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El Cimarrón

Artikel für KULTURA EXTRA

Im Rahmen der Konzertreihe „Musik erzählt von Freiheit“ wurde am vergangenen Sonntag im Kulturraum Die Flora in Gelsenkirchen Hans Werner Henzes Recital „El Cimarrón“ aufgeführt.

Cimarrón war ursprünglich die Bezeichnung für ein entlaufenes und verwildertes Haus- oder Nutztier in Lateinamerika, etwa ein Rind oder ein Schaf. Im 19. Jahrhundert wurde dieser Begriff auf entlaufene Sklaven übertragen, die hierarchisch und rechtlich den Haustieren gleichgestellt waren.

„La libertad, Sancho, es uno de los más preciosos dones que a los hombres dieron los cielos“ (Die Freiheit, Sancho, ist eine der köstlichsten Gaben, die der Himmel dem Menschen verliehen hat) lässt Cervantes Don Quijote zu Sancho im zweiten Teil sagen.

Hans Werner Henzes El Cimarrón basiert auf einer wahren Begebenheit und beschreibt in 15 Bildern das Leben des im Jahre 1860 geborenen Sklaven Esteban Montejo. In knapp 80 Minuten ziehen Unterdrückung, Flucht, Befreiung, Hoffnung, Aufbegehren, Wut, Resignation, Liebe und die Sehnsucht nach Freiheit am Zuschauer vorbei. Vier Solisten, d.h. ein Gitarrist, ein Flötist, der auch die Maultrommel spielt, diverse Perkussionsinstrumente sowie ein Bariton bewältigen diese faszinierende Musiktheater-Komposition.

Der Bassbariton Robert Koller spricht, singt, zetert und tanzt. Tiefe Wörter werden zu hohen Tönen und mit Händen und Gesten erklärt er die unterschiedlichsten Zustände. Am Tisch sitzt er nur kurze Zeit, dann springt er auf ihn, erhebt seine Hände in Priestermanier, will er beten? Nein, er prangert die Kirche an. In der Zeit hin- und herspringend wirft er sich stolz eine rasselnde Eisenkette um den Hals und dann diese in eine Ecke, erschlägt einen Aufseher mit einem Stein, schimpft zu einer Habanera auf die Kolonialmacht, rennt durch die Musikinstrumenten-Stadt verfolgt von Christina Schorn und Ivan Mancinelli, während der Flötist auf der Maultrommel dazu spielt. Am Ende bleibt Montejo wieder nur das Plantagenfeld, weil die Freiheit eine falsche war und er trotz technischer Errungenschaften wieder bei großer Hitze Zuckerrohr schneiden muss, um überleben zu können. Koller leistet Großartiges zwischen anklagenden, groben und minimalen Gebärden und stolzer, expressiver Mimik.

Christina Schorn spielt, hämmert, schreit, knurrt und streicht. Henze hat zwar klare Vorgaben über die Höhe von Tönen und Klängen gemacht, aber die Interpretation, die Lautstärke oder den Rhythmus der Improvisation der Solisten überlassen. Dazu stehen die Musiker permanent mit Blicken und Gesten in Kontakt. Filigrane Passagen und zauberhafte Duette gehen über zu Flöten- oder Gitarrensoli, minimalistische Passagen werden zu kubanischen Rumba-Rhythmen oder zu einer Habanera. Jedes Bild bekommt ein Instrument zugeordnet. Ganz unglaublich, dass nur drei Musiker all dies bewerkstelligen können.

Auf der Suche nach seiner persönlichen musikalischer Freiheit und dem schönen Klang hat Hans-Werner Henze, die Doktrin der 12-Ton-Musik verlassen und viel faszinierende und neue Musik komponiert, die immer wieder überrascht und begeistert. Beim Cimarrón verweist er auf kubanische Volksmusik, zitiert afrikanische Perkussionspassagen, gibt sich romantischen, bekannten Klängen hin und zögert nicht, sich gleichzeitig bei der Musiksprache der Moderne zu bedienen. Der Einsatz der Instrumente geht auf die Sprechweise von Esteban Montejo ein.

Aber wie kam es zu diesem Stück? Hans Werner Henze nimmt 1969 in Havanna einen Lehrauftrag an, auch aus Protest nach dem Skandal und den Tumulten bei der nicht stattgefundenen Premiere von „Das Floß der Medusa“ in Hamburg. In Havanna entdeckt er die Geschichte des Sklaven Montejo (1860-1973), die der Schriftsteller und Ethnologe Miguel Barnet 1966 life auf Band aufzeichnete. Henze erkennt hier sofort einen großartigen Stoff für eine politische Komposition zu der Hans-Magnus Enzensberger auf der Basis von Barnets Buch „Biografia de un cimarrón“ das Libretto schreibt. Henze hatte 1969 Montejo auch persönlich getroffen und war beeindruckt, dass dieser mit 109 Jahren „immer noch aufrecht“ ging.

Fertiggestellt hat er El Cimarron erst ein Jahr später, 1970, schon wieder zurück in Italien/Marino. Auf Einladung von Benjamin Britten, konnte das Werk noch im selben Jahr beim Aldeburgh Festival uraufgeführt werden. Solisten waren der US-amerikanischen Sänger William Pearson, der kubanische Gitarrist Leo Brouwer, der Flötist Karlheinz Zöller und der Schlagzeuger Tsutomu Yamash’ta. Die Aufführung wurde ein großer Erfolg und das Stück ging direkt im Anschluss auf Tournee nach Spoleto, München, Edinburgh, Avignon und kam schließlich auch nach Berlin.

El Cimarrón ist viel mehr als die Lebensgeschichte des entlaufenen Sklaven Montejo. Es ist die Geschichte von Kuba, von der Welt. Es ist zeitlos.

Das El Cimarrón Ensemble entstand 1999 mit dem Ziel, das Recital El Cimarron in Österreich aufzuführen. Michael Kerstan war zu dieser Zeit in Hallein und hat mit den Musikern Christina Schorn und Ivan Manchinelli das Ensemble gegründet. Michael Kerstan, der über 30 Jahre eng mit dem 2012 verstorbenen Maestro zusammen gearbeitet hatte, hat auch die Aufführung in Gelsenkirchen mit Robert Koller (Bassbariton), David Gruber (Flöte), Christina Schorn (Gitarre), Ivan Mancinelli (Schlagwerk) inszeniert. Zusammen mit einem anderen Henze-Experten, Michael Walter, der sich im Rahmen der Ruhr-Triennale 2010 viel mit Henze und seinem Werk beschäftigte und unzählige Werke von ihm dort an unterschiedlichen Spielstätten zur Aufführung brachte, hat er vor der Veranstaltung das Publikum auf die Aufführung vorbereitet.

ElCimarron
El Cimarron Ensemble mit Hans Werner Henze - Foto (c)  C. Ludovisi 

 

Die Konzertreihe im „Flora“ Musik erzählt … von Freiheit geht am 4.11. mit dem Ensemble Unterwegs  und Schuberts Winterreise weiter.

Christa Blenk

 

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Zwischen den Noten

Zwischen den Noten.

Die lettische Organistin Iveta Apkalna triumphierte im Konzerthaus Berlin mit der nicht sehr bekannten Symphonie Concertante für Orgel und Orchster C Dur von Joseph Jongens (1873-1953). Das Werk entstand im Jahre 1926 und wurde 1928 in Brüssel uraufgeführt, obwohl die aufwendige und komplexe Komposition ursprünglich als Kompositionsauftrag für die Einweihung einer Großorgel im Wanamaker Store von Philadelphia – damals  die größte Orgel der Welt – geplant war. Jongens schaffte es nach der Fertigstellung nicht zu seinem Gastspiel in die USA: einmal verstarb sein Vater 1927 und später  plötzlich  der Musikmäzen und Kaufhausinhaber Rodman Wanamaker. So fand die Uraufführung dieses Stückes kurzerhand 1928 in Brüssel statt. Am eigentlich geplanten Aufführungsort, dem Wanamaker Kaufhaus in Philadelphia, kam das Werk schließlich im Jahre 2008 zur Aufführung – 80 Jahre nach der Brüsseler Premiere mit dem Organisten Peter Richard Conte. Mit dieser Aufführung fand dieses spannende und aufwendige Orgelwerk erneut den Eingang in die Konzerthäuser.

An diesem Wochenende wurde die Komposition dreimal hintereinander durch das Konzerthausorchester Berlin unter Leitung des Ersten Gastdirigenten und derzeitigen Musikdirektor am Teatro San Carlo Neapel, Juraj Valčuha  und mit den Lettin Iveta Apkalna an der Orgel aufgeführt. Apkalna spielte sich vom ersten Takt an direkt in die Herzen des geneigten Publikums. Seit einem Jahr ist sie Titularorganistin an der neuen Klais-Orgel in Hamburg, dem Araberpferd unter den Orgeln, wie sie einmal sagte und die sie selber mit Wolfgang Rihms „Triptychon und Spruch“ 2017 einweihte. Apkalna zählt zurzeit zu den gefragtesten Organisten weltweit und wenn man sie hört und sieht, versteht man das. Ganz gerade und gespannt wie ein Bogen sitzt sie an der Orgel und man hat den Eindruck dass sie das Pedal gerade noch erreicht. Sie streckt sich und kriecht dann wieder in die Orgel hinein, aus der sie die unglaublichsten Töne und kräftigsten Farben herausholt. Ein großartiges und auch ästhetisches Spektakel. Mit einer fünf-minütigen, beeindruckenden und gewaltigen Zugabe hat sie – wenn das noch möglich war – auch die restlichen Konzertbesucher für sich eingenommen. Apkalna hat sich zur Aufgabe gemacht, die Orgel von der Kirche in die Konzertsäle zu holen und wenn sich das immer so anhört, dann wollen wir in Zukunft kein Konzert ohne Orgel mehr.

Jongens Sinfonia Concertante für Orgel und Orchester C-Dur op 81 ist nicht mit anderen Orgelwerken zu vergleichen. In vier Sätzen folgt sie dem traditionellen Sonatenverlauf. Es beginnt mit einem wuchtig-einmütigen Allegro, molto moderato, in dem man durchaus die Musik des  20. Jahrhundert heraushören kann und wird von einem fast lieblich-romantischen Scherzo im 7/4 Takt abgelöst. Der dritte Satz ist ein Molto Lento, bei dem sich die Orgel erst einmal zurückhält und die Orchestersolisten hervortreten lässt, aber nicht lange und beim Schlusssatz, einer Toccata,  spielt die Orgel wieder die erste Geige. Hier kann man getarnt und ein wenig versteckt, immer wieder US- amerikanische Jazzrhythmen heraushören; Schließlich hat Jongens das Werk ja für die USA komponiert.

Der französische Organist und Musikologe Marcel Dupré hat in seinen Memoiren die Wanamaker Orgel erwähnt, die ursprünglich für die Weltausstellung in St. Louis 1904 konstruiert werden sollte. Dies kam dann aber nicht zustande und Wanamaker kaufte die Orgel, und ließ sie kurzerhand in seinem Kaufhaus aufzustellen für after Business hour concerts. Er ließ die Orgel auf 234 Register erweitern. Später wurde Dupré mit einer weiteren Vergrößerung beauftragt bis das Instrument zum Schluss  451 Register auf sechs Manualen und Pedal vorweisen konnte. Außer Marcel Dupré, traten andere große Weltstars im Wanamaker Store bei diesen Vorabendkonzerten auf wie u.a. Nadia Boulanger, Alfred Hollins oder Gernando Germani.

Ergänzt wurde der Konzertabend mit der Ouvertüre zur Oper Die lustigen Weiber von Windsor von Otto Nicolai (1810-1849) und von Ludwig van Beethovens (1770-1827) Eroica.

Auch Nicolai gehört zu den weniger bekannten Romantikern. Der Königsberger kam nach Berlin, um bei Friedrich Zelter und Bernhard Klein zu lernen, ging dann nach Rom, wo er als Organist der preußischen Gesandtschaft tätig war und wurde später Kapellmeister am Kärtnertor-Theater in Wien. Nicolai war Begründer der Philharmonischen Konzerte. Ein Jahr vor seinem Tod 1949, wurde er als Direktor des Domchores nach Berlin gerufen.

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 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof

Christa Blenk

 

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Im Garten von William Christie

Bachkantaten in der Kirche von Thiré

Vom 25.8. bis 1.9.2018 fand dieses Jahr nun schon zum 7. Mal „Dans les Jardins de William Christie“ statt. Wie jedes Jahr finden kurze Konzerte in einer Art Nutz- und Plaisirgarten , zwischen Tomaten und Obstbäumen statt wo sich Italien und Frankreich die barocke Hand reichen. Von idyllischen Brücken im Garten, vor einem Springbrunnen, in einem steinigen Innenhof oder auf der großen Terrasse; dort spielt dann der Meister selber das Cembalo.  Ab und zu hört man eine Taube gurren oder ganz weit weg ein Auto.

1979 hat der Amerikaner Christie die Truppe Les Arts florissants gegründet und vor ein paar Jahren diese musikalischen Begegnungen in Arkadien aus der Wiege gehoben.

Abends findet dann entweder ein Konzert am See im Garten oder ein Konzert in der Kirche von Thiré statt. Eröffnet wurde mit Monteverdis zauberhafter Oper Orfeo.

Der schottische Tenor und Dirigent Paul Agnew, der wie William Christie ein großer Kenner der Alten Musik ist, übernimmt regelmäßig die Konzerte in der Kirche von Thiré. Seit 2007 ist er der Stellvertretende Musikdirektor von „Les Arts Florissants“.

williamchristie

cmb

 

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Wolfskinder

Wald Niederbayern

Hänsel und Gretel im « Kriegs »-Wald

Humperdincks Ouvertüre zu „Hänsel und Gretel“ knistert und rumpelt durch die transparente Stoffwand, genauso wie man sich Musik aus einem alten Grammophon vorstellt. Es ist dunkel und wie durch Nebel erkennt man die Konturen von alten Möbeln. Plötzlich wird die Musik durch Kriegsgeräusche, Fliegeralarm, Schreie oder Maschinengewehrlärm ergänzt bis sie diese fast verdrängt. Es wird langsam heller, der Lärm vergeht wieder, ein Mädchen singt zaghaft „Suse, liebe Suse“ und aus allen Ecken kriechen weitere sechs Mädchen. Jetzt erkennt man auch, dass dies einmal ein gutbürgerliches Wohnzimmer um 1900 war, mit schönen Möbeln, Teppichen, Bilder an den Wänden und Musikinstrumenten. Alles ist staubig und man will husten. Die Mädchen sind verunsichert und geben sich dem Hunger hin, streiten, ob es noch Katzen gibt oder diese schon alle aufgegessen worden sind. Sie vermissen ihre Eltern. Was dann kommt ist eine Mischung aus Rückblick, Angst, Einsamkeit, Hoffnung und Hänsel und Gretel im Kriegs-Wald. Ulrike Schwab, die Regisseurin, hat daraus eine Art crossover gemacht zwischen der Bombardierung Ostpreußens, bei der viele Kinder ihre Eltern verloren haben – im Verlauf der 90 Minuten erfährt man, dass das Elternhaus  dieser Kinder in Königsberg stand – und dem Märchen Hänsel und Gretel. Die Mädchen erzählen von früheren Weihnachtsgeschenken, glücklichen Tagen, kalten Nächten, Hunger, Überfluss, langen mühsamen Wegen und Arbeiten auf einem Bauernhof.  Zwischendurch erinnern sie sich an frühere Kinderspiele und machen Musik, denn alle haben sie früher ein Instrument spielen dürfen. Ein Schrank wird zum Knusperhäuschen im Wald umfunktioniert und angeknuspert bis sich die Hexe beschwert – „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“

Die sieben Darstellerinnen (Angela Braun, Isabelle Klemt, Maja Lange, Ildiko Ludwig, Marine Madelin, Laura Esterina Pezzoli und Amélie Saadia)  sind einfach nur großartig. Sie sind Schauspielerinnen, Musikerinnen, Tänzerinnen und Sängerinnen. Zaghaft und aggressiv. „Hunger ist der beste Koch“ wird von gewaltigem Fußstampfen begleitet.
Humperdinck hat das Stück als Kammermusik für die eigene Familie geschrieben und auf dieses Niveau haben es die Darstellinnen wohl wieder gebracht.

cmb

 

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Ti vedo ti sento mi perdo – in attesa di Stradella

Warten auf Stradella

Vor ein paar Wochen wurde in Berlin Rossinis « Viaggio à Reims » mit großem Erfolg aufgeführt. Dort geht es eigentlich nur um Warten (auf Pferde), um zur Krönung des Kaisers zu fahren. Man vertreibt sich die Zeit, die Pferde kommen nicht.

Bei Salvatore Sciarrinos neuer Oper Ti vedo ti sento mi perdo geht es auch um Warten und um eine Art Gefangenschaft. Hier findet dies allerdings während der Generalprobe einer Stradella-Oper im Palazzo Colonna (Sitz einer bedeutenden römischen Papstfamilie)  statt. Sängerin, Musiker und Chor warten auf den großen Maestro, denn der muss noch die Arie der Stardiva liefern. Aber auch Alessandro Stradella schafft es nicht zu diesem Probe, die irgendwie nie enden will, denn er wird zuerst entführt und dann ermordet. Die beiden Werke verbindet also ein Grundgedanke: Warten! Stradella war schon zu Lebenszeit eine Art skandalumwobene Legende und ist 1682 wirklich unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen.

Sciarrino hat diese Koproduktion der Staatsoper als Auftragswerk für die Scala in Mailand geschrieben, wo sie im letzten Herbst uraufgeführt wurde. Für Berlin war es schon seine 12. Produktion, was so etwas wie ein Rekord ist. Klar, rein, minimal seine Musik immer wieder von barocken Nuancen aus der Zeit von Stradella durchbrochen.

Mit üppigen Kostümen, Spitzen, Rüschen und viel Schminke wie zu Lullys Zeiten  hat Jürgen Flimm diese Oper inszeniert. Alle sind ständig in Bewegung, Laura Aikin, Charles Workman, Otto Katzameier, Sónia Grané,  Minchiello Emanuele Cordaro, Christian Oldenburg, David Oštrek und Thomas Lichtenecker singen, zappeln, stottern, reden, fuchteln was das Zeug hält. Der Chor hüpft pausbäckig singend über die Bühne. Am Pult überzeugt der junge Franzose Maxime Pascal.

Viel verdienter Applaus!

cmb

 

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Viaggio a Reims von Rossini

Wartesaal der Noblesse

Der Theaterregisseur Jan Bosse hat für die Deutsche Oper Berlin Rossinis « Il viaggio a Reims » inszeniert. Eine Punktlandung, bei der fast alles stimmte.

Bosse hat eine Gruppe von verrückten Adeligen, die auf dem Weg zur Krönung Karls X. und in einem Wirtshaus hängen bleiben, direkt in einen Kranken(Narren)haus-Spiegelsaal verlegt. Der Unterschied zwischen Pflegepersonal und Kranken ist nicht immer ganz klar und als fröhlicher Slapstick bringt diese Produktion das Publikum ständig zum Lachen. Gesungen wird zu allen möglichen physischen und psychischen Wehwehchen – von Hexenschuss bis Elektroschocktherapie. Den Sängern sieht man an, sie sie sich amüsieren. Neun Minuten dauert eine Arie der modebewussten Contesse de Folleville, davon beklagt sie sich fünf Minuten über den Verlust ihrer Kleidung, um sich dann vier Minuten  euphorisch über doch noch aufgetauchte Accessoires zu freuen.   

Trotz Spiegelwänden kann man die Eingeschlossenheit spüren; den „Gästen“ hingegen scheint sie nichts auszumachen.

Claudio Abbado holte die fast in Vergessenheit Oper von Rossini „Il viaggio a Reims“ 1984 aus der Schublade und seitdem ist sie an vielen großen Opernhäusern gezeigt worden. Das Libretto stammt von Giuseppe Luigi Ballocco.

Am Pult der junge Dirigenten Giacomo Sagripanti vor einem begeisternden Orchester

Keine großen Namen bei den Sängern, von denen ein Großteil  zum Ensemble der deutschen Oper gehört. Die Leistung hingegen bei Allen einwandfrei.

Elena Tsallagovas ist die tanzende Corinna. Sie kommt direkt aus Oskar Schlemmers Triadischem Ballett.  Mikheil Kiria als ein großartiger  Lord Sidney,  Siobhan Stagg als Contessa di Folleville, Hulkar Sabirova ist die strenge  Madama Cortese bzw. die Oberschwester, Vasilisa Berzhanskaya ist Marchesa Melibea, David Portillo singt den Conte di Libenskof, Davide Luciano ist Don Profondo, Gideon Poppe (Cavaliere Belfiore), Philipp Jekal (Barone di Trombonok), Dong-Hwan Lee (Don Alvaro), Meechot Marrero (Modestina). Ausgezeichnet auch der Chor!

Die Premiere fand im Juni 2018 statt.

cmb

 

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Staatskapelle spielt Debussy

Zwischen  Präraffaelismus und Impressionismus

Claude Debussy (1862-1918) wird immer mit dem Impressionismus in Verbindung gebracht und man will sich rote Mohnblumenwiesen oder gemalten zarten Wind vorstellen. Dabei war es vielmehr die Literatur der letzten 400 Jahre, die für den französischen Komponisten die Inspirationsquelle war. Debussy beschrieb die Naturereignisse in Tönen wie bei „Dialogue du vent et de la Mer“ . Seine Naturmusik kann man nicht nur hören, man kann sie auch riechen und sehen oder man geht mir ihr auf Reisen, obwohl Debussy selber eher wenig herumgekommen ist.

Daniel Barenboim befasst sich schon seit 1975 mit Debussy; in diesem Jahr wurde er Chefdirigent des Orchestre de Paris – mit 32 Jahren! Nun hat er zum 100. Todestag ein edles und anspruchsvolles Programm zu Debussys Ehren zusammengestellt und das Berliner Publikum Anfang Mai mit einem großartigen Fest seines Lebenswerkes verzaubert. Er hat dazu Kompositionen, die nicht so bekannt wie Pélleas et Melisande, Le Martyr de Saint Sébastien oder Prelude a l’apres midi d’un faune sind aus der französischen Musik-Schatzkiste geholt. Unterstützt dabei haben ihn die Staatskapelle und die zwei ausgezeichneten Solistinnen Anna Prohaska und Marianne Crebassa.
Immateriell, luftig und ätherisch französisch ist sie, diese Musik, bei der sogar der Bogen der Geige anders gehalten wird. Kräftig und fern-transparent-kommt sie daher. Durchaus gewöhnungsbedürftig, immer leicht unordentlich und voller lichter Farbenpracht.

Auf dem Programm stand die weltliche Cantate „La Damoiselle élue“ (Die Erwählte), die 1887 nach einem symbolischen Gedicht des Malers und Präraffaeliten Dante Gabriel Rossetti entstand. Geschrieben für zwei Solistinnen, Frauenschor und Orchester. Crebassa sang von hinten neben den Harfen ganz in Rot und Prohaska stand neben dem Maestro in Weiß.

„Trois Nocturnes“ ist das erste impressionistische Werk von Debussy. Die Staatskapelle hat es perfekt präsentiert, nicht ganz sauber im Einsatz der Damenchor der Staatsoper. Uraufgeführt 1900 mit großem Erfolg bei der Kritik. Hier springt die Romantik in die Moderne, Gemälde des Malers Whistler haben Debussy dazu inspiriert.

„Trois Ballades de Francois Villon“- ein Glanzstück für die charmante Mezzo Marianne Crebasse. Diese Liedkomposition entstand 1910, acht Jahre von seinem Tod. Der Dichter Villon hat im 15. Jahrhundert gelebt. Ursprünglich für Bariton geschrieben pendeln die Lieder zwischen profanen und paganen Betrachtungen eines Bürgers, der die Damenwelt kommentiert.

Und zum Schluss « La Mer“. Wohl  Debussys bekanntestes Werk. Düster-drohend, wallend und aufwühlend gewittrig. Die große Welle von Hokusai zierte das Titelbild der ersten Ausgabe. Aufgeführt wurde diese 23 Minuten dauernde sinfonische Dichtung 1905 in Paris. Sie gilt als Musterbeispiel des Impressionismus.

cmb

 

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Welcome to Hell in der Neuköllner Oper

Was bleibt ist Hilflosigkeit

Am 7. und 8. Juli 2017 fand der zwölfte G20-Gipfel statt. In Hamburg trafen  hierzu Vertreter der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer aus Politik und Wirtschaft zusammen. Um Störungen entgegenzutreten und die Anreisenden zu beschützen kamen  31.000 Polizisten zum Einsatz. Groß-Demonstrationen, Protestveranstaltungen, Massenkundgebungen, Blockaden und massive Unruhen  begleiteten den Gipfel; Sachbeschädigungen, Plünderungen, Angriffe auf beiden Seiten standen auf der Tagesordnung und sorgten für unzählige Verletzte.

Die tagelangen Straßenkämpfe haben  Peter Michael von der Nahmer und Peter Lund im Anschluss zu 100 Minuten Oper verarbeitet; diese kam  15. März 2018 in der Neuköllner Oper mit großem Erfolg zur Uraufführung.

Wut, Ärger, Verzweiflung und Frustration und zwölf Menschen sind die Protagonisten dieses Opern-Musicals. Überfordert wirken sie Alle: Der Polizist, die unterbezahlte Supermarktkassiererin, der französische Delegierte, der spanische Callboy, die taffe aber unsicherer Reporterin, eine Studentin mit Migrationshintergrund, der auf die schiefe Bahn geratene Sohn reicher Eltern, eine idealistische Pazifistin, eine Einzelgängerin, ein religiöser Homosexueller kurz vor dem coming out, ein Zuhälter und eine Studentin aus Husum.

Großartig Alexander Auler, Katia Scheherazade Bischoff, Didier Borel, Nikko Andres Forteza Rumpf, Tae-Eun Hyun, Mira Keller, Pabl, o Martinez, Lucille-Mareen Mayr, Mathias Mihai Reiser, Loïc Damien Schlentz, Anastasia Troska, Andrea Wesenberg als Sänger, Tänzer und Schauspieler!

cmb

 

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Zehlendorfer Hauskonzerte – Glasharfe und Gitarre

harpe de verre

 

Kristallenes Frühlingskonzert im Wohnzimmer

Eine zarte Brise trägt das  Piepsen der Turmfalken durch die offene Balkontür ins Wohnzimmer, dort ist im hinteren Teil des zum Konzertsaal umgebauten Raumes ein Plätschern zu hören. Die Glasharfe wird gerade für das Konzert vorbereitet und das braucht seine Zeit. Wasser ist ein wichtiger Faktor, es muss genau die richtige Temperatur haben, um die polierten, mundgeblasenen Stil-Gläser zum Singen zu bringen. Mit einem kleinen Schwamm stimmt Alexander Lemeshev seine beweglichen Hände, bevor er vorsichtig sein Gläser-Instrument aufstellt.  Ein Glas wird keine Töne von sich geben, es hat lediglich die Funktion eines Wasserspenders, denn dort taucht Lemeshev in kurzen Abständen und blitzschnell seine Finger  ins wohl temperierte Nass. Die Finger dürfen nicht trocken werden. Diese kristallklaren Töne entstehen durch kreisende Bewegungen mit den nassen Fingerspitzen oder durch Anschlagen an das Glas. Transparent, hell und glasklar erklingt eine umfangreiche Notenpalette. Unglaublich, mit welch meisterhafter Fingerfertigkeit er diese sauberen Engels-Töne (in England wird die Glasharfe übrigens auch Engelsorgel genannt) erzeugt.

Der in Berlin lebende Gitarrist Vitaliy Shal begleitet den Glasharfen-Solisten Alexander Lemeshev an diesem Musikabend auf einer musikalischen Reise durch die Jahrhunderte, denn schon vor 500 Jahren gab es « Glas »-Musik.

Das Konzert beginnt mit einem Fragment aus Franz Schuberts 1828 erschienenen « moments musicals » , ursprünglich für Klavier geschrieben. Gefolgt von zwei Glasharfen-Stücken von Mozart. Sechs Monate vor seinem Tod, 1791, schrieb dieser zwei bedeutende Kompositionen für die damals bekannteste und blinde Glasharmonika-Spielerin Marianne Kirchgessner. Einmal das Quintett für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Viola und Violoncello sowie das Adagio für Glasharmonika solo. Angeblich hat  Mozart bei der Uraufführung zwar nicht die Glasharmonika aber doch die Bratsche persönlich gespielt. Der Gitarrist Vitaliy Shal übernimmt hier den Part eines kompletten Streichquartetts. Die letzten beiden bezaubernden Stücke vor der Pause sind aus Tschaikowskys Nussknacker. Alexander Lemeshevs sichere Finger tanzen mit der Zuckerfee um die Wette und die Glasharfe erzeugt hier einen Pirouetten drehenden Spieldoseneffet.

In der Pause dürfen sich die Fingerkuppen ein wenig erholen, aber auch das Wasser braucht eine Temperaturanpassung, denn diese hat sich in 30 Minuten verändert. Dann werden seine Hände nochmals getrimmt und gestreckt  und es kann weiter gehen.

Dass auch Werke von Johann Sebastian Bach auf der Glasharfe faszinieren können, beweist uns Lemeshev nach der Pause. Die beiden Musiker spielen zusammen ein Scherzo (Badinerie) aus einer Bach-Suite und Lemeshev Prelude in C Major aus dem wohltemperierten Klavier.

Der Teufelsgeiger Niccolò Paganini hat mit 38 Jahren einen kompletten Zyklus von Capricen für Geige komponiert, die so gut wie alle seine für ihn typischen musikalischen Anforderungen beinhalten. Die Nummer 24 ist die letzte und wird gerne als Zugabe gespielt. Technisch für jeden noch so brillanten Geiger eine Herausforderung. Alexander Lemeshevs Präsentation lässt ahnen, dass das Stück auch auf der Glasharfe so einiges vom Interpreten fordert. Er fliegt nur so über die Gläser. Das in kurzen Abständen flinke und durchgetaktete Eintauchen seiner Fingerkuppen ist Teil der Performance geworden und beeindruckt ungemein.

Mit dem dritten Satz aus Mozarts Sonate Nr. 11 A-Dur, besser bekannt als Türkischer Marsch, klingt das Konzert aus. Allerdings kann das begeisterte Publikum den beiden Musiker noch zwei Zugaben abringen. Der Bossa-Nova lässt die Glasharfen-Töne gleich in einem ganz anderen und sehr flotten Licht erscheinen und Brahms 5. Ungarischer Tanz beweist, dass man auch komplizierte Rhythmusänderungen auf ihr interpretieren kann.

Die Glasharfe oder Gläserspiel ist ein Idiophon. Das Instrument besteht aus mehreren Reihen sauber angeordneter, befestigter Trinkgläser. Jedes Glas hat einen eigenen Ton, eine eigene Note und eine Geschichte und wird speziell ausgesucht.  Der Tonumfang kann bis zu drei Oktaven umfassen, auch die Raumakustik spielt eine wichtige Rolle. Die großen Gläser geben dunklere Töne ab als die zierlicheren. Die Anordnung der Gläser bestimmt jeder Musiker selber.

Schon um das Jahr 1500 hat man mit Glas Musik gemacht. Im Barock und in der Romantik gab es nicht wenige Komponisten, die für Glasharfe oder Glasharmonika komponierten. Anfang des 20. Jahrhunderts hat der Stuttgarter Musiker Bruno Hoffmann Kompositionen für Glasharmonika auf der Glasharfe wieder auf die Programmzettel der Konzertsäle gebracht und auch selber Stücke für Glasharfe komponiert. Carl Orff oder Richard Strauß befassten sich ebenfalls mit diesem chromatischen Instrument. Dass dieses zarte und doch sehr selbstbewusste Musikinstrument auch hypnotisieren kann, würde uns jetzt gar nicht wundern. Jedenfalls hat der österreichische Arzt Franz Anton Mesmer im 18. Jahrhundert Glasmusik für seine Hypnose benutzt.

Großartige und spannende Performance!

Christa Blenk

 

 

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THE TURN OF THE SCREW

Premiere feierte diese Produktion der Staatsoper bereits 2014 und seitdem wird sie regelmäßig vor fast vollem Haus aufgeführt. Benjamin Britten hat « The turn of the screw » 1954 komponiert nach einer Erzählung von Henry James. Das Libretto hat Myfanwy Piper geschrieben.

Diese Kammeroper beginnt mit einem Prolog, in dem die Anreise der Gouvernante auf dem Landsitz Bly erzählt wird. Sie trifft den Vormund von Flora und Miles und soll für die Waisen sorgen, ohne den Vormund jemals zu kontaktieren. Außerdem wird sie zu absolutem Stillschweigen über das was auf dem Landgut passiert verpflichtet. Außer der Haushälterin Mrs Grose gibt es sonst keine Personen. Gleich zu Anfang wird Miles von der Schule verwiesen, weil er angeblich einen schlechten Einfluss auf seine Schulkameraden ausüben würde. Mrs Grose und die Governess versichern sich gegenseitig, was brav doch die Kinder seien. Sie entdeckt, dass der früherer Butler Peter Quint und die Erzieherin Mrs. Jessel ein Liebespaar waren und beide auf seltsame Weise ums Leben gekommen sind. Die Kinder und Mrs Grose versuchen allerdings, ihr Informationen zukommen zu lassen. Die Geister der ehemaligen Liebenden schwirren ständig durch das unwirtliche Haus und die Gouvernante kommt nicht gegen sie an, die Kinder – vor allem Miles – auch nicht. Mrs Grose reist mit Flora nach London und lässt Miles mit der Gouvernante allein zurück, die sich ebenfalls zu ihm hingezogen fühlt. Peter Quint versucht Miles von der Ferne vor ihr zu warnen, dann stirbt Miles unter den Händen der Gouvernante, jedenfalls will Claus Guth  das so.Britten, der sich sonst eher von der zeitgenössischen Musik fernhielt, versuchte sich hier in der Zwölftontechnik. Dieses Werk ist mathematisch kalkuliert und gehört zu den spannendsten Werken von Britten, vor allem wohl auch, weil alles offen bleibt und sie genauso rätselhaft endet wie sie beginnt.  Wir kennen nicht mal den Namen der Gouvernante. Ist sie vielleicht die Wiederauferstehung von Miss Jessel oder ein Ebenbild. Alles bleibt offen, auch die seltsame Beziehung von Miles zu Peter Quint.  Die Bühne dreht sich praktisch permanent und lässt die Zuschauer durch das Gut wandern, obwohl gleichzeitig alles stehen bleibt. Guth hilft uns nicht, die Geschichte zu verstehen, er verwirrt sie eher noch mehr. Miss Jessel und Peter Quint singen sich aus einer anderen Welt auf die Bühne.

Premiere war in der Fenice in Venedig und erst danach wurde sie in London aufgeführt. 

Daniel Cohen dirigiert die Staatskapelle aufs Feinste. Maria Bengtsson ist die Governess. Man leidet mit ihr, wenn sie immer nervöser und unsicherer wird, Thomas Lichtenecker sehr gut als Miles und Flora ist Sónia Grané, die es wirklich schafft, wie ein Teenanger auszusehen. Die beiden Geschwister verbindet ebenfalls eine seltsame Beziehung, die sie an einem weißen Kaninchen ausleben.  Mrs. Grose ist Marie McLaughlin. Alle singen sie sehr textverständlich und sicher in ihren Rollen.

cmb

 

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Das Wunder der Heliane

Dionysisch-erotisch versus  apollinisch-heilig

 Am 19. März fand  in der Deutschen Oper Berlin die Premiere von Korngolds „ Das Wunder der Heliane“ statt und konnte seitdem fünf fast ausverkaufte und umjubelte Aufführungen feiern.

 Bei dieser Produktion der DOB stimmt alles. Orchester, Chor, Inszenierung und Solisten und die haben es nicht leicht, vor allem Heliane, denn sie steht einem großen, gewaltig spätromantischem Orchester gegenüber. Sara Jakubiak meistert diese Herausforderung bravourös wie sie auch im schauspielerischen überzeugt und  von einem Kammermusik-Stil  im ersten Akt ohne Chor zu einem Fis-Dur-Wahnsinn und betend-erregtem Chorgebrüll im 3. Akt mitgeht; ansingend gegen den  Mob, der von Anbetung zu Verachtung wechselt und  auf jeden Vorschlag reagiert, solange er nur laut genug gebrüllt wird.

Heliane, die Frau des Königs im Land ohne Lachen und Liebe besucht den dionysischen Fremden, der diesen apollinischen Zustand  beenden wollte, im Kerker. Dort hat ihm kurz vorher der König selber das Todesurteil überbracht. Trost will sie ihm spenden, er aber will nur ihre Haare und Füße und später den ganzen Körper sehen. Sie gewährt ihm diese drei Wünsche und verschwindet – immer noch nackt, wie Gott sie geschaffen hat und von Leidenschaft geplagt – um für sie Beide zu beten. Der König sucht den Fremden später nochmals auf und bittet ihn um Rat, wie er seiner eigenen Frau, der Königin, näher kommen könnte, da er, der Häftling, der sich mit Lachen und Liebe auskenne, sicher helfen könne. Heliane hört dies und kommt – immer noch entkleidet, denn ihre weiße Robe liegt ja auf der Bühne, dazu. Der entsetzte König versteht und interpretiert – falsch natürlich –  denn es ist ja nichts passiert, und will sie nun töten. Um Heliane zu schützen, entleibt sich der Fremde vor aller Augen. Und nun geschieht etwas seltsames, denn die vermeintliche Ehebrecherin soll zur Heiligen mutieren. Sie kann dem Scheiterhaufen entkommen, wenn sie den toten Fremdling wieder zum Leben verwecken vermag. Heliane stimmt dem Verdikt des Richters zu, schafft es dann aber nicht, die richtigen Worte zu sagen und gesteht, was sie nicht getan hat. Der König überlässt sie daraufhin der rasenden Meute, die auch sofort über sie herfällt, bevor sie dem Feuer übergeben wird. Wenn dann schon keiner mehr daran glaubt, dass sie den Toten wieder ins Reich der Lebenden bringen wird, erhebt dieser sich plötzlich. Da ist er nun, der Beweis der Reinheit und Unschuld und einer vereinten Liebe im Paradies steht nichts mehr im Wege.

Sara Jakubiak ist großartig, singt sauber und prägnant mit einer chromatischen Transparenz dem großen Orchester entgegen. Sie nimmt den kompletten Raum ein, auch wenn sie ganz leise singt. Aber auch Josef Wagner als König, Brian Jagde als der Fremde und die neidische, aufstachelnde Botin (Okka von der Damerau) sind bestechend. Ein besseres Team hätten Marc Albrecht und Christoph Loy nicht finden können.

Loy hat alles herrlich bescheiden gelassen. Das Bühnenbild besteht nur aus einem großen, holzgetäfelten Raum, der eher wie ein edler Büro aussieht. Bescheiden ist auch die Namensgebung, denn nur Heliane hat einen. Alle anderen heißen König, Fremder, Botin, Blinder. Auch die Kleider passen sich hier an. Chor und Solisten sind in schwarzen Business-look gekleidet, nur Heliane kommt zu Beginn als weiße Braut in den Kerker;  zum Prozess und zur Auferstehung trägt auch sie das kleine Schwarze.

Erich Wolfgang Korngolds „Das Wunder der Heliane“ ist eine Oper, die eigentlich aus ihrer Zeit gefallen und wo Musik und Thema viel besser ins 19. Jahrhundert passen, die aber heute wieder großartig dasteht. Absurd-symbolistisch ist das Werk, religiös-erotisch die Person der Heliane, der Hellen, Reinen, Schönen. Der österreichische Expressionist Hans Kaltenecker hat 1919 das Stück „Die Heilige“ geschrieben.  Hans Müller verfasste daraus das Libretto. Vielleicht hat er dabei auch an Herodots Geschichte von Kandaules und Gyges gedacht, auch hier steht eine nackte Frau zwischen zwei Männern, obwohl die Geschichte anders ausgeht.

Korngold hatte ein paar Jahre vorher, als knapp zwanzig Jähriger,  mit seiner Oper „Die Tote Stadt“ nach Rodenbach Novelle „Bruges la Morte“ in Hamburg und Köln einen riesigen Erfolg erfahren an den er mit  „Das Wunder der Heliane“ nicht anknüpfen konnte und so wurde sie – bis auf wenige Aufführungen in den letzten  Jahren – aus der Mottenkisten nicht mehr herausgeholt. Sentimental, schnulzig, triefend, anmutig, altmodisch empfand man sie damals und stellte sich  Kreneks im selben Jahr uraufgeführte Zeitoper „Jonny spielt auf“ entgegen,  die den technischen und kulturellen Fortschritt der neuen Sachlichkeit der 1920er Jahre hervorhob,  ganz schnell ein Welterfolg wurde und im selben Jahr Premiere feierte. Da konnte der spätromantische Expressionismus von Korngold nicht mithalten. Die Oper kam ranzig herüber und erinnerte an das 19. Jahrhundert, das in der Weimarer Republik ganz weit weg war.

Ulrich Schreiber erzählt, dass die Österreichische Tabakindustrie 1928 zwei neue Zigarettenmarken auf den Markt brachte. Eine preiswerte, Jonny und eine Luxusmarke Heliane, mit einem goldfarbenen Mundstück. Das zeigt, wie sehr die beiden Werke miteinander konfrontiert wurdenn. Aber das nützte nichts. Weder Lotte Lehmann in Wien drei Wochen nach der Hamburger Uraufführung noch die Berliner Version konnten Jonnys Siegeszug durch die Welt erreichen, ja nicht mal hinterher hecheln.

Korngolds Heliane-Musik ist ein sehr gelungenes pasticcio ohne Schwächen oder Längen zwischen Wagner, Strauss und Puccini bei dem dann und wann ganz kurz Passagen durchklingen, die seine Filmmusik, mit der er ab 1930 in Hollywood viele Preise gewinnen wird, ankündigen.

Christa Blenk

 

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Ein Deutsches Requiem

SanLorenzo Street Art
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Konzert am Karsamstag

Das Konzerthausorchester Berlin und der Philharmonische Chor Berlin unter Leitung von Michael Sanderling führten gestern abends im Konzerthaus das Deutsche Requiem op. 45 von Brahms auf.  Ein „gewaltiges und ergreifendes Stück“ nannte es Clara Schumann. Ihr hatte Johannes Brahms vorab, wohl 1865, die Noten eines Teils zukommen lassen. Brahms, der sich in der Bibel gut zurechtfand,  hatte dafür Textstellen aus dem Alten und dem Neuen Testament, Psalmen sowie Teile aus dem Buch Jesaia  in Ton gesetzt und Hoffnung, Trauer, Freude, Leid und Glück  zum Ausdruck gebracht. Es ist eine Komposition für Sopran- und Bariton-Solo, Chor und Orchester  und entstand um 1866. Angefangen mit der Zusammenstellung der Texte hat Brahms allerdings  schon knapp 10 Jahre früher.  1867 wurden durch den Wiener Singverein erstmals nur die ersten drei Sätze aufgeführt, mehr Durchhaltekraft traute man dem Publikum wohl nicht zu. Eduard Hanslick hat es allerdings durchaus positiv bewertet.

Das Werk dauert gute 60 Minuten (wobei es Versionen gibt, die 10 Minuten länger dauern), es besteht aus sieben Sätzen die von den beiden verwandten Teilen I und VII eingerahmt sind.  Teil III, V und VI sind mit Singstimme, der Chor spielt die Hauptrolle und ist immer dran.

Chor und Bariton Michael Nagy haben sehr textverständlich gesungen; die Sopranistin Christina Landshamer war leider nur ansatzweise zu verstehen.  Sanderling hat das Orchester sehr lyrisch geführt und hat manchmal an Haydns Schöpfung denken lassen.

Neben Bachs h-Moll-Messe,  der Matthäus-Passion oder dem Weihnachtsoratorium gehört Brahms‘ Requiem zu den großen geistlichen deutschen Kompositionen und Chorwerken.  

Vor der Pause spielte Martin Schmeding an der Orgel Franz Liszt Variationen der Bachkantate „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ . Diese Bachkantate entstand in seiner Weimarer Zeit und Bach hat sie 1714 für den dritten Sonntag nach Ostern komponiert. Liszt hat sich vor allem auf den Eingangschor der Kantate konzentriert.  Die Bassmelodie drückte im Barock Schmerz und Trauer aus. Den ostinaten Bass hält auch Liszt die ganze Zeit bei und springt von leiser Verzweiflung zu rasender Wut um kurz vor Ende den Schlusschoral der Bach Kantate „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ anklingen zu lassen. Liszt hat es 1859 geschrieben, nach dem Tod seiner Tochter Blandine.

cmb

 

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Karfreitagskonzert in der « Kirche zur Frohen Botschaft »

 
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 © Rebecca Ewald

 

Öffentliche Generalprobe in Karlshorst

Ostern ohne das Stabat Mater von Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736)  ist eigentlich gar nicht denkbar. Es nutzt sich nie ab, dieses wunderbare Werk und bringt immer wieder neue Interpretationen hervor. Von den zwölf Sätzen insgesamt hat Cornelia Ewald, die Leiterin des Studiochors Karlshorst, der Kantorei Karlshorst und dem Jungen Bach Ensemble die ersten sechs, die Schönsten, ausgesucht und es mit den wunderbaren Solistinnen Alessia Schumacher (Sopran) und Christina Hiemsch (Alt) einstudiert.

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 © Rebecca Ewald

Mit vielfältig-trauriger Chromatik, cremiger Weichheit, trillernder Energie, zitternder Erschütterung, rhythmischem Continuo und gedämpfter Stimmung kommt es daher dieses überwältigend schöne Werk, welches Pergolesi kurz vor seinem viel zu frühen Tod 1736 komponierte. Töne, Stimmen und Instrumente fusionieren zu einer perfekten Melodik. Im 18. Jahrhundert gehörte es zu den beliebtesten Werken; Salieri schrieb eine eigene Version davon und der große Bach arbeitete das Stabat Mater zu einer Kantate um. Im 20. Jahrhundert verarbeitete Strawinsky Teile von Pergolesis Werk für sein Ballet « La Pulcinella ». 

Das Junge Bach Ensemble hat auf energische Langsamkeit gesetzt und wir lernen es durch die Wiederholungen und Erklärungen der Leiterin aber auch durch die Anmerkungen der Musiker noch besser kennen und freuen uns über jede nicht sitzende Note, um eine Arie nochmals hören zu können. Cornelia Ewald hört genau hin, was die Solisten oder Musiker einbringen und man spürt den gegenseitigen Respekt.   

Des Weiteren stand die Motette von Heinrich Schütz aus der Geistlichen Chormusik (1648) auf dem Programm und  « Wer bis an das Ende beharrt, der wird selig » aus Felix Mendelsohn-Bartholdys (1809-1847) Oratorim « Elias » auf dem Programm. Das zweite highlight des Konzertes war die Bach Kantate BWV 12 « Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen » (1714). Die Kantate ist in Bachs Weimarer Konzertmeister-Zeit entstanden und er hat sie für die dortige Schlosskapelle im April 1714 für den dritten Sonntag nach Ostern (Jubilate) komponiert. Die Solisten hier waren Berk Altan (Tenor) und Pierre Chastel (Bass). 

Bewundernswerte Aufführung mit sehr guten Sängern und Musikern und einer enthusiastischen Leiterin. 

 

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  © Rebecca Ewald

 

Christa Blenk

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Stabat Mater auf Usedom

Stabat Mater durch Concerto Romano

 

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Adam’s Passion

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Stille, Licht und Langsamkeit.

Im Jahre 2009 sind sich Robert Wilson und Arvo Pärt im päpstlichen Wartesaal in Rom begegnet. Papst Benedikt XVI gab eine Audienz für 250 Künstler und Wissenschaftler. Aus diesem Anlass sang ein Kinderchor Werke von Arvo Pärt. Aufführung und Werk begeisterten Robert Wilson und die Beiden beschlossen, gemeinsam ein Projekt zu realisieren. Natürlich konnte nach dem Aufeinandertreffen von zwei Minimalisten in päpstlicher Gesellschaft nur etwas Biblisches entstehen und das war dann auch der Beginn von Adams’s Passion, ein Zusammenschnitt von den schon existieren Kompositionen « Adam’s Lament » (2010), « Miserere » (1989-1992), dem Doppelkonzert für zwei Violinen « Tabula Rasa » (1977) sowie dem Orchesterwerk « Sequentia“ (2014), in Szene gesetzt von Robert Wilson.

Zuerst war nur Licht. Adam steht wie eine bewegungslose, aus einer Nebelwolke kommende, Schaufensterpuppe  in romantischer Position mit dem Rücken zum Publikum – so wie in Gott geschaffen hat. Die Musik dazu, Sequentia“  hat Arvo Pärt  2014 Robert Wilson gewidmet und trägt uns ganz weit weg. Nun ist Geduld befragt, denn  Adam (Michalis Theophanous) braucht gefühlte 30 Minuten bis er sich auf dem schwarzen catwalk, der ins Publikum führt, vorwärts bewegt, sich einen Zweig auf dem Kopf drapiert und wieder auf die Bühne zurück schreitet. Der Anzug, den er dann trägt zeigt uns, dass er mittlerweile aus dem Paradies vertrieben wurde und schon mitten in den Übeln der Welt und unterschiedlichen Menschen steht. Spirituell, religiös und meditativ und mit viel Symbolik werden  Erschaffung und Zerstörung der Welt dargestellt:  eine Leiter, Ziegelsteine, ein fliegendes Haus, der Baum der Erkenntnis und noch mehr lächerliche Zweige sowie Kinder, die MPs aus Holz über die Bühne tragen.  

Die Tanzikone Lucinda Childs im Raumschiff-look tut es Adam nach und bewegt sich ihrerseits mit großartiger Langsamkeit von einer Seite der Bühne zur anderen was manchmal etwas pathetisch wirkt. Man fragt sich zum Schluss, ob es nicht ohne das prätentiöse Geschehen für die Musik besser gewesen wäre.

Arvo Pärt ist 1935 in Tallinn geboren und zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen Komponisten. Pärt hat eine Vorliebe für religiöse Motive und kommt mit seinem Musikstil bei den anderen Avantgarde Komponisten nicht immer gut an. Wörter und Texte gehören zu seiner Musik wie das Licht zu Wilson gehört.

Robert Wilson ist zehn Jahre nach Pärt in Texas geboren, studierte zuerst Betriebswirtschaft und ging 1963 nach Brooklyn wo er Architektur, Fotografie und (Licht)Kunst studierte und mit Choreografen wie George Balanchine und Merce Cunningham arbeitete. Schon 1976 gelang ihm in Avignon der Durchbruch mit der Oper „Einstein on the Beach“, eine Produktion mit Philipp Glass und Lucinda Childs. In den 1980er Jahren realisierte er Projekte mit Heiner Müller. Wilson arbeitet weltweit mit den großen und bedeutenden Theatern sei es Hamburg, Paris, Zürich, Mailand, Salzburg oder Berlin. 

Tönu Kaljuste stand gestern am Pult vor dem Konzerthausorchester Berlin mit dem ausgezeichneten estnischen philharmonischen Kammerchor und ausgezeichneten Solisten.  

Christa Blenk

 

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Zehlendorfer Hauskonzerte – Franz Trio und mehr

CELLO
Zeichnung: Emanuel Borja

 

Gestern Abend haben die ausgezeichneten Streicher Avigail Bushakevitz (Violine), Melanie Richter (Violine), Ernst-Martin Schmidt (Viola), Taneli Turunen (Violoncello) und Alexander Kahl (Violoncello) bei einem kurzfristig organisierten Hauskonzert ein geradezu brillant zusammen gestelltes Programm  im  gerammelt vollen Wohnzimmer in Zehlendorf vorgetragen und damit an die 50 Musikliebhaber an einer großartigen Vorpremiere teilhaben lassen. Avigail Bushakevitz ist – zusammen mit ihrem Ehemann, dem Bratschisten Ernst-Martin Schmidt und  der Cellistin Constance Ricard – Mitbegründerin des Franz-Trios.

Das Konzert eröffnet mit einem Werk des ungarischen Komponisten Zoltán Kodály (1882-1967).  Kodály hat die Serenade für zwei Violinen und Viola 1920 komponiert – in  einer für ihn persönlich und politisch schwierigen Zeit. Bekannt geworden ist diese Preziose dann 1922 anlässlich einer Aufführung in Salzburg im Rahmen eines Kammermusikfestivals durch das Amar-Hindemith Quartett mit Paul Hindemith persönlich an der Viola. Ungarische Musikelemente, Pustawind und verrückte Rhythmen zeichnen es aus und dauert 25 spannende Minuten.

Weiter geht es mit dem Trio à Cordes (Streichtrio) von Jean Françaix  (1912-1997). Hier kommt ein bezauberndes Jugendwerk pour faire plaisir, wie Jean Françaix seine Musik definierte. Filigran und zart hüpft die Komposition von tänzerischen Walzer- zu Tangorhythmen, weiter  zu einem neoklassischen und spätromantischen Expressionismus bis plötzlich barocke Lully-Tambourine anklopfen, Elemente, die puren Bonheur in die Gesichter der glücklichen Zuhörer (und der Musiker) zaubern. Denen sieht man es an, wie sehr es sie amüsiert, dies zu spielen. Wahrscheinlich hat Françaix  es auch mit einem Lächeln im Gesicht komponiert. 

Jean Françaix entstammte einer Musikerfamilie und hat bei Nadia Boulanger in Paris studiert. Damals kannte man das Wort  crossover in der Musik noch nicht, er hat es aber praktiziert,  sich ohne Berührungsängste mit allen Musikstilen und Gattungen befasst und eine Brücke vom Oratorium zur Filmmusik gebaut.  Den größten Ruhm hat er dann aber doch mit der Kammermusik erreicht.  Seine Werke verbinden Scherz und Humor mit schlagfertiger Freude.  Françaix hat das Stück 1933 für das Brüder-Trio Pasquier komponiert. Die Interpreten haben ihn sehr gut verstanden!

 

QNG

 

Jetzt hängt die Latte hoch! Kurze Pause zum Lüften und konzentrierte Vorfreude auf eines seiner Großwerke: Das  Streichquintett C-Dur op. post 163 D 965 von Franz Schubert (1797-1828). Obwohl Schubert er nur zwei Monate vor seinem Tod komponiert hat, tut man sich schwer es Spät- oder Alterswerk zu nennen, denn er war ja nur 30 Jahre alt!  Das haben die Musiker auch so gesehen und es sehr temperamentvoll-innig vorgetragen. Schubert griff hier auf eine eher ungewöhnliche Kombination von zwei Geigen, zwei Celli und einer Bratsche zurück. Fast 50 Minuten dauert es, ein Drittel davon gehört dem ersten Satz. Tragisch-schön, pendelt es sich zwischen verlorener Zuversicht und unerfüllter Hoffnungen. Es beginnt mit einer nostalgisch-tragischen Endlosschleife, wütet durch finstere Gewitterwolken und aufreißende Himmel und plötzlich verstehen wir, warum Kodálys Serenade dieses Konzert eröffnet hat: hier sind sie, die ungarischen Tanzrhythmen in Schuberts Rondo

Die Uraufführung dieses kammermusikalischen Schwanengesangs hat der Komponist allerdings nicht mehr erlebt, denn dazu hätte er noch 22 Jahre leben müssen. So lange hat es nämlich gedauert, bis es im Jahre 1850 endlich in Wien aufgeführt wurde. Das lag zu allererst an der Resistenz dem Stück gegenüber von Musikwelt und Verleger.

Am 25. März findet dieses schöne Konzert im Berliner Konzerthaus (Matinee) statt, allerdings ist es schon lange ausverkauft. Glücklich diejenigen, die eine Karte haben!

 

Christa Blenk

 

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Stabat Mater – Dvorak

La Pietà Rondanini - Michelangelo
Pietà Rondanini (Michelangelos letztes Werk / Mailand)

 

1875 begann Antonin Dvorak mit der Arbeit an seinem Stabat Mater. In dieser Zeit verstarb seine Tochter Josefa gleich nach der Geburt.  Damit war aber die Familientragödie noch nicht beendet, denn bis zur Fertigstellung zwei Jahre später hat verlor die Familie Dvorak noch weitere zwei Kinder. Seinem Stabat Mater merkt man das nicht wirklich an. Es kommt ganz positiv und symphonisch daher und lässt hin und wieder ganz kurz an Verdi oder an Belcanto denken. Mehr noch, die  ersten Minuten würde man nicht mal an ein religiös geprägten Werk denken.  Es ist ser gesanglich, samtig, harmonisch und rund!  

Die Aufführung gestern Abend in der Philharmonie – es sang der Philharmonische Chor Berlin begleitet von der Staatskapelle Halle unter Leitung von Jörg-Peter Weigle – war korrekt und würdig, die Solisten gut.  Nicht ganz sauber gleich zu Beginn, haben sie alle im Verlauf der knapp 90 Minuten immer mehr zusammen gefunden. Hervorzuheben vor allem die Altistin Ingeborg Danz und Andreas Bauer (Bass).  Simone Schneider (Sopran) und Tomasz Zagorski brachten ihre Arien sehr lyrisch und das Orchester brachte einen satten Klang hervor.

Heute hat das Stabat Mater große und majestätische Chorwerk einen festen Platz in der Passionszeit und unzählige Komponisten von Pergolesi, über Rossini bis Rihm haben sich damit befasst. Während bei Pergolesi alle schöne Arien den Solisten gehören, sind es hier vor allem die Chorpartien und eine ausgewogene Instrumentalisierung des großen Orchesters, die die erste Geige spielen. Die Solisten ergänzen hier eher den Chor! Weigle hat aber durchaus eine Ausgewogenheit herstellen können.

1880 wurde das Werk in Prag uraufgeführt und kam zwei Jahre später in Brünn und Budapest zur Aufführung. Den internationalen Durchbruch erfuhr es allerdings nochmals zwei Jahre später in London als ein Chor bestehend aus 800 Sängerinnen und Sänger mit einem Riesenorchester es in der Royal Albert Hall vor 8000 Zuhörern aufführte.

 

cmb

 

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Zehlendorfer Hauskonzerte – Noga Quartett im Quintett

Entdeckung

Zerrissene Töne im Winter

Der gestrige Abend war dem polnischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) gewidmet. Hierzu kam das großartige Noga-Quartett ins Wohnzimmer nach Zehlendorf mit Weinbergs Klavierquintett f-Moll op. 18 im Gepäck. Am Klavier die wunderbare Pianistin und Weinberg-Expertin Katarzyna Wasiak. Im Entstehungsjahr 1944 lebte Mieczyslaw Weinberg schon in der Sowjetunion.

Das Klavierquintett besteht aus fünf Sätzen, die permanent auf der Suche sind, Chaos in Ordnung zu verwandeln, ein brillanter Schlagabtausch zwischen Klavier und Streicher.  Einmal spielt das Klavier die erste Geige, gibt aber gleich wieder den Stab ab und lässt die Streicher wüten. 

Eine Reise im Trauerflor in der kalten Jahreszeit.

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Die erklärenden Worte der Musiker zu Beginn des Konzertes – für die die gestrige Aufführung eine Premiere war und die selber noch dabei sind, zu Stück zu entdecken bzw zu verstehen  – haben dazu beigetragen, dem Stück ein wenig mehr als sonst näher zu kommen. Eine Flucht, ein unfreiwilliger Aufbruch ins Ungewisse. Dramatisch-wütende Verfolgungsszenen gleiten in melancholisch, samtige Tristesse ab, um dann gleich wieder zu  Donner- und Kanonenhall des Pianos und krampfhaftem Weinen der Geigen über zu gehen, bereit, die Zuhörer in große Emotionen zu stürzen. Immer wieder rappelt es sich auf und kommt dann plötzlich ganz tänzerisch daher, von (Trauer)Marschtakten, pastoralen Walzertönen über dumpfen Rock n’Roll des Klaviers zu einem  « irischen » Squaredance der Streicher. Im Laufschritt von hoffnungslosen Monologen hin zu  hoffnungsvollen Fragezeichen, von wolkenaufreißender, hektischer Helligkeit bis es langsam im Dunkeln aushaucht. 

Stille!

Einfach umwerfend, die Musik und die Interpretation. Jetzt bitte ein da capo, um all das zu hören, was aufgrund der großen Klangfarben- und Fülle unterging oder zu schnell verflog.

Weinberg war Sohn eines jüdischen Musikers und studierte Klavier am Warschauer Konservatorium, floh 1939 nach dem deutschen Überfall auf Polen über Minsk und Taschkent, wo er seine Studien fortsetzte. Er verlor seine komplette Familie im KZ, richtig bewusst wurde ihm das allerdings erst 30 Jahre nach dem Krieg.  Schon 1943 nahm er Kontakt zu Schostakowitsch auf, der ihn nach Moskau einlud, wo er bis zu seinem Tod bleiben sollte. Die beiden standen in permanentem Austausch über die jeweilige Musik.

In der Oper „Die Passagierin“, die als sein Hauptwerk gilt, arbeitet Weinberg das Thema Auschwitz auf. Sie wurde vor ein paar Jahren – viel zu spät – als Weltpremiere bei den Bregenzer Festspielen aufgeführt.

Weinberg hinterließ ein umfassendes Werk, das einen Bogen von Filmmusik zu Symphonien spannt und man kann schon sagen, von Bela Bartok und Schostakowitsch beeinflusst ist.

Das Noga Quartett gründete sich  2008: Simon Roturier, Lauriane Vernhes (Violine), Avishai Chameides (Viola) und Joan Bachs (Cello) gehören ihm an.  Die Musiker sind in verschiedenen großen Berliner Orchestern tätig. 2015 hat dieses ausgezeichnete Berliner Quartett übrigens die 7. Melbourne Chamber Music Competition gewonnen.

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Die polnische Pianistin Katarzyna Wasiak stammt aus einer Musikerfamilie und begann schon mit sieben Jahre ihre musikalische Ausbildung in Breslau. In Wien hat sie Musik und Darstellende Kunst studiert und setzte ihre Studium 2006 in Berlin fort (Hochschule für Musik Hans Eisler).  Sie scheint verwachsen mit ihrem Klavier zu sein und zeigt durch ihre Körpersprache eine große gleichberechtigte Auseinandersetzung mit jedem Anschlag oder Ton.

Eine Sternstunde am Berliner Konzerthimmel war dieser Abend! Bis Juli soll das Quintett noch weitere Male aufgeführt werden – und wir werden uns das nicht entgehen lassen; eine CD-Einspielung wird es auch geben.

Christa Blenk

Fotos: Am Schlachtensee (März 2018)

 

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Konzert im Großen Sendesall – Haus des Rundfunks

Konzert im Großen Sendesaal Haus des Rundfunks am 10. März 2018 mit dem Abonnentenorchester des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter Leitung von Heinz Radzischewski und der Humboldt Big Band (Leitung Armando Carillo Zanuy)

Sänger der Big Band: Kristina Svensson und Johannes Held.

Außer Verdis Ouvertüre zu „Macht des Schicksals“ und Schostakowitschs « Ballet Suite No. 1″ traute sich das Orchester an Philip Glass  Konzert für Violine, Violoncello und Orchester mit den sehr guten Solistinnen Kamila Glass (Violine) und Lesli Riva Ruppert (Violonvello).

Philip Glass gilt neben Steve Reich als der wichtigste Vertreter der Minimal Music. Vor allem die Begegnung mit Ravi Shankar hat Glass zu seinem repetitiven und hypnotischen Musikstil inspiriert. Peter Sellars sagte einmal:  „Bei Phil ist es ein bisschen wie bei einer Zugfahrt einmal quer durch Amerika: Wenn Sie aus dem Fenster sehen, scheint sich stundenlang nichts zu verändern, doch wenn Sie genau hinsehen, bemerken Sie, dass sich die Landschaft sehr wohl verändert – langsam, fast unmerklich.“ Immer wieder komponierte Philip Glass Musik fürs Kino oder Fernsehen (hervorzuheben hier der Film Koyaanisqatsi (1983) mit dem Glass’ Musik große Popularität außerhalb der Klassikgemeinde erreichte und ihn der  New-Age-Bewegung zuordnete. Glass erarbeitete einige seiner wichtigsten Projekte mit Robert Wilson (« Einstein on the Beach »). Von ihm stammt auch die Überarbeitung der  Eröffnungsmusik der Olympischen Sommerspiele 1984 in Los Angeles.

Das originelle und einzigartige Doppelkonzert für Violine, Cello und Orchester ist ein Dialog zwischen den Soloinstrumenten und dem Orchester; es entstand 2010 im Auftrag des Netherlands Dance Theater als Choreografie für Sol Léon und Paul Lightfoot.

Großzügige Zugaben mit Werken von Lecuona, Piazzola und Soundtracks von bekannten Westernserien.

 

cmb

 

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Französisches Opern Pasticcio

Les beaux jours de l’amour (die schönen Tage der Liebe)

Der französische Dirigent Raphael Pichon stellte ein Programm aus Opern von Rameau und Gluck zusammen, eine Art Pasticcio à la française mit Prolog, drei Akten und Apotheose.

Die Leistung der französischen Sopranistin Julie Fuchs ist noch bedeutender wenn man bedenkt, dass sie erst zwei Stunden vor Konzertbeginn aus Paris eintraf. Sie war kurzfristig für die erkrankte Sabine Devieilhe (für die das Programm eigens zusammen gestellt worden war) eingesprungen. Zarte  Arien, wunderbare Flöteneinsätze,  Orchesterstücke, Tambourins, Ritornelles, Chaconnes oder Rondeaus aus Jean-Philippe Rameau (1683-1764) Opern wie  “les Indes Galantes, Les Boréades, Castor et Pollux und Christoph Willibald (Ritter von) Gluck (1714-1787) Orfreo ed Euridice  strebten an diesem ungewöhnlichen Abend einem fulminanten und furiosen Finale entgegen und Julie Fuchs legte die zuerst gezeigte schüchterne Leichtigkeit gänzlich zur Seite als sie umwerfend und witzig-graziös die Arie der Folie aus Platée hinschmetterte und mit großer Komik den Dirigenten vom Pult stieß und mit Musikern und Publikum kokettierte.

Beide, Rameau, der erst mit 50 Jahren seine erste Oper komponierte, und Gluck sahen sich gefordert, den Opernstil zu reformieren als sie beide im Spätbarock in Paris agierten.

Großartiger französischer Pasticcio-Opernabend am 28.02.2018!

cristina crespo
Cristina Crespo

cmb

 

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La Serva Padrona

Das ausgezeichnete Freiburger Barockorchester zu Gast im Kammermusiksaal der Philharmonie mit einem fast ausschließlich Pergolesi gewidmeten Programm.

Von geistlicher Musik zur Opera-Buffa. 

Den Anfang machte ein kleines Ensemble mit dem Concerto armonico Nr. 5 f-Mol von Unico Wilhelm Graf van Wassenaer (1692-1766). Man hat diese kleine Preziose oft Pergolesi zuordnen wollen, der in nur 26 Lebensjahren ein großartiges Werk hinterlassen hat. Gleich darauf dann aber ein echter Pergolesi, das  Concerto B-Dur, angeführt vom Konzertmeister Gottfried von der Goltz. Zum dritten Teil vor der Pause kam die Sopranistin Sunhae Im in cremefarbener Spitze auf die Bühne und hat Pergolesis Salve Regina c-Moll eher enttäuschend vorgetragen. Viel zu unbeteiligt und kalt gesungen,  nicht die kleinste Emotion konnte entstehen und man hat sie immer nur ein wenig von der Seite gehört.

Das hat sie dann nach der Pause aber gleich wieder wett gemacht als Serpina in Pergolesis Intermezzo „la serva padrona“. Zwei Personen und eine Pantomime verzaubern 40 Minuten lang das Publikum mit Witz, Charme, Slapstick und schöner Musik. Hier geht es eigentlich nur darum, ob der patrone seine Schokolade bekommt oder nicht. Der junge Theaterregisseur und Geiger Tristan  Braun hat in diese halbszenische Aufführung die Musiker mit eingebunden, die dann auch abwechselnd eine kurze Rolle übernehmen, und trat selber als tätowierter Halbstarker und Pseudo-Bräutigam von Serpina auf. Commedia dell’Arte pur!  

Sunhae Im trägt hier nun ein freches Spitzenkleid und ist ganz Herrin ihrer Ideen und Pläne und schäkert mit Braun durch den ganzen Saal. Uberto wird von Furio Zanasi, großartiger Bariton, schnell und sicher,  gesungen und gespielt und man weiß von der ersten Minute an, dass er gegen Serpina einfach keine Chance hat und als Verlierer aus dieser Geschichte hervorgehen wird. 

Hier zu einer anderen Aufführung in Rom

Christa Blenk

 

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