Archives pour la catégorie Musique

Humbug – OPERALAB Berlin

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„Wer will nochmal, wer hat noch nicht“

Humbug

Der US Zirkuspionier, Kulturmanager und Marketing-Genie  P.T. Barnum alias Prince of Humbugs (wie er sich selber nannte) kaufte 1841 das Amerikanische Museum in New York. Dort präsentierte er seine Wunderkammer und allerlei seltsame Lebewesen – wobei es nicht immer ohne Tricks zuging. Im Laufe seines Direktorendaseins füllte er jedenfalls die Kassen und lockte 38 Millionen Besucher mit seiner Mischung aus Völkerkunde, seltsamen Lebewesen, kleinen Schwindeleien und exotischen Gegenständen in das Museum.

Bei dem Stück Humbug geht es um den Mythos der Meerjungfrau und Barnums größten Coup. Wir zahlen unseren Obolus und treten ein in die Freak-Show. In der Mitte auf einer Bühne liegt das Fabelwesen und redet auf eine Büste ein, sie wartet auf ihre Erlösung. Die drei Frauenstimmen sind dreimal die Person von Barnum (Gina May Walter und  Nina Guo, Sopran) und Luise Lein, Mezzo – manchmal übernimmt eine der Protagonisten in eine andere Rolle, so wird z.B. Luise Lein kurzfristig zum Seefahrer Odysseus, der sich von Barnum Nr. 1 fesseln lässt, um den Verlockungen der Sirene zu entkommen. Singen kann diese Fischfrau allerdings nicht, denn man hat ihr vorher die Stimmbänder aus dem Mund gezogen.  Ab und an wird sie mit Plastik gefüttert.

Aber zu diesem Kuriositätenkabinett gehören auch auf die Musiker, die sich vor ihrem Einsatz dem Publikum präsentieren. Da ist die bärtige Frau (Evdoxia Fillipou, Schlagzeug), der Mann mit Brüsten (Pedro Pablo Camara Toldos, Saxophon) und Mia Bodet am Keyboard, die eine Art rosaroter Menschenaffe sein könnte. Die drei Zirkusdirektoren tragen bunte Jacken mit Kordeln und Zylinderhut. Irgendwann wird unsere Meerjungfrau sehr gekonnt aus der schwarzen Plastikmülltütenhülle geschält und scheint erlöst. Unsicher und mühsam versucht sie immer wieder auf die Beine zu kommen bzw. zu flüchten, was die Direktoren natürlich nicht zulassen wollen, denn sie sorgt ja schon für gute Einnahmen.

Zum Schluss sitzt das Fabelwesen, eine Mischung aus Sirene, Udine und Andersens kleiner Meerjungfrau, auf einem Hocker. Sie hat nun Beine, aber immer noch keine Stimmbänder und zerlegt ganz kunstvoll eine Dorade, während die drei Sängerinnen im minimalen Loop-Stil und beeindruckenden Stimmen ihre Verse singen.  Dann hält sie uns die Fischgräte hin, die wie eine Meerjungfrau  aussieht.

Großartige Leistung der Meerjungfrau (Margaux Marielle-Tréhouart). Sie entwarf auch die Choreografie.

Opera Lab Berlin im Ackerstadtpalast hat aus einem fünfteiligen Liedzyklus des österreichischen Komponisten Bernhard Lang (*1957) eine Musiktheater-Kurzoper für Frauenstimme und drei Instrumente arrangiert. „Songbook I“ für Frauenstimme, Saxophon, Keyboards und Schlagzeug entstand schon im Jahre 2004. 2017 hat er sie überarbeitet und diese Version im Ackerstadtpalast nun zur Uraufführung gebracht. Die Lieder „Watchtower“, „Ophelia“, „Count 2 4“, „Burning Sister“ und „Another Door … for Jenny“ sind der Sängerin Jenny Renate Wicke gewidmet, die 2007 verstarb.

Regie führte Michael Höppner, die fantasievollen Kostüme entwarf Aurel Lenfert. Musikalische Leitung hatte David Eggert.

Auf jeden Fall haben wir uns köstlich amüsiert, obwohl die Musik durch das aufregende Geschehen in der Zirkus-Freak-Show zu kurz kam. 

Das Ensemble für zeitgenössisches Musiktheater, Opera Lab Berlin, gibt es seit 2013.  Humbug ist die neunte Produktion (IM FELD#9).

Nicht ganz zu verstehen war, warum die Hocker an das Publikum erst dann verteilt wurden, als es sich alle schon auf dem Boden bequem gemachten hatten. Aber das gehörte sicher auch zur Inszenierung …..  ….

Christa Blenk

 

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Satyagraha

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nach der Vorstellung

 

Geduldige Offenheit

Die dritte Oper von Philipp Glass, Satyagraha, wurde 1980 als Auftragswerk der Oper Rotterdam dort uraufgeführt. Das war vor der Zeit seiner bekannten und eher kommerzielleren Filmmusikkompositionen wie Koyaanisqatsi (1983) und Pawaqqatsi (1988). Ursprünglich  nicht als Tanzstück geschrieben, erzählt es Szenen aus den jungen Jahren von Gandhi, vor allem aus seiner Zeit als Rechtsanwalt und Friedenskämpfer in Südafrika. Satyagraha ist ein Paradebeispiel der Minimal Music. Der Text ist aus der Bhagavad Gita, einer fundamentalen Schrift des Hinduismus. Das Libretto hat der Komponist zusammen mit Constance DeJong geschrieben.

Gandhi selber hat den Begriff Satyagraha gefunden, um seine Strategie der Gewaltlosigkeit zu manifestieren. Satyagraha ist der Inbegriff der geistigen Stärke und der friedlichen Konfliktlösung. Ein „beharrliches Festhalten an der Wahrheit“. Beharrlich, das passt auch auf die Musik von Glass.

Das Werk entfaltet sich wie ein Leporello und klappt immer wieder eine andere Seite aus Gandhis Leben auf. Wobei es nicht chronologisch zugeht oder irgendeiner Ordnung folgt. Die Szenen hängen auch nicht zusammen, jede Geschichte kann alleine so stehen bleiben und ist unabhängig.

Der erste und zweite Akt besteht je aus drei Teilen, wobei der erste Akt Tolstoi und der zweite dem Dichter und Nobelpreisträger Tagore gewidmet ist. Beim dritten Akt hat Gandhi an Martin Luther King gedacht, dessen Konzept teilweise auf Gandhis Ideen beruhte. Hier geht es um die Aufstände der Minenarbeiter in Newcastle. Die Tänzer bewegen sich systematisch über die Bühne und verteilen spiralförmig-endlos Kreidestaub auf der Bühne. Großartig das Kapitel der Indian Opinion oder die Identitätspapier-Verbrennungsszene.

Auf der Bühne gibt es nur Stahlseile, die von oben nach unten führen, manchmal die Plattform in eine beunruhigende Schräglage bringt oder sie in Ober- und Unterwelt trennt aus der die sich windenden Hände und Beine unterdrückter Arbeiter oder Menschen ausbrechen wollen. Sehr starke, schöne und bewegende Bilder.

Sidi Larbi Charkaoui lässt die Tänzer und Tänzerinnen des Eastman Ensemble Geschichten durch Bewegung erzählen und Handlungen beschreiben. Aggressiv, harmonisch und  religiös – ein permanenter Wechsel zwischen Sieg und Niederlage und Gandhi  (Stefan Cifolelli, sehr lyrisch-religiös und überzeugend) ist immer mittendrin. Die Kostüme sind kolonial-indisch, so trägt Miss Schleser weite Hosen, Cottonshirt und einen Tropenhut, während die anderen in weißen Saris rumlaufen. Der Chor musste sich in Tai-Chi-ähnlichen Bewegungen üben, die große Ruhe und Harmonie verbreiteten.

Die Bühne wirkt manchmal fast zu klein für den Massenandrang. Dieses Gewusel geht nicht mit Minimal Music möchte man meinen. Das ist aber nicht der Fall: Musik, Sänger und Tänzer bewegten sich nahezu gleichberechtigt durch unterschiedliche Lebensphasen und Geschehnisse in Gandhis Wirken. Die Tänzer erklären was die Solisten singen. Mehr noch, fast kann man sich nicht vorstellen, diese Oper ohne Cherkaouis Regie zu erleben. Kontrolliert-ruhig, dynamisch und sehr rhythmisch sind die Bewegungsabläufe, auch wenn sich im Verlauf des Abends vieles wiederholt, aber das trifft auch auf die Texte und auf die Musik sowieso zu. Eine religiöse und kontrastreiche, mikroskopisch sich voran bewegende Hypnose liegt über allem.

Cherkaouis Choreografien setzen sich eigentlich immer aus Elementen verschiedenen Kulturen oder Religionen zusammen. Das haben wir schon bei dem Stück Sutra gesehen, wofür er vor ein paar Jahren einen Balletpreis bekommen hat.

Die Solisten Cathrin Lange (Miss Schlesen), Mirka Wagner (Mrs. Naidoo), Karolina Gumos (Kasturbai), Tom Erik Lie (Mr. Kallenbach) waren durch die Bank sehr überzeugend und haben sich in der Rolle wohl gefühlt.

Philipp Glass kam durch den Schallplattenladen seines Vaters in Baltimore zur Musik. Dieser brachte immer Platten aus seinem Laden  mit nach Hause brachte, die sich nicht gut verkauften, darunter waren Werke von Schönberg oder Hindemith. Glass ist eine Art Wunderkind, das schon mit 10 Jahren in einem lokalen Orchester spielte. Er studierte aber dann trotzdem erstmals Mathematik und Philosophie in Chicago und befasste sich durchaus und intensiv mit der Zwölftontechnik, die er aber für seine Musik ablehnt. 1965 begegnete er in Paris dem indischen Komponisten und Musiker Ravi Shankar, machte einige Transkriptionen für ihn und kam so in Kontakt mit dem asiatischen Rhythmus- und Zeitverständnis.

Jonathan Stockhammer am Pult hat der Monotonie Odem und Rhythmus eingehaucht und trotzdem Glass‘ langsamen, ruhigen Fluss respektiert.  Die Eastman-Tänzer nahmen persönlich an Gandhis Aufmärschen und Protesten teil und die standing ovations zum Schluss gehörten gleichermaßen dem Orchester, den Solisten, Tänzern und Chor, die großartig zusammen agierten.  Und trotz obsessiven Wiederholungen und gesungenen Endlosschleifen vergingen die 3 ¼ Stunden wie im Flug .

« Geduldige Offenheit » verlangte die Dramaturgie-Assistentin vom Publikum nach der Einführung. Es hat funktioniert, denn auch bei der Aufführung am 5.11. gab es fast nur begeistertes Publikum.

Satyagraha entstand als Koproduktion des Theater Basel, der Komischen Oper Berlin und der Vlaamse Opera in Antworten und Gent.

Christa Blenk

 

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La BETTLEROPERa

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Balletto Civile nach der Aufführung von La BETTLEROPERa
 

La BETTLEROPERa

„Der Räuber als perfekter Bürger und der Bürger als perfekter Räuber“

John Greys Beggar’s Opera  wurde 1728 in einem Londoner Theater uraufgeführt – als Persiflage auf Händels Opern, die sich an die gebildete Oberschicht, zu der Grey allerdings auch gehörte, richteten. Ein anderes Publikum  ins Theater zu holen war auch der Wunsch von Kurt Weil und da das neue Theater am Schiffbauerdamm ein knackiges Stück für die Eröffnungspremiere brauchte, schrieb Berthold Brecht die Texte auf der Basis von denen von Grey.

Die Dreigroschenoper wurde zum größten Theatererfolg in den 1920er Jahren. Die Idee zu diesem Titel kam übrigens von Lion Feuchtwanger.

Das Stück spielt im Räuber- Hehler-, Falschspieler und Prostituiertenmilieu. Die Tochter des Hehlers Peachum, Polly, hat heimlich den Don Juan, Banditen und Widersacher von Peacham, Macheath, geheiratet. Man beschliesst, ihn zu hängen. Polly verhilft ihm zur Flucht, aber Mrs Trapes, die bei Brecht/Weil Spelunken-Jenny heisst, verrät ihn. Lucy, die Tochter des Gefängniswärters und auch verliebt in Macheath streitet sich mit Polly, die darauf besteht, seine Frau zu sein. Das lieto fine  bei Grey und Brecht wird hier nicht wiederholt. In der Produktion der Neuköllner Oper landet  Macheath kunstvoll durch la Sig.ra Trappola drapiert, am Galgen. Der Bettlertanz am Ende ist großartig.

Das bis heute bei Brecht aufgeführte Vorspiel, die Moritat von Macheath alisas Mackie Messer, ist bei der BETTLEROPERa der Auftritt der Bordellbesitzerin, Mrs Trappola, die einen umwerfenden und akrobatischen Vortrag über das Leben und die Bedeutung von allgemein Huren hält.

Moritz Eggert hat 28 Songs geschrieben, die aber keine zusammenhängende Oper bilden und das auch noch in Deutsch, Englisch und Italienisch. Die Musik durch das 4-köpfige Ensemble Freiraum Syndikat, besteht aus zwei Blockflöten, einer E-Gitarre und einem Cello, die zwei Stunden lang kuriose und schroffe, kratzende und dann wieder ganz harmonische oder streitsüchtige Töne hervorbringen,  schließlich spielt es ja auch in einem deftigen Gangster-Milieu. Sehr abwechslungsreich geht das von romantisch-moralischen Balladen bis zu flotten Tanzszenen. Eggert hat sich auch nicht gescheut, einige bekannte Melodien aus der Musikgeschichte wie „Diamonds are a whore’s best Friend“ oder „We are the Chamions oft he Underworld“ mit einzubeziehen. Auf jeden Fall gab es meistens viel (un) kontrollierten Lärm aber durchaus Assoziationen mit Weils schräger und zum Teil disharmonischer Musik.

Zeitweise hat man Schwierigkeiten, diesem „brownschen“, konfusen Musik-, Tanz- und Theaterstück zu folgen, denn es passieren permanent zur gleichen Zeit mehrere Handlungen. Und obwohl es wie gesagt kein Happy End gibt, ist die Stimmung großartig auf der Bühne und im Zuschauerraum!

Für Eckert ist dies schon die zweite Produktion für die Neuköllner Oper. Man hat sich dazu das ausgezeichnet, italienische Balletto Civile ins Boot geholt, die Pasolini und Fellini im geistigen Gepäck mitbrachten. Dafür hat Sabrina Rossetto mit einem minimalen Bühnenbild und wenig Farben für optische Ruhe gesorgt. Ab und zu wurden die Aufzugskabinen für die Freier erhellt oder das fahrbare Gefängnis über die Bühne gerollt, meistens mit Macheath drin. Regie und Choreografie stammen von der Pina Bausch-Schülerin Michela Lucenti und von Maurzio Camilli sowie Bernhard Glocksin. Lucenti und Camilli spielen auch das Ehepaar Peachum. Nicole Kehrberger als Mrs. Trappola ist einzigartig und umwerfend gut. Christopher „Crsto“ Ciraulo ist ein großartiger, sich drehend und wendender und doch sanftmütiger Macheath. Polly (Emanuela Serra) ein unschuldiges Dummerchen und Lucy (Sophia Euskichen) eine rachsüchtige Betrogene. Die Kleinverbrecher und die Prostituierten kommen aus der Freien Theaterszene Berlins. Richtig singen kann eigentlich keiner von ihnen, aber es ist ja auch eine Oper für Alle!

Dieses brillante Stück, mit dem die Neuköllner Oper ihr 40-jähriges Bestehen feiert, könnte durchaus ein Kult-Stück wie die Rocky Horror Picture Show werden. 

Christa Blenk

 

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L’Invisible – Aribert Reimann an der Deutschen Oper

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L’INVISIBLE von Aribert Reimann, Deutsche Oper Berlin,
Uraufführung: 8.10.2017, copyright: Bernd Uhlig

L’Invisible – Trilogie lyrique nach Maurice Maeterlinck
Unsichtbarer Tod
Am  8. Oktober fand die Uraufführung von Aribert Reimanns neuerster Oper L’invisible (Das Unsichtbare) in der Deutschen Oper statt. Am Pult Donald Runnicles. Für die Deutsche Oper – zu recht – der Triumph der Saison!Drei kurze Theaterstücke des symbolistischen, belgischen Dichters Maurice Maeterlinck ( 1862-1949) hat Aribert Reimann (*1936) zu einem nicht zusammengehörenden Werk , das durch das Thema Tod zusammen wächst, verbunden und somit für  90 spannende, beunruhigende  und nachdenkliche Minuten gesorgt.  Dreimal hat er hier ganz unterschiedlich lautmalerisch den Tod behandelt, immer anhand von Personen, die noch viel zu jung dafür waren.Im ersten Stück « L’Intruse » (Der Eindringling) sitzt die gut bürgerliche Familie beim Abendessen. Sie singen nervös durcheinander, um das sich ankündigende Drama zu vertuschen, denn die Mutter liegt im Nebenzimmer und hat sich noch nicht von der Geburt ihres Kindes erholt. Außer dem blinden Großvater wissen alle anderen, dass sie das auch nicht mehr tun wird.  Mit ihrem letzten Atemzug gibt das Neugeborene endlich einen Laut von sich und tritt ins Leben ein. Der Übergang zum nächsten Stück „Intérieur“ geht nahtlos; eine Tür geht auf und zwei Männer kommen herein, der eine noch ganz nass und wir erfahren erst später, dass er jemanden aus dem Wasser ziehen wollte. Im Hintergrund sehen wir ein Wohnzimmer, in dem eine glückliche Familie gerade den Weihnachtsbaum schmückt. Die beiden Männer  wissen nicht, wie sie der Familie den Selbstmord ihres Kindes beibringen sollen.

Teil drei „Tintagiles Tod“ – ist das komplizierteste und schönste Stück im Werk. Hier wird ein kleiner Junge zwischen Alptraumvisionen und Bilderbüchern vom Tod geholt, so wie es aussieht, durch einen Autounfall. Überall herrscht deprimierte Unausweichlichkeit und wütende Unvermeidbarkeit. Keine List kommt gegen den Tod an. Alle drei gehören sie ihm. Es ist eine Art unabwendbarer und symbolischer Existenzialismus, der die Bühne beherrscht. Die Hintergründe der Geschichten werden anhand von Scherenschnitten und Schattenspielen an den Wänden erzählt.

Manchmal rutschen die Geschichten ein wenig ins Pathetische ab, das nimmt ihnen  aber nichts weg, mehr, es kann gar nicht anders sein.

Aribert Reimann (*1936) hat jede Szene mit den passenden Tönen begleitet und auch hier wieder Weltliteratur ins Spiel gebracht, ähnlich wie er das bei Garcia Lorcas „Bernarda Albas Haus“ auch getan hat. Mit dem russischen Regisseur Vasily Barhkatov hat er sich einen neuen Regie-Star für die Inszenierung ausgesucht.

Großartig die Sänger, die in verschiedenen  Rollen und unterschiedlichen Instrumentationen auftraten. Einmal sind es die Streicher, die den anschleichenden Tod herbei holen;  im zweiten Teil begleiten die Holzbläser die Ankündigung des Selbstmordes. Und im dritten Teil verhindert das sich aufbauende komplette Orchester die Rettung des Kindes. Die Countertenöre Tim Severloh, Matthew Shaw und Martin Wölfel treten als unerbittliche  Todesboten auf. Die Sopranistin Rachel Harnisch singt dreimal die weibliche Hauptrolle. Sie hat schon öfter mit Reimann gearbeitet.   Auch Stephen Bronk hat unterschiedliche Rollen wie den blinden Großvater. Weiter dabei waren Seth Carico und  Thomas Blondelle sowei Ronnita Miller in der Rolle der Dienerin und die Mezzosopranistin Annika Schlicht als Marthe und als Bellangére, die ihren Bruder Tintagiles nicht retten kann.

L’invisible  ist Aribert Reimans neunte Oper. Vier davon hat er als Auftragswerk für die Deutsche Oper geschrieben.

Christa Blenk

 

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Musikalisches (Reformations)Wochenende in Leipzig

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In der Leipziger Thomaskirche findet jeden Samstag um 15.00 Uhr die « Motette » statt. Am 28. Oktober 2017 war sie natürlich auch der Reformation gewidmet. Vor der Missa choralis für Soli und Chor, die Franz Liszt 1865 komponierte, wurden fünf Choralvorspiele von Martin Luther abgeführt. Der Höhepunkt dieser Motette war allerdings die Bach Kantate BWV 79 « Gott der Herr ist Sonn und Schild » durch das Collegium vocale und instrumentale Bochum unter Leitung von Hans Jaskulsky. Bach hatte sie zum Reformationsfest komponiert und sie wurde am 31.10.1725 in der Leipziger Nikolaikriche uraufgeführt. Die Solisten waren Susanne Martin (Sopran), Jud Perra (Altus) und Joachim Hochbauer (Bass) unter Mitwirkung von Thomasorganist Ullrich Böhme.

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 Oper Leipzig

Abends ging es dann in die Oper, obwohl Mozarts « Nozze di  Figaro » natürlich nichts mit der Reformation zu tun hat. Matthias Foremny dirigierte das Gewandhausorchester und den Chor der Oper Leipzig.  Regie führte Gil Mehmert. Hervorzuheben vor allem die ukrainische Sängerin Olena Tokar als wunderbare, frische und mutige Susanna. Graf Almaviva war Mathias Hausmann und Sejong Chang war ein umwerfender Figaro. Großartige und sehr amüsante Aufführung.

 

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 Bachdenkmal vor der Thomaskirche

Am Sonntag dann schließlich um 11.00 Uhr die Orgelmatinee « Ein feste Burg ist unser Gott » im Gewandhaus Leipzig am Rande des Orgelfestivals « Reformation – Revolution » – wegen der wir nach Leipzig gefahren sind. Matthias Eisenberg improvisierte eine gute Stunde über Lieder Martin Luthers.

Trotz Hurrican, Sturm und Regen hatten es die meisten Zuhörer geschafft, pünktlich im Gewandhaus zu sein um diesen Ausnahmemusiker zu erleben. Eisenberg hatte das Amt des Gewandhausorganisten mit Eröffnung dieses am Augustusplatz 1986 nicht mehr weitergeführt, da er nach einer Konzertreise mit dem Bach-Orchester nicht mehr nach Leipzig zurückkehrte. Nach der Wiedervereinigung trat er allerdings immer wieder mal in Leipzig auf aber sein Come-back an der Gewandhausorgel feierte er erst  2001.

Der exzentrische und brillante Musiker Matthias Eisenberg tritt ganz zurückhaltend und leise auf. Er ist eine Improvisations-Ikone und ein Improvisationsgenie. Eisenberg verwächst mit seiner Orgel und ersetzt teilweise ein ganzes Orchester!

Außerordentliches und unvergessliches Orgel-Erlebnis.

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Matthias Eisenberg nach der Improvisations-Matinee

Christa Blenk

 

PS Der Bahnhof der Sächsisch-Bayerischen Eisenbahn-Compagnie wurde im Jahre 1841 gegründet. Die Strecke Leipzig-Hof – mit einem Abstecher nach Zwickau sollte damit abgedeckt werden. Schon 1847 wurde die Gesellschaft aufgrund finanzieller Probleme verstaatlicht.

 

 

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Elektra – Deutsche Oper

Die Premiere dieser Elektra-Produktion der Deutschen Oper fand schon im November 2007 statt. Die Aufführung am 19.10. dirigierte Ulf Schirmer für den erkrankten Donald Runnicles.

« Wo bleibt Elektra? » Fragt die Magd, gekleidet wie alle anderen Mägde, mit einem kleinen Schwarzen! Elektra wohnt im Müllkeller, und um das zu verdeutlichen, fallen ab und zu schwarze Klumpen durch den Müllschlucker und die Protagonisten waten durch die Schweinestreu.

Bei diesem Einakter geht es vor allem um drei Frauen.  Um Klytämnestra, die Mutter und ihre zwei Töchter, Elektra und Chrysothemis. Die Geschichte stammt aus der griechischen Mythologie. Der Vater ist Agamemnon, der König von Mykene, der von seiner Frau und deren Geliebten erschlagen wurde. Elektra kann das nicht verzeihen und sinnt auf (Blut)Rache. Besessen und trauerunfähig vor Hass, will sie Vergeltung.  Um diese zu vollziehen, muss sie auf die Rückkehr von Orestes warten. Während die jüngere Schwester nicht ihre Jugend und Schönheit, wie Elektra, verlieren will, sondern davon träumt eine Familie zu gründen, kennt Elektra nur Rache und Tod. So geht es auch Orest, der durch das Orakel von Delphi nach Hause geschickt wird, um die Blutrache an Klytämnestra und Aegisth zu vollziehen. Diese  tiefenpsychologische Handlung endet mit einem seltsamen Triumphtanz, den der Regisseur hier auf viele Tänzerinnen verteilt, die sich alle im Schlamm wälzen, hinfallen und wieder aufstehen.

Kirsten Harms hat diese Elektra in eine Art Abfallraum verfrachtet und so fallen auch dann und wann schwarze  Klumpen durch den Müllschlucker auf sie herunter – das nimmt sie aber gar nicht zur Kenntnis.  Die Wände sind große graue Stahlplatten, die sich an den Seiten öffnen lassen, damit die anderen das Gefängnis verlassen können. Elektra trägt ein weißes Hemdchen unter einer schmutzigen, verwahrlosten Jacke, ihre Schwester ein schwarzes Cocktailkleid und Klytämnestra (Doris Soffel), sieht wie eine alt gewordene Drag Queen aus; sie trägt als einzige Farbe und spielt ihre Rolle hervorragend. Die Männer tragen zu große Anzüge. Elektra (Catherine Foster) ist immer präsent und bringt auch schauspielerisch eine großartige Leistung. Klar und immer auf den Punkt schmettert sie ihren Frust in die Welt, unbeugsam und existenziell. Aber auch die Schwester Chrysothemis (Allison Oakes) hat kein Problem sich gegen die große, gewaltige Musik, von Schirmer dirigiert, durchzusetzen. Aegisth ist Clemens Bieber und Orest Tobias Kehrer.

Die Uraufführung dieses vielseitigen und virtuosen, hochdramatischen, musikalischen Krimis, fand im Januar 1909 in Dresden statt. Hugo von Hofmannsthal (1864-1949) hat das Libretto dazu geschrieben.

 

griechisches Theater

 

Christa Blenk

 

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Fuck the facts – Neuköllner Oper

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Neuronen, Binärcodes und Bytes sausen und rechnen im Schnelldurchlauf über die Wand. Botschaften darauf sind fast nicht zu lesen, so schnell geht es. Bevor man etwas verstanden hat, ist es schon wieder vorbei, bzw. hat sich weiter entwickelt.

Und so geht das eine gute Stunde – so lange dauert die Aufführung. Wie ein frischer Wind weht sie an uns vorbei. Da einzig Verlässliche ist Händels Messias Musik, die stimmgewaltig und mit gekonnter Leichtigkeit von den umwerfenden Darstellern ins Publikum geschmettert wird.

« Willkommen im Zeitalter der Selbstermächtigung. Einfach den Rechner anschalten und twittern, posten und trollen was das Zeug hält. Self-entitlement worldwide, das galt für die Virtual Spaceriders des Artischocken-Kultes schon immer. Motto: Make Internet great again! Aber was passiert, wenn die Artischocken sich gegenseitig an die Gurgel gehen? Um einen Wald in ein Häuflein Asche zu verwandeln braucht es nur eine Zigarette. Um das Internet brennen zu lassen braucht es nur einen tweet. Ob Fake, ob Fakt oder Fiktion? Egal, ICH habe gesprochen. ICH brauche keine Gegenrede, ICH bin schon Demokrat. Fuck the facts, you`re not my Dad! Unsere fiktive Geschichte spielt (auch) mitten in Berlin. / Informiert durch einen wahren Fall zwischen messianischer Heilserwartung und tribal justice im Global Village. Wir fragen: Wer spricht eigentlich da draußen im privatisierten Internet-Gericht? Wer sind die selbsternannten Cyber-Sheriffs? Und warum haben sie uns ein großes Holzpferd mitgebracht? » (Quelle: Neuköllner Oper)

Aber worum geht es eigentlich? Es geht um Hacker, Verrat, Überwachung und Versprechen, meist um die nicht eingehaltenen. Und um Opfer, die man bringen muss, damit sich etwas ändert. Robespierre, der strenge Jakobiner (aber Jake heißt nicht wegen ihm so sondern wegen Jacob A.),  hat das auch so gesehen. Um ihn zu zitieren, hat die Party auch in Kleidern aus seiner Zeit stattgefunden und die Verse imitierten den Rhythmus des 18. Jahrhunderts, den von Voltaire oder Schiller, diese haben ebenfalls mit scharfem Blick, Spott und Sarkasmus die Missstände ihrer Zeit kritisiert. Aber die Errungenschaften unseres Jahrhunderts ermöglichen natürlich viel mehr (Überwachungs)Möglichkeiten. Leicht und spritzig ist die Aufführung, geht in die Tiefe ohne schwerfällig zu werden. Die Geschichte verliert sich dann doch sehr schnell – wie wäre es anders zu erwarten – im allzu Menschlichen, aber einiges muss  man dann doch ernst nehmen!

Basieren tut das Ganze auf einer Materialsammlung der Journalistin Anna Catherin Loll über den Fall des US Journalisten und Internet Hackers Jacob Appelbaum.  Großartig kommen die vier Darsteller Allen Boxer, Hrund Ósk Árnadóttir, Angela Braun, Mario Klischies und Bijan Azadian rüber. Sehr beeindruckend der US Bariton Allen Boxter und die isländische Koloratursopranistin Hrund Osk Árnadóttir, die sicher auch ohne Mühen einen kompletten Messias durchstehen würden.

Loll hat auch den Text zu dem Stück verfasst; Regie hat Christina Römer geführt. Bijan Azadian hat die vier Darsteller auf seinem Spinett des 21. Jahrhundert begleitet und « dirigiert » . Die Musik stammte aus  Georg Friedrich Händels Messias und zeigt wieder einmal, wie modern und rhythmisch Barockmusik doch ist.

Christa Blenk

 

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Luther dancing with the gods

 
2017-10-04 15.29.45

 

Bewegte“ Musik

« Ich weiß ein Wort, das hat ein L; wer das sieht, der begehrt es schnell. Wenn aber das L weg und fort ist, Nichts Bessres im Himmel und auf Erden ist. Hast Du nun einen weisen Geist, so sage mir, wie das Wörtlein heißt ». (Ein Rätsel: Gemeint ist « Gold » – « God » für « Gott » – aus einer Luther Tischrede)

Anläßlich des 500. Jahrestages der Reformation hat der New Yorker Regisseur Robert Wilson gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin das Projekt Luther dancing with the gods entwickelt. Eine Schöpfung aus Text und Musik, Klang, Bewegung, Licht und Bild. Das Team inszeniert damit gleichzeitig die erste szenische Produktion für den Pierre Boulez Saal.

Motetten von Johann Sebastian Bach bilden den musikalischen Drehpunkt dieser Aufführung. Angereichert ist die Performance mit „Immortal Bach“ einer Improvisation  zu Bachs Lied “Komm, süßer Tod” von Knut Nystedt und einer großartigen Präsentation von Steve Reichs „Clapping Music“ auf der einen Seite und mit Texten von Luther, Übersetzungen, Bibelextrakten, Streitgesprächen, Rätseln sowie einem Text des amerikanischen Dichters William Carlos Williams auf der anderen.

Zwischen den Bach-Motetten hat Wilson seine bekannten Kneeplays eingebaut. Theatralische Mittel als Verbindungsstelle zwischen den Hauptakten: Luther als Kind, als Streitender, als Sterbender und irgendwie auch als beweinter Abwesender.

Alles fließt: Der ausgezeichnete, in strenge Mönchskluft gekleidete Chor, hat hier Ballett- und Schauspielaufgaben zu übernehmen. Sie waren ständig auf Pilgerschaft durch den Raum und über die Treppen; der Musik hat das gut getan und das Publikum hatte einen Chor „zum Anfassen“, ja man fühlte sich als Teil davon.

Es geht hier um Zeit und Kunst in und um Luthers Epoche und danach. Aber auch der Dreißigjährige Krieg wird zitiert, wenn sich der in einem Boschschen Heuwagen sitzende Teufel gestikulierend auf die Bühne kutschieren lässt und sich zu Luthers Tanz mit den Göttern gesellt. Keiner hat die Übel und Plagen der Menschheit besser gemalt als Bosch oder Bruegel! Wilson zitiert den Krieg mit weißen Speeren, inspiriert durch das Holbein-Bild „Schweizerschlacht“; es entstand 1524, in dieser Zeit arbeitete Luther an der ersten Bibelübersetzung. Überhaupt haben Wilson und sein Team der Kunst eine Hauptrolle in dieser Aufführung zugedacht. Der rote Vogelmensch spaziert direkt aus Hieronymos Boschs „Garten der Lüste“ auf die Bühne und bricht die schwarz-weiße Ästhetik und mit Pieter Bruegels „Triumpf des Todes“ stürzen die Weißgekleideten zu Boden. Die Sänger tragen Kopfbedeckungen, wie wir sie auf Cranachs „Jungbrunnen“ Gemälde wiederfinden oder wie Lucas Cranach Luther und seine Familie portraitierte. Die Steinigungsszene basiert auf einer Radierung von Girolamo da Treviso.

Luther war, im Gegensatz zu Zwingli oder Calvin, nicht gegen die Malerei. Bilder konnten dem einfachen Menschen die Bibel-Lektüre erleichtern. Das hat aber auch mit seiner Freundschaft zum Maler der Reformation, Lucas Cranach, zu tun. Cranach war sein Trauzeuge und Taufpate eines seiner Kinder und die Portraits von Luther, die fast alle in Cranachs Werkstatt entstanden sind, haben unser Lutherbild geprägt. Wilsons Luther trägt so auch den Cranach-Look! Mutig geht er bis ins 20. Jahrhundert und gibt Luthers Witwe Man Rays surrealistische Idealisierung des Banalen, das Nagelbügeleisen „Gift“ in die Hand wenn Fiona Shaw über „The Widow‘s Lament in Springtime“ von William Carlos Williams spricht.

Himmelsleiter, Totenbett und verbotene Äpfel

Die anfängliche Überraschung ist dann aber irgendwann keine mehr und das Geschehen nicht immer nachvollziehbar, aber das wäre ja auch zu einfach! Eine sehr bilder- und szenenreiche Aufführung mit viel Bewegung auf der Bühne. So schafft es Wilson, mit relativ wenig Darstellern großes, streitendes Chaos zu versinnbildlichen. Eine Geschichte, die vor allem durch Licht und Kostüme unter einem minimalistischen Deckmantel, gespickt mit Zitaten und der Kunstgeschichte im 16. Jahrhundert, lebt. Oft makaber, kommt die Regie aber dann doch an die Grenze der ertragbaren Symbolik und man wünschte sich mehr protestantische Demut!

Ausgezeichnet der Rundfunk Chor Berlin unter brillanter Leitung und Leistung der beiden jungen Dirigenten Gijs Leenaars und Benjamin Goodson, die Stereo operieren und auch immer in Bewegung sind; denn alles findet im Kreis statt und die Sänger blicken, singen und schauspielern in alle Richtungen!

Musikalisch begleitet von Aleke Alpermann (Violoncello); Mirjam Wittulski (Kontrabass) und Arno Schneider an der Orgel. Jürgen Holtz ist Luther, Serafin Mishiev spielt das Kind und den roten Vogelmenschen.

Ende September und Anfang Oktober gab es Voraufführungen; die Premiere ist am 6. Oktober 2017.

 

Christa Blenk

Gerardo Aparicio
Gerardo Aparicio – Himmelstreppe und Heuwagen
 
und hier geht es zum Luther Oratorium – « Wir sind Bettler »
 

 

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Walls and Waves – in der Alten Dorfkirche Marienfelde

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„Die Sonne ist weg, das Cello tanzt“

 

Walls & WavesDer Kirchenraum als imaginäre Partitur

Am 14. September 2017 hat das zweite zeitgenössische Konzert in der alten Dorfkirche Marienfelde stattgefunden. Von „Innen nach Außen“ war die Fortsetzung des Konzertes vom 2. September mit dem Titel „Von Außen nach Innen.“ Ein Spiel zwischen Bewegung – Raum – Klang bei Tageslicht – Dämmerung – Nacht.

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 während des Konzertes, die drei Interpreten Ulrike Brand, Marcello Lussana, Thomas Noll

 

Es ist der Monat der zeitgenössischen Musik!

Die Solistin Ulrike Brand spielt auf ihrem Cello, Marcello Lussana bedient die Live Elektronik und Thomas Noll sitzt an der Orgel: Drei Instrumente: mobil, immobil, immateriell und sie improvisierten und philosophieren miteinander eine Stunde lang über die Akustik, Vergangenheit und Gegenwart dieser kleinen Kirche. Immer auf die Klänge der anderen Beiden eingehend, nehmen sie einen Ton auf, setzten ihn fort oder verarbeiteten ihn. Die ausgesprochen dicken Mauern und die Holzdecke geben dieser Kirche eine ganz besondere Akustik. Die Tür wird auch während des Konzertes nicht geschlossen, da der Aufführungsraum erst  mit einem am Baum hängenden Cello ca. 10 Meter vom Kircheneingang entfernt endet. Die Orgel steht nah an der Tür.

Ulrike Brand schreitet mit ihrem Cello die Kirche und den Außenbereich ab, als ob sie etwas suchen würde und lässt sich – immer akustikgesteuert – an unterschiedlichen Plätzen nieder. Die Zuhörer sind eingeladen, diese Bewegungen mitzumachen. Einmal sitzt sie dem Rücken zum Publikum, einmal direkt unter einem Kreuz und einmal erzeugt sie auf dem Cello kurz Glockentöne, dazu schwingt das Cello wie eine Pendeluhr.  Ulrike Brand spielt im Sitzen, Stehen, Gehend, Kniend und Liegend.

Mit dem langsam verschwindenden Licht verwandeln sich die lichten Tagtöne in dramatischere Nachttöne.

 

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Ulrike Brand während der Performance

 

Die Dorfkirche von Marienfelde, wo diese zwei Performance-Installations-Konzert stattgefunden haben,  stammt aus dem 12. Jahrhundert und gehört damit zu den ältesten Dorfkirchen in Berlin und der Mittelmark. Diese spätromanische Feldsteinkirche ist auf einem ehemaligen Friedhof erbaut und man geht davon aus, dass vor der Steinkirche eine Holzkirche dort stand. Die dicken Mauern und schlitzartigen Fenster lassen darauf hinweisen, dass diese Kirche auch eine Schutzfunktion inne hatte. Im 14. Jahrhundert wurde sie umgebaut bzw. erweitert und nach der Reformation auch innen umgestaltet. Im 20. Jahrhundert wurde sie von einem in Marienfelde ansässigen Architekten restauriert; den Zweiten Weltkrieg hat sie unbeschadet überstanden. Seit über 20 Jahren hat die Kirche eine neue, sehr gute Orgel mit 32 Register auf drei Manualen und Pedal.

Sie ist auch für Orgelkonzerte ein attraktiver und begehrter Aufführungsort.

 

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 Ulrike Brand und Marcello Lussana

 

Ulrike Brand hat die Konzertreihe, die durch die Dezentrale Kulturarbeit Tempelhof Schöneberg gefördert wurde, kuratiert.

 

Christa Blenk

 

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Hof Klang 2017

Claudia Herr und Adrian Tully
Foto: cmb

Hof Klang 2017

Mit dem Einlasstempel bekommen wir auch ein Regencape ausgehändigt. Wird aber nicht notwendig sein an diesem Abend, denn kurz vor dem Konzert hört der Regen auf und hinterlässt einen klaren, nachblauen Himmel und unter diesem ist die Bühne aufgebaut – im Innenhof der Nummer 15 in der Michaelkirchstraße. Viel Percussion dieses Jahr! Um die Bühne herum stehen die Stühle für das zahlreich erschienene Publikum, das lässig- ungeduldig, mit einem Weinglas in der Hand, dem Happening entgegensieht.

Hof Klang ist mittlerweile ein echter Insidertipp für zeitgenössische Musikexperimente und Musikinstallationen. Es findet nur einmal im Jahr statt und besticht mit einem sehr sorgfältig zusammen gestellten und abwechslungsreichen Programm zeitgenössischer, zum Teil noch sehr junger, Komponisten. Drei von ihnen sind sogar persönlich anwesend!

Der Initiator und Musikliebhaber Neuer Musik, Steffen Kühn, hat vor 11 Jahren in Leipzig die Hofklang-Idee aus der Wiege gehoben. Seit seinem Umzug nach Berlin 2013 findet Hof Klang in dieser ehemaligen Schuhmanufaktur in Berlin-Mitte statt, in der es jetzt allerdings  Wohnungen und Ateliers gibt. Die glücklichen Besitzer können von ihrem Balkon dem Konzert folgen. Steffen Kühn ist Architekt und wie alle Architekten, mag er die Herausforderung des Neuen, des Unbekannten. Und um unbekannte und ungehörte Musik soll es auch an diesem Abend wieder gehen. Auf dem Programm stehen sogar zwei Uraufführungen.

Mit „Frequente contacten“ für Saxophon und Schlagzeug von Chiel Meijering (*1954) eröffnet der Abend. Ein harmonischer, hörbarer und poetischer Dialog zwischen Saxophon und Schlagzeug, der sachte auf den Abend einstimmt. Der virtuose Saxophonist Adrian Tully begibt sich für die nächste Performance „Demons“ von Brett Dean (* 1961) auf den vorderen Balkon, um das teuflisch-beschwörende Zwiegespräch von oben auf uns herunterrasseln zu können.

Die meisten Interpreten sind nicht zum ersten Mal mit dabei; einige sind fester Bestandteil dieses Events. Wie Claudia Herr, diese großartige, expressive und stimmgewaltige Ikone der Neuen Musik. Eine religiös-andächtige und etwas beunruhigende post-Schönberg Sprechgesang-Ballade ist „Sich einstellender Sinn“.  Komponiert hat sie Eres Holz 2011 für Mezzosopran, Keyboard und Live Elektronik  nach einem Text von Asmus Trautsch komponiert; sie dauert elf intensive Minuten. Holz ist mit 40 Jahren der jüngste unter den heute Abend vorgestellten Komponisten.

 

Maria Lucchese am Theremin
Maria Lucchese

Mit einer interessanten Uraufführung von Samuel Tramins „Kassandra“ geht er erste Teil des Konzertes zu Ende. Saxophon, Schlagzeug und Bass verlieren sich in einem unheilvollen Hinauszögern.

Nach der Pause geht es mit der zweiten Uraufführung des Abends weiter. „Vibrancy II“ für (viel) Percussion und live Elektronik von Cornelia Friederike Müller und Gerd Schenker bringt den kompletten Innenhof zum Vibrieren.

Im Anschluss daran zieht Claudia Herr erneut das Publikum in ihren Bann. „Is it?“ fängt als ironisch-ritueller Gesang an. Der Schweizer Komponist und Vorreiter der elektronischen Musik Thomas Kessler (* 1937) hat das Werk 2002 für Saxophon und Stimme auf der Basis einer Unterrichtsvorlage von John Cage komponiert. Es besteht aus 56 Fragen und in jeder darf sie 11 Sekunden verharren. Pikiert-komisch und schäkernd mit dem Saxophonisten Tully trägt sie es vor und das über mindestens drei Oktaven, bis sich am Ende eine hoffnungslose Unsicherheit nach der Frage um den Sinn der Musik ausbreitet. Hier glänzen Beide auch schauspielerisch.

Matthias Bauer am Kontrapass interpretiert im Anschluss ein Werk von Brian Ferneyhough „Trittico per G.S.“. G.S. steht hier für Gertrude Stein; Ferneyhough hat das Stück 1989 komponiert mit dem Bestreben, einen Vortrag über literarische Formen dieser exzentrischen amerikanischen Schriftstellerin zu vertonen. Bauers wütend-jazziger Bass provoziert aber erstmal den Regengott, denn es fängt kurz an zu tröpfeln (aber nicht genug, um die Regenjacken hervorzuholen).

Dann tänzelt sie auf die Bühne, die Italienerin Maria Lucchese (*1957) und improvisiert mit Bauer über das „Trittico“ und zwar vierstimmig. Bauer spielt, Bauer stößt Töne aus, Lucchese gibt primordiale Laute in einer unbekannten Sprache von sich – ganz im Sinne von Gertrude Steins Poesie – und man fragt sich, wo diese kleine Person solche Ur-Geräusche wohl herholt. Immer wieder wendet sie sich dem Publikum zu, um Zustimmung ihres Gesagten werbend. Die vierte Stimme kommt vom Theremin, ein vor knapp 100 Jahren entwickeltes Instrument das man nicht berühren muss, um Klänge hervorzuholen. Lucchese spielt es mit ihrem Körper, d.h. mit ihren Körperbewegungen. Faszinierte Spannung unter dem Publikum und große Begeisterung im Anschluss.

Kühn ist ein guter Gastgeber und bittet anschließend die Gäste zum Buffet. Schöner und angeregter kann man eine Konzertsaison nicht eröffnen!

Steffen Kühns Ziel ist es Hof Klang auch in anderen Innenhöfen in Berlin stattfinden zu lassen und nach dem gestrigen Abend dürfte es an Angeboten nicht fehlen!

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Christa Blenk

 

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Dans le jardin de William Christie

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Artikel für KULTURA EXTRA 

Vom 19. bis 26. August 2017 fand zum sechsten Mal in Thiré in der Vendée  das Barockfestival Dans le jardin de William Christie statt.

Dieses Jahr wurde unter anderem auch der 450. Geburtstag von Claudio Monteverdi gefeiert.

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Abends in der Kirche von Thire das grosse Monteverdi Madrigalkonzert mit ausgezeichneten Solisten.

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cmb

 

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Jakob Lenz

Jakob lenz

 

Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) war ein deutscher Schriftsteller des Sturm und Drang, der als Dichter seiner Zeit voraus war und ein schwieriges bzw. schräges Leben führte. Georg Büchner hat einen Teil von Lenz’ Leben – den Besuch bei dem evangelischen Pfarrer Oberlin  in den Vogesen -  zu einem Drama verarbeitet, welches wiederum Quelle für Wolfgang Rihms Jugendwerk Jakob Lenz war. Wolfgang Rihm (*1952) hat die Oper Jakob Lenz 1978, 26-jährig, komponiert. Sie wurde 1979 uraufgeführt und zählt mittlerweile fast schon zu den Klassikern der zeitgenössischen Oper.

Andrea Breth hat das Werk 2014 bildgewaltig und expressiv  für Stuttgart inszeniert – als Koproduktion mit der Staatsoper Berlin und mit La Monnaie/De Munt (Brüssel).

Drei Protagonisten und ein sechsstimmiges Vokalensemble kommen zum Einsatz sowie ein Kammerorchester. Rihms Oper füllt sich mit vielen unterschiedlichen Musikstilen und läuft in 13 Bildern ins Verderben. Die Übergänge von einem Bild zum anderen werden durch einen Gauschleier vor der Bühne vollzogen, der wieder entschwindet, um die nächste Szene aus dem tristen Daseins von Lenz zu erzählen. Anfangs keimt immer wieder Hoffnung auf, die aber dann gleich wieder von der psychotischen Hölle verschlungen wird.

Jakob Lenz flüchtet vor unheimlichen Stimmen in eine unwirtliche Felsenlandschaft. Der brave Seelsorger und Psychologe Pfarrer Oberlin (Henry Waddington) nimmt den suizidgefährdeten Lenz bei sich auf – auf Anraten von Kaufmann. Lenz wird von Alpträumen verfolgt und immer wieder kommt die Erinnerung an Friederike auf, eine Frau, um die er gemeinsam mit Goethe warb. Lenz verliert sich immer mehr und es taucht Kaufmann auf. Er ist streng und kalt, und will ihn mit Disziplin auf den rechten, gesunden Weg zurückbringen. Er verwickelt ihn in ein ernstes Gespräch über Kunst und überbringt ihm die Botschaft seines Vaters, doch nach Hause zurückzukehren. Lenz kann nicht, will nicht, will lieber getröstet werden und flüchtet erneut ins Gebirge. Oberlin und Kaufmann dringen nicht mehr zu ihm durch und als er vergeblich versucht, ein totes Mädchen zum Leben zu erwecken, stürzt er endgültig in die geistige Umnachtung.  Er hört Stimmen, die Friederikes Tod ankündigen. Neonlampen verstärken die Trostlosigkeit.

Hoffnungslos verlassen ihn Beide und Lenz bleibt allein, in Zwangsjacke, verdreckt und verlassen auf einem Krankenbett zurück mit dem Wort konsequent auf den Lippen..

Hören Sie denn nichts, hören Sie denn nicht die entsetzliche Stimme der Stille, die um den ganzen Horizont schreibt, und die man gewöhnlich die Stille heißt“ (Büchner, Lenz, 1839)

Unterstrichen  und gestützt wird die Handlung von einer grandiosen Inszenierung, die Musik und Handlung hervorhebt. Es gibt keine Farben, nur grau, schwarz, weiß und manieristische Lichteinfälle. Überhaupt durchziehen viele Gemälde der letzten Jahrhunderte das Geschehen. Einmal liegt Lenz da zu Füßen von Oberlin wie eine flämische Grababnahme. In einer andereren Szene muss man an einen Passionsweg denken, den Caravaggio hätte malen können.

Michael Fröhling hat das Libretto nach Büchners Erzählung geschrieben.  Der hervorragende Bariton Georg Nigl (Lenz) gibt alle Töne von sich, die ein Mensch hervorbringen kann. Sprechen, Schreien, Flüstern, Quietschen, Lyrik in allen Lagen. Die Zuschauer werden permanent zwischen  Panik, Schrecken, Hoffnung, Mitleid, Milde, Wahnwitz und Widerwille hin – und hergerissen.  Übertreibung wird von Pathos und Gleichgültigkeit abgelöst.  Die Landschaft ist wildromantisch, felsig, schwierig zu bewältigen. Es ist dunkel oder Halbdunkel, Spiegel auf der Bühne betonen dieses Unwohlsein, und man stellt sich die Frage, wer wo ist und wo die Zerstörung gerade wütet. 

Großartige Aufführung und großartige Darbietung der Protagonisten. Am Pult vor nur einer Handvoll Musikern Franck Ollu. Das Bühnenbild hat Martin Zehetgruber gemacht.

Jakob Lenz ist ein Meisterwerk und dauert nur 80 Minuten sehr intensive Minuten die uns schon an die Grenzen kommen lassen.

 

lenz

Christa Blenk

 

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Colombian Youth Philharmonic erfindet Strawinsky neu

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Mit der Colombian Youth Philharmonic unter Leitung von Andrés Orozco Estrada wurde gestern Abend im Konzerthaus das Festival Young Euro Classic 2017 eröffnet. Für das noch junge Orchester – es wurde vor sieben Jahren gegründet – eine Station auf ihrer ersten Europa-Tournee.

Der humorvolle, junge, charismatische und mit allen Weltbühnen vertraute kolumbianische Dirigent Andrés Orozco Estrada hat sich für diese Tournee etwas ganz Besonderes ausgedacht und mit einer spektakulären choreografischen  Aufführung von Strawinskys Le Sacre du Printemps das Publikum in Begeisterungsstürmen ausbrechen lassen. Musiker und Instrumente wurden zum Ballett.

Es war dunkel im Raum und still. Dann eine Cello-Note, die sich alle zwei oder drei Sekunden wiederholte. Die Musiker bewegten sich im Trauermarsch, einen Kontrabass tragend,  auf die Bühne zu und nahmen dort Platz. Hintereinander knipsten sie alle ihre Pultlichter an bis das Feuer auf die Leinwand hinter der Bühne übersprang und zu flackern anfing. Das Rascheln mit Gold-Metallpapier erzeugte knisternde und  knackende Feuergeräusche. Man fühlt sich fast wie in einer Ballettaufführung von Pina Bausch.

Großartiger Effekt, der sich während der kompletten Aufführung wiederholte. Abwechselnd fanden choreografische Bewegungen von Musikern und Instrumenten statt. Geigenbögen wurden zu Schwertern, Perkussionsinstrumente zu Donnerwerkzeugen und Blechinstrumente zu szenischen  Feuerspielen. Die Musiker spielten und schauspielerten auf das Finale zu und wurden von donnerndem Applaus abgelöst.

Vor der Pause sang die in Frankfurt lebenden kolumbianische Sopranistin Juanita Lascarro die Straußlieder „Morgen“ op. 27 Nr. 4 (1894); „Traum durch die Dämmerung“ op. 29 Nr. 1 (1895), „Liebeshymnus“ op. 32 Nr. 3 (1897), „Cäcilie“ op. 27 Nr. 2 (1897) und drei Lieder von Jaime León „la calle está desierta“, „Cuano lejos, muy lejos“, „Algún día in spanischer Sprache.

Begonnen hat das Konzert  mit einer interessanten Komposition des jungen peruanischen Komponisten Jimmy Lopez (*1978)  „América Salvaje“ (2006). Hier kamen drei traditionelle südamerikanische oder peruanische Instrumente, wie die Okarina-Flöte oder eine Wasserpfeife, zum Einsatz und das Publikum wurde in den tiefsten Amazonas  umschwärmt von Mücken und Dschungelgeräuschen transportiert. López zählt schon zu den bedeutendsten Nachwuchskomponisten und ist vielfacher Preisträger. Im Jahre 2000 hat er sich in Helsinki nieder gelassen, auch um dort seine Studien fortzusetzen.

Der in Wien lebende Andrés Orozco-Estrada wurde 1977 in Medellin/Kolumbien geboren. Er ist Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters.  Sein Schwerpunkt liegt auf der Wiener Klassik, obwohl sein Interesse an zeitgenössischer Musik sehr groß ist – genau das hat das Programm gestern Abend auch bestätigt.

Juanita Lascarro ist auch Kolumbianerin und seit 2002 festes Ensemblemitglied  der Frankfurter Oper. Nach einem Biologiestudium hat sie in Köln Gesang studiert.  Lascarro war als Liedsängerin Artist in Residence und Special Guest beim Bath Chamber Music Festival und hat ein sehr umfangreiches Repertoire.

Schon heute - während des Publikum immer noch nachschwärmt – machen sich  die 120 Musiker des Ensembles auf dem Weg nach Graz, wo der leidenschaftliche Dirigent Andres Orozco Estrada übrigens debütierte. In Graz wird das bestechende Programm gleich zwei Tage hintereinander aufgeführt. 

Mehr kann man von einem Konzertabend nicht erwarten.!

Christa Blenk

 

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Waldbühnenkonzert im Regen

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Das traditionelle Oper-Air-Konzert der Berliner Philhamoniker zum Abschluss der diesjährigen Spielzeit fand gestern abend – wie immer – in der Waldbühne Berlin statt. Der heftige Regen hat weder Musiker noch Publikum davon abhalten können, diesen musikalischen Höhepunkt gemeinsam zu begehen und so saß man da mit Regencape und Schirm und ließ sich in den Weinbecher regnen.

Auf dem Programm stand dieses Jahr Robert Schumann dritte Symphonie, die Rheinische. Nach der Pause ging es dann mit Orchesterstücken von Richard Wagners Ring des Nibelungen weiter, sehr passend zum Wetter, da der Regen pünktlich zu Rheingold wieder einsetzte.

Am Pult der Venezolaner Gustavo Dudamel – der schon zum dritten Mal die Philharmoniker auf der Waldbühne dirigiert.

Über 22.000 Zuhörer nimmt die Waldbühne, die 1933 – allerdings nicht für kulturelle Zwecke – entstand und heute zu den schönsten Oper-Air-Bühnen in Deutschland zählt.

cb

 

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Pellworm

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Pellworm! – wo ist das denn?

Die Insel Pellworm gehört zu den Nordfriesischen Inseln und ist eigentlich nur ein Überbleibsel einer weiten Flur, die im achten Jahrhundert von Friesen besiedelt wurde. Erst um 1000 n.C. durchbrach die Nordsee diese Ebene und setzte das Land unter Wasser. Schon aus dieser Zeit stammen die ersten Deich- und Warftbauten und die Bewohner entwickelten Ideen und Pläne, um sich im Kampf gegen die Nordsee zu organisieren. Im Laufe der Jahrhunderte, wurden aber aus dieser Landfläche immer mehr Inseln und Hallige.

Die erste große bekannte Flut fand im 14. Jahrhundert statt und ab dem 17. Jahrhundert gab es immer wieder verheerende Fluten; die letzte, die Pellworm fast komplett überschwemmte, fand im Jahre 1825 statt.

Heute erreicht man diese grüne Insel in einer guten halben Stunde mit der Fähre von Nordstrand. Alles ist bestens organisiert, denn der Zug aus Husum wartet auf den Bus, der die Gäste nach Nordstrand bringt und dort wartet die Fähre. Bei Ebbe geht die Fahrt durch eine Furt, links und rechts sieht man den Grund der Nordsee.
Pellworm ist eingerahmt von sehr hohen Deichen auf denen sich die Schafe mit den Austernfischern tummeln. Hinter den Deichen ist auf der einen Seite das Meer und auf der anderen Häuser, Höfe und Wiesen. Pellworm hat viel Natur, Zeit und Platz und alles tickt ein wenig ruhiger.

»Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren…«

Der deutsche Naturalist und Neuromantiker Detlev von Liliencron (1844-1909) hat ein Jahr dort verbracht und wurde Anfang 1882 sogar zum Hardesvogt ernannt, das ist eine Art Stellvertreteramt in der Gemeinde, die zu diesem Zeitpunkt schon zu Preußen gehörte.  Auf Pellworm entstand seine sicher berühmteste Ballade „Trutz, blanke Hans“. Er verarbeitete hier die Rungholtsage und die  große Sturmflut von 1634, die Grote Mandränke, die die vor Husum gelegene Insel Nordstrand seinerzeit verwüstete. Der Blanke Hans ist eine friesische Bezeichnung für die Nordsee. Rungholt ging das erste Mal in der Zweiten Marcellusflut im Januar 1362 unter. Dieses sagenumwobene Atlantis der Nordsee lag vor Pellworm, auf der heutigen Hallig Südfall, genau dort wo der Verfasser Hardesvogt war. In seinem Tagebuch schreibt er, wie er auf der Fähre von Husum nach Pellworm von dieser Sage höre.

Und wie immer wenn es keine echten Zeitzeugen gibt, blühen Sagen und Legenden. Zwei Geschichtsschreiber im 17. Jahrhundert erwähnten diese untergegangene Stadt mit den verborgenen Schätzen. Erst in den 1920 Jahren spülte das Meer nördlich von Südfall Überreste einer früheren Zivilisation ans Land und es begann ein systematische Aufarbeitung der Funde.  Auf einer Karte von 1636 die wohl auf einer anderen von 1240 basiert wird zum ersten Mal der Name Rungholt erwähnt. Das Datum liegt ca acht Monate vor der Marcellusflut. Ein wichter Rungholt Forscher war Andreas Busch (über ihn und seine Theorien und Aufzeichnungen kann man viel im Museum in Husum lesen und sehen).

 

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Im Rahmen der Christianisierung entstand im Jahre 1095 die Alte Kirche St. Salvator. Sie liegt auf einer Linie mit anderen vier Mutterkirchen der Christianisierung. Ca 150 Jahre später entstand der Gotische Turm, von dem heute noch eine 25 Meter hohe Ruine übrig ist. Der damals übliche und benutzte Tuffstein kam aus dem Rheinland. Spätgotisch ist der Flügelaltar; er zeigt die Passion Christ in sieben Szenen.

Aber der Hauptanziehungspunkt in der Kirche von  Pellworm ist ein Spätwerk des berühmten deutschen Orgelbauers Arp Schnitger. 1711 hat er sie aus unbehandeltem Eichenholz gebaut, sie hat 24 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Hälfte davon sind noch Originale. In Schleswig Holstein ist sie die einzig erhaltene Schnitger-Orgel und deshalb eine große Sehenswürdigkeit, auf die die Pellwormer sehr stolz sind, zumal im Sommer jeden Mittwoch regelmäßige Orgelkonzerte stattfinden – mit zum Teil recht bekannten Interpreten.

Einen Sandstrand wird man auf Pellworm hingegen nicht finden, da die Insel vor dem Meer mit hohen Dämmen geschützt werden muss. Dafür kann man wunderbare Wattwanderungen dort unternehmen. Ebbe und Flut wechseln sich alle sechs Stunden ab und geben dann für kurze Zeit den Meeresboden frei. Die ganz Mutigen können natürlich auch den Postboten auf seinem Fußmarsch durch das Watt begleiten – denn ein Ehepaar wohnt ganzjährig auf dieser Hallig. Allerdings muss man gut zu Fuß sein, denn  drei Stunden ist man mindestens unterwegs.

 

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der alte Turm

 Christa Blenk

 

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Wir sind Bettler – Luther-Oratorium

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Gestern Abend fand die Uraufführung von Daniel Pacittis Oratorium ‘Wir sind Bettler’ in der Berliner Philharmonie statt. Pacitti komponierte dieses Oratorium aus Anlass des 500. Jubiläums des Thesenanschlags von Luther an der Schlosskirche zu Wittenberg als Auftragswerk des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU.

Das Libretto verfasste Christian Meißner, der sich an der Sprache von Martin Luther orientierte.

Es spielte das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt unter Leitung des Komponisten selber. Martin Luther wurde großartig von Roman Trekel interpretiert. Die anderen Solisten boten ebenfalls einen soliden Auftritt. Yuriko Ozaki und  Cristiane Roncaglio (Sopran); Arttu Kataja ( Bassbariton) und Dominic Barberi (Bass). Außerdem sangen der Kinderchor der Staatsoper Berlin und der Berliner Oratorien-Chor.

Alle Konzertbesucher, die so etwas wie eine neue Misa Criolla erwartet haben, wurden enttäuscht. Protestantischer, asketischer und strenger hätte der katholische Argentinier mit italienischen Wurzeln, Pacitti, so ein Oratorium nicht komponieren können. Emotionen sind so gut wie nicht aufgetreten und sogar die harten Worte des Papstes oder Karl V wurden noch mit milder Strenge vorgetragen. Viele Längen hat das Mammutwerk und man vermisst eine Struktur darin. Das Publikum hat immer wieder zwischendurch und unkoordiniert applaudiert, als ob es sich hier um eine Belcanto Oper handeln würde, was den Maestro einmal sogar zum Abwinken brachte.

Pacitti hat sich viel mit Luther und seiner Zeit befasst, um ihm, dem Mönchlein, sowie der Zeit in der er lebte, so nahe wie möglich zu kommen und wollte aber auf der anderen Seite ein möglichst großes Publikum mit seiner Musik erreichen.

Somit entstand ein „zeitloses“ durchaus beachtenswerte Werk, das man nicht wirklich einer Epoche zuordnen kann!

Strauß-Trompeten, Bachkantaten und Verdi-Chöre werden von mächtiger Orff-Musik abgelöst und driften hin zu Madrigalen,  Kirchengesängen und Renaissancemusik, die wiederum von zarten Delibes-Klängen oder Jazzelementen durchbrochen werden. Pacitti hat sogar das von Luther komponierte Lied „ein feste Burg ist unser Gott“ in sein Werk integriert.

Mit knapp vier Stunden kamen Zuhörer und Interpreten an ihre Grenzen. Sogar die Solisten ließen zum Ende Ermüdungserscheinungen erkennen. Dass der aktuelle Papst aus Argentinien kommt, verursacht hier ein Augenzwinkern!

Daniel Pacitti wurde in Argentinien geboren wo er auch Klarinette und Klavier studierte. Nachdem er den ersten Preis des Wettbewerbes Mozarteum Solistas gewann ging er zu einem Klarinettenstudium nach Mailand und später nach Paris. Dort studierte er Dirigieren für Chor und Orchester.  In den 1990er Jahren ging er nach Italien zurück und leitete in Triest das Theater Giuseppe Verdi. In der Folge arbeitete er mit unterschiedlichen Orchestern weltweit.

Christa Blenk

 

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La damnation de Faust von Berlioz

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Faust im (deutschen) Wald

Die neue Produktion von Berlioz’ Faust an der Staatsoper ist eine Reise durch die deutsche Geschichte, die in der Romantik anfängt und im Zweiten Weltkrieg endet; dazwischen liegt alles was deutsche Geschichte und deutsche Gemeinplätze zu bieten haben.  Ob wir jetzt zum xsten Mal eine Aufführung mit Braunhemden, Lederhoren und deutschem Wald brauchen bleibt dahingestellt – Terry Gilliam hielt es jedenfalls für notwendig! Sein Faust ist ein jammernder Mitläufer-Nazi der indirekt dafür verantwortlich ist, dass Margarethe in ein Konzentrationslager abtransportiert wird. Die Bilder dafür hat er sich fast ausschließlich aus der Kunst geholt. Seine Produktion ist ganz klar, gibt keine Rätsel auf, man braucht nichts zu interpretieren oder erraten und keine intellektuellen Purzelbäume schlagen. Jede Szene ist nachvollziehbar und vorhersehbar. Es ist was es ist: eine braune, traurige (Kriegs)Suppe, bei der der Hauptprotagonist eben Faust heißt und das Urböse Mephisto.

Der amerikanisch-britische  Regisseur und Schauspieler Terry Gilliam war u.a. Mitbegründer der Monty Python Gruppe, deren größter Erfolg „Das Leben von Brian“ war und bleibt.  Skurril, witzig, zweideutig und urkomisch sind seine Projekte, gekennzeichnet von hintergründigem, makabrem Humor; meist köstlich die ersten 60 Minuten, dann bröckelt der Lack ab und das Fundament schmilzt im schrägen Humor dahin. Es wird langweilig und man ist es leid!  Nach Misserfolgen wie  Münchhausen und die Ablehnung der Warner Bros Rowlings ihn Harry Potter verfilmen zu lassen hat er sich als Künstler versucht und am Potsdamer Platz 2006 eine Konzept-Video-Installation aufgestellt.  Und daran – nämlich an die Kunst – hat er nun ideen- und bilderreich angeknüpft.

Mit einem wuchtigen Knall geht es los! Dann betritt Mephisto, verkleidet als  Conférencier und Zeremonienmeister der manipulierbaren Weltpolitik, die Bühne! Ungeschönt und anspruchslos beginnt der Film über die deutsche Geschichte ab der Romantik und dazu muss natürlich Caspar David Friedrich herhalten.

Faust, ein Mini-Humboldt, mit seinem ausklappbaren Studierzimmer auf dem Rücken, findet auch in der Natur keine Ruhe und muss vor den frechen und respektlosen Bauernkindern – die  ihm sogar seine Lupe wegnehmen wollen -  auf den Caspar David-Friedrich-Felsen fliehen (später gibt er seinen Platz dann dem Führer in Berchtesgaden ab). Das darauf  folgende Fest zu Ehren der Maikönigin könnte direkt aus einer Vorlage für einen Wandteppich von Francisco Goya stammen, die dann ein wenig später zu Goyas pintura negra  ( schwarzen Bildern) der alemannischen Fastnacht werden. Eine Tintoretto Kreuzabnahme  begleitet das Kriegswüten, nachdem sich die Pickelhauben in der Weimarer Republik den Europa-Kuchen aufgeteilt haben. Die Völkischen treten auf und singen das sehr an Rossini erinnernde Amen der kleinen Messe während Gilliam die Erschießung der Kommunisten choreografisch zelebrieren lässt. Großartig-geschmacklose Szene und genial vom Chor gesungen. Wollte er hier testen, wo beim Zuschauer die schmerzhafte Lachgrenze liegt?  Die rasende und sehr gelungene Sidecar-Reise durch den deutschen Wald ist Delacroixs Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ abgekupfert. Der manipulierte Softi-Mitläufer-Nazi Faust bekommt dann einen weißen Ärztekittel (der aber auch eine Zwangsjacke hätte sein können) und soll die Kriegsverletzten heilen, um endlich auch mal etwas sinnvollen zu tun.

Nach der Pause wird die Bühne zur Bauhaus Referenz und Leni Riefenstahls ästhetische Turner-Bilder kündigen die Olympiade 1936 an, während  Margarethe, die sich mit der blond-bayerischen Zopf-Perücke nicht lange verstecken kann, mit anderen Leidgenossen in schwarze Wagons geschoben und abtransportiert wird.

Und obwohl er manchmal wirklich zu sehr auf die braune Tube drückt und es faustdick herauskommt muss man der Inszenierung doch lassen, dass sie fast immer auf die Musik eingeht und das Orchester unter Simon Rattle ganz unglaublich perfekt den Bildern folgt. Sie scheinen sich alle in der Musik und in der Regie sehr wohl zu fühlen. Mehr kann man von Musikern, Sängern oder vom Chor nicht verlangen und mehr kann man auch nicht geben.

Magdalena Kozena ist Margerethe, Charles Castronovo ist Faust. Mephisto wird von Florian Boesch gesungen und der völkische Brander in Lederhosen ist Jan Martinik. Die Choreographie hat Leah Hausman, das Bühnenbild Hildegart Bechtler entwickelt und Martin Wright den wirklich großartigen Chor geleitet.

Die Premiere am 27. Mai wurde ziemlich kritisiert, was sich bei der Vorstellung am 9. Juni nur teilweise wiederholte. Im Großen und Ganzen bekamen – vor allem die Interpreten, die Musik und der ausgezeichnete Chor – sehr viel Beifall.

Christa Blenk

 

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Kammermusik mit und ohne Worte im Pierre Boulez Saal

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Tradition und Transformation

Kammermusik mit und ohne Worte gab es am 7. Juni im Pierre Boulez-Saal mit dem Streichquartett der Staatskapelle Berlin.

Auf dem Programm stand Aribert Reimanns 1995 entstandene Überarbeitung von  Franz Schuberts Goethe-Vertonung Mignon. Reimann „schwebte ein durchgehendes Stück vor, mit einem gedanklichen und kompositorischen  Faden“. Er entschied sich für die Lieder „Nur wer die Sehnsucht kennt“, „Heiß mich nicht reden“ und „So laßt mich scheinen“.  Großartige, warme und leidensfähige Interpretation der Sopranistin Christiane Karg. Hier war der Saal wirklich wie geschaffen für die Musik, die einen wieder nur umarmen wollte.

O, du lieber Augsutin

Mindestens genauso spannend ging es beim zweiten Stück vor der Pause weiter. 

Arnold Schönbergs Streichquartett Nr. 2 fis-moll op 10 mit Sopranstimme wurde 1908 im Wiener Bösendorfer-Saal uraufgeführt und sorgte seinerzeit für einen regelrechten Skandal. Das Rosé-Quartett und die Sopranistin Marie Gutheil-Schoder mussten erfolglos gegen Pfiffe und Zwischenrufe antreten, die den Schönberg-Anhängern keine Chance ließen. Schönberg zitiert im zweiten Satz das Wiener Volkslied ganz fröhlich « Oh, du lieber Augustin » und beginnt den dritten Satz, Litanei, dunkel und tragisch wie die Gedichte von Stefan George, die er dafür vertonte. Hier setzt auch die Sopranistin ein und bleibt bis zur finalen Entrückung. « Ich fühle Luft von anderem Planeten » passt in den Futurismus, in dessen Zeit das Stück entstand. Obendrein (sagt das Programmheft) war es die Zeit einer Affäre von Schönbergs Frau Mathilde mit dem jungen Maler Richard Gerstl, den Schönberg selber in die Familie eingebracht hat. Sie verlässt zuerst ihren Mann und dann Gerstl, um zu Schönberg zurückzukehren, woraufhin der Maler sich das Leben nahm.

Als  „Eine veritable Katzenmusik“ wurde Schönbergs Quartett am nächsten Tag im Neuen Wiener Tagblatt bezeichnet. Das war natürlich gestern Abend nicht so. Die Zuhörer lauschten gespannt auf jede Note und Christiane Kargs bestechenden Gesang.

Nach der Pause ging es weiter mit Ludwig van Beethovens Septett Es-Dur op. 20 für Violine, Viola, Klarinette, Horn, Fagott, Violoncello und Kontrabass. Beethoven hat das 40 Minuten-Stück  1799 komponiert und es verweist hier immer noch auf Mozart.

Sehr unabhängige und lebendige Interpretation bei der vor allem die Klarinettistin Shirley Brill hervorzuheben ist.

 

Christa Blenk

 

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Blockflöten-Consort Weißensee

flote

 

Alles flötet

…. Amsel, Drossel, Fink und Star … aber vor allem die Nachtigall waren die Protagonisten des gestrigen Flötenkonzertes und schöner wie das Weißensee Blockflöten-Consort gespielt hat, kann selbst die Nachtigall nicht singen – nicht mal die von Ernst Moritz Arndt!

Das erste Sommerkonzert in der der Ev. Pfarrkirche Weißensee  war eine Reise durch eine internationale lichte und sonnige Flöten- und Vogelwelt, ein Gleiten durch die blaue Luft.

Das sehr abwechslungsreiche und frühlingshervorbeschwörende Programm hat die Leiterin des Ensembles, Ursula Kelch, zusammengestellt und sie selber hat auch den Löwenanteil übernommen. Mit dem Cembalisten Andreas Wenske tritt sie als Solistin mit Werken von Georg Philipp Telemann auf;  später spielen die Beiden den wunderbaren Flötendialog „Echo“ von Jacques Hotteterre (1673-1763). Andreas Wenske allerdings an der Oboe dieses Mal.

Eine Reise durch den schönsten Monat Mai – und dass es der schönste ist, darüber sind sich jedenfalls Theodor Storm, Erich Kästner oder Heinrich Heine einig, von ihnen trug Brigitte Worch zwischendurch Gedichte vor.

Ein Teil des Programmes war der Weltflötenmusik gewidmet und das ging von dem allgemein bekannten Greensleeves bis zu einem großartigen Flötenstück aus Japan oder mit Werken aus Schweden, Vietnam,  Ungarn oder aus der Ukraine.

Das « Blockflöten-Consort Weißensee » das bis 2010 unter dem Namen « Blockflötenkreis Bethanien » auftrat, besteht zur Zeit aus sechs Flötenspielern und wird von  Ursula Kelch geleitet. Außerdem gehören Martina Brauner,  Dieter und Ruth Lemke, Angela Paczula und Dr. Hans Schmidt zum Ensemble.

Ein Schwerpunkt ihres Repertoires liegt auf der Renaissance-Musik, aber auch moderne Werke und folkloristische Lieder für vier – bis achtstimmige Besetzung auf Mitglieder der Blockflötenfamilie von Sopranino bis Subbass gehören dazu.

Im zweiwöchigen Abstand finden bis zum Sommerende interessante, ganz unterschiedliche und sicher hörenswerte Konzerte in dieser Kirche statt.

 

 P1300335
Musikinstrumentenmuseum Mailand

 

Hinweis: sollte sich ein geneigter Flöterspieler oder eine geneigte Flötenspielerin der Gruppe anschließen wollen – bitte melden!

Christa Blenk

 

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Boulez Ensemble und Jörg Widmann

P1040261

 

Am 28. Mai 2017 trat das Boulez Ensemble (Mor Biron, Radek Baborák, Carolin Widmann, Krzysztof Specjal, Amihai Grosz, Claudius Popp, Nabil Shehata) mit Jörg Widmann im vor kurzem eröffneten Pierre Boulez Saal in Berlin auf. Jörg Widmann war dieses Mal als – wie immer großartiger – Interpret und als Komponist vertreten.

Das Oktett in F-Dur, D 803 von Franz Schubert zählt zu den sehr beliebten und bekannten Kammermusikkompositionen für eine gemischte Besetzung (Klarinette, Fagott, Horn, Geigen, Cello und Kontrabass). Es entstand 1824 als Ergebnis einer Schaffenskrise des Komponisten und orientiert sich am Septett von Beethoven, bleibt aber trotzdem ein echter Schubert. Für den Biografen Maurice Brown sogar der Schubert schlechthin.  Für ihn vermittelt es das „Alltagswien Schuberts: sein bohèmehaft ungebundenes Künstlertum, sein Geselligkeitsbedürfnis, seine Überschwänglichkeit, seine behäbige Gutmütigkeit, einen Schimmer von den Straßen und Jahrmärkten, eine Anspielung auf das Theater, einen erhaschten Fetzen aus dem Lied irgendeines Kaffeehauses oder Biergartens“. Was kann man dem noch hinzufügen! Großartig interpretiert,  ziemlich basslastig, jedenfalls für die Zuhörer auf dem Block G!

Nach der Pause kam dann Jörg Widmanns (*1973) Oktett (Intrada – Menuetto – Lied ohne worte – Intermezzo  – finale).  Es entstand im  Jahre 2004, also 180 Jahre vor Schuberts Oktett in F-Dur und die ersten Töne klingen dann auch recht schubertianisch und romantisch, allerdings viel finsterer und dramatischer. Ein beschwörender, geheimnisvoller Aufbau, der Einzug in eine Geisterwelt die durch den Wald fliegt und auf einer Lichtung einen Tanz aufführt. „Überall dunkle Nachtgeräusche“ stand im Programm. Widmanns Stück ist neu, lässt aber durchaus seine vielen Väter erkennen, was es deshalb so spannend macht. „Das Neue ist noch lange nicht ausgeschöpft und wird es auch nie sein. Ich bin überzeugt, dass man auch in den tradierten Formen noch so viel Neues sagen kann » sagt er.

Viel Applaus!

Christa Blenk

 

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