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Reden ist nicht immer die Lösung – Omer Fast

Reden ist nicht immer die Lösung.

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Vorhersehbare Überraschung

Im Rahmen des Programms „Immersion. Analoge Künste im digitalen Zeitalter“ sind zur Zeit im Martin-Gropius Bau sieben Filmprojekte von Omer Fast zu sehen. Der israelisch-amerikanische Videokünstler verarbeitet in seinen Projekten Krieg, Gewalt, Sex, Erziehung und Zusammenleben.

Continuity entstand 2012, wurde auf der dOCUMENTA 13 gezeigt und dauert 40 geheimnisvolle, paradoxale Minuten. Ist der aus Afghanistan Heimgekehrte wirklich der Sohn, ober beginnt hier schon das kranke Ritual der immer wieder wechselnden Söhne (oder Liebhaber), die eigentlich bezahlte callboys sind und nach dem Auftrag verschwinden? Eine Bäckerei spielt eine bedeutende Rolle und ein tödlicher Unfall mit Unfallflucht (mit dem Auto der Eltern) verwirrt alles noch ein wenig mehr. Und dann fahren sie wieder die lange Waldstraße entlang bis zum Bahnhof, wo der nächste in den Wagen steigt. Irgendwie will man begreifen, was Sache ist und hofft auf den Schluss, der aber keine Klärung bringt.

Iris Böhm und André Hennicke spielen auch bei Spring die Eltern. Auf fünf  miteinander verbundenen Monitoren läuft der 44 Minuten-Thriller, bei dem sich die Geschehnisse mit Continuity vermischen. Ist es die Vorgeschichte, oder die Fortsetzung, der Film springt durch die Zeit. Omer Fast manipuliert uns hier und treibt den Zuschauer zu Vermutungen, die nicht bestätigt werden. Trotz brutalen Szenen ist es ein Film, der den beunruhigenden Frieden herbeisehnen soll.

Verlässliche Informationen gibt er uns – bewusst –  nicht, lockt aber den Besucher ständig auf falsche Fährten, um sich dann doch anders zu entscheiden. Es kommt eigentlich nie so wie man es erwartet und deshalb sind die Filme wieder vorhersehbar. Omer Fast ist sehr viel mehr Filmemacher als Videokünstler, jedenfalls in dieser Ausstellung.

Im Wartezimmer der Ausländerbehörde verarbeitet er Eigenerfahrungen und Selbsterlebtes. Vor den typischen Stühlen der deutschen öffentlichen Verwaltung und einem Getränkeautomat der außer Betrieb ist, laufen die Nachrichten über den Bildschirm. Den Sinn holt man aber nicht heraus, da es sich um zusammengestückelte Collagen aus Reportagen nach dem 9/11 handelt. Ein verwirrender „Information Overflow“ ohne Zusammenhang, der den Betrachter zur Konzentration zwingt, um nichts zu verpassen. CNN Concatenated entstand 2002 und dauert 18 Minuten.

Zwischen den Filmsequenzen je ein Warteraum, heller und erholsamer. In der Abflughalle steht ein verlorener Koffer in der Ecke, zu groß eigentlich für Handgepäck, geht uns durch den Kopf. Auf den Stühlen liegen verstreut zurückgelassene Zeitungen und das Journal des Martin-Gropius-Bau über die Ausstellung. Die Anzeigentafel informiert, dass der Flug nach Rom schon wieder gestrichen ist! Dafür läuft hier zur Unterhaltung der wartenden Passagiere der Film „5000 Fuß ist am besten“. Ein US Drohnenpilot wird über seinen Middle East Einsatz interviewt. Er hat Probleme damit, am Tod von Menschen schuld zu sein und muss auch wohl deshalb gleich zu seinem Arzttermin.

August ist sein neuestes Werk. Er hat den Film für diese Ausstellung im Gropius-Bau gedreht. Hier erzählt Omer Fast vom Leben des Kölner Fotografen August Sander, der von 1876 bis 1964 arbeitete und dessen Sohn in einem KZ ums Leben kam. Für diesen 3D-Film stehen Brillen zur Verfügung, die surreal durch Sanders Fotografen-Leben führen. Ein alter einsamer, fast blinder Mann tastet sich auf Schnüren mit Glöckchen durch seine Wohnung ins Freie. Nachts im Wald holt ihn immer wieder die Erinnerung ein. Unser Mitleidspotenzial wird hier strapaziert. Angeblich ist sein Sohn an einer Blinddarmentzündung gestorben, sagt ihm der Nazi-Offizier, den er portraitieren soll und der ihm versichert, wie sehr er sein Talent bewundere.  „In einer perfekten Gesellschaft würden wir sie alle herausschneiden, bevor sie aufmüpfig werden können“.  Er meint wohl die Blinddärme! Trost spendet ihm dieser Satz aber trotzdem nicht. Dieser Film ist seine poetischste und auch seine romantischste Arbeit; leidende Schubert-Musik begleitet die Szenen einer tristen Biografie.

Eine gut berechnete Gratwanderung zwischen Kunst und Kino, zwischen Fiktion und Realität, zwischen Dokumentation und Unterhaltungsfilm mit permanenten Zitaten der alten und neueren Kinogeschichte. Situationen wie sie Lars van Trier oder Pasolini hätten erfinden können, die uns aufgewühlt aus dem Saal entlassen. Momente der Erinnerung dringen in die Gegenwart ein, werden von verschiedenen Seiten dokumentiert und präsentiert und was letztendlich Wirklichkeit ist und was nicht, vermag man nicht zu unterscheiden, obwohl man instinktiv überzeugt ist, dass es wichtig wäre.

Die Filme laufen im loop und es ist ziemlich egal ob man sie von der Mitte oder aber irgendeiner Minute sieht.

Ach ja, der Titel ist der Ausstellung ist ein Satz aus einem der Filme; die Interpretation bleibt jedem selber überlassen – aber Reden ist nicht immer die Lösung!

 Omer Fast ist 1972 in Jerusalem geboren und in New York aufgewachsen. Auf der dOCUMENTA 13 und auf der 54. Biennale von Venedig wurden Arbeiten vom ihm gezeigt. Nach Einzelausstellungen  in New York, Amsterdam, in Stockholm, Montreal oder Barcelona ist dies seine erste große Schau in Berlin.

Omer Fast ist zusammen mit Clemens von Wedemeyer, der zur Zeit in Hamburg zu sehen ist, sicher einer der interessantesten, aktuellen Video- und Installationskünstler, wobei Fast noch einen Schritt weiter geht!

Christa Blenk

 

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Orte und Einfluß – Clemens von Wedemeyer

Orte und Einfluss

 

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Ausstellungsplakat

Erst beim zweiten Hinsehen bemerkt man, dass das, was man sieht, kein Foto ist.  100 Meter Entfernung machen aus den über einen Platz gehenden oder hetzenden Menschen wuselnde Lebewesen. Ene Drohne hat das fotografiert. Die nicht identifizierbaren Menschen bewegen sich, bleiben stehen, gehen weiter, warten auf Jemanden, versammeln sich. Wir wissen nicht woher sie kommen oder wohin sie gehen und es interessiert uns auch nicht. Handlungsort ist der Verbindungsplatz zwischen Alt- und Neubau der Hamburger Kunsthalle. Square heißt dieser Film von Clemens von Wedemeyer im ersten Saal der Hamburger Kunsthalle, wo seit dem 30. September seine wichtigsten und neuesten Film-Videoarbeiten aus den Jahren 2002-2016 zu sehen sind. Sie alle lösen auf ihre Weise eine Beklemmung aus und ersticken jedes Wohlfühlgefühl. Zukunftsvisionen oder Anlehnungen an Science Fiction Verfilmungen von Philipp K. Dick. Einsamkeit und Überwachung, Totalkontrolle in Grautönen.

Von Wedemeyer beschreibt in Filmen mit unterschiedlicher Länge die Geschichten von reellen Orten in der Gegenwart, Vergangenheit und in der Zukunft.  Esiod dauert 38 Minuten und ist eine Vision der Zukunft, genauer gesagt man schreibt das Jahr 2051. Eine junge Frau kommt nach vielen Jahren von irgendwo her zurück. Eine Computerstimme heißt sie Willkommen. Sie scheint verloren und erkennt ihr Umfeld wohl nicht mehr, kann sich nicht an alles erinnern. Aus einer Art U-Bahn kommend überquert sie einen Platz, der schon mal bessere Zeiten gekannt hatte. Sie wird von maskentragenden Polizisten kontrolliert und gelangt schließlich zu ihrer ehemaligen Bank. Dort findet sie nicht gleich den Eingang und zeigt – zum Glück – eine menschliche Regung: Ärger! Die Tür ist verschlossen. Aber kurz darauf trifft sie auf den Manager. Sie will ihre Identität und ihre Erinnerung zurück haben, ihr Persönlichkeitskonto auflösen, dazu muss sie sich anhand eines choreografischen Bewegungscodes – wie viele andere Bankkunden auch – identifizieren. Es geht also nicht nur um Geld, es geht vor allem um persönliche Daten, die sie der Bank anvertraute. Wie es scheint, hat die Digitalisierung sie hinter sich gelassen, sie war zu lange weg. Ein Space-Soundtrack unterstützt eine dumpfe Mahr, aber eher beim Zuschauer. Sie scheint relativ ruhig und gedopt den Problemen und Machtgefilden gegenüber zu stehen. Der Identifizierungsprozess endet in ihrer Defragmentation. Sie löst sich in staubähnliche Hologrammpartikel auf.

Eine Wiener Bank hat den Film in Auftrag gegeben und deshalb spielt er auch in Wien, allerdings ist der Wiener Schmäh nicht mehr auszumachen und blauer, nicht greifbarer Kälte gewichen.

 

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Esiod 2015 (2016)

Für Clemens von Wedemeyer (*1974)  ist es seine erste bedeutende und umfassende Ausstellung. Man muss viel Zeit mitbringen, denn die Filme sind alle relativ lang. Sun Cinema Projekt entstand 2010 und dauert eine knappe Stunde. Wedemeyers Beitrag für die  dOCUMENTA XIII, Muster, mit dem er 2012 international bekannt wurde läuft 3 x 27 Minuten und zeigt in drei Sequenzen Geschichte und Nutzung in den Jahren  1945, 1970 und 1994 des  ehemaligen Breitenau-Kloster bei Kassel. Die filmische Installation Basel Podest (2006) spielt in einem Fernsehstudio, in dem so einiges schief gelaufen sein dürfte. Umgefallene Möbel und Blutstropfen – aber alles ist Fake, wie bei der Truman Show.

Heute lebt und arbeitet von Wedemeyer in Berlin und Leipzig als Professor für Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. 2013/2014 war er Stipendiat der Villa Massimo in Rom und hat dort im MAXXI „The Cast“, eine Reise durch das italienische Kino und Cinecittà präsentiert. Die alten Kinoklassiker werden immer wieder zitiert in seinen Arbeiten.

Der Übergang von der Besucherrolle zur aktiven Beteiligung kann ganz schnell passieren. Oft reicht nur der Schritt über die Schwelle und man vergißt die Jahreszahl!.

Christa Blenk

 

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Canova und der Tanz

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Ausstellungsplakat am Bode Museum
 

Alles schwebt

Terpsichore, Liebesgötter und kalte Schönheiten

Der italienische neoklassizistische Künstler Antonio Canova (1757-1822) zählt zusammen mit dem Dänen Thorvaldsen zu den bedeutendsten Bildhauern seiner Zeit.

Das Bode-Museum hat ihm anlässlich ihrer Wiedereröffnung vor 10 Jahren diese Ausstellung, die den Fokus auf Canovas Passion, den Tanz, richtet, organisiert.

Aus Canovas Reisetagebüchern weiß man, wie sehr er von Tanz und Theater angezogen wurde und wie sehr ihn Bewegung an sich faszinierte. Mit seinem Künstlerfreund Antonio D’Este hat er so einige Sommernachmittage im damals populären Trastevere-Viertel in Rom verbracht, um die Mädchen bei den Volkstänzen zu beobachten und sich ihre fliegenden, leichten Bewegungen einzuprägen, die er in Zeichnungen festhielt und später in Marmor einfror. Der Bleistift sei mit dem Meißel gleichzustellen, beides Werkzeuge, die zur Unsterblichkeit führen, schrieb sein Freund Missirini in einer Künstlerbiographie.

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Hauptsaal der Ausstellung

Canovas Arbeiten sind aber auch beeinflusst von griechischen Vasen und von den Fresken in Herculaneum, die er immer und immer wieder aufsuchte. 1749 wurde die Villa des Cicero in Pompeij entdeckt und auch diese antiken Wandmalereien waren wie eine Revelation für ihn.

Die Tänzerin mit dem Finger am Kinn ist nur als Gipsmodell (mit Bronzenägel) zu sehen. Seine Heimatstadt Possagno hat sie glücklicherweise ausgeliehen. Die Bronzemarkierungen  sollten dafür sorgen, das Original in Marmor maßstabsgetreu nachzubilden. Wo sich das Original heute befindet, weiß man nicht.

 

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Gipsmodell aus Possagno

 

Josephine de Beauharnais, Napoleons erste Frau, hat eine der bekanntesten Tänzerinnen, die mit den Händen in den Hüften, in Auftrag gegeben. 1815 landete sie mit zwei anderen Skulpturen von Canova  in der St. Peterburger Hermitage.

Eines der highlights in der Schau ist das Fries Markt der Putten; es entstand 1799, vierzig Jahre nachdem in Stabiae (Nähe Pompeij) ein Fresko freigelegt werden konnte, das den vielseitigen Gott Merkur als Amorino-Händler repräsentiert. Er übergibt ledigen und nicht-verliebten Mädchen einen Amorino, den sie solange behalten, bis der Liebespfeil sie trifft und der Liebesbote  muss bis zum nächsten Einsatz wieder  in den Käfig zurück.  Goethes Gedicht Die Liebesgötter auf dem Markte basiert übrigens auf dieser Geschichte. Das Fries von Canova lässt auf den ersten Blick an ein Ballet denken, alles fliegt und tanzt amüsiert durch die Geschichte. Das Exponat ist ebenfalls eine Leihgabe aus Possagno.

Die Kälte, die der deutsche Archäologe und geistige Erfinder des Klassizismus  Winckelmann, suchte oder diktierte verschwindet, wenn man sich mit dem tanzenden, reinen und makellosem Marmor konfrontiert. Canovas Tänzerinnen berühren den Boden fast nicht, sie schweben schwerelos wie Hebe, deren Fußspitze nur andeutungsweise den Boden berührt. Sie ist 1796 entstanden und eines seiner Meisterwerke. König Friedrich Wilhelm III erwarb die Skulptur 1825 für die Berliner Museen.

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fünf Tänzerinnen, Mischtechnik auf Leinwand aus Bassano del Grappa,
 

Als Kooperationsprojekt der Staatlichen Museen zu Berlin mit dem Museo Canova in Possagno und dem Museo Civico in Bassano del Grappa ist diese Ausstellung entstanden. Sie ist noch bis zum 22. Januar 2017 im Bode Museum zu sehen und darf nicht verpasst werden.

Christa Blenk

 

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Kontraklang – Maulwerker und Rühm

Onomatopoesie-Abend

 

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« Maulwerker » nach der Veranstaltung

 

Kontraklang: Lautdichtungen und Sprechduette

Gerhard Rühm, der bei der gestrigen Performance im Heimathafen Neukölln persönlich anwesend war, ist einer der bedeutendsten Künstler, ein Tausendsassa oder Wunderwurzi wie die Österreicher sagen. Er ist Schriftsteller, Lyriker, Schauspieler, Komponist, Performancekünstler, Maler und Poet. Gestern Abend hat er Gedichte oder Lautdichtungen aus seinem Repertoire vorgetragen – allein und Sprechduette er mit seiner Frau, der Musikpublizistin Monika Lichtenfeld. Dass er 86 Jahre alt ist würde man nicht vermuten. Temperamentvoll und witzig, ein einfallsreicher Sprachkünstler und Grenzgänger zwischen Noten, Buchstaben und Sprachexperimenten.

Das Programm begann mit der Kurzoper „Die Schwester“ (2016) von Christian Kesten (er gehört, wie auch Steffi Weismann, zu den Maulwerkern) nach einem Libretto von Gerhard Rühm und vorgetragen von dem Ensemble „Maulwerker“. Spannend, hauchend, schreiend, gestikulierend und Gegenstände verrückend hielt diese Performance das Publikum in Atem, wenn  man sich überhaupt traute zu atmen.

Die Künstler erzählen die Geschichte einer Person, die sich mit einer zweiten Person über eine Dritte unterhält. Sie spielt weit weg, vielleicht auf einem anderen Planeten. Die Sprache, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr; aber es gibt noch eine Wohlfühl-Verbindung zu früher, zum Bekannten. Das Radio, die unzähligen Frequenzstörungen lassen dann und wann ein Wort durch das wir verstehen und kennen, Musik  (von Ravel) ist zu hören und allgemeine Störgeräusche. Aber immerhin hat das ausgereicht, um am Ende zwei Sätze zustande zu bringen. „Es war schönes Wetter heute“.

Dann kam Rühm auf die Bühne und las vier Soli (Seufzerprozession (2009), Lautgedicht (2000), Verlautbarung, eine Sprechstunde in Amtsdeutsch (2006) und Josephslegende (2007). Weiter ging es mit den Sprechduetten und dazu kam kam Monika Lichtenfeld zu ihm auf die Bühne und es wurde sehr lustig. Anschließend  wissen wir also, dass ein Mann den Rekord an gesprochenen Wörtern innehat und Frauen erst ab 30 Jahren mehr reden, um ihren vor ihnen sterbenden Männern auch alles noch mitteilen zu können. Köstlich die Beiden!

Nach der Pause wieder die Maulwerker mit einem frühen, sehr minimalem, Werk von Rühm aus 1962 sowie einem Beitrag von Sven-Ake Johannson (Stereo für 8 aus 2005). Johannson war übrigens auch persönlich anwesend.

Antje Vowinckel lebt als  Radio – und Klangkünstlerin, Performerin und Regisseurin in Berlin. Sie ließ Amy Walker in 21 Dialekten oder Akzenten ihren Kurz-CV auf Video herunterplattern  (das Video 21 accents gibt es auf Youtube) – es lohnt sich!

Steffi Weismanns „folie (2016) hat uns sehr berührt und mit Panik überschüttet. Fünf Maulwerker befanden sich auf der dunklen Bühne und hatten Plastikfolien auf dem Gesicht. Wir konnten die Atembewegungen und angsterfüllte Atemveränderungen  hören und sehen. Ein weiteres Mitglied hat diesen Schauer-Prozess mit einer lauten und monotonen Ratsche begleitet.

Rühms Väter sind u.a. auch die Dadaisten und wie er zerlegt er Sprachmaterial und baut Buchstabenmusik oder Gedichte daraus. Hugo Ball und Emmy Hennings praktizierten dies zum ersten Mal im Februar 1916, im Jahr der Erfindung der Dada-Bewegung als sie im Cabaret Voltaire in Zürich Unsinnsgedichte vortrugen und viel Erfolg verzeichnen konnten. Der Österreicher Rühm lebt seit den 60er Jahren in Berlin und Köln, in Wien hat man ihn nicht verstanden und es gab sogar ein Publikationsverbot.

Die Maulwerker haben sich in der jetzigen Formation 1988 gegründet und sind aus musiktheatralen Werken unseres Jahrhunderts nicht wegzudenken. Zu Ihnen gehören  Michael  Hirsch, Ariane Jeßulat, Henrik Kairies, Christan Kesten, Katarina Rasinksi, Tilmann Walzer, Steffi  Weismann. Sie sind Sänger, Performer, Künstler, Schauspieler oder Komponisten  und dementsprechend auch ihre Spannbreite als experimentelles Vokalensemble oder Musik-Raum-Klang-Architekten die sich mit Cage und Fluxus befassen.

Interessanter Abend!

Das nächste Konzert organisiert durch Kontraklang „Nach Kagel“ findet am 15. Dezember 2016  auch wieder im Heimathafen Neukölln statt.

Christa Blenk

 

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Deutschland – Erinnerungen einer Nation – Ausstellung

Deutschland – Erinnerungen einer Nation

 

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 Ausstellungsplakat

 

Der Britische Blick: Deutschland – Erinnerungen einer Nation

Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden(Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Xenien, 1796)

Seit dem 9. Oktober 2016 ist im Martin Gropius-Bau eine Ausstellung zu sehen, die das Deutschlandbild beschreiben soll – aus Sicht der Briten wohlgemerkt. Der Historiker Neil McGregor, Intendant des sich gerade im Aufbau befindenden Humboldt-Forums und ehemaliger Direktor des British Museum, hat sie 2014/2015 für eben dieses Londoner Museum organisiert. Ziel sollte sein, das vor allem vom 20. Jahrhundert geprägte Deutschlandbild der Briten auf die Vergangenheit auszudehnen und deren Geschichtshorizont zu erweitern. Das Interesse war groß, denn rund 115000 Besucher konnte die Schau in dieses kulturgeschichtlich außerordentlich bedeutende Museum locken.

Mit 200 Exponaten, von denen sehr viele aus dem British Museum kommen, werden 600 sehr bewegte Jahre unseres Landes dokumentiert. Ein Land, das sich immer wieder neu erfinden musste, ein Land, das permanent seine Grenzposten verrückte und seine Zollschranken versetzte, ein Land, das mit unzähligen unterschiedlichen Währungen und Sprachen umzugehen hatte. Ganz anders als bei unseren britischen Nachbarn. Londinium wurde bereits im Jahre 50 n.C. von den Römern gegründet und ist seit 1066 Hauptstadt des Königreichs England; das englische Pfund Sterling wird schon im 11. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt.Eine Informationstafel aus dem 17. Jahrhundert gleich in den ersten Räumen dokumentiert das sehr er- und einleuchtend.

Die Schau beginnt mit der Presseberichterstattung zum Mauerfall 1989 und wandert durch die Themenbereiche „Deutschland – Erinnerungen einer Nation“, „Fließende Grenzen“, „Reicht und Nation“, „Made in Germany“, „Krise und Erinnerung“.

Didaktisch und abwechslungsreich werden Kultur, Wirtschaft und Politik von der Frührenaissance bis zum Mauerfall behandelt. Dichter, Philosophen, Künstler, Erfinder und Politiker kommen zu Wort. Maximilian I, ab 1508 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, gab bei Dürer so Manches in Auftrag. Von Ihm sind einige Arbeiten ausgestellt, darunter die Rhinozeros-Radierung von 1515 (die er übrigens nur nach einer Beschreibung eines solchen fertigte); im selben Raum steht  das Porzellan-Pendant von Johann Gottlieb Kirchner. Tischbeins wandfüllendes Goethe-Portrait in der Römischen Campagna, die deutsche Landschaftsromantik repräsentiert u.a. durch  Caspar David Friedrich, filigrane astronomische Gerätschaften,  Gutenbergs Buchdruck, Luthers Bibel, Heinrich-Heine und ein Neoprenanzug.

Am Brezel-Käfer von 1952 vorbei hat sie uns eingeholt, unsere  finstere Geschichte des 20. Jahrhundert. Dort steht das Lagertor (eine Replik) von Buchenwald.  Das KZ Buchenwald wurde 1937 praktisch vor der Haustür der Bauhaus-Stadt Weimar, der Stadt, in der Goethe und Schiller wirkten, errichtet. Franz Ehrlich, Bauhaus-Schüler und Inhaftierter in Buchenwald hat es entworfen. Von innen lesbar steht dort in Bauhausschriftzügen „Jedem das Seine“. Daneben an der Wand springt uns der Satz von  Paul Celan.„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ ins Gesicht; Anselm Kiefer hat die Todesfuge in Kunst umgesetzt. Erschütternd die Skulptur « Schwebender“. Ernst Barlach hat sie 1927 für den Dom zu Güstrow gefertigt. Ein in der Luft hängender und in Ketten gelegter Engel mit gebieterischem Kinn, vor der Brust gekreuzten Armen und mit den Gesichtszügen seiner Künstlerkollegin Käthe Kollwitz scheint er wie eine Rakete auf uns zuzuschwingen. Barlach kam als Pazifist aus dem Krieg zurück und hat mit diesem Werk das Drama des Ersten Weltkrieges verarbeitet. Die Schau verabschiedet sich mit einem Offset-Druck einer der Meisterwerke von Gerhard Richters, Betty , sie hängt gegenüber einem  Modell des  neuen Reichstags, schaut ihn aber nicht an, da sie uns und ihm den Rücken zudreht.

« Die Ausstellung öffnet uns den Blick zurück und gibt uns unsere eigene Geschichte wieder“so der künstlerische Direktor und Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender.

Das Konzept ist seltsam und hatte natürlich auf der britischen Insel einen ganz anderen Stellenwert. Wir wissen ja, dass es außer Sauerkraut, Fußballhelden, dem Oktoberfest, den romantischen und  bei rieselndem Schnee Glühwein-schlürfenden Weihnachtsmarktbesuchern und der Kuckucksuhr noch Anderes – Schönes und Unschönes, Gutes und Schlechtes  – bei uns gibt.

Auf Interesse scheint die Ausstellung in Berlin aber trotzdem zu stoßen, wenn man die vollen Ausstellungsräume als Maßstab nimmt und beobachtet, wie andächtig die deutschen Gruppen den Ausführungen ihrer Museumsführer zuhören, wenn dieser ihnen Deutschland erklärt!

Sehenswert allemal!

Bis zum 9. Januar 2017 ist sie noch im Walter-Gropius-Bau zu sehen.

 

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Foto in der Casa di Goethe / Rom (Goethe von Tischbein in der Campagna Romana)

Christa Blenk

 

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Göttlich Golden Genial – Der Goldene Schnitt

Göttlich Golden Genial

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Weltformel – Goldener Schnitt?

Was ist Schönheit? Was ist Perfektion? Ist es mystischer Zauber? Wer oder was definiert es?

Das Museum für Kommunikation in Berlin setzt sich zur Zeit in einer Ausstellung mit diesem Thema auseinander.

Der Goldene Schnitt oder das perfekte Verhältnis. Sei es in der Natur, Mathematik, Architektur, Malerei oder Mode, der Goldene Schnitt ist überall versteckt und man braucht dazu in keiner Zaubewerkstatt verschwinden.  In der Fibonaccio-Folge, einer Stradivari-Geige, den Arbeiten der russischen Konstruktivisten, Rothkos Bildern, in Leonardos Zeichnungen und Intarsien, in der Goldenen Spirale vom deuschen Künstler Hansjörg Voth, die er in der marokkanischen Wüste gebaut hat oder in einem Gebäude von Le Corbusiers. Angeblich soll das Gesicht von Marilyn Monroe ein Beispiel davon sein, der wunderschön geformte Broccoli Romano fällt darunter oder eine Sonnenblume. Schon die Griechen haben sich mit diesem Wunder befasst und natürlich die Renaissance; aber erst im 19. Jahrhundert wurde der Goldene Schnitt bewusst zum Inbegriff des Harmonischen.

 

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Multimedial und interaktiv versucht die Ausstellung dieses Phänomen zu hinterfragen, bzw. es verständlich zu machen. Was in der Ausstellung leider nicht immer gelingt. Der Zuschauer steht vor wohlgeformten Muscheln, Früchten oder Häusern und sucht Erklärungen die fehlen, um der Sache wirklich auf den Grund gehen zu können. Der Besucher kann seine Gesichtszüge holografisch mit den goldenen Proportionen vergleichen oder auf der Gorschel-Orgel goldene Musik spielen.

Interessant ist die Ausstellung allemal!

Christa Blenk

 

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Unheimlich – Innenräume von Edvard Munch bis Max Beckmann

Ausstellungsplakat
Ausstellungsplakat zwischen Bonner Straßen

 

Unheimlich – Innenräume von Edvard Munch bis Max Beckmann

Gemütlicher Schauder

Unheimlich ist der Titel der Ausstellung im Kunstmuseum in Bonn, die seit 20. Oktober 2016 zu sehen ist. Unheimlich bedeutet schauerlich, gruselig oder furchtregend. Der Titel ist deshalb nicht sehr aussagekräftig, denn hier geht es auch viel um Angst und Einsamkeit, um Unwohlsein, um Hinweise auf Gewalt, versteckte und offensichtliche und um Traum und Wirklichkeit.

Kein Entkommen, Dinge, Totenhaus, Alpträume, Einsamkeit, die Anderen,  Verschwinden, Tatorte sind die Schlagwörter und in diese ist die Ausstellung unterteilt.

Der Impressionismus hat die Maler auf die Straße und in die Landschaft geschickt, um das Licht zu suchen, zu verstehen, zu kopieren und zu interpretieren. Die Sonne durchflutet Land und Leute und die Farbe Schwarz verschwindet fast gänzlich. Die Gegen- oder Folgebewegungen, angefangen mit den Nabis-Vertretern wie Edouard Vuillard, und Strömungen vor allem in den nordischen Ländern suchten wieder das Dunkle, das Unheimliche, das Zurückgezogene, das Abgeschlossene und damit sind wir auch schon bei der Ausstellung. Dänemark, Norwegen, Belgien, Frankreich und Deutschland sind die Protagonisten. Die im Winter sonnenarmen Gegenden, deren Bewohner verpflichtet sind, sich ins eigene Heim zurückzuziehen, was paradoxerweise aber nicht gleichbedeutend mit gemütlich ist. Und diese Stimmungen, die klammen, feuchten, finsteren, befremdlichen und unbehaglichen werden in der Ausstellung analysiert. Es spukt und es fremdelt und man friert.

Der Untertitel Innenräume von Edvard Munch bis Max Beckmann relativiert ein wenig den Ausstellungtitel Unheimlich. Aber das macht ihn dann auch wieder unheimlich! Und bei Auguste Chabrauds Hotelflur (1907) könnte man durchaus an Psycho denken.

Die Treppe vom Genter Maler Eugène Laermans  (1896) ruft Assoziationen an die Radierungen von Hugo Steiner-Prags Golem-Illustrationen hervor. Steiner-Prag fehlt leider in der Ausstellung. Höchstens Goya oder das Kino übertreffen ihn, wenn es darum geht, Angst in Räumen zu erzeugen. Athanasius Pernath kann ein Lied davon singen.

In der Zugluft hängende Kleider können zu Gespenstern werden und das Zwielicht Möbel in Bewegung setzen. Man ist diesen Geschehnissen hilflos ausgeliefert und kann sie nicht verhindern. Der dunkle Raum ist geschlossen und bekommt nur noch etwas Licht von draußen, von der leichten und gefahrfrei- hellen Freiheit.

James Ensors Pierrot und Skelett zeigt einen gedeckten Tisch; zwischen Weinkrug und Brotkorb thronen ein Totenkopf und der lustige Kasperl. James Ensor ist sowieso prominent vertreten in der Ausstellung, wie viele seiner belgischen Landsleute. Ensor war ein Meister des Versteckten und hat all das was man nicht sehen kann in seine Bilder gepackt.

Eine große Bereicherung für die Schau und eine Entdeckung überhaupt sind die Werke der belgisches Surrealisten Léon Spillaert (1881-1946). Das Selbstportrait 3, entstand 1908 und ist das Ausstellungsplakat. Es ist mit Aquarell, Farbkreide und Tinte gemalt, 50 x 65 cm groß und kommt aus einer Privatsammlung. Spillaert sitzt, irgendwie ertappt, in einem grau-braun-schwarzen Raum oder Vorraum blickt schräg auf uns und hat wohl eine blonde, auftoupierte Perücke oder ein Haarteil auf dem Kopf. Was er genau macht oder wo er genau ist kann man nicht feststellen. Von diesem Künstler hängen einige interessante Werke in der Ausstellung, darunter auch das Aquarell Allein (1909). Es zeigt ein kleines fast gesichtsloses Mädchen mit blauem Kleid und gelben Haaren in einem seltsam verwinkelten Raum. Sie schaut uns an und tut uns leid, aber wir wissen nicht warum. Der Stuhl auf dem sie sitzt kippt oder hat ein fehlendes Stuhlbein.

 

Raum der Einsamkeit
Raum der Einsamkeit – E.Munch (Foto: jnp)

 

Und natürlich immer wieder Munch, der Traurigste von Allen. Seine Bilder sind nicht unbedingt unheimlich, sie berühren durch Einsamkeit und soviel Gram, dass man wegsehen muss. Munch hatte keinen Schutzengel, nichts Helles in seinem Umfeld.  In dem Bild Leichengeruch malt er den Geruch des Todes. Munchs Familie ist fast komplett der Tuberkulose zum Opfer gefallen und immer liegt irgendjemand im Bett und stirbt gerade, so auch bei Tod im Krankenzimmer (1893) aus dem Munch Museum in Oslo. Befremdend dafür am Ende der Ausstellung unter dem Thema Tatorte Munchs Mord (1906) Hier scheint keine Trauer zu herrschen. Die Wände um den Toten sind Van Gogh-Gelb und fast fröhlich und nur der rote Fleck auf dem Hemd des Darniederliegenden spricht von Tod. Sonst könnte man auch einen Siesta-haltenden Mann vermuten. In der Ausstellung geht es jedenfalls der Gemütlichkeit und des Geborgenheitsgefühls im eigenen Heime kräftig an den Kragen, was sicher von Allen nachvollzogen werden kann! Denn wer kennt nicht die plötzliche Panik wenn ein Luftzug die Vorhänge bewegt, man früher eine finstere Kellertreppe runter gehen musste oder ungewohnte Geräusche sich nachts in den Halbschlaf mischen. Der deutsche expressionistische Film oder natürlich Alfred Hitchcock haben solche Ideen und Situationen bis zum Letzten ausgeschöpft.

Über 100 Gemälde, Zeichnungen und Drucke von u.a. Munch, Beckmann, Ensor, Spilleart,  Vuillard, Redon, Hammershoi, Kubin, Heckel, Hofer aus zahlreichen internationalen und nationalen Museen oder Privatsammlungen zwischen Ende des 19. bis in die Hälfte das 20. Jahrhunderts sind zu sehen. Die Künstler gehörten zu den Metaphysikern, dem Symbolismus oder dem Expressionsmus oder der Nabis-Gruppe an.

Bis zum 29. Januar 2017 ist die Ausstellung noch zu sehen. Sie wird gefördert durch die Hans-Fries-Stiftung, das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW, den Landschaftsverband Rheinland und Jürgen Hall.

Christa Blenk

 

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Ernst Ludwig Kirchner – Hieroglyphen

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Ausstellungsplakat

 

Seit dem 23. September sind im Hamburger Bahnhof sämtliche Werke des wichtigsten deutschen Expressionisten um die Jahrhundertwende aus dem Bestand der Neuen Nationalgalerie ausgestellt.

Ernst Ludwig Kirchner – Hieroglyphen

 

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Skizze eines Briefes an Erich Heckel mit Skizze nach afrikanischer Skulptur
- 1910 – Stiftung Historische Museen Hamburg

 

„Hieroglyphen“ ist eine Kirchnersche Art und Weise sich auszudrücken. Überbleibsel aus seinem Architekturstudium vielleicht. Die Ekstase der nervösen Großstadt, das Treiben, Gehen, Laufen, Hetzen, und das Umsetzten in Striche, Formen und Farben hat er damit verbunden. Die Großstadtbilder sind schlanker und filigraner als die Produktion seiner Bergland-Aufenthalte. Oft ist nur Zeit,  ein paar Linien oder Farbklekse aufs Papier zu bringen, weil ein Eindruck den nächsten jagt und der Adrenalinspiegel ganz hoch ist.

Die eleganten Damen am „Potsdamer Platz“ mit ihren Hüten, Federn, spitzen Schuhen und Ellenbogen oder « Rheinbrücke in Köln »  (1914) sind Symbole in Kirchners überfüllten und schnellen Tabletten-Welt. Lange hat er die Stadt auch nicht ausgehalten, aber ohne sie ging es auch nicht. Der Nachhall hielt an.

Man muss ein paar mal um die Ecke denken und sich selber viel Spielraum geben um das Hieroglyphen-Konzept zu verstehen. Aber wenn man seine Bilder mit zugekniffenen Augen betrachtet, dann kann man sie sehen!

18 Werke aus der Sammlung werden präsentiert, repräsentativ genug, um den Maler, Zeichner und Bildhauer Kirchner zu verstehen und wieder zu erkennen. “Die Badenden am Strand (Fehmarn)“ und „Sitzender Akt“sind Bilder, die seine Nähe zu den Fauvisten und auch zum Orientalismus beschreiben, aber auch Fratzen und grelle Paare oder seine Befassung mit Max Liebermann sind zu sehen.

 

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in der Ausstellung/re: Wiesenblume und Katze

 

Fotos, Bücher, Zeichnungen ergänzen die kleine, aber komplette, Ausstellung.

Zwei Werke von zeitgenössischen Künstlern begleiten die Schau. Einmal der Film „Hidden Conference“ von Rosa Barba und eine Serie von Rudolf Stingel, der Kirchners Fotos der „Stafelalp“ aufarbeitete und hiermit die Vergangenheit in die Gegenwart holt.

Bis zum 26. Februar 2017 ist die Ausstellung noch in den Räumen des Hamburger Bahnhofs in Berlin zu sehen.

 

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In der Ausstellung

 

Den Expressionismus gab es schon lange vor den Kirchners und Noldes dieser Welt, es gibt ihn, seit die Menschheit sich ausdrückt und das war schon bei den Höhlenmalern in Lascaux oder Altamira so. Er steht stellvertretend für das Primordiale im Menschen, das Dunkle, das Verzerrte und Geheimnisvolle, das nicht Erklärbare.

Wir verbinden den Expressionismus mit einer Kunstbewegung die Ende des 19. Jahrhunderts anfing. Wilhelm Worringer hat 1911 in der Zeitung Der Sturm den Begriff zum ersten Mal verwabenutztndt,  vor allem um die „reaktionären“ Impressionisten zu kritisieren.  Expressionismus wurde zum Schlagwort von spirituellen Schriftstellern und Drogen nehmenden Malern und – unterstrichen durch die Grausamkeiten des ersten Weltkrieges – der Inbegriff des 20. Jahrhunderts. Egal ob es um die schwarzen Zeichnungen von Goya,  Dr. Calgari, Den Dritten Mann,  um Noldes verzerrte Frazzen, Kirchners Sicht von Max Liebermann oder Lüpertz’ grobschlächtige Holzskulpturen geht.

Christa Blenk

 

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20 Jahre Hamburger Bahnhof

20 Jahre Hamburger Bahnhof

 

100 Stuehle (2)
Christoph Büchel Installation Hamburger Bahnhof

 

Am 1. November 2016 feiert der Hamburger Bahnhof seinen 20. Geburtstag. Er entstand als  weiteres Haus der Nationalgalerie und dort werden während der Umbauarbeiten der Neuen Nationalgalerie abwechselnd Werke des deutschen Expressionismus – wie zurzeit Ernst Ludwig Kirchner HIEROGLYPHEN  – gezeigt.

Die Installation Training Ground for Training Ground for Democracy von Christoph Büchel in der Haupthalle ist extra für dieses kleine Jubiläum aufgebaut worden. Es ist Teil der Schenkung von Friedrich Christian Flick. Seit seiner Entstehung 2007 für die Art Basel Miami Beach ist sie nicht wieder gezeigt worden. Ein weiterer Grund dafür, diese Installation gerade jetzt aufzustellen, ist die bevorstehende Wahl in Amerika im November. Wir sehen also ein weihnachtlich geschmücktes, glitzernd-kitschiges Wellblech-Wahllokal, das vielleicht ein Jugendheim oder Kindergarten ist, umgeben von einem Gitterzaun und angefüllt mit dem Müll, den eine Konsumgesellschaft produziert oder die Habseligkeiten von Menschen, die auf der Straße leben. Diese politische „Skulptur“ von Büchel geht auf sein jahreslanges Sich-Auseinandersetzten mit der Politik zurück. Wahlkabinen inklusive Überwachungskameras zeigen die Wahlen im Jahre 2000; vom Dach aus kann Propagandamaterial in die Welt gestreut werden. 

Christoph Büchel (*1966) ist ein Schweizer Konzept – und Aktionskünstler, der sich vor allem mit Rauminstallationen beschäftigt und in der Vergangenheit öfter schon mal für Schlagzeilen gesorgt hat.

 

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Franz West – 100 Stühle

 

Ein krasser Gegensatz zu dieser « messie-Ansammlung » ist die Rauminstallation 100 Stühle des österreichischen Künstler Franz West (1947-2012) aufgestellt; auf diesen kann man wohl warten, bis man das Wahllokal – immer nur ein Person – betreten kann.  Der Performance- und Installationskünstler Franz West  war Biennale und Documenta-Teilnehmer und zählt zu den bedeutenden zeitgenössischen Künstlern Österreichs. West hat schon 1992 für die documenta IX Stühle installiert.

In den Rieckhallen wird ab 28. Oktober das Ausstellungs- und Konzertprojekt Scores zu sehen/hören sein. Hierbei geht es um Musikwerke Bildender Künstler, deren Partituren – meist Auftragsarbeiten – ausgestellt bzw. an drei Abenden Ende Oktober aufgeführt werden.  Die Arbeiten sind von Saâdane Afif (Frankreich, *1970), Christian Marcley (Schweiz, *1955) Ari Benjamin Meyers (USA, *1972) und Jorinde Voigt (Deutschland *1977).

Christa Blenk

 

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Labyrinths of the World

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Vom 13. bis zum 21. Oktober werden im Palais des Nations in Genf die  Skulpturen-Labyrinthe von Helena Aikin präsentiert.

 

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Helena Aikin

Einen besseren Platz als die Vereinten Nationen hätte sie nicht finden können. Die Labyrinthe von Helena Aikin kommen aus der ganzen Welt wie die Menschen, die dort arbeiten. 

Der Völkerbundpalast wirde zwischen 1929 und 1938 in Genf erbaut und ist seit 1946 Teil der UNO und seit 1966 der europäische Hauptsitz der Vereinten Nationen. Über 100000 Menschen geben sich dort jahraus, jahrein die Tür in die Hand.

Die Ausstellung wird im öffentlichen Bereich des Palais des Nations gezeigt.

 

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 während der Ausstellungseröffnung

mehr über die Künstlerin

Christa Blenk

 

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Caravaggio-Spaziergang in Rom

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Die Bekehrung von Paulus – Zeichnung von Emanuel Borja

 

Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610)

Wer Caravaggio entdecken und kennenlernen will, muss nach Rom. Im Centro storico befinden sich die drei Kirchen mit seinen Hauptwerken sowie  das Phamphilij und Barberini Museum und die Kapitolonischen Museen. Nur für die Galeria Borghese muss man kurz durch den Park. Aber es lohnt sich!

Allein schon die Fresken in der Französischen Kirche – Berufung des Hl. Matthäus Vocazione di San Matteo (1599 – 1600);  Martytium des Hl. Matthäus  Martirio di San Matteo (1600 – 1601) und Hl. Matthäus mit Engel San Matteo e l’angelo (1602) – und die Madonna dei Pellegrini ca 1604 in der Kirche Sant‘ Agostino oder in der Santa Maria del Popolo die Bekehrung von Paulus (1600 – 1601) und Kreuzigung des Petrus (1600 – 1601)) sind eine Reise wert. Diese Fresken gehen natürlich nie auf Reisen, so dass eine Caravaggio Ausstellung außerhalb Roms immer unvollendet bleiben wird. Ohne diese Werke ist Caravaggio nicht zu verstehen.

Mit Caravaggio verbinden wir Leidenschaft, unkontrollierbares Temperament, Talent, Mut und auch Verschlagenheit, Anderssein. Caravaggio heisst er, weil er in einem Ort im Norden Italiens  mit diesem Namen geboren wurde. 1592 kam er – knapp zwanzig-jährig – nach Rom und schlug bzw. malte sich durch unterschiedliche Ateliers. Unterstützt vom frommen und religiösen  Papst Clemens VIII und bei Meister Cesari lernte er, wie man Blumen und Früchte malt und es entstand eines seiner bekanntesten Früchte- und Blumenbilder Fanciullo con canestro di frutta (es ist in der Galleria Borghese zuhause,entstand 1594 und hängt im gleichen Raum wie der Kranke Bacchus). Später sollte er immer wieder auf diese Motive zurückkommen und der Betrachter kann den Duft dieser Früchte fast riechen. Das Chiaroscuro entstand ebenfalls schon in dieser Zeit, wird eine Epoche definieren und immer wieder nachgeahmt werden. Dieses edlen und prall-bunten  Früchte paart er mit einer knallharten hiperrealistisch-manieristischen Dramatik, wie die schwarzen Fingernägel auf dem Eidechsenbild zeigen.

 

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Die Pilgermadonna in der Kirche Sant’Agostino

 

In Rom entstanden fast alle seine Bilder und hier ist auch ein Großteil zu sehen. Im Palazzo Barberini hängen u.a.  Judith und Holofernes (1599); Narciso (1599), und  Franziskus in Medidation (1605). Der Johannes der Täufer (1602) hängt in den Kapitonilischen Mussen und die büßende Magdalena (1585) in der Galleria Doria Pamphilij. Auch die Ruhe während der Flucht nach Ägypten (1595) finden wir dort. Drei Bilder, die kurz vor seiner Flucht nach Neapel entstanden sind hängen ebenfalls in der Galleria Borghese, und zwar Madonna mit der Schlange (1605 – 1606, und  Heiliger Hieronymus  (1605 – 1606) sowie David mit dem Kopf von Goliath (1609 – 1610).

Caravaggio entfernte sich ganz schnell wieder von der Renaissance-Perspektive und seine Bilder vermitteln den Eindruck, dass es nur eine erste Reihe gibt. Seine Protagonisten treten aus dem Bild heraus und blicken uns zum Teil direkt an. Ein Realismus mit verfälschten Farben und hier macht er keinen Unterschied zwischen religiös und weltlich. Herrlich ist ihm dieses Verwischen bei der Madonna dei Pellegrini gelungen. Sie hängt in Sant’ Agostino und hat die Kirchenfürsten zuerst so schockiert, dass es gleich wieder aus den heiligen Häusern verbannt wurde. Die Pilger zeigen uns nämlich ihre schmutzigen Fußsohlen, die Madonna hat einen tiefen Ausschnitt und schwebt irgendwie zwischen Treppe, Luft und Flur.

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Galleria Borghese

 

14 Jahre nach seiner Ankunft in Rom, 1606, kam er ernsthaft mit dem Gesetz in Konflikt. Caravaggio verletzte Jemanden tödlich und musste bei Nacht und Nebel und in einer Kutsche der noblen Colonna Familien fliehen. Er wurde für vogelfrei erklärt und landete im damals spanischen Neapel. 

Mehrfach kontaktierte er in den darauf folgenden Jahren den seinerzeitigen Papst Paul V aber erst 1610 wurde das Todesurteil aufgehoben. Vorher aber fuhr er schon per Schiff von Neapel nach Palo in der Toscana um dort an Land zu gehen; Costanza Colonna hatte ihn eingeladen bei ihr zu wohnen bis er den Weg nach Rom antreten konnte. In Palo konnte er Kontrollen gerade noch entgehen, in dem er sich hinter einem Bild versteckte und musste weiter bis Porto Ercole fahren. Krank und geschwächt starb er dort 1610 und wurde in einem Massengrab beigesetzt.

Seine Spätwerke sprechen von der dunklen Zeit, sie sind unruhiger und dramatischer, schwärzer und verraucht. Caravaggio wurde zu einer Legende, vielfach kopiert und trendsetter und gab Stoff für unzählige Filme und Bücher.

Christa Blenk

 

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Emil Nolde – der Maler

 

Nolde

 

Emil Nolde – Der Maler

Aufdringliche Farben und Nordlicht.

Emil Nolde (1867 – 1956) malte mit den Fingern und Händen, ein Pinsel reichte nicht, um diese grelle Leidenschaft auf die Leinwand zu bringen. Ein krasser Gegensatz zu der weiten und unendlichen nicht immer farbigen Welt an der Frieslandküste. Naturgewalt, Einsamkeit, Legenden und gruselige, übertriebene Bauern- und Seemanns-Geschichten, die man sich nach Sonnenuntergang mit Gänsehaut zu erzählen pflegte, hat Nolde auf die Leinwand gebracht und uns ins Gesicht geschleudert.

Schrill, aufdringlich, furchterregend und individuell. Die Welt musste auf den Expressionismus warten, um diese Knallfarben aus der Botanik oder aus einem nordischen Himmel herauszuholen. Zu den kunterbunten, schreienden Anemonen und sonstigen Gewächsen in von ihm selbst angelegten Garten summierten sich die Entdeckung von Van Gogh, Erlebnisse und Verführungen von Großstädten wie Berlin und Paris und die Eindrücke einer Weltreise, an der Nolde 1914 als Mitglied der medizinischen „Deutsch-Neuguinea Expedition“ teilnahm. Manchmal hat man den Eindruck, dass er die Hässlichkeit in den Gesichtern förmlich sucht und dass die Masken vor allem dazu dienen, böse Geister zu vertreiben. Während Picasso sich seine afrikanischen Masken aus dem Musée de Paume organisierte, malte Nolde im Berliner Völkerkundemuseum.

Referenzen aus allen Epochen der Kunstgeschichte und immer wieder diese distanzierte aber bekannte Kluft zwischen wohlfühlendem Kennen oder Erkennen und ängstlich-vorsichtiger Fremdheit machen die Ausstellung selber zu einer Weltreise durch Noldes Kopf. Bilder wie Die Slowenen entstanden in den Berliner Jahren vor dem 1. Weltkrieg. Es hängt in der Ausstellung. Traurigkeit, Einsamkeit und Verderben strahlt es aus. Klare Farbflecken, rote Münder ohne Konturen, immer Negatives ausstrahlend. Noldes Autoportrait in Grau-Weiß-Tönen mit hervorstehenden panischen blauen Augen oder eine Grablegung die unter die Haut geht. Masken, Fratzen, Himmel und Hölle und ein lieblicher Turner-Sonnenuntergang. Herbstmeere, Kerzentänzerinnen und Wajangfigur und Blumen (1928). Dazu einige Aquarelle aus der Zeit des Malverbots, die ungemalten Bilder.

Eigentlich ist Nolde verbraucht!  Viele Male sind seine Bilder in hochwertigen, teuren Kalendern, die das Thema Die Brücke oder der Expressionismus zum Thema hatten –  oft in Originalgröße – durch die Wohnzimmer oder Büros gezogen und blieben als Wanddekoration noch Jahre lang hängen. Diese lodernden und bösartig aussehenden Menschen mit verzerrten Gesichtern, ja Karikaturen der fauna humana, glühende Blumen, brennende Himmel oder tosendes vielfarbiges Meer, Nolde hat alles noch ein wenig weiter getrieben. Er war durchaus Vorreiter des amerikanischen action painting! Noldes Bilder schreien und singen!

Mit 70 Exponaten ist es keine Großausstellung; aber es sind 70 Meisterwerke, aufs sorgfältigste ausgesucht. So eine Ausstellung hat Berlin Nolde bis jetzt noch nicht geboten und damit steht die Hauptstadt fast alleine da. Paris hatte 2008 eine umfangreich (die erste in Paris) Retrospektive im Grand Palais gezeigt. Hamburg, München, Bremen, Frankfurt haben ihm wichtige Einzelausstellungen gewidmet.

Noldes Streit mit Liebermann war wohl der Auslöser, dass schon die 200-Exponate umfassende Ausstellung in fünf deutschen Städten im Jahre 1927 anlässlich Noldes 60. Geburtstages an Berlin vorbei ging. Liebermann, Ende des 19. Jahrhunderts selber Vorreiter der Moderne und Mitbegründer der Berliner Sezession, kam sein Leben lang nicht von Biergärtenmotiven weg und verurteilte die Expressionisten, Kubisten und sonstige Avantgarde aufs Härteste. Erst 1988 wurde eine Auswahl von Nolde-Bildern in der Brücke Museen gezeigt und später zwischen 2007 und 2014 widmete die Berliner Dependance der Nolde-Stiftung dem Künstler thematisch ausgerichtete Ausstellungen.

Zusammen mit der Nolde Stiftung Seebüll, von der auch die meister Exponate stammen, hat das Brücke-Museum Berlin die Schau organisiert. Ab 1926 lebte Nolde in Seebüll, wo bis zu seinem Lebensende über 1900 Bilder entstanden. Aufschlussreich und umfassend zeigt diese Ausstellung Noldes Entwicklung und sine knallrot-gelb-bunte Fantasiewelt.

Das Brücke Museum entstand 1964 als Karl Schmidt-Rottluff anlässlich seines 80. Geburtstags viele hochkarätige Werke dem Land Berlin schenkte. Die Lage mitten in der Natur ist bewusst gewählt und so geht man in den Grunewald. Eher ein Bungalow umgeben von Birken und Kiefern.

Zur Ausstellung, die noch bis zum 23. Oktober zu sehen ist,  ist ein umfassender Katalog entstanden (Magdalena M. Moeller – 39,90 Euro)

Christa Blenk

 

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Golem

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Golem

Der Golem, diese berühmteste Legendenfigur der Kabbala, ist ein seelenloses Wesen aus Lehm oder Sand. Er wird durch Rituale oder geheime Buchstabenkombinationen von einem Menschen zum Leben erweckt und ist mit übermenschlicher Kraft ausgestattet.

Der Golem lebt. Übermenschen, Comic-Figuren, Androiden und Roboter sind die Golems unserer Zeit. Kleine Souvenir-Golems aus Prag oder chinesische Grusel-Monster werfen riesige Schatten an die Wand und werden zu angsteinflößenden Riesen. Direkt daneben – aktueller geht es kaum noch – Donald Trumps Wahlkampagne-Baseball-Kappe „Make America great again“. Der kanadische CBC Journalist Neil Macdonald vergleicht hier Donald Trump mit dem Golem, der – ähnlich dem immer mehr Macht bekommenden Golem aus der jüdischen Legende – seinem Erschaffer (den Republikanern) entgleitet und sich selbständig macht. Hier geht es um den akuten Kontrollverlust über die Geister die man rief!

 

Jorge Gil Crisálidas - 2009, Mischtechnik, Kunstharz, Nylon, PlüschAnselm Kiefer P1000757
Jorge Gil, Anselm Kiefer und Eingang des Jüdischen Museums (Foto: Christa Blenk)

 

 

Für den Berliner Arzt Fritz Kahn war der Mensch vor allem eine leistungsfähige Maschine. Das zeigt seine Informationsgrafik Der Mensch als Industriepalast; hier geht er konform mit dem Freigeist und Bretonen Julien Offrey de la Mettrie, der im 17. Jahrhundert am Hof vom alten Fritz im toleranten Preußen sein Werk   L’homme Machine (1748 – Die Maschine Mensch), veröffentlichen durfte.

Die Schatten der modernen Golems an der Wand

Die Schatten der modernen Golems an der Wand

Im nächsten Raum liegt Joshua Abarbanels Golem-Figur wehrlos und verletzlich mit ausgebreiteten Armen und Beinen am Boden. Sie befindet sich in einer Art Übergangszustand und man kann nicht wissen, ob die Buchstabenfigur gerade das Leben verloren hat oder kurz vor dem Belebt werden steht. Abardanel hat die Skulptur aus Holzbuchstaben extra für die Ausstellung konstruiert.

Crisálidas ist eine Installation des spanischen Künstlers Jorge Gils. Der Besucher begleitet den Moment des Ausschlüpfens der im Netz hängenden gelben Plüschlarven. Die Raupe befreit sich von der hässlichen Larve, wie dies der Golem tat, nachdem der Rabbi ihm den Lebensodem einhauchte. Golem bedeutet im Hebräischen auch Puppe oder Larve.

Das Video Birth, Body und die Serie Earth, Landscape-body dwelling des Der US-Amerikaners Charles Simonds gehören für mich zu den Geschenken in der Ausstellung. Simonds Werk ist keinem Stil zuzuordnen, bei ihm geht es um persönliche Rituale und intime Mythologie. Bekannt wurde er vor allem mit seinen little people Miniaturlandschaften aus Ton und Sand in einem Niemandsland.

Auch Anselm Kiefer liebt die Alchemie und hat sich viel mit der Kabbala beschäftigt. Seine Hommage an den Golem im Kapitel Mythos Prag ist die Skulptur Rabi Löw: der Golem (1988-2012) aus verschiedenen Materialien. Kiefers Arbeit nimmt die Legende aus dem 16. Jahrhundert um den Rabbi Judah Lowe auf, der, inspiriert von okkulter Magie und Alchemie einen Lehm-Golem formte und zum Leben erweckte, um das jüdische Ghetto zu beschützen. Wie wir aber wissen, hat sich dieser Golem abgenabelt und Prag terrorisiert.

Die Angst der Wissenschaftler und Forscher einer Kommandoübernahme durch Maschinen hat im 20. Jahrhundert das Kino enorm beschäftigt. Denken wir an Stanley Kubrick, der schon 1968 in seinem philosophischen opus 2001 Space Odysse die Computer oder Übermaschinen dem Menschen bedrohlich gleichstellte oder an Dr. Strangelove der selber zur Maschine wurde. Gleiches gilt für die Blockbuster-Produktionen Terminator oder Blade Runner.

Die alchemistische Tischglocke war das Kuriositätenkabinett von Kaiser Rudolph II und wird hier mit einer 3D-Brille zum Rummelplatzerlebnis. Der Kaiser liebte schwarze Magie, umgab sich mit Gelehrten und Künstlern und hatte im 16. Jahrhundert auf dem Hradschin sogar ein eigenes Labor, das jeden Alchemisten beglückt hätte. Ob er allerdings auch einen Menschen erschaffen wollte ist nicht dokumentiert; mit Gold hat er es jedenfalls – vergeblich – versucht.

Der Regisseur Paul Wegener hat den grau-plump-quadratischen Golem nach dem 1915 erschienen Roman von Gustav Meyrink erschaffen. Das Buch wurde schnell zum Bestseller und hat unser Bild vom Golem geprägt. Die beunruhigenden Radierungen, mit denen Hugo Steiner-Prag Meyrinks Meisterwerk illustrierte, sind ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Den unruhigen Schlaf, der den Gemmenschneider Athanasius Pernath in diese fantastische Geschichte stürzte, haben die Besucher vielleicht nach dem Buch der Ausstellung.

Wie auch immer, der 1920 entstandene Film Der Golem zählt zu den Meisterwerken des expressionistischen Stummfilms und hat später andere Klassiker wie Frankenstein beeinflusst das grüne Hulk-Monster geschaffen oder so Ekelkreaturen wie die Simpsons „you gotta know when to Golem“ (2006) beschäftigt. Die 3-Kanal-Filminstallation AE/MAETH von Stefan Hurtig und Detlev Weitz muss man sitzend – am besten zweimal hintereinander – ansehen. Die beiden haben hier in einer acht Minuten Sequenz an die 60 Filme aus der Filmgeschichtet zitiert.

Aber der Golem kann außer Zerstörer und Gegner durchaus auch Beschützer und Gefährte sein. In diesem Raum wird die Verantwortung der Schöpfer hinterfragt. Wo hört die Rettung auf und wann fängt die Macht an? Eine zentrale Frage an Wissenschaft und Politik. Die Multimedia-Spiegel-Rauminstallation von Daniel Laufer Redux (2014) erforscht Plätze, an denen der Golem eine (Beschützer-)Rolle spielte. Die Nationalsozialisten gingen davon aus, dass der jüdische Friedhof in Berlin Weißensee von einem Golem beschützt wurde, was ihn vor der kompletten Zerstörung bewahrte und für viele Verfolgte zum Zufluchtsort wurde. Jede Generation schafft sich den Golem, den sie braucht! (so der Künstler)

Im letzten Saal kann der Besucher mit Hilfe einer Gesichtsmorphing-software dem Golem seine eigene Mimik aufzwingen. Verabschiedet wird man von Kristof Kinteras menschlicher Lichtskulptur My light ist your life.

Die Ausstellung Golem ist noch bis zum 29. Januar 2017 im Jüdischen Museum zu sehen. Sie ist mit 120 Exponaten keine Großausstellung, aber sie ist ausführlich, umfangreich, sehr gut aufgebaut, spannend und unbedingt sehenswert!

Auch auf KULTURA EXTRA

Christa Blenk

 Cesar Borja
Cesar Borja  (entstanden nach der Lektüre von Der Golem

 

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Jüdischer Friedrich Weissensee

Der Rhein – eine europäische Flussbiografie

rheinbeibonn
 Der Rhein in Bonn (nicht in der Ausstellung)

 

Der Rhein – Eine europäische Flussbiografie

Der Rhein entspringt im Schweizer Kanton Graubünden und ist 1235 km lang, davon sind knapp 900 km für die Großschifffahrt nutzbar, was ihn zu einer der verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt macht bis er mächtig und stolz in Rotterdam in der Nordsee verschwindet. Der Rhein ist aber längst nicht der längste Fluss Europas. Die Donau zum Beispiel fließt knappe 3000 km durch Europa.

In der Ausstellung herrscht die Farbe Blau vor; dabei wird blau ja eher mit der langen Donau, siehe Donauwalzer, in Verbindung gebracht. Die letzten Jahrzehnte hat er sich von einer gift-gelblichen Kloake in den 70er Jahren wieder auf grün-graues Trinkwasserniveau hochgearbeitet. Hieran erinnert ein Werk von Joseph Beuys aus 1981 Rhein Water Polluted aus dem Kölner Stadtmuseum. Eine durchsichtige Flasche mit braun-gelblicher Flüssigkeit, ähnlich den heute so begehrten power drinks.

Aber außer einem Foto von Andreas Gursky (Der Rhein I) das gleich als Ouvertüre neben Moriz von Schwinds Vater Rhein Schinken aus 1848 hängt und einem Monumentalgemälde von Anselm Kiefer Vater, Heiliger Geist und Sohn, welches unter der Kategorie Europa am Rhein auftritt und aus einer Privatsammlung kommt sowie eine kurze Erinnerung an den 1. Weltkrieg in Form eines Fotos von Willy Römer (Französische Soldaten am Deutschen Eck in Koblenz, 1918/19) das an Caspar David Friedrichs Einsamkeit erinnert, stehen doch die drei Soldaten am Deutschen Eck mit dem Rücken zu uns und blicken auf den stolzen Rhein, ist das 20. Jahrhundert eher vernachlässigt in dieser Rheinbiografie.

Viel Schönes und Edles gibt es zu sehen und Victor Hugos Briefzitate begleiten die Ausstellung, Heinrich Heine kommt natürlich zu Wort aber ansonsten hängen einige mittelmäßige Landschaften und Portraits zwischen den Inselvitrinen, gefüllt mit Preziosen und Skulpturen aus allen Zeiten wie edle Manuskripte oder die Aeneide von Heinrich von Veldecke und allerlei Religiöses. Nicht umsonst hat Maximilian Maximilian I den Rhein als Pfaffengasse bezeichnet. Die Besucher schlängeln sich zwischen Flussgöttern und Allegorien vom Rheinfall von Schaffhausen durch das Siebengebirge vorbei an echten Golddukaten aus dem Rheinschatz und natürlich den Nibelungen. Marianne und Germania, Industrie, Achse der Kirche sind weitere Kategorien, in die diese Ausstellung unterteilt ist.

Wo bleibt die Reise ins Meer von Hannsjörg Voth (hier fuhr eine 20 Meter lange gefesselte Mumie auf einem Floß von Speyer bis in die Nordsee und stürzt sich dort brennend ins Meer. Die Fotografin Ingrid Amslinger hat tagelang die Reise auf dem Land begleitet und alles fotografisch dokumentiert?) und wo bleiben die rheinischen Dichter und Schriftsteller der Nachkriegsjahre wie Heinrich Böll? Da tröstet dann die Rheinische, die musikalisch begleitet, auch nicht mehr.

Die Kuratorin und Kulturhistorikerin Marie-Louise Gräfin von Plessen hat über 300 Exponate für die Ausstellung nach Bonn geholt und es ist nicht das erste Mal, dass sie sich einem Fluss widmet. In den 90er Jahren hat sie schon einmal eine Flußbiografie über die Elbe für die Deichtorhallen in Hamburg organisiert.

Die Ausstellung ist sehenswert aber nicht umwerfend und geht noch bis zum 22. Januar 2016.

Christa Blenk

arpund blick vom Museum auf den Rhein
Blick vom Arp Museum auf dem Rhein

 

 

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Berliner Liste 2016 im Kraftwerk Berlin

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Zeitgenössische Kunstmesse Berlin vom 15 bis 18. September 2016

Auf der 13. Berliner Liste präsentieren dieses Jahr 112 Aussteller aus 25 Nationen auf ca. 8000 qm ihre aktuellsten Arbeiten. 50% der Galeristen kommen aus Deutschland, die andere Hälfte aus Australien, Japan, Südafrika, Dänemark etc.

Kraftwerk ist ein ehemaliges Heizkraftwerk in Mitte Berlin, in der Köpenicker Strasse, das ungefähr zur gleichen Zeit wie die Mauer gebaut wurde um Berlins Mitte mit Wärme zu versorgen. Später stand das Gebäude lange Zeit leer,bis es für die Kunst entdeckt wurde.

 

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Nach dem Besuch der Messe Messe, bleibt dann aber doch der Eindruck zurück, dass der Ort das Interessanteste an der Schau ist.

Erwähnenswert waren die Stereoskopischen Landschaften von Robert Laatz, Fotomontagen von Peter Kagerer oder Kang MU-Xiang Path of Life Installationen. Ansonsten viel déjà vu und viele hommagen an den Kitsch!.

 

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Fotos: Christa Blenk

 

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Ausstellung: Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopie

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Josef Beuys Installation

 

Die Fußfessel und ein altbabylonischer Kaufvertrag einer Sklavin, eine Karettschildkröte, Andy Warhol, Pasolini, Bob Dylan, Martin Luther oder Goldman Sax? Was diese Konzepte oder Künstler verbindet, kann man zur Zeit in einer Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin erleben.

„Lasset sie fahren! Sie sind blinde Blindenleiter. Wenn aber ein Blinder den anderen leitet, so fallen sie beide in die Grube“. (biblisches Gleichnis)

Das Kapital Raum 1970-1977 ist ein Schlüsselwerk von Josef Beuys. Er hat es 1980 für die Biennale von Venedig geschaffen. Der Sammler Erich Marx hat es 2014 erworben.

Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopie hat diese Beuys-Installation als Ausgangs- und Mittelpunkt für dieses kuriose, Jahrhunderte übergreifende Sammelsurium erkoren und stellt den Besucher manchmal vor große Rätsel.

Kunst = Kapital

Joseph Beuys hat in den 70er Jahren den Begriff Kapital neu definiert. Er hatte den Anspruch, den Begriff Kapital wegzubringen von Finanztransaktionen und von allem was mit Geld zusammen hängt.

 

the blind leading the blind Buggenhout
Peter Buggenhout – The blind leading the blind

Die Finanzkrise von 2007 haben ihrerseits die Kuratoren Eugen Blume und Catherine Nichols als Anhaltspunkt definiert, um dieses Ansinnen von Joseph Beuys zu erweitern und zu untersuchen. Kunst, Poesie und Literatur in unterschiedlichen Darstellungsweisen aus allen Epochen sollten helfen. Blume und Nichols haben also ganz unterschiedliche Kunstannäherungen aufeinander prallen lassen und sie denen zum Teil in den Staatlichen Museen zu Berlin vorhandenen Kunstwerken aus unterschiedlichen Epochen und Kategorien unter den Schlagwörtern Schuld, Territorium und Utopie gegenüber zu stellen. Was bedeutet Kapital heute im Vergleich zu früher, oder was könnte es alles bedeuten?

Eine Heidenarbeit und ein nicht immer nachzuvollziehendes weites Feld. Wo ist der Grenze, was geht und was geht nicht? Wieso gerade diese Zeichnung oder dieses Video? Die Erforschungs- und Entdeckungsreise mit vielen Fallen aber auch Hilfestellungen beginnt.

Schon bevor man die lange Halle betritt muss man an Peter Buggenhouts Installation „The Blind Leading the Blind“ (2015) vorbei. 250 x 240 x 335 cm ist sie groß und besteht aus Holz, Eisen, Pappe, Schaumstoff, Aluminium, Kunststoff und Hausstaub. Alltagsmüll und Bauschutt für die Ewigkeit. Basis dieser Arbeit ist das Gemälde von Pieter Bruegel d.Ä. aus 1568. Wäre Kapital hier das Augenlicht oder die gegenseitige Hilfestellung?

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Direkt danach kommt man zur Karettschildkröte, die aus dem Naturkundemuseum ausgeliehen wurde, ein Trockenpräparat in den Maßen 28x69x94 cm. So hantelt wir uns dann von einem Gegenstand oder Video zum anderen. Vorbei an Andy Warhol Lithografien, mittelalterlichen Holzskulpturen, immer wieder die niederländische Malerei, auf der man sich viel und sichtbar mit Geld und Wohlstand befasst, ganz im Gegensatz zur katholischen Malerei, bei der über Geld nicht geredet wird. Ein paar Meter weiter ein Ausschnitt aus Pasolinis „Il Vangelo secondo Matteo“ und Charly Chaplin „Dogs Life“ von 1918. Marcel Broodthaers Schreibheft und Briefumschlag mit 100-DM-Banknote und daneben ein Video „Working at Goldman Sachs“. Der geniale und sehr kritische Goya darf natürlich nicht fehlen. Seine Radierung „Asta su abuelo“ (1797) verurteilt Aberglauben und Gewalt und kritisiert die Doppelzüngigkeit der katholischen Kirche, ihrer Pädophilie-  und Prostitutionsansätze. Gleich nach der Veröffentlichung bekam er aber doch kalte Füße und vor allem Angst vor der Inquisition und zog diesen Zyklus wieder aus dem Verkehr. Die Entstehung einer Shopping Mall von Harun Farocki,  das Video mit Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus und mit einem Ohr hört man schon Carmen Miranda die „The Lady in the Tutti Frutti Hat“ singen. Hier geht es indirekt der Chiquita Banane und der United Fruit Company und ihrer Monopolstellung an den Kragen. Immer das Konzept Kunst = Kapital vor Augen und Ohren, ist das eine leichte Übung. Objekt Nummer 127 ist schließlich Beuys Rauminstallation von Venedig Das Kapital Raum 1970-1977, abgelöst von Anselm Kiefers Großarbeit Lilith am roten Meer. Bob Dylan schließt die Ausstellung mit dem 37. Studienalbum „Fallen Angels“, erschienen im Mai 2016.

 

Urs Fischer (2000) readymade
Urs Fischer – readymade (2000)

 

Oft fühlt man sich verloren in der Schau und die Aufsichtspersonen haben jede Menge Arbeit die müden Besucher immer wieder von Jason Rhoades „Marble Box“ aufzuscheuchen, die diesen weißen übergroßen Schuhkarten versehentlich als Sitzgelegenheit ansehen.

Interessant ist die Ausstellung allemal und man stellt bewusst viele Verbindungen her und lernt eine Menge dazu. Aber bitte immer schön den Titel im Auge behalten sonst wird es schnell langweilig!

Nach 130 so unterschiedlichen Annäherungen an Kunst oder Kapital oder Schuld und Anklage schwirrt dann doch der Kopf und mit Carmen Miranda Tutti Frutti Hat-Ohrwurm verlassen wir das Museum.

Bis zum 6. November ist die Schau noch zu erleben.

Christa Blenk

Fotos: Christa Blenk

 

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Die Liebermann Villa am Wannsee

blick in den Garten
Foto vom Garten am Wannsee

 

Ausflug an den Wannsee

Max Liebermann (1847-1935) gehört zu den wichtigsten deutschen Wegbereitern der Moderne. Von Anfang an hat er gegen die Akademiker gekämpft und mit der Gründung der Berliner Secession, bei der er eine wichtige Rolle gespielt hat, die Hauptstadt in den künsterlischen und kulturellen Vordergrund gerückt. Geboren im Zentrum von Berlin wo heute das Liebermann-Haus steht (in dem gerade eine Ausstellung über Harry Graf Kessler zu sehen ist) hat er sich 1909 ein Sommerhaus am Wannsee bauen lassen. Sein „Schloss am See“, wie er es nannte. Mit Anfang 60 hat er sich gerne hierher in die Ruhe zurück gezogen und über 200 Gemälde sind dort entstanden. Ab 1914 bis zu seinem einsamen Tod 1935 verbrachte er viele Monate dort. Von den Nationalsozialisten verfemt, zwangen diese seine Witwe Martha 1940 zum Verkauf des Hauses. Sie entzog sich 1943 durch Selbstmord einer Deportation. Nach dem Krieg allerdings ging das Haus an die Erben zurück, die es an die Stadt Berlin verkauften. Einmal Krankenhaus dann Tauchclub, erfuhr das Haus viele Veränderungen und der Garten wurde zerstört.

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Marta Liebermann (1922)  und Enkelin, Selbstportrait (1923), Raum in der Villa

Erst 1995 wurde die Max-Liebermann-Gesellschaft gegründet und die Villa unter Denkmalschutz gestellt. Spenden und Privatinitiativen brachten den Garten wieder in seinen ursprünglichen Zustand und das Gebäude konnte renoviert werden. Heute ist es ein Museum, in dem eine beeindruckende beeindruckenden Dauerausstellung, in der vor allem seine Wannsee- und Biergartenbildern zu sehen sind. Seit 1870, der Münchner Zeit, bis zu seinem Lebensende, waren das ohnehin seine Lieblingsmotive, die er immer wieder aufnahm. Sonnendurchflutete Baumlandschaften oder Ausflugslokale, die von leicht platzierten Personen besetzt sind. Winter oder graue Tage scheint es in seinem Wannsee-Leben nicht gegeben zu haben.

kartederBiergärten

Der Blick von der Terrasse auf den See ist traumhaft.

Christa Blenk

 

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BALD GEHT ES WEITER

Liebe Leserinnen und Leser

umzugs- und technikbedingt ist eine längere Publikationspause entstanden!

Aber bald geht es wieder weiter – mit Berichterstattung vor allem aus Berlin!

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41. Cantiere Montepulciano – Ensemble 3X3

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Am 15. Juli begann der diesjährige 41. Cantiere Internazionale d’Arte a Montepulciano und seit diesem Tag passieren – noch bis 31. Juli – jeden Tag unzählige Konzerte, Ausstellungseröffnungen, Balletabende oder Opernaufführungen, wie am Eröffnungsabend Icarus, eine Oper von David Blade und Keith Warner.

Das Ensemble 3X3, das wir am 22. Juli im Museo Civico Pinacoteca Crociani hörten, ist auch schon am 19.7. mit dem gleichen Programm in den Chianciano Thermen, ein paar km von Montepulciano entfernt, aufgetreten.

Sie interpretierten die Pastorale op 147 von Darius Milhaud (1892-1974)  für Oboe, Klarinette und Fagott. Ausgezeichnet die Holzbläser, die auch 5 Pièce en trio (1935) von Jacques Ibert (1890-1962) spielten und die Sonata FP 33a in Sol maggiore (1922) von Francis Poulenc (1899-1963) für Horn, Posaune und Trompete. Aufgelockert wurde das Programm durch ein wenig Mozart und Vivaldi von Streichern.

 

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Ensemble 3X3 im Museo Civico am 22.7.2016

 

Der Regisseur und ehemalige Henze-Assistent Michael Kerstan, der am 22.7. eine sehr originelle und unvergessliche Dido und Aeneas-Aufführung in der Kirche San Biagio (dazu kommt ein gesonderter Bericht) inszenierte, hat außerdem am 23.7. im Teatro Poliziano die Ausstellung von Theater-Projekten aus der Hans-Werner-Henze Sammlung « Scenografie » eröffnet. Hier werden Bilder und Zeichnungen gezeigt, die dem Publikum Henzes umfangreiches Werk künstlerisch ein wenig näher bringen.

 

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Michael Kerstan und der künstlerische Leiter des Festivals Roland Boer während der Eröffnung

Christa Blenk

 

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My virtual gallery – blog collection N° 19

Guille Caivano – junger spanischer Künstler, lebt und arbeitet zur Zeit in Barcelona.

 

Etoso, mixed media on canvas, 65x100cm, 2013 copia 6
Etoso, mixed media on canvas, 65x100cm, 2013

 

Caivanos neueste Arbeiten befassen sich mit der Gegenwart, mit Europa, mit undefinierten Grenzen und mit Sprachen.

Etoso ist das Wort für Europa in Esperanto. Das Bild könnte auch eine Landkarte aus dem 15. Jahrhundert repräsentieren. Die Grenzen und Formen stimmen nicht ganz, die Erde ist zu nah an der Küste, die Karte wirkt irgendwie verzogen (bewusst) und doch erkennt man es sofort. Der Seefahrer und Navigator Amerigo Vespucci und präzise Kartografen wie Fra Mauro hätten unseren Kontinent vor über 500 Jahren vielleicht so aufgezeichnet, mit ungenauen Geräten aber viel Wissen. Die Karte hätte vielleicht in Venedig oder Genua hergestellt werden können, in der der Renaissance.

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Christa Blenk

 

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