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Die Zauberflöte – von 1927

Artikel über die Premiere 2012 auf KULTURA EXTRA

 giardini notturno
Bild: Cristina Crespo (hat nichts mit der Inszenierung zu tun)

 

Mozarts Zauberflöte im infantilen Animationswald

Papageno, der ja – außer Essen und Trinken – nichts so gerne tut wie Reden, wird hier in einen Stummfilm verbannt und muss sich plötzlich in den Filmwelten von Metropolis oder Modern Times durchsetzen. Prinz Tamino ist ein Abklatsch von Buster Keaton.  Pamina sieht aus, als ob sie gerade aus einem 20er Jahre Kabarett entwischt wäre und zum Charleston geht, Monostatos ist ein Abbild von Nosferato, die Königin der Nacht schürt die Araknaphobie und lässt viele kleine gruselige Spinnen auf Pamina purzeln und Sarastro gleicht Abraham Lincoln, der einen Flohzirkus dirigiert.

Außer viel Animation, die mit der Zeit sehr ermüdend wird, gibt es eine weiße Wand und Podeste an der Wand, auf denen die Protagonisten dann und wann erscheinen, wenn sie nicht gerade vor irgendetwas weglaufen, bedroht werden oder von über die Leinwand huschenden Bikini-tragenden rosa Elefanten abgelenkt werden, die auf dem Weg zu einer Hühnerlegestation sind und den hungrigen Papageno  gebratene Hähnchen vorspiegeln, die dann aber doch an ihm vorbeiziehen. Die Bühne ist so gesehen inexistent und lebt durch eine Zwei- und Dreidimensionalität.

Suzanne Andrade und Paul Barritt zitieren die russischen Konstruktivisten, den Maler Hieronymus Bosch und Luis Buñuels Augen sind omnipräsent. Alles ist wahr und doch nicht, wenn die Sänger nur mit den Beinen rennen, virtuelle Katzen streicheln oder die Abgesandten der Königin pochende rote Herzen schmachtend auf Tamino werfen.

Alles was in dieser Oper sonst gesprochen wird, muss man, wie beim echten Stummfilm, lesen, begleitet von einem Hammerklavier aus dem 18. Jahrhundert.

Technisch sicher eine Meisterleistung, voller Codes, damit die Musik nicht zu den Bildern laufen muss. Aber es reicht nicht, das Pulver ist sehr schnell verschossen und eine gähnende Langeweile stellt sich ein, wenn zum dritten oder vierten Mal der gleiche Effekt präsentiert wird.

Der Hausherr der Komischen Oper Barrie Kosky hat sich diese Zauberflöte zusammen mit der Gruppe „1927“ ausgedacht. Die Premiere im November 2012 war ein riesiger Erfolg. Seitdem wird diese ganz andere Zauberflöte ein paarmal im Jahr wieder aus der Opernkiste geholt.

Jordan de Souza stand am 5. Januar am Pult. Adela Zaharia war eine schöne Pamina, spritzig und sauber; Adrian Strooper war Tamino. Aleksandra Olczyk hat sich als „Spinnen“-Königin der Nacht gut geschlagen. Papageno war Tom Erik Lie und wurde um viele schöne Stellen oder Szenen beraubt und die Musik kommt entschieden zu kurz.

Na ja, dann doch lieber die alte Everding-Inszenierung der Staatsoper!

Christa Blenk

 

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Blog Highlights 2017

Liebe Leserinnen und Leser,

Hier sind nochmals die kulturellen Highlights der letzten 12 Monate nachzulesen, Verbindungen werden hergestellt und Brücken gebaut – wie es nur Musik und Kunst fertig bringen. Dieses Jahr wird der Übergang von einem Kulturevent zum anderen über eine venezianische Brücke von statten gehen. Es geht deshalb auch nicht immer chronologisch zu auf dieser Reise durch 2017!

P1060051 Avanti Avanti. Mit einem spritzigen Silvesterkonzert in der Komischen Oper fing das kulturelle Jahr 2017 an. Max Hopp rollte Volare Volare singend (und tanzend) mit der Vespa (aber nicht mit dieser – diese habe ich auf der Biennale in Venedig entdeckt) auf die Bühne – jedenfalls hatte er das vor … aber lesen Sie selber.

Brücke ohne Geländer Tanzend ging es auch gleich weiter mit den Tanztagen in Berlin . Surrealistisch und perfekt. Duato Shechter gab es in der Komischen Oper. Großartig war auch eine Aufführung des Nederlands Dans Theaters Anfang Dezember.

venezia3  Die Kriminellen der Frau A   war ein ausgesprochen packendes Erlebnis zwischen Theater, Kunst und Musik. Die Oper Ovartaci crazy, queer & loveable ist ein work in progress und erzählt Abschnitte aus Ovartacis Leben. Wir freuen uns schon auf den nächsten Teil!

P1050886 Viel klassische und konventionelle Oper gab es natürlich auch. Hervorzuheben  Salomé in der Deutschen Oper, eine großartige Aufführung von Purcells King Arthur. Abwechselnd zwischen Staatsoper, Komischer Oper und Deutscher Oper gibt es Berichte über  Petruschka, Hoffmanns Erzählungen, Don Giovanni, Der fliegende Holländer, Jacob Lenz, Elektra , La damnation de Faust oder Lohengrin. Sehr zu empfehlen hier Philipp Glass’ Satyagraha  in der Komischen Oper und L’Invisible von Aribert Reimann in der DO. Nicht sehr überzeugend und ein wenig langweilig war Tod in Venedig.

P1050884 Das Georg Kolbe Museum hat gleich drei großartige Ausstellungen in den eher armen Berliner Ausstellungshimmel geschossen. Georg Kolbe im Netzwerk der Moderne , eine umfassende Recherche über Flechtheim und kurz vor Jahresende Emil Cimiotti. Dazu passte perfekt die Ausstellung über Rudolf Belling.

P1050881 Hannover  hat außer einer ziemlich guten Oper auch noch viel Kunst zu bieten. Auf der Skulpturenmeile trifft man auf viele Bildhauer des 20. Jahrhunderts aber natürlich hat sich die Reise schon gelohnt, um dort Hans Werner Henzes « Englische Katze »  zu sehen. Später im Jahr wurde dann auch die Oper LOT  von Giorgio Battistelli dort aufgeführt. In der Ausstellung Manifesto spielt Cate Blanchet 13 verschiedene Rollen. Diese Ausstellung ging durch alle wichtigen europäischen Museen.

1 Das Pariser Centre Pompidou ist immer einen Abstecher wert. Die jeweiligen Restrospektiven über Cy Twombly und David Hockney haben das wieder bewiesen. Jean Noel Pettit hat Cy Twombly ins Französische  übersetzt.

P1050882  Und wieder über eine Brücke und es geht ins Theater. Davon hat Berlin auch genug. Jeanne d’Arc in einem weißen Würfel im Gorki Theater, Wut  am Deutschen Theater, der gefräßige und feige König Ubu, eine enttäuschende Phädra und Caligula  am Berliner Ensemble mit Kettensägen und Wahnsinn.  Sehr gut The Situation im Gorki Theater und weniger gelungen Michel Houellebecq  Unterwerfung. Highlight war sicher die FAUST  Aufführung in der Volksbühne und der damit verbundene Abschied vom Theater-Wüterich Castorf. Kurz vor Jahresende war er dann Gast im Berliner Ensemble mit einer sehr freien Interpretation von Hugos Les Misérables.

P1050924 das wunderbare Ensemble Concerto Romano kennen wir schon aus Rom. 2017 konnten wir sie gleich zweimal in und um Berlin erleben. Einmal mit der herausragenden Aufführung Ad Arma Fideles beim Äquinox Festival und ein zweites Mal beim Göttinger Musikfestival.

P1050875 Aber jetzt wieder ein wenig Kunst. In der Biennale von Venedig hat mich am meisten die side show von Michelangelo Pistoletto interessiert. Er installierte seine Arbeiten in der Palladio-Umgebung.

Gut die Schau über Friedrich Kiesler im Gropius Bau oder die Präsentation von Jeanne Mammen in der Berlinischen Galerie. Im Hamburger Bahnhof war Hanne Darboven zu sehen und eine Entdeckung war  Jan Toorop. Ansonsten hat sich die Kunst in Berlin eher zurückgehalten.

P1050873 Jetzt mit einem großen Sprung über diese Brücke zur zeitgenössischen Musik. Hier ist das Festival Hofklang Anfang September hervorzuheben. Unerhörte Musik gibt es meistens am Dienstag im BKA. Korpus  oder e-werk waren u.a. zu Gast.  Ulrike Brand war auch in einer Performance Walls and Waves  in einer Kirche zu erleben.

P1050870 Überraschend eine Aufführung in der Ahlbecker Kirche auf Usedom von Pergolesis Stabat Mater. Usedom war sonst eher enttäuschend, aber gelohnt hat sich auf jeden Fall ein Besuch im Museum von Otto Niemeyer-Holstein. In dem Artikel zwischen Ostsee und Achterwasser  ist es beschrieben.

P1050850 Und über diese Brücke kommen wir zur Orgel und zu der Orgel-Ikone Matthias Eisenberg. Später im Jahr – zu Luthers Geburtstag – reisten wir ihm nach Leipzig nach und daraus wurde ein musikalisches Leipzig-Wochenende. 

P1050826 Aber auch Robert Wilson beschäftigte sich mit Luther und seinem Jubiläum mit der etwas konfusen Aufführung « Luther dancing with the Gods«  im Pierre Boulez Saal. Kammermusik mit und ohne Worte und ein Auftritt des großartigen Klarinettisten Jörg Widmann sind ebenso beschrieben.

2 Auch der argentinische Komponist und Bandeonist mit italienischen Wurzeln Daniel Pacitti befasste sich mit Luther. Im Juli wurde in der Philharmonie sein Oratorium « Wir sind Bettler » uraufgeführt mit Roman Trekel in der Hauptrolle. Kennen gelernt allerdings haben wir Pacitti bei einer ganz anderen Gelegenheit, nämlich bei einem kreolischen Tangoabend in den Räumen der Freien Volksbühne.

P1050816 Bei einem wunderbaren Hauskonzert in Zehlendorf hat Pacitti seine dritte Seite präsentiert. Das zeitgenössische Stück mit Einflüssen aus seiner Heimat. La Cruz del Sur wurde von zwei virtuosen jungen Solisten (Klavier und Querflöte) vorgetragen. Ausgeklungen sind die Zehlendorfer Hauskonzerte mit Werken von  Franz Schubert.

P1050920 In der Kunst und Ausstellungshalle in Bonn gab es eine sehr gut zusammen gestellte Ausstellung von Ferdinand Hodler  und München befasste sich mit dem 19. Jahrhundert in der Ausstellung GUT WAHR SCHÖN . Diese beiden Artikel sind u.a. auch auf KULTURA EXTRA  erschienen.

P1050894 Der Sommer in der Vendee besteht nicht nur aus Palourdes sammeln oder Strandspaziergängen. In Thiré findet jedes Jahr das Festival « Dans le Jardin de William Christie » statt. Dieses Jahr Monteverdi  gewidmet. William Christie war auch im Dezember zu Gast in der Philharmonie mit einer fantastischen Aufführung von Monteverdis  « Selva spirituale e morale ». Aber auch die Staatsoper feierte den großen Monteverdi mit einer sehr schönen Aufführung von L’incoronazione di Poppea.

Auch die Neuköllner Oper widmete Monteverdi einen Abend – bei Combattimento x 2 geht es in den Wrestler Ring!

P1050850 In einen anderen Garten – nämlich in den von Guillermo Lledó - führte die diesjährige Madrid-Reise. « Plaza para un hombre solo » ist eine Skulptur und die Eröffnung dieser wurde ganz groß in seinem Garten in einem Madrider Vorort gefeiert mit Künstlern und Madrider Kunstwelt. Madrid ist eine Kunst-Stadt, ein wenig davon ist hier auch beschrieben: Mateo Mate, Rosa Barba, Franz Erhard Walter. Das Museo Reina Sofia hatte eine umfangreiche Ausstellung zu Picasso und Guernica organisiert. Piedad y terror en Picasso.

P1050892 der argentinische Künstler Nestor Boscoscuro lebt in Berlin und in Buenos Aires. Mit ihm wurde die Portrait-Serie für KULTURA EXTRA erweitert.

P1050877 Die Aufführungen der Neuköllner Oper lohnen sich ebenfalls immer und sind jedesmal überraschend und erfrischend. Unter anderem gab es dort Combattimento x 2, Fuck the Facts und eine sehr freie Interpretation der Bettleropera.

P1050948 Pellworm – wo ist das denn? Aber eine Reise dorthin lohnt schon deshalb, weil diese Ecke in der Nordsee eine Art Atlantis ist – umgeben von Mythen und Sagen.

P1050818 The future is female war der Titel einer Reihe von Aufführungen  in den Sophiensälen. HUMBUG  wurde durch OPERALAB aufgeführt, war sehr amüsant und führte in die Zirkuswelt. In Norway Today  waren die zukünftigen Sophies Rois oder Wuttkes dieser Welt zu sehen.

P1060047 Das Colombian Youth Orchestra erfand Strawinsky neu und das auch noch im Konzerthaus am Gendarmenmarkt  und Josep Pons dirigierte Ravel, Falla und ebenfalls Strawinsky.

P1050928Bei dem Buch « Eine Sinfonie der Welt » geht es auch um Musik. Hier beschreibt Alexander Bertsch das Leben eines Komponisten in der Nazi-Zeit.  Ein schönes Buch!

Brücke ohne Geländer Hoch im Norden lebt der Dorfpoet  und macht sich über sich selber und die Welt lustig -  aber lesen Sie selber.

 

Einen Guten Rutsch mit Trauben, Linsen oder anderen Bräuchen  wünsche ich allen Leserinnen und Leser und ich freue mich auf Ihren Besuch im nächsten Jahr!

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Christa Blenk

 

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Jahresausklang mit Franz Schubert in Zehlendorf

San Lorenzo

 

Zehlendorfer Hauskonzerte

Das letzte Zehlendorfer Hauskonzert 2017 fand am 20. Dezember statt. Dieses Mal spielte das junge und feine Arves Trio (Violine: David Khachatryan; Violoncello: Rahel Weymar; Klavier: Hratschya Gargaloyan) im Wohnzimmer des charmanten Holzhauses. Auf dem Programm stand Franz Schuberts Trio in Es-Dur, op. 100. Zwischen den Sätzen las der Schauspieler Martin Schnippa Geschichten, Zeitdokumente und Prosatexte von und über Franz Schubert.

Dieses großartige Meisterwerk  von Schubert ist im Jahre 1827 entstanden –  in der Winterreise-Kompositionszeit. Veröffentlicht wurde es allerdings erst in seinem Todesjahr 1828. Die Erstausgabe kam ein paar Wochen nach seinem Tode am 19. November in der österreichischen Hauptstadt an, wo Schubert in seinen  letzten Jahren lebte, obwohl er die Stelle des Vizekapellmeisters an der kaiserlichen Hofkapelle nicht bekommen hatte. Für einen anderen Komponisten, Robert Schumann, war es „wie eine zürnende Himmelserscheinung“  und blieb immer sein persönliches Lieblings-Trio : männlich, zornig-sehnsüchtig  und dramatisch. Einem prägnanten Hauptthema im ersten Satz steht ein im Nebel verhangenes Zweitthema gegenüber mit manchmal jazzigen und bebend bis rasenden Rhythmen. Der zweite Satz ist melancholischer Kummer mit klirrenden Klavier-Staccatoakkorden. Das Thema geht auf ein Lied der Winterreise zurück.  Der Kanon zwischen Klavier und Streichern ist dann wieder leicht-spielerisch.  Weiter geht es mit einem Tanz-Tremolo-Moll ins lange Finale und hier wird nochmals das Thema aus dem zweiten Satz aufgenommen.

Gut 40 Minuten dauert das Opus und schwedische Lieder sollen u.a. dort verarbeitet worden sein. Schubert hat den schwedischen Sänger Berg 1827 im Hause der Schwestern Fröhlich gehört.

Aus armen Verhältnissen kommend, dort wo Musik eher verpönt  oder etwas für die Reichen war, ist Schubert ein wichtiger und fester Bestandteil der Wiener Salons geworden. Leben oder Überleben mit dem was er mit seiner Musik verdiente, konnte Schubert nicht. Er war auf Freunde und Familie angewiesen. Schubert, der ewig einsame und leise Umstürzler und (unglücklich) Liebender starb mit 31 Jahren und hinterließ knapp 1000 katalogisierte Werke und von denen noch nicht alle bekannt sind.

Die drei jungen Musiker des Arves Trio, die in Berlin studieren, haben mit großer Begeisterung, viel Charme, Talent und Präzision die 2017er-Zehlendorfer-Hauskonzert-Saison ausklingen lassen.

zehlendorf
Arves Trio mit Martin Schnippa mit nach dem Konzert

 

Der Name  Arves Trio kommt aus dem Armenischen. „Arvest“ ist armenisch und bedeutet „Kunst“. Da der Geiger und der Pianist aus Armenien stammen und die Cellistin aus Deutschland, soll auf diese Weise auch ein Teil der armenischen Kultur im Ensemblenamen sichtbar werden. Der Begriff „Kunst“ wird zum einen auf die Musik, zum anderen aber hauptsächlich auf den Leitsatz „Musik ist Sprache“ bezogen und durch die Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Martin Schnippa um eine textliche Ebene erweitert. (Anmerkung der Gastgeberin!)

Wir freuen uns schon auf das erste Konzert im Januar 2018.

Christa Blenk

 

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Lohengrin an der Deutschen Oper Berlin

Deutsche Oper Lohengrin

LOHENGRIN von Richard Wagner, Deutsche Oper Berlin,
Premiere am 15. April 2012, copyright: Marcus Lieberenz

 

Die größte Ehre, die man einem Menschen antun kann, ist die, dass man zu ihm Vertrauen hat. (Matthias Claudius)

Um Vertrauen und wodurch sich die Liebe definiert geht es auch bei Lohengrin.  Für die US Kolumnistin Joyce Brothers war es ganz klar denn sie meinte einmal „Der beste Beweis der Liebe ist Vertrauen“.  Aber wie wir ja alle wissen, hat Wagner dieses Zitat nicht gekannt und sich gegen das Vertrauen und für die Kenntnis entschieden. Dementsprechend lässt er dann auch Elsa die zerstörerische Frage nach Namen und Art fragen und wischt das „Nie sollst Du mich befragen“  einfach weg und damit auch Glück und Liebe.

Aber nur das reicht natürlich nicht für vier Stunden, da braucht es noch Kriege, Intrigen und Böses. Dieses durchkomponierte, musikalische Drama von Wagner kommt nur ab und zu noch auf die altbewährte Form der Soloarien zurück, wenn Elsa ihren Traum erzählt zum Beispiel oder Lohengrin sich als Gralsritter outet.

Die Geschichte spielt im frühen Mittelalter, genauer gesagt in der Mitte des 10. Jahrhunderts. Wagner hat die Handlung nach Antwerpen verlegt, weil er die Gestalt des Schwanenritter einbauen wollte, der ursprünglich vom Niederrheinischen kommt. Brabant gab es damals natürlich auch noch nicht.  Wagner hat den Streit der ostfränkischen Stämme in seine Zeit der liberal—demokratischen Nationalbewegung gelegt und wenn er Heinrich den deutschen König nennt, dann ist das seiner blühenden Phantasie entsprungen und durch ein Vermischen von Sagen, Mythen und geschichtlichen Ereignissen entstanden.  Das Scheitern der Hauptprotagonisten ist stellvertretend für das Scheitern politischer Utopien in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Ouvertüre bietet ein tristes after-war-Szenario. Die Bühne ist übersäht von leblosen Körpern, Kriegsopfer wohl, und Frauen suchen nach ihren Männern, finden sie tot danieder liegend und brechen zusammen. Dann fällt der Vorhang und der Name LOHENGRIN steht in großen Buchstaben auf dem schwarzen Vorhang.

Sehr martialisch und laut wird herum gedonnert bis das Erscheinen der reinen, zarten Elsa Musik und Bühne erhellt.  Der glänzende Schwanenritter kommt zwar ohne Schwan dafür aber mit Flügel daher, die ihn schon direkt als Beschützer von Brabant definieren, noch bevor er Telramund besiegen wird.  Die Brabanter sind ein opportunistischer Mob, der sofort sein Fähnchen in den Wind hängt und umgehend den geheimnisvollen Lohengrin verehrt. Die Frauen kommen sowieso nicht gut bei ihm weg. Sie sind unschuldig, dumm, neugierig oder  bösartige und heimtückische Personen, die permanent die falschen Entscheidungen treffen. Ortrud, die Hexe, schürt und intrigiert und schon der Hochzeitsmarsch am Anfang des dritten Aktes steht unter einem bösen Stern.

Die Premiere dieser Produktion fand im April 2012 statt. Nur Klaus Florian Vogt in seiner Paraderolle und Petra Lang sind bei der letzten Aufführung in dieser Saison noch mit dabei. Anja Harteros übernahm die Rolle der Elsa und das hat sie großartig gemacht. Textverständlich und sicher waren sie Alle. Am Pult stand nicht Donald Runnicles. Axel Kober dirigiert das gute Orchester der DOB  – übersichtlich und fast minimal lässt er den Sängern viel Raum, sich auszubreiten.

Die Inszenierung von Kasper Holten passt gut zur schnörkellosen Leitung von Kober. Die hochgestreckte Faust in politisch nicht ganz korrekter Manier hat uns kurz schlucken lassen, aber ansonsten eine Inszenierung wie man sie sich wünscht und die die Musik in die erste Reihe stellt. Der kleine Gottfried, den Elsa in ihren Armen hereinbringt und ihn auf das weiße Marmorgrab legt das gerade noch ihr blütenweißes Hochzeitsbett war,  ist nur ein blutiger Fetzen. Ortruds Zauberstab waren grüne LED-Fäden.

Steffen Aerfing hat die Kostüme entworfen. Die Lichteffekte waren von Jesper Kongshaug.

Richard Wagner selber war bei der Premiere im August 1850 in Weimar, die Franz Liszt dirigierte, gar nicht anwesend, da er sich zu dieser Zeit schon im Exil in der Schweiz aufhielt und steckbrieflich gesucht wurde.

Christa Blenk

KULTURA EXTRA hat zweimal darüber berichtet:

Premiere

und drei später später mit Waltraud Maier

 

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Selva espirituale e morale – Les Arts Florissants zu Gast in Berlin

williamchristie
William Christie in Thiré
 

 

Himmlische Töne

Spiritueller und moralischer Urwald („SELVA MORALE E SPIRITUALE“) hat Claudio, il Divino – wie ihn seine Musikerkollegen zu nennen pflegten – sein 37-teiliges Kompendium bezeichnet, das 1641 erschien. Mit Auszügen aus dieser beeindruckenden Sammlung von geistiger und weltlicher Musik hat William Christie und sein hervorragendes Ensemble Les Art Florissants gestern Abend das Publikum im großen Saal der Philharmonie auf Wolke Sieben im barocken Musikhimmel gebeamt. Die Bäume in Monteverdis Wald sind so verschieden und einzigartig wie seine Rhythmen und Töne,  wie Christies filigrane und blumige Arbeit an Pult, Orgel und Cembalo und wie die unterschiedlichen Gattungen und Epochen es sind, in der die Noten auf Monteverdis Partitur kamen!

Vor 450 Jahren wurde Claudio Monteverdi (1567–1643) geboren und dieses nun zu Ende gehende Jahr hat ihn überall gebührend gefeiert.  Auch William Christie hat sein immer im August stattfindendes Barockmusikfestival in Thiré (Frankreich) „Dans les Jardin de William Christie“ (KULTURA EXTRA hat regelmäßig darüber berichtet) 2017 dem göttlichen Claudio gewidmet. In der Staatsoper fand gerade letzte Woche  die Premiere von Monteverdis letzter Oper „L’Incoronazione di Poppea“ statt.

Aussagekräftig, abwechslungsreich und  eindrucksvoll war das Programm, das Christie für sein Gastkonzert in der Philharmonie zusammengestellt hatte. Komplett kann dieses wunderbare (Alters)werk – das zwei Jahre vor seinem Tod und ein Jahr vor seiner letzten Oper veröffentlicht wurde und die Musikgeschichte entscheidend beeinflusste, ja veränderte –  an einem Abend gar nicht aufgeführt werden. Sein Umfang  hat dafür gesorgt, dass der venezianische Verleger Bartolomeo Magni ein paar Jahre brauchte, bis er damit den frühbarocken Musikmarkt verschönern konnte.

Die Sammlung besteht aus einer vierstimmigen Messe, Psalmenvertonungen, Hymnen für den Vespergottesdienst, Madrigalen und Motetten. Gewidmet hat es Monteverdi Herzogin Eleonora Gonzaga, der Witwe von Kaiser Ferdinand II – an dessen Hof in Mantua Monteverdi beschäftigt war bevor der begnadete Musiker nach Venedig ging, wo er 30 Jahre als Kapellmeister am Markusdom wirken und glänzen sollte. Entstanden ist dort aber nicht nur geistlich-spirituelle Musik, ganz im Gegenteil. Monteverdis Musik bewegt sich oft ganz weit weg von der traditionellen Kirchenmusik oder sie verschmilzt mit Vertonungen von Texten großer italienischer Dichte wie Petrarca, die meist moralisierenden Inhalt beherbergen wie beim  Madrigal „O ciechi, il tanto affaticas“ für fünf Stimmen und zwei Geigen. Monteverdis Marienvesper war hier schon 30 Jahre alt.  Confitebor (Nr. 16 aus Selva morale e spirituale) ist ein Rundgesang nach französischer Manier mit Vorsänger und Ensemble. Das Lamento „Pianto della Madonna“ gehört auf jeden Fall  zu einem der Highlights dieser Sammlung und erinnert an „Il combattimento di Tancredi e Clorinda“. „Beatus vir“ für sechs Stimmen und Streicher ist Swing pur und damit ging das viel zu kurze Konzert zu Ende. Ein Musterbeispiel für den Einsatz des Generalbasses, der einen weiteren musikalischen Meilenstein von Monteverdis Schaffen  darstellt.  Dieser  „walking bass“ führt Monteverdis  Musik direkt zum  Pop und Jazz.

Der Komponist selber bezeichnete seine Kompositionen, die oft einen radikalen Stimmungsumschwung vorstellen und eine extreme Stimmbeherrschung der Sänger fordern als « Geschöpfe », die sich in seinem « moralischen und geistlichen Wald » tummeln. Leicht wird das Gehörte  zum Ohrwurm, man will zu seiner Musik tanzen oder wenigstens den Rhythmus mit dem Fuß mitangeben.

Der gebürtige US-Amerikaner William Christie kam in den 1970er Jahren nach Paris und holte die französische Barockmusik aus der Schublade. Er war es, der Rameau und Lully wieder einen Platz im französischen Musikprogramm verschaffte. 1979 gründete dieser außerordentliche Cembalist und Dirigent das Ensemble Les Arts Florissants, das heute aus der Alten Musik weltweit nicht mehr wegzudenken ist.  Gespielt wird auf historischen Instrumenten und seine Musiker, Sänger und Tänzer haben eines gemein: Sie sind alle perfekt!  Seine eigenen Opern-Produktionen werden an allen französischen Opernhäusern aufgeführt und man muss sich sehr sputen, um einen Platz zu ergattern. William Christie und sein Ensemble gehören zur Weltspitze wenn es um individuelle Barockinterpretation geht.

Anmutig und graziös, affektgeladen und streng, leichtfüßig und tänzerisch kommen sie daher. Der Tutti-Einsatz ist immer astrein, die Klänge sinnlich und glasklar. Mit stilistischem Fingerspitzengefühl,  Orgel und Cembalo gleichzeitig spielend und dabei auch noch dirigierend und selber umblätternd kann man ihn einfach nur als genial bezeichnen. Gespickt mit farbigen Ornamenten und dann wieder cremig-dickflüssig, wie ein schüchternes, durchbrochenes aber prägnantes Leuchten am  öligen Canale Grande bei Abendlicht, wie es Monteverdi über viele Jahre hinweg erlebt haben könnte.

Mehr kann man von einem Konzert nicht erwarten. Das begeisterte Publikum rang dem Ensemble zwei lange und herrliche Zugaben ab.

Hoffentlich dauert es nicht wieder ein paar Jahre bis zum nächsten Gastspiel in Berlin!

Christa Blenk

 

Les Arts Florissants

William Christie Dirigent

Sänger : Emmanuelle de Negri, Sopran ; Lucía Martín-Cartón, Sopran; Carlo Vistoli, Countertenor; Cyril Auvity, Tenor; Reinoud Van Mechelen, Tenor; Cyril Costanzo, Bass ; John Taylor Ward, Bass ; Marc Mauillon, Bass

Musiker: Emmanuel Resche, Geige; Théotine Langlois de Swarte, Geige; Cyril Poulet, Violoncello; Nora Roll, Lyrone; Douglas Breedijk, Viola, Nanja Breedijk, Harfe; Thomas Dunford, Theorbe

 

 

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L’Incoronazione di Poppea

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nach der Vorstellung

 

Vernunft und Anstand versus  Macht und Liebe

Eine goldig-schimmernde venezianische Hofgesellschaft bewegt sich auf das Publikum zu. Sie tragen Kleider aus Velázques Medinas, Halskrausen oder fantasievolle Empirekleider. Kurz darauf ziehen sie sich wieder zurück und überlassen die Bühne Tugend, Glück und Liebe (Virtù, Fortuna und Amor), die sich um die Macht der Lüfte zanken. Amor geht als Sieger aus diesem Disput hervor und will beweisen, dass nur die Liebe das Leben und den Verlauf der Geschichte bestimmen kann. Damit ist die Götterpräsenz in Monteverdis letzter Oper „L’incoronazione di Poppea“ auch schon vorbei.

Ottone ist ein Soldat in Neros Rom. Er kehrt 62 n.C. von einem Feldzug nach Hause zurück und muss erfahren, dass seine Poppea (Anna Prohaska) Neros Geliebte geworden ist. Poppea will Kaiserin werden und teilt dies Ottone auch schonungslos mit. Nero (Max Emanuel Cencic) soll auf Poppeas Treiben seine Frau, die Kaiserin Oktavia, verstoßen. Poppeas Amme Arnalta (großartig Mark Milhofer) warnt sie vor der Macht und vor den Herrschern. Oktavia (Katharina Kammerloher) ist tief gekränkt und erniedrigt und wird von ihrer Amme (Jochen Kowalksi) bearbeitet, Nero mit einem Seitensprung zu bestrafen.  Das will Oktavia aber nicht, sie will mehr, nämlich Poppeas Tod. Auch der Philosoph Seneca (Franz-Josef Selig) kann die rasende Kaiserin  nicht besänftigen und rät ihr, auf jeden Fall ihre Tugend zu bewahren.  Der Page Valletto (brillant Lucia Cirillo) beschimpft Seneca und beschuldigt ihn, doch nur Binsenweisheiten von sich zu geben. Poppea traut Seneca nicht und verleumdet ihn bei Nero. Ottone schließlich gibt seiner früheren Geliebten Drusilla (Evelin Novak) nach und denkt sich besser sie als gar nichts. Der Todesbote Liberto unterbricht Senecas Philosophieren und Letzterer öffnet sich nicht die Pulsadern sondern schneidet sich selber die Kehle durch, zuckt noch ein paar Schritte über die Bühne und fällt zu Boden.

Im ersten Akt herrscht noch eine bestimmte Ordnung auf der Bühne. Diese wird nach der Pause von einem dekadenten Chaos abgelöst. Der tote Seneca liegt blutüberströmt auf einer Drehscheibe und fährt – umgeben von Kurtisanen mit ihren Freiern, abgelegten Kleidungsstücken, Halskrausen und sonstigen Zeichen des Verfalls  – im Kreis. Nero feiert mit dem Hofdichter Lucano eine ausschweifende Orgie  und besingt Poppeas Schönheit. Diese begibt sich schüchtern und immer noch in schwarzer Reizwäsche dazu – spätestens jetzt hätte sie merken müssen, dass ihr Nero nicht gut tun wird – jedenfalls kündigt ihr die Regie dies hiermit an. Der Untergang von Rom hat gerade begonnen.

Drusilla ist überglücklich und gibt Ottone ihren Reifrock, damit dieser  endlich – getarnt in Frauenkleider –  Poppea töten kann. Er schleicht sich heran, als Arnalta gerade ein Schlummerlied für die schlafende Poppea singt.  Und nun kommt die große Stunde von Amor, der in ein rotes Herz gebettet über der Bühne schwebt und den Mord verhindert. Arnalta sieht nur Drusillas Rock und alarmiert die Wachen. Poppea überlebt, Drusilla wird verhaftet und nimmt aus Liebe zu Ottone die Fast-Tat auf sich, wofür Nero sie begnadigt. Sie darf Ottone in die Verbannung begleiten. Nun kann endlich die Hochzeit bzw. Krönung stattfinden. Nero überträgt Oktavias rote Handschuhe an Poppea, die mittlerweile mit Senecas roten Umhang ihre Korsage bedeckt und Arnalta nimmt – ein Spottlied auf die Menschen singend – Oktavias Amme die Halskrause ab, um sie sich selber umzulegen. Sie, die geborene Dienerin, wird als Herrin sterben. Nun folgt eines der schönsten Liebesduette der Operngeschichte überhaupt und gleich nach  „Pur ti miro „ verlässt Nerone mit Lucano die Bühne und lässt Poppea alleine zurück! (Die Geschichte weiß, dass Nero nur knapp zwei Jahre mit Poppea verheiratet war, dann soll er sie getötet haben aus Liebe zu einer anderen oder zu einem Kastraten ist nicht ganz klar).

Der italienische Komponist, Musiker und Priester Claudio Monteverdi lebte von 1567 bis 1643,  er war der erste Musikpionier und brachte die Renaissance-Musik in den Barock. Seine Affinität zu hohen Stimmen kommt auch bei der Krönung der Poppea wieder zum Vorschein. Hier treffen strenge Renaissance-Rhythmen auf sinnlich-greifbaren Frühbarock.

Uraufgeführt wurde diese Oper von Monteverdi 1642, da war er 72 Jahre alt, und zwar in Venedig in der Karnevalszeit. Das Werk gilt als Baustein für die zukünftige Operngeschichte und machte spätere Cherubinos oder Octavians erst möglich. Da die Oper im Karneval spielt, hat sie auch komische Einlagen, wie z.B. Vallettos Auftritt oder die Arien der beiden Ammen.

Ganz schön viel Leidenschaft für einen katholischen Priester, die Monteverdi hier auf die Bühne bringt.  Gefühle werden zu Noten. Unterhaltsam und kurzweilig geht es hier um Liebe (echte und käufliche), Eifersucht, Mord und Macht aber auch um Humor.

Die durchkomponierten Rezitative sind genauso unterhaltsam und schön wie die Arien. Hosenrollen, Rockrollen, Contertenöre und eine Bassrolle (Seneca) . Poppea ist Monteverdis  radikalste und letzte Oper, in der Rom nicht sehr gut weg kommt. Harnoncourt hat einmal gesagt, dass es in dieser Geschichte keine sympathischen Personen gibt, dass Alle amoralisch wären. Abgesehen von Drusilla, die immerhin aus Liebe den Tod hingenommen hätte, stimmt das auch. Das Libretto stammt vom italienischen Anwalt Giovanni Francesco Busenello. Eva- Maria Höckmayer (Inszenierung) und Julia Rösler (Kostüme) haben sich amüsiert und die Protagonisten ganz unterschiedliche Stile – wie beim Karneval üblich – verpasst. Licht und Bühnenbild sind von Olaf Fresse, Irene Selka und Jens Kilian. Die vier mussten zum Schluss auch ein wenig Kritik einstecken!

Der italienische Monteverdi-Kenner Diego Fasolis dirigierte die Akademie für Alte Musik Berlin an dem gestrigen Premierenabend und erntete viel Applaus.

Cencic und Prohaska sind ein perfektes Paar, sängerisch, tänzerisch und schauspielerisch.  Und wie oft im Barock, sind die schönen Arien ganz demokratisch auf alle verteilt, deshalb sind auch die Nebenrollen von Bedeutung. So ist Mark Milhofer in der  Rockrolle von Arnalta, Poppeas Amme grandios und Lucia Cirillo als Valletto bringt das Publikum zum Schmunzeln mit ihrem verbalen und körperlichen Angriff auf Seneca, der ebenfalls mit Franz-Josef Selig großartig besetzt ist. Anna Prohaska strahlt und spielt die ehrgeizige und zum Schluss ein wenig unsichere Poppea hervorragend. Max Emanuel Cencic steht ihr aber in nichts hinterher. Mühelos und scheinbar spielerisch nimmt er die sehr hohen Töne. Monteverdi hatte seine Rolle für einen  Soprankastraten geschrieben.  Seneca hat nicht Monteverdis Respekt, sondern kommt unsympathisch herüber, Oktavia ist rachsüchtig-grausam, die Ammen opportunistisch, Ottone verletzt und beleidigt, Nero zeitgenössisch, animalisch- größenwahnsinnig und sich über Alles stellend und Poppea eine ehrgeizige Arrivistin.

Das Bühnenbild tragen die Sänger am Körper. Die Lichteffekte auf der Bühne erinnern manchmal an das Licht in Venedig, wenn sich die Abendsonne im Canale Grande wiederspiegelt und die maskierten Venezianer ihre Samt und Seidenroben durch die Stadt tragen und wenn man bei den Liebesspielen mal etwas diskreter sein will, dann wird einfach ein großes Tuch vor das Paar gespannt und die Träger halten sich verschämt die Hand vor die Augen. Ansonsten befindet sich am Ende der Bühne eine große Wand, die Ottone (Xavier Sabata) vor Wut immer wieder hochrennen will (was ihm schon erstaunlich gut gelingt).

 

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Große Textverständlichkeit bei fast allen Sängern!

Eine sehr gelungene, kurzweilige Aufführung dieser menschlichen Oper bei der die Prophezeiung im Prolog bestätigt wird: Vernunft und Moral haben keine Chance gegen Macht und Liebe.

Christa Blenk

 

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Le Prophèthe – Giacomo Meyerbeer

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« Le Prophète » von Giacomo Meyerbeer, Premiere am 26. November 2017
in der Deutschen Oper Berlin, copyright: Bettina Stöß
 

Im Jahre 1849, in den Nachwehen der bürgerlich-demokratischen Februarrevolution in Frankreich, brachte Giacomo Meyerbeer (1791-1865)  seine Oper Le Prophète in Paris zur Uraufführung. Bei dieser Gelegenheit wurde übrigens zum ersten Mal elektrisches Licht für die Inszenierung eingesetzt. Frankreich pendelte zwischen Industrialisierung, Tradition und Historienmalerei und war bereit zum Sprung in die Moderne, für Debussy, Ravel oder Cezanne und Monet.  Die Aufführung wurde ein Riesenerfolg und zog unzählige Aufführungen in ganz Europa nach sich.

Meyerbeer zählte 1849  zu den bedeutendsten Opernkomponisten. Als gut 30-Jähriger ging er auf Anraten von Rossini nach einem produktiven Italienaufenthalt nach Paris. Le Prophète ist eine Revolutionsoper ohne happy-end. Sie spielt im 16. Jahrhundert und der Held oder Antiheld ist kein französischer Demokrat sondern ein holländischer Religionsfanatiker. Diese Blockbuster-Oper greift die Frage auf, wie sich jemand radikalisiert. Es geht um Gewalt, Macht und dessen Missbrauch.

Berthe kann ihrem Peiniger Oberthal, der sie nicht freigeben will um Johann zu heiraten, entfliehen und such Schutz bei ihrem zukünftigen Mann, dem braven und langweilige Wirt Johann von Leyden. Letzterer allerdings  liefert sie – um seine Mutter zu retten -  wieder dem brutalen Grafen aus. Der Stress um diesen Gewissenskonflikt und der Verrat an seiner Liebsten wirft den Labilen so aus der Bahn, dass er sich von den radikalen und opportunistischen Wiedertäufern zum Propheten küren lässt, das Unheil nimmt seinen Lauf und lässt  Massenaufstände und Großbrände zurück.

Die lautmalerischen Ohrwurmmelodien um Exotisches, Religiöses, Politisches, Fremdes und trotzdem Greifbares, waren die Zutaten für diesen Erfolg. Wirklich gut und gläubig ist eigentlich nur Fidés (das ist sie ja schon ihrem Namen schuldig). Alle anderen sind nicht mal ansatzweise religiös oder verfügen über eine gewisse Moral. Die drei Wiedertäufer sind  zwielichtige Gestalten und drehen sich nach dem Wind. Johann interessiert sich eigentlich für gar nichts außer für seine Eitelkeit und der Graf Oberthal ist sowieso ein grausamer Schurke.

Für die Sänger ist diese Oper, die heutzutage aus gutem Grund eher selten aufgeführt wird, eine langatmige Herausforderung und wird im Verlauf von vier langen Stunden eher schwieriger.

Unglücklich und unerträglich die 15 Ballettminuten zu Beginn des 3. Aktes. Aber Olivier Py hat auch sonst alles getan, dass man froh ist, wenn man endlich gehen darf. Zwischen halbnackter Soldatenerotik rennen die Protagonisten konzeptionslos und unordentlich herum und die Szenen wiederholen sich sowie der Eimer Wasser für das Waterboarding  immer bereit steht. Und täglich grüßt das Murmeltier! Ständig wird jemand misshandelt oder missbraucht und dazu weht dann im Andenken an Jeanne d’Arc die französische Fahne im Takt. Und natürlich war auch wieder der obligatorische Hund auf der Bühne, aber wenigstens hat er uns dieses Mal vor den Panzern verschont. Auf der grauen Plattenbauten-Drehbühne wird die Intimissimi-Werbung im Verlauf der Freiheitsreduzierung von Postern des Felsendoms und Fotos der Milchstraße abgelöst. Dann hüpft ab und zu ein Engel mit Pappflügel über die Bühne und verkündet die Wahrheit. Viel déjà-vu!

Der Italiener und belcanto-Experte Enrique Mazzola hat das Orchester der Deutschen Oper Berlin dirigiert. Farbenfroh und laut ging es zu und die Solisten kamen permanent an ihre Grenzen und waren zum Schreien verurteilt. Der Chor der Deutschen Oper Berlin war ausgezeichnet. Gregory Kunde sang und schrie leidenschaftslos den beeinflussbaren Jean de Leyde, Clémentine Margaine war Fidés. Sie hat schwierige Arien aber sogar als Französin sang sie total textunverständlich – wie alle anderen übrigens.  Elena Tsallagova war Berthe, Seth Carico war Graf Oberthal. Die drei Wiedertäufer Derek Welton, Andrew Dickinson, Noel Bouley waren recht gut.

Enttäuschende Produktion.

Christa Blenk

 

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Hauskonzert in Zehlendorf

 
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 Man-Yi Guo, Daniel Pacitti, Shih-Cheng Liu

 

Das kleine Sternbild Kreuz des Südens (Cruz del Sur) war schon in der Antike von großer Bedeutung  und wohl im Alten Griechenland noch vom Mittelmeer aus zu sehen. Die europäischen Seefahrer und Eroberer nannten es das Kreuz des christlichen Glaubens, und weil man in der südlichen Hemisphäre den Polarstern nicht sehen kann war das Cruz del Sur ein unverzichtbares Instrument, um sich am Südhimmel zu orientieren.  

Am Rio de la Plata, wo die Flüsse Rio Paraná und Rio Uruguay in den Atlantik fließen gibt es sehr heiße Sommer und wenn man es drinnen gar nicht mehr aushalten kann, verbringt man die Nacht einfach im Freien – unter den Sternen. Und dort hat Daniel Pacitti als Fünfjähriger zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Kreuz des Südens gemacht. Seitdem begleitet ihn dieses Sternbild des Südhimmels und hat jetzt mit der originellen Komposition La Cruz del Sur auch Einzug in seine Musik gefunden. Gestern Abend wurde es zum zweiten Mal aufgeführt.

Das Stück La Cruz del Sur entstand 2016 und ist eine Suite für Flöte und Klavier, eine Bearbeitung wiederum von Pacittis Werk gleichen Namens für Stimme, Chor und Ensemble. Die Suite besteht aus sechs Sätzen: Copla-Baguala beginnt mit viel temperamentvoller Landschaft und unterschiedlichen Rhythmen, ein Dialog, der immer wieder auf einen Punkt zurückkommt. Er wird abgelöst von dem leicht jazzigen Saya. Der dritte Satz ist ein verführerischer Tanz auf einer Kirmes und heißt Bailecito y Rito. Er beginnt mit Walzertakten und geht dann über zu Tangorhythmen. Die Querflöte von Shih-Cheng Liu bringt plötzlich Trompetentöne hervor und man wartet gespannt bis die Karusselmusik einsetzt oder Jemand auf den  „Hau den Lukas“ hinweist. Aber es endet wohl mit einer Hochzeit!

Nach der Pause geht es weiter mit Malambo, hier tanzt die Querflöte mit den Händen der Pianistin um die Wette. Vidalista wird sentimental und ein wenig melancholisch und mit Zamba und Culto geht die Reise temperamentvoll und delikat zu Ende. Die Rhythmen verändern sich wie sich der Sternenhimmel im Verlauf der Nacht verschiebt und immer ein anderer Stern oder Rhythmus die erste Geie spielen darf. Manchmal meinen wir sogar Töne der Peking-Oper heraus zu hören.

Pacitti ist ein Gratwanderer und hat mit La Cruz del Sur den kompletten südamerikanischen Kontinent eingefangen. Ein fröhlich-melancholisches Leben, Tanzen, Träumen, Spielen und Verführen. Die Musik erzählt von der Begegnung mit den Sternen, kommt aber immer wieder zurück zu der Erdverbundenheit der südamerikanischen Rhythmen, von denen es so unglaublich viele gibt. Plötzlich donnert der Iguazú herunter, es rauscht und poltert bis es leise in das Flötenspiel des Schäfers Pan mündet. Dann und wann deutet Pacitti die Musik des 20. Jahrhunderts an, kommt aber gleich wieder zurück zu den traditionellen argentinischen und südamerikanischen Tönen.

Eingeleitet wurden die beiden Konzertteile jeweils mit den bezaubernden Querflötenstücken Andinas para Flauta Nr. 1 und Nr. 2. Shih-Cheng Liu begibt sich hier direkt unter das Firmament!

Der Komponist und Dirigent Daniel Pacitti ist in Argentinien von italienischen Eltern geboren. Studierte in Buenos Aires, Mailand und Paris. Er verehrt Ravel und Bach und baut ständig Brücken zur Musik seiner Heimat. Pacitti  spielt selber ganz wunderbar eigene und traditionelle Tangos am Bandoneon. Vor ein paar Monaten wurde hier in Berlin sein Luther-Oratorium „Wie sind Bettler“ in der Philharmonie uraufgeführt.

Die beeindruckenden und virtuosen Interpreten Shih-Cheng Liu (Querflöte) und Man-Yi Guo (Piano) kommen beide aus Taiwan, leben und arbeiten aber zurzeit in Berlin und Chemnitz.  Shih-Cheng-Liu verwächst mit seiner werbenden Querflöte, wird zum betörenden Ton und verzaubert das Publikum mit seiner Interpretation der argentinischen Musik. Vielleicht spielt hier Jungs kollektives Unbewusste eine Rolle, schließlich kamen Shih-Cheng Lius Cousins vor vielen Jahren über die Beringstraße an den Rio de la Plata und haben vielleicht – wie Daniel Pacitti – das Kreuz des Südens in heißen Sommernächten gesehen.

Ein wunderbares Geschenk dieser Konzertabend im kleinen Kreis. 

 Daniel Pacitti
Daniel Pacitti und sein Bandoneon

Mehr: Kreolischer Tangoabend

Mehr: Wir sind Bettler

Christa Blenk

 

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Humbug – OPERALAB Berlin

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„Wer will nochmal, wer hat noch nicht“

Humbug

Der US Zirkuspionier, Kulturmanager und Marketing-Genie  P.T. Barnum alias Prince of Humbugs (wie er sich selber nannte) kaufte 1841 das Amerikanische Museum in New York. Dort präsentierte er seine Wunderkammer und allerlei seltsame Lebewesen – wobei es nicht immer ohne Tricks zuging. Im Laufe seines Direktorendaseins füllte er jedenfalls die Kassen und lockte 38 Millionen Besucher mit seiner Mischung aus Völkerkunde, seltsamen Lebewesen, kleinen Schwindeleien und exotischen Gegenständen in das Museum.

Bei dem Stück Humbug geht es um den Mythos der Meerjungfrau und Barnums größten Coup. Wir zahlen unseren Obolus und treten ein in die Freak-Show. In der Mitte auf einer Bühne liegt das Fabelwesen und redet auf eine Büste ein, sie wartet auf ihre Erlösung. Die drei Frauenstimmen sind dreimal die Person von Barnum (Gina May Walter und  Nina Guo, Sopran) und Luise Lein, Mezzo – manchmal übernimmt eine der Protagonisten in eine andere Rolle, so wird z.B. Luise Lein kurzfristig zum Seefahrer Odysseus, der sich von Barnum Nr. 1 fesseln lässt, um den Verlockungen der Sirene zu entkommen. Singen kann diese Fischfrau allerdings nicht, denn man hat ihr vorher die Stimmbänder aus dem Mund gezogen.  Ab und an wird sie mit Plastik gefüttert.

Aber zu diesem Kuriositätenkabinett gehören auch auf die Musiker, die sich vor ihrem Einsatz dem Publikum präsentieren. Da ist die bärtige Frau (Evdoxia Fillipou, Schlagzeug), der Mann mit Brüsten (Pedro Pablo Camara Toldos, Saxophon) und Mia Bodet am Keyboard, die eine Art rosaroter Menschenaffe sein könnte. Die drei Zirkusdirektoren tragen bunte Jacken mit Kordeln und Zylinderhut. Irgendwann wird unsere Meerjungfrau sehr gekonnt aus der schwarzen Plastikmülltütenhülle geschält und scheint erlöst. Unsicher und mühsam versucht sie immer wieder auf die Beine zu kommen bzw. zu flüchten, was die Direktoren natürlich nicht zulassen wollen, denn sie sorgt ja schon für gute Einnahmen.

Zum Schluss sitzt das Fabelwesen, eine Mischung aus Sirene, Udine und Andersens kleiner Meerjungfrau, auf einem Hocker. Sie hat nun Beine, aber immer noch keine Stimmbänder und zerlegt ganz kunstvoll eine Dorade, während die drei Sängerinnen im minimalen Loop-Stil und beeindruckenden Stimmen ihre Verse singen.  Dann hält sie uns die Fischgräte hin, die wie eine Meerjungfrau  aussieht.

Großartige Leistung der Meerjungfrau (Margaux Marielle-Tréhouart). Sie entwarf auch die Choreografie.

Opera Lab Berlin im Ackerstadtpalast hat aus einem fünfteiligen Liedzyklus des österreichischen Komponisten Bernhard Lang (*1957) eine Musiktheater-Kurzoper für Frauenstimme und drei Instrumente arrangiert. „Songbook I“ für Frauenstimme, Saxophon, Keyboards und Schlagzeug entstand schon im Jahre 2004. 2017 hat er sie überarbeitet und diese Version im Ackerstadtpalast nun zur Uraufführung gebracht. Die Lieder „Watchtower“, „Ophelia“, „Count 2 4“, „Burning Sister“ und „Another Door … for Jenny“ sind der Sängerin Jenny Renate Wicke gewidmet, die 2007 verstarb.

Regie führte Michael Höppner, die fantasievollen Kostüme entwarf Aurel Lenfert. Musikalische Leitung hatte David Eggert.

Auf jeden Fall haben wir uns köstlich amüsiert, obwohl die Musik durch das aufregende Geschehen in der Zirkus-Freak-Show zu kurz kam. 

Das Ensemble für zeitgenössisches Musiktheater, Opera Lab Berlin, gibt es seit 2013.  Humbug ist die neunte Produktion (IM FELD#9).

Nicht ganz zu verstehen war, warum die Hocker an das Publikum erst dann verteilt wurden, als es sich alle schon auf dem Boden bequem gemachten hatten. Aber das gehörte sicher auch zur Inszenierung …..  ….

Christa Blenk

 

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Satyagraha

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nach der Vorstellung

 

Geduldige Offenheit

Die dritte Oper von Philipp Glass, Satyagraha, wurde 1980 als Auftragswerk der Oper Rotterdam dort uraufgeführt. Das war vor der Zeit seiner bekannten und eher kommerzielleren Filmmusikkompositionen wie Koyaanisqatsi (1983) und Pawaqqatsi (1988). Ursprünglich  nicht als Tanzstück geschrieben, erzählt es Szenen aus den jungen Jahren von Gandhi, vor allem aus seiner Zeit als Rechtsanwalt und Friedenskämpfer in Südafrika. Satyagraha ist ein Paradebeispiel der Minimal Music. Der Text ist aus der Bhagavad Gita, einer fundamentalen Schrift des Hinduismus. Das Libretto hat der Komponist zusammen mit Constance DeJong geschrieben.

Gandhi selber hat den Begriff Satyagraha gefunden, um seine Strategie der Gewaltlosigkeit zu manifestieren. Satyagraha ist der Inbegriff der geistigen Stärke und der friedlichen Konfliktlösung. Ein „beharrliches Festhalten an der Wahrheit“. Beharrlich, das passt auch auf die Musik von Glass.

Das Werk entfaltet sich wie ein Leporello und klappt immer wieder eine andere Seite aus Gandhis Leben auf. Wobei es nicht chronologisch zugeht oder irgendeiner Ordnung folgt. Die Szenen hängen auch nicht zusammen, jede Geschichte kann alleine so stehen bleiben und ist unabhängig.

Der erste und zweite Akt besteht je aus drei Teilen, wobei der erste Akt Tolstoi und der zweite dem Dichter und Nobelpreisträger Tagore gewidmet ist. Beim dritten Akt hat Gandhi an Martin Luther King gedacht, dessen Konzept teilweise auf Gandhis Ideen beruhte. Hier geht es um die Aufstände der Minenarbeiter in Newcastle. Die Tänzer bewegen sich systematisch über die Bühne und verteilen spiralförmig-endlos Kreidestaub auf der Bühne. Großartig das Kapitel der Indian Opinion oder die Identitätspapier-Verbrennungsszene.

Auf der Bühne gibt es nur Stahlseile, die von oben nach unten führen, manchmal die Plattform in eine beunruhigende Schräglage bringt oder sie in Ober- und Unterwelt trennt aus der die sich windenden Hände und Beine unterdrückter Arbeiter oder Menschen ausbrechen wollen. Sehr starke, schöne und bewegende Bilder.

Sidi Larbi Charkaoui lässt die Tänzer und Tänzerinnen des Eastman Ensemble Geschichten durch Bewegung erzählen und Handlungen beschreiben. Aggressiv, harmonisch und  religiös – ein permanenter Wechsel zwischen Sieg und Niederlage und Gandhi  (Stefan Cifolelli, sehr lyrisch-religiös und überzeugend) ist immer mittendrin. Die Kostüme sind kolonial-indisch, so trägt Miss Schleser weite Hosen, Cottonshirt und einen Tropenhut, während die anderen in weißen Saris rumlaufen. Der Chor musste sich in Tai-Chi-ähnlichen Bewegungen üben, die große Ruhe und Harmonie verbreiteten.

Die Bühne wirkt manchmal fast zu klein für den Massenandrang. Dieses Gewusel geht nicht mit Minimal Music möchte man meinen. Das ist aber nicht der Fall: Musik, Sänger und Tänzer bewegten sich nahezu gleichberechtigt durch unterschiedliche Lebensphasen und Geschehnisse in Gandhis Wirken. Die Tänzer erklären was die Solisten singen. Mehr noch, fast kann man sich nicht vorstellen, diese Oper ohne Cherkaouis Regie zu erleben. Kontrolliert-ruhig, dynamisch und sehr rhythmisch sind die Bewegungsabläufe, auch wenn sich im Verlauf des Abends vieles wiederholt, aber das trifft auch auf die Texte und auf die Musik sowieso zu. Eine religiöse und kontrastreiche, mikroskopisch sich voran bewegende Hypnose liegt über allem.

Cherkaouis Choreografien setzen sich eigentlich immer aus Elementen verschiedenen Kulturen oder Religionen zusammen. Das haben wir schon bei dem Stück Sutra gesehen, wofür er vor ein paar Jahren einen Balletpreis bekommen hat.

Die Solisten Cathrin Lange (Miss Schlesen), Mirka Wagner (Mrs. Naidoo), Karolina Gumos (Kasturbai), Tom Erik Lie (Mr. Kallenbach) waren durch die Bank sehr überzeugend und haben sich in der Rolle wohl gefühlt.

Philipp Glass kam durch den Schallplattenladen seines Vaters in Baltimore zur Musik. Dieser brachte immer Platten aus seinem Laden  mit nach Hause brachte, die sich nicht gut verkauften, darunter waren Werke von Schönberg oder Hindemith. Glass ist eine Art Wunderkind, das schon mit 10 Jahren in einem lokalen Orchester spielte. Er studierte aber dann trotzdem erstmals Mathematik und Philosophie in Chicago und befasste sich durchaus und intensiv mit der Zwölftontechnik, die er aber für seine Musik ablehnt. 1965 begegnete er in Paris dem indischen Komponisten und Musiker Ravi Shankar, machte einige Transkriptionen für ihn und kam so in Kontakt mit dem asiatischen Rhythmus- und Zeitverständnis.

Jonathan Stockhammer am Pult hat der Monotonie Odem und Rhythmus eingehaucht und trotzdem Glass‘ langsamen, ruhigen Fluss respektiert.  Die Eastman-Tänzer nahmen persönlich an Gandhis Aufmärschen und Protesten teil und die standing ovations zum Schluss gehörten gleichermaßen dem Orchester, den Solisten, Tänzern und Chor, die großartig zusammen agierten.  Und trotz obsessiven Wiederholungen und gesungenen Endlosschleifen vergingen die 3 ¼ Stunden wie im Flug .

« Geduldige Offenheit » verlangte die Dramaturgie-Assistentin vom Publikum nach der Einführung. Es hat funktioniert, denn auch bei der Aufführung am 5.11. gab es fast nur begeistertes Publikum.

Satyagraha entstand als Koproduktion des Theater Basel, der Komischen Oper Berlin und der Vlaamse Opera in Antworten und Gent.

Christa Blenk

 

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La BETTLEROPERa

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Balletto Civile nach der Aufführung von La BETTLEROPERa
 

La BETTLEROPERa

„Der Räuber als perfekter Bürger und der Bürger als perfekter Räuber“

John Greys Beggar’s Opera  wurde 1728 in einem Londoner Theater uraufgeführt – als Persiflage auf Händels Opern, die sich an die gebildete Oberschicht, zu der Grey allerdings auch gehörte, richteten. Ein anderes Publikum  ins Theater zu holen war auch der Wunsch von Kurt Weil und da das neue Theater am Schiffbauerdamm ein knackiges Stück für die Eröffnungspremiere brauchte, schrieb Berthold Brecht die Texte auf der Basis von denen von Grey.

Die Dreigroschenoper wurde zum größten Theatererfolg in den 1920er Jahren. Die Idee zu diesem Titel kam übrigens von Lion Feuchtwanger.

Das Stück spielt im Räuber- Hehler-, Falschspieler und Prostituiertenmilieu. Die Tochter des Hehlers Peachum, Polly, hat heimlich den Don Juan, Banditen und Widersacher von Peacham, Macheath, geheiratet. Man beschliesst, ihn zu hängen. Polly verhilft ihm zur Flucht, aber Mrs Trapes, die bei Brecht/Weil Spelunken-Jenny heisst, verrät ihn. Lucy, die Tochter des Gefängniswärters und auch verliebt in Macheath streitet sich mit Polly, die darauf besteht, seine Frau zu sein. Das lieto fine  bei Grey und Brecht wird hier nicht wiederholt. In der Produktion der Neuköllner Oper landet  Macheath kunstvoll durch la Sig.ra Trappola drapiert, am Galgen. Der Bettlertanz am Ende ist großartig.

Das bis heute bei Brecht aufgeführte Vorspiel, die Moritat von Macheath alisas Mackie Messer, ist bei der BETTLEROPERa der Auftritt der Bordellbesitzerin, Mrs Trappola, die einen umwerfenden und akrobatischen Vortrag über das Leben und die Bedeutung von allgemein Huren hält.

Moritz Eggert hat 28 Songs geschrieben, die aber keine zusammenhängende Oper bilden und das auch noch in Deutsch, Englisch und Italienisch. Die Musik durch das 4-köpfige Ensemble Freiraum Syndikat, besteht aus zwei Blockflöten, einer E-Gitarre und einem Cello, die zwei Stunden lang kuriose und schroffe, kratzende und dann wieder ganz harmonische oder streitsüchtige Töne hervorbringen,  schließlich spielt es ja auch in einem deftigen Gangster-Milieu. Sehr abwechslungsreich geht das von romantisch-moralischen Balladen bis zu flotten Tanzszenen. Eggert hat sich auch nicht gescheut, einige bekannte Melodien aus der Musikgeschichte wie „Diamonds are a whore’s best Friend“ oder „We are the Chamions oft he Underworld“ mit einzubeziehen. Auf jeden Fall gab es meistens viel (un) kontrollierten Lärm aber durchaus Assoziationen mit Weils schräger und zum Teil disharmonischer Musik.

Zeitweise hat man Schwierigkeiten, diesem „brownschen“, konfusen Musik-, Tanz- und Theaterstück zu folgen, denn es passieren permanent zur gleichen Zeit mehrere Handlungen. Und obwohl es wie gesagt kein Happy End gibt, ist die Stimmung großartig auf der Bühne und im Zuschauerraum!

Für Eckert ist dies schon die zweite Produktion für die Neuköllner Oper. Man hat sich dazu das ausgezeichnet, italienische Balletto Civile ins Boot geholt, die Pasolini und Fellini im geistigen Gepäck mitbrachten. Dafür hat Sabrina Rossetto mit einem minimalen Bühnenbild und wenig Farben für optische Ruhe gesorgt. Ab und zu wurden die Aufzugskabinen für die Freier erhellt oder das fahrbare Gefängnis über die Bühne gerollt, meistens mit Macheath drin. Regie und Choreografie stammen von der Pina Bausch-Schülerin Michela Lucenti und von Maurzio Camilli sowie Bernhard Glocksin. Lucenti und Camilli spielen auch das Ehepaar Peachum. Nicole Kehrberger als Mrs. Trappola ist einzigartig und umwerfend gut. Christopher „Crsto“ Ciraulo ist ein großartiger, sich drehend und wendender und doch sanftmütiger Macheath. Polly (Emanuela Serra) ein unschuldiges Dummerchen und Lucy (Sophia Euskichen) eine rachsüchtige Betrogene. Die Kleinverbrecher und die Prostituierten kommen aus der Freien Theaterszene Berlins. Richtig singen kann eigentlich keiner von ihnen, aber es ist ja auch eine Oper für Alle!

Dieses brillante Stück, mit dem die Neuköllner Oper ihr 40-jähriges Bestehen feiert, könnte durchaus ein Kult-Stück wie die Rocky Horror Picture Show werden. 

Christa Blenk

 

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L’Invisible – Aribert Reimann an der Deutschen Oper

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L’INVISIBLE von Aribert Reimann, Deutsche Oper Berlin,
Uraufführung: 8.10.2017, copyright: Bernd Uhlig

L’Invisible – Trilogie lyrique nach Maurice Maeterlinck
Unsichtbarer Tod
Am  8. Oktober fand die Uraufführung von Aribert Reimanns neuerster Oper L’invisible (Das Unsichtbare) in der Deutschen Oper statt. Am Pult Donald Runnicles. Für die Deutsche Oper – zu recht – der Triumph der Saison!Drei kurze Theaterstücke des symbolistischen, belgischen Dichters Maurice Maeterlinck ( 1862-1949) hat Aribert Reimann (*1936) zu einem nicht zusammengehörenden Werk , das durch das Thema Tod zusammen wächst, verbunden und somit für  90 spannende, beunruhigende  und nachdenkliche Minuten gesorgt.  Dreimal hat er hier ganz unterschiedlich lautmalerisch den Tod behandelt, immer anhand von Personen, die noch viel zu jung dafür waren.Im ersten Stück « L’Intruse » (Der Eindringling) sitzt die gut bürgerliche Familie beim Abendessen. Sie singen nervös durcheinander, um das sich ankündigende Drama zu vertuschen, denn die Mutter liegt im Nebenzimmer und hat sich noch nicht von der Geburt ihres Kindes erholt. Außer dem blinden Großvater wissen alle anderen, dass sie das auch nicht mehr tun wird.  Mit ihrem letzten Atemzug gibt das Neugeborene endlich einen Laut von sich und tritt ins Leben ein. Der Übergang zum nächsten Stück „Intérieur“ geht nahtlos; eine Tür geht auf und zwei Männer kommen herein, der eine noch ganz nass und wir erfahren erst später, dass er jemanden aus dem Wasser ziehen wollte. Im Hintergrund sehen wir ein Wohnzimmer, in dem eine glückliche Familie gerade den Weihnachtsbaum schmückt. Die beiden Männer  wissen nicht, wie sie der Familie den Selbstmord ihres Kindes beibringen sollen.

Teil drei „Tintagiles Tod“ – ist das komplizierteste und schönste Stück im Werk. Hier wird ein kleiner Junge zwischen Alptraumvisionen und Bilderbüchern vom Tod geholt, so wie es aussieht, durch einen Autounfall. Überall herrscht deprimierte Unausweichlichkeit und wütende Unvermeidbarkeit. Keine List kommt gegen den Tod an. Alle drei gehören sie ihm. Es ist eine Art unabwendbarer und symbolischer Existenzialismus, der die Bühne beherrscht. Die Hintergründe der Geschichten werden anhand von Scherenschnitten und Schattenspielen an den Wänden erzählt.

Manchmal rutschen die Geschichten ein wenig ins Pathetische ab, das nimmt ihnen  aber nichts weg, mehr, es kann gar nicht anders sein.

Aribert Reimann (*1936) hat jede Szene mit den passenden Tönen begleitet und auch hier wieder Weltliteratur ins Spiel gebracht, ähnlich wie er das bei Garcia Lorcas „Bernarda Albas Haus“ auch getan hat. Mit dem russischen Regisseur Vasily Barhkatov hat er sich einen neuen Regie-Star für die Inszenierung ausgesucht.

Großartig die Sänger, die in verschiedenen  Rollen und unterschiedlichen Instrumentationen auftraten. Einmal sind es die Streicher, die den anschleichenden Tod herbei holen;  im zweiten Teil begleiten die Holzbläser die Ankündigung des Selbstmordes. Und im dritten Teil verhindert das sich aufbauende komplette Orchester die Rettung des Kindes. Die Countertenöre Tim Severloh, Matthew Shaw und Martin Wölfel treten als unerbittliche  Todesboten auf. Die Sopranistin Rachel Harnisch singt dreimal die weibliche Hauptrolle. Sie hat schon öfter mit Reimann gearbeitet.   Auch Stephen Bronk hat unterschiedliche Rollen wie den blinden Großvater. Weiter dabei waren Seth Carico und  Thomas Blondelle sowei Ronnita Miller in der Rolle der Dienerin und die Mezzosopranistin Annika Schlicht als Marthe und als Bellangére, die ihren Bruder Tintagiles nicht retten kann.

L’invisible  ist Aribert Reimans neunte Oper. Vier davon hat er als Auftragswerk für die Deutsche Oper geschrieben.

Christa Blenk

 

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Musikalisches (Reformations)Wochenende in Leipzig

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In der Leipziger Thomaskirche findet jeden Samstag um 15.00 Uhr die « Motette » statt. Am 28. Oktober 2017 war sie natürlich auch der Reformation gewidmet. Vor der Missa choralis für Soli und Chor, die Franz Liszt 1865 komponierte, wurden fünf Choralvorspiele von Martin Luther abgeführt. Der Höhepunkt dieser Motette war allerdings die Bach Kantate BWV 79 « Gott der Herr ist Sonn und Schild » durch das Collegium vocale und instrumentale Bochum unter Leitung von Hans Jaskulsky. Bach hatte sie zum Reformationsfest komponiert und sie wurde am 31.10.1725 in der Leipziger Nikolaikriche uraufgeführt. Die Solisten waren Susanne Martin (Sopran), Jud Perra (Altus) und Joachim Hochbauer (Bass) unter Mitwirkung von Thomasorganist Ullrich Böhme.

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 Oper Leipzig

Abends ging es dann in die Oper, obwohl Mozarts « Nozze di  Figaro » natürlich nichts mit der Reformation zu tun hat. Matthias Foremny dirigierte das Gewandhausorchester und den Chor der Oper Leipzig.  Regie führte Gil Mehmert. Hervorzuheben vor allem die ukrainische Sängerin Olena Tokar als wunderbare, frische und mutige Susanna. Graf Almaviva war Mathias Hausmann und Sejong Chang war ein umwerfender Figaro. Großartige und sehr amüsante Aufführung.

 

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 Bachdenkmal vor der Thomaskirche

Am Sonntag dann schließlich um 11.00 Uhr die Orgelmatinee « Ein feste Burg ist unser Gott » im Gewandhaus Leipzig am Rande des Orgelfestivals « Reformation – Revolution » – wegen der wir nach Leipzig gefahren sind. Matthias Eisenberg improvisierte eine gute Stunde über Lieder Martin Luthers.

Trotz Hurrican, Sturm und Regen hatten es die meisten Zuhörer geschafft, pünktlich im Gewandhaus zu sein um diesen Ausnahmemusiker zu erleben. Eisenberg hatte das Amt des Gewandhausorganisten mit Eröffnung dieses am Augustusplatz 1986 nicht mehr weitergeführt, da er nach einer Konzertreise mit dem Bach-Orchester nicht mehr nach Leipzig zurückkehrte. Nach der Wiedervereinigung trat er allerdings immer wieder mal in Leipzig auf aber sein Come-back an der Gewandhausorgel feierte er erst  2001.

Der exzentrische und brillante Musiker Matthias Eisenberg tritt ganz zurückhaltend und leise auf. Er ist eine Improvisations-Ikone und ein Improvisationsgenie. Eisenberg verwächst mit seiner Orgel und ersetzt teilweise ein ganzes Orchester!

Außerordentliches und unvergessliches Orgel-Erlebnis.

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Matthias Eisenberg nach der Improvisations-Matinee

Christa Blenk

 

PS Der Bahnhof der Sächsisch-Bayerischen Eisenbahn-Compagnie wurde im Jahre 1841 gegründet. Die Strecke Leipzig-Hof – mit einem Abstecher nach Zwickau sollte damit abgedeckt werden. Schon 1847 wurde die Gesellschaft aufgrund finanzieller Probleme verstaatlicht.

 

 

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Elektra – Deutsche Oper

Die Premiere dieser Elektra-Produktion der Deutschen Oper fand schon im November 2007 statt. Die Aufführung am 19.10. dirigierte Ulf Schirmer für den erkrankten Donald Runnicles.

« Wo bleibt Elektra? » Fragt die Magd, gekleidet wie alle anderen Mägde, mit einem kleinen Schwarzen! Elektra wohnt im Müllkeller, und um das zu verdeutlichen, fallen ab und zu schwarze Klumpen durch den Müllschlucker und die Protagonisten waten durch die Schweinestreu.

Bei diesem Einakter geht es vor allem um drei Frauen.  Um Klytämnestra, die Mutter und ihre zwei Töchter, Elektra und Chrysothemis. Die Geschichte stammt aus der griechischen Mythologie. Der Vater ist Agamemnon, der König von Mykene, der von seiner Frau und deren Geliebten erschlagen wurde. Elektra kann das nicht verzeihen und sinnt auf (Blut)Rache. Besessen und trauerunfähig vor Hass, will sie Vergeltung.  Um diese zu vollziehen, muss sie auf die Rückkehr von Orestes warten. Während die jüngere Schwester nicht ihre Jugend und Schönheit, wie Elektra, verlieren will, sondern davon träumt eine Familie zu gründen, kennt Elektra nur Rache und Tod. So geht es auch Orest, der durch das Orakel von Delphi nach Hause geschickt wird, um die Blutrache an Klytämnestra und Aegisth zu vollziehen. Diese  tiefenpsychologische Handlung endet mit einem seltsamen Triumphtanz, den der Regisseur hier auf viele Tänzerinnen verteilt, die sich alle im Schlamm wälzen, hinfallen und wieder aufstehen.

Kirsten Harms hat diese Elektra in eine Art Abfallraum verfrachtet und so fallen auch dann und wann schwarze  Klumpen durch den Müllschlucker auf sie herunter – das nimmt sie aber gar nicht zur Kenntnis.  Die Wände sind große graue Stahlplatten, die sich an den Seiten öffnen lassen, damit die anderen das Gefängnis verlassen können. Elektra trägt ein weißes Hemdchen unter einer schmutzigen, verwahrlosten Jacke, ihre Schwester ein schwarzes Cocktailkleid und Klytämnestra (Doris Soffel), sieht wie eine alt gewordene Drag Queen aus; sie trägt als einzige Farbe und spielt ihre Rolle hervorragend. Die Männer tragen zu große Anzüge. Elektra (Catherine Foster) ist immer präsent und bringt auch schauspielerisch eine großartige Leistung. Klar und immer auf den Punkt schmettert sie ihren Frust in die Welt, unbeugsam und existenziell. Aber auch die Schwester Chrysothemis (Allison Oakes) hat kein Problem sich gegen die große, gewaltige Musik, von Schirmer dirigiert, durchzusetzen. Aegisth ist Clemens Bieber und Orest Tobias Kehrer.

Die Uraufführung dieses vielseitigen und virtuosen, hochdramatischen, musikalischen Krimis, fand im Januar 1909 in Dresden statt. Hugo von Hofmannsthal (1864-1949) hat das Libretto dazu geschrieben.

 

griechisches Theater

 

Christa Blenk

 

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Fuck the facts – Neuköllner Oper

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Neuronen, Binärcodes und Bytes sausen und rechnen im Schnelldurchlauf über die Wand. Botschaften darauf sind fast nicht zu lesen, so schnell geht es. Bevor man etwas verstanden hat, ist es schon wieder vorbei, bzw. hat sich weiter entwickelt.

Und so geht das eine gute Stunde – so lange dauert die Aufführung. Wie ein frischer Wind weht sie an uns vorbei. Da einzig Verlässliche ist Händels Messias Musik, die stimmgewaltig und mit gekonnter Leichtigkeit von den umwerfenden Darstellern ins Publikum geschmettert wird.

« Willkommen im Zeitalter der Selbstermächtigung. Einfach den Rechner anschalten und twittern, posten und trollen was das Zeug hält. Self-entitlement worldwide, das galt für die Virtual Spaceriders des Artischocken-Kultes schon immer. Motto: Make Internet great again! Aber was passiert, wenn die Artischocken sich gegenseitig an die Gurgel gehen? Um einen Wald in ein Häuflein Asche zu verwandeln braucht es nur eine Zigarette. Um das Internet brennen zu lassen braucht es nur einen tweet. Ob Fake, ob Fakt oder Fiktion? Egal, ICH habe gesprochen. ICH brauche keine Gegenrede, ICH bin schon Demokrat. Fuck the facts, you`re not my Dad! Unsere fiktive Geschichte spielt (auch) mitten in Berlin. / Informiert durch einen wahren Fall zwischen messianischer Heilserwartung und tribal justice im Global Village. Wir fragen: Wer spricht eigentlich da draußen im privatisierten Internet-Gericht? Wer sind die selbsternannten Cyber-Sheriffs? Und warum haben sie uns ein großes Holzpferd mitgebracht? » (Quelle: Neuköllner Oper)

Aber worum geht es eigentlich? Es geht um Hacker, Verrat, Überwachung und Versprechen, meist um die nicht eingehaltenen. Und um Opfer, die man bringen muss, damit sich etwas ändert. Robespierre, der strenge Jakobiner (aber Jake heißt nicht wegen ihm so sondern wegen Jacob A.),  hat das auch so gesehen. Um ihn zu zitieren, hat die Party auch in Kleidern aus seiner Zeit stattgefunden und die Verse imitierten den Rhythmus des 18. Jahrhunderts, den von Voltaire oder Schiller, diese haben ebenfalls mit scharfem Blick, Spott und Sarkasmus die Missstände ihrer Zeit kritisiert. Aber die Errungenschaften unseres Jahrhunderts ermöglichen natürlich viel mehr (Überwachungs)Möglichkeiten. Leicht und spritzig ist die Aufführung, geht in die Tiefe ohne schwerfällig zu werden. Die Geschichte verliert sich dann doch sehr schnell – wie wäre es anders zu erwarten – im allzu Menschlichen, aber einiges muss  man dann doch ernst nehmen!

Basieren tut das Ganze auf einer Materialsammlung der Journalistin Anna Catherin Loll über den Fall des US Journalisten und Internet Hackers Jacob Appelbaum.  Großartig kommen die vier Darsteller Allen Boxer, Hrund Ósk Árnadóttir, Angela Braun, Mario Klischies und Bijan Azadian rüber. Sehr beeindruckend der US Bariton Allen Boxter und die isländische Koloratursopranistin Hrund Osk Árnadóttir, die sicher auch ohne Mühen einen kompletten Messias durchstehen würden.

Loll hat auch den Text zu dem Stück verfasst; Regie hat Christina Römer geführt. Bijan Azadian hat die vier Darsteller auf seinem Spinett des 21. Jahrhundert begleitet und « dirigiert » . Die Musik stammte aus  Georg Friedrich Händels Messias und zeigt wieder einmal, wie modern und rhythmisch Barockmusik doch ist.

Christa Blenk

 

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Luther dancing with the gods

 
2017-10-04 15.29.45

 

Bewegte“ Musik

« Ich weiß ein Wort, das hat ein L; wer das sieht, der begehrt es schnell. Wenn aber das L weg und fort ist, Nichts Bessres im Himmel und auf Erden ist. Hast Du nun einen weisen Geist, so sage mir, wie das Wörtlein heißt ». (Ein Rätsel: Gemeint ist « Gold » – « God » für « Gott » – aus einer Luther Tischrede)

Anläßlich des 500. Jahrestages der Reformation hat der New Yorker Regisseur Robert Wilson gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin das Projekt Luther dancing with the gods entwickelt. Eine Schöpfung aus Text und Musik, Klang, Bewegung, Licht und Bild. Das Team inszeniert damit gleichzeitig die erste szenische Produktion für den Pierre Boulez Saal.

Motetten von Johann Sebastian Bach bilden den musikalischen Drehpunkt dieser Aufführung. Angereichert ist die Performance mit „Immortal Bach“ einer Improvisation  zu Bachs Lied “Komm, süßer Tod” von Knut Nystedt und einer großartigen Präsentation von Steve Reichs „Clapping Music“ auf der einen Seite und mit Texten von Luther, Übersetzungen, Bibelextrakten, Streitgesprächen, Rätseln sowie einem Text des amerikanischen Dichters William Carlos Williams auf der anderen.

Zwischen den Bach-Motetten hat Wilson seine bekannten Kneeplays eingebaut. Theatralische Mittel als Verbindungsstelle zwischen den Hauptakten: Luther als Kind, als Streitender, als Sterbender und irgendwie auch als beweinter Abwesender.

Alles fließt: Der ausgezeichnete, in strenge Mönchskluft gekleidete Chor, hat hier Ballett- und Schauspielaufgaben zu übernehmen. Sie waren ständig auf Pilgerschaft durch den Raum und über die Treppen; der Musik hat das gut getan und das Publikum hatte einen Chor „zum Anfassen“, ja man fühlte sich als Teil davon.

Es geht hier um Zeit und Kunst in und um Luthers Epoche und danach. Aber auch der Dreißigjährige Krieg wird zitiert, wenn sich der in einem Boschschen Heuwagen sitzende Teufel gestikulierend auf die Bühne kutschieren lässt und sich zu Luthers Tanz mit den Göttern gesellt. Keiner hat die Übel und Plagen der Menschheit besser gemalt als Bosch oder Bruegel! Wilson zitiert den Krieg mit weißen Speeren, inspiriert durch das Holbein-Bild „Schweizerschlacht“; es entstand 1524, in dieser Zeit arbeitete Luther an der ersten Bibelübersetzung. Überhaupt haben Wilson und sein Team der Kunst eine Hauptrolle in dieser Aufführung zugedacht. Der rote Vogelmensch spaziert direkt aus Hieronymos Boschs „Garten der Lüste“ auf die Bühne und bricht die schwarz-weiße Ästhetik und mit Pieter Bruegels „Triumpf des Todes“ stürzen die Weißgekleideten zu Boden. Die Sänger tragen Kopfbedeckungen, wie wir sie auf Cranachs „Jungbrunnen“ Gemälde wiederfinden oder wie Lucas Cranach Luther und seine Familie portraitierte. Die Steinigungsszene basiert auf einer Radierung von Girolamo da Treviso.

Luther war, im Gegensatz zu Zwingli oder Calvin, nicht gegen die Malerei. Bilder konnten dem einfachen Menschen die Bibel-Lektüre erleichtern. Das hat aber auch mit seiner Freundschaft zum Maler der Reformation, Lucas Cranach, zu tun. Cranach war sein Trauzeuge und Taufpate eines seiner Kinder und die Portraits von Luther, die fast alle in Cranachs Werkstatt entstanden sind, haben unser Lutherbild geprägt. Wilsons Luther trägt so auch den Cranach-Look! Mutig geht er bis ins 20. Jahrhundert und gibt Luthers Witwe Man Rays surrealistische Idealisierung des Banalen, das Nagelbügeleisen „Gift“ in die Hand wenn Fiona Shaw über „The Widow‘s Lament in Springtime“ von William Carlos Williams spricht.

Himmelsleiter, Totenbett und verbotene Äpfel

Die anfängliche Überraschung ist dann aber irgendwann keine mehr und das Geschehen nicht immer nachvollziehbar, aber das wäre ja auch zu einfach! Eine sehr bilder- und szenenreiche Aufführung mit viel Bewegung auf der Bühne. So schafft es Wilson, mit relativ wenig Darstellern großes, streitendes Chaos zu versinnbildlichen. Eine Geschichte, die vor allem durch Licht und Kostüme unter einem minimalistischen Deckmantel, gespickt mit Zitaten und der Kunstgeschichte im 16. Jahrhundert, lebt. Oft makaber, kommt die Regie aber dann doch an die Grenze der ertragbaren Symbolik und man wünschte sich mehr protestantische Demut!

Ausgezeichnet der Rundfunk Chor Berlin unter brillanter Leitung und Leistung der beiden jungen Dirigenten Gijs Leenaars und Benjamin Goodson, die Stereo operieren und auch immer in Bewegung sind; denn alles findet im Kreis statt und die Sänger blicken, singen und schauspielern in alle Richtungen!

Musikalisch begleitet von Aleke Alpermann (Violoncello); Mirjam Wittulski (Kontrabass) und Arno Schneider an der Orgel. Jürgen Holtz ist Luther, Serafin Mishiev spielt das Kind und den roten Vogelmenschen.

Ende September und Anfang Oktober gab es Voraufführungen; die Premiere ist am 6. Oktober 2017.

 

Christa Blenk

Gerardo Aparicio
Gerardo Aparicio – Himmelstreppe und Heuwagen
 
und hier geht es zum Luther Oratorium – « Wir sind Bettler »
 

 

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Walls and Waves – in der Alten Dorfkirche Marienfelde

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„Die Sonne ist weg, das Cello tanzt“

 

Walls & WavesDer Kirchenraum als imaginäre Partitur

Am 14. September 2017 hat das zweite zeitgenössische Konzert in der alten Dorfkirche Marienfelde stattgefunden. Von „Innen nach Außen“ war die Fortsetzung des Konzertes vom 2. September mit dem Titel „Von Außen nach Innen.“ Ein Spiel zwischen Bewegung – Raum – Klang bei Tageslicht – Dämmerung – Nacht.

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 während des Konzertes, die drei Interpreten Ulrike Brand, Marcello Lussana, Thomas Noll

 

Es ist der Monat der zeitgenössischen Musik!

Die Solistin Ulrike Brand spielt auf ihrem Cello, Marcello Lussana bedient die Live Elektronik und Thomas Noll sitzt an der Orgel: Drei Instrumente: mobil, immobil, immateriell und sie improvisierten und philosophieren miteinander eine Stunde lang über die Akustik, Vergangenheit und Gegenwart dieser kleinen Kirche. Immer auf die Klänge der anderen Beiden eingehend, nehmen sie einen Ton auf, setzten ihn fort oder verarbeiteten ihn. Die ausgesprochen dicken Mauern und die Holzdecke geben dieser Kirche eine ganz besondere Akustik. Die Tür wird auch während des Konzertes nicht geschlossen, da der Aufführungsraum erst  mit einem am Baum hängenden Cello ca. 10 Meter vom Kircheneingang entfernt endet. Die Orgel steht nah an der Tür.

Ulrike Brand schreitet mit ihrem Cello die Kirche und den Außenbereich ab, als ob sie etwas suchen würde und lässt sich – immer akustikgesteuert – an unterschiedlichen Plätzen nieder. Die Zuhörer sind eingeladen, diese Bewegungen mitzumachen. Einmal sitzt sie dem Rücken zum Publikum, einmal direkt unter einem Kreuz und einmal erzeugt sie auf dem Cello kurz Glockentöne, dazu schwingt das Cello wie eine Pendeluhr.  Ulrike Brand spielt im Sitzen, Stehen, Gehend, Kniend und Liegend.

Mit dem langsam verschwindenden Licht verwandeln sich die lichten Tagtöne in dramatischere Nachttöne.

 

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Ulrike Brand während der Performance

 

Die Dorfkirche von Marienfelde, wo diese zwei Performance-Installations-Konzert stattgefunden haben,  stammt aus dem 12. Jahrhundert und gehört damit zu den ältesten Dorfkirchen in Berlin und der Mittelmark. Diese spätromanische Feldsteinkirche ist auf einem ehemaligen Friedhof erbaut und man geht davon aus, dass vor der Steinkirche eine Holzkirche dort stand. Die dicken Mauern und schlitzartigen Fenster lassen darauf hinweisen, dass diese Kirche auch eine Schutzfunktion inne hatte. Im 14. Jahrhundert wurde sie umgebaut bzw. erweitert und nach der Reformation auch innen umgestaltet. Im 20. Jahrhundert wurde sie von einem in Marienfelde ansässigen Architekten restauriert; den Zweiten Weltkrieg hat sie unbeschadet überstanden. Seit über 20 Jahren hat die Kirche eine neue, sehr gute Orgel mit 32 Register auf drei Manualen und Pedal.

Sie ist auch für Orgelkonzerte ein attraktiver und begehrter Aufführungsort.

 

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 Ulrike Brand und Marcello Lussana

 

Ulrike Brand hat die Konzertreihe, die durch die Dezentrale Kulturarbeit Tempelhof Schöneberg gefördert wurde, kuratiert.

 

Christa Blenk

 

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Hof Klang 2017

Claudia Herr und Adrian Tully
Foto: cmb

Hof Klang 2017

Mit dem Einlasstempel bekommen wir auch ein Regencape ausgehändigt. Wird aber nicht notwendig sein an diesem Abend, denn kurz vor dem Konzert hört der Regen auf und hinterlässt einen klaren, nachblauen Himmel und unter diesem ist die Bühne aufgebaut – im Innenhof der Nummer 15 in der Michaelkirchstraße. Viel Percussion dieses Jahr! Um die Bühne herum stehen die Stühle für das zahlreich erschienene Publikum, das lässig- ungeduldig, mit einem Weinglas in der Hand, dem Happening entgegensieht.

Hof Klang ist mittlerweile ein echter Insidertipp für zeitgenössische Musikexperimente und Musikinstallationen. Es findet nur einmal im Jahr statt und besticht mit einem sehr sorgfältig zusammen gestellten und abwechslungsreichen Programm zeitgenössischer, zum Teil noch sehr junger, Komponisten. Drei von ihnen sind sogar persönlich anwesend!

Der Initiator und Musikliebhaber Neuer Musik, Steffen Kühn, hat vor 11 Jahren in Leipzig die Hofklang-Idee aus der Wiege gehoben. Seit seinem Umzug nach Berlin 2013 findet Hof Klang in dieser ehemaligen Schuhmanufaktur in Berlin-Mitte statt, in der es jetzt allerdings  Wohnungen und Ateliers gibt. Die glücklichen Besitzer können von ihrem Balkon dem Konzert folgen. Steffen Kühn ist Architekt und wie alle Architekten, mag er die Herausforderung des Neuen, des Unbekannten. Und um unbekannte und ungehörte Musik soll es auch an diesem Abend wieder gehen. Auf dem Programm stehen sogar zwei Uraufführungen.

Mit „Frequente contacten“ für Saxophon und Schlagzeug von Chiel Meijering (*1954) eröffnet der Abend. Ein harmonischer, hörbarer und poetischer Dialog zwischen Saxophon und Schlagzeug, der sachte auf den Abend einstimmt. Der virtuose Saxophonist Adrian Tully begibt sich für die nächste Performance „Demons“ von Brett Dean (* 1961) auf den vorderen Balkon, um das teuflisch-beschwörende Zwiegespräch von oben auf uns herunterrasseln zu können.

Die meisten Interpreten sind nicht zum ersten Mal mit dabei; einige sind fester Bestandteil dieses Events. Wie Claudia Herr, diese großartige, expressive und stimmgewaltige Ikone der Neuen Musik. Eine religiös-andächtige und etwas beunruhigende post-Schönberg Sprechgesang-Ballade ist „Sich einstellender Sinn“.  Komponiert hat sie Eres Holz 2011 für Mezzosopran, Keyboard und Live Elektronik  nach einem Text von Asmus Trautsch komponiert; sie dauert elf intensive Minuten. Holz ist mit 40 Jahren der jüngste unter den heute Abend vorgestellten Komponisten.

 

Maria Lucchese am Theremin
Maria Lucchese

Mit einer interessanten Uraufführung von Samuel Tramins „Kassandra“ geht er erste Teil des Konzertes zu Ende. Saxophon, Schlagzeug und Bass verlieren sich in einem unheilvollen Hinauszögern.

Nach der Pause geht es mit der zweiten Uraufführung des Abends weiter. „Vibrancy II“ für (viel) Percussion und live Elektronik von Cornelia Friederike Müller und Gerd Schenker bringt den kompletten Innenhof zum Vibrieren.

Im Anschluss daran zieht Claudia Herr erneut das Publikum in ihren Bann. „Is it?“ fängt als ironisch-ritueller Gesang an. Der Schweizer Komponist und Vorreiter der elektronischen Musik Thomas Kessler (* 1937) hat das Werk 2002 für Saxophon und Stimme auf der Basis einer Unterrichtsvorlage von John Cage komponiert. Es besteht aus 56 Fragen und in jeder darf sie 11 Sekunden verharren. Pikiert-komisch und schäkernd mit dem Saxophonisten Tully trägt sie es vor und das über mindestens drei Oktaven, bis sich am Ende eine hoffnungslose Unsicherheit nach der Frage um den Sinn der Musik ausbreitet. Hier glänzen Beide auch schauspielerisch.

Matthias Bauer am Kontrapass interpretiert im Anschluss ein Werk von Brian Ferneyhough „Trittico per G.S.“. G.S. steht hier für Gertrude Stein; Ferneyhough hat das Stück 1989 komponiert mit dem Bestreben, einen Vortrag über literarische Formen dieser exzentrischen amerikanischen Schriftstellerin zu vertonen. Bauers wütend-jazziger Bass provoziert aber erstmal den Regengott, denn es fängt kurz an zu tröpfeln (aber nicht genug, um die Regenjacken hervorzuholen).

Dann tänzelt sie auf die Bühne, die Italienerin Maria Lucchese (*1957) und improvisiert mit Bauer über das „Trittico“ und zwar vierstimmig. Bauer spielt, Bauer stößt Töne aus, Lucchese gibt primordiale Laute in einer unbekannten Sprache von sich – ganz im Sinne von Gertrude Steins Poesie – und man fragt sich, wo diese kleine Person solche Ur-Geräusche wohl herholt. Immer wieder wendet sie sich dem Publikum zu, um Zustimmung ihres Gesagten werbend. Die vierte Stimme kommt vom Theremin, ein vor knapp 100 Jahren entwickeltes Instrument das man nicht berühren muss, um Klänge hervorzuholen. Lucchese spielt es mit ihrem Körper, d.h. mit ihren Körperbewegungen. Faszinierte Spannung unter dem Publikum und große Begeisterung im Anschluss.

Kühn ist ein guter Gastgeber und bittet anschließend die Gäste zum Buffet. Schöner und angeregter kann man eine Konzertsaison nicht eröffnen!

Steffen Kühns Ziel ist es Hof Klang auch in anderen Innenhöfen in Berlin stattfinden zu lassen und nach dem gestrigen Abend dürfte es an Angeboten nicht fehlen!

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Christa Blenk

 

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Dans le jardin de William Christie

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Artikel für KULTURA EXTRA 

Vom 19. bis 26. August 2017 fand zum sechsten Mal in Thiré in der Vendée  das Barockfestival Dans le jardin de William Christie statt.

Dieses Jahr wurde unter anderem auch der 450. Geburtstag von Claudio Monteverdi gefeiert.

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Abends in der Kirche von Thire das grosse Monteverdi Madrigalkonzert mit ausgezeichneten Solisten.

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cmb

 

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Jakob Lenz

Jakob lenz

 

Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) war ein deutscher Schriftsteller des Sturm und Drang, der als Dichter seiner Zeit voraus war und ein schwieriges bzw. schräges Leben führte. Georg Büchner hat einen Teil von Lenz’ Leben – den Besuch bei dem evangelischen Pfarrer Oberlin  in den Vogesen -  zu einem Drama verarbeitet, welches wiederum Quelle für Wolfgang Rihms Jugendwerk Jakob Lenz war. Wolfgang Rihm (*1952) hat die Oper Jakob Lenz 1978, 26-jährig, komponiert. Sie wurde 1979 uraufgeführt und zählt mittlerweile fast schon zu den Klassikern der zeitgenössischen Oper.

Andrea Breth hat das Werk 2014 bildgewaltig und expressiv  für Stuttgart inszeniert – als Koproduktion mit der Staatsoper Berlin und mit La Monnaie/De Munt (Brüssel).

Drei Protagonisten und ein sechsstimmiges Vokalensemble kommen zum Einsatz sowie ein Kammerorchester. Rihms Oper füllt sich mit vielen unterschiedlichen Musikstilen und läuft in 13 Bildern ins Verderben. Die Übergänge von einem Bild zum anderen werden durch einen Gauschleier vor der Bühne vollzogen, der wieder entschwindet, um die nächste Szene aus dem tristen Daseins von Lenz zu erzählen. Anfangs keimt immer wieder Hoffnung auf, die aber dann gleich wieder von der psychotischen Hölle verschlungen wird.

Jakob Lenz flüchtet vor unheimlichen Stimmen in eine unwirtliche Felsenlandschaft. Der brave Seelsorger und Psychologe Pfarrer Oberlin (Henry Waddington) nimmt den suizidgefährdeten Lenz bei sich auf – auf Anraten von Kaufmann. Lenz wird von Alpträumen verfolgt und immer wieder kommt die Erinnerung an Friederike auf, eine Frau, um die er gemeinsam mit Goethe warb. Lenz verliert sich immer mehr und es taucht Kaufmann auf. Er ist streng und kalt, und will ihn mit Disziplin auf den rechten, gesunden Weg zurückbringen. Er verwickelt ihn in ein ernstes Gespräch über Kunst und überbringt ihm die Botschaft seines Vaters, doch nach Hause zurückzukehren. Lenz kann nicht, will nicht, will lieber getröstet werden und flüchtet erneut ins Gebirge. Oberlin und Kaufmann dringen nicht mehr zu ihm durch und als er vergeblich versucht, ein totes Mädchen zum Leben zu erwecken, stürzt er endgültig in die geistige Umnachtung.  Er hört Stimmen, die Friederikes Tod ankündigen. Neonlampen verstärken die Trostlosigkeit.

Hoffnungslos verlassen ihn Beide und Lenz bleibt allein, in Zwangsjacke, verdreckt und verlassen auf einem Krankenbett zurück mit dem Wort konsequent auf den Lippen..

Hören Sie denn nichts, hören Sie denn nicht die entsetzliche Stimme der Stille, die um den ganzen Horizont schreibt, und die man gewöhnlich die Stille heißt“ (Büchner, Lenz, 1839)

Unterstrichen  und gestützt wird die Handlung von einer grandiosen Inszenierung, die Musik und Handlung hervorhebt. Es gibt keine Farben, nur grau, schwarz, weiß und manieristische Lichteinfälle. Überhaupt durchziehen viele Gemälde der letzten Jahrhunderte das Geschehen. Einmal liegt Lenz da zu Füßen von Oberlin wie eine flämische Grababnahme. In einer andereren Szene muss man an einen Passionsweg denken, den Caravaggio hätte malen können.

Michael Fröhling hat das Libretto nach Büchners Erzählung geschrieben.  Der hervorragende Bariton Georg Nigl (Lenz) gibt alle Töne von sich, die ein Mensch hervorbringen kann. Sprechen, Schreien, Flüstern, Quietschen, Lyrik in allen Lagen. Die Zuschauer werden permanent zwischen  Panik, Schrecken, Hoffnung, Mitleid, Milde, Wahnwitz und Widerwille hin – und hergerissen.  Übertreibung wird von Pathos und Gleichgültigkeit abgelöst.  Die Landschaft ist wildromantisch, felsig, schwierig zu bewältigen. Es ist dunkel oder Halbdunkel, Spiegel auf der Bühne betonen dieses Unwohlsein, und man stellt sich die Frage, wer wo ist und wo die Zerstörung gerade wütet. 

Großartige Aufführung und großartige Darbietung der Protagonisten. Am Pult vor nur einer Handvoll Musikern Franck Ollu. Das Bühnenbild hat Martin Zehetgruber gemacht.

Jakob Lenz ist ein Meisterwerk und dauert nur 80 Minuten sehr intensive Minuten die uns schon an die Grenzen kommen lassen.

 

lenz

Christa Blenk

 

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