwerfenden Stimme begann mit „A flower“ – ein Werk für Stimme und geschlossenes Piano. Wieder Stille – wie das John Cage oft vom Publikum verlangt.

Als nächstes Variations I-II-III-IV – für  Musiker und Tanz. Die beiden Tänzer haben nach langem Hin- und Her unter sehr schöner Choreografie ihre Ballons von den Topfreinigern befreit, in dem sie mit viel Eleganz peu à peu die Schnüre durchtrennten, bis sie zum Schluss alle an der Decke klebten – aber frei waren sie trotzdem. Das Stück „Music for amplified Toy Pianos“ kam bei uns in der letzten Reihe fast nicht an, da das Publikum mit der Stille und den delikaten Tönen, die die beiden Pianisten aus dem Kinderpiano rausholten, überfordert war;  und ob das ständige Platzwechseln, Räuspern, Husten, Raus- und Reingehen mit der Inszenierung zu tun hatte, habe ich nicht rausfinden können. Bedauerlich war, dass alle Zuspätkommer auch noch nach 30 Minuten rein durften und dann rücksichtslos und mit klappernden Schuhen ihren Platz einnahmen, um sich dann kurz drauf gleich wieder einen anderen zu suchen!

Weiter ging es mit einem sehr spannenden Stück für Cello 59 ½ “ – 57 ½ “ – 1,5 ½“ – 1’14’’ for a string player“. Ulrike Brand hat uns fasziniert, wie sie – beeinflusst von dem Wegk „Imaginary Landscape NO. 4“ – ganz stressfrei am Radio drehte bis sie einen bestimmten  Sender gefunden hatte, um dann gleich wieder weiterzuspielen – in Sequenzen. Und bevor es mit „Double Music“ für Perkussion erst mal zuende ging, überraschte uns noch eine „Improvvisazione per J.C.“ für Stimme, Cello, Perkussion und Tanz.

John Cage wurde 1912 in Los Angeles geboren und ist sicher einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er ist absolute Schlüsselfigur der Happeningbewegung die in den 50 Jahren entstand und ein Trendsetter wenn es um den nicht konventionellen  Einsatz von Musikinstrumenten geht.

Giancarlo Schiaffini versuchte gestern im Palladium den berühmten Abend 1952 wieder zu beleben, an dem John Cage mit Robert Rauschenberg, Merce Cunningham und dem Poeten Charles Olson das Publikum verwirrte, es war der Abend der Premiere von 4’33’’ (4 ½ Minuten Stille) und Ursache für einen Skandal. Wir hören (bzw. Nicht-Hören) das Stück später auch noch.

Nach der Pause ging es weiter mit einem seiner Zahlenstücke aus den 80er Jahren. „One4“ für Perkussion und „Four6“ für Perkussion, Cello, Tuba und Kontrabass. Dann – wie gesagt – 4’33’’ – Schiaffini ließ die beiden Tänzer bewegungslos 4 ½ Minuten sich festhaltend vor einem Weinglas rechts auf der Bühne stehen. Angeregt zu dieser Komposition wurde John Cage durch die „White Paintings“ von Robert Rauschenberg. Leider war es aber nicht still, das Räuspern und Husten ging weiter. Vor mir hat ein Zuhörer oder eher Nicht-Zuhörer seine e-mails gelesen! Schade. Im Anschluss kam wieder die wunderbare Silvia Schiavoni mit „She is Asleep“ und eine weitere „Improvvisazione per J.C. für Pianoforte, Perkussion und Tumba.

Mittlerweile war es fast 20.00 Uhr – wo sind denn nur die letzten drei Stunden geblieben?

Nach einer weiteren kurzen Pause erneut Silvia Schiavoni, die immer besser wurde. In ihren Interpretationen habe ich Einflüsse aus dem Hebräischen, aus der katholischen Liturgie und zum Schluss aus dem Jazz wieder gefunden. „The Wonderful Widow of eighteen Springs“, „Trio“ nur für Percussion. Dann was ganz besonderes “Conductions for J.C. and M.D.” Das komplette Ensemble mit einem Video (John Cage und Marcel Duchamp). Es  wurde nun  immer hektischer und aufregender, Musik, Poesie über Kassettenrecorder, Tanz.  Mit „Aria + Fontana Mix“ und Concerto for Piano and Orchestra + Aria + Fontana Mix“ ging es dann leider zu Ende.

Die Interpreten waren allesamt fantastisch und man hat gespürt, wie sehr sie sich amüsierten. Diese Stimmung haben sie auch an das Publikum weiter gegeben. John Tilbury war am Klavier, Edwin Prévost, Perkussion, Ulrike Brand, Cello, dann gab es noch Daniel Studer, Kontrabass und Giancarlo Schiaffini, Posaune und Tuba (er hat auch inszeniert). Die Percussionisten der Gruppe „Ars Ludi“  waren dabei und Alvise Vidolin für die Elektronik und Tonregie. Bravi!

Es gab viel Applaus und wir haben in über 4 Stunden John Cage wirklich kennen gelernt.

Niemand hat wie er, Stimme, Tanz, Poesie, Stille, Lärm, Musik, Instrumente und Nicht-Instrumente auf immer wieder originelle Weise eingesetzt und das Publikum vor große Probleme gestellt.

John Cage war ein echter Überflieger, aus einfachen Verhältnissen stammend bekam er Klavierunterricht u.a. von seiner Tante, die Sängerin und Pianistin war. Er war Mitherausgeber einer französischsprachigen Schülerzeitung, gewann einen Reden-Wettbewerb  und machte den Schulabschluss mit der höchsten Punktezahl , die jemals an seiner Schule erreicht wurde. Er studierte 2 Jahre Literatur und seine Begegnung (literarisch) mit Gertrude Stein animierten ihn dazu, Dichter zu werden. Später ging er nach Europa, wo er in Paris gotische und griechische Architektur studierte sowie Klavier. 1930 entstanden seine ersten Kompositionen. Kurt Schwitters, James Joyce, Marcel Duchamp und Hans Arp beeinflussten ihn. Er bekam Unterricht bei Arnold Schönberg. 1938 traf er Merce Cunningham – seinen späteren Arbeits- und Lebenspartner. Max Ernst und Peggy Guggenheim luden ihn nach New York ein, wo er Piet Mondrian, André Breton und Marcel Duchamp kennen lernte. Bekannt wurde er 1943 mit einem Percussion-Konzert im MoMA. Ende der 40er Jahre lernte er auch Piere Boulez kennen. Ab 1950 lebte er wieder in New York und traf mit dem Pianisten David Tudor  und dem Komponisten Morton Feldman zusammen. Aus dieser  Zeit stammte auch seine Bekanntschaft mit Robert Motherwell, Mark Rothko und Ad Reinhardt sowie dem New Yorker Kunsthändler Leo Castelli.  Zwischendurch hatte er immer wieder mal Lehraufträge am Black Mountain College. 1963 fand die Uraufführung der Komposition „Vexations“ von Erik Satie statt – ein Stück mit 840 Wiederholungen das mehr als 18 Stunden dauert. 1984 – im Orwell-Jahr – nahm er an einer Live Schaltung mit Nam June Paik teil.  In dieser Zeit hat er auch Joseph Beuys kennen gelernt.

Gestorben ist er 1992, kurz nachdem er seinen einzigen Film „One 11“ vollendete. Eine Licht und Kamerainstallation ohne Handlung, ohne Töne. Sie zeigt  John Cages Kompositionsmethodik des Zufalls. Fast wehmütige Bewegungen des Lichts. Konturen, die sich aleatorisch verschieben.

Produziert wurde das Ganze vom Goethe-Institut Rom anlässlich seines 100. Geburtstags.

Christa Blenk

mehr über Silvia Schiavoni in Orient meets Occident

Carte blanche für Peter Eötvös im Louvre

Das sonnige Frühlingswochenende haben wir zum Teil im Louvre verbracht:

Dort gab es drei besondere Aufführungen – auf der Leinwand – und Peter Eötvös hat moderiert und eingeführt.

Es ging los am Samstag nachmittag um 15.00 Uhr mit einer Einführung in die Arbeit von Peter Eötvös. Er hat seine Musik – vor allem die zu den « Drei Schwestern » erklärt.  Eine Aufzeichnung aus dem Theater Châtelet, Kent Nagano und er selber (zwei Orchester) haben dirigiert, die Inszenierung hat Ushio Amagatu gemacht. Es war ein Erlebnis.  Die vier wichtigsten Frauenrollen wurden von Conter-Tenören gesungen – das hat Eötvös so vorgesehen. Auf der Bühne gab es wenig Bewegung – nur ab und zu wurde eine japanische Wand auf bzw. zugemacht, je nach dem ob man sich innen oder im Garten aufhielt.

Nach einer kurzen Pause gab es dann eine andere Aufzeichnung von « Blaubarts Burg » von Bela Bartok, ebenfalls mit einer Einführung von Eötvös, dirigiert von Adam Fischer. Ein Video aus 1989. Judith, gesungen von Elizabeth Laurence, war bei der anschliessenden Diskusison anwesend.

Heute, Sonntag, um 15.00 Uhr ging es dann weiter – wieder mit einer Einführung durch Peter Eötvös  – er hat über seine Zusammenarbeit mit Stockhausen erzählt « Licht » und « Donnerstag » und über Leos Janaczek gesprochen. Von diesem wurde dann anschließend ein Film von Brian Large – vom  Glyndebourne Festival « Die Sache Makropoulos »  mit einer umwerfenden Anja Silja vorgeführt.

Und dann gab es noch Britten’s Midsummernights dream mit Robert Carson und Harry Bicket aus 2005 mit David Daniels

 

Opéra-bis – une promenade musicale et théâtrale

 

Voilà le livre « Opéra-bis »

Opéra-bis - une promenade musicale et théâtrale dans Musique LIVRE-150x150 <– clicker

EXPOL3-300x162 dans Musique

 

 

 

 


 

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