Archives pour la catégorie Musique

Händels Kammeroper Poros in der Komischen Oper

P1050205
Nestor Boscoscuro

 

2002 hat der frühere Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, Harry Kupfer, das letzte Mal für die Oper gewirkt. In knapp 20 Jahren hat er über 30 Produktionen hinterlassen. Nun ist er nach vielen Jahren  auf Einladung von Berry Kosky als Gast zurückgekehrt und hat sich einen Jugendwunsch erfüllt, nämlich: Händels Oper „Poros“ auf die Bühne zu bringen. 1956 hat er als junger Regieassistent  diese Oper für das Halle Festival mit inszeniert. Mit ins Boot dafür hat er sich Hans Schavernoch, seinen langjährigen Bühnenbildner, sowie den Kostümbildner Yan Tax geholt.  Entstanden ist ein Peplum-Urwald-Produkt bestehend aus Skulpturen, Bildern und virtuellen Tempelanlagen, aufgelockert von britischen Kolonialuniformen, Tropenhelmen und herrlichen indischen Gewändern sowie einem großen Buddha, und um ihn herum passieren die Haupthandlungen. Farbenprächtig allemal.

Die Geschichte des Librettisten Pietro Metastasio hat Kupfer ins 18. Jahrhundert,  in die englische Kolonialzeit verlegt – in die Zeit der „East India Company“. Es gibt keinen Chor in der Oper und keine Balletteinlagen. Die Bühne dreht sich langsam und nötigt die Protagonisten, damit Schritt zu halten.

Auch stimmenmäßig hat Kupfer einiges geändert. Im Original werden die Inder Poros und Gandharta mit Altisten besetzt und Alexander der Große soll ein Tenor sein. Bei der neuen Produktion der Komischen Oper haben die Inder die dunklen, männlichen Stimmen und Sir Alexander, so heißt Alexander der Große bei Kupfer, ist ein schüchterner, zarter Countertenor, dem man den Frauenverführer gar nicht so recht abnimmt und weshalb man auch Poros heißblütige und ihn auffressende  Eifersucht gar nicht nachvollziehen kann.

Der junge Dirigent und Experte für Alte Musik Jörg Halubek geht flott an die Musik heran und lässt keine Applauspausen zu, in dem er immer schnell von den rezitativi zu den Arien überleitet  – dies ist eine gute Sache ist. Ganz leicht führt er das Orchester der Komischen Oper, selber am Cembalo. Er bekommt dafür viel Applaus.

Die Aufführung in deutscher Sprache nimmt der Oper die musikalische Leichtigkeit und lässt Verzierungen nur sehr schwer zu. Die Arien sind viel zu textlastig und obwohl die Nachdichtung von Felicitas Wolf die Geschichte verständlicher macht, ist dies schade.

« Poros » ist eine Kammeroper für nur sechs Solisten und es geht gar nicht um Krieg oder Kolonialismus, sondern eigentlich nur um Liebe und Eifersucht, Vertrauen und Mißtrauen und religiöses Vergeben. König Poros hat deshalb auch viel mehr Angst vor dem Verführer Alexander als vor dem Eroberer. Er fürchtet, dass der Brite ihm seine schöne Braut ausspannen will. Alle gefährlichen oder kriegerischen Situationen entstehen deshalb aus falsch interpretierter Eifersucht.

 Der Countertenor Eric Jurena singt den Allen verzeihenden und Alles verstehenden Sir Alexander, sein Vertrauter und Verräter, der Grieche Timagenes,  ist Joao Fernandes. Philipp Meierhöfer singt den treuen Gandharta, Poros Schwester Nimbavati ist Idunnu Münch mit ihrer warmen Alt-Stimme, die vielleicht nicht leicht genug für Händel-Arien ist. Ruzan Mantashyan ist die schöne Königin und Geliebte Mahamaya, die im Original Cleofide heißt, strahlend und floral versucht sie die ganze Zeit über Poros davon zu überzeugen, dass sie nur ihn liebt.  Sie ist im Verlauf des Abends immer besser geworden. Poros ist der Bariton Dominik Köninger, der sich gleich zu Anfang auf einer Liane, kräftig und viril, auf die Bühne herunterlässt. Aufbrausend und extrem eifersüchtig, temperamentvoll und jugendlich unkontrolliert meistert er die Titelpartie und den ewig zweifelnden König, der ständig seine Rolle als Vorbild vergisst.

Eine Spannung zwischen den beiden so unterschiedlichen Kulturen allerdings entsteht an diesem Abend zu keinem Zeitpunkt, die Briten bleiben blass und langweilig und die Inder gleichgültig und undifferenziert. Schade auch, dass hier die Stimmrollen ausgetauscht wurden. Ein Countertenor passt nicht zu Alexander. Und alle guten Vorsätze, dass man nur Gutes hier tun will, werden widerlegt, wenn zum Schluss Waffenkisten der „East India Company“ auf die Bühne gehievt werden und die Männer darauf Platz nehmen.  Und um dem Ganzen noch eins Drauf zu setzen, wird anstelle eines Vorhangs der Union Jack von oben auf die Bühne gelassen und man denkt natürlich „Brexit“ – manchen rutscht es sogar über die Lippen!

Schon interessant aber ein wenig enttäuschend war der Opernabend dann doch!

 Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

 

 

MUSIK.IN.SOPHIEN

SanLorenzo Street Art
Street Art Rom

 

Karfreitagskonzert in der Sophienkirche

Der Organist und Leiter des Ensembles Maximilian Schnaus beginnt den Konzertnachmittag mit einem Auszug aus dem Orgelwerk „Zeichen“, das Dominik Susteck (*1977) 2016 komponierte.  Das komplette Werk dauert 31 Minuten und ist eine Auftragskomposition des Bistums Essen für die Bischöfliche Kirchenmusikschule. Zeichen besteht aus den Sätzen:  Morse – Funkfeuer – Schatten – Echos – Signal – Geister. Schnaus hat die Teile Schatten und Echos daraus gespielt.  

Der Komponist selber sagt darüber:
Der „Schatten“ ist mehrdeutig. Huschende Töne, Tonballungen oder hängende Töne bilden sich. Nach den tiefen, geräuschhaften Tönen zu Beginn entwickelt sich die Musik zu einem strahlenden, insistierenden Akkord.
Die „Echos“ stellen eine Suche nach einem Gegenüber dar. Es entsteht ein motivischer Dialog zwischen Hauptwerk und Schwellwerk. Manchmal verhalten sich die Töne in freier Variation zueinander. An anderer Stelle ordnen sie sich als Wiederholung ein.

Dann verlässt Schnaus seinen Platz an der Orgel und übernimmt die Leitung für Arvo Pärts großartige Komposition „Stabat Mater“. Es ist ein delikates, sehr zartes und sehr hohes Werk, tiefgründig, transzendent und religiös. Manchmal mutet Pärts Musik wie aus dem Mittelalter kommend an, in dieser Epoche entstand auch das anonyme Gedicht „Stabat Mater“. Es beschreibt den Schmerz, den die Mutter Jesu um den gekreuzigten Sohn empfindet. Es gibt unterschiedliche Versionen des Textes und unzählige Vertonungen dieses Werkes. Eines des bekanntesten und meist gespielten ist das Stabat Mater von Pergolesi.

Das ausgezeichnete Amateur-Streicherensemble „Cappella am Weinberg“  geht in Pärts spiritueller Musik auf, lässt ihn sprechen und als dann die Sopranistin plötzlich einsetzt, gleicht das einem überraschenden Ur-Schrei, der lange zurückgehalten worden war und nun endlich raus darf. Jetzt kann sich niemand mehr dem Bann entziehen. Das Stück verlangt viel Einfühlungsvermögen der Musiker und der Solisten (Rachel Fenlon, Sopran; Corinna Scheurle, Mezzo; Joseph Schnurr, Tenor). Sie haben das vorzüglich gemeistert.

Der Text des Stabat Mater besteht aus zehn Strophen. Vier Textgruppen des liturgischen Gedichtes werden durch instrumentale Zwischenspiele von einander abgesetzt. Umrahmt ist das Werk von einem langen Amen am Anfang und am Ende des Stückes.  Mehr kann man nicht geben, als die Interpreten dies gestern getan haben. Man wird mitgerissen, taucht ein in diese Pärt-Karfreitags-Welt. Gänsehaut überall. Schnaus hält am Ende die Stille sehr, sehr lange und das Publikum wartet geduldig. Dann Applaus!

1985 entstand Pärts Stabat Mater als Auftragswerk der Alban Berg Stiftung. Diese gab aus Anlass des 100. Geburts- und 50. Todesjahres Alban Bergs zehn Streichtrios in Auftrag. Pärt schlug eine Vokalkomposition für drei Vokalisten und Streichtrio vor und konnte es umsetzen. Am 30. Oktober 1985 wurde das Werk in Wien uraufgeführt. Es dauert knapp 25 Minuten. Würdig, tief und erschütternd kommt es wie ein Dialog zwischen Sängern und Streichern daher. 2008 hat Pärt eine weitere Version für gemischten Chor und Orchester erstellt.

Der Este Arvo Pärt (*1935) ist ein Vertreter der neuen Einfachheit. Pärts musikalische Erziehung begann bereits mit sieben Jahren. Mit 14 schrieb er seine erste Komposition. Nach seinem Musikstudium arbeitete er als Tonmeister beim estnischen Rundfunk. Anschließend lebte er als freischaffender Komponist in Tallinn. Sein Frühwerk ist von der russischen Musiktradition geprägt, später sollte er sich davon aber absetzen, Pärt erste Zwölftontechnik-Musik entstand 1961 und stieß – ebenso wie seine stark religiös geprägten Werke, auf Kritik, vor allem bei den Musikverantwortlichen in der früheren Sowjetunion. Nach einer Pause Ende der 1960er Jahre begann er, sich für die Musik des Mittelalters zu interessieren. Ein paar Jahre später konvertierte der ehemalige Lutheraner zur russisch-orthodoxen Kirche. 1980 ging er ins Ausland, nach Wien, und wurde Österreicher, später nach Berlin. Die Spirituelle, geistlicher Musik der Gegenwart ist ohne ihn gar nicht denkbar.

Die junge Sopranistin, Pianistin und Komponistin  Rachel Fenlon ist Absolventin des Young Artist-Programm der Vancouver Opera und des Rossini Opera Festivals in Pesaro und gastiert an vielen Opernhäusern. Bei Liederabenden begleitet sie sich gerne selber am Klavier.

Die Mezzosopranistin Corinna Scheurle ist Mitglied im Opernstudio der Staatsoper unter den Linden und wechselt in der kommenden Spielzeit zum Ensembles der Bayerischen Staatsoper. 2017 war sie Preisträgerin des Gasteig Musikpreises.

Der Tenor Joseph Schnurr studierte u.a. an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“. Er tritt auf verschiedenen Bühnen weltweit und als Evangelist im Weihnachtsoratorium und den großen Passionen Bachs auf.

Die Cappella am Weinberg wurde 2015 gegründet. Ihr Repertoire besteht vor allem aus Kirchenmusik aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Die Leitung haben Anne Sommer-Bloch und Maximilian Schnaus.

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

 

 

 

 

Tag und Nachtstücke – Deutsches Symphonieorchester mit Robin Ticciati

Am 13. und 14. April gastierte das Deutsche Symphonie Orchester in der Philharmonie mit einem ausgesprochen interessanten Programm.

Mit der Tondichtung von Richard Strauss (1864-1949) « Don Juan » begann der Konzertabend. Das Werk entstand 1888 nach Nikolaus Lenau für großes Orchester. Die Uraufführung fand 1889 durch das Orchester des Weimarer Hoftheaters unter der Leitung des Komponisten selber statt.

Anschließend kam die Pianistin Mitsuko Uchida auf die Bühne. Die großartige Musikerin spielte – hauchzart und sensibel – Maurice Ravels (1875-1937) Konzert für Klavier und Orchester G-Dur. Es entstand um 1930 und wurde 1932 in Paris uraufgeführt. Auch hier dirigierte der Komponist selber. Die Solistin war damals Marguerite Long.

Nach der Pause gab es ein Stück von Sir Harrison Birthwistle (*1934) « Night’s Black Bird  » aus 2004. Im selben Jahr wurde es im Rahmen des Lucerne Festivals uraufführt. Bei dieser Komposition geht es um Melancholie. Birthwistle hat dabei an eine gleichnamige Radierung von Dürer gedacht. Der übergewichtige Engel auf der Radierung versucht die ganze Zeit, sich in die Lüfte zu erheben, schafft es aber nicht. Es ist ein dunkles Stück, gewitterträchtig, melancholisch-traurig. Eine Art stehende Musik, die an eine Sisiphus Arbeit erinnert. John Dowlands « In darkness let me dwell » hat hier Pate gestanden. Darüber und über die Schaffensprozesse eines Komponisten spricht Birthwistle auch in der Einführung.

Birthwistle gehört zu den bekanntesten britischen Komponisten und folgt mit seiner Musik Varese, Strawisnky und Messianen. Er hat zahlreiche Auszeichnungen bekommen, darunter 1995 den Siemens Musikpreis.

Abgelöst wurde dieses 12-Minuten-Stück von Anton Weberns (1883-1945) Sechs Orchesterstücken für Orchester op. 6 (1909-1928).

Abgerundet wurde das Konzert mit einer ausgezeichneten Interpreation von « Isoldes Liebestod ». Robin Tricciati hat entschieden, es direkt in Fortsetzung an die sechs Orchesterstücke zu spielen – ohne Pause und deshalb auch ohne Applaus. Sehr gute Idee.

Die Applaus-Freaks haben ihm und uns dies aber nicht gegönnt und ihm nach Isoldes Tod nicht die notwendigen  Sekunden zum Runterkommen gegeben.

Großartiges Konzert.

cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

 

 

Der Prinz von Homburg

handschuh
 Cover Programm Staatsoper Stuttgart

 

Der Antiheld ist  ein Träumer, vielleicht auch ein moderner Weltverbesserer. Er sitzt auf einer Leiter und ist nicht ansprechbar, er ist woanders. Seine rote Sommerhose passt nicht in den Krieg. Aber auch mit den anderen Protagonisten tut man sich schwer, sie sich im Kampf oder in einer Schlacht vorzustellen. Sie üben an der Ballettstange und man vermutet, das sie wenigstens mit den Tanzeinlagen „bella figura“ zu machen hoffen. Tanzt hier der Kongress oder haben sich die preußischen Tugenden in der Tür geirrt?  Den  Ballettsaal,  den Ort der Handlung, hat Katja Haß eiskalt, blitz-blank und blütenweiß eingerichtet. Hier könnte es sich aber auch um eine Industrie-Schlachterei handeln. Farbe kommt erst dann ins Spiel, wenn sich die Kämpfer selber mit Blut beschmieren. So sprechen wenigsten ihre Kleider von heftigen Kämpfen und es fällt nicht gleich auf, dass sie eigentlich träumen und nicht kämpfen. Oder ist das jetzt wieder Traum?

Die Oper « Der Prinz von Homburg » von Hans Werner Henze wird nicht sehr oft gespielt. Stephan Kimmig hat sie nun für Stuttgart neu inszeniert. Sie hat nichts an Zeitgeist eingebüßt und wirkt frisch und aktuell.

Der Handschuh ist das wichtigste Relikt im Stück. Er stellt die Verbindung zwischen Traum und Realität her und ist das einzige – außer seiner Erinnerung – was der Prinz vom Traum in die Wirklichkeit mitnimmt. Beim Erwachen hält er einen Boxhandschuh in der Hand.  Den zweiten entdecken wir später bei seiner Verlobten, der Prinzessin Natalie von Oranien. Das verunsichert ihn, denn es zeigt ja wohl, dass sein Traum Realität war oder die Realität ein Traum? Jedenfalls macht ihn dies stark und er erteilt Befehl zum Angriff, ohne auf die Order des Kurfürsten zu warten. Obwohl er die Schlacht gewinnt, kommt er ins Gefängnis, denn ohne Befehl von oben zählt der beste Gewinn halt nichts. Das war früher auch schon so.

Die militärische Kriegsmaschinerie kommt nicht sehr gut weg und der einzige Disziplinierungs-Drill  passiert an den Ballettstangen. Eine Art midlife-fitness-Programm.  Die Uniformen hat man deshalb auch gleich ganz weg gelassen, mehr noch: die Soldaten und Generäle, auch der Kurfürst,  müssen die Hosen herunterlassen oder stehen – peinlich und pathetisch  –  in Unterhosen da.  Das Gefängnis ist ein Glaskäfig, transparent und begehbar und auch des Prinzen Todesangst ist nicht wirklich echt. Zum Schluss siegt dann doch die Freiheit und das kann man auf den  T-Shirt der Anwesenden lesen.

Dann werden die Türen schon kurz vor Ende geöffnet. Soll hier frische Luft ins Geschehen oder nochmal eine zweideutige Illusion hervorgerufen werden?

Gespielt wird die überarbeitete, kürzere Fassung von 1991, große Chor- und Orchesterpassagen fallen weg.  Die Premiere hat der neue Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert. Die zweite Vorstellung am 6.4. der junge  Dirigent Thomas Guggeis.

Robin Adams mit seinem kantigen Bariton ist ein großartiger Prinz. Man kauft ihm das Hin- und Her zwischen Traum und Wirklichkeit jederzeit ab. Für die erkrankte Vera-Lote Böcker sang Vida Mikneviciute aus Litauen an der Seite die Rolle der Natalie; gespielt hat die Rolle die Stuttgarter Regieassistentin Anika Rutkofsky. Eine großartig umgesetzte Notlösung! Helene Schneidermann sang die Kurfürstin, Stefan Margita den Kurfürsten.

Luchino Visconti hatte Hans Werner Henze seinerzeit auf den Stoff von Kleist als mögliche Opernvorlage hingewiesen und Ingeborg Bachmann als Librettistin vorgeschlagen. Hans Werner Henze, der sich nach Italien zurückgezogen und dem Darmstädter Serialismus den Rücken zugekehrt hatte, hat sich mit dieser Oper über vieles hinweggesetzt und wandelt zwischen Zwölfton-Sequenzen und Belcanto-Arien hin und her. Die Jazz-Elemente, die zwischendurch ertönen, erhellen das Ganze.

Sehr gute Aufführung, ausgezeichnet und sehr textverständlich gesungen und musikalisch einwandfrei!

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

Der Zwerg – Alexander von Zemlinsky

der_zwerg_115hf_MehnertTsallagova
DER ZWERG von Alexander von Zemlinsky, Deutsche Oper Berlin,
Premiere am 24. März 2019, copyright: Monika Ritterhaus

 „Der Zwerg“ von Alexander von Zemlinsky an der Deutschen Oper Berlin

Am 25. März 2019 fand die Premiere der neuen „Zwerg-Inszenierung“  der Deutschen Oper Berlin statt. Viele Jahre wurde diese Oper nicht mehr aufgeführt, dabei kam sie in Berlin, in der Krolloper, schon 4 Jahre, also 1926, nach der Uraufführung in Köln zur Aufführung. Dann verschwand sie erstmals von allen Opernhausspielplänen und kam erst wieder Ende der 1970er Jahre in Mode.

Um aus dem nur 80 Minuten dauernden Einakter einen vollständigen Opernabend zu präsentieren, wird das Stück oft mit einem anderen Einakter zusammen aufgeführt. Dieses Mal hat man sich entschieden, die 10-minütige Komposition von Arnold Schönberg „Begleitmusik zu einer Lichtspielszene“  vorneweg zu spielen – und dies inszeniert als Lehrer-Schüler oder Mann-Frau-Stück bzw. « Alma Schindler bekommt Klavierunterricht bei Alexander von Zemlinsky ». Daraus ist sodann eine Liebelei erblüht (klein auf Seiten von Alma, groß auf der von Zemlinsky). Diese wurde aber sofort und schnell beendet als Alma Schindler, Gustav Mahlers Heiratsantrag annahm. Für Zemlinsky, der vom Schicksal zwar mit Talent aber nicht mit Größe oder Schönheit beschenkt worden war, ein schlimmer Schlag. Man sagt sogar, dass er mit dem Zwerg autobiografisch und Freud-Couch-mäßig etwas verarbeitet hat.

Sehr passende Idee, die den Abend gleich schwungvoll und rhythmisch einleitet. Mehr braucht diese Oper auch gar nicht. Musikalisch ist sie irgendwo zwischen Spätromantik und Wagner angesiedelt, kommt immer wieder mal an die Grenzen der Tonalität, geht aber nicht darüber hinaus.

Georg Klaren hat das Libretto nach einer Geschichte von Oscar Wilde geschrieben.  Es geht um Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung, um Schein und Sein und um versäumte Empathie. Eine Punktlandung für die Deutsche Oper Berlin und für das Regie-Duo Tobias Kratzer und Rainer Sellmaier (welches übrigens bald in Bayreuth tätig werden wird).

Tobias Kratzer hat die Rolle des Zwergen zweimal besetzt, einmal mit dem großartigen Sänger David Butt Philip, der wie ein Abendeinspringer seine Rolle meist am Rande der Bühne singt, während der Schauspieler Mick Morris Mehnert großartig und berührend die Rolle des Zwerges spielt. Elena Tsallagova singt die herzlose, frivole  Prinzessin. 1960er Jahre Teenager umgarnen die schöne Infantin, die ihren 18. Geburtstag feiert. Die Geschenke kommen an und die Prinzessin Donna Clara kann es kaum erwarten, sie auszupacken. Das Geschenk des Sultans sticht dadurch hervor, dass eslebt. Er schenkt ihr einen Zwerg der wunderbar singen kann,  weltfremd und unschuldig ist und gar nicht weiß, wie er aussieht, da er noch nie einen Spiegel zu Gesicht bekommen hatte.  Donna Clara freut sich an diesem „Spielzeug“, schenkt ihm zum Spaß eine weiße Rose, tanzt mit ihm, küsst ihn und sieht ihn doch nur als niedliches Haustier.

Tobias Kratzer lässt die Geburtstagsparty in einem Konzerthaus stattfinden, und so stehen dort Stühle, Notenständer und Instrumente, die einmal kurz großer Wut zum Opfer fallen. Bühne und Kostüme sind schwarz-weiß gehalten bis auf die schillernde Prinzessin und ihr Stab der bunten Meninas. Die Doppelbesetzung zeigt noch mehr das Zwiespältige der Rolle des Zwerges, seine Dramatik, als er – genötigt durch die Infanta – von Ghita (Emily Magee) einen Spiegel hingehalten bekommt und daran zerbricht.  Die Szene, wenn der  Zwerg hinterm Spiegel und der Sänger davor die Wahrheit entdecken, ist großartig gelungen und eine Opernsternstunde. 

Wenn Donna Clara den Sänger ansieht, vergisst sie die Hässlichkeit des Zwerges. Elena Tsallagova ist perfekt für diese unschuldig-kalte Kind-Frau-Rolle und man nimmt es ihr sofort ab, wenn sie nach dem Tod ihres „Spielzeuges“ weitertanzen will aber vorher noch schnell ihren Luftballon zum Platzen bringt.

Donald Runnicles hat das Orchester der Deutschen Oper wieder in Hochform leuchten lassen und viele Zwischen- und Randstimmungen herausgeholt.  Auch der Chor zeigte sich von seiner besten Seite. Großartige Sänger rundeten den gelungenen Opernabend ab.

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

Abonnementkonzert

Mehr konnte man an diesem Konzertabend fast nicht mehr ändern!

Zuerst musste der Dirigent Paavo Järvi wegen Krankheit absagen. Waltraud Meier machte es ihm nach und konnte aus gesundheitlichen Gründen ebenfalls nicht auftreten. Eingesprungen sind Ocka von der Damerau für die Kindertotenlieder und Thomas Guggeis am Pult  (die Geheimwaffe für Berlin, wenn ein Dirigent nicht auftreten kann oder will – denken wir an Salome in der Staatsoper). Dies brachte wiederum eine einschneidende Programmänderung mit sich und anstelle von Schostakowitsch gab es Sibelius rauf und runter („Der Schwan von Tuonela“ op. 22 Nr. 2 und  Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43).

Musik Philharmonie

cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

 

Simone Kermes auf Tournee mit dem Neuen Händel-Album

 Feuerwerk, Gewitterdonner und Wirbelstürme

Für Puristen sind die Auftritte von Simone Kermes nicht geschaffen. Ansonsten sind sie ein Ereignis, wenn man sich auf ihre individuelle und rockige Art, ein Barockkonzert zu singen, einlassen mag. Mit Armidas Arie « Furie terribili » aus Händels Rinaldo rauscht sie in einem ihrer ausufernden, extravaganten  Diva-Kleidern – für die sie auf Reisen immer reihenweise Koffer braucht) auf die Bühne, spricht zwischendurch ständig mit dem Publikum (was im Kammermusiksaal eher ungünstig ist, da auch hinter und neben der Bühne Zuhörer sitzen), ist Sängerin und Showmasterin zugleich, tanzt, fetzt und trällert, virtuos, glasklar und scheinbar mühelos, die schwierigsten Arien in den Raum, ohne – so denkt man – auch mal Luft holen zu müssen.

Die Auftritte von Simone Kermes sind ein Naturereignis, ein Erdbeben und wer Angst hat, in eine Spalte zu rutschen, sollte besser gar nicht erst hingehen.

Gestern Abend im Kammermusiksaal der Philharmonie hat so ein Konzert von Simone Kermes mit dem Ensemble „Amici Veneziani“ stattgefunden. Auf dem Programm standen Werke von Händel, Vivaldi, Pergolesi, Hasse und Porpora. Wütende, glühende und erboste fortissimi schwinden zu fast weinenden, ganz zarten pianissimi. Sie hat für jede Note, jedes Gefühl die passende Mimik, droht den Musikern, schubst den Geiger zur Seite und fordert das Publikum auf, in den „unmöglichsten“ Momenten zu applaudieren und plötzlich ist alles erlaubt, was man sonst in einer seriösen Konzerthalle verurteilen würde. Sind wir hier zufällig in ein Pop-Konzert geraten. Aber dann erklimmt sie makellos unglaubliche Höhen und gibt mindestens 150% ihrer künstlerischen Leistung. Um ihre Stimme scheint sie sich keine Sorgen zu machen.

Ein rasendes « Gelido in ogni vend » des Farnace von Vivaldi, die Arie « Moridó, ma vendicata“ der Medea aus Händels Teseo oder das herzzerreißende  „Ombra mai fu“ aus Händels Xerxes gehen über zu einem fast Flüstern der Arie  « Alto Giove » aus Porporas Polifemo. Sie zerpflückt und zerzaust, fügt wieder zusammen und gewittert weiter, virtuos und glasklar erreicht sie scheinbar mühelos jeden Ton und hält ihn gefühlte Minuten. Heftiges, theatralisches Ausatmen und weiter geht es.

Nach der dritten Zusage fragt sie das Publikum, ob es schon müde sei und setzte dann noch Händels „lascia ch’io pianga“ obendrauf. Spätestens jetzt hat sie auch den letzten Skeptiker entwaffnet.

Simone Kermes ist in Leipzig geboren und dort hat sie auch Gesang studiert, allerdings erst nach einer konventionellen Büro-Ausbildung. Der Erfolg winkte schon bald und ihr umfangreiches Repertoire und die sichere, schöne Stimme brachte ihr nach kurzer Zeit viele bedeutende Rollen. Standing ovations waren an der Tagesordnung bei einem „Zickenkrieg vom Feinsten“, nämlich dem Sing-Duel  „The Rival Queens“, einer Produktion in Zusammenarbeit mit der großartigen Vivica Genaux und der Capella Gabetta.

Heute lebt Simone Kermes in Berlin-Mitte, und dort – in der Wohnung einer Freundin – hat sie mit dem Ensemble Amici Veneziani auch für das Konzert geprobt!

Nach der Show hat sie auch noch ihre neue CD „Mio caro Händel“ signiert, die sie gerade mit dem Ensemble Amici Veneziani unter Leitung von Gianpiero Zanocco aufgenommen hat. Darauf singt sie, beweglich, feinnervig, zornig und fanatisch wie gewohnt, in drei Sprachen. Sicherlich ein Muss für Barockliebhaber.

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

Babylon – Oper von Jörg Widmann

Babylon
 Plakat Ankündigung Staatsoper

 

2012 kam die Oper Babylon von Jörg Widmann in München unter Leitung von Kent Nagano zur Aufführung. Das Libretto stammt von Peter Sloterdijk. In München hatte die Oper mäßigen Erfolg und nun  hat Widmann diese Oper in Sieben Bildern für Berlin neu überarbeitet. Im März 2019 kam sie in der Staatsoper in der Regie von Andreas Kriegenburg zur Aufführung. Bei der Premiere gab es nicht gerade Begeisterungsstürme, aber auch bei der dritten Vorstellung fehlten nach der Pause geschätzt 10% der Besucher. Eigentlich sollte Barenboim dirigieren; dieser ist aber aus Gesundheitsgründen ausgefallen und so Christopher Ward übernommen.  

Eine Urerfahrung der Zerstörung inmitten babylonischer Lebensfreude.

« Wer Dich wieder aufbaut, sei verflucht, sein erstes Kind soll sterben bei dem Aufbau der Stadt, sein jüngstes Kind soll sterben beim Einsetzen der Stadttore » singt-spricht der Skorpionmensch (Joschua 6.26). Dann setzt die Musik ein.

Auf der Bühne ist ein no future vierstöckiges, ziemlich herunter gekommenes Hochhaus zu sehen. Verwüstung überall. Die Seele lehnt seufzend an einer Säule und bedauert ihren Bruder oder Freund, der aber schon auf dem Weg in den Abgrund zur Verführung in Form von Inanna und verloren scheint.

In jeder Zelle oder Zimmer passiert gleichzeitig etwas, meist sind es Orgien und immer ist es sehr laut. Deprimierende Weltuntergangsstimmung breitet sich aus und dieses Gefühl wird durch die abgerissenen Kostüme noch verstärkt. Zwischen post-nuklearer Welt und dem der Hölle in Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“. Die ersten vier Bilder sind von Chaos durchzogen und man versucht verzweifelt herauszufinden, worum es eigentlich geht. Mythos, Religion, Chaos, Gilgamesch, Bibel, Liebe, Lächerlichkeit und Treue – all das wird angeteasert.  Zwischen Candide und Orpheus in der Unterwelt, auch die Liebesgeschichte von Inanna und Tammu. Es zieht sich irgendwie hin und man weiß nicht in welche Richtung. Nach der Pause herrscht ein wenig mehr Klarheit, dafür wir die Musik zum Teil unglaublich banal und kommerziell, vor allem das Liebensduo zwischen Inanna und Tammu ist kitschig. Aber das hat Widmann ja wahrscheinlich gewollt, alle Musikstile sollten einmal vorkommen und das Babylon-Chaos bestärken. Dabei hat man durchaus den Eindruck, dass Widmann sich amüsiert hat, jedenfalls beim bayrisch-babylonischen (Oktoberfest)Marsch, beim dem Inanna auch tänzerisch glänzen konnte.  Babylon ist multikulti, lebenslustig, freizügig und verdorben, eine  Oper der Extreme vor allem musikalisch mit  94 Choristen, 54 Streicher, 13 Blechbläser, 16 Holzbläser, Harfen und Celesta, Akkordeon und drei Schlagzeugen.

Die Opferung nach der Pause, bei der sich der jüdische und der babylonische Chor gegenüberstehen, ist eine der besten Szenen in der Oper. Plärrt wo ihr wollt, aber nicht vor meiner Tür! Singt der Tod als Inanna in die Unterwelt will. Aber er lässt sich erweichen und es gibt eine Art happy-end!

Dann richten sich alle Scheinwerfer auf das Publikum und wir sitzen da, geblendet, ohne zu wissen, ob es vorbei ist, bis sich jemand traut zu applaudieren. Von den Grenzen der Sprache sollte es handeln und an unsere Grenzen waren wir dann auch gekommen.

Großes Lob an die hervorragenden Sänger, Orchester und Chor. Mojca Erdmann als Seele muss die ganze Zeit fast schreien. Susanne Elmarks hat im ersten Teil immer an Kunigunde erinnert und war sehr gut in ihrer Rolle als demütige Verführerin. Marina Prudenskaya bekam – zu recht – den meisten Applaus. Sie ist hervorragend als singender Euphrat-Fluss. Sehr gut auch Andrew Watts als Skorpionmensch, John Tomlinson als Priester und Otto Katzameier als der Tod.

Auf jeden Fall sehens- und hörenswert, wenn auch anstrengend! Das Programm ist sehr gut gemacht.

cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

Europa Galante und Ian Bostridge

bostridge Bondi

 

Ian Bostridge gehört seit langem zu den interessantesten und außergewöhnlichsten Sängern, obwohl der Brite sein Debut als Sänger erst 1993, schon fast 30jährig, gab. Bevor er sich dem Gesang widmete –  dies geschah wegen Dietrich Fischer-Dieskau, wie er selber einmal  in einem Interview sagte –  hat er in Oxford Philosophie und Geschichte studiert und über die „Hexerei“ promoviert. Bostridges Repertoire  geht von Monteverdi bis Britten, von Madrigalen aus dem Frühbarock, die er genau so überzeugend vorträgt wie Hans Werner Henzes „Gesänge aus dem Arabischen“ hin zu Kurt Weills Balladen. Sein enormer Stimmumfang springt mühelos zwischen Tenor zum tiefen Bariton. Heute zählt er außerdem zu den besten und gefragtesten Schubertsängern. Mit großem Ausdrucksempfinden und unprätentiöser Virtuosität bringt er das Publikum zur Begeisterung.

Das Programm am Freitagabend im Pierre Boulez Saal war dem Frühbarock gewidmet und dazu hat er sich Fabio Biondis exquisites Ensemble Europa Galante mit ins Boot geholt.

Claudio MonteverdisCombattimento  di  Tancredi e Clorinda“ entstand 1624 und gehört zum Achten Madrigalbuch. Es ist ungewöhnlich lang und erzählt die tragische Geschichte des Kreuzritters Tancredi, der sich unsterblich in die Sarazenin Clorinda verliebt und sie im Kampf tödlich verwundet, unwissend, dass sich hinter dem Kämpfer, seine geliebte, verkleidete, Clorinda verbirgt. Sterbend bekennt sie sich zum Christentum und vergibt ihm. Der Text des Madrigals wird erzählt, unterbrochen zwischendurch allerdings von Passagen  indirekter Rede der beiden Protagonisten. Monteverdi selber sagte hierzu in einem Vorwort des gedruckten Madrigalbuches: „Mir ist klar geworden, dass unsere Leidenschaften oder Gemütsbewegungen drei zentralen Begriffen zuzuordnen sind: Zorn, Mäßigung und Demut oder Flehen (Ira, Temeranza & Humiltà o supplicatione“). Bostridge singt sich in beide Gegner hinein und wechselt jeweils die Stimmlage.

Der dritte Liedbeitrag von Bostridge ist„Tempro la cetra“ aus dem Siebten Madrigalbuch von Claudio Monteverdi. Es entstand 1619.

„La Serenissima“, die magische Stadt in der Lagune, war um 1600 eine bedeutende Handelsmetropole und florierte nicht nur wirtschaftlich und  künstlerisch.  Als Musikzentrum stand Venedig  in würdiger Konkurrenz  zu Städten wie Rom oder Neapel. Claudio Monteverdi (1567-1643)  war bis zu einem Tod Kapellmeister in San Marco.

Mit dunkler Schwermut, kummerdurchzogen, ätherisch  und elegisch fast kommt er beim Trauergesang « Incassum, Lesbia » (The Queen’s Epicedium)  von Henry Purcell (1659-1695) daher,  den dieser anlässlich des Todes der geliebten Queen Mary II (1695) komponierte. Er singt das so innig und lautmalerisch, als ob es seine eigene Mutter wäre, die dort zu Grabe getragen wird. Purcell verehrte diese Königin sehr, die 32jährig an den Pocken starb.

Das Ensemble Europa Galante spielt außerdem Sonaten von Dario Castello, drei Stücke aus Girolamo Frescobaldis Fioro musicali (1635) und ein sehr modernes Werk von Carlo Farina (1600-1639) Capriccio stravagante à 4 „Ein kurtzweilig Quodlibet » (1627).  Man geht davon aus, dass Farina in Mantua die Musik des dortigen Kapellmeisters Monteverdi gekannt haben muss. Farina kam später durch Heinrich Schütz an den Dresdner Hof. Vieles von seinen Kompositionen ging verloren. Das gestern gespielte Werk – wie der Name kurtzweilig schon erklärt – ist geprägt von permanentem Wechsel der Tempi und Rhythmen und steckt voller musikalischer Streicher-Überraschungen, wie das Miauen von Katzen oder das Bellen von Hunden. Eine echte trouvaille!

Der schlaksige, hochgewachsene Bostridge wirkt unglaublich jungenhaft und so sympathisch. Er spricht ausgezeichnet Deutsch und Italienisch. Sein inniger, geschmeidig-expressiver Gesang kommt durch große Textverständlichkeit noch näher.  

Als  Zugabe singt er in einwandfreiem Deutsch „Bist Du bei mir“, ein Stück aus dem „Notenbüchlein für Anna Magdalena Buch“. Und jetzt wünschen wir uns, dass er mit einem Bach-Programm direkt weiter macht.

Fabio Biondi hat das italienische Ensemble Europa Galante 1990 gegründet. Sie haben sich auf Opern und Vokalwerke des 17. und 18. Jahrhunderts spezialisiert. Nach Berlin kam Biondi mit Andrea Rognoni (Violine), Ernst Braucher (Viola), Alessandro Andriani (Violoncello), Patxi Montero (Viola da gGmba, Kontrabass), Marta Graziolino (Harfe), Giangiacomo Pinardi (Theorbe), Paola Poncet (Cembalo, Orgel) und  Fabio Biondi selber (Musikalische Leitung und Violine).

Großartiges Konzert!

cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

Zehlendorfer Hauskonzerte – Klavierabend mit Ekaterine Khvedelidze

 

QNG

 

Vergangenen Dienstag hat im Zehlendorfer Wohnzimmer wieder, überraschend und kurzfristig, ein bemerkenswertes Klavierkonzert stattgefunden.

Die georgische Pianistin Ekaterine Khvedelidze hat schon ab dem 5. Lebensjahr Klavierunterricht bekommen. Nach ihrem Diplom setzte sie Ihre Studien in Detmold und Moskau fort und hat u. a. bei Peter Schiff, Bruno Canino und Vitaly Margulis Meisterkurse belegt. Ihr Mentor und Förderer war der Pianist Igor Zhukov, von ihm stammt auch die Bearbeitung für Klavier von César Francks (1822-1890) Prélude, fugue et variation h-Moll M 30 op. 18. Es stand am Dienstagabend ebenfalls auf dem Programm. Im Geheimen hat sie es gestern für ihn gespielt und dementsprechend innig-schön hat es sich auch angehört. César Franck hat das Werk 1862 als Teil des Zyklus „Six Pièces“ komponiert; heute zählt es zu den schönsten Orgelwerken und gehört zum Repertoire der Organisten. Mit diesem Konzertbeitrag bringt sie Zhukovs Handschrift zum Klingen, wie sie dies in einer kurzen Einführung vor dem Konzert nannte.
Die Orgelfassung wurde laut Angaben des belgischen Musikwissenschaftlers Jean Ferrard im November 1864 vom Komponisten selber an der Pariser Orgel von Sainte Clotilde aufgeführt. Die Harmonium-Fassung entstand zehn Jahre später.

Igor Zhukov spielte eine bedeutende und bemerkenswerte Rolle unter den russischen Pianisten der älteren Generation. Von ihm hat Khvedelidze auch ihre Vorliebe für Alexander Skrajbin (1871-1915) und die leidenschaftliche und enthusiastische Beziehung zu ihrem Klavier kommt der von Skrjabin nahe. Diese kleinen Preziosen, die für Glenn Gould die Préludes von Chopin bei weitem übertreffen (Gould soll sogar als Kind auf den Skrjabin Noten geschlafen haben), spielt sie einmal fast wütend und dann wieder himmlisch zart mit poetischen und sekundenschnellen Stimmungswechseln wird sie der Atemlosigkeit und der Besonderheit  der Musik dieses Exzentrikers und Mystikers Skrajbin unbedingt gerecht. Die frühen Préludes stehen zwar noch im Banne von Chopin, aber das sollte sich später ändern. 1915 starb er an einer Blutvergiftung.

Während sich also Skrjabin an Fréderic Chopins (1810-1849) Préludes orientierte hat Chopin in seinen Meisterwerken en miniature mit den 24 Préludes op.28 eine große Verbeugung vor Johann Sebastian Bach und vor allem vor dessen wohltemperiertem Klavier gemacht. Die zwölf Dur- mit ihren Moll-Tonarten kommen nacheinander zum Zuge – auch dies hebt die Pianistin wunderbar hervor.

Ein Großteil der kurzen Kompositionen ist um 1838 auf Mallorca während eines romantischen Urlaubs mit George Sand entstanden. Dorthin hat sich der Komponist begeben, um dem ungemütlichen Winter zu entfliehen. Man friert allerdings nirgends so sehr wie im Winter am Mittelmeer, wenn es keine Heizung gibt. Das Wetter war demnach regnerisch und klamm, Chopin wurde krank und musste sich von seiner Angebeteten pflegen lassen. Wuchtige Enttäuschung, radikale Wut, helle Hoffnung,  hingebungsvolle Dankbarkeit, ausufernde Freunde, tiefe Verzweiflung und ausatmende Freude bringt die Pianistin mit farbenreichem Klangspektrum und ausladender Fantasie zum Ausdruck und findet für jedes der 24 Miniaturen den richtigen Platz am Musikhorizont.

Die Pianistin zählt schon seit Jahren zu den Nachwuchstalenten und begeistert die Zuhörer mit ihrem Seelenspiel. Vor jedem Prélude scheint sie kurz mit dem Klavier zu kommunizieren, versucht, sich in die unterschiedlichen Farb- und Lebensstimmungen gerade von Chopins Préludes einzuklinken und beeindruckt mit einer großartigen Perfektion. Kein Ausrutscher bei diesem sehr langen und fordernden Konzert.

Die Gegenüberstellung der jeweils 24 Préludes von Chopin und Skrjabin durch Ekaterine Khvedelidze war für die Zuschauer eine Art lehrreicher Zuhör-Meisterkurs.  Eine ausgezeichnete Idee, das Konzertprogramm so zu gestalten. Beschwingt und froh, dabei gewesen zu sein, gingen wir nach Hause.

Am Sonntag spielt Ekaterine Khvedelidze dieses Programm in der Hamburger Elbphilharmonie. Glücklich, diejenigen, die sich früh genug um eine Karte bemüht hatten, denn das Konzert ist seit langem ausverkauft.

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

Von Bach bis Piazzola

Der argentinische Bandoneonist und Komponist  mit italienischen Wurzeln, Daniel Pacitti,  gab am Donnerstag Abend im Internationalen Begegnungszentrum der Wissenschaft in Wilmersdorf ein Solo-Bandoneon-Konzert mit Werken von der Spätrenaissance bis zu einer erst im letzten Jahr entstandenen eigenen Komposition.

Das Bandoneon, das durch den Tango in der ganzen Welt bekannt geworden ist, ist in Deutschland heute eher unbekannt, obwohl es hier erfunden und bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts auch sehr geschätzt wurde. Ursprünglich als Orgelersatz für Trauermärsche erfunden, ist es heute dem Tango verschrieben, dem das Triste, das Weinen um Gewesenes, das Melancholische gut steht.

Die Bandbreite seines Programms ging von einer Pavane von Caspar Sanz (1640-1710) über ein kurzes Prelude von Johann Sebastian Bach zu zwei sehr schönen Werken von Girolamo Frescobaldi (1583-1643).

Der Tango kam natürlich auch nicht zu kurz. Pacitti spielte Werke von Hannibal Troilo (1914-1975), dem ursprünglich aus Frankreich stammenden Tango-Star Carlos Garcell (1890-1935) und von Astor Piazzola (1921-1992).

Pacitti präsentierte  auch ein von ihm im letzten Jahr komponiertes Werk « Bandoneón alemán – alma de Tango », das er im vergangenen November in der Philharmonie in Berlin zur Uraufführung brachte. Das Stück dauert 12 Minuten und ist für Bandoneon und Orchester geschrieben. Pacittis Leidenschaft für das Instrument allerdings, hat das Orchester gar nicht vermissen lassen.

 

cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

Eugen Onegin

Eisschmelze

 

Lyrische Szenen in drei Aufzügen hat Tschaikowskij dieses Werk genannt. Komponiert wurde die Oper 1878 – nach einem Versroman von Puschkin; sie kam 1879 im Moskau zur Uraufführung und zwar durch die Schüler des Moskauer Konservatoriums. Tschaikowski wollte unverbrauchte und unaffektierte Sänger für sein Werk. Die erste Aufführung vor großem Publikum kam erst zwei Jahre später und wurde ein großer Erfolg.

Lenskij ist ein junger, romantischer Dichter und in die freche, lebenslustige Olga verliebt. Deren Schwester Tatjana ist genau das Gegenteil: schüchtern und romantisch, liest sie Tag für Tag Liebesromane und wartet auf den Auserwählten. Den scheint sie gefunden zu haben, als  Lenskij seinen Freund und Dandy Eugen Onegin ins Landhaus der Gutsbesitzerin Larina mitbringt. Er macht sofort großen Eindruck auf Tatjana. Sie verliebt sich in ihn und schreibt ihm einen Brief. Er weist sie vornehm aber entschieden zurück. Tatjanas Geburtstag wird  mit einem großen Ball gefeiert und Onegin macht Olga den Hof und provoziert seinen Freund Lenskij. Es kommt zum Äußersten und Lenskij wird bei dem Duell getötet.  Onegin flüchtet ins Ausland. Jahre später kommt er zurück und merkt, dass Tatjana seinen älteren Freund, den Fürsten Gremin, geheiratet hat. Tatjana, nun eine selbstsichere Frau, weist Onegins Leidenschaft – die nun seinerseits erwacht ist – zurück und bittet ihn zu gehen. Sie entscheidet sich für ihren Mann.

Geschmeidig und romantisch Nicole Car als Tatjana. Für die Briefszene sitzt sie im Schneidersitz am Boden. Ein ihr ebenbürtiger Partner ist Etienne Dupuis mit seinem wohltönenden Bariton und verhaltener Arroganz, dem man die Wandlung vom Dandy zum leidenden Liebenden abnimmt. Matthew Newlin ist der feinfühlige und sensible Dichter Lenskij. Durch die Bank waren die Sänger sehr gut und perfekt für ihre Rolle.

Diese 50. Vorstellung seit der Premiere 1996 in der Deutschen Oper Berlin hat am 10. März 2019 Alexander Vedernikov dirigiert. Chor und Ballett meisterten wie immer großartig die schönen Choreinlagen und schwungvollen Tänze.

23 Jahre ist diese Produktion von Götz Friedrich alt und füllt immer noch das Haus. Die vorherrschenden Farben sind Weiß – Schwarz – Rot. Minimale und sehr schöne Bühnenbilder werden von rauschenden Ballszenen abgelöst. Ein Klassiker die Kirschplückszene mit dem Chor auf den Leitern.

cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

L’histoire du soldat

P1340136

 

„Man soll zu dem, was man besitzt, begehren nicht, was früher war. Man kann zugleich nicht der sein, der man ist und der man war. Man kann nicht alles haben. Was war, kehrt nicht zurück.“ (aus Geschichte des Soldaten)

 

Vor gut 100 Jahren wurde Igor Strawinskys (1882-1917)  „L’Histoire du Soldat“  (Die Geschichte des Soldaten) in Lausanne uraufgeführt. Zu diesem Zeitpunkt war er schon recht bekannt. Strawinsky kam 1910 nach Paris, brachte ein Jahr später das Ballett Petruschka auf die Bühne und wieder zwei Jahre später, 1913, das Skandalstück Le Sacre du Printemps.

Im Jahre 1918 lebt Strawinsky im Schweizer Exil und der einheimische Dichter Charles Ferdinand Ramuz schreibt ihm einen Text für ein Wanderbühnenstück für einen Vorleser und zwei Schauspieler, eine Tänzerin und sieben Musiker. Der Erzähler ist der Soldat und der Teufel, die Tänzerin ist die Königstochter.

Der Text wird in Gedichtform vorgelesen und von der Musik rhythmisch begleitet. Die erste deutsche Nachdichtung verfasste Hans Reinhart, seines Zeichens Bruder des Musikmäzens Werner Reinhart, der die Uraufführung im September 1918 in Lausanne ermöglichte. Dirigiert hat die Aufführung seinerzeit Ernest Ansermet. Kurze Zeit später hat Strawinsky die Geschichte des Soldaten für Geige, Klarinette und Klavier bearbeitet.

Krumme Töne, permanenter Rhythmenwechsel und Kindertrompeten assoziieren Zirkuszelt-Ambiente wie wir sie aus dem  Ballett Petruschka kennen. Der Komponist bedient sich hier bei Heimatmelodien, integriert Jazztöne, Walzer oder Tangofragmente. Das Stück hat nichts an Aktualität eingebüßt. Ein Miniatur-Faust mit ganz großer Wirkung. Ernst Bloch nannte das Stück einen „verlumpten Faust“.

Der Manegenzauber dieser Musik lässt aber trotzdem die Kriegsgeräusche des Ersten Weltkrieges nachklingen. 1918 waren unzählige Soldaten auf  dem Weg nach Hause und viele gingen dabei durch die Hölle, ohne dem Teufel zu begegnen.

Strawinskys Soldat begegnet und verfällt ihm: Der Soldat hat 14 Tage Urlaub und macht sich auf den Weg nach Hause zu seiner Mutter und seiner Braut, deren Foto er bei sich trägt. Unterwegs wird er vom Teufel in Gestalt eines alten Mannes angehalten und von ihm überredet seine Geige gegen ein Buch einzutauschen, das ihm Ruhm und Reichtum verspricht. Die einzige Bedingung ist, drei Tage im Hause des Teufels zu bleiben und ihm das Geigenspiel beizubringen. Er wird gut bewirtet und untergebracht und merkt nicht, dass die drei Tage drei Jahre werden. Kommt schließlich nach Hause wo ihn Alle für ein Gespenst halten und seine Braut Mann und zwei Kinder hat. Was tun? Jetzt kommt das Buch ins Spiel und der Soldat wird dadurch mächtig und reich aber unglücklich. Er irrt durch die Welt und kommt an einen Königshof, dort will er die kranke Tochter mit seinem Geigenspiel heilen. Er macht den Teufel betrunken und gewinnt beim  Kartenspiel die Geige zurück, heilt die Tochter und bekommt sie zur Braut. Nach Hause darf er aber nicht mehr. Dann kommt natürlich die Verlockung ins Spiel, seine Braut will sehen wo er herkommt. Ungern gibt er nach und auf dem Weg dorthin holt ihn wohl der Teufel!

Gestern Abend im Rahmen eines Strawinsky Festivals im Konzerthaus dauerte das Stück 75 Minuten. Der Schauspieler war Uwe Topmann, die Königstochter Isa Weiss. Am Pult Miguel Pérez Iñesta. Das Ganze eine Produktion des PODIUM Esslingen.

Interessante Aufführung.

cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

Martha Argerich und Daniel Barenboim in der Philharmonie

Das V Abonnementkonzert am 25. Februar 2019 wurde von Martha Argerich und  Daniel Barenboim bestritten und sorgte – wie soll es auch anders sein – für ein volles  Haus. Das Programm war so zusammengesetzt, dass immer ca. 100 Jahre zwischen den jeweiligen Werken lagen, die  – wie Zeitzeugen das tun – die jeweilige Welt erklären und beschreiben.

Die Sinfonie in h-Moll Nr. 8 – „ Unvollendete“ von Franz Schubert (1797-1828) leitete das Konzert ein. Sie entstand 1822. Es werden generell nur zwei Sätze gespielt, da von den anderen nur minimale Ansätze oder Fragmente erhalten sind.

Sergej Prokofjew (1891-1953) komponierte das  Klavierkonzert Nr. 3 zwischen 1917-1921. In diesem Jahr fand auch die Uraufführung in Chicago statt. Es gilt als Prokofjews übersichtlichstes Klavierwerk, ist voller musikalischer Inspirationen, weich und brillant und sehr beliebt. In Chicago kam es nicht gleich zum großen Durchbruch, dieser  kam dafür ein Jahr später in Paris mit dem Maestro selber am Klavier.

Martha Argerich und Daniel Barenboim sind fast gleichaltrig, ihre Mütter waren befreundet und sie kennen sich schon über 50 Jahre – aus der Argentinien-Zeit. Gemeinsam haben sie als Kinder Celibidache vorgespielt. Und gemeinsam spielen tun sie immer noch gerne, wie auch gestern Abend, als sich zusammen für die Zugabe ans Klavier setzten und etwas aus der Bizet Suite „Kinderspiele“ vortrugen. In der Philharmonie ist dieses Musiker-Paar schon öfters gemeinsam aufgetreten.

Nach der Pause ging es weiter mit Jörg Widmanns (*1973) – Babylon Suite für großes Orchester.

Jörg Wittmann ist vor allem als Klarinettist bekannt und hat schon mit vielen großen Dirigenten auf der Bühne gestanden. Darunter Kent Nagano, Christoph Eschenbach, Simon Rattle  oder Daniel Barenboim. Komposition studierte er u.a. bei Hans-Werner Henze und Wolfgang Rihm.

Die Babylon-Suite entstand nach seiner 2012 entstandenen Oper « Babylon » (diese wird im März in der Staatsoper aufgeführt) nach einem Libretto von Peter Sloterdijk. Die Bayerische Staatsoper brachte sie 2014 zu Uraufführung. In sieben Bildern wird die sagenumwobene Stadt Babylon beschrieben und ein großartiges Sprachen- bzw. Notenwirrwarr ist dieses Werk allemal. Hier tummeln sich die bekannten Musikstile oder Rhythmen und Widmann scheut nicht zurück, sich von allem zu bedienen. Es ist ein cross-over von Welten, Kulturen und Religionen neben- über- und untereinander: Zeitgeist pur! Die Zahl 7 spielt dabei auch eine Rolle.

Das Grafenegg Festival hat die Suite 2014 in Auftrag gegeben. Die Zutaten aus der Oper finden sich hier wieder (Bilder 1,3,5,6 und 7). Widmann hat allerdings die Übergänge und Zusammenschnitte neu gestaltet. Im Großen geht es um die babylonische Priesterin Inanna und Tammus Liebe zu ihr. Inanna ist frivol, leichtlebig und  sie lockt durch Vibraphon oder Glockenspiel, Tammu zaudert, sie macht sich lustig über ihn, belächelt ihn. Dann kommt das melodische Liebeslied das – von den Trommeln eingeleitet – in einen deftigen Bayerisch-babylonischen Marsch übergeht und Oktoberfest-Gefühle hervorruft. Eine gewollte Motivwiederholung mündet in ausgelassene Karnevalsmusik, die zu Jazzrhythmen übergeht und dann exotisch-orientalisch wird, bis ein Walzer Inanna in die Unterwelt wirbelt. Die Geschichte endet aber dann doch positiv und ein neuer Vertrag soll das Zusammenleben von Menschen und Göttern gerechter und unparteiisch regeln.

Man kommt gar nicht mit, so schnell ändern sich Stimmungen, Musik und Rhythmen. Es macht großen Spaß dies zu hören und jetzt freut man sich noch mehr auf die Oper in drei Wochen. 

cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

Göteborger Symphoniker mit Alice Sara Ott

Das Schwedische Nationalorchester gab am vergangenen Dienstag (19.02.2019)  in der Philharmonie ein Gastkonzert.

Auf dem Programm stand eine neue und sehr wuchtige Komposition von Daniel Nelsen « Steampunk Blizzard ». Das Orchesterstück dauert sieben Minuten und ist rhythmisch auf jeden Fall eine große Herausforderung. 5er und 7er Takte wechseln sich ab. Spannend und mitreißend entstand Steampunk Blizzard als Auftragswerk für das Orchestre National d’île de France. Es wurde im Januar 2017 in Paris uraufgeführt.  Er vereinigt hier zwei Begriffe, die die Industrialisierung beschreiben, vor allem die Erfindung der Elektrizität und so hört es sich auch an. Eine Mischung aus Vergangenheit und Science Fiction und wie die Räder bei großen Maschinen ineinander greifen sind es hier unterschiedliche melodisch-rhythmische Muster, die sich komplex verzahnen.

Nach einem kurzen Umbau schwebt die junge Pianistin Alice Sara Ott in einem langen Traumkleid auf die Bühne. Sie spielt (barfuß) Maurice Ravels (1875-1937) Klavierkonzert G-Dur. Hinreißend und mit großer Perfektion, sehr sensibel und luftanhaltend. Pianisten lieben es, dieses virtuose und schöne 20-Minuten-Stück, mit dem herausragende Musiker immer gerne brillieren und Alica Sara Ott hat bewiesen, dass sie das kann. Die melodisch-satten Pianissimi im langsamen zweiten Satz spielt sie so, dass man sie gerade noch hören kann. Der Stück beginnt und endet mit einem Knall, wird fröhlich und sehr unterhaltsam, fordert  besonders die Bläser heraus und bringt außer Jazz-Elementen und Musikstile der 1920er Jahre auch Klänge aus seiner baskischen Heimat hervor. Vor allem aber erinnert es an Gershwins ein paar Jahre vorher entstandene bahnbrechende  Rhapsody in Blue. Dieses Klavierkonzert in G-Dur gehört zu Ravels letzten Kompositionen, über zwei Jahre hat er daran herumgefeilt – gleichzeitig war er mit der Komposition für sein Klavierkonzert für die linke Hand beschäftigt. Der einarmige Pianist Paul Wittgenstein hatte es bei ihm in Auftrag gegeben.  Ravel konnte allerdings sein Klavierkonzert G-Dur nicht mehr selber am Klavier vortragen, da er unter einen langsam fortschreitenden Lähmung seiner Hände litt. Er dirigierte aber die Pariser Uraufführung 1932 (am Klavier Marguerite Long).

Das Publikum hat ihr dann noch eine Zugabe von Eric Satie abgerungen.

Nach der Pause schließlich Jean Sibelius (1865-1957) Sinfonie Nr. 5 Es Dur. Dirigiert vom finnischen Pultstar Santtu-Matias Rouvali. Der junge Dirigent bringt zu jedem Konzert eine Botschaft aus seiner skandinavischen Heimat mit. Für ihn steckt die Musik von Sibelius voller Geschichten, über die Natur, das Klima und die Politik. In einem Interview in München hat er die Verzweiflung seines Volkes zu Zeiten von Sibelius erwähnt  und bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen, dass die UN 2018 die Finnen zum glücklichsten Volk der Welt erklärt hat.

Viel Applaus!

cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

 

Franz Trio zu Gast in Zehlendorf

P1340792

Seemannsgarn und Landabenteuer oder Winkelmesser und Metronom

Vor knapp einem Jahr war das fabelhafte Franz Trio schon einmal zu Gast bei den Zehlendorfer Hauskonzerten. Damals spielten sie Werke von  Zoltán Kodály, Jean Françaix  und Franz Schubert.  Auch für das gestrige Konzert haben die Drei wieder ein ganz besonderes Schmankerl ausgegraben und nach der sehr frei interpretierten heiter-verwegenen Serenade op 8 von Beethoven aus dem Jahre 1797 ein eindrucksvolles und sehr aufregendes Werk von Jean Cras (1879-1932) im Wohnzimmer zur Aufführung gebracht.

Jean Cras ist bei uns eher unbekannt und seine Werke werden leider so gut wie nie aufgeführt. Dabei ist das Trio für Streicher ein kurioses Ereignis. Der Komponist gab sich außer seiner Leidenschaft zur Musik, die er von seiner Mutter hatte, einer zweiten Leidenschaft hin: der See. Sein Vater war Marinearzt und so machte auch der Sohn bei der Marine Karriere, was ja für einen Bretonen nicht gerade unüblich ist!  Als 13-Jähriger trug er öffentlich seine erste Komposition am Klavier vor; mit 17 trat er in die Marineschule ein. Um 1900 befasste er sich – auf Rat seines Komponistenfreundes Henri Duparc – mit der Analyse von Beethovens Streichquartetten. Er bekam sogar eine Auszeichnung, weil er wohl im Ersten Weltkrieg ein U-Boot versenkt hat.

Jean Cras hat ein Navigationsinstrument erfunden und bei ruhigem Seegang Musik komponiert. Zu diesem Zwecke befand sich immer ein Klavier an Bord. Dieses Trio ist eine großartige Mischung aus Heimat und Ferne, Land und Wasser, Traum und Wirklichkeit. Stilvielfalt und Freiheit zeichnen es aus, geprägt von Einfällen und Ideen, die bei seiner Rückkehr an Land aus seinem salzigen Gepäck sprudelten. Brest, seine Heimatstadt, hat ihm dafür ein Denkmal errichtet.

Das Streichertrio entstand 1926 und will weder die Spätromantik noch Debussys Hauptwerk „La Mer“  verbergen. Aber nicht nur Jean Françaix hat Music pour le plaisir komponiert! Bei Jean Cras spürt man sie auch, die lautmalerische Leidenschaft mit Tönen von Riesenkraken oder tausend-armigen Seeungeheuern zu erzählen. Die Freude von Jean Cras am Komponieren und die Begeisterung der ausgezeichneten Solisten des Franz Trio Avigail Bushakevitz (Geige), Ernst-Martin Schmidt (Bratsche) und Constance Ricard (Cello) am Interpretieren dieses fabelhaften Werkes ist direkt auf die Zuhörer übergesprungen.

Das Streichertrio besteht aus vier Sätzen, die eigentlich nicht zusammen hängen und ein originelles Eigenleben haben. Während man im ersten Satz die Bretagne zu hören vermeint, das Rauschen, die drohenden, rauhen Winde, die Wellen, die sich an den Felsen brechen und das plötzlich zur Ruhe kommende Meer, das sanft glitzernde Karibikfarben hervorbringt, lässt Cras im zweiten Satz sein Heimweh durch das Cello ausdrücken. Hier geht er an Land, in Nordafrika oder Asien vielleicht und erfreut sich an geometrisch plätschernden Springbrunnen und Arabesken. Die hitzigen Pizzicati klirren wie die Segelmasten im Wind und rufen ihn wieder an Bord zurück, vielleicht erzählen sie aber auch von einer aufgeregten Vorfreude, bald wieder heim zu kehren. Im dritten Satz, Animé, legt er einen Zahn zu und schickt galoppierende Pferde durch sonnige Jazzelemente in den Wilden Westen, wo sein schwermütiges Banjo zur sehnsüchtigen Balalaika wird, um gleich darauf im vierten Satz, très animé, vollkommen auszurasten. Kältere, irisch-bretonische Klänge werden zu einem ausgelassenen  Square Dance bis das Abenteuer mit dampfendem Rauch zu Ende geht. 

Das ausgezeichnete Franz Trio hat sich sehr wohl mit dieser flammend-dynamischen See-Land-Weltreise gefühlt und tiefe, eleusinische und unerklärliche  Klänge aus den Instrumenten und Noten hervorgeholt, die man gar nicht vermuten konnte.

Avigail Bushakevitz hat mit ihrem Ehemann, dem Bratschisten Ernst-Martin Schmidt und der Cellistin Constance Ricard vor ein paar Jahren das Franz-Trio gegründet. Das Musikerehepaar lebt seit ein paar Jahren in Berlin und ist u.a. Mitglied des Konzerthausorchesters Berlin. Constance Ricard wurde in Paris geboren und lebt ebenfalls seit 2012 in Berlin, wo sie ihre Zeit zwischen dem Orchesterspiel und verschiedenen Kammermusikgruppen aufteilt. Sie wird demnächst in Zehlendorf ein Solo-Cellokonzert geben.

pesca

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

Hochschule für Musik – Hanns Eisler

 

P1070702

 

Kammermusikkonzert im Krönungskutschensaal Marstall, Berlin

Auf dem Programm standen am 16. Februar 2019  folgende Werke – allesamt meisterhaft interpretiert von Studenten der Hanns Eisler Musikhochschule

Ludwig van Beethoven Klaviertrio B-Dur op. 11 “Gassenhauer”

Emma Portier (Flöte), Wen-Teng Chang (Violoncello), Jianing Zhao (Klavier) interpretierten dieses « Gassenhauer » Trio von Beethoven. Es besteht aus drei Sätzen: Beethoven hat hier so etwas wie Unterhaltungsmusik komponiert, ein wenig deftig und einen wirklichen Gassenhauer vom damals beliebtesten Wiener Opernkomponisten Joseph Weigl als Musikthema ausgewählt. Angeblich hat er dies später bereut, hat ihm und seinen klassischen Zeitgenossen doch dieser Weigl viel Konkurrenz gemacht mit seiner seichten Musik. Ein leichter Dialog zwischen Cello, Klavier und Flöte.

Dem Berion gehören  Trio Sihyun Lee (Violine), Hye Jun Byun (Violoncello), Chul Kyu Jung (Klavier) an. Sie interpretierten Friedrich Smetanas Klaviertrio g-Moll op. 15 mit viel Hingabe und Sensibilität.

Dieses bewegende aber doch temperamentvolle Stück ist im Moment großer Trauer entstanden. Smetana selber, durch eine Syphillis-Infektion taub geworden, musste im Herbst 1855 seine zwei Tochter zu Grabe tragen. Barock-farbiger Lamentobass und spätromantische Rhythmen wechseln sich im ersten Satz ab. Das Klavier begleitet und treibt an. Smetanas Tränen sind zu Noten gefroren. Der zweite Satz wird auch scherzo doloroso genannt und soll ein Portrait von Friederike sein. Das Finale ist ein wilder und kompromissloser Totentanz oder Trauermarsch.

Johannes Brahms Streichquartett B-Dur op.67  interpretierten die Musiker Seiji Okamoto, Issei Kobayashi (Violine), Tomohiro Arita (Viola), Jonas Palm (Violoncello)

Es hat vier Sätze (Vivace -  Andante -  Agitato (Allegretto non troppo) – Poco Allegretto con Variazioni). Robert Schumann hat Brahms Streichquartette als « verschleierte Sinfonien » bezeichnet. Brahms hat wiederholt Streichquartette geschrieben, die direkt in die Tonne wanderten. Dieses Opus widmete er dem Arzt Dr. Engelmann, Er hat es ganz im Stil von Vater Haydn geschrieben. Interessant der Stellenwert der Bratsche im dritten Satz; keck und lässig-wienerisch geht es zu Ende.

Das letzte Stück auf dem Programm entstand 1900, direkt zu Beginn einer neuen Zeit: George Enescus Oktett C-Dur op. 7 -  großartig interpretiert von Louisa Staples, Anne Maria Wehrmeyer, Lily Higson-Spence, Inga Gaustad (Violine), Albin Uusijärvi, Jungahn Shin (Viola), Grace Sohn, Alexander Wollheim (Violoncello).

Der Altersgenosse von Bartok, Geroge Enescu (1881-1955),  wurde in Rumänien geboren und ging mit knapp 15 Jahren nach Paris, wo er Kompositionsschüler von Fauré und Massenet wurde.  Bevor er sich als Komponist einen Namen machen konnte, war er als Geiger sehr erfolgreich; Enescu war u.a.  der Lehrer von Yehudi Menuhin. In seiner Musik vereint er Melodien des Balkans mit den Einflüssen, denen er in Paris um die Jahrhundertwende ausgesetzt war, hinzu kam seine Wiener Prägung.

Enesco  war 19 Jahre alt, als er dieses Oktett komponierte. Es dauert 40 Minuten und verlangt nach so viel Klassik und Romantik so einiges vom Zuhörer. Hier wird die neue Welt beschrieben, eine moderne, industrialisierte. Paris um 1900,  die großen, lebendigen Boulevards, Eile und Hektik einer Weltmetropole, die Weltauststellung, der Konkurrenzkampf in Kunst und Musik – gemütliches Flanieren war gestern.

Vier Sätze, die ineinander übergehen, königlich beginnen, einen wilden, chaotischen Verlauf nehmen, kurz dem Impressionismus verfallen und walzerisch aufhören. Enesco selber sagte dazu:: “Man sollte bei der Aufführung nicht allzu sehr auf gewissen kontrapunktischen Kunstgriffen beharren, um den wesentlichen thematischen und melodischen Elementen Raum zur Entfaltung zu lassen.”

 

Vielen Dank!

cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

Gäste der Berliner Philharmoniker

Yannik Nézet-Séguin

Am 13./14. und 15. Februar 2019 ist der kanadische Dirigent  Yannick Nézet-Séguin zu Gast in der Philharmonie und besticht mit einen russisch-französischen Programm. Dazu bringt er Werke von Ravel, Debussy und Prokofjew auf die Bühne.

Yannik Nézet-Séguin ist zurzeit Musikdirektor des Philadelphia Orchestra und der Metropolitan Opera in New York sowie Künstlerischer Direktor und Chefdirigent des Orchestra Metropolitan de Montreal. Außerdem hat er diverse Verpflichtungen als Ehrendirektor. Dies alles kann nur ein leidenschaftliches Energiebündel wie er miteinander vereinigen. Der Kanadier Nézet-Séguin ist erst knapp über 40 und gehört schon zu den Stars am Dirigentenhimmel.  2008 wurde die Musikwelt anlässlich seines Gounod Debütkonzerts Roméo et Juliette während der Salzburger Festspiele auf ihn aufmerksam. Seitdem gastiert er an allen großen Konzerthäusern, von London, Mailand oder Berlin bis New York. Musik von Messiaen, Berlioz und Prokofjew hat der Maestro auch bei seinem ersten Konzert mit den Berliner Philharmonikern 2010 gespielt und wurde dafür umjubelt – so wie auch am vergangenen Mittwoch.

Federnd, temperamentvoll und dynamisch tritt er auf und so dirigiert er auch die Philharmoniker. Claude Debussys impressionistischem Schlüsselwerk La Mer gibt er ein komplett anders Gesicht. Er lockt diesem symphonischen Triptychon Urelemente hervor und man versteht mehr als sonst Paul Dukas Worte über die Brust des Ozeans und den Atem der Wellen. Hier hört man nicht das gewohnte Ebbe-und-Flut-Spiel, hier kommen existentielle, pastellfarbene und schwarze Sinneseindrücke und bedrohlich heranrollende Wellenbrecher, die einen Tsunami mit sich bringen könnten, ins Spiel.

Das zweite Stück vor der Pause ist Maurice Ravels kurzes und gefälliges Menuet Antique. Es entstand bereits 1895 als Klavierstück und Ravel selber hat es 1929 für  Orchester umgeschrieben. Uraufgeführt wurde dieses im Jahre 1930.

Nach der Pause dann der Höhepunkt dieses Konzertabends. Sergej Prokofjews Fünfte Symphonie. Die Uraufführung in Moskau 1945 – die wegen Artilleriesalben unterbrochen werden musste – wurde zu einem großen Erfolg:  auch im Ausland.
Für Prokofjew ist sie auch deshalb so bahnbrechend, weil er nach 15 Jahren Symphonie-Abstinenz gleich so einen Volltreffen landen konnte. Ein »Lied auf den freien und glücklichen Menschen anstimmen, seine schöpferischen ­Kräfte, seinen Adel, seine innere Reinheit« wollte er mit ihr anstimmen.

Nézet-Séguin hat das ambivalente und mehrdeutige dieser Komposition immer wieder hervorgehoben – man weiß nie, in welche Richtung sich die Musik entwickelt oder wo sie hinschielt. Die viersätzige Symphonie gilt als Meisterstück der Symphonik. Sie beginnt mit einem schüchternen, fast schwermütigen Andante und wird im ersten Satz immer schneller. Der zweite Satz ist ein Frage- und Antwortspiel zwischen verschiedenen Instrumentalgruppen und artet in einem Konkurrenzkampf der Bläser aus bis das Stück mit einer brillanten, wilden Jagd dem Ende entgegenstürmt und alles umreißt.

Großartiger Konzertabend!

cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

Don Giovanni in der Staatsoper

Winter

 

Wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht …

Claus Guth hat diesen Giovanni schon 2008 für die Salzburger Festspiele inszeniert und steckt alle Beteiligten von Anfang bis Ende in den Wald und weil man sich nach einiger Zeit auf keine neuen Inszenierungsabenteuer mehr einstellen muss, kann man sich mit Muse den Protagonisten widmen. Guth ist es gelungen, aus jeder Rolle eine Hauptrolle zu machen.  Nebenrollen hat dieser Giovanni nicht. Allerdings kommen dann schon mal Sonntag-Abend-Tatort-Gefühle auf, denn gewalttätig ist er, dieser Don Giovanni.

Donna Anna ist dem feinfühligen aber etwas weltfremd-langweiligen Don Ottavio versprochen und das geht ganz gut, bis die Schöne das Pech hat, auf den Draufgänger und Frauenheld Don Giovanni zu treffen. Und natürlich kann sie ihm nicht widerstehen und selbstverständlich wird auch sie gleich wieder fallen gelassen, wie all die anderen ca. 2000 Frauen vor ihr. Das erklärt später Leporello der ebenfalls verlassenen und verletzten Donna Elvira. Aber zuerst muss Don Giovanni Annas Vater töten, wobei er selber auch verletzt wird und den Rest der Vorstellung mit einem blutenden Bauchschuss rumläuft.

Leporello ist nicht nur der Diener von Don Giovanni, er scheint auch zu dealen, vielleicht um seine Zukunft zu sichern, denn er will den Aristokraten und Egoisten Don Giovanni so bald wie möglich verlassen. Er ist es leid, nach ihm immer die Scherben aufsammeln zu müssen und tröstet sich mit einer Dose Bier und einem Schuss. Leporello trägt einen langen schwarzen Stoffmantel, eine dunkle Brille und eine schwarze Mütze. Wir befinden uns definitiv im Heute und im Funkloch Brandenburg. Das begreifen wir spätestens, als Don Ottavio nach der Ermordung des Komtur Hilfe per Handy rufen will, aber kein Netz bekommt – wir sind ja schließlich im tiefsten Wald.  Die Bühne dreht sich ständig, und ab und zu erscheint zwischen den dunklen Kiefern eine Bushaltestelle, aber auch der Bus kommt natürlich nicht pünktlich und Donna Elvira muss warten, bis sie endlich wegkommt bzw. ankommt, denn sie ist auf der Suche nach dem Schurken Don Giovanni. Somit wären es schon Drei mit Rachegedanken, die sich auf eine Art roadmovie durch den Wald begeben: Donna Anna, Don Ottavio und nun auch noch Donna Elvira. Der verletzte Don Giovanni schafft es aber trotzdem immer wieder zu entkommen und aufs Dach zu klettern, zu flirten und gleich wieder mit der jungen Braut Zerlina anzubandeln. Die ist gar nicht so abgeneigt und schickt ihren Bräutigam Masetto erst mal weg. Wer kann auch schon einem reichen, aristokratischen Schönling widerstehen, der einem die Welt verspricht.  Alle Personen treffen sich permanent irgendwo im Wald und manchmal verliert man den Überblick und weiß nicht genau wer was jetzt tun soll. Als Donna Anna und Don Ottavio eine Autopanne haben, versucht Don Giovanni sogar, dieses zu reparieren, um bei  ihr Eindruck zu schinden.  Claus Guth nimmt diesem Don Giovanni die Hierarchie der Personen.

Der Wald scheint wohl Don Giovannis Jagdrevier zu symbolisieren. Im Wald hat man Angst, ist unsicher, dort kann man sich verlaufen und schnell auf den falschen Weg geraten, aber man kann sich auch gut verstecken in ihm. Der Wald steckt außerdem voller Gefahren, unserer hier beherbergt sogar einen Wolf. So passen sie alle irgendwie dorthin, denn jeder einzelne hat etwas zu verbergen oder zu vertuschen.

Wenn zum Schluss ein Baumstamm auf einer Lichtung zum Abendmahltisch wird, dann passt das plötzlich doch. Die Schlussdramatik ist bewegend und berührend. Don Giovanni zeigt keine Reue und lässt sich lieber vom Teufel holen, als dass er sich ändert.

Der junge Lahav Shani am Pult bekommt viel Applaus. Er holt dunkle und geheimnisvolle Wärme aus der Staatskapelle heraus und geht es ziemlich langsam an. Er ist sicher ein upcoming Star am Dirigentenhimmel. In Berlin hat er an der Hanns Eisler Hochschule für Musik studiert und sich von Barenboim coachen lassen. Viele große Orchester wie das Israel Philharmonic Orchestra oder das Los Angeles Philharmonic Orchestra hat er bereits dirigiert, darunter auch die Staatskapelle Berlin in die Wiener Philharmoniker.  Als designierter Nachfolger von Zubin Mehta wird er ab 2020 die Israel Philharmonic Orchestra übernehmen. Seit einem Jahr lebt er in Berlin.

Der österreichische Bariton Markus Werba ist ein spritziger und akrobatischer Don Giovanni, der seiner Rolle unbedingt gewachsen ist. Werba ist auch ein Mozartsänger und hat ebenso den Grafen Almaviva oder Guglielmo im Repertoire. Er singt an allen großen Opernhäusern weltweit – von den Salzburger Festspielen bis zur MET.

David OŠTREK ist Leporello. Er kam über südslawische Volksmusik und E-Gitarre zum Gesang. Dass er auch Jazz und Rock singt, hat ihm bei dieser Rolle viel geholfen, denn Leporello ist eigentlich ein rockender Drogendealer und Zeremonienmeister.  2015/16 hat er den Don Giovanni im Schlosstheater Schönbrunn gesungen.

Die kroatische Sopranistin Evelin Novak in eine ernste, sehr frische und mit viel Klangvolumen auftretende Donna Anna. Sie gehört seit 2011 zum Solisten-Ensemble der Staatsoper und singt u.a. auch die Pamina.

Don Ottavio singt Dovlet Nurgeldiyev. Er gehört dem Hamburger Ensemble an und hat noch andere Mozartrollen im Repertoire. Der sonst eher langweiligen Rolle des Don Ottavio hat er viel Farbe und Anmut gegeben.

Reinhard Hagen ist der Komtur.  Über 10 Jahre sang er zu Zeiten Götz Friedrichs an der Deutschen Oper Berlin. Seit 2011 gastiert er an großen Häusern mit bedeutenden Dirigenten. Hagen ist ein sehr feierlich-dramatischer Komtur, der unter die Haut geht.

Die irische Mezzosopran Tara Erraught ist eine schneidende Donna Elvira. Sie hat die richtige Mischung zwischen selbstsicherer Wut und schwindender, hysterischer Hoffnung, wenn sie versucht, über den Schuft hinwegzukommen, die beiden anderen zu warnen und selbst ihm wieder zu verfallen. Sie war lange an der Bayerischen Staatsoper, als Gastsängerin an der Wiener Staatsoper und an der MET, singt in Glyndebourne und in Salzburg und kann ein großes Mozart-Repertoire vorweisen.

Zum Schluss noch Grigory Shkarupy als Masetto und Narine Yeghiyan als Zerlina, die bei dieser Inszenierung auch Hauptrollen inne haben und viel Bühnen- und Stimmpräsenz beweisen. Shkarupy ist seit 2015 festes Ensemblemitglied der Staatsoper und Yeghiyan seit 2013. Zu ihrem Repertoire gehört u.a. die Rolle der Barbarina.

Rundherum ein großartiger Mozart-Abend mit jungen, beeindruckenden Solisten, die ständig über Stock und Stein krabbeln mussten, um wieder eine Lichtung im dunklen Wald zu finden.

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

Lied-Recital

P1060826

 

Lieder von Gustav Mahler, Johannes Brahms, Igor Strawinsky und Enrique Granados zum Thema Sehnsucht, Traum, Verlust  und Hoffnung waren die Protagonisten wines Liederabends im Apollo Saal der Staatsoper.

Die Mezzosopran Marina Prudenskaya, die seit 2013 zum Ensemble der Staatsoper gehört, wurde von Matthias Samuil am Piano begleitet. Sie sang in Deutsch, Russisch und Spanisch.

Gustav Mahler hat die Lieder eines Fahrenden Gesellen zwischen 1884 und 1885 geschrieben – als Reaktion auf eine unerwiderte Liebe zu der Sängerin Johanna Richter. Und so begibt er sich auf den Leidensweg, den auch Schubert durchmachen musste und aus der Die Winterreise und den Wanderer entstand. Mahler begibt sich in eine Traumwelt, um dem Leid zu entfliehen. Um Opfer  und Hoffnung geht es in den zwei Liedern von Igor Strawinsky (Deux Mélodies op. 6). Auch Johannes Brahms hat unerfüllte Liebe und optimistischer Hoffnung bis hin zu qualvoller Entmutigung beschrieben und hierfür Texte von Christoph Hölty, Robert Reinick und Friedrich Daumer als Vorlage benutzt.

Enrique Granados (1867 bis 1916)  Spanische Tänze für Klavier sind wohl ein Jugendwerk. Die Tonadillas en Estilo Antiguo entstanden hingegen um 1912 und gehören heute zu den wichtigen spanischen Lied-Zyklen, zu vergleichen mit Manuel de Fallas Siete canciones populares.  Granados hat sich in Goyas Malerei verliebt und dessen Farbpalette auf die Tonadillas übertragen und so wimmelt es von majos und majas (Schönlingen und Schönen) in diesen Liedern, bei denen er  zum Teil auch kein bereits existierendes Gedicht vertonte, sondern auf eigene Notizen zu majas und majos zurückgegriffen hatte.

Marina Prudenskaya hat sechs Lieder daraus gesungen (La maja dolorosa Nr. 1 und 3, El tra-la-la y el punteado, La maja de Goya, El mirar de la maja und El majo discreto.). Auch hier geht es wieder um Verlust, Liebe und Schmerz. Prudenskayas warmer Mezzosopran ist wie geschaffen für diesen leidvollen und intensiven Gesang. Als Zusage gab es eine  Carmen-Arie.

Der spanische Komponist Enrique Granados starb übrigens im Ärmelkanal, als ein deutsches U-Boot 1916 die französische Kanalfähre Sussex torpedierte. Granados selber, schon gerettet, stürzte sich nochmals in Meer, um seine Frau herauszuholen. Beide sind ertrunken. Auf Einladung des US Präsidenten Woodrow Wilson waren sie auf dem Weg in die USA, um im Weißen Haus einen Klavierabend zu geben.

 

cmb

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 
12345...17

Frühling

Frühling

Aktuelles in Berlin

Auszug aus dem Berliner Kunstleben und Musikleben - *** MANTEGNA und BELLINI - Gemäldegalerie bis 30.06. - Bunte Steine - seit dem 22.2. im Kolbe Museum - Hamburger Bahnhof - Emil Nolde - Pergamon-Panorama und: - Uraufführung am 28. April 2019 an der Deutschen Oper Berlin "Ocean" Detlev Glanert Angaben ohne Gewähr!

Auteur

eborja

Visiteurs

Il y a 1 visiteur en ligne

Instagram

Suivez-nous

Besucher

Mario Merz war hier

Mario Merz war hier


LES PEINTURES ACRYLIQUES DE... |
ma passion la peinture |
Tom et Louisa |
Unblog.fr | Créer un blog | Annuaire | Signaler un abus | L'oiseau jongleur et les oi...
| les tableaux de marie
| création