Archives pour la catégorie Musique

Staatskapelle spielt Debussy

Zwischen  Präraffaelismus und Impressionismus

Claude Debussy (1862-1918) wird immer mit dem Impressionismus in Verbindung gebracht und man will sich rote Mohnblumenwiesen oder gemalten zarten Wind vorstellen. Dabei war es vielmehr die Literatur der letzten 400 Jahre, die für den französischen Komponisten die Inspirationsquelle war. Debussy beschrieb die Naturereignisse in Tönen wie bei „Dialogue du vent et de la Mer“ . Seine Naturmusik kann man nicht nur hören, man kann sie auch riechen und sehen oder man geht mir ihr auf Reisen, obwohl Debussy selber eher wenig herumgekommen ist.

Daniel Barenboim befasst sich schon seit 1975 mit Debussy; in diesem Jahr wurde er Chefdirigent des Orchestre de Paris – mit 32 Jahren! Nun hat er zum 100. Todestag ein edles und anspruchsvolles Programm zu Debussys Ehren zusammengestellt und das Berliner Publikum Anfang Mai mit einem großartigen Fest seines Lebenswerkes verzaubert. Er hat dazu Kompositionen, die nicht so bekannt wie Pélleas et Melisande, Le Martyr de Saint Sébastien oder Prelude a l’apres midi d’un faune sind aus der französischen Musik-Schatzkiste geholt. Unterstützt dabei haben ihn die Staatskapelle und die zwei ausgezeichneten Solistinnen Anna Prohaska und Marianne Crebassa.
Immateriell, luftig und ätherisch französisch ist sie, diese Musik, bei der sogar der Bogen der Geige anders gehalten wird. Kräftig und fern-transparent-kommt sie daher. Durchaus gewöhnungsbedürftig, immer leicht unordentlich und voller lichter Farbenpracht.

Auf dem Programm stand die weltliche Cantate „La Damoiselle élue“ (Die Erwählte), die 1887 nach einem symbolischen Gedicht des Malers und Präraffaeliten Dante Gabriel Rossetti entstand. Geschrieben für zwei Solistinnen, Frauenschor und Orchester. Crebassa sang von hinten neben den Harfen ganz in Rot und Prohaska stand neben dem Maestro in Weiß.

„Trois Nocturnes“ ist das erste impressionistische Werk von Debussy. Die Staatskapelle hat es perfekt präsentiert, nicht ganz sauber im Einsatz der Damenchor der Staatsoper. Uraufgeführt 1900 mit großem Erfolg bei der Kritik. Hier springt die Romantik in die Moderne, Gemälde des Malers Whistler haben Debussy dazu inspiriert.

„Trois Ballades de Francois Villon“- ein Glanzstück für die charmante Mezzo Marianne Crebasse. Diese Liedkomposition entstand 1910, acht Jahre von seinem Tod. Der Dichter Villon hat im 15. Jahrhundert gelebt. Ursprünglich für Bariton geschrieben pendeln die Lieder zwischen profanen und paganen Betrachtungen eines Bürgers, der die Damenwelt kommentiert.

Und zum Schluss « La Mer“. Wohl  Debussys bekanntestes Werk. Düster-drohend, wallend und aufwühlend gewittrig. Die große Welle von Hokusai zierte das Titelbild der ersten Ausgabe. Aufgeführt wurde diese 23 Minuten dauernde sinfonische Dichtung 1905 in Paris. Sie gilt als Musterbeispiel des Impressionismus.

cmb

 

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Welcome to Hell in der Neuköllner Oper

Was bleibt ist Hilflosigkeit

Am 7. und 8. Juli 2017 fand der zwölfte G20-Gipfel statt. In Hamburg trafen  hierzu Vertreter der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer aus Politik und Wirtschaft zusammen. Um Störungen entgegenzutreten und die Anreisenden zu beschützen kamen  31.000 Polizisten zum Einsatz. Groß-Demonstrationen, Protestveranstaltungen, Massenkundgebungen, Blockaden und massive Unruhen  begleiteten den Gipfel; Sachbeschädigungen, Plünderungen, Angriffe auf beiden Seiten standen auf der Tagesordnung und sorgten für unzählige Verletzte.

Die tagelangen Straßenkämpfe haben  Peter Michael von der Nahmer und Peter Lund im Anschluss zu 100 Minuten Oper verarbeitet; diese kam  15. März 2018 in der Neuköllner Oper mit großem Erfolg zur Uraufführung.

Wut, Ärger, Verzweiflung und Frustration und zwölf Menschen sind die Protagonisten dieses Opern-Musicals. Überfordert wirken sie Alle: Der Polizist, die unterbezahlte Supermarktkassiererin, der französische Delegierte, der spanische Callboy, die taffe aber unsicherer Reporterin, eine Studentin mit Migrationshintergrund, der auf die schiefe Bahn geratene Sohn reicher Eltern, eine idealistische Pazifistin, eine Einzelgängerin, ein religiöser Homosexueller kurz vor dem coming out, ein Zuhälter und eine Studentin aus Husum.

Großartig Alexander Auler, Katia Scheherazade Bischoff, Didier Borel, Nikko Andres Forteza Rumpf, Tae-Eun Hyun, Mira Keller, Pabl, o Martinez, Lucille-Mareen Mayr, Mathias Mihai Reiser, Loïc Damien Schlentz, Anastasia Troska, Andrea Wesenberg als Sänger, Tänzer und Schauspieler!

cmb

 

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Zehlendorfer Hauskonzerte – Glasharfe und Gitarre

harpe de verre

 

Kristallenes Frühlingskonzert im Wohnzimmer

Eine zarte Brise trägt das  Piepsen der Turmfalken durch die offene Balkontür ins Wohnzimmer, dort ist im hinteren Teil des zum Konzertsaal umgebauten Raumes ein Plätschern zu hören. Die Glasharfe wird gerade für das Konzert vorbereitet und das braucht seine Zeit. Wasser ist ein wichtiger Faktor, es muss genau die richtige Temperatur haben, um die polierten, mundgeblasenen Stil-Gläser zum Singen zu bringen. Mit einem kleinen Schwamm stimmt Alexander Lemeshev seine beweglichen Hände, bevor er vorsichtig sein Gläser-Instrument aufstellt.  Ein Glas wird keine Töne von sich geben, es hat lediglich die Funktion eines Wasserspenders, denn dort taucht Lemeshev in kurzen Abständen und blitzschnell seine Finger  ins wohl temperierte Nass. Die Finger dürfen nicht trocken werden. Diese kristallklaren Töne entstehen durch kreisende Bewegungen mit den nassen Fingerspitzen oder durch Anschlagen an das Glas. Transparent, hell und glasklar erklingt eine umfangreiche Notenpalette. Unglaublich, mit welch meisterhafter Fingerfertigkeit er diese sauberen Engels-Töne (in England wird die Glasharfe übrigens auch Engelsorgel genannt) erzeugt.

Der in Berlin lebende Gitarrist Vitaliy Shal begleitet den Glasharfen-Solisten Alexander Lemeshev an diesem Musikabend auf einer musikalischen Reise durch die Jahrhunderte, denn schon vor 500 Jahren gab es « Glas »-Musik.

Das Konzert beginnt mit einem Fragment aus Franz Schuberts 1828 erschienenen « moments musicals » , ursprünglich für Klavier geschrieben. Gefolgt von zwei Glasharfen-Stücken von Mozart. Sechs Monate vor seinem Tod, 1791, schrieb dieser zwei bedeutende Kompositionen für die damals bekannteste und blinde Glasharmonika-Spielerin Marianne Kirchgessner. Einmal das Quintett für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Viola und Violoncello sowie das Adagio für Glasharmonika solo. Angeblich hat  Mozart bei der Uraufführung zwar nicht die Glasharmonika aber doch die Bratsche persönlich gespielt. Der Gitarrist Vitaliy Shal übernimmt hier den Part eines kompletten Streichquartetts. Die letzten beiden bezaubernden Stücke vor der Pause sind aus Tschaikowskys Nussknacker. Alexander Lemeshevs sichere Finger tanzen mit der Zuckerfee um die Wette und die Glasharfe erzeugt hier einen Pirouetten drehenden Spieldoseneffet.

In der Pause dürfen sich die Fingerkuppen ein wenig erholen, aber auch das Wasser braucht eine Temperaturanpassung, denn diese hat sich in 30 Minuten verändert. Dann werden seine Hände nochmals getrimmt und gestreckt  und es kann weiter gehen.

Dass auch Werke von Johann Sebastian Bach auf der Glasharfe faszinieren können, beweist uns Lemeshev nach der Pause. Die beiden Musiker spielen zusammen ein Scherzo (Badinerie) aus einer Bach-Suite und Lemeshev Prelude in C Major aus dem wohltemperierten Klavier.

Der Teufelsgeiger Niccolò Paganini hat mit 38 Jahren einen kompletten Zyklus von Capricen für Geige komponiert, die so gut wie alle seine für ihn typischen musikalischen Anforderungen beinhalten. Die Nummer 24 ist die letzte und wird gerne als Zugabe gespielt. Technisch für jeden noch so brillanten Geiger eine Herausforderung. Alexander Lemeshevs Präsentation lässt ahnen, dass das Stück auch auf der Glasharfe so einiges vom Interpreten fordert. Er fliegt nur so über die Gläser. Das in kurzen Abständen flinke und durchgetaktete Eintauchen seiner Fingerkuppen ist Teil der Performance geworden und beeindruckt ungemein.

Mit dem dritten Satz aus Mozarts Sonate Nr. 11 A-Dur, besser bekannt als Türkischer Marsch, klingt das Konzert aus. Allerdings kann das begeisterte Publikum den beiden Musiker noch zwei Zugaben abringen. Der Bossa-Nova lässt die Glasharfen-Töne gleich in einem ganz anderen und sehr flotten Licht erscheinen und Brahms 5. Ungarischer Tanz beweist, dass man auch komplizierte Rhythmusänderungen auf ihr interpretieren kann.

Die Glasharfe oder Gläserspiel ist ein Idiophon. Das Instrument besteht aus mehreren Reihen sauber angeordneter, befestigter Trinkgläser. Jedes Glas hat einen eigenen Ton, eine eigene Note und eine Geschichte und wird speziell ausgesucht.  Der Tonumfang kann bis zu drei Oktaven umfassen, auch die Raumakustik spielt eine wichtige Rolle. Die großen Gläser geben dunklere Töne ab als die zierlicheren. Die Anordnung der Gläser bestimmt jeder Musiker selber.

Schon um das Jahr 1500 hat man mit Glas Musik gemacht. Im Barock und in der Romantik gab es nicht wenige Komponisten, die für Glasharfe oder Glasharmonika komponierten. Anfang des 20. Jahrhunderts hat der Stuttgarter Musiker Bruno Hoffmann Kompositionen für Glasharmonika auf der Glasharfe wieder auf die Programmzettel der Konzertsäle gebracht und auch selber Stücke für Glasharfe komponiert. Carl Orff oder Richard Strauß befassten sich ebenfalls mit diesem chromatischen Instrument. Dass dieses zarte und doch sehr selbstbewusste Musikinstrument auch hypnotisieren kann, würde uns jetzt gar nicht wundern. Jedenfalls hat der österreichische Arzt Franz Anton Mesmer im 18. Jahrhundert Glasmusik für seine Hypnose benutzt.

Großartige und spannende Performance!

Christa Blenk

 

 

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THE TURN OF THE SCREW

Premiere feierte diese Produktion der Staatsoper bereits 2014 und seitdem wird sie regelmäßig vor fast vollem Haus aufgeführt. Benjamin Britten hat « The turn of the screw » 1954 komponiert nach einer Erzählung von Henry James. Das Libretto hat Myfanwy Piper geschrieben.

Diese Kammeroper beginnt mit einem Prolog, in dem die Anreise der Gouvernante auf dem Landsitz Bly erzählt wird. Sie trifft den Vormund von Flora und Miles und soll für die Waisen sorgen, ohne den Vormund jemals zu kontaktieren. Außerdem wird sie zu absolutem Stillschweigen über das was auf dem Landgut passiert verpflichtet. Außer der Haushälterin Mrs Grose gibt es sonst keine Personen. Gleich zu Anfang wird Miles von der Schule verwiesen, weil er angeblich einen schlechten Einfluss auf seine Schulkameraden ausüben würde. Mrs Grose und die Governess versichern sich gegenseitig, was brav doch die Kinder seien. Sie entdeckt, dass der früherer Butler Peter Quint und die Erzieherin Mrs. Jessel ein Liebespaar waren und beide auf seltsame Weise ums Leben gekommen sind. Die Kinder und Mrs Grose versuchen allerdings, ihr Informationen zukommen zu lassen. Die Geister der ehemaligen Liebenden schwirren ständig durch das unwirtliche Haus und die Gouvernante kommt nicht gegen sie an, die Kinder – vor allem Miles – auch nicht. Mrs Grose reist mit Flora nach London und lässt Miles mit der Gouvernante allein zurück, die sich ebenfalls zu ihm hingezogen fühlt. Peter Quint versucht Miles von der Ferne vor ihr zu warnen, dann stirbt Miles unter den Händen der Gouvernante, jedenfalls will Claus Guth  das so.Britten, der sich sonst eher von der zeitgenössischen Musik fernhielt, versuchte sich hier in der Zwölftontechnik. Dieses Werk ist mathematisch kalkuliert und gehört zu den spannendsten Werken von Britten, vor allem wohl auch, weil alles offen bleibt und sie genauso rätselhaft endet wie sie beginnt.  Wir kennen nicht mal den Namen der Gouvernante. Ist sie vielleicht die Wiederauferstehung von Miss Jessel oder ein Ebenbild. Alles bleibt offen, auch die seltsame Beziehung von Miles zu Peter Quint.  Die Bühne dreht sich praktisch permanent und lässt die Zuschauer durch das Gut wandern, obwohl gleichzeitig alles stehen bleibt. Guth hilft uns nicht, die Geschichte zu verstehen, er verwirrt sie eher noch mehr. Miss Jessel und Peter Quint singen sich aus einer anderen Welt auf die Bühne.

Premiere war in der Fenice in Venedig und erst danach wurde sie in London aufgeführt. 

Daniel Cohen dirigiert die Staatskapelle aufs Feinste. Maria Bengtsson ist die Governess. Man leidet mit ihr, wenn sie immer nervöser und unsicherer wird, Thomas Lichtenecker sehr gut als Miles und Flora ist Sónia Grané, die es wirklich schafft, wie ein Teenanger auszusehen. Die beiden Geschwister verbindet ebenfalls eine seltsame Beziehung, die sie an einem weißen Kaninchen ausleben.  Mrs. Grose ist Marie McLaughlin. Alle singen sie sehr textverständlich und sicher in ihren Rollen.

cmb

 

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Das Wunder der Heliane

Dionysisch-erotisch versus  apollinisch-heilig

 Am 19. März fand  in der Deutschen Oper Berlin die Premiere von Korngolds „ Das Wunder der Heliane“ statt und konnte seitdem fünf fast ausverkaufte und umjubelte Aufführungen feiern.

 Bei dieser Produktion der DOB stimmt alles. Orchester, Chor, Inszenierung und Solisten und die haben es nicht leicht, vor allem Heliane, denn sie steht einem großen, gewaltig spätromantischem Orchester gegenüber. Sara Jakubiak meistert diese Herausforderung bravourös wie sie auch im schauspielerischen überzeugt und  von einem Kammermusik-Stil  im ersten Akt ohne Chor zu einem Fis-Dur-Wahnsinn und betend-erregtem Chorgebrüll im 3. Akt mitgeht; ansingend gegen den  Mob, der von Anbetung zu Verachtung wechselt und  auf jeden Vorschlag reagiert, solange er nur laut genug gebrüllt wird.

Heliane, die Frau des Königs im Land ohne Lachen und Liebe besucht den dionysischen Fremden, der diesen apollinischen Zustand  beenden wollte, im Kerker. Dort hat ihm kurz vorher der König selber das Todesurteil überbracht. Trost will sie ihm spenden, er aber will nur ihre Haare und Füße und später den ganzen Körper sehen. Sie gewährt ihm diese drei Wünsche und verschwindet – immer noch nackt, wie Gott sie geschaffen hat und von Leidenschaft geplagt – um für sie Beide zu beten. Der König sucht den Fremden später nochmals auf und bittet ihn um Rat, wie er seiner eigenen Frau, der Königin, näher kommen könnte, da er, der Häftling, der sich mit Lachen und Liebe auskenne, sicher helfen könne. Heliane hört dies und kommt – immer noch entkleidet, denn ihre weiße Robe liegt ja auf der Bühne, dazu. Der entsetzte König versteht und interpretiert – falsch natürlich –  denn es ist ja nichts passiert, und will sie nun töten. Um Heliane zu schützen, entleibt sich der Fremde vor aller Augen. Und nun geschieht etwas seltsames, denn die vermeintliche Ehebrecherin soll zur Heiligen mutieren. Sie kann dem Scheiterhaufen entkommen, wenn sie den toten Fremdling wieder zum Leben verwecken vermag. Heliane stimmt dem Verdikt des Richters zu, schafft es dann aber nicht, die richtigen Worte zu sagen und gesteht, was sie nicht getan hat. Der König überlässt sie daraufhin der rasenden Meute, die auch sofort über sie herfällt, bevor sie dem Feuer übergeben wird. Wenn dann schon keiner mehr daran glaubt, dass sie den Toten wieder ins Reich der Lebenden bringen wird, erhebt dieser sich plötzlich. Da ist er nun, der Beweis der Reinheit und Unschuld und einer vereinten Liebe im Paradies steht nichts mehr im Wege.

Sara Jakubiak ist großartig, singt sauber und prägnant mit einer chromatischen Transparenz dem großen Orchester entgegen. Sie nimmt den kompletten Raum ein, auch wenn sie ganz leise singt. Aber auch Josef Wagner als König, Brian Jagde als der Fremde und die neidische, aufstachelnde Botin (Okka von der Damerau) sind bestechend. Ein besseres Team hätten Marc Albrecht und Christoph Loy nicht finden können.

Loy hat alles herrlich bescheiden gelassen. Das Bühnenbild besteht nur aus einem großen, holzgetäfelten Raum, der eher wie ein edler Büro aussieht. Bescheiden ist auch die Namensgebung, denn nur Heliane hat einen. Alle anderen heißen König, Fremder, Botin, Blinder. Auch die Kleider passen sich hier an. Chor und Solisten sind in schwarzen Business-look gekleidet, nur Heliane kommt zu Beginn als weiße Braut in den Kerker;  zum Prozess und zur Auferstehung trägt auch sie das kleine Schwarze.

Erich Wolfgang Korngolds „Das Wunder der Heliane“ ist eine Oper, die eigentlich aus ihrer Zeit gefallen und wo Musik und Thema viel besser ins 19. Jahrhundert passen, die aber heute wieder großartig dasteht. Absurd-symbolistisch ist das Werk, religiös-erotisch die Person der Heliane, der Hellen, Reinen, Schönen. Der österreichische Expressionist Hans Kaltenecker hat 1919 das Stück „Die Heilige“ geschrieben.  Hans Müller verfasste daraus das Libretto. Vielleicht hat er dabei auch an Herodots Geschichte von Kandaules und Gyges gedacht, auch hier steht eine nackte Frau zwischen zwei Männern, obwohl die Geschichte anders ausgeht.

Korngold hatte ein paar Jahre vorher, als knapp zwanzig Jähriger,  mit seiner Oper „Die Tote Stadt“ nach Rodenbach Novelle „Bruges la Morte“ in Hamburg und Köln einen riesigen Erfolg erfahren an den er mit  „Das Wunder der Heliane“ nicht anknüpfen konnte und so wurde sie – bis auf wenige Aufführungen in den letzten  Jahren – aus der Mottenkisten nicht mehr herausgeholt. Sentimental, schnulzig, triefend, anmutig, altmodisch empfand man sie damals und stellte sich  Kreneks im selben Jahr uraufgeführte Zeitoper „Jonny spielt auf“ entgegen,  die den technischen und kulturellen Fortschritt der neuen Sachlichkeit der 1920er Jahre hervorhob,  ganz schnell ein Welterfolg wurde und im selben Jahr Premiere feierte. Da konnte der spätromantische Expressionismus von Korngold nicht mithalten. Die Oper kam ranzig herüber und erinnerte an das 19. Jahrhundert, das in der Weimarer Republik ganz weit weg war.

Ulrich Schreiber erzählt, dass die Österreichische Tabakindustrie 1928 zwei neue Zigarettenmarken auf den Markt brachte. Eine preiswerte, Jonny und eine Luxusmarke Heliane, mit einem goldfarbenen Mundstück. Das zeigt, wie sehr die beiden Werke miteinander konfrontiert wurdenn. Aber das nützte nichts. Weder Lotte Lehmann in Wien drei Wochen nach der Hamburger Uraufführung noch die Berliner Version konnten Jonnys Siegeszug durch die Welt erreichen, ja nicht mal hinterher hecheln.

Korngolds Heliane-Musik ist ein sehr gelungenes pasticcio ohne Schwächen oder Längen zwischen Wagner, Strauss und Puccini bei dem dann und wann ganz kurz Passagen durchklingen, die seine Filmmusik, mit der er ab 1930 in Hollywood viele Preise gewinnen wird, ankündigen.

Christa Blenk

 

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Ein Deutsches Requiem

SanLorenzo Street Art
Street Art Rom

Konzert am Karsamstag

Das Konzerthausorchester Berlin und der Philharmonische Chor Berlin unter Leitung von Michael Sanderling führten gestern abends im Konzerthaus das Deutsche Requiem op. 45 von Brahms auf.  Ein „gewaltiges und ergreifendes Stück“ nannte es Clara Schumann. Ihr hatte Johannes Brahms vorab, wohl 1865, die Noten eines Teils zukommen lassen. Brahms, der sich in der Bibel gut zurechtfand,  hatte dafür Textstellen aus dem Alten und dem Neuen Testament, Psalmen sowie Teile aus dem Buch Jesaia  in Ton gesetzt und Hoffnung, Trauer, Freude, Leid und Glück  zum Ausdruck gebracht. Es ist eine Komposition für Sopran- und Bariton-Solo, Chor und Orchester  und entstand um 1866. Angefangen mit der Zusammenstellung der Texte hat Brahms allerdings  schon knapp 10 Jahre früher.  1867 wurden durch den Wiener Singverein erstmals nur die ersten drei Sätze aufgeführt, mehr Durchhaltekraft traute man dem Publikum wohl nicht zu. Eduard Hanslick hat es allerdings durchaus positiv bewertet.

Das Werk dauert gute 60 Minuten (wobei es Versionen gibt, die 10 Minuten länger dauern), es besteht aus sieben Sätzen die von den beiden verwandten Teilen I und VII eingerahmt sind.  Teil III, V und VI sind mit Singstimme, der Chor spielt die Hauptrolle und ist immer dran.

Chor und Bariton Michael Nagy haben sehr textverständlich gesungen; die Sopranistin Christina Landshamer war leider nur ansatzweise zu verstehen.  Sanderling hat das Orchester sehr lyrisch geführt und hat manchmal an Haydns Schöpfung denken lassen.

Neben Bachs h-Moll-Messe,  der Matthäus-Passion oder dem Weihnachtsoratorium gehört Brahms‘ Requiem zu den großen geistlichen deutschen Kompositionen und Chorwerken.  

Vor der Pause spielte Martin Schmeding an der Orgel Franz Liszt Variationen der Bachkantate „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ . Diese Bachkantate entstand in seiner Weimarer Zeit und Bach hat sie 1714 für den dritten Sonntag nach Ostern komponiert. Liszt hat sich vor allem auf den Eingangschor der Kantate konzentriert.  Die Bassmelodie drückte im Barock Schmerz und Trauer aus. Den ostinaten Bass hält auch Liszt die ganze Zeit bei und springt von leiser Verzweiflung zu rasender Wut um kurz vor Ende den Schlusschoral der Bach Kantate „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ anklingen zu lassen. Liszt hat es 1859 geschrieben, nach dem Tod seiner Tochter Blandine.

cmb

 

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Karfreitagskonzert in der « Kirche zur Frohen Botschaft »

 
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 © Rebecca Ewald

 

Öffentliche Generalprobe in Karlshorst

Ostern ohne das Stabat Mater von Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736)  ist eigentlich gar nicht denkbar. Es nutzt sich nie ab, dieses wunderbare Werk und bringt immer wieder neue Interpretationen hervor. Von den zwölf Sätzen insgesamt hat Cornelia Ewald, die Leiterin des Studiochors Karlshorst, der Kantorei Karlshorst und dem Jungen Bach Ensemble die ersten sechs, die Schönsten, ausgesucht und es mit den wunderbaren Solistinnen Alessia Schumacher (Sopran) und Christina Hiemsch (Alt) einstudiert.

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 © Rebecca Ewald

Mit vielfältig-trauriger Chromatik, cremiger Weichheit, trillernder Energie, zitternder Erschütterung, rhythmischem Continuo und gedämpfter Stimmung kommt es daher dieses überwältigend schöne Werk, welches Pergolesi kurz vor seinem viel zu frühen Tod 1736 komponierte. Töne, Stimmen und Instrumente fusionieren zu einer perfekten Melodik. Im 18. Jahrhundert gehörte es zu den beliebtesten Werken; Salieri schrieb eine eigene Version davon und der große Bach arbeitete das Stabat Mater zu einer Kantate um. Im 20. Jahrhundert verarbeitete Strawinsky Teile von Pergolesis Werk für sein Ballet « La Pulcinella ». 

Das Junge Bach Ensemble hat auf energische Langsamkeit gesetzt und wir lernen es durch die Wiederholungen und Erklärungen der Leiterin aber auch durch die Anmerkungen der Musiker noch besser kennen und freuen uns über jede nicht sitzende Note, um eine Arie nochmals hören zu können. Cornelia Ewald hört genau hin, was die Solisten oder Musiker einbringen und man spürt den gegenseitigen Respekt.   

Des Weiteren stand die Motette von Heinrich Schütz aus der Geistlichen Chormusik (1648) auf dem Programm und  « Wer bis an das Ende beharrt, der wird selig » aus Felix Mendelsohn-Bartholdys (1809-1847) Oratorim « Elias » auf dem Programm. Das zweite highlight des Konzertes war die Bach Kantate BWV 12 « Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen » (1714). Die Kantate ist in Bachs Weimarer Konzertmeister-Zeit entstanden und er hat sie für die dortige Schlosskapelle im April 1714 für den dritten Sonntag nach Ostern (Jubilate) komponiert. Die Solisten hier waren Berk Altan (Tenor) und Pierre Chastel (Bass). 

Bewundernswerte Aufführung mit sehr guten Sängern und Musikern und einer enthusiastischen Leiterin. 

 

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  © Rebecca Ewald

 

Christa Blenk

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Stabat Mater auf Usedom

Stabat Mater durch Concerto Romano

 

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Adam’s Passion

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Stille, Licht und Langsamkeit.

Im Jahre 2009 sind sich Robert Wilson und Arvo Pärt im päpstlichen Wartesaal in Rom begegnet. Papst Benedikt XVI gab eine Audienz für 250 Künstler und Wissenschaftler. Aus diesem Anlass sang ein Kinderchor Werke von Arvo Pärt. Aufführung und Werk begeisterten Robert Wilson und die Beiden beschlossen, gemeinsam ein Projekt zu realisieren. Natürlich konnte nach dem Aufeinandertreffen von zwei Minimalisten in päpstlicher Gesellschaft nur etwas Biblisches entstehen und das war dann auch der Beginn von Adams’s Passion, ein Zusammenschnitt von den schon existieren Kompositionen « Adam’s Lament » (2010), « Miserere » (1989-1992), dem Doppelkonzert für zwei Violinen « Tabula Rasa » (1977) sowie dem Orchesterwerk « Sequentia“ (2014), in Szene gesetzt von Robert Wilson.

Zuerst war nur Licht. Adam steht wie eine bewegungslose, aus einer Nebelwolke kommende, Schaufensterpuppe  in romantischer Position mit dem Rücken zum Publikum – so wie in Gott geschaffen hat. Die Musik dazu, Sequentia“  hat Arvo Pärt  2014 Robert Wilson gewidmet und trägt uns ganz weit weg. Nun ist Geduld befragt, denn  Adam (Michalis Theophanous) braucht gefühlte 30 Minuten bis er sich auf dem schwarzen catwalk, der ins Publikum führt, vorwärts bewegt, sich einen Zweig auf dem Kopf drapiert und wieder auf die Bühne zurück schreitet. Der Anzug, den er dann trägt zeigt uns, dass er mittlerweile aus dem Paradies vertrieben wurde und schon mitten in den Übeln der Welt und unterschiedlichen Menschen steht. Spirituell, religiös und meditativ und mit viel Symbolik werden  Erschaffung und Zerstörung der Welt dargestellt:  eine Leiter, Ziegelsteine, ein fliegendes Haus, der Baum der Erkenntnis und noch mehr lächerliche Zweige sowie Kinder, die MPs aus Holz über die Bühne tragen.  

Die Tanzikone Lucinda Childs im Raumschiff-look tut es Adam nach und bewegt sich ihrerseits mit großartiger Langsamkeit von einer Seite der Bühne zur anderen was manchmal etwas pathetisch wirkt. Man fragt sich zum Schluss, ob es nicht ohne das prätentiöse Geschehen für die Musik besser gewesen wäre.

Arvo Pärt ist 1935 in Tallinn geboren und zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen Komponisten. Pärt hat eine Vorliebe für religiöse Motive und kommt mit seinem Musikstil bei den anderen Avantgarde Komponisten nicht immer gut an. Wörter und Texte gehören zu seiner Musik wie das Licht zu Wilson gehört.

Robert Wilson ist zehn Jahre nach Pärt in Texas geboren, studierte zuerst Betriebswirtschaft und ging 1963 nach Brooklyn wo er Architektur, Fotografie und (Licht)Kunst studierte und mit Choreografen wie George Balanchine und Merce Cunningham arbeitete. Schon 1976 gelang ihm in Avignon der Durchbruch mit der Oper „Einstein on the Beach“, eine Produktion mit Philipp Glass und Lucinda Childs. In den 1980er Jahren realisierte er Projekte mit Heiner Müller. Wilson arbeitet weltweit mit den großen und bedeutenden Theatern sei es Hamburg, Paris, Zürich, Mailand, Salzburg oder Berlin. 

Tönu Kaljuste stand gestern am Pult vor dem Konzerthausorchester Berlin mit dem ausgezeichneten estnischen philharmonischen Kammerchor und ausgezeichneten Solisten.  

Christa Blenk

 

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Zehlendorfer Hauskonzerte – Franz Trio und mehr

CELLO
Zeichnung: Emanuel Borja

 

Gestern Abend haben die ausgezeichneten Streicher Avigail Bushakevitz (Violine), Melanie Richter (Violine), Ernst-Martin Schmidt (Viola), Taneli Turunen (Violoncello) und Alexander Kahl (Violoncello) bei einem kurzfristig organisierten Hauskonzert ein geradezu brillant zusammen gestelltes Programm  im  gerammelt vollen Wohnzimmer in Zehlendorf vorgetragen und damit an die 50 Musikliebhaber an einer großartigen Vorpremiere teilhaben lassen. Avigail Bushakevitz ist – zusammen mit ihrem Ehemann, dem Bratschisten Ernst-Martin Schmidt und  der Cellistin Constance Ricard – Mitbegründerin des Franz-Trios.

Das Konzert eröffnet mit einem Werk des ungarischen Komponisten Zoltán Kodály (1882-1967).  Kodály hat die Serenade für zwei Violinen und Viola 1920 komponiert – in  einer für ihn persönlich und politisch schwierigen Zeit. Bekannt geworden ist diese Preziose dann 1922 anlässlich einer Aufführung in Salzburg im Rahmen eines Kammermusikfestivals durch das Amar-Hindemith Quartett mit Paul Hindemith persönlich an der Viola. Ungarische Musikelemente, Pustawind und verrückte Rhythmen zeichnen es aus und dauert 25 spannende Minuten.

Weiter geht es mit dem Trio à Cordes (Streichtrio) von Jean Françaix  (1912-1997). Hier kommt ein bezauberndes Jugendwerk pour faire plaisir, wie Jean Françaix seine Musik definierte. Filigran und zart hüpft die Komposition von tänzerischen Walzer- zu Tangorhythmen, weiter  zu einem neoklassischen und spätromantischen Expressionismus bis plötzlich barocke Lully-Tambourine anklopfen, Elemente, die puren Bonheur in die Gesichter der glücklichen Zuhörer (und der Musiker) zaubern. Denen sieht man es an, wie sehr es sie amüsiert, dies zu spielen. Wahrscheinlich hat Françaix  es auch mit einem Lächeln im Gesicht komponiert. 

Jean Françaix entstammte einer Musikerfamilie und hat bei Nadia Boulanger in Paris studiert. Damals kannte man das Wort  crossover in der Musik noch nicht, er hat es aber praktiziert,  sich ohne Berührungsängste mit allen Musikstilen und Gattungen befasst und eine Brücke vom Oratorium zur Filmmusik gebaut.  Den größten Ruhm hat er dann aber doch mit der Kammermusik erreicht.  Seine Werke verbinden Scherz und Humor mit schlagfertiger Freude.  Françaix hat das Stück 1933 für das Brüder-Trio Pasquier komponiert. Die Interpreten haben ihn sehr gut verstanden!

 

QNG

 

Jetzt hängt die Latte hoch! Kurze Pause zum Lüften und konzentrierte Vorfreude auf eines seiner Großwerke: Das  Streichquintett C-Dur op. post 163 D 965 von Franz Schubert (1797-1828). Obwohl Schubert er nur zwei Monate vor seinem Tod komponiert hat, tut man sich schwer es Spät- oder Alterswerk zu nennen, denn er war ja nur 30 Jahre alt!  Das haben die Musiker auch so gesehen und es sehr temperamentvoll-innig vorgetragen. Schubert griff hier auf eine eher ungewöhnliche Kombination von zwei Geigen, zwei Celli und einer Bratsche zurück. Fast 50 Minuten dauert es, ein Drittel davon gehört dem ersten Satz. Tragisch-schön, pendelt es sich zwischen verlorener Zuversicht und unerfüllter Hoffnungen. Es beginnt mit einer nostalgisch-tragischen Endlosschleife, wütet durch finstere Gewitterwolken und aufreißende Himmel und plötzlich verstehen wir, warum Kodálys Serenade dieses Konzert eröffnet hat: hier sind sie, die ungarischen Tanzrhythmen in Schuberts Rondo

Die Uraufführung dieses kammermusikalischen Schwanengesangs hat der Komponist allerdings nicht mehr erlebt, denn dazu hätte er noch 22 Jahre leben müssen. So lange hat es nämlich gedauert, bis es im Jahre 1850 endlich in Wien aufgeführt wurde. Das lag zu allererst an der Resistenz dem Stück gegenüber von Musikwelt und Verleger.

Am 25. März findet dieses schöne Konzert im Berliner Konzerthaus (Matinee) statt, allerdings ist es schon lange ausverkauft. Glücklich diejenigen, die eine Karte haben!

 

Christa Blenk

 

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Stabat Mater – Dvorak

La Pietà Rondanini - Michelangelo
Pietà Rondanini (Michelangelos letztes Werk / Mailand)

 

1875 begann Antonin Dvorak mit der Arbeit an seinem Stabat Mater. In dieser Zeit verstarb seine Tochter Josefa gleich nach der Geburt.  Damit war aber die Familientragödie noch nicht beendet, denn bis zur Fertigstellung zwei Jahre später hat verlor die Familie Dvorak noch weitere zwei Kinder. Seinem Stabat Mater merkt man das nicht wirklich an. Es kommt ganz positiv und symphonisch daher und lässt hin und wieder ganz kurz an Verdi oder an Belcanto denken. Mehr noch, die  ersten Minuten würde man nicht mal an ein religiös geprägten Werk denken.  Es ist ser gesanglich, samtig, harmonisch und rund!  

Die Aufführung gestern Abend in der Philharmonie – es sang der Philharmonische Chor Berlin begleitet von der Staatskapelle Halle unter Leitung von Jörg-Peter Weigle – war korrekt und würdig, die Solisten gut.  Nicht ganz sauber gleich zu Beginn, haben sie alle im Verlauf der knapp 90 Minuten immer mehr zusammen gefunden. Hervorzuheben vor allem die Altistin Ingeborg Danz und Andreas Bauer (Bass).  Simone Schneider (Sopran) und Tomasz Zagorski brachten ihre Arien sehr lyrisch und das Orchester brachte einen satten Klang hervor.

Heute hat das Stabat Mater große und majestätische Chorwerk einen festen Platz in der Passionszeit und unzählige Komponisten von Pergolesi, über Rossini bis Rihm haben sich damit befasst. Während bei Pergolesi alle schöne Arien den Solisten gehören, sind es hier vor allem die Chorpartien und eine ausgewogene Instrumentalisierung des großen Orchesters, die die erste Geige spielen. Die Solisten ergänzen hier eher den Chor! Weigle hat aber durchaus eine Ausgewogenheit herstellen können.

1880 wurde das Werk in Prag uraufgeführt und kam zwei Jahre später in Brünn und Budapest zur Aufführung. Den internationalen Durchbruch erfuhr es allerdings nochmals zwei Jahre später in London als ein Chor bestehend aus 800 Sängerinnen und Sänger mit einem Riesenorchester es in der Royal Albert Hall vor 8000 Zuhörern aufführte.

 

cmb

 

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Zehlendorfer Hauskonzerte – Noga Quartett im Quintett

Entdeckung

Zerrissene Töne im Winter

Der gestrige Abend war dem polnischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) gewidmet. Hierzu kam das großartige Noga-Quartett ins Wohnzimmer nach Zehlendorf mit Weinbergs Klavierquintett f-Moll op. 18 im Gepäck. Am Klavier die wunderbare Pianistin und Weinberg-Expertin Katarzyna Wasiak. Im Entstehungsjahr 1944 lebte Mieczyslaw Weinberg schon in der Sowjetunion.

Das Klavierquintett besteht aus fünf Sätzen, die permanent auf der Suche sind, Chaos in Ordnung zu verwandeln, ein brillanter Schlagabtausch zwischen Klavier und Streicher.  Einmal spielt das Klavier die erste Geige, gibt aber gleich wieder den Stab ab und lässt die Streicher wüten. 

Eine Reise im Trauerflor in der kalten Jahreszeit.

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Die erklärenden Worte der Musiker zu Beginn des Konzertes – für die die gestrige Aufführung eine Premiere war und die selber noch dabei sind, zu Stück zu entdecken bzw zu verstehen  – haben dazu beigetragen, dem Stück ein wenig mehr als sonst näher zu kommen. Eine Flucht, ein unfreiwilliger Aufbruch ins Ungewisse. Dramatisch-wütende Verfolgungsszenen gleiten in melancholisch, samtige Tristesse ab, um dann gleich wieder zu  Donner- und Kanonenhall des Pianos und krampfhaftem Weinen der Geigen über zu gehen, bereit, die Zuhörer in große Emotionen zu stürzen. Immer wieder rappelt es sich auf und kommt dann plötzlich ganz tänzerisch daher, von (Trauer)Marschtakten, pastoralen Walzertönen über dumpfen Rock n’Roll des Klaviers zu einem  « irischen » Squaredance der Streicher. Im Laufschritt von hoffnungslosen Monologen hin zu  hoffnungsvollen Fragezeichen, von wolkenaufreißender, hektischer Helligkeit bis es langsam im Dunkeln aushaucht. 

Stille!

Einfach umwerfend, die Musik und die Interpretation. Jetzt bitte ein da capo, um all das zu hören, was aufgrund der großen Klangfarben- und Fülle unterging oder zu schnell verflog.

Weinberg war Sohn eines jüdischen Musikers und studierte Klavier am Warschauer Konservatorium, floh 1939 nach dem deutschen Überfall auf Polen über Minsk und Taschkent, wo er seine Studien fortsetzte. Er verlor seine komplette Familie im KZ, richtig bewusst wurde ihm das allerdings erst 30 Jahre nach dem Krieg.  Schon 1943 nahm er Kontakt zu Schostakowitsch auf, der ihn nach Moskau einlud, wo er bis zu seinem Tod bleiben sollte. Die beiden standen in permanentem Austausch über die jeweilige Musik.

In der Oper „Die Passagierin“, die als sein Hauptwerk gilt, arbeitet Weinberg das Thema Auschwitz auf. Sie wurde vor ein paar Jahren – viel zu spät – als Weltpremiere bei den Bregenzer Festspielen aufgeführt.

Weinberg hinterließ ein umfassendes Werk, das einen Bogen von Filmmusik zu Symphonien spannt und man kann schon sagen, von Bela Bartok und Schostakowitsch beeinflusst ist.

Das Noga Quartett gründete sich  2008: Simon Roturier, Lauriane Vernhes (Violine), Avishai Chameides (Viola) und Joan Bachs (Cello) gehören ihm an.  Die Musiker sind in verschiedenen großen Berliner Orchestern tätig. 2015 hat dieses ausgezeichnete Berliner Quartett übrigens die 7. Melbourne Chamber Music Competition gewonnen.

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Die polnische Pianistin Katarzyna Wasiak stammt aus einer Musikerfamilie und begann schon mit sieben Jahre ihre musikalische Ausbildung in Breslau. In Wien hat sie Musik und Darstellende Kunst studiert und setzte ihre Studium 2006 in Berlin fort (Hochschule für Musik Hans Eisler).  Sie scheint verwachsen mit ihrem Klavier zu sein und zeigt durch ihre Körpersprache eine große gleichberechtigte Auseinandersetzung mit jedem Anschlag oder Ton.

Eine Sternstunde am Berliner Konzerthimmel war dieser Abend! Bis Juli soll das Quintett noch weitere Male aufgeführt werden – und wir werden uns das nicht entgehen lassen; eine CD-Einspielung wird es auch geben.

Christa Blenk

Fotos: Am Schlachtensee (März 2018)

 

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Konzert im Großen Sendesall – Haus des Rundfunks

Konzert im Großen Sendesaal Haus des Rundfunks am 10. März 2018 mit dem Abonnentenorchester des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter Leitung von Heinz Radzischewski und der Humboldt Big Band (Leitung Armando Carillo Zanuy)

Sänger der Big Band: Kristina Svensson und Johannes Held.

Außer Verdis Ouvertüre zu „Macht des Schicksals“ und Schostakowitschs « Ballet Suite No. 1″ traute sich das Orchester an Philip Glass  Konzert für Violine, Violoncello und Orchester mit den sehr guten Solistinnen Kamila Glass (Violine) und Lesli Riva Ruppert (Violonvello).

Philip Glass gilt neben Steve Reich als der wichtigste Vertreter der Minimal Music. Vor allem die Begegnung mit Ravi Shankar hat Glass zu seinem repetitiven und hypnotischen Musikstil inspiriert. Peter Sellars sagte einmal:  „Bei Phil ist es ein bisschen wie bei einer Zugfahrt einmal quer durch Amerika: Wenn Sie aus dem Fenster sehen, scheint sich stundenlang nichts zu verändern, doch wenn Sie genau hinsehen, bemerken Sie, dass sich die Landschaft sehr wohl verändert – langsam, fast unmerklich.“ Immer wieder komponierte Philip Glass Musik fürs Kino oder Fernsehen (hervorzuheben hier der Film Koyaanisqatsi (1983) mit dem Glass’ Musik große Popularität außerhalb der Klassikgemeinde erreichte und ihn der  New-Age-Bewegung zuordnete. Glass erarbeitete einige seiner wichtigsten Projekte mit Robert Wilson (« Einstein on the Beach »). Von ihm stammt auch die Überarbeitung der  Eröffnungsmusik der Olympischen Sommerspiele 1984 in Los Angeles.

Das originelle und einzigartige Doppelkonzert für Violine, Cello und Orchester ist ein Dialog zwischen den Soloinstrumenten und dem Orchester; es entstand 2010 im Auftrag des Netherlands Dance Theater als Choreografie für Sol Léon und Paul Lightfoot.

Großzügige Zugaben mit Werken von Lecuona, Piazzola und Soundtracks von bekannten Westernserien.

 

cmb

 

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Französisches Opern Pasticcio

Les beaux jours de l’amour (die schönen Tage der Liebe)

Der französische Dirigent Raphael Pichon stellte ein Programm aus Opern von Rameau und Gluck zusammen, eine Art Pasticcio à la française mit Prolog, drei Akten und Apotheose.

Die Leistung der französischen Sopranistin Julie Fuchs ist noch bedeutender wenn man bedenkt, dass sie erst zwei Stunden vor Konzertbeginn aus Paris eintraf. Sie war kurzfristig für die erkrankte Sabine Devieilhe (für die das Programm eigens zusammen gestellt worden war) eingesprungen. Zarte  Arien, wunderbare Flöteneinsätze,  Orchesterstücke, Tambourins, Ritornelles, Chaconnes oder Rondeaus aus Jean-Philippe Rameau (1683-1764) Opern wie  “les Indes Galantes, Les Boréades, Castor et Pollux und Christoph Willibald (Ritter von) Gluck (1714-1787) Orfreo ed Euridice  strebten an diesem ungewöhnlichen Abend einem fulminanten und furiosen Finale entgegen und Julie Fuchs legte die zuerst gezeigte schüchterne Leichtigkeit gänzlich zur Seite als sie umwerfend und witzig-graziös die Arie der Folie aus Platée hinschmetterte und mit großer Komik den Dirigenten vom Pult stieß und mit Musikern und Publikum kokettierte.

Beide, Rameau, der erst mit 50 Jahren seine erste Oper komponierte, und Gluck sahen sich gefordert, den Opernstil zu reformieren als sie beide im Spätbarock in Paris agierten.

Großartiger französischer Pasticcio-Opernabend am 28.02.2018!

cristina crespo
Cristina Crespo

cmb

 

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La Serva Padrona

Das ausgezeichnete Freiburger Barockorchester zu Gast im Kammermusiksaal der Philharmonie mit einem fast ausschließlich Pergolesi gewidmeten Programm.

Von geistlicher Musik zur Opera-Buffa. 

Den Anfang machte ein kleines Ensemble mit dem Concerto armonico Nr. 5 f-Mol von Unico Wilhelm Graf van Wassenaer (1692-1766). Man hat diese kleine Preziose oft Pergolesi zuordnen wollen, der in nur 26 Lebensjahren ein großartiges Werk hinterlassen hat. Gleich darauf dann aber ein echter Pergolesi, das  Concerto B-Dur, angeführt vom Konzertmeister Gottfried von der Goltz. Zum dritten Teil vor der Pause kam die Sopranistin Sunhae Im in cremefarbener Spitze auf die Bühne und hat Pergolesis Salve Regina c-Moll eher enttäuschend vorgetragen. Viel zu unbeteiligt und kalt gesungen,  nicht die kleinste Emotion konnte entstehen und man hat sie immer nur ein wenig von der Seite gehört.

Das hat sie dann nach der Pause aber gleich wieder wett gemacht als Serpina in Pergolesis Intermezzo „la serva padrona“. Zwei Personen und eine Pantomime verzaubern 40 Minuten lang das Publikum mit Witz, Charme, Slapstick und schöner Musik. Hier geht es eigentlich nur darum, ob der patrone seine Schokolade bekommt oder nicht. Der junge Theaterregisseur und Geiger Tristan  Braun hat in diese halbszenische Aufführung die Musiker mit eingebunden, die dann auch abwechselnd eine kurze Rolle übernehmen, und trat selber als tätowierter Halbstarker und Pseudo-Bräutigam von Serpina auf. Commedia dell’Arte pur!  

Sunhae Im trägt hier nun ein freches Spitzenkleid und ist ganz Herrin ihrer Ideen und Pläne und schäkert mit Braun durch den ganzen Saal. Uberto wird von Furio Zanasi, großartiger Bariton, schnell und sicher,  gesungen und gespielt und man weiß von der ersten Minute an, dass er gegen Serpina einfach keine Chance hat und als Verlierer aus dieser Geschichte hervorgehen wird. 

Hier zu einer anderen Aufführung in Rom

Christa Blenk

 

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Akademiekonzert im Pierre Boulez Saal

Instrumente

 

Akademiekonzert im Pierre Boulez Saal am 30. Januar 2018

Der Franzose Jean Françaix (1912-1997) stammt aus seiner Musikerfamilie und studierte bei Nadia Boulanger. Schon mit 20 Jahren errang er seinen ersten Erfolg mit einem Concertino für Klavier.

Blasinstrumente mochte er besonders und es gibt keinen anderen Komponisten des 20. Jahrhunderts, der so viel für Bläser komponierte wie Francaix. Außer Opern stammt auch auch Filmmusik (Musique pour faire plaisir) von ihm.

Die drei jungen Musiker des Akademiekonzertes am 30. Januar Estelle Akta, Parisa Saeednezhad und Nur Meisler eröffneten das Konzert mit Jean Francaix‘ Divertissement für Oboe, Klarinette und Fagott. Es entstand 1947 und kommt leicht und elegant daher. Meisterhaft, unterhaltend und humorig-geistreich, voller rhythmischer Einfälle und Eigentümlichkeiten baute er eine seiner Brücken vom französischen Barock  über Mozart direkt ins 20. Jahrhundert und flirtet mit der Filmmusik. Francaix kommt aus Le Mans und dort hat ihn nicht das 24-Stunden-Rennen inspiriert, sondern die großartige Kathedrale. Die drei Solisten haben sein Werk auch mit der nötigen Hingabe und voller Humor gespielt.

Der zweite Teil des knapp einstündigen Konzerts war dann Brahms gewidmet. Die Studierenden der Barenboim-Said-Akademie David Moreau, Hisham Khoury, Benjamin Voce und Teresa Beldi interpretierten Johannes Brahms Streichquartett a-moll op 51.Nr. 2, das Brahms 1873 komponierte.

Viel Applaus von einem sehr aufmerksamen Publikum.

Das nächste Akademiekonzert findet am 2. Februar 2018 statt.

cmb

 

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Gastveranstaltung Estonian Festival Orchestra in der Philharmonie

kammermusiksaal mit Notenständern

 

Gestern abend war das Estonian Festival Orchestra mit Paavo Järvi am Pult zu Gast in der Philharmonie. Paavo Järvi ist zurzeit einer der populärsten Dirigenten. Er gründete sowohl das Pärnu Music Festival in Estland als auch das dazu gehörige Estonian Festival Orchestra, bei dem die hoffnungsvollsten Nachwuchsmusiker Estlands große Solisten aus anderen Orchestern treffen. Gestern begleitete  die russische, talentierte Geigerin  Victoria Mullova das Orchester, das zum ersten Mal auf großer Tournee unterwegs war.

Viktoria Mullova verzauberte das Publikum mit Ihrer Darbietung bei Jean Sibelius’ « Konzert für Violine und Orchester d-Moll, op 47″ und mit einer großartigen Zugabe von Arvo Pärts Passacaglia für Violine und Klavier, die 2003 als Auftragswerk des Internationalen Violinwettbewerb Hannover entstand.

In Estland ist Arvo Pärt geboren und von ihm wurden noch die zwei anderen Werke  „Cantus in memory of Benjamin Britten“, und „Fratres für Streichorchester und Schlagzeug“ aufgeführt. Cantus in Memoriam Benjamin Britten entstand 1977 und ist wohl eines der bekanntesten Werke von Arvo Pärt (*1935, Estland). Es ist von dem von ihm entwickelten Tintinnabuli-Stil geprägt. Ein fast religiöses Werk, das über den Tod philosophiert. Das Stück braucht viel Stille und Järvi lässt seine Hand lange nicht sinken bevor das Publikum endlich applaudieren darf. Schöner wäre es noch ganz ohne Applaus gewesen. Gerne wird diese Komposition auch als background-Musik bei Filmen oder Serien eingesetzt. 

Fratres entstand ebenfalls 1977, Pärt hat diese Mitternachtsprozession der Mönche mittlerweile für unterschiedliche Instrumentalkombinationen verarbeitet.  Dem liturgisch-asketisch-minimalen Psalmenwerk merkt man an, dass sich Pärt in der Entstehungszeit  viel mit mittelalterlicher Musik befasst hat,

Nach der Pause gab es dann noch  Dmitri Schostakowitsch instrumentale Sinfonie Nr. 6. Sie entstand  im September 1939. Von nachdenklich -lyrisch im ersten Satz sprint sie zu einem gewaltig-pompösen Finale. Stimmungen von Frühling, Freude und Jugend wollte Schostakowitsch damit vermitteln. Das Orchester hat sich gut geschlagen und bekam sehr viel Applaus.

Viktoria Mullova tritt mit fast allen großen und bedeutenden Orchestern auf. Die Russin lebt in London und ist mit dem Cellisten Matthew Barley verheiratet. Sie studierte an der Moskauer Zentralschule für Musik im Hauptinstrument Violine und später bei Leonid Kogan am Moskauer Konservatorium fort. Schon seit 1980, als sie den Sibelius Wettbewerb in Helsinki gewann, ist sie auch international bekannt. Dann folgten Preise über Preise.

Der Dirigent und Schlagzeuger Paavo Järvi kommt aus einer Musikerfamilie. 1980 reiste er in die USA, um dort seine Ausbildung bei Leonard Bernstein zu vervollständigen. Die Dirigenten-Karriere begann 2001. Ab 2019 wird er Chefdirigent und künstlerischer Leiter des Tonhalle-Orchesters Zürich.

 Sehr schönes Konzert!

Christa Blenk

 

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Die Zauberflöte – von 1927

Artikel über die Premiere 2012 auf KULTURA EXTRA

 giardini notturno
Bild: Cristina Crespo (hat nichts mit der Inszenierung zu tun)

 

Mozarts Zauberflöte im infantilen Animationswald

Papageno, der ja – außer Essen und Trinken – nichts so gerne tut wie Reden, wird hier in einen Stummfilm verbannt und muss sich plötzlich in den Filmwelten von Metropolis oder Modern Times durchsetzen. Prinz Tamino ist ein Abklatsch von Buster Keaton.  Pamina sieht aus, als ob sie gerade aus einem 20er Jahre Kabarett entwischt wäre und zum Charleston geht, Monostatos ist ein Abbild von Nosferato, die Königin der Nacht schürt die Araknaphobie und lässt viele kleine gruselige Spinnen auf Pamina purzeln und Sarastro gleicht Abraham Lincoln, der einen Flohzirkus dirigiert.

Außer viel Animation, die mit der Zeit sehr ermüdend wird, gibt es eine weiße Wand und Podeste an der Wand, auf denen die Protagonisten dann und wann erscheinen, wenn sie nicht gerade vor irgendetwas weglaufen, bedroht werden oder von über die Leinwand huschenden Bikini-tragenden rosa Elefanten abgelenkt werden, die auf dem Weg zu einer Hühnerlegestation sind und den hungrigen Papageno  gebratene Hähnchen vorspiegeln, die dann aber doch an ihm vorbeiziehen. Die Bühne ist so gesehen inexistent und lebt durch eine Zwei- und Dreidimensionalität.

Suzanne Andrade und Paul Barritt zitieren die russischen Konstruktivisten, den Maler Hieronymus Bosch und Luis Buñuels Augen sind omnipräsent. Alles ist wahr und doch nicht, wenn die Sänger nur mit den Beinen rennen, virtuelle Katzen streicheln oder die Abgesandten der Königin pochende rote Herzen schmachtend auf Tamino werfen.

Alles was in dieser Oper sonst gesprochen wird, muss man, wie beim echten Stummfilm, lesen, begleitet von einem Hammerklavier aus dem 18. Jahrhundert.

Technisch sicher eine Meisterleistung, voller Codes, damit die Musik nicht zu den Bildern laufen muss. Aber es reicht nicht, das Pulver ist sehr schnell verschossen und eine gähnende Langeweile stellt sich ein, wenn zum dritten oder vierten Mal der gleiche Effekt präsentiert wird.

Der Hausherr der Komischen Oper Barrie Kosky hat sich diese Zauberflöte zusammen mit der Gruppe „1927“ ausgedacht. Die Premiere im November 2012 war ein riesiger Erfolg. Seitdem wird diese ganz andere Zauberflöte ein paarmal im Jahr wieder aus der Opernkiste geholt.

Jordan de Souza stand am 5. Januar am Pult. Adela Zaharia war eine schöne Pamina, spritzig und sauber; Adrian Strooper war Tamino. Aleksandra Olczyk hat sich als „Spinnen“-Königin der Nacht gut geschlagen. Papageno war Tom Erik Lie und wurde um viele schöne Stellen oder Szenen beraubt und die Musik kommt entschieden zu kurz.

Na ja, dann doch lieber die alte Everding-Inszenierung der Staatsoper!

Christa Blenk

 

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Blog Highlights 2017

Liebe Leserinnen und Leser,

Hier sind nochmals die kulturellen Highlights der letzten 12 Monate nachzulesen, Verbindungen werden hergestellt und Brücken gebaut – wie es nur Musik und Kunst fertig bringen. Dieses Jahr wird der Übergang von einem Kulturevent zum anderen über eine venezianische Brücke von statten gehen. Es geht deshalb auch nicht immer chronologisch zu auf dieser Reise durch 2017!

P1060051 Avanti Avanti. Mit einem spritzigen Silvesterkonzert in der Komischen Oper fing das kulturelle Jahr 2017 an. Max Hopp rollte Volare Volare singend (und tanzend) mit der Vespa (aber nicht mit dieser – diese habe ich auf der Biennale in Venedig entdeckt) auf die Bühne – jedenfalls hatte er das vor … aber lesen Sie selber.

Brücke ohne Geländer Tanzend ging es auch gleich weiter mit den Tanztagen in Berlin . Surrealistisch und perfekt. Duato Shechter gab es in der Komischen Oper. Großartig war auch eine Aufführung des Nederlands Dans Theaters Anfang Dezember.

venezia3  Die Kriminellen der Frau A   war ein ausgesprochen packendes Erlebnis zwischen Theater, Kunst und Musik. Die Oper Ovartaci crazy, queer & loveable ist ein work in progress und erzählt Abschnitte aus Ovartacis Leben. Wir freuen uns schon auf den nächsten Teil!

P1050886 Viel klassische und konventionelle Oper gab es natürlich auch. Hervorzuheben  Salomé in der Deutschen Oper, eine großartige Aufführung von Purcells King Arthur. Abwechselnd zwischen Staatsoper, Komischer Oper und Deutscher Oper gibt es Berichte über  Petruschka, Hoffmanns Erzählungen, Don Giovanni, Der fliegende Holländer, Jacob Lenz, Elektra , La damnation de Faust oder Lohengrin. Sehr zu empfehlen hier Philipp Glass’ Satyagraha  in der Komischen Oper und L’Invisible von Aribert Reimann in der DO. Nicht sehr überzeugend und ein wenig langweilig war Tod in Venedig.

P1050884 Das Georg Kolbe Museum hat gleich drei großartige Ausstellungen in den eher armen Berliner Ausstellungshimmel geschossen. Georg Kolbe im Netzwerk der Moderne , eine umfassende Recherche über Flechtheim und kurz vor Jahresende Emil Cimiotti. Dazu passte perfekt die Ausstellung über Rudolf Belling.

P1050881 Hannover  hat außer einer ziemlich guten Oper auch noch viel Kunst zu bieten. Auf der Skulpturenmeile trifft man auf viele Bildhauer des 20. Jahrhunderts aber natürlich hat sich die Reise schon gelohnt, um dort Hans Werner Henzes « Englische Katze »  zu sehen. Später im Jahr wurde dann auch die Oper LOT  von Giorgio Battistelli dort aufgeführt. In der Ausstellung Manifesto spielt Cate Blanchet 13 verschiedene Rollen. Diese Ausstellung ging durch alle wichtigen europäischen Museen.

1 Das Pariser Centre Pompidou ist immer einen Abstecher wert. Die jeweiligen Restrospektiven über Cy Twombly und David Hockney haben das wieder bewiesen. Jean Noel Pettit hat Cy Twombly ins Französische  übersetzt.

P1050882  Und wieder über eine Brücke und es geht ins Theater. Davon hat Berlin auch genug. Jeanne d’Arc in einem weißen Würfel im Gorki Theater, Wut  am Deutschen Theater, der gefräßige und feige König Ubu, eine enttäuschende Phädra und Caligula  am Berliner Ensemble mit Kettensägen und Wahnsinn.  Sehr gut The Situation im Gorki Theater und weniger gelungen Michel Houellebecq  Unterwerfung. Highlight war sicher die FAUST  Aufführung in der Volksbühne und der damit verbundene Abschied vom Theater-Wüterich Castorf. Kurz vor Jahresende war er dann Gast im Berliner Ensemble mit einer sehr freien Interpretation von Hugos Les Misérables.

P1050924 das wunderbare Ensemble Concerto Romano kennen wir schon aus Rom. 2017 konnten wir sie gleich zweimal in und um Berlin erleben. Einmal mit der herausragenden Aufführung Ad Arma Fideles beim Äquinox Festival und ein zweites Mal beim Göttinger Musikfestival.

P1050875 Aber jetzt wieder ein wenig Kunst. In der Biennale von Venedig hat mich am meisten die side show von Michelangelo Pistoletto interessiert. Er installierte seine Arbeiten in der Palladio-Umgebung.

Gut die Schau über Friedrich Kiesler im Gropius Bau oder die Präsentation von Jeanne Mammen in der Berlinischen Galerie. Im Hamburger Bahnhof war Hanne Darboven zu sehen und eine Entdeckung war  Jan Toorop. Ansonsten hat sich die Kunst in Berlin eher zurückgehalten.

P1050873 Jetzt mit einem großen Sprung über diese Brücke zur zeitgenössischen Musik. Hier ist das Festival Hofklang Anfang September hervorzuheben. Unerhörte Musik gibt es meistens am Dienstag im BKA. Korpus  oder e-werk waren u.a. zu Gast.  Ulrike Brand war auch in einer Performance Walls and Waves  in einer Kirche zu erleben.

P1050870 Überraschend eine Aufführung in der Ahlbecker Kirche auf Usedom von Pergolesis Stabat Mater. Usedom war sonst eher enttäuschend, aber gelohnt hat sich auf jeden Fall ein Besuch im Museum von Otto Niemeyer-Holstein. In dem Artikel zwischen Ostsee und Achterwasser  ist es beschrieben.

P1050850 Und über diese Brücke kommen wir zur Orgel und zu der Orgel-Ikone Matthias Eisenberg. Später im Jahr – zu Luthers Geburtstag – reisten wir ihm nach Leipzig nach und daraus wurde ein musikalisches Leipzig-Wochenende. 

P1050826 Aber auch Robert Wilson beschäftigte sich mit Luther und seinem Jubiläum mit der etwas konfusen Aufführung « Luther dancing with the Gods«  im Pierre Boulez Saal. Kammermusik mit und ohne Worte und ein Auftritt des großartigen Klarinettisten Jörg Widmann sind ebenso beschrieben.

2 Auch der argentinische Komponist und Bandeonist mit italienischen Wurzeln Daniel Pacitti befasste sich mit Luther. Im Juli wurde in der Philharmonie sein Oratorium « Wir sind Bettler » uraufgeführt mit Roman Trekel in der Hauptrolle. Kennen gelernt allerdings haben wir Pacitti bei einer ganz anderen Gelegenheit, nämlich bei einem kreolischen Tangoabend in den Räumen der Freien Volksbühne.

P1050816 Bei einem wunderbaren Hauskonzert in Zehlendorf hat Pacitti seine dritte Seite präsentiert. Das zeitgenössische Stück mit Einflüssen aus seiner Heimat. La Cruz del Sur wurde von zwei virtuosen jungen Solisten (Klavier und Querflöte) vorgetragen. Ausgeklungen sind die Zehlendorfer Hauskonzerte mit Werken von  Franz Schubert.

P1050920 In der Kunst und Ausstellungshalle in Bonn gab es eine sehr gut zusammen gestellte Ausstellung von Ferdinand Hodler  und München befasste sich mit dem 19. Jahrhundert in der Ausstellung GUT WAHR SCHÖN . Diese beiden Artikel sind u.a. auch auf KULTURA EXTRA  erschienen.

P1050894 Der Sommer in der Vendee besteht nicht nur aus Palourdes sammeln oder Strandspaziergängen. In Thiré findet jedes Jahr das Festival « Dans le Jardin de William Christie » statt. Dieses Jahr Monteverdi  gewidmet. William Christie war auch im Dezember zu Gast in der Philharmonie mit einer fantastischen Aufführung von Monteverdis  « Selva spirituale e morale ». Aber auch die Staatsoper feierte den großen Monteverdi mit einer sehr schönen Aufführung von L’incoronazione di Poppea.

Auch die Neuköllner Oper widmete Monteverdi einen Abend – bei Combattimento x 2 geht es in den Wrestler Ring!

P1050850 In einen anderen Garten – nämlich in den von Guillermo Lledó - führte die diesjährige Madrid-Reise. « Plaza para un hombre solo » ist eine Skulptur und die Eröffnung dieser wurde ganz groß in seinem Garten in einem Madrider Vorort gefeiert mit Künstlern und Madrider Kunstwelt. Madrid ist eine Kunst-Stadt, ein wenig davon ist hier auch beschrieben: Mateo Mate, Rosa Barba, Franz Erhard Walter. Das Museo Reina Sofia hatte eine umfangreiche Ausstellung zu Picasso und Guernica organisiert. Piedad y terror en Picasso.

P1050892 der argentinische Künstler Nestor Boscoscuro lebt in Berlin und in Buenos Aires. Mit ihm wurde die Portrait-Serie für KULTURA EXTRA erweitert.

P1050877 Die Aufführungen der Neuköllner Oper lohnen sich ebenfalls immer und sind jedesmal überraschend und erfrischend. Unter anderem gab es dort Combattimento x 2, Fuck the Facts und eine sehr freie Interpretation der Bettleropera.

P1050948 Pellworm – wo ist das denn? Aber eine Reise dorthin lohnt schon deshalb, weil diese Ecke in der Nordsee eine Art Atlantis ist – umgeben von Mythen und Sagen.

P1050818 The future is female war der Titel einer Reihe von Aufführungen  in den Sophiensälen. HUMBUG  wurde durch OPERALAB aufgeführt, war sehr amüsant und führte in die Zirkuswelt. In Norway Today  waren die zukünftigen Sophies Rois oder Wuttkes dieser Welt zu sehen.

P1060047 Das Colombian Youth Orchestra erfand Strawinsky neu und das auch noch im Konzerthaus am Gendarmenmarkt  und Josep Pons dirigierte Ravel, Falla und ebenfalls Strawinsky.

P1050928Bei dem Buch « Eine Sinfonie der Welt » geht es auch um Musik. Hier beschreibt Alexander Bertsch das Leben eines Komponisten in der Nazi-Zeit.  Ein schönes Buch!

Brücke ohne Geländer Hoch im Norden lebt der Dorfpoet  und macht sich über sich selber und die Welt lustig -  aber lesen Sie selber.

 

Einen Guten Rutsch mit Trauben, Linsen oder anderen Bräuchen  wünsche ich allen Leserinnen und Leser und ich freue mich auf Ihren Besuch im nächsten Jahr!

P1030084

 

Christa Blenk

 

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Jahresausklang mit Franz Schubert in Zehlendorf

San Lorenzo

 

Zehlendorfer Hauskonzerte

Das letzte Zehlendorfer Hauskonzert 2017 fand am 20. Dezember statt. Dieses Mal spielte das junge und feine Arves Trio (Violine: David Khachatryan; Violoncello: Rahel Weymar; Klavier: Hratschya Gargaloyan) im Wohnzimmer des charmanten Holzhauses. Auf dem Programm stand Franz Schuberts Trio in Es-Dur, op. 100. Zwischen den Sätzen las der Schauspieler Martin Schnippa Geschichten, Zeitdokumente und Prosatexte von und über Franz Schubert.

Dieses großartige Meisterwerk  von Schubert ist im Jahre 1827 entstanden –  in der Winterreise-Kompositionszeit. Veröffentlicht wurde es allerdings erst in seinem Todesjahr 1828. Die Erstausgabe kam ein paar Wochen nach seinem Tode am 19. November in der österreichischen Hauptstadt an, wo Schubert in seinen  letzten Jahren lebte, obwohl er die Stelle des Vizekapellmeisters an der kaiserlichen Hofkapelle nicht bekommen hatte. Für einen anderen Komponisten, Robert Schumann, war es „wie eine zürnende Himmelserscheinung“  und blieb immer sein persönliches Lieblings-Trio : männlich, zornig-sehnsüchtig  und dramatisch. Einem prägnanten Hauptthema im ersten Satz steht ein im Nebel verhangenes Zweitthema gegenüber mit manchmal jazzigen und bebend bis rasenden Rhythmen. Der zweite Satz ist melancholischer Kummer mit klirrenden Klavier-Staccatoakkorden. Das Thema geht auf ein Lied der Winterreise zurück.  Der Kanon zwischen Klavier und Streichern ist dann wieder leicht-spielerisch.  Weiter geht es mit einem Tanz-Tremolo-Moll ins lange Finale und hier wird nochmals das Thema aus dem zweiten Satz aufgenommen.

Gut 40 Minuten dauert das Opus und schwedische Lieder sollen u.a. dort verarbeitet worden sein. Schubert hat den schwedischen Sänger Berg 1827 im Hause der Schwestern Fröhlich gehört.

Aus armen Verhältnissen kommend, dort wo Musik eher verpönt  oder etwas für die Reichen war, ist Schubert ein wichtiger und fester Bestandteil der Wiener Salons geworden. Leben oder Überleben mit dem was er mit seiner Musik verdiente, konnte Schubert nicht. Er war auf Freunde und Familie angewiesen. Schubert, der ewig einsame und leise Umstürzler und (unglücklich) Liebender starb mit 31 Jahren und hinterließ knapp 1000 katalogisierte Werke und von denen noch nicht alle bekannt sind.

Die drei jungen Musiker des Arves Trio, die in Berlin studieren, haben mit großer Begeisterung, viel Charme, Talent und Präzision die 2017er-Zehlendorfer-Hauskonzert-Saison ausklingen lassen.

zehlendorf
Arves Trio mit Martin Schnippa mit nach dem Konzert

 

Der Name  Arves Trio kommt aus dem Armenischen. „Arvest“ ist armenisch und bedeutet „Kunst“. Da der Geiger und der Pianist aus Armenien stammen und die Cellistin aus Deutschland, soll auf diese Weise auch ein Teil der armenischen Kultur im Ensemblenamen sichtbar werden. Der Begriff „Kunst“ wird zum einen auf die Musik, zum anderen aber hauptsächlich auf den Leitsatz „Musik ist Sprache“ bezogen und durch die Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Martin Schnippa um eine textliche Ebene erweitert. (Anmerkung der Gastgeberin!)

Wir freuen uns schon auf das erste Konzert im Januar 2018.

Christa Blenk

 

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Lohengrin an der Deutschen Oper Berlin

Deutsche Oper Lohengrin

LOHENGRIN von Richard Wagner, Deutsche Oper Berlin,
Premiere am 15. April 2012, copyright: Marcus Lieberenz

 

Die größte Ehre, die man einem Menschen antun kann, ist die, dass man zu ihm Vertrauen hat. (Matthias Claudius)

Um Vertrauen und wodurch sich die Liebe definiert geht es auch bei Lohengrin.  Für die US Kolumnistin Joyce Brothers war es ganz klar denn sie meinte einmal „Der beste Beweis der Liebe ist Vertrauen“.  Aber wie wir ja alle wissen, hat Wagner dieses Zitat nicht gekannt und sich gegen das Vertrauen und für die Kenntnis entschieden. Dementsprechend lässt er dann auch Elsa die zerstörerische Frage nach Namen und Art fragen und wischt das „Nie sollst Du mich befragen“  einfach weg und damit auch Glück und Liebe.

Aber nur das reicht natürlich nicht für vier Stunden, da braucht es noch Kriege, Intrigen und Böses. Dieses durchkomponierte, musikalische Drama von Wagner kommt nur ab und zu noch auf die altbewährte Form der Soloarien zurück, wenn Elsa ihren Traum erzählt zum Beispiel oder Lohengrin sich als Gralsritter outet.

Die Geschichte spielt im frühen Mittelalter, genauer gesagt in der Mitte des 10. Jahrhunderts. Wagner hat die Handlung nach Antwerpen verlegt, weil er die Gestalt des Schwanenritter einbauen wollte, der ursprünglich vom Niederrheinischen kommt. Brabant gab es damals natürlich auch noch nicht.  Wagner hat den Streit der ostfränkischen Stämme in seine Zeit der liberal—demokratischen Nationalbewegung gelegt und wenn er Heinrich den deutschen König nennt, dann ist das seiner blühenden Phantasie entsprungen und durch ein Vermischen von Sagen, Mythen und geschichtlichen Ereignissen entstanden.  Das Scheitern der Hauptprotagonisten ist stellvertretend für das Scheitern politischer Utopien in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Ouvertüre bietet ein tristes after-war-Szenario. Die Bühne ist übersäht von leblosen Körpern, Kriegsopfer wohl, und Frauen suchen nach ihren Männern, finden sie tot danieder liegend und brechen zusammen. Dann fällt der Vorhang und der Name LOHENGRIN steht in großen Buchstaben auf dem schwarzen Vorhang.

Sehr martialisch und laut wird herum gedonnert bis das Erscheinen der reinen, zarten Elsa Musik und Bühne erhellt.  Der glänzende Schwanenritter kommt zwar ohne Schwan dafür aber mit Flügel daher, die ihn schon direkt als Beschützer von Brabant definieren, noch bevor er Telramund besiegen wird.  Die Brabanter sind ein opportunistischer Mob, der sofort sein Fähnchen in den Wind hängt und umgehend den geheimnisvollen Lohengrin verehrt. Die Frauen kommen sowieso nicht gut bei ihm weg. Sie sind unschuldig, dumm, neugierig oder  bösartige und heimtückische Personen, die permanent die falschen Entscheidungen treffen. Ortrud, die Hexe, schürt und intrigiert und schon der Hochzeitsmarsch am Anfang des dritten Aktes steht unter einem bösen Stern.

Die Premiere dieser Produktion fand im April 2012 statt. Nur Klaus Florian Vogt in seiner Paraderolle und Petra Lang sind bei der letzten Aufführung in dieser Saison noch mit dabei. Anja Harteros übernahm die Rolle der Elsa und das hat sie großartig gemacht. Textverständlich und sicher waren sie Alle. Am Pult stand nicht Donald Runnicles. Axel Kober dirigiert das gute Orchester der DOB  – übersichtlich und fast minimal lässt er den Sängern viel Raum, sich auszubreiten.

Die Inszenierung von Kasper Holten passt gut zur schnörkellosen Leitung von Kober. Die hochgestreckte Faust in politisch nicht ganz korrekter Manier hat uns kurz schlucken lassen, aber ansonsten eine Inszenierung wie man sie sich wünscht und die die Musik in die erste Reihe stellt. Der kleine Gottfried, den Elsa in ihren Armen hereinbringt und ihn auf das weiße Marmorgrab legt das gerade noch ihr blütenweißes Hochzeitsbett war,  ist nur ein blutiger Fetzen. Ortruds Zauberstab waren grüne LED-Fäden.

Steffen Aerfing hat die Kostüme entworfen. Die Lichteffekte waren von Jesper Kongshaug.

Richard Wagner selber war bei der Premiere im August 1850 in Weimar, die Franz Liszt dirigierte, gar nicht anwesend, da er sich zu dieser Zeit schon im Exil in der Schweiz aufhielt und steckbrieflich gesucht wurde.

Christa Blenk

KULTURA EXTRA hat zweimal darüber berichtet:

Premiere

und drei später später mit Waltraud Maier

 

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