Archives pour la catégorie Literatur

Pellworm

P1040485

 

Pellworm! – wo ist das denn?

Die Insel Pellworm gehört zu den Nordfriesischen Inseln und ist eigentlich nur ein Überbleibsel einer weiten Flur, die im achten Jahrhundert von Friesen besiedelt wurde. Erst um 1000 n.C. durchbrach die Nordsee diese Ebene und setzte das Land unter Wasser. Schon aus dieser Zeit stammen die ersten Deich- und Warftbauten und die Bewohner entwickelten Ideen und Pläne, um sich im Kampf gegen die Nordsee zu organisieren. Im Laufe der Jahrhunderte, wurden aber aus dieser Landfläche immer mehr Inseln und Hallige.

Die erste große bekannte Flut fand im 14. Jahrhundert statt und ab dem 17. Jahrhundert gab es immer wieder verheerende Fluten; die letzte, die Pellworm fast komplett überschwemmte, fand im Jahre 1825 statt.

Heute erreicht man diese grüne Insel in einer guten halben Stunde mit der Fähre von Nordstrand. Alles ist bestens organisiert, denn der Zug aus Husum wartet auf den Bus, der die Gäste nach Nordstrand bringt und dort wartet die Fähre. Bei Ebbe geht die Fahrt durch eine Furt, links und rechts sieht man den Grund der Nordsee.
Pellworm ist eingerahmt von sehr hohen Deichen auf denen sich die Schafe mit den Austernfischern tummeln. Hinter den Deichen ist auf der einen Seite das Meer und auf der anderen Häuser, Höfe und Wiesen. Pellworm hat viel Natur, Zeit und Platz und alles tickt ein wenig ruhiger.

»Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren…«

Der deutsche Naturalist und Neuromantiker Detlev von Liliencron (1844-1909) hat ein Jahr dort verbracht und wurde Anfang 1882 sogar zum Hardesvogt ernannt, das ist eine Art Stellvertreteramt in der Gemeinde, die zu diesem Zeitpunkt schon zu Preußen gehörte.  Auf Pellworm entstand seine sicher berühmteste Ballade „Trutz, blanke Hans“. Er verarbeitete hier die Rungholtsage und die  große Sturmflut von 1634, die Grote Mandränke, die die vor Husum gelegene Insel Nordstrand seinerzeit verwüstete. Der Blanke Hans ist eine friesische Bezeichnung für die Nordsee. Rungholt ging das erste Mal in der Zweiten Marcellusflut im Januar 1362 unter. Dieses sagenumwobene Atlantis der Nordsee lag vor Pellworm, auf der heutigen Hallig Südfall, genau dort wo der Verfasser Hardesvogt war. In seinem Tagebuch schreibt er, wie er auf der Fähre von Husum nach Pellworm von dieser Sage höre.

Und wie immer wenn es keine echten Zeitzeugen gibt, blühen Sagen und Legenden. Zwei Geschichtsschreiber im 17. Jahrhundert erwähnten diese untergegangene Stadt mit den verborgenen Schätzen. Erst in den 1920 Jahren spülte das Meer nördlich von Südfall Überreste einer früheren Zivilisation ans Land und es begann ein systematische Aufarbeitung der Funde.  Auf einer Karte von 1636 die wohl auf einer anderen von 1240 basiert wird zum ersten Mal der Name Rungholt erwähnt. Das Datum liegt ca acht Monate vor der Marcellusflut. Ein wichter Rungholt Forscher war Andreas Busch (über ihn und seine Theorien und Aufzeichnungen kann man viel im Museum in Husum lesen und sehen).

 

P1040445P1040465P1040564

 

Im Rahmen der Christianisierung entstand im Jahre 1095 die Alte Kirche St. Salvator. Sie liegt auf einer Linie mit anderen vier Mutterkirchen der Christianisierung. Ca 150 Jahre später entstand der Gotische Turm, von dem heute noch eine 25 Meter hohe Ruine übrig ist. Der damals übliche und benutzte Tuffstein kam aus dem Rheinland. Spätgotisch ist der Flügelaltar; er zeigt die Passion Christ in sieben Szenen.

Aber der Hauptanziehungspunkt in der Kirche von  Pellworm ist ein Spätwerk des berühmten deutschen Orgelbauers Arp Schnitger. 1711 hat er sie aus unbehandeltem Eichenholz gebaut, sie hat 24 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Hälfte davon sind noch Originale. In Schleswig Holstein ist sie die einzig erhaltene Schnitger-Orgel und deshalb eine große Sehenswürdigkeit, auf die die Pellwormer sehr stolz sind, zumal im Sommer jeden Mittwoch regelmäßige Orgelkonzerte stattfinden – mit zum Teil recht bekannten Interpreten.

Einen Sandstrand wird man auf Pellworm hingegen nicht finden, da die Insel vor dem Meer mit hohen Dämmen geschützt werden muss. Dafür kann man wunderbare Wattwanderungen dort unternehmen. Ebbe und Flut wechseln sich alle sechs Stunden ab und geben dann für kurze Zeit den Meeresboden frei. Die ganz Mutigen können natürlich auch den Postboten auf seinem Fußmarsch durch das Watt begleiten – denn ein Ehepaar wohnt ganzjährig auf dieser Hallig. Allerdings muss man gut zu Fuß sein, denn  drei Stunden ist man mindestens unterwegs.

 

P1040551
der alte Turm

 Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Tod in Venedig

Venedig

Death in Venice ist Benjamin Brittens letzte Oper. Sie kam 1973 beim Aldeburgh Festival zur Uraufführung. Das Libretto hat Myfanwy Piper nach Thomas Manns Novelle Tod in Venedig geschrieben. Britten hat die Hauptrolle – wie oft – für seinen langjährigen Lebensgefährten, den britischen Tenor Peter Pears geschrieben. Die beiden lebten bis zu Brittens Tod 1976, über 37 Jahre in einer Partnerschaft, wobei Britten wohl die Beziehung ernster nahm als Pears. England tolerierte trotz viktorianischem Verbot der Homosexualität, das erst 1967 abgeschafft wurde, die Beziehung der Beiden. Wenn man sie auf einem Foto sieht, sehen sie fast aus wie zwei Brüder der britischen upper class.

Britten hat die Oper für kleines Orchester in 17 Szenen geschrieben: für zwei Hauptrollen (Tenor und Bariton). Unterschiedliche, dissonantes Fieber hervorrufende, archaische Perkussionsinstrumente (die an Curlew River erinnern) begleiten u.a. Tadzio, der nur eine stumme Tänzerrolle hat. Im Kontrast dazu minimale und reflektierende rezitativi des Hauptprotagonisten auf dem Klavier (das bei dieser Inszenierung auf der Bühne steht).

Die Begegnung mit einem südländisch aussehenden und geheimnisvollen Fremden auf dem Münchner Friedhof lässt den bekannten Dichter Gustav von Aschenbach (Paul Nilon) nicht in die übliche Sommerfrische in die Berge aufbrechen sondern lockt ihn nach Venedig und an den Styx-Kanal. Allein der Name Aschenbach weist schon auf Tod und Asche hin! Paul Nilon steht praktisch immer im Mittelpunkt der Handlung und ist ständig gefragt, er verwandelt sich im Verlauf dieser Reise von einem unscheinbaren, pflichtbewussten Mann mittleren Alters in einen unvernünftigen, vergnügungssüchtigen und hormongesteuerten Gecken, lässt sich die Haare färben, verachtet sich selbst ob seiner Schwäche und verfällt regelrecht dem Jungen Tadzio. Dabei macht er eigentlich nichts freiwillig. Er will weder mit dieser Gondel übergesetzt werden, noch will er sich die Haare färben lassen. Er wird genötigt oder überredet, angelogen und beschwichtigt und lässt das alles wissend zu. Er will abreisen, aber sein Gepäck geht verloren und er wird wieder aufgehalten. Ein unglücklicher Zufall mündet in den nächsten und er sieht nur – neben sich stehend – zu, bis er nicht mehr zurück kann. Aschenbach gleitet langsam vom rational-intellektuellem ab in die Tiefen der rauschenden dionysischen Begierde und in den Wunsch zu Sterben. So gesehen ist es ein griechisches Drama.

Der lyrische Tenor Paul Nilon hat anfangs ein wenig geschwächelt, ist aber im  zweiten Akt sehr gut geworden. Der übergroße Trauer-Bilderrahmen sowie der Totenkranz stehen immer auf der Bühne – als Mahnung „Mensch Du musst sterben“ und ab Beginn des zweiten Aktes zieht der faule Choleragestank und die sich ankündigende Tragödie über schwarz-lila Tulpen- oder Artischocken-Felsen, auf denen die Pasolini-Straßenkinder dem gerade angekommenen Aschenbach an seinem Hotelfenster – mit dem besten Blick auf den Kanal – wie ihm der schleimige Hotelmanager versichert, zuwinken. Den Schimmel auf den verfaulten, verhängnisvollen Erdbeeren können wir uns vorstellen. Ein Theaterscheinwerfer beleuchtet das Geschehen und signalisiert sengende Hitze im morosen Venedig, wo sich die Seuche langsam einschleicht und das die Touristen verlassen, wie Ratten das sinkende Schiff. Selbst die permanent links und rechts sich öffnenden Türen können keinen frischen Wind in das untergehende Venedig bringen.

Ansonsten besteht das Bühnenbild eigentlich nur aus Stühlen wie bei einer Wei-Wei-Installation. Diese werden unterschiedlich eingesetzt: Sie sind natürlich Stühle, sie sind Zug, sie sind Gondel, sie sind Versteck oder Hotelausstattung.

Der eigentliche Star des Abends aber ist  der amerikanische Bariton Seth Carico. Flott, unverschämt, einschmeichlerisch, überzeugend und sexy besticht er nicht nur stimmlich sondern auch schauspielerisch in sieben Rollen, die allesamt allegorische Vorboten des Todes sind und den fallenden Dichter umwerben: Der Reisende; der ältliche Geck, der Gondoliere; der Hotelmanager; der Hotel-Friseur; der Führer der Straßensänger.
Tadzio fehlt leider das feingeistig-schöne, das sanft-verführerische. Er wirkt eher wie ein sizilianischer Straßenjunge wie ihn Pasolini hätte erfinden können. Auch wieder mit einem Stuhl kommt Tadzio zu Tode, und die anderen Raudis begraben ihn darunter Aschenbach geht ziemlich teilnahmslos von der Bühne. Man hat es nicht mehr in der Hand!

Die musikalische Leitung von Donald Runnicles war einwandfrei, die Regie von Graham Vick war nicht immer nachzuvollziehen aber originell. Die Choreografie von Ron Howell hat uns nicht angesprochen. Zu abgehackt, zu un-südlich und hat weder den Jüngling noch die Person Aschenbach verstanden.

Premiere an der Deutschen Oper Berlin war am 19. März 2017.

mehr

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Der nasse Fisch – Kommissar Gereon Raths erster Fall

P1010011

Der nasse Fisch – Kommissar Gereon Raths erster Fall

Berlin 1929: Zwischen Straßenschlachten von Kommunisten und Schupos, SA,  Rotfront, Maffia, korrupten Polizisten und illegalem Waffenschmuggel, Kokain, Nachtclubs und Intrigen im vergnügungssüchtigen Berlin der roaring twenties gerät der ehemalige Mordermittler Gereon Rath durch Zufall in einen Sog von Ereignissen, die ihn selber an den Rand der Legalität bringen und die Polizei in ein zweifelhaftes Licht setzen.  

Volker Kutscher beschreibt in seinem ersten Fall das Ankommen des jungen Kommissars aus der Provinz in die brodelnde Hauptstadt Berlin, wohin er strafversetzt wird und das auch noch zum Sittendezernat. Gereon Rath ist eigentlich Mordermittler und fühlt sich bei der Sitte unterfordert. Ein geschickt inszenierter Zufall des Verfassers, bei dem sein Zimmervorgänger bei der Witwe Behnke eine Rolle spielt, bringt ihn auf die Spur eines Toten, der im Landwehrkanal gefunden wird und in Verbindung und die die Fänge unterschiedlicher Gesellschaftsschichten. Rath will sich profilieren und ermittelt im Alleingang, begeht selber eine Straftat, die er vertuscht, aber nach vielen Irrungen und Verwirrungen letztendlich doch eingesteht und das Gute siegen lässt.

Ein schillerndes, fortschrittliches Berlin in der Weimarer Republik ist die Kulisse dieses Romans, die die Gegensätze zwischen Wedding, Neukölln und Charlottenburg aufgreift und den wilden Osten beschreibt. Den Berliner Dialekt setzt Kutscher geziehlt und geschickt ein. Der aufkommende Nationalsozialismus der Völkischen steht ante portas.

Die Protagonisten sind erfrischend realistisch, essen Kuchen, sind sehr klug aber bestechlich und die Grenze zwischen good cop und bad cop verwischt sich recht oft. Gereon Rath ist aber trotzdem schwer einzuordnen, ist er zynisch und kalt oder nur sehr ehrgeizig, weil er sich von seinem prominenten Vater lösen will? Auf jeden Fall ist er mutig und hat kein Problem, sich allein gegen die Welt zu stellen. Er ist nicht wirklich sympathisch, aber auch kein Ekel. Kutscher schreibt pragmatisch und sachlich und manchmal ziemlich grausam und sadistisch. Die Maiunruhen, die der Kommissar in seinen ersten Tagen in Berlin miterlebt, sollen später als Blutmai in die Geschichte eingehen.

Gut recherchiert und spannend beschreibt der Autor auf schnelle Art die Geschehnisse vor dem Hintergrund politischer Ereignisse in den 1920er Jahren.

Volker Kutscher (1962) lebt in Köln und hat mittlerweile Gereon Rath sechsmal ermitteln lassen. Tom Tykwer arbeitet übrigens zurzeit an der Serie Babylon Berlin, die auf einer Romanreihe von ihm basiert.

Nachtrag: Übrigens hat es den Kriminalrat Ernst Gennat, genannt Buddha, wirklich gegeben, so wie es auch das Mordauto gegeben hat und seine Leidenschaft für Stachelbeerkuchen ist auch echt. 30 Jahre lang war er einer der bedeutendsten Beamten der Berliner Polizei mit einer unglaublichen Aufklärungsrate. Gennat verstand die Wichtigkeit der Spurensicherung. Er war Vorbild für viele Kommissare u.a. auch für den ersten deutschen Kommissar Karl Lohmann.
Er ist 1939 in Berlin verstorben. (Danke Ulrich für den Hinweis!)

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Heimliches Berlin – Buchbesprechung

theater_n

Heimliches Berlin

Wohin jetzt ? Nach Hause mag sie nicht, kann sie nicht …

Mit existenzialistischer und magischer, geheimnisvoller Melancholie werden 24 Stunden des kurzweiligen Lebens zwischen Kabarett, Familie und Geldnot, zwischen Verpflichtungen und die Verweigerung dieser erzählt. Um drei  Personen geht es in dem Buch: um Karola, verträumt und schwach, ihren geduldig-vernünftigen Mann Clemens und Wendelin, hoffnungslos egoistisch und liebenswert in seinem Streben nach Unterhaltung.

Die liebe Stadt verlassen! Nicht mehr auf langen Straßen im Laternenschein das Pflaster sehen vor den Schritten der Freunde…

Eine Frau und zwei Männer im Künstler- und Kabarettmilieu auf der Suche nach Unterhaltung und Verdrängung zwischen zwei Kriegen in den 1920er Jahren in der Berliner Bohème. Ein Zug, auf den man zwar aufspringen kann, der aber nicht anhalten darf. Was ist Zeit? Man darf sie nicht verlieren! Ware es ein Film, würde man es Road movie nennen.

Lasst Karola und mich noch ein Weilchen tanzen, wir treffen uns um Mitternacht im Kabarett!

Eine bemerkenswerte Liebeserklärung an Berlin. Man flaniert und tanzt, singt und weint, hetzt und ruht durch ein intimes und brodelndes Berlin.

Herrliches Buch!

Franz Hessel (1880-1941) ist in Stettin geboren und in Frankreich verstorben. Er veröffentlichte viele Gedichte und Romane und arbeitete auch als erfolgreicher Übersetzer.

‘Heimliches Berlin’ von Franz Hessel  (Berlin Verlag Taschenbuch) – mit einer Nachbemerkung von Walter Benjamin

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Les Contes d’Hoffmann – Hoffmanns Erzählungen

 
Hoffmann
 Uwe Schönberg (Hoffmann 1) Foto: (c) Monika Ritterhaus

 

Komische, romantische Oper mit viel Schuss!

Hoffmann 1 sitzt im Dunkeln, von unzähligen leeren Flaschen umgeben und in Schräglage. Definitiv eine Kneipe kurz vor der Sperrstunde und die verbrauchten Flaschen warten schon auf die Entsorgung im umweltfreundlichen Glascontainer!

Da kann man sich schon denken, wohin uns Barrie Kosky führen will. Sein Hoffmann säuft sich um Verstand, Kopf und Spiegelbild, hier geht es um mehr als um das fröhlich-feuchte Zusammensein. Die kommenden Stunden stürzt Hoffmann von einem Alptraum ins nächste Delirium tremens und damit ihm das nicht zu viel wird, gibt es ihn gleich dreimal.

Hoffmann 1, Schauspieler, Hoffmann 2, Tenor und Hoffmann 3, Bariton, wechseln sich ab – wobei Nummer Drei eigentlich so ist, wie Jacques Offenbach (1819-1880) ihn vorgesehen hatte. Die Rolle war eigentlich für einen Bariton geschrieben, da das Pariser Theater aber kurz vor der Premiere in Konkurs ging und Offenbach seine letzte, große Oper nur mit einer Tenorrolle an den Mann bzw. ans Theater bringen konnte, wird sie seitdem in Tenorlage gesungen! Da er aber die Oper sowieso nicht fertig schreiben konnte, weil der Tod ihm zuvor kam, hat jeder Regisseur viel Spielraum, um sich richtig auszutoben – was der Chef der Komischen Oper Barrie Kosky auch tat und alle sich ihm bietenden Möglichkeiten ausschöpfte,  um diese  grotesk-sonderbare und bizarre Geschichte von ETA Hoffmann zu erzählen.

Es gibt eine Sängerin für alle vier Frauenrollen, dafür aber den Hoffmann – wie gesagt – gleich dreimal.

hoffmann2
Nicole Chevalier (Olympia) + Hoffmann 2 /Dominik Köninger
Foto: (c) Monika Ritterhaus

 

Hoffmann 1 sitzt also in seinem 80er Jahre Künstler-Gewand unter seinen Flaschen und erzählt nuschelnd von seiner Liebe zu Stella, der Donna Anna in Mozarts Don Giovanni. Eine temperamentvolle und recht gelungene Zauberlehrling-Klein-Zack-Szene leitet – mit  dem Auftreten von Olympia – in ein lustiges Operettentreiben über.

Das physikalische Kabinett von Spalanzanis gleicht einer Schneiderwerkstatt in der Industrialisierung. Eifrigst wird erfunden und zusammen gesetzt. Hände und Köpfe werden durch die Gegend getragen. Und dann wird sie vorgestellt! Olympia: eine Schönere und Originellere hat es sicher noch nie gegeben. Inspiriert von den Schachrobotern, die im 19. Jahrhundert sehr in Mode waren, zuckt und ruckt sie durch den Biedermeiermenschenautomat, bei dem immer wieder Schubladen aufgehen oder gewaltsam zugemacht werden, aus dem tanzende Hände, lange Arme oder meterweit Rapunzelhaare hervorgeholt werden. Die ausdrucksstarke und wunderbare Nicole Chevalier (sie ist übrigens eine Urenkelin von Maurice Chevalier) gehört  – zum großen Glück für die Oper und für uns – seit ein paar Jahren zum festen Ensemble dieser. Sie zieht das Publikum – musikalisch wie schauspielerisch – voll in ihren Bann! Als Antonia singt sie sich rührselig, bedauernswert und umgeben von vielen schwarz-gekleideten Müttern zu Tode und als Giulietta muss sie Hoffmann sein Spiegelbild und damit seine Seele rauben. Mittlerweile ist Hoffmann aber so betrunken, dass er eh nichts mehr mitbekommt. Olympias Erbauer, Spalanzani, der Augenverkäufer Coppelius, Dapertutto oder Doktor Mirakel tummeln sich mit verpfuschten Erfindungen auf der Bühne oder durch die Kneipenlandschaft und sorgen für Chaos. Gut eingesetzter Slapstick und nie Zuviel aufgetragen.  Und immer wieder die vergeblichen Rettungsversuche der eleganten Muse durch diese fantastische Alptraum-, Frauen- und industrialisierten Alkohol-Welt.

Die Suche nach der idealen Frau oder einfach nur zu viel Promille, hohes Fieber, Wahnsinn oder verblendete Liebe. Hoffmann selber sucht das in immer anderen Frauen, zuerst Stella, der Mozart-Sängerin, dann Olimpia, dem Roboter, Antonia, der kranken Sängerin, oder Giulietta, der Seelen-raubenden, verwegenen Kurtisane. Hoffmann selber verzehrt sich immer wieder aufs Neue für die Neue. Da kann ihn dann auch seine Muse nicht mehr aufhalten.

Uwe Schönbeck spielt den Hoffmann 1, den Schauspieler, der den ganzen Abend über anwesend ist und Hoffmann 2 und Hoffmann 3 ablöst, vorschickt, aber auch berät bis er im fünften Akt wieder allein ist.

Nicole Chevalier war Stella/Olympia/Antonia und Giulietta und eine Traumbesetzung, hell, strahlend und bezaubernd hat sie vier ganz unterschiedliche Personen gespielt und gesungen – mit unterschiedlicher Hingabe und Temperament, farbenfroh und stilsicher. Mehr kann man sich nicht wünschen. Sehr gut auch die Muse, Karolina Gumos und auch die drei Hoffmanns (Uwe Schönbeck, Dominik Köninger, Alexander Lewis) haben bestanden.  Dimitry Ivashchenko und Ivan Tursic hatten ebenfalls mehrere Rollen, die sie mit Bravour meisterten.

Die Chorsolisten und Komparsen der Komischen Oper Berlin sowie das Orchester der Komischen Oper Berlin gaben ebenfalls überzeugt; am Pult mitreißend Stefan Soltesz.

Geschickt wird hier Horror mit Humor verbunden. Die drei Geschichten in der Oper beziehen sich auf drei Erzählungen von E.T.A. Hoffmann (Der Sandmann, Rat Krespel, Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild). Alle drei Protagonisten dieser Geschichten sind immer Hoffmann. Aufgeführt wurde die Opéra fantastique in fünf Akten von 1881 in französischer und deutscher Sprache. Das Libretto hat Jules Barbier nach dem gleichnamigen Drama von Jules Barbier und Michel Carré verfasst.

Der Australier Barrie Kosky zeichnet für die originelle und ansprechende Regie, die zwar doch dann und wann die Geschichte ein wenig hilflos verzerrte. Er lebt seit ein paar Jahren in Berlin, war vier Jahre am Wiener Schauspielhaus Codirektor was zu seinem internationalen Durchbruch als Opernregisseur im deutschsprachigen Raum führte. Er inszenierte für die Staatsoper und am Deutschen Theater Berlin und arbeitete von 2009- 2011 an seinen Ring-Zyklus in Hannover. Bis er nach Produktionen in Münschen und Frankfurt schließlich in der Spielzeit 2012/13 an die Komische Oper Berlin kam und Andreas Homoki ablöste.  Schon in der ersten Spielzeit  wurde die Komische Oper Berlin mit ihrem Programm zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt.

2014 hat ihn Katharina Wagner für die Inszenierung von Richard Wagners Meistersinger von Nürnberg bei den Bayreuther Festspielen 2017 verpflichten können.

Viel verdienter Applaus und viel Spaß!

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Eine Sinfonie der Welt – Buchbesprechung

Mercantino1 002P1300037P1300338

 

Eine Sinfonie der Welt (2014) – Alexander Bertsch

Das Buch beginnt mit dem Tod des Erzählers. Fesselnd, pragmatisch, empfindsam, detailliert und in großen Zeitsprüngen lässt  Alexander Bertsch den Komponisten Franz Niemann das kulturelle und politische Geschehen zwischen 1935 und 1990 erzählen. Franz kommt aus einer gut bürgerlichen Familie, sein Vater ist ein angesehener Professor und  sie wohnen in einer guten und eher vornehmen Gegend in Heidelberg.

Martina Fahrenbach ist ebenfalls Musikerin und war für kurze Zeit Schülerin von Franz. Sie wird von der Schwester von Franz überredet, sich um seine musikalische Hinterlassenschaft kümmern. Dabei stößt sie in seinem Gartenhaus auf die Tagebücher und rekapituliert die außergewöhnliche Lebensgeschichte dieses einsiedlerischen und ungewöhnlichen Musikers und interpretiert seine musikalischen Aufzeichnungen, mit denen er Jahrzehnte verbrachte. Martina ist aber auch die Tochter seiner ersten Liebe Sophie – aber das erfahren wir erst viel später. Fasziniert tritt sie in sein Leben ein und lässt es wie im Film vor uns abrollen. Es ist Winter – genauer gesagt, Februar.

Arnold Schönberg, Alban Berg, Leos Janácek oder Anton Webern sowie eine ältere Sängerin spielen bedeutende Rollen in seinem Wiener Leben, wo er vor dem Krieg hingeht, um über die neue Musik zu forschen, weil es in Deutschland aus politischen Gründen nicht möglich ist. Gegen den Wunsch seines Lehrers geht er noch vor dem Krieg zurück und schließt sich einer Widerstandsgruppe an, als Reaktion auf den Selbstmord eines ehemaligen, verehrten Professors. Im Widerstand lernt er Anna kennen, der er hilft nach einer Razzia nach Frankreich zu flüchten, wo sie seinen Sohn zur Welt bringt. Genau zu dem Zeitpunkt, als Sophies Eltern ihr den Umgang mit ihm, dem nicht Angepassten, verbieten. Es folgen Gefängnis, Strafbataillon, Partisanenmitglied, Kriegsgefangenschaft. Bis zu seiner Rückkehr nach Heidelberg vergehen viele Jahre und erst nach dem Krieg kann er wieder ins Gartenhaus einziehen und versucht, die schrecklichen Erlebnisse durch die Musik zu überwinden. Er will eine Sinfonie der Welt komponieren. Töne, Lieder und Noten aus der ganzen Welt und aus allen Kulturen sollen in ihr eine Rolle spielen und werden zu seiner Hauptbeschäftigung. Ein englisches Lied „Alas, my love, you do me wrong », wird zum Leitmotiv. Jahrelang sollte er daran arbeiten und zu Lebzeiten nichts davon der Öffentlichkeit übergeben.

Franz setzt sich sehr kritisch mit Adornos Musik-Ästhetik auseinander und Ernst Blochs „Prinzip“ begleitet ihn wie es dieMusik und die Einsamkeit tun. Mit dem RAF-Terror wird er durch Martina konfrontiert. Sie muss sich verstecken und erinnert sich, wie sie als kleines Mädchen das Gartenhaus entdeckte. In den 60er Jahren trifft er auch endlich seinen erwachsenen Sohn.

90 Jahre reichen für gut 550 Seiten die hauptsächlich in  Heidelberg, Wien und Frankfurt spielen. Ähnlich Feuchtwangers Exil geht es auch hier um das Leben eines fiktiven Komponisten, dessen Welt von der Geschichte des Krieges bestimmt ist und wenn wir ein wenig weiter spinnen, dann hat Bertsch sich vielleicht ein klein wenig an der Lebensgeschichte des deutschen Komponisten Hans Werner Henze inspiriert!

Für Martina wird diese Erbabwicklung zum Hauptinhalt ihres Lebens – wenigstens in den drei Jahren, die sie dafür braucht. Das Buch endet mit der Erstaufführung einiger Teile seiner Sinfonie der Welt.

Bertsch verlangt viel vom Lektor, lange und sehr gute Ausführungen über die Musikgeschichte, über die Entstehung der Moderne über winzige Einzelheiten, die eigentlich nur ein anderer Komponist oder Wissenschaftler voll verstehen kann, wirken manchmal schwer verdaulich aber faszinieren gleicherweise. Aufgelockert ist der Roman durch das Geschehen vor und im Krieg, durch Franz’ Beziehung zu vier Frauen: zu Sophie, seiner ersten Liebe, zu einer österreichischen Sängerin, zu Anna, die in Frankreich noch vor dem zweiten Weltkrieg einen Sohn von ihm zur Welt bringt und von seiner begnadeten Schülerin, die später eine bekannt Pianistin werden sollte.

Man mag den Roman gar nicht weglegen.

Er ist nicht das erste Mal, dass sich Alexander Bertsch mit der deutschen Geschichte um und nach dem « Zweiten Weltkrieg befasst. In „Wie Asche im Wind“ (1993) ist sie Thema, aber auch sein darauf folgendes Buch hat einen politischen Hintergrund, es erzählt vom Utopie-Verlust, den er anhand der Generation der 1968 Jahre beschreibt. Mit einem gewissen existenziellen Stoizismus erzählt er  „Eine Sinfonie der Welt » , sein vierter Roman. Ein Musik-Gesellschafts-Entwicklungsroman für Musikliebhaber, Historiker und Geduldige. Aufs präziseste recherchiert und beschrieben und außer Franz Niemann, dessen Person erfunden ist, tritt die komplette Musikergarde der 30er und 40er Jahre in Erscheinung!

„Was bleibt, ist die Musik », hat Niemann im Sinn von Ernst Bloch in seinem Tagebuch vermerkt.

(Alexander Bertsch, Eine Sinfonie der Welt. Roman. 552 Seiten, Verlag Regionalkultur)

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Blog Highlights 2016 : Musik und Kunst im Rückblick

cinema

 

Labyrinthe, Geburtstage, unheimliche Träume und Alpträume, eine Kirche in der Toscana, eine bretonische Insel, ein Atlantis in der Nordsee, eine Rhein-Reise, schräge Musik und andere, Tim Burton und Torten, Theater unterm Dach und Off Off, mexikanische Totentänze und römische Geschichte, zwar nicht postfaktische aber postidentische Zustände, ein Elch-Blues und ein Umzug …… und um noch viel mehr geht es in den Highlights 2016!

Aber sehen Sie selber.

 

Enzo Fililetti Mit einem außergewöhnlichen Konzert zum 111. Geburtstag von Giacinto Scelsi hat der Januar das neue Jahr eingeleitet. Das wunderbare kammermusikalische Hauskonzert in Anwesenheit der vier zeitgenössischen italienischen Komponisten, Giorgio Nottoli, Mauro Cardi, Giuseppe Silvi  und Michelangelo Lupone  fand in der  Scelsi Villa in Rom statt. Wir sind eher durch einen glücklichen Zufall darauf aufmerksam geworden. Der Saxophonist Enzo Filippetti (Foto) spielte u.a. Werke von Scelsi, aber auch von anderen zeitgenössischen Italienern. Was für ein Abend!

helenaerklärt Zerebrale Geoden, Pentagramme, Labyrinthe und primordiale Fruchtbarkeitssymbole stellte Helena Aikin im  Januar 2016 im Museum für populäre Kunst im Madrider Altstadtviertel La Latina in einer ehemaligen Corrala (dort wo vor 100 Jahren die Zarzuelas aufgeführt wurden) aus. Die Sammlung dieser faszinierenden Labyrinthe, die sie in den letzten Jahren gesammelt, konzipiert und nachgebaut hat wurde übrigens  später  im Jahr – ebenfalls mit großem Erfolg -  in der UNO in Genf gezeigt.

Abgesehen davon, dass sich Madrid schon deswegen lohnt weil dort die Künstler Cesar Borja, Gerardo Aparicio und Guillermo Lledo wohnen und es immer ein Vergnügen ist, ihre letzten Areiten zu entdecken, war er Ausflug in der Welt der Labyrinthe sehr spannend. Die Königin der Radierungen, Natividad Gutierrez, ist leider dieses Jahr verstorben. In Natis Werken vereinen sich auf der einen Seite die Vegetation ihrer Heimat, der Karibik, sowie ein Licht, das es nur in Madrid gibt.

In der Serie My Virtual Gallery gibt es außerdem Kurzportraits von vielen anderen Künstlern.

IngresEin Besuch im Prado darf natürlich bei einem Madrid-Aufenthalt nicht fehlen. Dort fand gerade eine sehr umfangreiche und sehenswerte Ausstellung von Ingres Gemälden statt.. Gegenüber auf der Madrider Museumsmeile, im Thyssen Museum, gab es eine umfangreiche Expo mit Gemälden von  Munch zu sehen.

P1280537Emma Dante, die wir im letzten Jahr mit Henzes Kurzoper Gisela in Palermo erlebt haben,  inszenierte eine Cenerentola und wie immer bei ihr ist man vollkommen perplex und überrascht. Diesmal waren die Kleider der Darsteller  mit kleinen Sahneschnittchen zu verwechseln.  Die Oper Rom hat Rossini aber noch ein zweites Mal  gehuldigt mit  einem sehr gewöhnungsbedürftigen Barbier von Sevilla in Form von Grusel-Ideen à la Tim Burton. Ausgezeichnete Sänger und viel Applaus. Vor 200 Jahren wurde Rossinis Barbier im Teatro Argentina in Rom uraufgeführt.

Die Oper Bonn hingegen glänzte mit einer witzigen Cosi fan tutte.

Traviata-Dorothée Lorthiois Auch mit großer Oper beschäftigte sich das französische Ensemble Opera Coté Choer in Paris. La Traviata, mutig und ganz anders. Brechend voll der Espace Pierre Cardin und es gab viele Vorhänge. Die Übersetzung von Jean-Noel Pettit folgt hier: La Traviata (version française).

 P1280710 Auch in Paris gab es eine Mammutausstellung von Anselm Kiefer im Centre Pompidou. Allein schon wegen dieser Schau hätte sich die Reise nach Paris gelohnt. Einfach großartig! Kiefer ist ein großartiger und einzigartiger Künstler, der immer ein wenig weiter geht als die anderen!

Ostia teatro Beeinflusst von Jean Cocteaus Antigone (so gesehen die Fortsetzung der Geschichte nach dem Ende von Ödipus), befasste sich der  große Igor Strawinsky zehn Jahre nach dem Sacre du Printemps-Skandal ebenfalls mit der griechischen Tragödie und arbeitete ab 1925 am Oedipus Rex.  Arien, Duette und Choreinlagen wechseln sich ab. Die Texte sind in Latein und die erklärenden Passagen wurden von einem Sprecher vorgetragen.

goethe-josefstiehler1828 Die Italienreise von Goethe ist vor 200 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht worden (30 Jahre nach seiner Reise!). Die Casa di Goethe hat aus diesem Anlass eine Veranstaltung der Serie Incontri romani dem Geheimrat vom Corso gewidmet. Mario Fortunato und Jan Koneffke haben dazu aus ihren Geschichten über und für Goethe vorgelegen.  Unter diesem Motto haben noch viele andere interessante Abende dort stattgefunden.

Mit Rom und Italien beschäftigt sich auch die  Künstlerin Schirin Fatami. Sie lebt in Rom und in Hannover und man sieht es ihren Arbeiten an, wo sie entstanden sind.

image001 Der kolumbianische Maler Botero ist sehr bekannt aber längst  nicht Jedermanns Sache – auch meine nicht! Vor ein paar Jahren hat er sich nun den Kreuzweg Christi vorgenommen. Dieser war im Frühjahr im Palazzo delle Esposizione in Rom zu sehen. Botero via crucis

Paula Modersohn-Becker wurde im Frühjahr im Pariser Museum für Moderne Kunst gezeigt. Die ausgezeichnete Schau mit über 120 Bildern und Zeichnungen dokumentiert acht oder neun sehr intensive Jahre auf einem (vorzeitigen und rasenden) Weg in die Moderne. Die Briefe aus Paris an die Familie, an Ottos Eltern oder an ihren Mann Otto Modersohn, sind eine einzige Liebeserklärung an Paris.

P1300056 Einen Geburtstagswalzer, einen Tango und noch mehr gab es im österreichischen Kulturinstitut in Rom, welches schon einmal Hans-Werner Henzes 90. Geburtstag am 1. Juli vorfeierte. Das  Cimarrón Ensemble Duo , Christina Schorn und Ivan Mancinelli,  interpretierten u.a. Werke von Hans-Werner Henze (1926-2012), Luca Lombardi  (*1945) und Astor Piazzola (1921-1992).  Miriam Meghnagi hat im selben Kulturinstitut ein paar Wochen später  sehr bewegende Lieder aus Theresienstadt vorgetragen.

La sete di Christo
La sete di Christo ist eine CD des römischen Ensemble Concerto Romano und hat  Anfang Februar 2016 den klassischen Musikmarkt erneut um ein vor-barockes und seltenes Schmankerl bereicherte. Außerdem gab es später im Jahr eine glanzvolle Aufführung von Stradellas San Giovanni Battista, eine wunderbare barocke Preziose, die Stradella selbst wohl als sein bestes Werk bezeichnete. Kein Wunder also, dass Händel und die späteren Zeitgenossen stark beeindruckt waren und in diesem Stil weiter machten. Aber auch das Luther Reformationsjubiläum haben sie sich zum Thema gemacht und eine interessante CD herausgebracht. Klang der ewigen Stadt zu Luthers Zeiten.

Giovanni Battista Pergolesis (1710-1736) Stabat Mater gehört sicher zu den meist gespielten Kirchenmusikstücken überhaupt. Viele große Stars und Musikensembles haben es gesungen und gespielt und die Erwartungshaltung des Publikums ist dementsprechend groß. Concerto Italiano hat es im März aufgeführt und es gab keine Enttäuschung!

Symbolismus Anfang März hat es in Mailand zwei Tage ohne Unterbrechung geregnet und wir haben viel Zeit in Museen verbracht. Mit dabei natürlich das letzte Abendmahl (Cenacolo) und die Pieta Rondanini sowie eine  umfangreiche Ausstellung über den Symbolismus. Für die Ausstellung Alphonse Mucha war die Schlange zu lang, diese konnten wir aber ein paar Wochen später in Rom sehen.

Im April hat der große Pappano Tschaikowskys Fünfte und Strawinskys Psalmensymphonie im Auditorium dirigiert; sowie eine überarbeitete Fassung von Riccardo Panfilis l’Aurora probabilmente. Panfili hat dieses kurze, aber sehr heftige und aufregende Opus posthum dem großen deutschen Komponisten Hans-Werner Henze (1926-2012) gewidmet.

P1300463 Paola Romoli Venturi ist eine außergewöhnliche römische Künstlerin. Ihre happenings haben wir nie verpasst! Im April in Trastevere hat sie ihre neuesten Arbeiten präsentiert. Ad pineam - Licht und Wind kamen wie bestellt und ließen ihre zarten Tücher tanzen. Auch auf eine weitere Veranstaltung mit ihr und weiteren italienischen Künstlern möchte ich gerne hinweisen.  TraNsfusioni#4 (das ist die italienische Version)

P1300712 Der grüne Traum ist ein deutsch-italienisches Wanderprojekt, an dem sich Künstler, Musiker und Dichter beteiligen. Dieses Jahr waren das u.a. Silvia Stucky, Beate von Essen, Lello Torchia, Maria Semmer  und  viele andere  die in der bezaubernden Villa Gregoriana bei Tivoli ihre Arbeiten zwischen Ruinen und Vegetation installierten, die man bei einem Spaziergang durch den Park entdecken konnte.

Mit Natur befasste sich auch eine Ausstellung im Archäologischen Museum in Neapel. Mito e Natura behandelte Mensch und Natur anhand von umwerfenden Fresken von Lustgärten oder Episoden aus der griechischen Mythologie.

P1320594 Ein anderer Entdeckungspaziergang führte uns zum Lungotevere, wo sich William Kentrich mit seinen Mammutfresken  “Triumphs and Laments” verewigte.  In sechs Monaten hat der südafrikanische Künstler und Theatermann William Kentridge auf über 500 Meter am Tiberufer zwischen Ponte Sisto und Ponte Mazzini (Piazza Tevere) die Geschichte Roms in 80 übergroßen Figuren wild durch die Jahrhunderte portraitiert. Später, im Sommer in Berlin, gab es passend dazu die Ausstellung No it is im Gropius Bau.

Mit dem Rhein hat sich sich eine Ausstellung in Bonn beschäftigt. Eine europäische Flußbiografie hat die Bundeskunsthalle aufgezeichnet und der Besucher  reist von der Quelle bis zur Nordseemündung dieses stolzes Stromes.

fff Das Fast Fortward Festival fand dieses Jahr zum ersten Mal statt. Zeitgenössische Musik wurde hier zwei Wochen lang aufs intensivste aufgeführt und präsentiert – in allen bedeutenden Theatern Roms. Eröffnet wurde es mit Heiner Goebbels Schwarz auf Weiß  das  er vor über 20 Jahren für und mit dem Ensemble Modern konzipierte. Deshalb kann es auch nur von diesem Orchester aufgeführt werden.  Bis jetzt kam es ca. 100 Mal zur Aufführung u.a. in Berlin, Brüssel. Dresden, Paris, Sevilla, Luzern, Taipeh, Moskau, Wien, Prag, München und Salzburg und fast alle Beteiligten sind schon seit der Uraufführung 1996 im Frankfurter Bockenheimer Depot mit dabei. Es ist Nacht und die Sieben sitzen in einem hohen Saale in der Stadt Ptolemais. Es wird zwar nicht extra erwähnt, aber wir wissen es trotzdem: sie können nicht entkommen, sie sind isoliert. Einer von ihnen, der junge Zoilus, ist schon tot.

Proserpina von Wolfgang Rihms war ebenfalls Teil dieses Festivals. Rihm kam extra dafür nach Rom und begleitete diesen großartigen Ausklang des ersten aber schon recht erfolgreichen Festivals. Hoffentlich wird es weitergehen.

P1320737 Die Stipendiatin der Casa Baldi in Olevano Romano, Antonia Low, präsentierte im Frühjahr im Palazzo Altemps in Rom ihre Installation « Status of Lost Imagery ». Hierbei ging es um die Bombardierung des Palmyra-Museum. Low hat ein Zeitungsfoto von der Verwüstung des archäologischen Museums vergrößert und dieses gepixelte Bild auf Stoff gedruckt.  Mit Schutzschuhen durfte  man die Ruinen betreten, das heisst sich über und in  ihnen bewegen. Spannende Ruinenbegehung!

Isabella Ambrosini hat mit dem Orchestra Roma Tre im Mai die  Cavalleria Rusticana im Palladium aufgeführt. Dieser Artikel ist in italienischer Sprache. 

P1000187 Dido und Aeneas in Montepulciano  war eines der großen Ereignisse oder vielleicht sogar das Hauptereignis dieses Jahr beim Cantiere in Montepulciano. Regie führte  Michael Kerstan. Mit wenig Mitteln und ausgezeichneten Solisten, unterstützt von einem perfekten Chor und dem diskreten Modus Ensemble Roma unter Mauro Marchetti, haben die Protagonisten das Publikum im Tempio di San Biagio – der übrigens auf einen Bauplan von Bramante zurückgeht und ein perfektes Beispiel einer römischen Basilika ist – regelrecht verzaubert.

Und dann hieß es:

Addio Roma (hinter den links verbergen sich drei Rom-Spaziergänge)

mauer in Rombernini-vierstromebrunnen11201171_448806971964877_8353486730606813120_n

und Hallo Berlin

P1010011kuppel reichstagP1000620

 

Hier hat  uns nicht nur italienische Sonne empfangen sondern auch eine  Velazquez Ausstellung!

 

csm_42_ESDO_Katalog_b88a2f60afEl Siglo de Oro. Die Ära Velázquez – Dunkel und furchterregend ist sie, die Malerei dieses Goldenen Zeitalters in dem herrschsüchtigen, strengen und selbstsicheren Spanien, wo es nicht viel zu lachen gab. Die Protagonisten auf den Bildern dieses kulturell so starken Jahrhunderts strahlen keine Freude oder Leichtigkeit aus. Direkt aus dem Manierismus herausgerissen, überbetont, streng ist sie noch lauernd vorhanden, la Santa Inquisición(die heilige Inquisition).

blick in den GartenDer August hat sich von seiner besten Seite gezeigt und das Einleben in Berlin recht leicht gemacht. Ein  Ausflug an den Wannsee, wo sich der Maler Liebermann einen Sommersitz errichtet hatte, war gerade richtig: Max Liebermann (1847-1935) gehört zu den wichtigsten deutschen Wegbereitern der Moderne. Von Anfang an hat er gegen die Akademiker gekämpft und mit der Gründung der Berliner Secession, bei der er eine wichtige Rolle gespielt hat, die Hauptstadt in den künsterlischen und kulturellen Vordergrund gerückt – er selber ist dann aber irgendwo auch zwischen Biergärten und Portraits stecken geblieben. Geboren im Zentrum von Berlin wo heute das Liebermann-Haus steht (in dem eine Ausstellung über Harry Graf Kessler zu sehen war) hat er sich 1909 ein Sommerhaus am Wannsee bauen lassen. Sein „Schloss am See“, wie er es nannte. Mit Anfang 60 hat er sich gerne hierher in die Ruhe zurück gezogen und über 200 Gemälde sind dort entstanden. Ab 1914 bis zu seinem einsamen Tod 1935 verbrachte er viele Monate dort. Von den Nationalsozialisten verfemt, zwangen diese seine Witwe Martha 1940 zum Verkauf des Hauses. Sie entzog sich 1943 durch Selbstmord einer Deportation. Nach dem Krieg allerdings ging das Haus an die Erben zurück, die es an die Stadt Berlin verkauften.

P1000285Emil Nolde – Der Maler  – Aufdringliche Farben und Nordlicht. Emil Nolde (1867 – 1956) malte mit den Fingern und Händen, ein Pinsel reichte nicht, um diese grelle Leidenschaft auf die Leinwand zu bringen. Ein krasser Gegensatz zu der weiten und unendlichen nicht immer farbigen Welt an der Frieslandküste. Naturgewalt, Einsamkeit, Legenden und gruselige, übertriebene Bauern- und Seemanns-Geschichten, die man sich nach Sonnenuntergang mit Gänsehaut zu erzählen pflegte, hat Nolde auf die Leinwand gebracht und uns ins Gesicht geschleudert.

P1000585 Wolfgang Rihm hatten wir ja beim FFF in Rom mit Proserpina gehört und erlebt. Da war es natürlich klar, dass wir uns Tutuguri nicht entgehen lassen würden. Das Berliner Musikfest wurde damit eröffnet.  Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht werden (Antonin Artaud 1947) . Französischer Surrealist trifft auf mexikanische Totentänze und Rihm macht die Musik dazu. Das klang gut und verheißungsvoll: aber es ist noch viel viel mehr! Es ist ein Erdbeben, ein musikalischer Horror-Tsunami, ein götterdämmernder Phönix-Weltuntergang!

P1010069 Die Kantorin der Kirche zur frohen Botschaft in Berlin-Karlshorst, Beate Kruppke, dachte sich zum 150. Geburstag von Eric Satie und zum 25. Todestag von Olivier Messiaen etwas ganz besonderes aus. Sie stellte ein ungewöhnliches Orgelprogramm zur Ehren der französischen Freigeister und  zur Aufführung auf der Amalienorgel in Karlshorst zusammen. Der Dritte im Bunde war ein weiterer Franzose, der Komponist César Franck (1822-1890).

postidentischeslebenGroßartig der erste Besuch in der Neuköllner Oper . EINE SPEKULATION ÜBER DIE FREIHEIT. Welcome to the office for postidentical living - Shape – edit – customize: Der Erfolgreiche muss sich optimieren, sich abgrenzen, besser sein, fit sein, digital sein, angepasst-unangepasst sein, seine personelle Identität pflegen und diese ausbauen, um vielleicht in einer kollektiven Identität heimlich Unterschlupf zu finden. Unsere Identität unterscheidet uns von den anderen, macht uns einmalig. Aber wozu brauchen wir das? Was brauchen wir überhaupt? Wissen wir was wir wollen? Stylen, shapen, bloggen, sich selfen, bewundert werden. Wie anstrengend, diese permanente Überforderung dem uns gebotenen information overflow gerecht zu werden: Nur wer das alles nicht (mit)machen muss, kann frei sein.

P1000693Das Büro für postidentisches Leben hat also die Antworten und Lösungen. Aber KAP HOORN, eine witzige Aufführung im Theaterdiscounter, vermittelt den  Jahrmarkt der Wünsche und Träume .  Aber was hat Napoleon mit Aschenputtel zu tun? Sehen Sie selber!

Ausstellungsplakat Der Golem, diese berühmteste Legendenfigur der Kabbala, ist ein seelenloses Wesen aus Lehm oder Sand. Er wird durch Rituale oder geheime Buchstabenkombinationen von einem Menschen zum Leben erweckt und ist mit übermenschlicher Kraft ausgestattet. Das Jüdische Museum hat ihm eine sehr interessante Ausstellung gewidmet.

P1010005Die Stadt Weimar war 1999 Europäische Kulturhauptstadt. Das war für den derzeitigen Chef des Berliner Staatsballetts, Nacho Duato, die Gelegenheit, Johann Sebastian Bach zu huldigen. Mit Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere hat er auf ganz besondere Weise Person und Werk dieses einzigartigen Komponisten gewürdigt. Er hat Bach auf die Bühne und ins Zentrum des Geschehens geholt.

P1000911 Siegfried Lenz ist 1926 als  Sohn eines Zollbeamten in Ostpreußen geboren. Mit 42 Jahren hat er seinen wichtigsten und einen der bedeutendsten deutschen Nachkriegsromane, Deutschstunde, veröffentlicht. Bei Deutschstunde geht es um Pflicht, Schuld, Macht, Freundschaft und Verlust und um das Nichtentkommen der Geschichte. Das Ensemble hat es aufgeführt. Aber auch die traditionelle Peymannsche Mutter Courage und ihre Kinder hat uns sehr gut gefallen.

Mauer-cmb-klein Traum, Nacht, Alptraum – Ian Bostridge erzählt von  Kriegen, Nachteulen und Meeresungeheuern. Mit Träumen, Natur und Illusionen hat sich in diesem Jahr auch die österreichische Künstlerin Christa Linossi beschäftigt.

100 Stuehle (1)Am 1. November 2016 feiert der Hamburger Bahnhof seinen 20. Geburtstag. Er entstand als  weiteres Haus der Nationalgalerie und dort werden während der Umbauarbeiten der Neuen Nationalgalerie abwechselnd Werke des deutschen Expressionismus – wie zurzeit Ernst Ludwig Kirchner HIEROGLYPHEN  – gezeigt.   Eine der besten Ausstellungen überhaupt mit Arbeiten von Carl André war 2016 im Hamburger Bahnhof zu sehen. Aber auch das Thema Kapital hat das Museum beschäftigt. Hier der Bericht.
AusstellungsplakatUnheimlich war der Titel der Ausstellung im Kunstmuseum in Bonn, die zur Zeit noch in Bonn zu sehen ist (bis Januar 2017). Unheimlich bedeutet schauerlich, gruselig oder furchterregend. Der Titel ist deshalb nicht sehr aussagekräftig, denn hier geht es auch viel um Angst und Einsamkeit, um Unwohlsein, um Hinweise auf Gewalt, versteckte und offensichtliche und um Traum und Wirklichkeit. Kein Entkommen, Dinge, Totenhaus, Alpträume, Einsamkeit, die Anderen,  Verschwinden, Tatorte sind die Schlagwörter und in diese ist die Ausstellung unterteilt.

P1040281 Bei der Geisterbraut ging es auch unheimlich zu. Diese  opernhafte und selten aufgeführte spätromantisch-wagnerianische Ballade von Antonín Dvořák (1841-1904) wurde  aus Anlass des 175. Geburtstags  dieses böhmischen Komponisten von der Berliner Singakademie und dem Konzerthausorchester unter Achim Zimmermann im Konzerthaus in Berlin aufgeführt. Isabelle Faust hat mit Werken von Luigi Nono  in der Philharmonie ebenfalls bella figura gemacht.

P1010413Der Britische Blick: Deutschland – Erinnerungen einer Nation. Mit dem Deutschlandbild der Briten hat sich diese Ausstellung beschäftigt, die auch uns so einiges über uns beigebracht hat. Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden(Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Xenien, 1796)

maulwerk Maulwerker -  Lautdichtungen und Sprechduette hat sich in einer Veranstaltung organisiert durch KONTRAKLANG im Heimathafen präsentiert. Gerhard Rühm, der bei der gestrigen Performance im Heimathafen Neukölln persönlich anwesend war, ist einer der bedeutendsten Künstler, ein Tausendsassa oder Wunderwurzi wie die Österreicher sagen. Er ist Schriftsteller, Lyriker, Schauspieler, Komponist, Performancekünstler, Maler und Poet. Er Gedichte oder Lautdichtungen aus seinem Repertoire vorgetragen – allein und Sprechduette er mit seiner Frau, der Musikpublizistin Monika Lichtenfeld. Dass er 86 Jahre alt ist würde man nicht vermuten. Temperamentvoll und witzig, ein einfallsreicher Sprachkünstler und Grenzgänger zwischen Noten, Buchstaben und Sprachexperimenten.   Kontraklang hab ein paar Wochen später das anstrengende aber sehr interessante Konzerthappening « Nach Kagel » - auch wieder im Heimathafen Neukölln organisiert. Und hier ging es um Sprechmusik, Peinlichkeit, Heilkräuter und um einen heiseren Wanderer! Lesen Sie selber!

P1010457Terpsichore, Liebesgötter und kalte Schönheiten. Der italienische neoklassizistische Künstler Antonio Canova (1757-1822) zählt zusammen mit dem Dänen Thorvaldsen zu den bedeutendsten Bildhauern seiner Zeit. Das Bode-Museum hat ihm diese Ausstellung über den Tanz ausgerichtet – mit dem schönen Titel:  Canova und der Tanz!

P1010502 Il Triunfo dem Tempo e del disinganno von Georg-Friedrich Händel zählt schon seit langem zu meinen Lieblings-Händel-Kompositionen. In diesem Stück hat er sich auch eine Rolle gegeben und deshalb wird er zur Sonata im ersten Teil er als anmutiger Jüngling an der Orgel (Thomas Guggeis) begleitet von Corelli an der Geige (Wolfram Brandl) ins Restaurant geschoben. Wunderbare Aufführung im Schillertheater! Viel Applaus für alle aber vor allem für das Vergnügen!

P1010637 Reden ist nicht immer die Lösung - meint Omer Fast in seiner im Rahmen des Programms „Immersion. Analoge Künste im digitalen Zeitalter“ im Martin-Gropius Bau organisierten Ausstellung, bei der sieben Filmprojekte von ihm gezeigt wurden. Der israelisch-amerikanische Videokünstler verarbeitet in seinen Projekten Krieg, Gewalt, Sex, Erziehung und Zusammenleben.  Und hier erwähnte ich Clemens von  Wedemeyer ; der  so ähnliche Geschichten in Hamburg erzählte.

P1010662 Die Europäische Akademie für Musik und Darstellende Kunst Palazzo Ricci ist ein bedeutendes deutsches Kulturprojekt in Italien, das sich vor allem der Musik widmet.  Seit dem Jahre 2000 sitzt die Hochschule für Musik und Tanz Köln in diesem Palast, der nach umfangreichen Renovierungsarbeiten im Jahre 2001 als Europäische Akademie wieder eröffnet wurde. Und damit sind wir auch schon beim Anlass des gestrigen Abends: das 15-jährige Jubiläum. Die Akademie feierte ihren Geburtstag mit einem Konzert, das  mit einem ganz besonders sorgfältig ausgesuchten Programm am Gendarmenmarkt im Berliner Konzerthaus bestach.

P1010682 Good Bait (guter Köder) ist das aktuelle und neuestes Standard-Programm der Quartett-Jazzband die den Beinamen … die flexible Einsatztruppe  bestehend aus dem Saxophonisten und Gründer der Truppe Markus Ehrlich, dem gerade aus New York zurückgekehrten Pianisten Johannes von Ballestrem, dem Bassisten Tom Berkmann und dem Schlagzeuger Philipp Schaeper. Dann haben wir noch den Piano Salon Christophori entdeckt – hier kann man alles hören – meist klassisch, aber es steht durchaus auch mal dann und wann ein Jazzabend an. Im Jazzclub Zig Zag in Berlin ist die Gruppe Subtone aufgetreten, die vor allem eigene Kompositionen gespielt haben. Schöner Club!   Der bekannte schwedische Posaunist und Sänger  Nils Landgren, alias Mr Redhorn, trifft beim diesjährigen Young Euro Classic Festival auf das junge Ensemble Olivinn, das die türkische Komponistin und Pianistin gegründet hat. Hier wurde Jazz mit Klassik verbunden und formell in einem Konzerthaus aufgeführt. 

P1010522 Die Stadt“ hat Theodor Storm sie ganz schlicht genannt. Zu seiner Zeit hat er wohl auch noch  durch die Stille las Meer brausen gehört. Das ist jetzt nicht mehr so, aber die Möwen, die Luft, das Salz darin, das Ebbe und Flut Spiel, das den Hafen hebt und senkt, ist immer noch so.   Jan Christophersen hat über diese so ganze andere Welt den Roman « Schneetage » geschrieben. Hier die Rezension!

Eine andere ganz besondere Reise ging in die Bretagne. Fünfzehn Kilometer vom Festland entfernt liegt sie, eine der größeren bretonischen Atlantikinseln: Belle-Île-en-Mer. 45 Minuten dauert die Überfahrt mit der Fähre von Quiberon nach Le Palais, der Hauptstadt von Belle-Île mit ungefähr 2600 Einwohnern. Hier verbrachte die Schauspielerin Sarah Bernhardt viel Zeit zwischen Felsen, Wind und Einsamkeit.

George Grosz - Grauer Tag Die Neue Nationalgalerie ist noch immer wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Deshalb zeigen die anderen « Filialen » abwechselnd Werke aus dieser umwerfenden Sammlung der Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Hamburger Bahnhof ist immer noch  Kirchner zu sehen und im Scharf-Gerstenberg Museum noch bis zum 23. April 2017 die Ausstellung « Surreale Sachlichkeit » Werke der 1920er- und 1930er Jahre aus der Nationalgalerie.

P1010830 Zarzuela ist spanisches Musiktheater vom Feinsten. Spitzbubenhafte Komödie, Folklore und populäre Romanzen verbunden mit spritziger Musik, opernähnlichen Arien, Temperament und guten Geschichten. Sie entstand im 19. Jahrhundert und wurde sowohl in Spanien als auch in Südamerika, vor allem in Argentinien, Mexiko aber auch in Kuba mit großem Publikumserfolg aufgeführt. In der Berliner Bibliothek des lateinamerikanischen Institut gegenüber der Gemäldegalerie wurde im Dezember eine Ausstellung über die Zarzuela eröffnet. Zur Eröffnung haben  zwei glänzende Interpreten Kostproben vorgetargen.

P1010868 Vor 500 Jahren, 1517, hat Martin Luther (1463-1546 in Eisleben), Mönch und Theologieprofessor  seine 95 Thesen zum Ablasswesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. Dort, im Wittenberger Kloster, kam ihm auch die Erleuchtung. Sein Turmerlebnis sollte die Welt, nicht nur die gläubige, verändern und die Reformation auslösen.  Ein Jahr später ist er dann auch gleich nach Rom vorgeladen worden. Schon  1516 hatte Luther öffentlich gegen die Ablasspraxis gepredigt. Über Musik in der Zeit Luther in Rom hat Concerto Romano im letzten Jahr eine wunderbare CD herausgebraucht.

P1020013  Zauberwald, Pemplum und Kuschel-Riesenplüschtiere. Die Premiere dieser Inszenierung von August Everding mit einem Bühnenbild von Fred Berndt nach den herausragenden Entwürfen der grandiosen Sternenkuppel (die Tassen und Geschirrtücher ziert) oder den ersten Auftritt der Königin der Nacht auf der Mondsichel vom Berliner Architekten und Baumeister Karl Friedrich Schinkel für die Berliner Königlichen Schauspiele 1816 fand schon 1994 statt. Sie gehört heute zu den am meisten gespielten Zauberflöten in Berlin und sorgt jedes Jahr wieder für ein volles Haus.

P1020021 Kindl ist vor allem Biertrinkern ein Begriff. Die ehemalige Brauerei in Neukölln wurde vor ein paar Wochen als neues zeitgenössisches Kulturzentrum in Berlin eröffnet. Ein Besuch ist hier beschrieben. Zur Zeit sind zwei Künstler dort ausgestellt.

 

Ein frohes, glückliches, beschwingtes, kulturelles und gesundes Jahr 2017 wünsche ich allen blog Besucher/innen.

Christa Blenk

 

 metallungeheuer (2)P1020059
Street Art in Berlin

 

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

Buchbesprechung – Schneetage

P1010557
Funde aus Rungholt im Husumer Museum

« Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren ». Dieser Satz aus einer bekannten Ballade von Detlev von Liliencron beschränkt die erste „Große Mandränke“, die Sturmflut, die 1362 die Insel Rungholt verschluckte. Die Rungholter sollen geld- und raffgierig gewesen sein und die Legende sagt, dass sie damit wohl bestraft werden sollten. Wenn ein Volk geschäftstüchtig ist, dann hat es auch Schätze.

gois-halbgeflutet2

Das „Atlantis“ im Wattenmeer und die Schneekatastrophe in Schleswig-Holstein 1978/79 sind die Eckpfeiler von Jan Christophersens Debüt-Roman „Schneetage“. Paul Tamm ist der Wirt vom Grenzkrug, ein Gasthaus an der deutsch-dänischen Grenze. Kurz vor Silvester wird er mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. In der Geborgenheit von Pauls Büro, konfrontiert mit Angst und aufziehenden Schneestürmen läuft Jannis’ Erinnerungsfilm ab. In Zeitsprüngen erzählt er, Pauls Ziehsohn, die Geschichte der Familie, die auch seine ist. Er denkt an Pauls wortkarge Besessenheit von der versunkenen Insel Rungholt, an die geheimnisvollen Funde im Watt, an Sensationsjournalisten und an die mysteriöse Okarina-Flöte, mit der alles begann. Er beschreibt die abenteuerlichen Wattausflüge mit Paul, bei denen er die alte Gräfin auf einer einsamen Hallig kennenlernt und die Beziehung zu Pauls Frau, die immer mehr die Rolle der ewig unzufriedenen Nörglerin bekommt. Sie muss den Grenzkrug zusammenhalten aber Paul gibt zuviel Geld für seine Leidenschaft, die Watt-Mission, und für teure Fund-Analysen aus. Das Wirtschaftswunder geht trotz Dauergast, in der Person einer teetrinkenden Maler-Hommage an Siegfried Lenz, am Grenzkrug vorbei. Als Jannis Paul schließlich im Krankenhaus besucht, weiß er plötzlich, was er tun muss. Er kauft sich ein Ticket nach England, um seinen Vater zu suchen.

Stoisch und bodenständig die Personen, emphatisch und reich die Sprache. Der faszinierende Ebbe- und Flutzauber bringt den Leser zwar nicht zum Lachen, erweckt aber den Archäologen in uns und den Wunsch, im Watt zu buddeln, um wenigstens die Scherbe einer Kirchglocke oder einen Auerochsenschädel zu finden.

schnee

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

Deutschstunde – Aufführung im Berliner Ensemble

Die Freuden der Pflicht oder Die Grenzen der Freundschaft

 

P1000911

 

Siegfried Lenz ist 1926 als  Sohn eines Zollbeamten in Ostpreußen geboren. Mit 42 Jahren hat er seinen wichtigsten und einen der bedeutendsten deutschen Nachkriegsromane, Deutschstunde, veröffentlicht. Bei Deutschstunde geht es um Pflicht, Schuld, Macht, Freundschaft und Verlust und um das Nichtentkommen der Geschichte.

Der Schriftsteller Christoph Hein hat das Buch 2015 als Theaterstück für die das Berliner Ensemble aufbereitet; Regie  Philip Tiedemann. Die Premiere war am 6. Juni 2015.

 

Ostsee
Foto: Ines Kluwe-Thanel

 

Gestern Abend wurde das Stück etwas modifiziert aber mit denselben Schauspielern wie 2015 im Berliner Ensemble aufgeführt.

Wir befinden uns in den 50er Jahren und Siggi Jepsen (Peter Miklusz) sitzt im weiß-grauen Erziehungsheimambiente. Er gilt als Bilderdieb und muss wieder gerade gebogen werden.  Der Lehrer schreibt das Aufsatzthema „Die Freuden der Pflicht“ an die Tafel. Siggi sitzt, als einziger, mit dem Gesicht zum Publikum, von den Lehrern, Pflegern oder Erziehern sieht mit nur weiße Kittelrücken. Siggi erinnert sich an die Zeit zwischen 1943 und 1945 und die Verwandlung seines Vaters von einem Menschen zu einem hassenden Pflichterfüller. Alles begann mit der Überbringung des aus Berlin offiziell diktierten Malverbots an den am Ort lebenden Maler Max Ludwig Nansen (Martin Seifert).

Siggi ist permanent hin- und hergerissen,  zwischen seinem Vater, den er nicht verstehen kann, der dumm und gehorsam ist und für den alles was war nicht mehr zählt und Onkel Max (Nansen), den er bewundert und verehrt, dessen Bilder er versteckt. Er wirkt klein und unsicher, zögert aber keine Sekunde, sich für das « Gute » zu entscheiden.

Die Geräusche von Meer, Wind, Regen, Schüssen  werden von den Schauspielern ad hoc erzeugt und versetzen den Zuschauer an die raue Nordsee, wo der Wind stärker bläst als anderswo und wo die Seemöwen kreischen, wo der Dorfpolizist mit seinem Fahrrad gegen den Wind ankämpft aber in Ausführung seiner ihm von höchster Stelle auferlegten Aufgaben nicht aufgibt. Er erinnert sich an den  Pflichtenberg seines Vaters, den unerbittlichen Dorfpolizisten von Rugbül Jens Ole Jepsen (Joachim Mimtz). Er erinnert sich, wie sein Vater zuerst fast peinlich berührt das Schreiben übergibt mit dem Hinweis, ja nur seine Pflicht zu tun und die Freundschaft zu dem Maler, dessen Bilder eigentlich niemand im Dorf mag,  in die Brüche geht. Er schreibt, wie sein Vater immer strenger und pflichtgetreuer wird, ja wie er sogar seinen älteren Sohn opfert. Er erinnert sich an die anderen Dorfeinwohner, die Rolling home singen und Jazzrhythmen klopfen, aber die auch melden, wenn jemand Radio London hört.

Im Hintergrund wird eine Torfhütte gebaut, in der Jepsens ältester Sohn auf der Flucht sich beim Maler Nansen versteckt und dann bei einem Luftangriff umkommt. Später werden diese Torfziegel die Straßensperre, die Niemanden mehr aufhalten wird. Er erinnert sich auch wie sein Vater nach Kriegsende  immer noch Nansens ungemalte Bilder, weiße Blätter, wie den Unsichtbaren Sonnenuntergang mit Brandung, den er bei der Beschlagnahmung als ein wenig zu dekorativ bezeichnet hatte.

Wind, Krieg, Seeluft und Pflicht haben den Verstand begraben. Männer machen den Krieg, Männer machen die Gesetze und Männer aus Berlin befehlen und erheben das Malverbot. Hat Tiedemann deshalb alle Rollen mit Männern besetzt?

Berlin hatte gerade die erste Retrospektive von Emil Nolde im Brücke Museum in Dahlem gezeigt. Es spricht ja vieles dafür, dass Lenz ihn als Vorlage für den Maler Nansen genommen hat.

Eine im Ganzen gute Aufführung, die animiert, die Deutschstunde nachmals zu lesen.

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

P1000919

BALD GEHT ES WEITER

Liebe Leserinnen und Leser

umzugs- und technikbedingt ist eine längere Publikationspause entstanden!

Aber bald geht es wieder weiter – mit Berichterstattung vor allem aus Berlin!

P1320488

 

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Umberto Eco – Nullnummer

eco

 

Giovanni di Lorenzo hat im Oktober 2015 Umberto Eco für Die Zeit interviewt und während des Gesprächs erwähnte Eco, dass Nullnummer sein letztes Buch sein werde: « Aber ja, jetzt reicht’s, zumal ich mehrere große nicht narrative Projekte habe, denen ich mich voll und ganz widmen möchte. Ich habe mir gesagt: Wieso packe ich das Thema nicht in einen Roman? »

Fünf Monate später war Umberto Eco tot.

Die Idee zu dem Buch Nullnummer hatte Eco schon in den 70er oder 80er Jahren, als er permanent mit der Werbung für eine Zeitung namens „Oggi“ (Heute) konfrontiert war; ein Blatt, das nie das Licht der Druckerpresse erblickte.

Bei Eco heißt die Zeitung „Domani“  (Morgen) und er setzt noch eines drauf. Denn hier entsteht eine Zeitung die in der Gegenwart Ereignisse der Zukunft, die in der Vergangenheit passiert sind, beschreibt. Es gibt ein Redaktionsbüro und sechs Redakteure, von denen nur einer, Colonna, weiß, dass alles Fake ist und dass alle, ohne es zu wissen, in einem Theaterstück mitspielen, das auch nie aufgeführt werden wird.

Sehr schnell und fesselnd, wunderbar strukturiert, erzählt Eco die Kriminalgeschichte auf weniger als 250 Seiten. Fiktion und Realität vermischen sich permanent aber er schafft es trotzdem irgendwie spielend, dass der Leser nicht aus dem Film fällt.  Vielleicht passiert aber alles nur im Kopf des Erzählers!

Juni 1992: Mit einem zugedrehten Wasserhandrad kommt das ganze in Schwung. Der zweitklassige Journalist Colonna gerät in Panik und erzählt die Begebenheiten zwischen April und Mai desselben Jahres. Spionage, Verrat, Korruption, Mord, Erpressung, Verschwörung und viel Manipulation.

Der Zynismus, mit dem er dem Journalismus begegnet ist genau so schmerzhaft und ekelerregend wie die Beschreibung der gerichtsmedizinischen Untersuchung der Mussolini-Leiche, die vielleicht gar nicht die Leiche des Duce war.  Ein ernüchternder Illusionsverlust auf allen Ebenen und eine niederschmetterende Wahrheit über sein Italien und die politischen Begebenheiten in den 90er Jahren.

Es ist sicher nicht sein profundestes oder bestes Buch. Billige Schlagzeilen, Gemeinplätze und Verschwörungstheorien, eine flache Liebesgeschichte und Vermutungen über Mussolinis Verbleib nach dem er eben nicht wie alle dachten am 25. April zu Tode kam und die Niedrigkeit der Masse sind die Hauptprotagonisten. Fragen wie hat der Duce in Argentinien oder im Vatikan auf eine Rückkehr gewartet oder hat die Mondlandung wirklich stattgefunden werden genauso behandelt wie eine ausführliche Gebrauchsanleitung für einen Autokauf.

Colonna ist ein gewinnender Looser, er ist sympathisch, mehr oder wenig anständig und  phlegmatisch. Er erkennt resignierend, dass er es mit seinen 50 Jahren wohl nicht mehr zu etwas Großem bringen wird, will – mit der verlässlichen Bequemlichkeit in das ruhige Misstrauen in die Welt – zurückkehren zu seinen Übersetzungen und mit Maia am Wochenende auf den See schauen und abends Filme ansehen.

Mit diesem Roman wollte er eindeutig die italienische Presse bestrafen, aber die Ohrfeige geht genauso an die Politiker, an den Leser seiner Bücher, den konsumierenden und schnell vergessenden Zeitungsleser, den Bestechlichen und demjenigen, der sein Schäfchen immer ins Trockene bringt.

Und so kommt man am Ende an und muss die erste Seite nochmals lesen, weil dann alles viel klarer wird!

Trotzdem eine schöne und unterhaltsame Lektüre. Schließlich lesen wir das Buch ja auch in der Gegenwart und er schafft es, uns mit  den Geschichten der Vergangenheit zu manipulieren.

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Il Sogno Verde (der grüne Traum) – Giornate FAI di Primavera a Villa Gregoriana

Mensch und Natur

P1300712
in der Villa Gregoriana

 

Der grüne Traum – Il sogno Verde

Der grüne Traum ist ein deutsch-italienisches Wanderprojekt, an dem sich Künstler, Musiker und Dichter beteiligen.  Dieses Jahr sind das u.a. Silvia Stucky, Beate von Essen, Lello Torchia, Maria Semmer, Claudia Muratori, Federica Luzzi, Ennio Alfani, Franca Bernardi, Marcello Rossetti und Daniele Alef Grillo, aber auch  Alberto Burri, Jannis Kounellls, Mario Schifano, Toti Sicaloja und viele andere waren schon an diesem Projekt beteiligt.

Im Frühjahr beginnt die Ausstellung traditionsgemäß in Italien und wandert dann weiter in den Norden. 2015 im Herbst war sie u.a. in Rothenburg ob der Tauber, an zwei Orten in der Altstadt zu sehen. Die Künstler setzen sich mit dem vorgegebenen Ort auseinander, deshalb ist die Schau auch an jedem Ort unterschiedlich.

Dieses Wochenende vor Ostern findet die Ausstellung – nicht zum ersten Mal – anlässlich der Giornate FAI di Primavera in der Villa Gregoriana/Tivoli statt. Bei strahlendem Sonnenschein machten unzählige Besucher diesen Kunstspaziergang durch den faszinierenden Park der Villa, dominiert von zwei römischen Tempeln aus dem II Jahrhundert v.C. und begleitet vom Rauschen des großen Wasserfalls der Aniene. Franca Bernardi hat z.B. eine ihrer Arbeiten, Nest,  in den Ruinen installiert; früher diente gerade dieser Raum als Fischtisch und die Installation von Silvia Stucky Come l’acqua che scorre steht im Dialog mit dem großen Wasserfall. Ennio Alfani hat einen Freskenteppich gelegt und Marcello Rossettis Riesenschmetterling Farfallone fliegt auf Daniele Alef Grillos Equilibrio – alberi zu. Lello Torchias senza titolo wacht, dass das Wasser nicht zu schnell steigt. Poetisch die Installation Fusion von Maria Semmer. Ihre Protagonistin muss sich aus dem Schlamm befreien, nach der großen Flut, vielleicht!

 P1300680P1300652P1300645
Daniele Alef Grillo, Maria Semmer, Silviy Stucky (Villa Gregoriana – il sogno verde, 2016)

1977 ist diese Bewegung Der grüne Traum als eine Initiative der Cooperativa Agricoltura Nuova (eine traditionelle römische Landwirtschaftskooperation) entstanden. Eien Gruppe von Hilfsarbeitern und Landwirten gründeten sie mit der Absicht, den biologischen Ackeranbau zu fördern. Nach Rom kam der Grüne Traum 2011. Die erste und die darauf folgende Ausstellung fanden in eben dieser Kooperative statt.

Teufelstal heißt die Schlucht, in der sich eine weitläufige Parkanlage, die Villa Gregoriana, befindet. Direkt unterhalb der Akropolis von Tivoli. 120 Meter stürzt der Fluss Aniene hier in die Tiefe.  Römische Fragmente, Umbauten durch Papst Gregor XVI im 19. Jahrhundert und die Hinterlassenschaft bedeutender Flutkatastrophen treffen auf eine romantische Gartenanlage.

Tivoli hieß in der Antike Tibur und war ein strategisch wichtiger Punkt für die Reisenden aus dem Osten auf dem Weg nach Rom. Goethe und viele andere der Bildungsreisenden aus dem 18. und 19. Jahrhundert waren dort und haben die Tempel gezeichnet oder bedichtet.

 P1300671
Franca Bernardi installiert gerade ihr Kunstwerk in der Höhle

Für die Leute aus Rom ist morgen noch Zeit, hinzufahren!

Der Anio, vor seinem Sturze, bricht an der Seite durch die Stadt, und senkt mit sanftem Falle im weißen Silberglanze auf drei Stufen sich die Felsenwand hinunter, auf deren Rücken das alter Tibur steht …. Wie auf einer Tonleiter steigt sein süßes Rauschen nieder, Aug und Ohr verfolgt begierig die reizende Wiederkehr, und sieht und hört sich nimmer satt. (Karl Philipp Moritz  « Reisen eines Deutschen in Italien »)

P1300701
Wasserfall in der Villa Gregoriana

Christa Blenk

Fotos: Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Top-blog-highlights im Februar 2016

Fünf Top-blogs im Februar

 

P1280710 Die großartige Ausstellung von Anselm Kiefer findet immer noch im Centre Pompidou in Paris statt. Sie ist ein « must »! Eine umfangreiche Retrospektive über das Mamutoeuvre dieses in Frankreich lebenden deutschen Künstlers

P1290731 Die Oper Rom hat nach der Cenerentola zum zweiten Mal Rossini gehuldigt und mit dem #Barbier von Sevilla eine etwas gruselige Tim Burton Inszenierung auf die Bühne gebracht, mit ausgezeichneten Sängern und viel Applaus. Vor 200 Jahren wurde Rossinis Barbier im Teatro Argentina in Rom uraufgeführt.

goethe-josefstiehler1828 Die Italienreise von Goethe ist vor genau 200 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht worden (30 Jahren nach der Reise!). Die Casa di Goethe hat aus diesem Anlass eine Veranstaltung der Serie Incontri romani dem Geheimrat vom Corso gewidmet. Mario Fortunato und Jan Koneffke haben dazu aus ihren Geschichten über und für Goethe vorgelegen. #Rom trifft Berlin!

image001 Der kolumbianische Maler Botero ist sehr bekannt aber auch gewöhnungsbedürftig. Er gefällt eigentlich nicht aber trotzdem sehen sich alle seine Bilder und Skulpturen an. Vor ein paar Jahren hat er sich nun den Kreuzweg Christi vorgenommen. Dieser ist seit zwei Wochen im Palazzo delle Esposizione zu sehen. #Botero via crucis

Traviata-Dorothée Lorthiois Die Traviata von Opera Côté Choeur – aufgeführt im Espace Cardin in Paris, hat zwar schon am 30. und 31.  Januar stattgefunden. Die Übersetzung von Jean-Noel Pettit gibt es aber erst seit Anfang Februar. #La Traviata (version française). Die #deutsche Version ist hier zu lesen.

 

P1300056Das österreichische Kulturinstitut in Rom vor-feierte schon Hans-Werner Henzes 90. Geburtstag am 1. Juli mit Walzer, Tango und dem El Cimarrón Ensemble Duo sowie vielen neuen Kompositionen.

Vielen Dank für Ihren Besuch.

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 
P1280654
Anselm Kiefer – Varus
 

Kurzgeschichte: Von Moorgeistern und Laubfrauen

etournel 076etournel 074etournel 043etournel 009mantic skinpeauMantique_chapelle

Von Moorgeistern und Laubfrauen

Die Bürger vom Etournel oder: Ein Ausflug mit der Installationskünstlerin und Malerin June Papineau in ihr Moor im französischen Jura

Feste Schuhe, lange Hose, langärmelige Bluse, Kopfbedeckung und Mückenspray mitbringen – ist die Antwort von June Papineau auf unseren telefonisch geäußerten Wunsch, mit ihr in den Etournel zu fahren, ein Moor-Biotop im französischen Jura, 30 Kilometer und 35 Autominuten von Genf entfernt. Wir müssen uns aber früh auf den Weg machen, sagt sie, sonst wird es zu heiß. Es klappt natürlich nicht. Wir erreichen den Parkplatz erst am späten Vormittag und die Sonne steht schon sehr hoch. Die ersten zehn Minuten spazieren wir ohne Hindernisse gut gelaunt, fast gemütlich und sorgenfrei über Monet-Wiesen, vorbei an einem See mit dem obligatorischen Märchen-Schwan; überall heile Welt und Leberblümchen, Erika, Disteln, Blumen und Pflanzen, die man nicht mehr jeden Tag sieht. Leicht übertrieben, ihre Panikmache, denke ich mir, und prompt verlassen wir zur Strafe den Weg und schlagen uns buchstäblich ins Gebüsch und aus der Zivilisation. Das Buschmesser hat sie vergessen zu erwähnen, war mein nächster Gedanke, als wir ein wenig später von Lianen gepeitscht den schlammigen „Styx“ überqueren, der Dank der großen August-Hitze nur wenig Wasser führt was uns vor dem Versinken im moorastigen Schlick rettet. Mit nassen Schuhen, was aber fast angenehm war, schleppen wir uns weiter durch ein abenteuerliches Dickicht à la Indiana Jones, kein Ende abzusehen, wir schwitzen, eingepackt wie wir sind und vor und um uns nur höllischer Tann und Dornen. Ich bin sehr froh, nicht allein zu sein und bewundere sie sehr, wenn ich daran denke, dass sie seit Monaten fast jeden Tag diesen Weg allein zurücklegt und viele einsame Stunden hier verbringt, denn mittlerweile bin ich überzeugt davon, dass es hier spukt!

Ganz plötzlich, ohne Vorankündigung und wie aus heiterem Himmel steht er vor uns: thegreat goyesco. Und obwohl June uns schon viel von ihm erzählt hat und wir Fotos von dieser Skulptur in Arbeit gesehen haben, halten wir abrupt den Atem an: so gewaltig, imposant, beeindruckend und fast ein wenig angsteinflößend hätten wir uns ihn nicht vorgestellt. Dunkelweiß, wie ein großes vielarmiges Monster das uns umarmen oder verschlingen will, schlängelt er sich uns entgegen: das hier ist nicht nur ein gefallener Stamm; dieser Baum ist filigran, verästelt, vernobbt und verzweigt und hat etwas irreal Lebendiges. Im Stillen fragen wir uns wie sie dem hier wohl die Haut abziehen will, die sie ihm in wochenlanger Arbeit angezogen hat und vor allem, wie sie ihn heil aus diesem Dschungel herausbringen will. Wir wagen gar nicht zu reden, um diese heilige, gruselige Geisterstille mitten im Moor nicht zu durchbrechen und sind einfach nur fasziniert. Diese Anstrengung hat sich wirklich gelohnt, denke ich bei mir.

 ***

Künstler und Alchemisten haben so einiges gemeinsam. Beide werden sie von dem Wunsch getrieben, einen Gegenstand (Farbe, Marmor oder Metall) in einen anderen (Bild, Skulptur, Gold) zu verwandeln. Sie sind auf der Suche nach Neuem und ihr Hilfsmittel ist die Metamorphose. Ovid hat um 6-8 n.C. die kursierenden Geschichten von Göttern und Menschen zusammen gesucht, vervollständigt und weitere hinzugefügt. Dafür wurde er von Kaiser Augustus zur persona non grata erklärt und ans Schwarze Meer verbannt. Kunst und Literatur der letzten 2000 Jahre wären allerdings ganz schön leer und langweilig ohne seine Erzählungen.

Die Metamorphose war das prominenteste Handwerkszeug der Götter in der Antike. Zum Einsatz kam sie vor allem, um ungehorsame oder zu talentierte menschliche Wesen zu bestrafen und sie in ihre Schranken zu weisen. Manchmal war aber auch Barmherzigkeit der Grund, jemanden oder etwas zu verwandeln. Denken wir an Niobe, der die Gnade widerfahren war, in einen Stein verwandelt zu werden, um vom Leid abzulenken, nachdem Apoll alle ihre Kinder getötet hatte. Oder Echo, die von sich aus ganz langsam zu einem alles wiederholenden Felsen erstarrte, um ihren Kummer über Narziss’ verschmähte Liebe nicht mehr ertragen zu müssen. Die Wassergöttin Thetis verwandelte sich in einen Vogel, um sich vor Peleus’ Annäherungsversuchen zu schützen und Hermann Hesses Piktor darf durch einen Zauberstein ein Baum werden. Eine Verwandlung hat immer etwas Angst einjagendes und faszinierendes. Eine der schönsten Geschichten allerdings ist die von Pygmalion, hier ist es umgekehrt und der Stein erwacht – aus Liebe – zum Leben!

 ***

Auf dem Rückweg zum Auto begegnen wir überall June Papineaus‘ alten Bekannten: Bäumen, deren Haut, Haar und Seele sie schon abtransportiert hat. Man sieht ihnen diese Bearbeitung aber nicht mehr an und sie haben diese natürlich alle ohne Schaden überstanden. June erkennt sie aber trotzdem, wie eine Mutter ihre Kinder erkennt. Den großen orakelhaften Hexenbaum mantic skin hat sie im Frühjahr 2012 in Frankreich ausgestellt; er sieht nach der Umwandlung aus wie ein Bürger von Rodin. Mantic Skin ist der Abdruck einer Erle. Sie hätte ihn auch den Erlkönig nennen können, denke ich und prompt, wie durch Gedankenübertragung, fängt sie an, Goethes Erlkönig zu zitieren. Es irrlichtet und erneut muss ich meine Bewunderung für ihren Mut ausdrücken.
Wir setzen unseren Weg durch das ungemütliche Ried fort und nach weiteren fünf Minuten immer im Kampf mit den Schlingpflanzen, Mücken und dornigem Gestrüpp treffen wir auf
Dr. Vengos’ tree, dann auf Alderskinn. Ich denke an William Blakes Ölgemälde von Vergil und Dante im Wald, und ein wenig fühlen wir uns auch so, nur dass diese Bekanntschaften auf dem Pfad ins Paradies keine ehemaligen Florenzbewohner sind, sondern Bäume, die von June Papineau verkleidet, entkleidet und nach Hause gebracht wurden. Sie kennt all die Geschichten und wenn sie unter der Woche alleine kommt, dann hört sie das Flüstern der Moor-Bewohner, und ich verstehe schon sehr viel, was sie sagen, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

All diese Gesellenstücke haben auf das große Meisterwerk, den „great goyesco“ hingearbeitet. Bevor er von dem gewaltigen Hurrican im Jahre 2000 komplett entwurzelt wurde, war er ein stolzer anonymer Weidenbaum. Die gefallene Weide hat Papineau ein paar Jahre später durch Zufall entdeckt.

Heiß wie im Inferno ist es hier und deshalb fährt sie normalerweise schon im Morgengrauen dorthin, arbeitet bis zu 10 Stunden, bevor sie den 35-minütigen Fußweg und die Rückfahrt nach Genf antritt. Manchmal kommt sie auch erst in der Dämmerung an, zwischen „chien et loup“, wie die Franzosen sagen. Furcht kennt sie nicht, mittlerweile identifiziert sie das flötende Gesäusel der Blätter, kann die unterschiedlichen Geräusche zuordnen und bewegt sich zu den immer wechselnden Licht – und Schattenspielen bei jeder Witterung.

***

June Papineau hat dieses Biotop im Moor von Etournel im Jahre 2004 entdeckt und mittlerweile ist es fast wie ihr zweites Atelier geworden. Die unzähligen mosaikartig angeordneten kleine Teiche und stehenden Gewässer werden u.a. von der Rhone gespeist und beherbergen eine außergewöhnliche Fauna und Flora. Über 500 verschiedene Pflanzen umgarnen die Erlen, Weiden und Eschen. Ganz besonders schön die weiße Weide. Biber und Rotwild tummeln sich hier genauso wie unzählige Libellen und seltene Schmetterlinge (wir haben allerdings hauptsächlich mit den kleinen aggressiven Mosquitos Kontakt aufgenommen, d.h. sie mit uns).

 ***

 « Die Tragödie besteht darin, dass sich der Baum nicht biegt, sondern bricht », sagte Ludwig Wittgenstein. Great goyesco hing jahrelang schräg zwischen Himmel und Erde, bis er vor kurzem ganz gefallen ist und „reif“ war für die Zubereitung oder die Verwandlung war. Seitdem arbeitet sie an ihm. Er ist – abgesehen von einem großen Sequoia-Baum in Genf – der erste nicht lebende Baum, dem sie eine Hautkleid schneidert. Ihre angelsächsische Vergangenheit und der Einfluss der Elfen, Wichte und Laubfrauen in den Rocky Mountains, mit denen sie schon als Teenager Bekanntschaft geschlossen hatte, machen sie zu einer Mischung aus Dr. Faustus und Hekate; so versucht sie mit ihrer Zaubermischung aus Porzellan-Ton, Methylcellulose, weißem Kleber, Jurasalz, Mullbinden und Propylenglykol, die Baum-anima einzufangen. Mittlerweile hat sie diese Mischung so perfektioniert, dass ihre Baumhaut-Kunstwerke biegsam bleiben.

Geduldig und bedächtig trägt sie nach anthroposophischer Manier die Zauber-Tinktur auf; und Wochen später – wie eine Anakonda sich häutet – streift sie ihrem Baum das maßgeschneiderte Kostüm wieder ab und wendet es. Was wir letztendlich zu sehen bekommen, ist das Negativ eines Positivs, das ursprünglich als Negativ auf dem Baum lag. Ab und zu bleibt ein wenig vom Bart der Baumrinde hängen, die vom Flüstern der Laubfrauen leicht bewegt wird.

Beeindruckend der Prozess, wie June Papineau auf diese Weise einen konkreten Lebens- oder Wachstumsmoment des Baumes für immer festhält – und genauso beeindruckend die Künstlerin: „Wir sind sehr verletzbar!“ sagt sie. Vielleicht sucht sie selber so etwas wie eine Schutzhaut. Ein Narr sähe nicht denselben Baum, den ein Weiser sieht, hat William Blake gesagt. Was June antreibt und ihr die Kraft gibt, in dieser Fast-Hölle wochenlang diese Baumkleider zu nähen und zu warten, bis der Trockenprozess abgeschlossen ist, können wir nur verstehen, wenn wir dann das Endprodukt sehen. Ihre „tree skins“ sind wirklich betörend, magisch und herrlich, eben weil die Häute oder Felle manchmal an Ungeheuer und seltsame Fabelwesen erinnern, die dann z.B. Marsyas heißen.

* * *

Menschen kommen dort keine mehr vorbei. Dass wir aber nah an der Grenze zu ihnen sind, merken wir, wenn ab und zu, je nachdem wie der Wind geht, der TGV von Genf nach Lyon vorbei saust. Ansonsten ist da höchstens das Rascheln des Windes und das Surren und Schwirren der Moskitos. Die Plastikhandschuhe nimmt sie nur ab, um Fotos zu machen und dann ist sie auch gleich Opfer dieser kleinen Dinosaurier.

« Glück und Unglück sind Namen für Dinge, deren äußerste Grenzen wir nicht kennen », sagt John Locke. June Papineau sucht sie, diese äußeren Grenzen. Sie will sie auskundschaften und verhindern, dass sie überschritten werden. Sie ist eine Gratwandlerin, besessen und fasziniert davon und bezeichnet sich selber als „limitroph“. Ihre Antennen sind sensibler als unsere, und sie steckt voller mystisch-primordialer Poesie.

 Tief ergriffen verlassen wir ihr Moor.

* * *

 Sechs Monate später, im Oktober, war er dann „reif“ und June konnte mit dem „Schälen“ beginnen. Drei Tage hat der Abbau gedauert, dann war das Baumkleid – jetzt ohne den schützenden Baum und deshalb sehr vulnerabel – für den Transport in die Zivilisation bereit. 30 km Autofahrt später erreichte er als große, weiße unförmige Masse June Papineaus Atelier in Genf. Nun begannen die Vorbereitungen für die Wiedergeburt der Skulptur. Von Oktober bis Mitte Februar besserte sie die Wetter-, Abbau und Transportschäden auf das Minutiöseste aus, bis er renoviert und schön genug für den großen Tag im März 2014. Einmal dort angekommen, erinnerte nur noch die grün gestrichene Wand in der Galerie D’(A) in Lausanne an sein früheres Zuhause: das Moor.

Wuchtig und trotzdem zart und sehr elegant füllt die ungefähr 12 Meter lange Skulptur die 25 qm eines Raumes der Galerie ganz alleine aus. Die Feen, Laubfrauen und Moorgeister sind natürlich mitgekommen. Allen voran Marsyas, er begrüßt die Besucher aus dem Schaufenster der Galerie. Unseren Baum erkennen wir sofort beim Näherkommen. Er hat sich gar nicht verändert, nur sieht er hier, in diesem Umfeld, so sauber und klinisch rein aus. Der Waldzauber ist erstmal verschwunden aber das Publikum wird trotzdem magisch von ihm angezogen.

 The Great Goyesque hat eine Transition vom Pflanzlichen (vegetarischen) zum Steinigen (mineralischen) hinter sich. Man kann unter ihm durchgehen und ihn von beiden Seiten bestaunen und sieht manchmal noch ein wenig vom mineralisierten Moos. Wenn man ganz nahe ran geht, kann man das Jura-Salz riechen. Wir sind irgendwie erleichtert aber vielleicht doch ein wenig traurig, dass wir nicht nochmals mit Mückenschutz und Buschmesser in das Etournel-Moor fahren dürfen, um ihn zu besuchen.

 Sein Auftritt in der Galerie in Lausanne ist eine Wiedergeburt, eine zweifache Renaissance durch Metamorphose. Einmal das Auflegen der persönlichen Geheimmischung, die Abnahme der Maske im Wald, der Transport und der Wiederaufbau im Atelier und ein paar Wochen später der zweite Abbau und die endgültige Installation in der Galerie.

Nachts, allein in der Gallerie in Lausanne, erwacht er wieder zum Leben und erzählt die Geschichten aus dem Moor, als er noch ein stolzer und majestätischer Baum war – vor dem großen Sturm und vor der Verwandlung in eine zeitgenössische Plastik.

 ***

 Aber June Papineau kann das Moor nicht mehr lassen. Seit kurzem fährt sie – bewaffnet mit Block und Bleistift – wieder dorthin um ihre Etournel-Bürger auf dem Zeichenblock festzuhalten. Die sich mit der Zeit immer mehr reduzierende gefallene Eiche wird sie solange begleiten, bis sie komplett im Morast vom Etournel für immer verschwunden sein wird.

 Was bleibt ist der große weiße Negativabdruck des Baumes, die Skulptur, die in Lausanne ausgestellt war. Sie ruht gut aufbewahrt in Kisten in ihrem Atelier umgeben von getrockneten Mistelzweigen, Wurzeln, Baumrinden, zukünftigen Mini goyescos und Steinen und darauf wartet geduldig, wieder einmal dem Publikum vorgestellt zu werden.

 Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Schlag nach bei Goethe: Incontri Romani

P1290829

 

Schlag’ nach bei Goethe

Glücklich – deutsch ernst – in Terracina

Die Reihe der Römischen Begegnungen in der Casa di Goethe in Rom wurde gestern Abend unter dem Motto Berlin trifft Rom fortgesetzt. Der italienische Schriftsteller Mario Fortunato und der deutsche Schriftsteller und Übersetzer Jan Koneffke haben dazu jeweils aus ihren Aufsätzen, die ihre persönliche Begegnung mit Goethes Italienreise zum Thema hatte, vorgelesen.

Mario Fortunatos Goethe-Hommage beginnt mit einer Verbeugung vor einem anderen ganz Großen. Mit den Wörtern Viele Jahre später, fängt auch Garcia Marquez  seinen grandiosen Roman 100 Jahre Einsamkeit an. Mario Fortunato liest also aus seiner autobiografischen Erzählung  Goethe in Terracina  vor und versetzt die Zuhörer für kurze Zeit in die Welt der 70er Jahre nach Cirò in Kalabrien, wo er 1958 geboren wurde und aufwuchs und wo er sich in einem Sommer, vielleicht 15-jährig, in den jungen Norweger Karl, der für einen langen Sommer dort im südlichsten Süden aufschlug, verliebte. M. erzählt, wie er seine Sichtweise immer mehr dem Fremden aus Oslo (also vom Mond, wie er augenzwinkernd hinzufügt) aneignet und die italienisch-kalabresische Welt mit den Blicken von Karl sieht. Um M.‘s  romantisches Schmachten nach Karls Abreise zu mildern und sicher noch mit anderen Hintergedanken, schenkte ihm sein Vater Goethes Italienreise zum Geburtstag. M. hatte sich zwar eigentlich Prousts  Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gewünscht, versinkt aber dann mit seiner Teenager-Romantik voll in Goethes Reiseaufzeichnungen, die dieser von vor fast 200 Jahren machte. Gerade die selbstbewusste Unvollständigkeit und das Fehlen von Wichtigem, hatten es ihm besonders angetan.

« Hatte der von M. angebetete Karl nicht dasselbe gemacht, als er, von Oslo kommend, Italien mit einem Interrailticket durchquerte, ohne sich im Norden und in der Landesmitte aufzuhalten, um glücklich und frei von Gewissensbissen im ersehnten Süden zu landen, wo der noch ahnungslose M. Schon bereits war, ihn zu empfangen.? » (Mario Fortunato – Goethe in Terracina)

Eine wunderbare Geschichte, die auf vier Ebenen hin- und her tanzt. Magisch spinnt Fortunato die Fäden zwischen seiner Begegnung mit einem norwegischen Jugendlichen, der sich in den Süden verliebt, einem Goethe, der in Assisi nicht mal Giottos Fresken besucht weil es ihm nicht schnell genug gehen kann, endlich in Rom anzukommen und M., der eigentlich lieber Proust lesen wollte oder wenigstens den Faust, aber keine Reisegeschichten und Betrachtungen über Geologie und wie sich das alles Viele Jahre später in Terracina zu dieser bezaubernden Geschichte fügt, die er uns gestern Abend teilweile vorgelesen hat.

Mauer-cmb-kleinP1240112PaestumBracciano SanLorenzo2012 044240
Fotos: Christa Blenk

Jan Koneffke Goethe-Entdeckung ist ganz anders passiert. Seine Erzählung trägt den Titel eines Goethe-Zitates:  « So denkt an mich als einen Glücklichen. » Jan Koneffke ist 1960 in Darmstadt, in Büchners Stadt, das ist für ihn wichtig, geboren. In Koneffkes Kinder- oder Jugendwelt existierte Goethe nicht, seine links-stehende Familie akzeptierte die russische Literatur und vielleicht noch die Französische, erzählt er uns später, aber Goethe stand nicht auf dem Literaturprogramm. Koneffke las das Kapitel  Die Reise des Lesers vor. Er hat sich mit der Italienischen Reise weder literarisch noch wissenschaftlich auseinandergesetzt, sondern als ganz normaler Leser, gewissermaßen als Hinz und Kunz, fügt er hinzu und hat dementsprechend seine Erfahrungen in Italien, als Stipendiat der Villa Massimo, an denen von Goethe gemessen. Auch Koneffke hat sich, wie Goethe und wie Karl, in Italien verliebt, ist nach dem Jahr bei der Villa Massimo noch sieben weitere Jahre geblieben und ist  von der schick-abgeschirmen Villa Massimo in das Studenten- und Arbeiterviertel  San Lorenzo gezogen.  Koneffke hat italienisch gedacht, italienisch gesprochen (auch mit seiner Frau, die er hier kennen lernte), italienisch gelebt, italienisch gegessen und italienisch fern gesehen. Das einzige, was der auf Deutsch (ernst) tat, war schreiben!

« Was uns verband, meinen prominenten Vorgänger und mich: Wir waren beide Mitte Dreißig. Was uns trennte: Er sprach bereits Italienisch, ich musste es erst lernen. Goethe stieß sich wiederholt an den Einheimischen: « Was allen Fremden auffällt und was heute wieder die ganze Stadt reden, aber auch nur reden macht, sind die Totschläge, die gewöhnlich vorkommen » . Mir wiederum missfiel das politische Leben, von der Herrschaft des Partikularinteressens und dem fehlenden Gemeinsinn bis zum billigsten Propulismus und der grassierenden Korruption. In meinen deutsch ernsten Fantasien hätte ich mich gern als  « Polizeisoldat des Himmels  » (Georg Büchner) in die Verhältnisse eingemischt, um sie « in Ordnung  » zu bringen. » (Jan Koneffke – So denkt an mich als einen Glücklichen)

Jan Koneffkes Erzählung hat eine ganz andere Annäherung an Goethe, endet war dennoch mit dem gleichen Gedanken:  Auch ich war in Arcadien!

P1290563
Erste Ausgabe Italienreise (Casa di Goethe) 1816

In der anschließenden Diskussion ging es dann hauptsächlich um das Herabschauen des Nordens auf den Süden – aber nicht nur um das von Mailand auf Rom – , um Vorurteile und Allgemeinplätze und Fortunato sprach einen Rat an die Politiker in Europa aus: Lest Euren Goethe vor den großen Europäischen Räten und sonstigen Besprechungen. Da steht schon die Gebrauchsanleitung für Europa und alles andere drin!

goethe-josefstiehler1828
Auszug Portrait Josef Stiehler (neue Pinakothek München)

Interessanter Abend, der am 1. März in Berlin im Italienischen Kulturinstitut wiederholt werden wird.

Christa Blenk

Und hier noch mehr Berichte über Veranstaltungen in der Casa di Goethe:

Durs Grünbein

Lewitscharoff

zwei Dichter zu Gast bei Goethe

Deus in macchina

Lady Hamilton

Frido Mann

Kalkutta ist so schön wie Rom

Büchner und Chagall

von Erdmannsdorff

Isolde Ohlbau

Barbara Klemm

 

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

Satie und seine Freunde

Notenhund

Den 150. Geburtstag von Erik Satie feierten in Rom di Cameristi del Maggio Musicale Fiorentino mit der englischen Sopranistin Lorna Windsor und dem Pianisten  Antonio Ballista in der Aula Magna della Sapienza.

Der erste Teil des Konzertes war ausschließlich der Musik von Eric Satie (1866-1925) gewidmet oder besser gesagt, dem Pianisten, der mehr redete als er spielte – konform Saties Satz  « ….Musik soll Teil der Einrichtung sein, wie ein Stuhl oder ein Bild » . Schade trotzdem! Lorna Windsor hatte wahrscheinlich einen schlechten Tag oder DaDa liegt ihr nicht! Dafür war das Publikum umso mehr DaDa: es redete, hustete, sang mit und applaudierte nach jedem Takt und Handys leuchteten den Text aus, weil man die Engländerin auch nicht sehr gut verstand. Jacken wurden ausgezogen, wieder angezogen und Taschen (am besten die mit Klettverschluss) gingen ständig auf und zu – schließlich ist ja Schnupfenzeit und man braucht schon desöfteren ein Taschentuch. Andere wiederum wollten dem Husten vorsorgen und wickelten, so nach den ersten 4 Tönen, lautstark sorgfältig verpackte Bonbons aus ….. Ja, so hat also Saties Möbelmusik ganz im Hintergrund die Aktivitäten des Publikums ganz gut begleitet. Mit Sept Toutes Petites Danses pour « Le piège de Méduse » (1913) was ein wenig an Parade erinnerte, ging der erste Teil zu Ende.

In der Pause konnte sich dann das Publikum von der vielen Arbeit zu stören erholen, damit sie nach der Pause wieder frisch weitermachen konnten. Poulencs Trois mouvements perpétuels (1918) oder ein nicht sehr bekannter Walser von Strawinsky, den er für Satie komponierte. Debussy mit Children’s Corner, sehr gut von zwei Solisten vorgetragen und Milhauds Tango dei Fratellini. Dann schnell raus, bevor die Sängerin wieder kommt …..

Ironisch, skurril, extravagant, esoterisch, filigran und delikat, nicht immer verstanden oder respektiert, war Satie für das 20. Jahrhundert doch eine Schlüsselfigur. Der Erfinder der « Möbelmusik » oder auch Hintergrundmusik, vertrat die Meinung, dass die Musik nur begleitend sein soll. Ein Vor-Surrealist, der die Sätze nicht moderato oder allegro nannte, sondern wie eine Nachtigall mit Zahnschmerzen oder beinahe unsichtbar. 

Satie lebte mit all den genialen avantgardistischen Neuerfindern der Kunst, Literatur und Musik auf dem brodelnden Montmatre, mit Suzanne Valadon (für sie hat er Je te veux 1903 komponiert, das aber irgendwie im Lärm unterging)  neben Picasso, Cocteau oder Man Ray. Debussy und Ravel haben seine Stücke gespielt und ihn so bekannt gemacht. Mit Parade – das er zusammen mit Cocteau, Picasso und der Djagilew-Truppe  auf die Beine stellte und das 1917 in Paris uraufgeführt wurde, kam sein Durchbruch.

1925 starb Eric Satie verarmt in Paris. Seine Musik wurden im Laufe der Jahre hingegen in über 100 Filmen gespielt. 

P1200133
Parade – Kermamik von Cristina Crespo – Tanzende Musen

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

 

Barbara Klemm auf den Spuren des Zeichners Goethe

P1290532P1290545P129052812565377_507223819456525_9084619049197119683_n
Cestius Pyramide (Zeichung Goethe/Radierung Piranesi/Foto Klemm/Foto cmb 2016)

Reisenotizen – appunti di viaggio – heisst die Fotoserie von Barbara Klemm, die zur Zeit in der Casa di Goethe ausgestellt ist.  2012 hat Barbara Klemm im Auftrag der ALTANA Kulturstitung begonnen, die Landschaften, die Goethe auf seiner Italienreise zeichnete, zu fotografieren. Klemm hat sich ihrerseits mit den Orten oder Landschaften  auseinandergesetzt und sie interpretiert.  Poetische und auf den ersten Blick unscheinbare und vollkommen unnostalgische schwarz-weiß Fotos auf der Suche nach Vorbildern von vor 200 Jahren und nach Worten, genau so  wie Goethe gemeinsame Projekte mit den 1786 in Rom anwesenden Poeten plante.  Dazu schreibt er unter dem 20.11. 1786 « Da uns die Erfahrung genugsam belehrt, dass man zu Gedichten jeder Art Zeichnungen und Kupfer wünscht, ja der Maler selber seine ausführlichsten Bilder der Stelle irgendeines Dichters widmet, so ist Tischbein Gedanke höchst beifallswürdig, dass Dichter und Künstler zusammenarbeiten sollten, um gleich vom Ursprunge heraus eine Einheit zu bilden …. «  

Einige Aquarelle von ihm sind Klemms Fotos gegenüber gestellt. Bescheiden, zurückhaltend, hauchzart und blass-getuscht – etwas zu wässrig sogar – wirken sie auf uns, Goethes Aquarelle, die in seiner Italienzeit unter Einfluss seines Mitbewohners Tischbein, Winkelsmanns Kunstgeschichte und den anderen unzähligen Malern, bei denen er Unterricht nahm, entstanden sind. Er selber glaubte nicht an sein Talent, es war ein Spaß, ein Abenteuer und er erfand sich wieder mal neu damit.

Italienreise GoetheP1290563
Reiseroute und Deckblatt der ersten Ausgabe (da hieß es noch « Aus meinem Leben »)
 

Vor 200 Jahren, 1816, also 30 Jahre nach Beginn seiner Reise nach Italien, hat Johann Wolfang von Goethe(1749 – 1832) mit der Veröffentlichung seiner Aufzeichnungen begonnen und dazu auch seine Briefe nach Deutschland  hinzugezogen. Das Weltgeschehen um die Französische Revolution und der Wiener Kongress hatten mittlerweile die Welt verändert und die Perücken (und Mieder – nicht nur politische) fallen lassen. Goethe war mittlerweile fast 70 Jahre alt und seine Erinnerungen und Notizen vermischten sich mit der Nostalgie über die verlorene Jugend. Einige seiner handschriftlichen Aufzeichnungen hat er nach der Veröffentlichung sogar vernichtet. So kam es zu einer – für die damalige Zeit – etwas anachronistische Betrachtungsweise. Der damalige preußische Gesandte in Rom, Niebuhr, beschwerte sich sogar, wie Goethe derartiges hätte drucken lassen können…..

Mit Ende 30 macht Goethe sich über Karlsbad auf den Weg nach Rom, noch nicht wissend, dass er damit als Trendsetter fungieren und eine nicht enden wollenden Pilgerfahrt sich in Bewegung setzen würde. In diesem Jahr wurde übrigens in Wien Mozarts Hochzeit des Figaro uraufführt. Es geht Goethe einfach nicht schnell genug!« Über das Tiroler Gebirg bin ich gleichsam hinweggeflogen. Verona, Vicenz, Padua ,Venedig habe ich gut Ferrara, Cento, Bolonga flüchtig und Florenz kaum gesehen. Die Begierde nach Rom zu kommen, war so groß, wuchs so sehr mit jedem Augenblicke, dass kein Bleiben mehr war und ich mich nur drei Stunden in Florenz aufhielt ». Ja, ich bin endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt » lautet der erste Satz in den Rom-Aufzeichnungen, wo er am 1. November 1786 ankam. Es ist nicht so, dass ihn die Renaissance oder die Gotik nicht interessierte,  Kommentare wie « Noch mehr erstaunte ich vor einem Bilde von Tizian. Es überleuchtet alle, die ich gesehen habe. Ob mein Sinn schon geübter, oder ob es wirklich das vortrefflichste weiß ich nicht zu unterscheiden » oder seine Verehrung für Palladio sagen uns das, aber das Zugpferd Rom war einfach zu stark.

Zwei Jahre später, 1788, fährt er vollgepumpt mit Eindrücken, Erfahrungen, Inspirationen und Aquarellen im Gepäck wieder nach Hause und geht bald danach mit Christiane Vulpius eine Verbindung ein. Ein paar Jahre später beginnt die Französische Revolution, erstmals von allen Intellektuellen befürwortet und bedichtet und Beethoven komponiert die Eroica. Mit dem Tod seines Freundes Schiller 1805 tut sich ein großes Loch für ihn auf und Austerlitz lässt Europa wieder Mal Wanken. Als dann 1816 Christiane stirbt, fängt er an, die Notizen seiner Reise nach Italien, die mittlerweile 30 Jahre zurückliegt, aufzuarbeiten.  Das ist die Zeit, in der Niépce zum ersten Mal die Camera obscura benutzt und damit den Weg zur Neuinterpretation der Malerei ebnet. Nochmals fünf Jahre später sollte der Faust II entstehen, die längste Pferdeeisenbahn der Welt von Budweis nach Linz fahren, der Maler Manet geboren werden und die Erfindung der Dampfmaschine die Industrialisierung einleiten. 

Heute ist die Lesart der Italienreise eine andere. Sie ist die wunderbare Beschreibung einer Reise unter für uns heute schwierigen, komplizierten Umständen, abenteuerlich, zeitaufwendig und auch langatmig. Vieles findet man so nicht mehr, anderes hat sich nicht verändert. Nicht zu vergleichen mit den Reiseführern der low-cost Touristen, die ein Wochenende nach Rom kommen, am Kolloseum vorbeigehen, die Schreibmaschine öfter fotografieren als das Forum Romanum, shopping den Corso rauf und runter machen, um sich am nächsten Tag stundenlang an den Vatikanischen Museen anzustellen. Es fehlt die Zeit, etwas zu empfinden oder gar zu verarbeiten.

Und: Die Zitronen sind – jedenfalls im Zentrum – schwarz von den Abgasen und wenn man nicht permanent auf den Boden sieht, verstaucht man sich sehr leicht einen Knöchel aufgrund der vielen fehlenden St. Pietri- Steine. Die Welt zwischen 1786 und 2012 ist eine ganz andere und kann nicht verglichen werden, aber Bäume, weite Felder, römische Bauten und Ruinen haben sich (fast) nicht verändert, nur dass die Pyramide zur Zeit ganz weiß ist. Und selbstverständlich steht die Casa di Goethe immer noch schön und gepflegt am Corso.

Genauso bescheiden wie Goethes Aquarelle wirken auch Klemms Fotos. Kleinformatik und schwarz-weiß, die zur Zeit in der Casa die Goethe – noch bis 27. Mai 2016 – zu sehen sind. Kuratiert hat die Ausstellung Dr Maria Gazzetti, die Leiterin der Casa di Goethe, .

P1290538P1290534
In der Ausstellung (Fotos Klemm – Aquarelle Goethe)

Christa Blenk

 

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

2015 in Bildern

2015 : Highlights in Bildern

2015P1200754pranzo con Burne Jones-Cristina CrespoP1200831P1200899gisela4romP1210449P1210528Giorgio Morandisiestematisse-PlakatP1220551P1220597P1220341Römische NachtP1220657P1220804Materal-detailKreisTrio Karéninearpund blick vom Museum auf den Rheinbesucherin fühlt den Lavendelauditoriumfrauen-mauer-juneP1230976alessandracristiani-Baumtanz-Foto Silvia StuckyPortrait des Comodius als Herkules-Kapitolinische Museen RomP1240698P1240842P1240871AusstelungsplakatP1250859P1260176P1260482P1260680AusternP1260964emmadanteP1270264P1270274DSCN1153P1270436Luca LombardiConcerto RomanoParsifal lightP1270504Helmut Lachenmann und Ennio Morricone in der Sala Santa CeciliaP1270627paoloperronemauer in RomSan Lorenzo11201171_448806971964877_8353486730606813120_n11216706_456501594528748_5695488765188468304_n11222459_482790795233161_2113324505270476943_n11214250_10207643122498556_403645665332166311_nIMG_20150525_214508P1270542P1270536P1270641

Fotos: Christa Blenk; Casa di Goethe (Bild 43), Silvia Stucky (performance – Bild 27); JNP

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

Romaeuropa Festival: Emma Dante – Io, Nessuno e Polifemo

P1270225 
 Bühnenbild mit dem Schiff von Odysseus

Wie interviewt man einen Kyklopen?

Ich, Niemand und Polyphem

Darf man eintreten, fragt die Interviewerin Emma Dante vor Polyphems Felsen. Er reagiert erst gar nicht und dann sauer, er hat keine Lust gestört zu werden – nicht schon wieder, das hier ist Privatbesitz, verschwinden Sie, wirft er ihr an den Kopf.

Warum sprechen Sie eigentlich Neapolitanisch, Herr Polyphem, und nicht Sizilianisch. Ich komme mir hier vor wie in einer Komödie von Eduardo. Schließlich liegt die Höhle von Polyphem ja in Sizilien, genauer gesagt vor der Küste des Ätna. Das war das Stichwort für die Ein-Frau-Band wieder mit schrecklichen Geräuschen auf sich aufmerksam zu machen. Was ist das, fragt die Interviewerin. Der Ätna rumort, kommt lapidarisch die Antwort des Kyklopen.

Im Hintergrund sitzen die drei Sirenen-Rheintöchter, die vorher – sozusagen stereo – noch einen wilden Marionettentanz mit genauso aussehenden Holzpuppen aufgeführt haben. Später werden sie zu einer Art Dreifaltigkeits-Penelope, die einen nicht enden wollenden Ballen transparent-gewebten Stoffes über sich hinweg bewegen müssen und davon völlig erschöpft niedersinken. Leider setzt dann wieder die viel zu laute und einfach nicht interessante Musik ein und man hat schon wieder das Gefühl, dass es nicht genug zu sagen gibt in diesen 60 Minuten ( „If they can take it for 10 minutes, then we play  it for 15. That’s our policy. Always leave them wanting less“, soll Andy Warhol 1967 gesagt haben, als er unverdauliche Musik schrieb oder schreckliche Filme drehte).  Irgendwann werden die Rheintöchter dann zu glitzernden vampigen Discoqueens die mit Odysseus um die Wette tanzen; das Wachs scheint er diesmal vergessen zu haben, aber eigentlich verfallen sie eher ihm als umgekehrt. Der unsympathische Polyphem gewährt Odysseus‘ Gefährten kein Gastrecht, verständlich, schließlich sind sie bei ihm eingedrungen und haben seinen Käse gegessen. Die Szene in der Polyphem ganz nach Voodoo-Art die Puppen zerbricht, was die Sirenen-Marionetten zucken und zappeln und wahrscheinlich dahinscheiden lässt,  ist originell. Aber Odysseus‘ Rache ist bitter, wie wir wissen sticht er ihm das Auge aus, denn Kyklopen haben von der Geburt an nur eines. Ohne Erinnerung sind wir niemand, sagt „Niemand“-Polyphem als Antwort auf die Frage, warum er das Angebot auf Unsterblichkeit der bezaubernd-lockenhaarige Calypsos verschmähte. Aber Odysseus will endlich heim zu Penelope..

Früher habe ich Männer bevorzugt, als Mahlzeit natürlich, sagt Polyphem und blickt zu der ihn interviewenden Emma hin, aber seit Odysseus in meinen Kopf ist, geht das nicht mehr.

Und was sie ihr denn zum Abschied noch mitgeben könnten, was sonst keiner hätte. Nun ja, ein Rezept, ein originelles neapolitanisches Rezept.

Das Thema ist durchaus originell und die Darsteller, vor allem die drei Tänzerinnen (Federica Aloisio, Viola Carinci, Giusi Vicari, Choreographie Sandro Maria Campagna)  sind nicht zu kritisieren. Aber warum Emma Dante gerade diese viel zu laute Diskomusik (Serena Ganci hat sich wirklich voll verausgabt) ausgewählt hat, kann man sich nur dadurch erklären, dass Odysseus ja auch von dem Geschrei der Sirenen fast wahnsinnig geworden ist.

Emma Dante selber war die Interviewerin und Salvatore D’Onofrio und Carmine Maringola waren Polyphem und Odysseus.

P1270227
Interviewerin mit Odysseus und Polyphem

Christa Blenk

 

Mehr zu Emma Dante – Operetta Burlesca und Gisela

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

An die Musik – Frido Mann ließt in der Casa di Goethe

 
DSCN1153
 Incontri Romani – Frido Mann und Dr. Maria Gazzetti (Foto: Casa di Goethe)

« Hast mich in eine bess’re Welt entrückt! »

Diese Zeile aus einem Gedicht von Franz von Schober war und ist Frido Manns Leitmotiv für sein erst vor kurzem erschienenes Buch  An die Musik. Einen  autobiografischen Essay nennt er es,  und es geht um Musik, um das Schöne, das Erhabene, das Religiöse, das epochal Begleitende, das Verführerische aber  auch um das Gefährliche in ihr.

Gestern Abend also hat er sein noch lauwarmes Buch in der Casa di Goethe in Rom vorgestellt und drei Stellen daraus vorgelesen. Eine abwechslungsreiche Reise durch die Musikgeschichte, voll mit persönlichen Erfahrungen, Impressionen, Erinnerungen, Bekanntschaften und Anekdoten.

Warum war Bach für ihn als junger Musik- und Theologiestudent so wichtig? Was hat des  Großvaters genialer  Weltliteratur-Musik-Roman  Doktor Faustus bei ihm ausgelöst oder wie erinnert er ein Treffen 1955 auf Ischia mit Hans-Werner Henze. Da ist die Geschichte in der  kleinen romanischen Klosterkirche in Nikolausberg, wo er Orgelunterricht erhielt und – bewaffnet mit  Bachs Orgelbüchlein und Pastorella – zu spielen anfängt, die Zeit vergisst und beim eigenen Spiel in eine Art Trance verfällt.  Oder die Auseinandersetzungen mit dem abschreckenden Bild der Neuen Musik durch den Tonsetzer Leverkühn und dem Teufelspakt mit einer nachhaltig zum Ausdruck gebrachten „Hoffnung jenseits der Hoffnungslosigkeit“ . Frido erinnert sich an die heruntergekommene Restaurant-Terrasse und an den eine bezaubernde Buch erhellenden Vollmond, während er Hans-Werner Henze und Michael Manns Gespräche mit anderen Intellektuellen auf Ischia in den Sommerferien mit verfolgen durfte.

Je nach Lebensabschnitt sind Eindrücke von Gehörtem, Gespieltem oder Komponiertem geblieben, immer andächtig und auf der Suche, den Ansprüchen oder Erwartungen eines Mann-Clan-Abkömmling gerecht zu werden. Mit einem Crossover von der Klassik zur Pop-, Rock- und Jazzmusik  kommt er zur Metapher und Coda.

Dazwischen befasst er sich mit den frühen Säkularisierungsbestrebungen in Italien und Frankreich und der Wiener Klassik. Schubert, ganz wichtig,  und die Sprache in der deutschen Romantik.   Von der  Moderne, von Strawinsky oder Arnold Schönberg baut er eine Brücke nach Darmstadt zu den politischen Musikern wie Hans-Werner Henze und Luigi Nono.

Bach ist der Größte, aber Schubert steht ihm viel näher,  mit Wagner wird er nicht so recht warm. Henze mag und respektiert er sehr, während er  Stockhausen lieber weiter weg sieht und bei Pierre Boulez liebt er sein Weiterkommen nach dem Ausbrechen aus dem seriellen Gefängnis!

Wenn aber stimmt dass Bach, der Gläubige, die Noten direkt von Gott diktiert bekamt, wo hat dann Henze, der Atheist, seine Eingebungen herbekommen?

Durch seinen Vater, den Bratschisten Michael Mann,  kam er schon von klein auf mit der Musik in Berührung, ganz natürlich nahm sie einen immer größeren Stellenwert in seinem Leben ein.

Anspruch auf Vollständigkeit erhebt – ganz bescheiden – diese Musikgeschichte nicht. Ein sehr persönliches und intimes Buch, in dem er viel von sich offenbart, das soll auch so sein, sagt er! Einen konventionellen Lebenslauf braucht es dann nicht mehr!

Das Buch ist interessant, abwechslungs- und so kenntnisreich, besinnlich und auch wieder kurzweilig-humoristisch und – vor allem – für Musikliebhaber ein gefundenes Nachttischschmankerl.

Seine Geburt in Kalifornien 1940 hat ihn – auf Wunsch von Thomas Mann – in eine Art Quäker Religionsgemeinschaft hineingeboren, wovon er aber als Kind nichts merkte und sich auch an nichts erinnert. Richtig konfrontiert mit der Religion wurde er erst dann, als er als 8-jähriger in die Schweiz kam. Während seines Studiums konvertierte er zum Katholizismus. Vor sieben Jahren allerdings,  anlässlich der Pius-Brüder-Affaire, trat er – auch angeregt durch seinen Sohn – wieder aus der katholischen Kirche aus und gibt sich nun seiner eigenen Religion,  einer ganz persönlichen Religion hin, die mit Kunst, Literatur, Musik und Natur zu tun hat. Auf eine Frage, wie man es als Enkel eines großen Schriftstellers schafft, meint er – vielleicht mit einem Augenzwinkern - dass hier wohl dann doch etwas religiös- mystisches gefragt sei.

Frido Mann hat Musik, Psychologie und Theologie studiert und sogar einen Jahresdirigentenkurs gemacht – in Rom übrigens! Außerdem hat er jahrelang als Psychiater gearbeitet!

Die Leiterin der Casa di Goethe, Maria Gazzetti, hat dieses « incontro romano » wieder mal locker und genial moderiert und zwischendurch immer auch noch hin und her übersetzt.

Christa Blenk

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message :
Vous mettre en copie (CC)
 

 

 

12

letzte Artikel

Figurengruppe – Emil Cimiotti

Figurengruppe - Emil Cimiotti

Archives

Visiteurs

Il y a 3 visiteurs en ligne

Besucher


LES PEINTURES ACRYLIQUES DE... |
ma passion la peinture |
Tom et Louisa |
Unblog.fr | Créer un blog | Annuaire | Signaler un abus | L'oiseau jongleur et les oi...
| les tableaux de marie
| création