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Jakob Lenz

Jakob lenz

 

Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) war ein deutscher Schriftsteller des Sturm und Drang, der als Dichter seiner Zeit voraus war und ein schwieriges bzw. schräges Leben führte. Georg Büchner hat einen Teil von Lenz’ Leben – den Besuch bei dem evangelischen Pfarrer Oberlin  in den Vogesen -  zu einem Drama verarbeitet, welches wiederum Quelle für Wolfgang Rihms Jugendwerk Jakob Lenz war. Wolfgang Rihm (*1952) hat die Oper Jakob Lenz 1978, 26-jährig, komponiert. Sie wurde 1979 uraufgeführt und zählt mittlerweile fast schon zu den Klassikern der zeitgenössischen Oper.

Andrea Breth hat das Werk 2014 bildgewaltig und expressiv  für Stuttgart inszeniert – als Koproduktion mit der Staatsoper Berlin und mit La Monnaie/De Munt (Brüssel).

Drei Protagonisten und ein sechsstimmiges Vokalensemble kommen zum Einsatz sowie ein Kammerorchester. Rihms Oper füllt sich mit vielen unterschiedlichen Musikstilen und läuft in 13 Bildern ins Verderben. Die Übergänge von einem Bild zum anderen werden durch einen Gauschleier vor der Bühne vollzogen, der wieder entschwindet, um die nächste Szene aus dem tristen Daseins von Lenz zu erzählen. Anfangs keimt immer wieder Hoffnung auf, die aber dann gleich wieder von der psychotischen Hölle verschlungen wird.

Jakob Lenz flüchtet vor unheimlichen Stimmen in eine unwirtliche Felsenlandschaft. Der brave Seelsorger und Psychologe Pfarrer Oberlin (Henry Waddington) nimmt den suizidgefährdeten Lenz bei sich auf – auf Anraten von Kaufmann. Lenz wird von Alpträumen verfolgt und immer wieder kommt die Erinnerung an Friederike auf, eine Frau, um die er gemeinsam mit Goethe warb. Lenz verliert sich immer mehr und es taucht Kaufmann auf. Er ist streng und kalt, und will ihn mit Disziplin auf den rechten, gesunden Weg zurückbringen. Er verwickelt ihn in ein ernstes Gespräch über Kunst und überbringt ihm die Botschaft seines Vaters, doch nach Hause zurückzukehren. Lenz kann nicht, will nicht, will lieber getröstet werden und flüchtet erneut ins Gebirge. Oberlin und Kaufmann dringen nicht mehr zu ihm durch und als er vergeblich versucht, ein totes Mädchen zum Leben zu erwecken, stürzt er endgültig in die geistige Umnachtung.  Er hört Stimmen, die Friederikes Tod ankündigen. Neonlampen verstärken die Trostlosigkeit.

Hoffnungslos verlassen ihn Beide und Lenz bleibt allein, in Zwangsjacke, verdreckt und verlassen auf einem Krankenbett zurück mit dem Wort konsequent auf den Lippen..

Hören Sie denn nichts, hören Sie denn nicht die entsetzliche Stimme der Stille, die um den ganzen Horizont schreibt, und die man gewöhnlich die Stille heißt“ (Büchner, Lenz, 1839)

Unterstrichen  und gestützt wird die Handlung von einer grandiosen Inszenierung, die Musik und Handlung hervorhebt. Es gibt keine Farben, nur grau, schwarz, weiß und manieristische Lichteinfälle. Überhaupt durchziehen viele Gemälde der letzten Jahrhunderte das Geschehen. Einmal liegt Lenz da zu Füßen von Oberlin wie eine flämische Grababnahme. In einer andereren Szene muss man an einen Passionsweg denken, den Caravaggio hätte malen können.

Michael Fröhling hat das Libretto nach Büchners Erzählung geschrieben.  Der hervorragende Bariton Georg Nigl (Lenz) gibt alle Töne von sich, die ein Mensch hervorbringen kann. Sprechen, Schreien, Flüstern, Quietschen, Lyrik in allen Lagen. Die Zuschauer werden permanent zwischen  Panik, Schrecken, Hoffnung, Mitleid, Milde, Wahnwitz und Widerwille hin – und hergerissen.  Übertreibung wird von Pathos und Gleichgültigkeit abgelöst.  Die Landschaft ist wildromantisch, felsig, schwierig zu bewältigen. Es ist dunkel oder Halbdunkel, Spiegel auf der Bühne betonen dieses Unwohlsein, und man stellt sich die Frage, wer wo ist und wo die Zerstörung gerade wütet. 

Großartige Aufführung und großartige Darbietung der Protagonisten. Am Pult vor nur einer Handvoll Musikern Franck Ollu. Das Bühnenbild hat Martin Zehetgruber gemacht.

Jakob Lenz ist ein Meisterwerk und dauert nur 80 Minuten sehr intensive Minuten die uns schon an die Grenzen kommen lassen.

 

lenz

Christa Blenk

 

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Colombian Youth Philharmonic erfindet Strawinsky neu

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Mit der Colombian Youth Philharmonic unter Leitung von Andrés Orozco Estrada wurde gestern Abend im Konzerthaus das Festival Young Euro Classic 2017 eröffnet. Für das noch junge Orchester – es wurde vor sieben Jahren gegründet – eine Station auf ihrer ersten Europa-Tournee.

Der humorvolle, junge, charismatische und mit allen Weltbühnen vertraute kolumbianische Dirigent Andrés Orozco Estrada hat sich für diese Tournee etwas ganz Besonderes ausgedacht und mit einer spektakulären choreografischen  Aufführung von Strawinskys Le Sacre du Printemps das Publikum in Begeisterungsstürmen ausbrechen lassen. Musiker und Instrumente wurden zum Ballett.

Es war dunkel im Raum und still. Dann eine Cello-Note, die sich alle zwei oder drei Sekunden wiederholte. Die Musiker bewegten sich im Trauermarsch, einen Kontrabass tragend,  auf die Bühne zu und nahmen dort Platz. Hintereinander knipsten sie alle ihre Pultlichter an bis das Feuer auf die Leinwand hinter der Bühne übersprang und zu flackern anfing. Das Rascheln mit Gold-Metallpapier erzeugte knisternde und  knackende Feuergeräusche. Man fühlt sich fast wie in einer Ballettaufführung von Pina Bausch.

Großartiger Effekt, der sich während der kompletten Aufführung wiederholte. Abwechselnd fanden choreografische Bewegungen von Musikern und Instrumenten statt. Geigenbögen wurden zu Schwertern, Perkussionsinstrumente zu Donnerwerkzeugen und Blechinstrumente zu szenischen  Feuerspielen. Die Musiker spielten und schauspielerten auf das Finale zu und wurden von donnerndem Applaus abgelöst.

Vor der Pause sang die in Frankfurt lebenden kolumbianische Sopranistin Juanita Lascarro die Straußlieder „Morgen“ op. 27 Nr. 4 (1894); „Traum durch die Dämmerung“ op. 29 Nr. 1 (1895), „Liebeshymnus“ op. 32 Nr. 3 (1897), „Cäcilie“ op. 27 Nr. 2 (1897) und drei Lieder von Jaime León „la calle está desierta“, „Cuano lejos, muy lejos“, „Algún día in spanischer Sprache.

Begonnen hat das Konzert  mit einer interessanten Komposition des jungen peruanischen Komponisten Jimmy Lopez (*1978)  „América Salvaje“ (2006). Hier kamen drei traditionelle südamerikanische oder peruanische Instrumente, wie die Okarina-Flöte oder eine Wasserpfeife, zum Einsatz und das Publikum wurde in den tiefsten Amazonas  umschwärmt von Mücken und Dschungelgeräuschen transportiert. López zählt schon zu den bedeutendsten Nachwuchskomponisten und ist vielfacher Preisträger. Im Jahre 2000 hat er sich in Helsinki nieder gelassen, auch um dort seine Studien fortzusetzen.

Der in Wien lebende Andrés Orozco-Estrada wurde 1977 in Medellin/Kolumbien geboren. Er ist Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters.  Sein Schwerpunkt liegt auf der Wiener Klassik, obwohl sein Interesse an zeitgenössischer Musik sehr groß ist – genau das hat das Programm gestern Abend auch bestätigt.

Juanita Lascarro ist auch Kolumbianerin und seit 2002 festes Ensemblemitglied  der Frankfurter Oper. Nach einem Biologiestudium hat sie in Köln Gesang studiert.  Lascarro war als Liedsängerin Artist in Residence und Special Guest beim Bath Chamber Music Festival und hat ein sehr umfangreiches Repertoire.

Schon heute - während des Publikum immer noch nachschwärmt – machen sich  die 120 Musiker des Ensembles auf dem Weg nach Graz, wo der leidenschaftliche Dirigent Andres Orozco Estrada übrigens debütierte. In Graz wird das bestechende Programm gleich zwei Tage hintereinander aufgeführt. 

Mehr kann man von einem Konzertabend nicht erwarten.!

Christa Blenk

 

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Waldbühnenkonzert im Regen

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Das traditionelle Oper-Air-Konzert der Berliner Philhamoniker zum Abschluss der diesjährigen Spielzeit fand gestern abend – wie immer – in der Waldbühne Berlin statt. Der heftige Regen hat weder Musiker noch Publikum davon abhalten können, diesen musikalischen Höhepunkt gemeinsam zu begehen und so saß man da mit Regencape und Schirm und ließ sich in den Weinbecher regnen.

Auf dem Programm stand dieses Jahr Robert Schumann dritte Symphonie, die Rheinische. Nach der Pause ging es dann mit Orchesterstücken von Richard Wagners Ring des Nibelungen weiter, sehr passend zum Wetter, da der Regen pünktlich zu Rheingold wieder einsetzte.

Am Pult der Venezolaner Gustavo Dudamel – der schon zum dritten Mal die Philharmoniker auf der Waldbühne dirigiert.

Über 22.000 Zuhörer nimmt die Waldbühne, die 1933 – allerdings nicht für kulturelle Zwecke – entstand und heute zu den schönsten Oper-Air-Bühnen in Deutschland zählt.

cb

 

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Pellworm

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Pellworm! – wo ist das denn?

Die Insel Pellworm gehört zu den Nordfriesischen Inseln und ist eigentlich nur ein Überbleibsel einer weiten Flur, die im achten Jahrhundert von Friesen besiedelt wurde. Erst um 1000 n.C. durchbrach die Nordsee diese Ebene und setzte das Land unter Wasser. Schon aus dieser Zeit stammen die ersten Deich- und Warftbauten und die Bewohner entwickelten Ideen und Pläne, um sich im Kampf gegen die Nordsee zu organisieren. Im Laufe der Jahrhunderte, wurden aber aus dieser Landfläche immer mehr Inseln und Hallige.

Die erste große bekannte Flut fand im 14. Jahrhundert statt und ab dem 17. Jahrhundert gab es immer wieder verheerende Fluten; die letzte, die Pellworm fast komplett überschwemmte, fand im Jahre 1825 statt.

Heute erreicht man diese grüne Insel in einer guten halben Stunde mit der Fähre von Nordstrand. Alles ist bestens organisiert, denn der Zug aus Husum wartet auf den Bus, der die Gäste nach Nordstrand bringt und dort wartet die Fähre. Bei Ebbe geht die Fahrt durch eine Furt, links und rechts sieht man den Grund der Nordsee.
Pellworm ist eingerahmt von sehr hohen Deichen auf denen sich die Schafe mit den Austernfischern tummeln. Hinter den Deichen ist auf der einen Seite das Meer und auf der anderen Häuser, Höfe und Wiesen. Pellworm hat viel Natur, Zeit und Platz und alles tickt ein wenig ruhiger.

»Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren…«

Der deutsche Naturalist und Neuromantiker Detlev von Liliencron (1844-1909) hat ein Jahr dort verbracht und wurde Anfang 1882 sogar zum Hardesvogt ernannt, das ist eine Art Stellvertreteramt in der Gemeinde, die zu diesem Zeitpunkt schon zu Preußen gehörte.  Auf Pellworm entstand seine sicher berühmteste Ballade „Trutz, blanke Hans“. Er verarbeitete hier die Rungholtsage und die  große Sturmflut von 1634, die Grote Mandränke, die die vor Husum gelegene Insel Nordstrand seinerzeit verwüstete. Der Blanke Hans ist eine friesische Bezeichnung für die Nordsee. Rungholt ging das erste Mal in der Zweiten Marcellusflut im Januar 1362 unter. Dieses sagenumwobene Atlantis der Nordsee lag vor Pellworm, auf der heutigen Hallig Südfall, genau dort wo der Verfasser Hardesvogt war. In seinem Tagebuch schreibt er, wie er auf der Fähre von Husum nach Pellworm von dieser Sage höre.

Und wie immer wenn es keine echten Zeitzeugen gibt, blühen Sagen und Legenden. Zwei Geschichtsschreiber im 17. Jahrhundert erwähnten diese untergegangene Stadt mit den verborgenen Schätzen. Erst in den 1920 Jahren spülte das Meer nördlich von Südfall Überreste einer früheren Zivilisation ans Land und es begann ein systematische Aufarbeitung der Funde.  Auf einer Karte von 1636 die wohl auf einer anderen von 1240 basiert wird zum ersten Mal der Name Rungholt erwähnt. Das Datum liegt ca acht Monate vor der Marcellusflut. Ein wichter Rungholt Forscher war Andreas Busch (über ihn und seine Theorien und Aufzeichnungen kann man viel im Museum in Husum lesen und sehen).

 

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Im Rahmen der Christianisierung entstand im Jahre 1095 die Alte Kirche St. Salvator. Sie liegt auf einer Linie mit anderen vier Mutterkirchen der Christianisierung. Ca 150 Jahre später entstand der Gotische Turm, von dem heute noch eine 25 Meter hohe Ruine übrig ist. Der damals übliche und benutzte Tuffstein kam aus dem Rheinland. Spätgotisch ist der Flügelaltar; er zeigt die Passion Christ in sieben Szenen.

Aber der Hauptanziehungspunkt in der Kirche von  Pellworm ist ein Spätwerk des berühmten deutschen Orgelbauers Arp Schnitger. 1711 hat er sie aus unbehandeltem Eichenholz gebaut, sie hat 24 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Hälfte davon sind noch Originale. In Schleswig Holstein ist sie die einzig erhaltene Schnitger-Orgel und deshalb eine große Sehenswürdigkeit, auf die die Pellwormer sehr stolz sind, zumal im Sommer jeden Mittwoch regelmäßige Orgelkonzerte stattfinden – mit zum Teil recht bekannten Interpreten.

Einen Sandstrand wird man auf Pellworm hingegen nicht finden, da die Insel vor dem Meer mit hohen Dämmen geschützt werden muss. Dafür kann man wunderbare Wattwanderungen dort unternehmen. Ebbe und Flut wechseln sich alle sechs Stunden ab und geben dann für kurze Zeit den Meeresboden frei. Die ganz Mutigen können natürlich auch den Postboten auf seinem Fußmarsch durch das Watt begleiten – denn ein Ehepaar wohnt ganzjährig auf dieser Hallig. Allerdings muss man gut zu Fuß sein, denn  drei Stunden ist man mindestens unterwegs.

 

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der alte Turm

 Christa Blenk

 

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Wir sind Bettler – Luther-Oratorium

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Gestern Abend fand die Uraufführung von Daniel Pacittis Oratorium ‘Wir sind Bettler’ in der Berliner Philharmonie statt. Pacitti komponierte dieses Oratorium aus Anlass des 500. Jubiläums des Thesenanschlags von Luther an der Schlosskirche zu Wittenberg als Auftragswerk des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU.

Das Libretto verfasste Christian Meißner, der sich an der Sprache von Martin Luther orientierte.

Es spielte das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt unter Leitung des Komponisten selber. Martin Luther wurde großartig von Roman Trekel interpretiert. Die anderen Solisten boten ebenfalls einen soliden Auftritt. Yuriko Ozaki und  Cristiane Roncaglio (Sopran); Arttu Kataja ( Bassbariton) und Dominic Barberi (Bass). Außerdem sangen der Kinderchor der Staatsoper Berlin und der Berliner Oratorien-Chor.

Alle Konzertbesucher, die so etwas wie eine neue Misa Criolla erwartet haben, wurden enttäuscht. Protestantischer, asketischer und strenger hätte der katholische Argentinier mit italienischen Wurzeln, Pacitti, so ein Oratorium nicht komponieren können. Emotionen sind so gut wie nicht aufgetreten und sogar die harten Worte des Papstes oder Karl V wurden noch mit milder Strenge vorgetragen. Viele Längen hat das Mammutwerk und man vermisst eine Struktur darin. Das Publikum hat immer wieder zwischendurch und unkoordiniert applaudiert, als ob es sich hier um eine Belcanto Oper handeln würde, was den Maestro einmal sogar zum Abwinken brachte.

Pacitti hat sich viel mit Luther und seiner Zeit befasst, um ihm, dem Mönchlein, sowie der Zeit in der er lebte, so nahe wie möglich zu kommen und wollte aber auf der anderen Seite ein möglichst großes Publikum mit seiner Musik erreichen.

Somit entstand ein „zeitloses“ durchaus beachtenswerte Werk, das man nicht wirklich einer Epoche zuordnen kann!

Strauß-Trompeten, Bachkantaten und Verdi-Chöre werden von mächtiger Orff-Musik abgelöst und driften hin zu Madrigalen,  Kirchengesängen und Renaissancemusik, die wiederum von zarten Delibes-Klängen oder Jazzelementen durchbrochen werden. Pacitti hat sogar das von Luther komponierte Lied „ein feste Burg ist unser Gott“ in sein Werk integriert.

Mit knapp vier Stunden kamen Zuhörer und Interpreten an ihre Grenzen. Sogar die Solisten ließen zum Ende Ermüdungserscheinungen erkennen. Dass der aktuelle Papst aus Argentinien kommt, verursacht hier ein Augenzwinkern!

Daniel Pacitti wurde in Argentinien geboren wo er auch Klarinette und Klavier studierte. Nachdem er den ersten Preis des Wettbewerbes Mozarteum Solistas gewann ging er zu einem Klarinettenstudium nach Mailand und später nach Paris. Dort studierte er Dirigieren für Chor und Orchester.  In den 1990er Jahren ging er nach Italien zurück und leitete in Triest das Theater Giuseppe Verdi. In der Folge arbeitete er mit unterschiedlichen Orchestern weltweit.

Christa Blenk

 

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La damnation de Faust von Berlioz

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Faust im (deutschen) Wald

Die neue Produktion von Berlioz’ Faust an der Staatsoper ist eine Reise durch die deutsche Geschichte, die in der Romantik anfängt und im Zweiten Weltkrieg endet; dazwischen liegt alles was deutsche Geschichte und deutsche Gemeinplätze zu bieten haben.  Ob wir jetzt zum xsten Mal eine Aufführung mit Braunhemden, Lederhoren und deutschem Wald brauchen bleibt dahingestellt – Terry Gilliam hielt es jedenfalls für notwendig! Sein Faust ist ein jammernder Mitläufer-Nazi der indirekt dafür verantwortlich ist, dass Margarethe in ein Konzentrationslager abtransportiert wird. Die Bilder dafür hat er sich fast ausschließlich aus der Kunst geholt. Seine Produktion ist ganz klar, gibt keine Rätsel auf, man braucht nichts zu interpretieren oder erraten und keine intellektuellen Purzelbäume schlagen. Jede Szene ist nachvollziehbar und vorhersehbar. Es ist was es ist: eine braune, traurige (Kriegs)Suppe, bei der der Hauptprotagonist eben Faust heißt und das Urböse Mephisto.

Der amerikanisch-britische  Regisseur und Schauspieler Terry Gilliam war u.a. Mitbegründer der Monty Python Gruppe, deren größter Erfolg „Das Leben von Brian“ war und bleibt.  Skurril, witzig, zweideutig und urkomisch sind seine Projekte, gekennzeichnet von hintergründigem, makabrem Humor; meist köstlich die ersten 60 Minuten, dann bröckelt der Lack ab und das Fundament schmilzt im schrägen Humor dahin. Es wird langweilig und man ist es leid!  Nach Misserfolgen wie  Münchhausen und die Ablehnung der Warner Bros Rowlings ihn Harry Potter verfilmen zu lassen hat er sich als Künstler versucht und am Potsdamer Platz 2006 eine Konzept-Video-Installation aufgestellt.  Und daran – nämlich an die Kunst – hat er nun ideen- und bilderreich angeknüpft.

Mit einem wuchtigen Knall geht es los! Dann betritt Mephisto, verkleidet als  Conférencier und Zeremonienmeister der manipulierbaren Weltpolitik, die Bühne! Ungeschönt und anspruchslos beginnt der Film über die deutsche Geschichte ab der Romantik und dazu muss natürlich Caspar David Friedrich herhalten.

Faust, ein Mini-Humboldt, mit seinem ausklappbaren Studierzimmer auf dem Rücken, findet auch in der Natur keine Ruhe und muss vor den frechen und respektlosen Bauernkindern – die  ihm sogar seine Lupe wegnehmen wollen -  auf den Caspar David-Friedrich-Felsen fliehen (später gibt er seinen Platz dann dem Führer in Berchtesgaden ab). Das darauf  folgende Fest zu Ehren der Maikönigin könnte direkt aus einer Vorlage für einen Wandteppich von Francisco Goya stammen, die dann ein wenig später zu Goyas pintura negra  ( schwarzen Bildern) der alemannischen Fastnacht werden. Eine Tintoretto Kreuzabnahme  begleitet das Kriegswüten, nachdem sich die Pickelhauben in der Weimarer Republik den Europa-Kuchen aufgeteilt haben. Die Völkischen treten auf und singen das sehr an Rossini erinnernde Amen der kleinen Messe während Gilliam die Erschießung der Kommunisten choreografisch zelebrieren lässt. Großartig-geschmacklose Szene und genial vom Chor gesungen. Wollte er hier testen, wo beim Zuschauer die schmerzhafte Lachgrenze liegt?  Die rasende und sehr gelungene Sidecar-Reise durch den deutschen Wald ist Delacroixs Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ abgekupfert. Der manipulierte Softi-Mitläufer-Nazi Faust bekommt dann einen weißen Ärztekittel (der aber auch eine Zwangsjacke hätte sein können) und soll die Kriegsverletzten heilen, um endlich auch mal etwas sinnvollen zu tun.

Nach der Pause wird die Bühne zur Bauhaus Referenz und Leni Riefenstahls ästhetische Turner-Bilder kündigen die Olympiade 1936 an, während  Margarethe, die sich mit der blond-bayerischen Zopf-Perücke nicht lange verstecken kann, mit anderen Leidgenossen in schwarze Wagons geschoben und abtransportiert wird.

Und obwohl er manchmal wirklich zu sehr auf die braune Tube drückt und es faustdick herauskommt muss man der Inszenierung doch lassen, dass sie fast immer auf die Musik eingeht und das Orchester unter Simon Rattle ganz unglaublich perfekt den Bildern folgt. Sie scheinen sich alle in der Musik und in der Regie sehr wohl zu fühlen. Mehr kann man von Musikern, Sängern oder vom Chor nicht verlangen und mehr kann man auch nicht geben.

Magdalena Kozena ist Margerethe, Charles Castronovo ist Faust. Mephisto wird von Florian Boesch gesungen und der völkische Brander in Lederhosen ist Jan Martinik. Die Choreographie hat Leah Hausman, das Bühnenbild Hildegart Bechtler entwickelt und Martin Wright den wirklich großartigen Chor geleitet.

Die Premiere am 27. Mai wurde ziemlich kritisiert, was sich bei der Vorstellung am 9. Juni nur teilweise wiederholte. Im Großen und Ganzen bekamen – vor allem die Interpreten, die Musik und der ausgezeichnete Chor – sehr viel Beifall.

Christa Blenk

 

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Kammermusik mit und ohne Worte im Pierre Boulez Saal

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Tradition und Transformation

Kammermusik mit und ohne Worte gab es am 7. Juni im Pierre Boulez-Saal mit dem Streichquartett der Staatskapelle Berlin.

Auf dem Programm stand Aribert Reimanns 1995 entstandene Überarbeitung von  Franz Schuberts Goethe-Vertonung Mignon. Reimann „schwebte ein durchgehendes Stück vor, mit einem gedanklichen und kompositorischen  Faden“. Er entschied sich für die Lieder „Nur wer die Sehnsucht kennt“, „Heiß mich nicht reden“ und „So laßt mich scheinen“.  Großartige, warme und leidensfähige Interpretation der Sopranistin Christiane Karg. Hier war der Saal wirklich wie geschaffen für die Musik, die einen wieder nur umarmen wollte.

O, du lieber Augsutin

Mindestens genauso spannend ging es beim zweiten Stück vor der Pause weiter. 

Arnold Schönbergs Streichquartett Nr. 2 fis-moll op 10 mit Sopranstimme wurde 1908 im Wiener Bösendorfer-Saal uraufgeführt und sorgte seinerzeit für einen regelrechten Skandal. Das Rosé-Quartett und die Sopranistin Marie Gutheil-Schoder mussten erfolglos gegen Pfiffe und Zwischenrufe antreten, die den Schönberg-Anhängern keine Chance ließen. Schönberg zitiert im zweiten Satz das Wiener Volkslied ganz fröhlich « Oh, du lieber Augustin » und beginnt den dritten Satz, Litanei, dunkel und tragisch wie die Gedichte von Stefan George, die er dafür vertonte. Hier setzt auch die Sopranistin ein und bleibt bis zur finalen Entrückung. « Ich fühle Luft von anderem Planeten » passt in den Futurismus, in dessen Zeit das Stück entstand. Obendrein (sagt das Programmheft) war es die Zeit einer Affäre von Schönbergs Frau Mathilde mit dem jungen Maler Richard Gerstl, den Schönberg selber in die Familie eingebracht hat. Sie verlässt zuerst ihren Mann und dann Gerstl, um zu Schönberg zurückzukehren, woraufhin der Maler sich das Leben nahm.

Als  „Eine veritable Katzenmusik“ wurde Schönbergs Quartett am nächsten Tag im Neuen Wiener Tagblatt bezeichnet. Das war natürlich gestern Abend nicht so. Die Zuhörer lauschten gespannt auf jede Note und Christiane Kargs bestechenden Gesang.

Nach der Pause ging es weiter mit Ludwig van Beethovens Septett Es-Dur op. 20 für Violine, Viola, Klarinette, Horn, Fagott, Violoncello und Kontrabass. Beethoven hat das 40 Minuten-Stück  1799 komponiert und es verweist hier immer noch auf Mozart.

Sehr unabhängige und lebendige Interpretation bei der vor allem die Klarinettistin Shirley Brill hervorzuheben ist.

 

Christa Blenk

 

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Blockflöten-Consort Weißensee

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Alles flötet

…. Amsel, Drossel, Fink und Star … aber vor allem die Nachtigall waren die Protagonisten des gestrigen Flötenkonzertes und schöner wie das Weißensee Blockflöten-Consort gespielt hat, kann selbst die Nachtigall nicht singen – nicht mal die von Ernst Moritz Arndt!

Das erste Sommerkonzert in der der Ev. Pfarrkirche Weißensee  war eine Reise durch eine internationale lichte und sonnige Flöten- und Vogelwelt, ein Gleiten durch die blaue Luft.

Das sehr abwechslungsreiche und frühlingshervorbeschwörende Programm hat die Leiterin des Ensembles, Ursula Kelch, zusammengestellt und sie selber hat auch den Löwenanteil übernommen. Mit dem Cembalisten Andreas Wenske tritt sie als Solistin mit Werken von Georg Philipp Telemann auf;  später spielen die Beiden den wunderbaren Flötendialog „Echo“ von Jacques Hotteterre (1673-1763). Andreas Wenske allerdings an der Oboe dieses Mal.

Eine Reise durch den schönsten Monat Mai – und dass es der schönste ist, darüber sind sich jedenfalls Theodor Storm, Erich Kästner oder Heinrich Heine einig, von ihnen trug Brigitte Worch zwischendurch Gedichte vor.

Ein Teil des Programmes war der Weltflötenmusik gewidmet und das ging von dem allgemein bekannten Greensleeves bis zu einem großartigen Flötenstück aus Japan oder mit Werken aus Schweden, Vietnam,  Ungarn oder aus der Ukraine.

Das « Blockflöten-Consort Weißensee » das bis 2010 unter dem Namen « Blockflötenkreis Bethanien » auftrat, besteht zur Zeit aus sechs Flötenspielern und wird von  Ursula Kelch geleitet. Außerdem gehören Martina Brauner,  Dieter und Ruth Lemke, Angela Paczula und Dr. Hans Schmidt zum Ensemble.

Ein Schwerpunkt ihres Repertoires liegt auf der Renaissance-Musik, aber auch moderne Werke und folkloristische Lieder für vier – bis achtstimmige Besetzung auf Mitglieder der Blockflötenfamilie von Sopranino bis Subbass gehören dazu.

Im zweiwöchigen Abstand finden bis zum Sommerende interessante, ganz unterschiedliche und sicher hörenswerte Konzerte in dieser Kirche statt.

 

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Musikinstrumentenmuseum Mailand

 

Hinweis: sollte sich ein geneigter Flöterspieler oder eine geneigte Flötenspielerin der Gruppe anschließen wollen – bitte melden!

Christa Blenk

 

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Boulez Ensemble und Jörg Widmann

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Am 28. Mai 2017 trat das Boulez Ensemble (Mor Biron, Radek Baborák, Carolin Widmann, Krzysztof Specjal, Amihai Grosz, Claudius Popp, Nabil Shehata) mit Jörg Widmann im vor kurzem eröffneten Pierre Boulez Saal in Berlin auf. Jörg Widmann war dieses Mal als – wie immer großartiger – Interpret und als Komponist vertreten.

Das Oktett in F-Dur, D 803 von Franz Schubert zählt zu den sehr beliebten und bekannten Kammermusikkompositionen für eine gemischte Besetzung (Klarinette, Fagott, Horn, Geigen, Cello und Kontrabass). Es entstand 1824 als Ergebnis einer Schaffenskrise des Komponisten und orientiert sich am Septett von Beethoven, bleibt aber trotzdem ein echter Schubert. Für den Biografen Maurice Brown sogar der Schubert schlechthin.  Für ihn vermittelt es das „Alltagswien Schuberts: sein bohèmehaft ungebundenes Künstlertum, sein Geselligkeitsbedürfnis, seine Überschwänglichkeit, seine behäbige Gutmütigkeit, einen Schimmer von den Straßen und Jahrmärkten, eine Anspielung auf das Theater, einen erhaschten Fetzen aus dem Lied irgendeines Kaffeehauses oder Biergartens“. Was kann man dem noch hinzufügen! Großartig interpretiert,  ziemlich basslastig, jedenfalls für die Zuhörer auf dem Block G!

Nach der Pause kam dann Jörg Widmanns (*1973) Oktett (Intrada – Menuetto – Lied ohne worte – Intermezzo  – finale).  Es entstand im  Jahre 2004, also 180 Jahre vor Schuberts Oktett in F-Dur und die ersten Töne klingen dann auch recht schubertianisch und romantisch, allerdings viel finsterer und dramatischer. Ein beschwörender, geheimnisvoller Aufbau, der Einzug in eine Geisterwelt die durch den Wald fliegt und auf einer Lichtung einen Tanz aufführt. „Überall dunkle Nachtgeräusche“ stand im Programm. Widmanns Stück ist neu, lässt aber durchaus seine vielen Väter erkennen, was es deshalb so spannend macht. „Das Neue ist noch lange nicht ausgeschöpft und wird es auch nie sein. Ich bin überzeugt, dass man auch in den tradierten Formen noch so viel Neues sagen kann » sagt er.

Viel Applaus!

Christa Blenk

 

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Concerto Romano beim Händel Festival in Göttingen

 

 

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nach dem Konzert

 

Sternstunden der römischen Barockmusik

Concerto Romano triumphierte am 27. Mai 2017 mit dem neuen Programm « Ein Lutheraner in Rom » bei den Händel Festspielen 2017  in Göttingen.

Mit Musik von italienischen Komponisten aus der Zeit von Händels Rom-Aufenthalt begeisterte das römische Ensemble Concerto Romano am vergangenen Samstag in der St. Laurentius-Kirche in Gieboldehausen erneut das Publikum und konnte damit an den großen Erfolg in Netzeband beim Aequinox-Festival im Frühjahr 2017 anknüpfen.

Es ist eine Spezialität, ja fast schon ein Markenzeichen von Alessandro Quarta, dem Leiter und Gründer des Ensembles, immer wieder neue und aufregende Werke, von – bei uns jedenfalls – nicht so sehr bekannten Komponisten auszugraben und aufzuführen. Im Italien des 17. und 18. Jahrhunderts zählten sie dennoch zu den großen römischen Meistern, die  allesamt an bedeutenden römischen Kirchen beschäftigt waren, wie dies bei Carlo Francesco Cesarini (1666- 1741), der Kapellmeister im Petersdom war, der Fall war. Francesco Foggia (1604-1688) oder der  Bernardo Pasquini waren Stars in ihrer Zeit. Pasquini , älter als Händel und ein Zeitgenosse von Corelli und Scarlatti verstarb, während Händel in Rom Furore machte. Concerto Romano hat gerade im letzten Jahr Pasquinis Oratorium La sete di Christo (Das Dürsten Christie) auf den Markt gebracht, und somit der Barockmusik ein ganz besonders schönes und außergewöhnliches Werk hinzugefügt. Das Ensemble wurde damit mit dem Diapason d’or gewürdigt.

 

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Angereichert wurde das Programm mit zwei wunderbaren Motetten von Händel für Sopran, die durch den Licht durchfluteten und klaren Gesang von Sonia Tedla so besonders klangen. Überraschend auch der junge Countertenor Enrico Torre, der gleich zu Anfang mit einem Lauda Jerusalem von Pietro Paolo Bencini (1670-1755) überraschte und begeisterte. Ein Highlight die Sonate D-Dur von Bernardo Pasquini, von Jazzrhythmen durchzogen, temperamentvoll und spritzig.  Cristina Pluhar hätte das nicht besser hinbekommen. Händel hat Francesco Foggias (1604-1688) Musik natürlich auch gekannt.  Mit Serve bone et fidelis für acht Stimmen und Basso Continuo ging das Konzert zu Ende. Die stufenweise ansteigende Musik hat vielleicht sogar den großen Händel zu seinem  Hallelujah, das er erst 1741 komponierte, inspiriert. Foggia, ein großer Vertreter der römischen Schule, sang als Knabensopran am Collegium Germanicum der Jesuiten in Rom und war angeblich am Hof des bayerischen Kurfürsten Maximilian I in München und später in Wien tätig. Wieder zurück in Rom, wurde er Organist in verschiedenen römischen Kirchen und später sogar Kapellmeister in der Basilika San Giovanni in Laterano. Seine letzte Station war die des Kantors an der Patriarchalbasilika Santa Maria Maggiore.

Atemlose Stille herrschte in der Kirche und trotz großer Hitze glitt so mancher Schauer über und unter die Haut!

« Sans la liberté de blâmer, il n’est pas d’éloge flatteur »  hat der Franzose Pierre Augustin Caron de Beaumarchais einmal gesagt. Jetzt gibt es bei Concerto Romano aber – wie immer eigentlich – gar nichts zu kritisieren: höchstens die schlechte Akustik auf der Empore!

(Und hier noch die Namen all derer, die in Gieboldehausen mit dabei waren:  Alessandro Quarta, Sonia Tedla, Maria Dalia Albertini, Alena Dantcheva, Enrico Torre, Andrés Montilla-Acurero, Luca Cervoni, Riccardo Pisani, Davide Benetti, Mauro Borgioni, Paolo Perrone, Gabriele Politi, Rebeca Ferri, Matteo Coticoni, Andrea Buccarella, Giovanni Battista Graziadio, Francesco Tomasi, Giangiacomo Pinardi, David Joseph Yacus )

Christa Blenk

 

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Casual Concert in der Philharmonie

kammermusiksaal mit Notenständern

 

Tanzende himmlische Kriegsbilder

Der Ehrendirigent des Londoner Orchestra of the Age of Enlightenment Sir Roger Norrington dirigierte und moderierte – in fantastischem Deutsch, witzig und elegant, auf einem Drehstuhl sitzend, das gestrige Casual Concert  mit dem Deutschen Symphonie Orchester Berlin in der Berliner Philharmonie.

Auf dem Programm stand dieses Mal die Ballettmusik Job des englischen Komponisten Ralph Vaughan Williams (1872–1958).

Wilder Western, friedliche Pastorale, galoppierende Cowboys, schweres Artilleriegeschoß, archaische Tänze, wütende Götter, furchterregende Teufel,  orientalische Musikfragmente, Filmmusik! Das alles steckt in dem Ballett Job. Richtig tanzen lässt es sich allerdings nicht, denn die tänzerische Leichtigkeit geht in dem vielen Ärger unter.

1930 wurde die Komposition Job: A Masque for Dancing (tanzende Maske) konzertant beim Norwich Festival unter Leitung des Komponisten selber uraufgeführt. Williams schrieb dieses Ballett nach 21 Radierungen von William Blakes Buchillustration Szenen des alttestamentlichen Buches Hiob. Ursprünglich gehofft hatte er allerdings, den Direktor des Ballet Russes, Sergei Djaghilev, dafür zu interessieren, dies gelang aber nicht und so wurde und wird diese Ballettmusik meist konzertant für großes Orchester, Saxophon, Orgel und umfangreiches Schlagzeug aufgeführt.

Unterteilt ist die Musik in acht Szenen + Epilog und obwohl große akustische Differenzen bestehen und es sehr gewaltig werden kann, hat die Musik wenig Rhythmusvariationen – auch deshalb ist es vielleicht schwer tanzbar. Williams, der sich sehr für die englische Renaissancemusik interessierte, lässt hier wirklich keinen bis dahin bekannten Musikstil aus. Er tanzt über eine Pastorale mit Jagd- und Schaflandschaften, wie sie Purcell in Dido und Aneas beschreibt (hier wird Satans Gesuch an Gott einleitet) hin zu triumphalen Passagen und einem großartige Jazz-Saxophoneinsatz in der 6. Szene (Tanz der Trösterinnen Hiobs)  und endet mit einer himmlischen Pavane im Epilog. 

Ralph Vaughan Williams war Sohn eines Pfarrers und hat u.a. am Royal College of Music in London bei Hubert Parry und Charles Villiers Stanford, dann von 1892 bis 1895 bei Charles Wood am Trinity College der Universität Cambridge studiert. Um die Jahrhundertwende, von 1896 bis 1899, war er Organist in London. 1910 erschien seine erste große Komposition A Sea Symphony – eine gewaltige Kantate für Orchester, Chor und Solisten nach Worten von Walt Whitmans. Während eines Aufenthalts im Ersten Weltkrieg in Frankreich erlitt er einen Gehörschaden, der später zu Taubheit führen sollte. Nach dem Krieg wurde er Kompositionslehrer am Londoner Royal College of Musik  und leitete später den Londoner Bach-Chor. 1944 entstand eine Auftragskomposition der BBE A song of Thanksgiving  die am 13. Mai 1945 in Form eines Radio-Dankgottesdienstes gesendet wurde.

Seine Opern hingegen hatten weniger Erfolg. So fiel seine Oper The Pilgrim’s Progress (1951) – an der er 40 Jahre herumkomponierte – beim Publikum und bei der Kritik durch.

Ralph Vaughan Williams starb 1958; seine Asche  wurde im Poets’ Corner in der Westminster Abbey in London beigesetzt.

 

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Vaughan Williams liebte Landschaften

 

Christa Blenk

 

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Der fliegende Holländer

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Der fliegende Holländer, Premiere am 7. Mai 2017 in der Deutschen Oper Berlin, copyright: Thomas Jauk

 

Herr Schnabelewopski geht ins Theater und trifft eine Holländerin!

Ein Studienfreund von Richard Wagner wies den Maestro schon 1831 auf die Schriften des jungen, aber schon recht bekannten Heinrich Heine hin. 1835 erschien Heines Erzählung „Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski“. Im 7. Kapitel dieser Geschichte geht Letzterer in Amsterdam ins Theater und sieht sich den Fliegenden Holländer an. Auf der Bühne streben die Schauspieler der ewigen Treue entgegen aber Herr von Schnabelewopski fängt einen Flirt mit einer schönen Holländerin, einer Wirklichen, an, verlässt vorzeitig das Theater und kommt erst zur Schlußszene wieder zurück.

Als Wagner nach Paris kam, suchte er Heine sofort auf. Er vertonte dann auch bald das Heine-Gedicht „Die Granadiere“ und schrieb selber das Libretto zum Holländer, oft wortgetreu nach Heines Erzählung. Er verkaufte sein Projekt an den Direktor der Pariser Oper, Leon Pillet, für 500 Franc; einen Kompositionsauftrag bekam er aber deshalb trotzdem nicht. Der französische Komponist Pierre-Louis Dietsch hingegen brachte die Oper „Le vaisseau fantôme, ou Le maudit des mers“ 1842 in Paris zur Uraufführung, woraufhin Heine eine anonyme Kritik für eine deutsche Zeitung verfasste und den Text eines bekannten deutschen Schriftstellers als verhunzt bezeichnete.

Am 2. Januar 1843 wurde Wagners Holländer an der Semperoper Dresden uraufgeführt.

Der Regisseur Christian Spuck macht bei der neuen Produktion des Deutschen Oper des Fliegenden Holländers (die Premiere war am 7. Mai) gleich anfangs klar: das hier wird nicht gut ausgehen. Von der ersten Minute herrscht depressive Stimmung und die Bühne ist ein einziger Trauerflor. Emma Ryott hat alle Beteiligten schwarz gekleidet;  finster und bedrohlich das Bühnenbild.

Dem Vater stets bewahr’ sie ihre Liebe! / ihm treu, wird sie auch treu dem Gatten sein.

Rechts ein schwarz geschnürtes Schiffs-Paket, welches im zweiten Akt spielerisch mit ein paar Handgriffen zum Haus wird und eine Nähstube freigibt. Ein sehr gelungener Effekt. Im Hintergrund plätschert Wasser und ab und zu kann man das Meer dahinter erahnen. Naturalistisch-romantische Nebelschwaden und manieristische Lichter von Taschenlampen ziehen vorüber und die Holländer-Fraktion tritt in schwarzem Ölzeug auf. Der gierige Daland lässt sich von den wertvollen Schätzen auf dem Schiff des Holländers blenden und bietet ihm die schöne und treue Senta, seine Tochter, zur Frau an. Die hat aber schon Eric und vor allem hat sie das Bild vom blassen Mann, das sie nicht mehr aus der Hand legt und verliebt und vergeistigt anhimmelt, was der Kinderfrau Mary Sorgen bereitet. Das „Summ’ und brumm’, du gutes Rädchen“-Lied und die  Ballade von Senta im zweiten Akt, in der sie das traurige Leben ihres Angebeteten beschreibt, gehört mit seiner unglaublich gelungenen Choreografie und einer Glanzleistung es Chores zu den Highlights der Aufführung.

Vor Anker alle sieben Jahr’, / ein Weib zu frei’n, geht er ans Land: / er freite alle sieben Jahr’,noch nie ein treues Weib er fand.

Der Holländer und Senta sind eigentlich zwei nach Erlösung suchende Egoisten; sie monologisieren genial neben einander.  Spuck hat das Grundmotiv der Handlung, nämlich das nicht-Happy-End, von Anfang an in den Vordergrund gestellt. Die ewige Segelstrafe des gefallenen Holländers aufgrund seiner Verfehlungen ist nicht zu umgehen, geschweige denn rückgängig zu machen. Traurig geht er wieder auf sein Schiff, bevor Senta in Erics Arme und damit in das Messer fällt. Senta ist also eine erfolglose Erlöserfrau.

Senta! Willst du mich verderben?

Daland (Tobias Kehrer) ist sehr überzeugend – auch als Schauspieler, Matthew Newlin ist ein blendend- perfekter Steuermann und Ronnita Miller eine bodenständige, weiche und doch autoritäre Mary. Senta (Ingela Brimberg) ist wunderbar dramatisch-wahnsinnig; sie hat die Senta auch schon in Madrid gesungen und konzertant unter Marc Minkowksi. Vielleicht kommt sie stimmlich manchmal an ihre Grenzen, vor allem aber ist dies der Fall bei Samuel Youn (Der Holländer). Ihm fehlt es auch dann und wann an Textverständlichkeit. Regisseur Christian Spuck hat Eric (Thomas Blondelle) als eine Art stummen Erzähler in den Mittelpunkt gestellt. Dieser sitzt meistens diskret am Bühnenrand und sieht traurig auf seine Senta-Puppe, einmal hat er, der Jäger, ein Modellschiff an die Wand geschmettert und ab und zu läuft er – den passierenden Wahnsinn hilflos verfolgend – verzweifelt von einer Ecke in die andere.

Der Chor der Deutschen Oper Berlin unter Leitung Raymond Hughes ist perfekt, präzise, perfekt getaktet und großartig choreografiert.

Donald Runnicles vor einem Orchester in Hochform hat sich in dieser schwarzen pessimistischen Inszenierung wohl gefühlt und die wogenden und stürmenden Naturgeschehnisse zum Sprechen gebracht.

Ungerechte Buhrufe und viel Applaus bei der dritten Vorstellung !

Christa Blenk

 

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Don Giovanni in der Komischen Oper

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das war wohl der einzige Moment wo sie alle still standen – nach der Aufführung

 

Gruselkabinett, Sevillanas, Toreros und die Commedia dell’Arte

Mozart selber hat seinen Don Giovanni ein dramma giocoso genannt, also etwas Leichtes, Spielerisches, Lustiges mit ernstem Hintergrund. Das hat sich der Regisseur Herbert Fritsch fast ein wenig zu sehr zu Herzen genommen – das mit dem leicht-lustigen!. Grell geschminkt, überaktiv, total unpsychologisch und schnodderig ist er dieser Don Giovanni – aber bei all dem Blödsinn dann doch wieder unterhaltsam und kurzweilig.

Don Giovanni spielt in Sevilla und dementsprechend ist der Chor sevillanisch. Die Mantilla, das ist ein spanisches Schleiertuch in edler schwarzer Spitze, das die noble Spanierin schon seit dem Mittelalter  auf einer Art Gerüst auf dem ádeligen Kopf trägt, um keusch die Haare zu verstecken und ihre noble Abkommenschaft zu manifestieren, ist auch die einzige Requisite auf der Bühne. Sie schmückt hier nicht nur Donna Anna sondern hängt großflächig in verschiedenen Varianten, Mustern und Schichten  wie große Vorhänge herab -  eine Art Raumteiler, eine fliegende spanische (Spitzen)Wand sozusagen. Sonstige bewegliche oder unbewegliche Gegenstände auf der Bühne braucht es auch gar nicht. Hier liegt der Schwerpunkt auf den reißerischen Darstellern. Die Kostüme nehmen uns schon den Grad an Aufmerksamkeit, den wir sonst dem Bühnenbild widmen würden. Fritsch hat wohl seine Sänger nach tänzerischem oder schauspielerischem Talent ausgesucht, denn sie mussten  akrobatisch veranlagt und sehr beweglich sein und jeden Schmarrn mitmachen.

Jetzt ist natürlich Don Giovanni eine der am häufigsten aufgeführten Opern, unzählige Mal auf der Bühne und allen bekannt, weshalb es sehr schwer, etwas Neues oder Originelles zu erfinden. So hat jede Epoche einen Don Giovanni stilisiert, einmal als romantische Dämonisierung oder als grausames Spiel der Männer, immer mit Regelbrüchen verbunden, auch wenn diese  noch so lächerlich dargestellt werden. Dieser hier pendelt zwischen einer Hommage an die Commedia dell’Arte aber auch an die skurrile Rocky Horror Picture Show hin und her. Sogar das düster-dramatisch Ende bringt uns bei Fritsch noch zum Lachen, wenn der in der Hölle versunkene Bösewicht zum Schluss mit der toten Hand der Marmor Statue winkt: dann erst fällt der Vorhang.

Glänzend der Joker-Don Giovanni (Günter Papendell). Er ist der verschlagene und skrupellose, schlaue Brighella,  tanzt, hüpft und rennt in seinem eng anliegenden rosa-lila Stierkämpfer-Kostüm  mit roten Lippen und Strümpfen  und singt – so scheint es jedenfalls – dabei mühelos! Er scheint sich prächtig zu amüsieren. Hämisch grinsend und allgegenwärtig, lugt er immer irgendwo hervor. Allein schon für diese Glanzleistung muss Papendell gelobt werden.

Donna Anna (Brigitte Christensen) ist eine ewig Beleidigte in Flieder mit roten Haaren, die immer aus ihren schwarz ummalten Augen herausschmollt, während Donna Elvira (Nina Bernsteiner) die Sevillana-tanzende, aggressive, gelbe Schöne, die auch schon mal selbst den Degen in den Hand nimmt, ständig störende und sich  dafür entschuldigende Betrogene, ist. Don Octavio (Adrian Strooper) ist ein orange-bunter Rocker-Weichling der schwächlich und schamlos Donna Anna anmacht.

Leporello (Philipp Meierhöfer) ist der Arlecchino, der mit seiner naiven Fröhlichkeit, seiner Verfressenheit, seiner Unlust, seiner ironischen Volksnahheit ebenfalls über die Bühne hüpft und stolpert. Ihn scheint diese Anstrengung aber stottern zu lassen. Die Katalogarie ging irgendwie unter Zappeln unter. Aber die Musik – es war natürlich in deutscher Sprache gesungen – stand hier sowieso nicht im Vordergrund und hat kräftig Schrammen bekommen. Beeindruckend der Komtur (Bogdan Talos) mit seiner grandiosen Stimme. Die Zanni der Commedia dell’Arte wären dann wohl die Hochzeitsgesellschaft um die weiße Zerlina/Columbina und Masetto ist wie immer ein Trottel. Aber vielleicht ist es auch ganz anders, die Figuren hatten alle etwas von Allen.

Es gibt allerdings  auch ganz grandiose Stellen in dem Stück. Köstlich Don Giovannis Luftgitarren-Rock-Solo inklusiv zerschmetterter Rock—Star-Allüren-Gitarre. Grandios gelöst die Verkleidungsszene im zweiten Akt, wenn die Mäntel tauschenden Herr und Diener kurz zu Toreros werden und exzellent die Abschlusszene. Ansonsten zerschmettertes Geschirr, schwache Blasen, grelles Geschrei, Herum-Gerenne, Schüsse und Degen, die ständig klemmen oder dem blinden  Komtur einen Stromschlag versetzen, so dass der sich wohl selber den Degen gibt. Aber manchmal sind die Scherze nicht mehr lustig und verbrauchen sich im Verlauf des Stückes.

Schön sind sie also nicht anzusehen, aber das war ja bei der Rocky Horror Picture Show auch nicht so und trotzdem ist diese zum Kultmusical geworden. Vielleicht wird das hier auch noch so.  Bestimmt 10% der Besucher kamen gestern – drei Jahre nach der Premiere – nach der Pause nicht mehr zurück!

Jordan de Souza hat ganz schön ankämpfen müssen, um die Musik immer wieder in die erste Reihe zu bringen. Auf jeden Fall müssten die Beteiligten einen ersten Schauspielpreis bekommen, auch wenn das Psychologische oder Metaphysische von Mozart einfach in den Farbtopf geworfen wurde.

Christa Blenk

 

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LOT – Oper Hannover

 

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God said, Let there be storms – Storms to bring life in all of its forms – Forms such as herds and gaggles and swarms – Swarms that have names and numbers and norms
And it was good, sister … (Leonard Bernstein/Stephen Schwartz  - « Mass » )

Gott ist ein Kind, kommt aus Afrika und trägt ein Baströckchen. Er steht vorne in einem Meer von Abbildungen, Fotografien, Gemälden und kleinen Lehmfiguren, die ihm wohl als Anregung für sein Projekt einer unfehlbaren Welt dienen sollen. Die Erschaffung der Menschheit ist so gesehen noch ein „work in progress“. Er ist allerdings nicht zufrieden mit seinem Produkt, denn die Welt ist schlecht und weit davon entfernt, eine perfekte zu sein. Es will nicht so recht werden, wütend knallt er den Lehmklumpen auf den Boden und wirft die Vorlagen in den göttlichen Mülleimer.

Abraham ist 100 Jahre alt (Franz Mazura ist 94 und hat somit fast das biblische Alter von Abraham) und Sara (Renate Behle) kommen langsam auf ihn zu. Er prophezeit ihnen Nachwuchs. Sara, die auch schon 90 Jahre alt ist, lacht ihn respektlos aus. Gott ist schlecht gelaunt und unzufrieden und erwähnt, dass er die lasterhafte Stadt Sodom vernichten wird. Dort wohnt aber Abrahams Neffe Lot (Brian Davis) mit seiner Familie und Lot ist ein guter und gläubiger Mensch. Gott willigt – nach längeren Verhandlungen – ein, Lot und seine Familie zu verschonen und schickt ihm  zwei Engel (Sung-Keun Park und Amar Muchhala). Sie sind Ausländer und bekommen den Fremdenhass zu spüren. Der göttlich verordnete Untergang soll noch vor dem Morgengrauen geschehen.

Es funkelt und glänzt. Die Stadt Sodom ist reich und ihre verdorbenen, frivolen Bewohner tragen Luxusgewänder. Die Engel kommen als schäbig verkleidete Fremde in die Stadt, werden aber von einem in Gold gekleideten Zöllner (Michael Dries) abgewiesen weil sie den Zoll nicht bezahlen können. Geht doch zurück, wo ihr zu Haus seid ! schreit er. Der wohlhabende Lot, der als einziger in einen schlichten grauen Mantel gekleidet ist, tritt auf und will für sie den Zoll bezahlen, ist er doch vor 20 Jahren auch als Fremder (aber mit viel Geld) in die Stadt gekommen. Er bringt die beiden Männer bei sich zuhause in Sicherheit. Töchter (Dorothea Maria Marx und Stella Motina) und Frau (Khatuna Mikaberidze) bewirten die Drei, fühlen sich aber nicht wohl in dieser Gesellschaft. Dann geht das Geschrei vor dem Haus los, die rasende Meute will die beiden Fremden ausgeliefert haben.

Die strenge deutsche Schriftstellerin Jenny Erpenbeck und der italienische Komponist Giorgio Battistelli haben hier viel Wert darauf gelegt, eine wahnsinnig aggressive Stimmung zu erzeugen und es ist ihnen gelungen. Das Gejohle und die lästerhaften Beschimpfungen machen einer rasenden Kriegsbereitschaft Platz. Alle Tabus, sollte es in Sodom noch welche gegeben haben, sind nun gebrochen. Die Musik jagt zu einem Horrorfilm wenn der Mob sich in Gewaltphantasien steigert und die beiden Fremden fordert. Lot will und darf die Gastfreundschaft nicht verletzten und bietet zuerst seine Töchter und dann sich selbst zum Vergnügen der Meute an. Aber die Engel greifen gerade noch bevor Lot abgeschlachtet wird ein und lassen das goldene, unmoralische Pack erblinden, womit sie zu Fremden in ihrer Heimat werden. Diese Rettungsaktion macht aber ihrerseits Lot und seine Familie zu Vertriebenen, denn sie müssen noch vor Sonnenaufgang aufbrechen und dürfen nur soviel mitnehmen, wie sie selber leicht tragen können. Die Frauen wollen nicht weg, vor allem die älteste Tochter will bleiben, sie will heiraten. Aber die Tatsache, dass keiner der Männer ihnen beigestanden hat, als die Meute fordernd vor dem Haus randalierte, gibt zu denken und produziert den ersten Vertrauensverlust. Bei der ältesten Tochter fängt der Verrohungsprozess an, als sie der Katze den Hals umdreht. Die Engel schließlich werfen Lot und die drei Frauen aus dem Paradies ihres schönen Hauses hinaus in die raue Welt, verfolgt von Feuer und Hitze des brennenden Sodom. Umdrehen dürfen sie sich nicht und merken deshalb auch nicht, dass die Mutter zurückgeht in das Höllenfeuer. Erschöpft kommen sie irgendwann irgendwo an. Dort gibt es nichts, nicht mal eine Ratte, die die Reserven auffressen könnte.

Ein großer Müllschlucker über der Bühne lässt Tonnen von Papierfetzen auf den Boden fallen und schafft eine post-nuclear–war-no -future-Stimmung, die sogar abgebrühten Tages-Nachrichtenschauern unter die Haut geht.

Dann sind die Töchter mit dem Vater allein und was jetzt passiert, hat uns außer der Bibel, die mit dieser großen Sünde sehr wertefrei umgeht, auch die Malerei in der Renaissance und im Barock immer wieder gezeigt. Aber bei Jenny Erpenbeck ist der Schluss anders. Die große Tochter – immer noch wütend auf den Vater, weil er sie so einfach dem Gesindel in Sodom ausliefern wollte, um zwei Fremde zu schützen – will ihn testen, will sehen, ob seine Moralvorstellungen auch hier in der Wüste, allein und von Gott verlassen, noch zählen. Sie gibt ihm Wein zu trinken und will ihn verführen. Es braucht nicht lange, bis er mit ihr hinter dem Felsen verschwindet und aus Inzucht Vergewaltigung wird. Blutverschmiert und gebrochen kommt sie zurück und versteht, dass die Bestie in ihm erwacht ist. Er nimmt nun auch gleich noch die kleine vom Wein benebelte Schwester und verschwindet mit ihr. Nichts gelte mehr, was je gegolten hat! Soll ich schon ein Tier sein dann wenigstens ein echtes Schwein!  Das Schlußlied der Tochter „Jetzt hab ich recht gehabt“ ist erschütternd. Lot ist abtrünnig geworden und vom Glauben definitiv abgefallen. Wo keine Kontrolle ist, braucht man auch die Pflichten nicht zu erfüllen. So ähnlich wie im absoluten Parkverbot parken, wenn kein Polizist vorbeikommt, der einen Strafzettel verteilen könnte.

Der italienische Komponist Giorgio Battistelli hat LOT 2016 als Auftragswerk der Oper Hannover komponiert. Strenge Klangstrukturen gibt es nicht in Battistellis Werk. Der Bogen leitet vom impressionistischen Prolog in eine strenge und kontrastreiche Musikcollage im ersten Akt über. Die Flucht ist theatralisch mit viel Aktion und Donner, dialogisierend hetzend, Gesang und Orchester trennen sich. Der extrem farben- und kontrastreiche, surreal-ätherische dritte Akt steigert sich in eine ungeduldige und kribbelige Unordnung und endet mit einem Adagio im letzten Gesang der ersten Tochter. Battistelli hat für den Beginn und das Ende die gleiche Musik vorgesehen, die Welterschaffungsmusik.

Apokalypse oder Neustart: Der Epilog lässt alles offen, auf der einen Seite laufen die vielen Kinderlein von Lot und den Töchtern bunt gekleidet, lustig, sauber und sorgenlos mit Schafen über die Bühne während Abraham und Sara mit dem 8-jährigen Isaak in schwarz gekleidet diese überqueren. Isaak versucht ein wenig in dem großen Schrotthaufen der kaputten Welt noch etwas zu entdecken was man vielleicht gebrauchen könnte, steht aber dann nur da und wartet, seine Aufgabe zu erfüllen. Die beiden Familien treffen sich nicht und  tauschen sich auch nicht aus.

Das Thema ist von gegenwärtiger Aktualität über Maßhalten, Vertrauensverlust und Vertriebenheit und über den Verfall von Kultur, Toleranz und Sitte im Gegensatz zu göttlicher Allmacht, blindem Gottvertrauen und dem Verlust dieses. Battistelli wollte eine fröhliche Schlussszene, wer weiß, vielleicht wird eine Welt, in der die Kinder alle verblödet sind, ja besser oder perfekter! Es bleibt nur die Frage offen, ab wann politische Korrektheit zum ad absurdum führt.

Der Regisseur Frank Hilbrich hat hier die bunte und lautmalerische, großartige Musik von Battistelli fantastisch umgesetzt. Sehr realistisch und nachvollziehbar muss man nicht viel rätseln. Die Bilder verschmelzen mit den Tönen und verbleiben im Kopf.

Tadellos Mark Rohde mit dem Niedersächsischen Staatsorchester Hannover am Pult. Wunderbar der Chor der Staatsoper Hannover unter Leitung von Dan Ratiu. Umwerfende Leistungen der Sänger, vor allem des 93-jährigen Franz Mazura oder Brian Davis und Dorothea Maria Marx. Khatuna Mikaberidze sang ihren Part als Lots Frau trotz großer Migräne (sonst hätte die Vorstellung ausfallen müssen). Die Rolle von Gott spielte das Kind Nathan Ngamen.

Beide, Battistelli und Erpenbeck befassen sich permanent mit dem Thema der Veränderung durch Weggang, Flucht oder Zeit. Erpenbeck mit ihren Büchern und Battistelli mit seinen vielen Opern. 1981 hat er mit seinem außergewöhnlichen Werk experimentum mundi zum ersten Mal von sich hören gemacht. Wandel und Verlust waren auch das Thema bei seiner letzten Scala Uraufführung CO2 . Hier war der Klimawandel der Hauptprotagonist. Er hat als künstlerischer Leiter die Oper Rom positiv verändert und das zeitgenössische Fast Forward Festival gegründet.

Die Uraufführung hat am 1. April 2017 stattgefunden. Weitere Aufführungen am 2.5.; 10.5., 14.5. und 28.5.2017

Jetzt müsste man es eigentlich nochmals ansehen, um sich um die Feinheiten zu kümmern!

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mehr  ueber Battistelli und die Oper Rom

Christa Blenk

 

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Matthias Eisenberg an der Parabrahm-Orgel in Eichwalde

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Prof. Matthias Eisenberg an der Parabrahm-Orgel

 

Es ist Sonntagnachmittag, ein blauer, klarer ja fast warmer Frühlingstag, wie es sie in den letzten Wochen nicht viele gegeben hat. In Eichwalde, einem kleinen, gepflegten Ort am östlichen Stadtrand von Berlin, füllt sich langsam die Kirche, eine ganz besondere Vorfreude breitet sich aus. Die andächtige Ruhe in der Kirche breite sich aus, lange bevor der Organist Matthias Eisenberg sich an die Parabrahm-Orgel setzt.

Hier in Eichwalde treffen zwei Phänomene aufeinander, einmal das Spiel dieses  unglaublichen Ausnahmemusikers, der einer der bedeutendsten Organisten in Deutschland überhaupt ist und  der außerhalb jeglicher Standards spielt und lebt und dann diese besondere Orgel. Eichwalde besitzt die einzige Parabrahm-Orgel in Deutschland. Hierbei handelt es sich um einen Orgeltypus der Spätromantik. Der Begriff stammt aus dem Sanskrit und bedeutet so etwas wie „höchste künstlerische und geistige Vollendung“. 1908 baute die Orgelbaufirma Weigle in Echterdingen drei Stück davon für Deutschland, aber nur noch die in Eichwalde ist erhalten.  Sie ist Unikat oder Unikum gleichermaßen. Diese Orgel besitzt zwar nur neun Register und 458 Pfeifen aber ansonsten viele Besonderheiten wie die patentierten Hochdruckpfeifen ( Seraphon-Register), die Basstuba, das Harmonium als drittes Manual anstelle des Orgelwerks, die schwellbaren Manuale, die sich stufenlos in ihrer Lautstärke verändern lassen oder den pneumatischen Registerschweller, der es dem Spieler ermöglicht, auf neun feste Register schnell zugreifen zu können.  Ich verstehe das nicht alles, aber der eine oder andere Orgelliebhaber wird seine Freude daran haben.

Auf dem Programm stehen Werke des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Mit der Sonata B-Dur op 65 Nr. 4 von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) fängt Eisenberg  an. Er spielt sie lyrisch, mit totaler Hingabe und Dedikation. Ein neues Orgelgefühl für diejenigen, die ihn noch nie gehört haben und zu denen wir auch gehören.

Ergreifend und imposant die Sonata III G-Dur, op 88 von Josef Gabriel Rheinberger (1835-1901). Weiterhin standen ein paar Werke von Max Reger auf dem Programm, darunter die Toccata d-Moll und Fuge D-dur, op. 59 Nr. 5 und 6.

Dann war der Zeitpunkt für die Eisenberg-Improvisationen gekommen. Der  Maestro steht auf und fragt von der Empore herab die Zuhörerschaft worüber er denn improvisieren solle.  Es kommt der Wunsch nach einer Bach-Kantate und – weil ja morgen der 1. Mai ist – wird auch das Kunst-Volkslied „Komm lieber Mai und mache“ gewünscht und spätestens jetzt versteht man, warum an diesem Bilderbuch-Sonntag die Kirche brechend voll ist:

 

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die Parabrahm-Orgel von Eichwalde

 

Ein ganzes Universum scheint in diesem kleinen Mozart- Lied zu stecken; Eisenberg holt aus seinem nicht leer werdenden Improvisations-Fundus die Musik vom Frühbarock bis zum Jazz und der neuen Musik heraus.  Er kriecht förmlich in das Instrument hinein und ringt ihm alles ab was es hergeben kann. Wirbelwindmäßig rast er über die Tastatur, Hände und Füße sind permanent mit vielen Handgriffen und Tritten gleichzeitig im Einsatz. Beeindruckend ist er, dieser geniale Musiker für den man eigentlich gar keine Worte mehr findet. Eisenberg vermittelt den Eindruck, dass er mit seiner Musik die Welt retten muss. Er wird immer schneller, auch lauter und zieht das Publikum in seinen Bann,  bringt sich und uns  an die Grenzen in dem er immer wieder andere, neue Töne produziert. Man spürt, wie er sich selber amüsiert, die Funken sprühen von der Empore bis nach unten. Es funkelt und blitzt und donnert!

Das Orgelspiel begann Eisenberg schon mit 9 Jahren  - und damit drei Jahre früher als Mendelssohn-Bartholdy oder Max Reger.  In seiner Heimatstadt Dresden trat er auf und später in den umliegenden Kirchengemeinden. Eisenberg war fünf Jahre Mitglied des Dresdner Kreuzchores. 1980 holte ihn Kurt Masur als Organist und Cembalist nach Leipzig. 1986 ging er nach Frankfurt/Main und Hannover und als er im Jahre 2001, nach 15 Jahren Abwesenheit,  ins Gewandthaus zurückkam, waren alle Karten schon lange im Voraus ausverkauft und das Publikum konnte ihm eine Stunde Zugaben abringen. Seit 2012 lebt er im Spreewald, ist aber permanent unterwegs, um die Welt mit seinem Orgelspiel zu beglücken. Prof Matthias Eisenberg hat viele Rundfunk- und CD-Produktionen gemacht und mehrere internationale Wettbewerbe gewonnen. Er kennt das Orgelleben in- und auswendig und wird oft bei Orgelneubauten als Ratgeber hinzugezogen.

 

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Kirche von Eichwalde

 

Dank an Angelika, die uns auf dieses Konzert hingewiesen hat und die ihn schon seit vielen Jahren persönlich kennt!

Ein weiteres besonderes Orgelerlebnis hier

Christa Blenk

 

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Unerhörte Musik – e-werk

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Foto:  Alexandra Hannemann ©  e-werk

 

Vier Gitarristen auf der Suche nach einer Note

e – w e r k: electric attack #2 | stars ‘n bells

Was man alles aus einer Gitarre herausholen kann und wie viele Un-Gitarrenklänge es gibt, haben wir gestern Abend im BKA bei der immer wieder stimulierenden dienstäglichen „Unerhörten Musik“-Reihe erfahren. Unerhört ist diese Musik allerdings nicht – höchstens unerhört!

Das Quartett e – werk  (Jörgen Brilling, Frédéric l’Epée, Erich Schachtner und Andreas Willers) ist am letzten Dienstag dort aufgetreten; es war das zweite von vier vorgesehenen Konzerten. Mit Eigen-Kompositionen von Andreas Willers und Frédéric L’Epee sowie Werken von Eve Beglarian, Elliott Sharp, Sidney Corbett,  Jacob ter Veldhuis, Christoph Funabashi und Victor Coltea führten uns die vier verkabelten Ausnahme-Musiker durch die Unendlichkeit und die Möglichkeiten des elektronischen Klangwaldes und präsentieren neue und fremde Klänge, konfrontierten aber auch mit  bekannten und lautmalerischen Geräuschen wie z.B. bei dem heftigen Streit von  L’Epees Komposition Crimes. Er hat es 2001 komponiert. Rasender Streit, blitzartige Meinungsverschiedenheiten und hysterisches Gekreische enden ganz klar tödlich für einen oder vielleicht sogar für alle Beteiligten.

Eve Beglarians The Garden of Cyrus heisst ihr erstes wichtiges Werk. Es entstand in den Jahre 1984-86. Elliott Sharp hat uns mit Akheron  in die Unterwelt geschickt. Er hat diese Totenmusik 2014 komponiert; das Stück wurde in Deutschland gestern zum ersten Mal aufgeführt.  Im Vergleich zu Akheron war Malik von Sidney Corbett fast konventionell. Ruhig und bestimmt bewacht der Engel Malik das Höllenfeuer und lässt niemanden hinein. Ab und zu züngeln ein paar Flammen, aber er hat die Situation unter Kontrolle und wird seiner Aufgabe gerecht.

Bei der Komposition von Victor Coltea Sketches of an electric time travel (2012) ging es auch um einen Kampf, allerdings hier mit dem Instrument und zum Schluss bekam die Gitarre sogar einige Schläge ab.
Andreas Willers hat 2008 für E-Gitarre solo das Stück Drowning Migrant komponiert. Hier ist zum Schluß mindestens die Titanic unter gegangen. Ein Kampf mit dem Wind, dem Salzwasser, mit scheppernden Schiffsmotoren, Kälte und Hoffnungslosigkeit. Dieses Stück war erschütternd.  Willers selber beschreibt es mit den Worten „hochartifiziell, aber nicht-destrukitiv“, den er mit „extremen zeitverschiebenden Digitaleffektalgorithmen umzusetzen versuchte“.
Sehr spannend, interessant und musikstilübergreifend die Uraufführung von  Toccata (2015) von Christoph Funabashi  für E-Gitarrenquartett. Kammermusik und Rock haben sich hier einvernehmlich getroffen. Die Klänge wurden fast ausschließlich mit einer Stimmgabel auf den Gitarrensaiten erzeugt.

Jacob ter Veldhuis’ Postnuclear Winterscenario No 2 entstand 1991/93 für E-Gitarre solo. Es skizziert eine monotone, niederschmetternde, falsche und beunruhigende Harmonie, die mit Glockenschlägen in einen apathischen Gefrorenenzustand überleitet.  Ter Veldhuis hat hier seine Empfindungen nach dem Golf-Krieg Ausbruch verarbeitet.

Frédéric l’Epee beschreibt mit der Ètude Campanologique No 3 (2015) für E-Gitarrenquartett  ein vielseitiges Glockenspiel zwischen Himmel und Hölle. Dieses Werk und auch das Stück von Andreas Willers SternA (2019) wurden gestern uraufgeführt. Willers und die anderen haben sich hier sehr amüsiert, ausgetestet und konzentriert sich wieder gefunden. Unzählige Sirenen in einer großen Stadt setzen unterschiedlich ein und müssen sich bemühen, doch gleichzeitig am Einsatzort anzukommen.

Anstrengend spannender Konzertabend.

 

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Foto:  Alexandra Hannemann ©  e-werk
(Andreas Willers, Frédéric l’Epée, Jörgen Brilling, Erich Schachtner)

 

Christa Blenk

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Ulrike Brand Korpus

Forseti Quartett

 

 

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Stabat Mater von Pergolesi

 

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vor und nach dem Konzert am 15. April in der Ahlbecker Kirche

 

Stabat Mater ist das Meisterwerk des italienischen Komponisten Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736). Die betrübte, verlassene Mutter Maria liegt in tiefer Trauer zu Füßen des Gekreuzigten und teilt der Welt offen, trostlos, emotional und  leiderfüllt ihren Schmerz mit. Sie ist eine Gottesmutter wie Caravaggio sie gemalt hätte, menschlich, anfassbar; keine unantastbare und entfernte Raffael-Madonna.

Man geht davon aus, dass der Text aus dem 13. Jahrhundert von einem Franziskanermönch stammt. Schon ab dem 14. Jahrhundert wurde das Leiden der Gottesmutter um ihren Sohn von umherziehenden Flagellanten verbreitet. Die erste Vertonung entstand bereits um 1500. Regelmäßig bis ins 21. Jahrhundert befassten sich Komponisten mit diesem Text und Thema.

Die berühmteste und auch bezauberndste Vertonung jedoch hat der 26 jährige Giovanni Battista Pergolesi sozusagen auf dem Todesbett mit nur 25 Jahren als Auftragswerk der adeligen Bruderschaft von den Sieben Schmerzen Mariens aus Neapel komponiert. Die Bruderschaft wollte etwas Anderes, Moderneres, Neues für den Freitag vor dem Palmsonntag, es sollte das bis dahin gesungene Stabat Mater von Alessandro Scarlatti ablösen, sich aber trotzdem an die herrschenden Vorgaben halten und beschränkt auf eine Sopranstimme, eine Altstimme und Streicher sein.

Was Pergolesi in Pozzuoli (in der Nähe von Neapel) – dorthin hat ihn ein Franziskanermönch eingeladen in der Hoffnung, die gute Luft würde seiner fortgeschrittenen Tuberkulose gut tun – geschaffen hat, hat ihn direkt in die erste Liga der zukünftigen Kirchenmusiker katapultiert. Mit einer Folge von Duetten und Arien, geprägt von aktuellen italienischen kirchlichen Ausdrucksmitteln, lombardischen Rhythmen, melodischen, fast tanzbaren, Passagen, dynamischen Kontrasten und verzierten Echo-Effekten und Halbschlusskadenzen, gepaart mit mutigen, einfallsreichen und melodiösen Farbkontrasten und originellen Tempiwechsel ist ihm mit diesem Stabat Mater ein absolutes Meisterwerk gelungen, das ihn in seiner berauschenden Einfachheit über sich selbst hinauswachsen hat lassen. Dieser geschmeidige Zauber passiert immer einen Meter über der Erde.

Das ist kein Requiem für ein Totenbett, diese Musik war eine Revolution und so ist sie natürlich nicht bei Allen auf Zustimmung und Akzeptanz gestoßen.  Den strengen Kirchenvätern war sie zu unkirchlich, zu frivol opernhaft, zu wenig leidend und zu melodiös. Für Pater Martini hat Pergolesi sich zu sehr an seinem anderen Meisterwerk, an das zwei Jahre früher entstandene La Serva Padrona, orientiert. Er wollte über diese ausbalancierte Hängebrücke zwischen Oper und Gottesfürchtigkeit nicht gehen. Hinzu kam, dass im Heiligen Jahr Papst Clemens IX der römischen Gesellschaft eine musikalische Abstinenz in Form eines totales Opernverbotes dekretierte, das sich in den folgenden Jahren aus politischen Gründen und aufgrund eines Erdbebens halten würde. Aus einer Konsequenz daraus entstanden kurzerhand opernhafte, an Kirchenmusik erinnernde Oratorien. Händels schönste Arbeiten sind um 1708/09 in Rom entstanden, einiges davon verkleidet als Oratorium oder Kirchenkantate.

Aber der Siegeszug war natürlich nicht aufzuhalten und während man das Werk im 19. Jahrhundert gerne mit großem Orchester und Chor aufführte, kommt man heutzutage wieder auf die ursprünglich kleine Besetzung zurück.

Alle großen Sängerinnen oder Barockensembles haben Pergolesis Stabat Mater in ihrem Repertoire und deshalb hängt hier die Latte sehr hoch.

Die Aufführung am Karsamstag Nachmittag in der kleinen Kirche von Ahlbeck (Usedom) ohne internationale Stars hat aber diese Latte mühelos erreicht und die Zuhörerschaft auf diesen Meter über der Erde mitgenommen.

Der Chorleiter Clemens Kolkwitz hat mit den Mitgliedern des Usedomer Kantatenchores und dem  opus5 Barockorchester natürlich nicht die großen Stimmen der Weltbühnen, aber sie haben das wettgemacht mit einfühlsamer Präzision, rauschender Begeisterung und makelloser Interpretation. Man hat fast nicht gewagt zu applaudieren, um die Magie nicht zu unterbrechen. Clemens Kolkwitz hat auf viel Gleichberechtigung geachtet und die Solistinnen (Sopran: Sylvia Schulz, Vanessa Wiese, Sandra Grüning, Beate Kempf-Beyrich; Alt: Colette Kaliebe, Katharina Dulke, Elisabeth Walter) abwechselnd Soloparts singen lassen. Besonders beeindruckend, eine Altistin, die mit ihrer warmen, satten und klaren Stimme das Publikum voll in ihren Bann gezogen hat. Immer herrschte Ausgewogenheit zwischen Instrument und Stimme. Großartige Leistung und viel Arbeit! Abgerundet durch die ausgezeichnete Begleitung des opus5 Barockorchesters (Andreas Pfaff, Susanne Walter, Chang-Yun Yoo, Christian Raudszus, Robert Grahl, Sebastian Glöckner an der Orgel und großartig Tabea Höfer (erste Geige). Sie hat auch vor ein paar Jahren das opus5 Barockorchester gegründet.

Ausgedehnt auf siebzig Minuten wurde das Programm mit der Bachkantate Christ lag in Todesbanden. Johann Sebastian Bach hat diese frühe Kantate – wohl für seine Bewerbung als Organist in Mühlhausen – um 1710 für den Ostersonntag geschrieben zu einem Text von Martin Luther. Der Chor wurde hier ergänzt durch die Tenöre Matthias Helterhoff und Tobias Liesong und durch den Bass, Paul Wiese. Das opus5 Barockensemble kommt aus Berlin/Uckermark und hat auch die Sonate f-moll für Streicher und Continuo von Georg Philipp Telemann gespielt. Mitglieder des Usedomer Kantatenchores haben das Konzert mit einem anonymen a cappella Lied aus dem 17. Jahrhundert O Traurigkeit, o Herzeleid eingeleitet.

Fabelhaftes Karsamstagskonzert!

Christa Blenk

 

 

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Theater-Collage in der Schauspielschule

Auf dem Sofa

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Street Art San Lorenzo

 

Am 9. April fand das Frühlingsfest der Schüler Schauspieltraining-Berlin in deren Räumen in Charlottenburg statt.

Die Studenten aller Altersklassen spielten, tanzten und sangen und die Schülerinnen der orientalischen Tanzklassen präsentierten ihre Bauchtanzeinstudierungen. Die Leiterin Christine Kostropetsch stellte ein umfangreiches und abwechslungsreiches Programm zusammen, das Christian Miebach großartig musikalisch begleitete.

U.a. spielten die Studenten Ausschnitte aus bekannten Theaterstücken wie „Fräulein Julie“ von August Strindberg, « Das Kalkwerk » von Thomas Bernhard (sehr gut Paul, der später noch bei « Interview mit fiesen Männern  » von David Foster Wallace auffallen sollte) „Die Heirat“ von Gogol (großartig Wanda, die schon bei einem anderen Stück von Sathyan Ramesh auf sich aufmerksam machte) oder Sketsche von Loriot („Maskenbildner“ mit Colin, Christian und Kerstin war eines der highlights); Nina sang – ziemlich gut – „Roxanne“ von The Police. Am schwierigsten wohl ein kurzer Auszug aus „Herrinnen“ von Theresia Walser bei dem Carlotta, Kamilla, Mara, Sandy und Simone erfolgreich versuchten, den Spannungs-Pegel nicht absinken zu lassen.

Das Bühnenbild bestand aus einem Sofa – das vor allem beim Maskenbildner zum Einsatz kam und ansonsten die Wartezone war – sowie einer  Flasche Wein, ein paar verstellbaren Tischen und natürlich schrägen Kostümen!

Wir verlassen diese kurzweilige Veranstaltung mit einem Lächeln auf dem Gesicht! Was will man mehr?  Und wer weiß – vielleicht sehen wir die Eine oder den Anderen demnächst in einem großen Theater!

 

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Christa Blenk

 

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Josep Pons dirigiert Ravel – De Falla – Strawinsky

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Alhambra – Foto aus den 80er Jahren  ((c) cmb)

 

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielte letzten Samstagabend in der Philharmonie Werke von Ravel, de Falla und Strawinsky.

Krankheitsbedingt konnte  François-Xavier Roth das Konzert nicht dirigieren und so übernahm der Spanier Josep Pons  kurzfristig  Leitung und  Programm. Er  tauschte lediglich  Ravels Rhapsodie espagnole mit dem Morgenlied des Narren aus. Mit La alborada del gracioso begann dann auch das Konzert. Ravel schrieb die Orchesterfassung für dieses kurze, aber intensive Stück 1919 (die Klavierfassung ist von 1905).  Pons ist einer der großen spanischen Dirigenten, fühlte sich erwartungsgemäß wie zu Hause mit diesem Werk und übertrug seine kenntnisreiche Begeisterung voll auf das Orchester.

Begleitet von klirrenden, frostigen und verwirrenden Pizzicati und Rhythmusänderungen, durchsetzt von spanischen Exkursen trällert der gracioso (der Hofnarr) auf seinem kurzen Spaziergang am Morgen sein Liedchen und versucht dreimal, ein schönes Fräulein anzusprechen. Dass sie ihm kein Gehör schenkt, scheint ihn nicht sonderlich zu stören oder zu grämen, denn er setzt seinen Morgengesang und Weg unweigerlich fort und dann ist das Stück auch schon vorbei. Leicht und aufregend hat Pons das Orchester durch dieses kleine witzig-aggressive Meisterwerk des undurchschaubaren französischen Spaniers (Ravel wurde im französischen Baskenland geboren hat sich aber sein Leben lang auf sehr romantische Weise  zur spanischen Kultur und Musik hingezogen gefühlt) gepeitscht. Aber der Hispanismus schlug große Bögen und war in Mode. Auch andere Franzosen, wie Bizet oder Lalo, befassten sich mit spanischen Themen und sogar in Deutschland bekamen Musikstücke spanische Namen und  Kastagnetten-Klänge.

Weiter ging es mit einem spanischen Komponisten, der vor allem die französische Musik, sprich Debussy verehrte: Manuel de Falla hat  Noches en los jardines de España 1909 komponiert, zu der Zeit lebte er in Paris und hatte schon die Bekanntschaft mit Debussy gemacht. Es handelt sich hier um eine Folge von sinfonischen Impressionen bei denen der Klavierpart eng mit dem Orchester verbunden ist. Der spanische Pianist Javier Perianes hat das ausgezeichnet interpretiert. Im dritten Satz wird die Alhambra verlassen und geht mit einer leidenschaftlichen Zigeuner-Samba in die Berge von Cordoba. Man muss die Augen schießen und sich Spaniens schönste Gärten – nämlich die Generalife in der Alhambra von Granada – vorstellen (ich habe sie noch zu einer Zeit gesehen, wo man ganz allein darin herumflanieren konnte). Es ist kurz vor Einbruch der Dunkelheit, das Plätschern der Brunnen klingt intensiver wenn sich bei Sonnenuntergang die Konturen verwischen und die hereinbrechende, beunruhigende Nacht, durchbrochen von Andalusien-Folklore und  unregelmäßigen  arabischen Ornamenten verschärft den Schritt.  Ein außergewöhnliches französisch-impressionistisch-andalusisches Werk und grandios interpretiert.

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Blick von der Alhambra in die Berge

Noch mal übertroffen hat sich Perianes bei der Zugabe: El Amor Brujo (von Manuel De Falla)

Nach der Pause setzte sich diese rauschende Begeisterung fort mit Igor Strawinskys Petruschka.  Pons dirigierte die Fassung von 1947. Die Musik zu Petruschka ist wie ein Gang über einen Jahrmarkt. Man schlendert an den verschiedenen Attraktionen und Buden bei wechselnden Geräuschpegeln, Musik, ausgelassen-fröhlichem Stimmengewirr vorbei. Hier wird ein tanzender Bär angepriesen, dort werden lautstark Köstlichkeiten feil geboten, von hinten erklingt die Karussell-Musik,  der starke August läßt seine Muskeln spielen, Männer „hauen“ den Lukas und gleich neben uns kündigt der Puppenmeister die nächste Aufführung an. Ein Ton überlagert den anderen, läuft ein wenig neben ihm her und überholt oder bleibt stehen bis sich alles  auflöst oder von neuen Stimmen, Verlockungen oder Tönen abgelöst wird.  Strawinsky hat das genial umgesetzt und manchmal verstehen sich die auf einander treffenden Klänge überhaupt nicht. Und dann Petruschkas Geist  und Ende.

Sehr schönes Konzert das mit viel Applaus belohnt wurde.

 

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nach dem Konzert (Fotos: (c) cmb)

 

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Christa Blenk

 

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Unerhörte Musik – Korpus

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Korpus (Ulrike Brand und Ingo Reulecke)

 

Unerhörte Musik – Korpus

Jeden Dienstag finden im BKA-Theatersaal Konzerte von Solisten und Ensembles statt, die zeitgenössische Musik des 21. und ausgehenden 20. Jahrhunderts spielen. Gestern Abend trafen dort die Violoncellistin und Performering Ulrike Brand und der Tänzer Ingo Reulecke mit Korpus aufeinander.

Kompositionen für Klang, Gesten und Bewegung im Raum.

Zwei Personen liegen auf dem Boden und schlafen. Sie sind durch ein Cello getrennt. Viele Minuten lang passiert nichts und man nimmt nur ein leises, stilles Atmen wahr. Das leichte Erwachen fängt in den Händen an. Beide tasten sich an das Instrument heran, nehmen von ihm Besitz. Der Bogen liegt noch auf der Seite der Frau. Mit den Händen wird das Instrument abgeklopft, manchmal stiehlt sich ein leiser Ton hervor, der aber gleich wieder Klopf- und Suchgeräuschen weichen muss. Die Inbesitznahme des Cellos wird aktiver und ein wenig aggressiver bis das Cell0 ein wenig später auf der Cellistin liegt. Der Mann beginnt nun seinen Tanz, d.h. er versucht sich irgendwie herauszuwinden oder will irgendwo hin, wo er keinen Zutritt bekommt. Er schlängelt sich über die Bühne bis hin zum Publikum und obwohl man nicht richtig sieht, dass er sich fortbewegt, kriecht er plötzlich am anderen Ende der Bühne oder dahinter. Er robbt und gleitet mit langen Armen und Beinen. Man denkt an Kafka und an die Anstrengungen von Gregor Samsa etwas anderes werden zu wollen oder zu müssen. Die Cellistin bringt sich peu à peu über eine kniende in eine stehende Position und fängt an, den Tänzer zu bedrängen oder ihn von der Bühne zu drängen oder umgekehrt. Der sanfte Kampf geht aber unentschieden aus, denn zum Schluss verlassen Beide das Paradies – oder werden sie von einer dritten Person vertrieben? Korpus entstand 2016.

Großartige Leistung auch von Ingo Reulecke (Tanz).

Bei Charlotte Seithers Werk Echoes of O’s (2005) passiert ganz wenig. Was hier geschieht, geschieht in absoluter Stille (was das Publikum auch verstanden hat). Seither stellt die Wahl der Interpretations-Mittel frei und Ulrike Brand hat stumme Gesten gewählt, die sie auf dem Stuhl sitzend vormacht.

Das nächste Stück haben die Komponisten Cheng-Wen Chen und Tobias Klich 2015 Ulrike Brand zum Geburtstag geschenkt; es basiert auf den Buchstaben ihres Namens. Dazu ist im Programm eine Kurzgeschichte „Laptop-Hund“ von Ulrike Brand zu lesen, bei der sie sich auf den Hund in Jean-Luc Godards Film „Adieu au langage“ bezieht. Die Geschichte hat nichts mit der Musik zu tun, lediglich sieht man auf der Leinwand hinter der Interpretin kurz mal einen Hund, der auf dem Kopf steht.

The map of tenderness (Wojtek Blechard, 2012) ist ein Cello-Geflüsterstück, bei dem sich die Cellistin mit dem Cello in einen körperlichen Dialog begibt.

Die in Berlin lebende russische Musikerin Alexandra Filonenko hat das Werk Obsession für Cello solo und Zuspiel 2015 komponiert. Hier wird die Stille des Abends total durchbrochen und temperamentvoller Körpereinsatz ist gefragt. Die Solistin ist hier auch die Rock-Interpretin, wozu sie extra Stiefel angezogen hat (bis dahin war sie barfuß).

Das letzte Stück an diesem Abend heißt hésiter. Ulrike Brand hat es 2016 für eine gehende Cellistin geschrieben. Nach vielen zögernden Vor- und Rückschritten steht am Ende der Satz „Et moi je n’existe pas“ und sie verlässt die Bühne. Sehr sensibel und beeindruckend, die Bewegungen und Schritte im Einklang mit den abgehackten Wörtern.

Spannender Unerhörter Musik-Abend im BKA.

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 unerhörte Musik

Christa Blenk

 

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