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George Condo. Confrontation

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Ausstellungsplakat am Museum Berggrün

 

George Condo. Confrontation

Wie ein Picasso oder ein Matisse oder doch lieber Mickey Mouse?

Das Museum Berggrün präsentiert sich zurzeit ein wenig anders als gewohnt. Zwischen all die Meisterwerke der Moderne, die der Sammler Heinz Berggrün (1914-2007) in seinem langen Leben zusammentragen konnte, hat sich nun ein bei uns relativ unbekannter Künstler, der Amerikaner George Condo (*1957), eingeschlichen.

Es ist das erste Mal, dass im Museum Berggrün ein zeitgenössischer Künstler ausgestellt wird, wobei Condo nur deshalb zeitgenössisch genannt wird, weil er zurzeit arbeitet. Seine Arbeiten sind ansonsten dem Neo-Expressionismus zuzurechnen, sie sind manchmal von der Pop Art dominiert, dann wieder zeigen sie Comic Aspekte. George Condo ist der Meinung, dass in der Kunst alles gesagt und gemalt wurde und man nichts mehr erfinden kann oder muss – aber dass alles neu interpretiert werden darf und soll. Nun ja, das ist seine Meinung. Jetzt hängt er zwischen all den Größen der Moderne und man fragt sich, ob er dessen würdig ist und ob er sich damit einen Gefallen tut.

An Ego scheint es ihm jedoch nicht zu fehlen, in einem Saal stehen zwei in 2016 für die Ausstellung entstandene Bronze Skulpturen Nude on Wine Crates 1 und 2, im Hintergrund ein Bild auf dem Condo steht das den Titel The Great Schizoid (1984) trägt. Rechts oben, erhöht, zart und elegant, Giacomettis Katze. Hiermit konfrontiert er sich auch mit sicher selber!

The Return of Madame Cezanne (2002). Cezanne hat sein bekanntes Portrait 1895 gemalt, Es ist Hortense Fiquet, Ehefrau und Modell. Cezanne hat schon kubistische Bilder gemalt, da war der Kubismus noch gar nicht erfunden. Er suchte eine neue Ästhetik in dem er die Natur durch Kugel, Kegel und Zylinder beobachten wollte, was seinen Werken dieses für ihn so typisch Geometrische gibt. Condo hat seine Madame Cezanne nicht nur mit Cezanne sondern auch mit Picasso konfrontiert, in dem er ihr eine Picasso-Frisur verabreicht!

Weiter auf unserem gewöhnungsbedürftigen aber doch lustigen Spaziergang kommen wir zu Matisse. 1940 fing dieser mit seinen Scherenschnitten an (Découpages), Arbeiten aus koloriertem Papier, die er wieder zu abstrakten Formationen zusammenfügte. Condo zitiert ihn hier mit seiner Arbeit aus 1989 Telepoche Cut-Out und es braucht nur eine Sekunde, um es als Matisse-Hommage zu erkennen. Condo, der in den 80er Jahren in Paris lebte, referiert hier über die Fernsehzeitschrift Télépoche und natürlich über die US Pop Künstler sowie Andy Warhol. 

Anschließend werden die Besucher mit einer Klee-Inflation und mit Condo konfrontiert. Paul Klee hat viele sehr schöne und aussagekräftige Bilder gemalt aber auch viele, die langweilig oder nichtssagend sind, wahrscheinlich hat er einfach zu viel gemalt. Die meisten sind sehr kleinformatig und verlangen eine große physische Annäherung, die immer gleich den Alarm auslöst und deshalb nicht stattfinden kann. Hier fühlt Condo sich groß. Während er bei den Matisse oder Cezanne Geenüberstellungen oft schüchtern dazwischen hängt, dominiert er die Klee-Säle durch großformatige Arbeiten. Ein Klee-Lieblingsmotiv ist der Vogel. Für Klee symbolisierten Vögel und Fische die Annäherung an Kosmos und Unendlichkeit. Condo hat hier aus dem Vollen geschöpft. Fantasy Bird (1989) ist ein Riesenvogel und klatscht die anderen Klees an die Wand. Paul Klees versteckte gerne Buchstaben in seinen Bildern, die den Titel des Bildes beschreiben sollten. Condo macht seinen Namen zum Bildhauptgegenstand, wie man im ersten Giacometti-Saal sehen konnte.

Bis hierher war es ganz ok. Was aber gar nicht geht, ist das Zusammenleben mit Picasso und zwar mit den Picasso Werken aus seiner Glanzzeit von Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Picasso und die Blaue oder Rosa Periode, seine Frauenportraits von Dora, der Beginn des Kubismus oder seine Auseinandersetzung mit dem Theater. Neben Picasso wirkt er nur noch tollpatschig, was er ja will. Und das haben sicher viele von Picasso vor 100 Jahren auch gesagt oder gedacht. Picasso ist 1973 verstorben; Condo, der 1979 vom Hinterland nach New York zog, hat im MoMA seine erste Picasso Ausstellung gesehen und war sicher von der Vielfältigkeit tief beeindruckt. Er lässt in seine Werke die gesamte Kunstgeschichte eintreten. Seine Figure with Red Cape entstand 2006 und ist vor allem eine Referenz an einen anderen Spanier. Er zitiert hier den Barockmaler Velazquez, vor dem Picasso sich ebenfalls des öfteren verbeugte (ohne dies natürlich zuzugeben), gibt ihm aber die Nase eines Clowns mit einem Otto-Dix-Blick. Velazquez stand auch Pate bei George Condos Study for a Clown aus 2009.  

Jetzt kann man natürlich sagen, dass Condo genau das suchte, was Picasso 1907 wollte. Eine Erneuerung des Vorhandenen, der Figuration! 1907 gab es einen Riesenskandal als Picasso seine Demoiselles d’Avignon präsentierte und dabei für die damalige Ästhetik unschön gemalte afrikanische Masken aus dem Jeu de Paume als Gesichter malte. Es war der Beginn einer neuen Ära. Das kann man bei George Condo nicht erkennen. Er macht es sich doch leicht, alles was schon mal war zu re-interpretieren, Manches zu verplumpen, um den Betrachter zum Schmunzeln zu bringen – was bisweilen durchaus funktioniert. Eine Verbeugung vor den Meistern ist es trotzdem und deshalb sehenswert, zumal das Ausstellungskarussell in Berlin zur Zeit sich recht langsam dreht. 

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George Condo – Cardinal (1993)

 

Picasso tritt hier nicht das erste Mal mit anderen Künstlern in einen Dialog. 2008 hat der Pariser Louvre Delacroix, Velazquez und Manet Picasso gegenübergestellt und es hat prächtig funktioniert. Allerdings sind diese vier hier Genannten künstlerisch gesehen eher auf demselben Niveau.

Condo ist nur teilweise ein verspäteter Neo-Expressionist. Bei ihm fließen auch noch Pop-Tendenzen, Film, Kino oder Comic-Figuren ein. Manche Bilder könnte man sogar der Art Brut zurechnen. Ähnlich wie bei seinem Vorbild Picasso – ist die menschliche Figur der Hauptprotagonist.

In den 80er Jahren verbrachte Condo ein Jahr in Köln, welches in der Zeit der Dreh- und Angelpunkt für Kunst in Deutschland war. Seine Bilder zeigen zweifelsohne Einflüsse der Karneval-Fratzen, den er dort sicher erlebt hat. Anschließend ging er nach Paris, wo er 10 Jahre lebte und sich voll in die klassische Moderne stürzte. Auch wenn Paris in den 80er Jahren nicht mehr das Zentrum der Kunst war, die Erbstücke aus seiner Glanzzeit hängen immer noch dort und man kommt an der Moderne nicht vorbei. Ensors Karnevalsmasken oder gruselige und schonungslose Bilder von Chaim Soutine, Condo hat sie alle gesehen natürlich.

Wenn man die Ausstellung verlässt, bleibt nicht wirklich ein bleibender Eindruck von Condos Werken zurück; was bleibt ist der wunderbare Picasso Harlequin Sitting on a Red Couch, 1905 aus der rosa Periode, das hervorragende Portrait von Dora mit den grünen Fingernägeln, Mme Cézanne oder die zarte Giacometti-Katze. 

Wie hätte wohl Heinz Berggrün dazu gestanden? Er selber sagte ja von sich, den absoluten Blick gehabt zu haben! – Wir glauben ihm das, wenn wir durch seine Sammlung spazieren.

Heinz Berggrün musste 1936 wegen seiner jüdischen Abstammung Deutschland verlassen und ging in die USA. Im Krieg kam er als US Soldat nach Europa, arbeitete danach kurz bei einer Münchner Kunstzeitschrift bis er sich Ende der 40er Jahre in Paris niederließ, um bei der UNESCO zu arbeiten. In der Pariser Rue de l’Univeristé gründete er eine Galerie und damit das Standbein seiner Sammlung. Picasso, Matisse, Klee, Cezanne, Chagall oder Miró, unfassbar, was er alles zusammen getragen hat. Erst in den 90er Jahren kehrte er nach Berlin zurück und verkaufte der Stadt Berlin – als Geste der Versöhnung – diese bemerkenswerte Sammlung bestehend aus 200 Kunstwerken der klassischen Moderne.

Die meisten Arbeiten von George Condo sind aus seiner eigenen Sammlung und werden zum ersten Mal gezeigt. Die Ausstellung ist noch bis zum 12. März 2017 im Museum Berggrün zu sehen. Udo Kittelmann und Felicia Rappe haben die mutige Schau kuratiert. Der Schriftsteller Daniel Kehlmann hat übrigens eine Erzählung, inspiriert durch Condos Kunst, herausgegeben.

 

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Picasso und Condo blaue Periode; Picasso und Condo rosa Periode; Condo macht Matisse « Hands » (1997)

 

Christa Blenk

 

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KINDL – Zentrum für zeigenössische Kunst – aktuelle Ausstellungen

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 Außenansicht KINDL

 

Wie lange dauert ein Augenblick?

Im Oktober 2016 wurde in der einstmaligen Brauerei Kindl in Berlin-Neukölln ein neues Zentrum für Zeitgenössische Kunst eröffnet. Auf 5500 qm insgesamt sollen dort in Zukunft neue Ideen und zeitgenössischen Kunst- und Kulturevents konzipiert und gezeigt werden.

Kurator ist der Schweizer Andreas Fiedler; er will sein Haus im Dreiklang führen, d.h. es soll dort jeweils drei unterschiedliche Ausstellungen geben. Eine ortsspezifische Installation im Kesselhaus, eine thematische Gruppenausstellung und eine individuelle Schau im Maschinenhaus 1 und 2.

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Den prominentesten Platz, nämlich zwei Etagen im Maschinenhaus, belegt der Dresdner Maler Eberhard Havekost (1967). Er gehört zu den bekannteren deutschen Künstlern seiner Generation. In der Ausstellung werden Werke der letzten zehn Jahre gezeigt, was für den Besucher einem Streifzug durch fast alle Malstile der letzten Jahrzehnte gleichkommt. Schonungslos und ohne Berührungsängste referiert er über Rothkos harmonische Farbflächen, Lichtensteins Pop-Lippen, O’Keefes beunruhigende Blumen (wie Poison, 2014), Cesars Schrotthaufen (Transformers, 2014) und Lledós Neo-Minimalismus. Was will er, worum geht es ihm? Auf jeden Fall will er nicht auf einen Stil festgelegt werden. Er arbeitet mit Hilfe von Fotografie,  lässt sich von Werbebildern oder vom Kino inspirieren; das große Gemälde im letzten Saal Homo Erectus Erectus (2016) berichtet darüber: Es scheint aus einem 19. Jahrhundert Naturkundemuseum ausgeliehen zu sein. Abstraktes und Gegenständliches teilen sich unbarmherzig die großzügigen Räume und wüsste man nicht, dass es sich um eine Einzelausstellung handelt, würde man permanent auf der Suche nach den Namen der anderen Künstler sein.

Bis 19. Februar 2017 ist die Schau noch zu sehen.

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 Eberhard Havekost – Raum 6,B06 (2006)

Die erste thematische Gruppenausstellung How long Is Now, die das Museum eröffnete und die im ersten Stock im Maschinenhaus noch bis 19. Februar 2017 gezeigt wird, befasst sich mit dem ewig zeitlosen Thema: der Zeit. Wer wollte nicht schon einmal das Getane, das Gesagte, das Geschehene, das Gelebte oder Nicht-Gelebte rückgängig machen, in den Griff bekommen oder ihm wenigstens entkommen.

„Wir messen nicht nur die Bewegung mittels der Zeit, sondern auch mittels der Bewegung die Zeit und können dies, weil sich beide wechselseitig bestimmen“ (Aristoteles, Phys. IV 12, 220b 14–16).

Die jungen Künstler aus aller Welt Philip Akkermann, Anetta Mona Chisa & Lucia Tkavoca, Ceal Floyer, Andrea Geyer, Jeppe Hein, Manfred Pernice, Michael Rakowitz  und Uriel Orlow befassen sich mit der Zeit und mit ihren Begleitern, den Zeitgenossen. Wie lange dauert ein Augenblick? Die Gegenwart ist schon vorbei im Moment wo wir das Kunstwerk betrachten. Allerdings war dieses Konzept nicht bei allen Exponaten nachvollziehbar. Aber vielleicht war der Moment der Klarheit ja schon wieder vorbei, bevor er in Gedanken gefasst werden konnte?

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Jeppe Hein (2012)

Vom dänischen Künstler Jeppe Hein (*1974)  stammt die Installation You are right here right now (2012). Beobachter, Kunstwerk und Umfeld überlagern sich. Stehen die Betrachter im Raum oder sind sie für einen Moment Teil des Kunstwerkes geworden? Ist es immer noch ein Kunstwerk, auch wenn es gerade nicht fotografiert wird und der Betrachter wieder austritt, um sich im Raum fortzubewegen?

Die rumänischen Künstlerinnen Anetta Mona Chisa & Lucia Tkacova haben an die 500 rechteckige Pflastersteine auf dem Boden arrangiert, solche, die in Berlin ständig irgendwo liegen weil ja überall gebaut wird aber auch solche, die bei Straßenkämpfen zum Einsatz kommen und zur Waffe werden, deshalb darf der Besucher die Steine in die Hand nehmen, werfen ist nicht gestattet.

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Raumansicht  Eberhard Havekost

Eine Zeitschleife, wie in der amerikanischen Komödie Und täglich grüßt das Murmeltier, gibt es nur in der Fiktion. Ansonsten geht der Mond auf und die Sonne unter und der nächste Tag ist gekommen. Die morgendliche Routine, wie das Warten auf das 3-Minunten-Ei, gehört nach dem Verzehr dieses wie der Sonnenuntergang von gestern der Vergangenheit an, mehr noch, durch gezieltes Starren auf die Uhr, schärft es unser Bewusstsein vom Vergänglichen. Eine moderne Vanitas ist 1-25 –  eine Installation des pakistanischen Künstlers Ceal Floyer (*1968). Man steht davor und lässt die weißen Zahlen auf schwarzem Grund in unterschiedlichen Zeitabständen vor den Augen vorbeiziehen bis man versteht, dass die Ziffer die Zeit angibt und kennzeichnet, so bleibt die Zahl drei 3 Sekunden lang zu sehen und die Zahl vierundzwanzig 24 Sekunden lang. Beunruhigend und irgendwie erschütternd die akute Beteiligung am Vergehen.

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« Olimpia » – Computerinstallation von David Claerbout und das Olympiastadium in Berlin

Um Zeit geht es auch außerhalb des Hauptgebäudes. In dem 20 Meter hohen Kesselhaus der ehemaligen Brauerei hat der belgische Videokünstler David Claerbout (*1969) seine Computersimulation Olimpia installiert, die das Berliner Olympiastadion einem tausendjährigen und langsam voranschreitenden Verfall übergibt. Die Besucher liegen auf Knautschsesseln und wohnen für kurze Zeit dem Verrottungsprozess dieses Neo-Kolosseums auf einer Riesenleinwand bei. Es passiert eigentlich nichts, gefühlt bewegt sich das Bild aber trotzdem, visuell ausgelöst durch die aktuellen Wetterveränderungen draußen, die man am rechten Rand der Projektion mit verfolgen kann. Es ist eine Frage der Zeit und man müsste natürlich viele Stunden, Tage oder Wochen so warten, um an reellen Veränderungen, wie etwa die Schneeschmelze oder wachsendes Gras teilzunehmen. Claerbout bezieht sich hier auf Ideen des Nazi-Architekten Albert Speer, der in seiner Theorie des Ruinenwerts forderte, dass sich Architektur daran orientieren sollte, wie sie in 1000 Jahren wirkt – sein Vorbild war das Kolosseum in Rom. Die Schau ist bis Ende Mai 2017 sehen: den Frühlingseintritt kann man also durchaus auch innen mit verfolgen (Hinweis: im Kesselhaus zahlt man keinen Eintritt)!

Das Olympiastadion wurde 1934-36 für die Olympischen Sommerspiele 1936 von Albert Speer in aller Schnelle konzipiert, nachdem die ursprünglichen, lichten, transparenten und glaslastigen Pläne des Architekten Werner March Hitler nicht gefielen. Es fasst 100.000 Zuschauer.

Wieder auf der Straße, sind wir erneut mit der Zeit konfrontiert und realisieren intensiver als vor dem Besuch des Museums, was die Zeit in dieser Gegend verändern und tun wird. Das Umfeld des Kindl-Zentrums ist work in progress. Baugerüste, traditionelle Bars oder Restaurants, heruntergekommene Häuser und aufgerissene Straßen auf der einen Seite und  fast fertige, hochwertige, aber charmelose und kalte Berliner Apartmenthäuser auf der anderen. Ein paar Meter weiter liegen die Neuköllner Oper, der Heimathafen, Kinos und noch mehr Baustellen. Diese Ecke wird in kurzer Zeit für Künstler und Kulturinteressierte ein weiterer place to be werden.

2011 kaufte das Sammlerehepaar Salome Griard und Burkhard Varnholt die Brauerei mit dem Ziel, daraus ein zeitgenössisches Kunstzentrum zu machen, einem Trend folgend, interessante Industriearchitektur in Museen und Kulturzentren umzuwandeln. Zum Haupthaus gibt es außerdem noch den Turm mit sieben Stockwerken und ein Kesselhaus. Das Sudhaus mit den wunderschön glänzenden Kesseln ist zum Café umfunktioniert. Auch hier wird die Zeit noch so einiges ändern, verbessern oder verschlechtern.

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Sudhaus im Kindl

mehr über den Bau

Christa Blenk

 

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Tanztage Berlin : What a Thought is not

Ceci n’est pas une pipe! Heisst eines der berühmtesten Gemälde von Magritte. Es zeigt wirklich eine Pfeife, aber er behauptet das Gegenteil.

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nach der Veranstaltung Maria Walser und Emma Tricard

 

Gestern Abend bei der Premiere der Tanztage Berlin war das genau umgekehrt:

Zwei Pinguine – einer mit einem Schweinekopf, der andere als Ratte – bewegen sich schwerfällig von der hinteren Tür der Bühne Richtung Publikum und Licht und beginnen einen philosophischen Dialog über das was nicht ist. Der Besen ist die Bedeutung; der Stuhl der Sinn und der Boden? darüber wird mich sich nicht so recht einig. Beides, Bedeutung und Sinn, werden zu Beginn der Performance ausgesperrt, hinter die Bühne geschickt. Der Sinn ging also verloren « I sense you lost the sense ….. »

Und dann beginnt ein Dialog über eine Vision auf die Welt, die anders ist, die umbenannt werden sollte oder könnte wenn man es möchte.  Wahrheit und Illusion wechseln sich ab und wenn man etwas oft genug sagt, dann wird es wahr? ´« Still und Leise » singt das Tonbandgerät und Emma gibt vor, die Arie der Königin der Nacht zu trällern; a lie is a lie is a lie wird Gertrude Stein zitiert und so hüpft man durch DaDa und die Surrealisten.  Der Stuhl, der kein Kaffee mit oder ohne Milch ist, ist also der Sinn, der verbannt wird, so dass es gleichgültig ist, ob man Milch oder Sahne in ihm möchte, weil es eh keinen mehr gibt.

Nach 40 köstlichen Minuten Schlagabtausch zwischen Maria Walser (Choreografie) und Emma Tricard (Performance) müssen Bedeutung und Sinn wieder hereingeholt werden, weil Maria gerne mit Emma das Perlenfischerduett singen möchte.

 

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nach der Veranstaltung und nach der Befreiung von Sinn und Bedeutung

 

Alles geht in Rauch auf! Großartige Performance!

 

Die Französin Emma Tricard arbeitet als Performerin und Choreografin in Berlin. Maria Walser ist freiberufliche Tänzerin, Schauspielerin und Choreografin.

Das 21. Tanztage Berlin Festival geht noch bis zum 15. Januar. 2017 und ist mittlerweile eine fest Institution in der Berliner Tanzlandschaft geworden.

Christa Blenk

 

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Hieronymus Bosch – Vision Alive

Zwischen Aberglaube und Alptraum und zwischen Schuld und Sühne

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Alte Münze

In Italien war gerade die Renaissance im Gange als Hieronymus Bosch (1450-1516) 1510 den Garten der Lüste malte. Das Gemälde misst 220 x 195 cm und hängt im Prado in Madrid (wie viele andere wichtige Gemälde von ihm). Pflanzliches, Fleischliches, Geometrisches, Verbotenes fügt Bosch immer wieder in unterschiedlichen Formationen und Stellungen im Garten der Lüste zusammen (Heinrich III von Nassau hat es übrigens in Auftrag gegeben). Unter den ausufernden Rätseln, Thesen und Legenden um Bosch gibt es auch eine Mutmaßung, in der man ihn als Mitglied einer ketzerischen und sexuell ausschweifenden Sekte bezichtigte. Hat er sich mit seinem Jüngsten Gericht, das um 1505 entstand, schon im Vorfeld die Hölle vor Augen geführt, in die er sicherlich nach der Schaffung des Garten der Lüste verdammt wurde. Die Außenflügel zeigen Hölle und Paradies wie das Jüngste Gericht und erinnern an den 1500 entstandenen Heuwagen. Aber ein Rätsel nach dem anderen gibt er auf, dieser Garten der Lüste. Von frevelhafter Sündhaftigkeit bis zu einer surrealen Utopie der Zukunft der Menschen ist alles dort vorhanden. Stundenlang muss man das Gemälde betrachten und immer wieder taucht etwas noch nicht Gesehenes auf. Nackte Paare tummeln sich im Liebesspiel und essen sündhafte Früchte und es wimmelt nur so von Symbolen.

 

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Seltsame Fisch-Vogelkreaturen sausen von Messern geteilt über die Leinwand und werden von pendelnden Füßen verdrängt, die irgendwo im grünlich-blauen Jungbrunnen enden und von Monstern und hässlichen Gnomen gezogenen Luftblasen-Kugelbooten untergetaucht werden. Aber Qual war ja vielleicht Lust bei ihm, eine Art Masochismus, ein Himmel auf Erden oder eine Hölle im Himmel oder umgekehrt! Will er uns warnen vor der Todsünde, oder uns mitteilen, was es alles am Rande des Lebens noch so gibt? Ein Moralist war er sicher nicht, vielleicht aber ein Provokateur, ein Surrealist vor der Zeit.

In der Multimedia-Ausstellung in der Alten Münze in Berlin, kann man zwar die einzelnen Szenen über animierte Videoprojektionen auf Großleinwand sehen und seine persönliche Apokalypse en detail studieren, aber berühren wie die Originale tun diese Bilder nicht. Es ist eher ein Bosch-Jahrmarkt, auf dem man sich – wie auf einer echten Kermes – seinen Kopf in ein Boschgemälde einbauen kann, um ihn sich zuhause übers Bett zu hängen oder als nächste Weihnachtskarte zu verschicken.

Bosch selber hat seine Bilder nicht kommentiert und es gibt sehr wenig Informationen über ihn und sein Werk, dafür wurde es in unzähligen Doktorarbeiten interpretiert und erklärt.

Vor genau 500 Jahren ist er verstorben und ein Geheimnis bleibt er immer noch. Unzählige Künstler haben ihn kopiert und sich inspiriert, angefangen von Dali, den Dadaisten und den Surrealisten.

Die Ausstellung wurde verlängert und ist noch bis 31. Januar 2017 in der Alten Münze in Berlin zu sehen. Aber für echte Kunstliebhaber ist das nicht das Richtige!

Christa Blenk

 

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Blog Highlights 2016 : Musik und Kunst im Rückblick

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Labyrinthe, Geburtstage, unheimliche Träume und Alpträume, eine Kirche in der Toscana, eine bretonische Insel, ein Atlantis in der Nordsee, eine Rhein-Reise, schräge Musik und andere, Tim Burton und Torten, Theater unterm Dach und Off Off, mexikanische Totentänze und römische Geschichte, zwar nicht postfaktische aber postidentische Zustände, ein Elch-Blues und ein Umzug …… und um noch viel mehr geht es in den Highlights 2016!

Aber sehen Sie selber.

 

Enzo Fililetti Mit einem außergewöhnlichen Konzert zum 111. Geburtstag von Giacinto Scelsi hat der Januar das neue Jahr eingeleitet. Das wunderbare kammermusikalische Hauskonzert in Anwesenheit der vier zeitgenössischen italienischen Komponisten, Giorgio Nottoli, Mauro Cardi, Giuseppe Silvi  und Michelangelo Lupone  fand in der  Scelsi Villa in Rom statt. Wir sind eher durch einen glücklichen Zufall darauf aufmerksam geworden. Der Saxophonist Enzo Filippetti (Foto) spielte u.a. Werke von Scelsi, aber auch von anderen zeitgenössischen Italienern. Was für ein Abend!

helenaerklärt Zerebrale Geoden, Pentagramme, Labyrinthe und primordiale Fruchtbarkeitssymbole stellte Helena Aikin im  Januar 2016 im Museum für populäre Kunst im Madrider Altstadtviertel La Latina in einer ehemaligen Corrala (dort wo vor 100 Jahren die Zarzuelas aufgeführt wurden) aus. Die Sammlung dieser faszinierenden Labyrinthe, die sie in den letzten Jahren gesammelt, konzipiert und nachgebaut hat wurde übrigens  später  im Jahr – ebenfalls mit großem Erfolg -  in der UNO in Genf gezeigt.

Abgesehen davon, dass sich Madrid schon deswegen lohnt weil dort die Künstler Cesar Borja, Gerardo Aparicio und Guillermo Lledo wohnen und es immer ein Vergnügen ist, ihre letzten Areiten zu entdecken, war er Ausflug in der Welt der Labyrinthe sehr spannend. Die Königin der Radierungen, Natividad Gutierrez, ist leider dieses Jahr verstorben. In Natis Werken vereinen sich auf der einen Seite die Vegetation ihrer Heimat, der Karibik, sowie ein Licht, das es nur in Madrid gibt.

In der Serie My Virtual Gallery gibt es außerdem Kurzportraits von vielen anderen Künstlern.

IngresEin Besuch im Prado darf natürlich bei einem Madrid-Aufenthalt nicht fehlen. Dort fand gerade eine sehr umfangreiche und sehenswerte Ausstellung von Ingres Gemälden statt.. Gegenüber auf der Madrider Museumsmeile, im Thyssen Museum, gab es eine umfangreiche Expo mit Gemälden von  Munch zu sehen.

P1280537Emma Dante, die wir im letzten Jahr mit Henzes Kurzoper Gisela in Palermo erlebt haben,  inszenierte eine Cenerentola und wie immer bei ihr ist man vollkommen perplex und überrascht. Diesmal waren die Kleider der Darsteller  mit kleinen Sahneschnittchen zu verwechseln.  Die Oper Rom hat Rossini aber noch ein zweites Mal  gehuldigt mit  einem sehr gewöhnungsbedürftigen Barbier von Sevilla in Form von Grusel-Ideen à la Tim Burton. Ausgezeichnete Sänger und viel Applaus. Vor 200 Jahren wurde Rossinis Barbier im Teatro Argentina in Rom uraufgeführt.

Die Oper Bonn hingegen glänzte mit einer witzigen Cosi fan tutte.

Traviata-Dorothée Lorthiois Auch mit großer Oper beschäftigte sich das französische Ensemble Opera Coté Choer in Paris. La Traviata, mutig und ganz anders. Brechend voll der Espace Pierre Cardin und es gab viele Vorhänge. Die Übersetzung von Jean-Noel Pettit folgt hier: La Traviata (version française).

 P1280710 Auch in Paris gab es eine Mammutausstellung von Anselm Kiefer im Centre Pompidou. Allein schon wegen dieser Schau hätte sich die Reise nach Paris gelohnt. Einfach großartig! Kiefer ist ein großartiger und einzigartiger Künstler, der immer ein wenig weiter geht als die anderen!

Ostia teatro Beeinflusst von Jean Cocteaus Antigone (so gesehen die Fortsetzung der Geschichte nach dem Ende von Ödipus), befasste sich der  große Igor Strawinsky zehn Jahre nach dem Sacre du Printemps-Skandal ebenfalls mit der griechischen Tragödie und arbeitete ab 1925 am Oedipus Rex.  Arien, Duette und Choreinlagen wechseln sich ab. Die Texte sind in Latein und die erklärenden Passagen wurden von einem Sprecher vorgetragen.

goethe-josefstiehler1828 Die Italienreise von Goethe ist vor 200 Jahren zum ersten Mal veröffentlicht worden (30 Jahre nach seiner Reise!). Die Casa di Goethe hat aus diesem Anlass eine Veranstaltung der Serie Incontri romani dem Geheimrat vom Corso gewidmet. Mario Fortunato und Jan Koneffke haben dazu aus ihren Geschichten über und für Goethe vorgelegen.  Unter diesem Motto haben noch viele andere interessante Abende dort stattgefunden.

Mit Rom und Italien beschäftigt sich auch die  Künstlerin Schirin Fatami. Sie lebt in Rom und in Hannover und man sieht es ihren Arbeiten an, wo sie entstanden sind.

image001 Der kolumbianische Maler Botero ist sehr bekannt aber längst  nicht Jedermanns Sache – auch meine nicht! Vor ein paar Jahren hat er sich nun den Kreuzweg Christi vorgenommen. Dieser war im Frühjahr im Palazzo delle Esposizione in Rom zu sehen. Botero via crucis

Paula Modersohn-Becker wurde im Frühjahr im Pariser Museum für Moderne Kunst gezeigt. Die ausgezeichnete Schau mit über 120 Bildern und Zeichnungen dokumentiert acht oder neun sehr intensive Jahre auf einem (vorzeitigen und rasenden) Weg in die Moderne. Die Briefe aus Paris an die Familie, an Ottos Eltern oder an ihren Mann Otto Modersohn, sind eine einzige Liebeserklärung an Paris.

P1300056 Einen Geburtstagswalzer, einen Tango und noch mehr gab es im österreichischen Kulturinstitut in Rom, welches schon einmal Hans-Werner Henzes 90. Geburtstag am 1. Juli vorfeierte. Das  Cimarrón Ensemble Duo , Christina Schorn und Ivan Mancinelli,  interpretierten u.a. Werke von Hans-Werner Henze (1926-2012), Luca Lombardi  (*1945) und Astor Piazzola (1921-1992).  Miriam Meghnagi hat im selben Kulturinstitut ein paar Wochen später  sehr bewegende Lieder aus Theresienstadt vorgetragen.

La sete di Christo
La sete di Christo ist eine CD des römischen Ensemble Concerto Romano und hat  Anfang Februar 2016 den klassischen Musikmarkt erneut um ein vor-barockes und seltenes Schmankerl bereicherte. Außerdem gab es später im Jahr eine glanzvolle Aufführung von Stradellas San Giovanni Battista, eine wunderbare barocke Preziose, die Stradella selbst wohl als sein bestes Werk bezeichnete. Kein Wunder also, dass Händel und die späteren Zeitgenossen stark beeindruckt waren und in diesem Stil weiter machten. Aber auch das Luther Reformationsjubiläum haben sie sich zum Thema gemacht und eine interessante CD herausgebracht. Klang der ewigen Stadt zu Luthers Zeiten.

Giovanni Battista Pergolesis (1710-1736) Stabat Mater gehört sicher zu den meist gespielten Kirchenmusikstücken überhaupt. Viele große Stars und Musikensembles haben es gesungen und gespielt und die Erwartungshaltung des Publikums ist dementsprechend groß. Concerto Italiano hat es im März aufgeführt und es gab keine Enttäuschung!

Symbolismus Anfang März hat es in Mailand zwei Tage ohne Unterbrechung geregnet und wir haben viel Zeit in Museen verbracht. Mit dabei natürlich das letzte Abendmahl (Cenacolo) und die Pieta Rondanini sowie eine  umfangreiche Ausstellung über den Symbolismus. Für die Ausstellung Alphonse Mucha war die Schlange zu lang, diese konnten wir aber ein paar Wochen später in Rom sehen.

Im April hat der große Pappano Tschaikowskys Fünfte und Strawinskys Psalmensymphonie im Auditorium dirigiert; sowie eine überarbeitete Fassung von Riccardo Panfilis l’Aurora probabilmente. Panfili hat dieses kurze, aber sehr heftige und aufregende Opus posthum dem großen deutschen Komponisten Hans-Werner Henze (1926-2012) gewidmet.

P1300463 Paola Romoli Venturi ist eine außergewöhnliche römische Künstlerin. Ihre happenings haben wir nie verpasst! Im April in Trastevere hat sie ihre neuesten Arbeiten präsentiert. Ad pineam - Licht und Wind kamen wie bestellt und ließen ihre zarten Tücher tanzen. Auch auf eine weitere Veranstaltung mit ihr und weiteren italienischen Künstlern möchte ich gerne hinweisen.  TraNsfusioni#4 (das ist die italienische Version)

P1300712 Der grüne Traum ist ein deutsch-italienisches Wanderprojekt, an dem sich Künstler, Musiker und Dichter beteiligen. Dieses Jahr waren das u.a. Silvia Stucky, Beate von Essen, Lello Torchia, Maria Semmer  und  viele andere  die in der bezaubernden Villa Gregoriana bei Tivoli ihre Arbeiten zwischen Ruinen und Vegetation installierten, die man bei einem Spaziergang durch den Park entdecken konnte.

Mit Natur befasste sich auch eine Ausstellung im Archäologischen Museum in Neapel. Mito e Natura behandelte Mensch und Natur anhand von umwerfenden Fresken von Lustgärten oder Episoden aus der griechischen Mythologie.

P1320594 Ein anderer Entdeckungspaziergang führte uns zum Lungotevere, wo sich William Kentrich mit seinen Mammutfresken  “Triumphs and Laments” verewigte.  In sechs Monaten hat der südafrikanische Künstler und Theatermann William Kentridge auf über 500 Meter am Tiberufer zwischen Ponte Sisto und Ponte Mazzini (Piazza Tevere) die Geschichte Roms in 80 übergroßen Figuren wild durch die Jahrhunderte portraitiert. Später, im Sommer in Berlin, gab es passend dazu die Ausstellung No it is im Gropius Bau.

Mit dem Rhein hat sich sich eine Ausstellung in Bonn beschäftigt. Eine europäische Flußbiografie hat die Bundeskunsthalle aufgezeichnet und der Besucher  reist von der Quelle bis zur Nordseemündung dieses stolzes Stromes.

fff Das Fast Fortward Festival fand dieses Jahr zum ersten Mal statt. Zeitgenössische Musik wurde hier zwei Wochen lang aufs intensivste aufgeführt und präsentiert – in allen bedeutenden Theatern Roms. Eröffnet wurde es mit Heiner Goebbels Schwarz auf Weiß  das  er vor über 20 Jahren für und mit dem Ensemble Modern konzipierte. Deshalb kann es auch nur von diesem Orchester aufgeführt werden.  Bis jetzt kam es ca. 100 Mal zur Aufführung u.a. in Berlin, Brüssel. Dresden, Paris, Sevilla, Luzern, Taipeh, Moskau, Wien, Prag, München und Salzburg und fast alle Beteiligten sind schon seit der Uraufführung 1996 im Frankfurter Bockenheimer Depot mit dabei. Es ist Nacht und die Sieben sitzen in einem hohen Saale in der Stadt Ptolemais. Es wird zwar nicht extra erwähnt, aber wir wissen es trotzdem: sie können nicht entkommen, sie sind isoliert. Einer von ihnen, der junge Zoilus, ist schon tot.

Proserpina von Wolfgang Rihms war ebenfalls Teil dieses Festivals. Rihm kam extra dafür nach Rom und begleitete diesen großartigen Ausklang des ersten aber schon recht erfolgreichen Festivals. Hoffentlich wird es weitergehen.

P1320737 Die Stipendiatin der Casa Baldi in Olevano Romano, Antonia Low, präsentierte im Frühjahr im Palazzo Altemps in Rom ihre Installation « Status of Lost Imagery ». Hierbei ging es um die Bombardierung des Palmyra-Museum. Low hat ein Zeitungsfoto von der Verwüstung des archäologischen Museums vergrößert und dieses gepixelte Bild auf Stoff gedruckt.  Mit Schutzschuhen durfte  man die Ruinen betreten, das heisst sich über und in  ihnen bewegen. Spannende Ruinenbegehung!

Isabella Ambrosini hat mit dem Orchestra Roma Tre im Mai die  Cavalleria Rusticana im Palladium aufgeführt. Dieser Artikel ist in italienischer Sprache. 

P1000187 Dido und Aeneas in Montepulciano  war eines der großen Ereignisse oder vielleicht sogar das Hauptereignis dieses Jahr beim Cantiere in Montepulciano. Regie führte  Michael Kerstan. Mit wenig Mitteln und ausgezeichneten Solisten, unterstützt von einem perfekten Chor und dem diskreten Modus Ensemble Roma unter Mauro Marchetti, haben die Protagonisten das Publikum im Tempio di San Biagio – der übrigens auf einen Bauplan von Bramante zurückgeht und ein perfektes Beispiel einer römischen Basilika ist – regelrecht verzaubert.

Und dann hieß es:

Addio Roma (hinter den links verbergen sich drei Rom-Spaziergänge)

mauer in Rombernini-vierstromebrunnen11201171_448806971964877_8353486730606813120_n

und Hallo Berlin

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Hier hat  uns nicht nur italienische Sonne empfangen sondern auch eine  Velazquez Ausstellung!

 

csm_42_ESDO_Katalog_b88a2f60afEl Siglo de Oro. Die Ära Velázquez – Dunkel und furchterregend ist sie, die Malerei dieses Goldenen Zeitalters in dem herrschsüchtigen, strengen und selbstsicheren Spanien, wo es nicht viel zu lachen gab. Die Protagonisten auf den Bildern dieses kulturell so starken Jahrhunderts strahlen keine Freude oder Leichtigkeit aus. Direkt aus dem Manierismus herausgerissen, überbetont, streng ist sie noch lauernd vorhanden, la Santa Inquisición(die heilige Inquisition).

blick in den GartenDer August hat sich von seiner besten Seite gezeigt und das Einleben in Berlin recht leicht gemacht. Ein  Ausflug an den Wannsee, wo sich der Maler Liebermann einen Sommersitz errichtet hatte, war gerade richtig: Max Liebermann (1847-1935) gehört zu den wichtigsten deutschen Wegbereitern der Moderne. Von Anfang an hat er gegen die Akademiker gekämpft und mit der Gründung der Berliner Secession, bei der er eine wichtige Rolle gespielt hat, die Hauptstadt in den künsterlischen und kulturellen Vordergrund gerückt – er selber ist dann aber irgendwo auch zwischen Biergärten und Portraits stecken geblieben. Geboren im Zentrum von Berlin wo heute das Liebermann-Haus steht (in dem eine Ausstellung über Harry Graf Kessler zu sehen war) hat er sich 1909 ein Sommerhaus am Wannsee bauen lassen. Sein „Schloss am See“, wie er es nannte. Mit Anfang 60 hat er sich gerne hierher in die Ruhe zurück gezogen und über 200 Gemälde sind dort entstanden. Ab 1914 bis zu seinem einsamen Tod 1935 verbrachte er viele Monate dort. Von den Nationalsozialisten verfemt, zwangen diese seine Witwe Martha 1940 zum Verkauf des Hauses. Sie entzog sich 1943 durch Selbstmord einer Deportation. Nach dem Krieg allerdings ging das Haus an die Erben zurück, die es an die Stadt Berlin verkauften.

P1000285Emil Nolde – Der Maler  – Aufdringliche Farben und Nordlicht. Emil Nolde (1867 – 1956) malte mit den Fingern und Händen, ein Pinsel reichte nicht, um diese grelle Leidenschaft auf die Leinwand zu bringen. Ein krasser Gegensatz zu der weiten und unendlichen nicht immer farbigen Welt an der Frieslandküste. Naturgewalt, Einsamkeit, Legenden und gruselige, übertriebene Bauern- und Seemanns-Geschichten, die man sich nach Sonnenuntergang mit Gänsehaut zu erzählen pflegte, hat Nolde auf die Leinwand gebracht und uns ins Gesicht geschleudert.

P1000585 Wolfgang Rihm hatten wir ja beim FFF in Rom mit Proserpina gehört und erlebt. Da war es natürlich klar, dass wir uns Tutuguri nicht entgehen lassen würden. Das Berliner Musikfest wurde damit eröffnet.  Alles muss haargenau in eine tobende Ordnung gebracht werden (Antonin Artaud 1947) . Französischer Surrealist trifft auf mexikanische Totentänze und Rihm macht die Musik dazu. Das klang gut und verheißungsvoll: aber es ist noch viel viel mehr! Es ist ein Erdbeben, ein musikalischer Horror-Tsunami, ein götterdämmernder Phönix-Weltuntergang!

P1010069 Die Kantorin der Kirche zur frohen Botschaft in Berlin-Karlshorst, Beate Kruppke, dachte sich zum 150. Geburstag von Eric Satie und zum 25. Todestag von Olivier Messiaen etwas ganz besonderes aus. Sie stellte ein ungewöhnliches Orgelprogramm zur Ehren der französischen Freigeister und  zur Aufführung auf der Amalienorgel in Karlshorst zusammen. Der Dritte im Bunde war ein weiterer Franzose, der Komponist César Franck (1822-1890).

postidentischeslebenGroßartig der erste Besuch in der Neuköllner Oper . EINE SPEKULATION ÜBER DIE FREIHEIT. Welcome to the office for postidentical living - Shape – edit – customize: Der Erfolgreiche muss sich optimieren, sich abgrenzen, besser sein, fit sein, digital sein, angepasst-unangepasst sein, seine personelle Identität pflegen und diese ausbauen, um vielleicht in einer kollektiven Identität heimlich Unterschlupf zu finden. Unsere Identität unterscheidet uns von den anderen, macht uns einmalig. Aber wozu brauchen wir das? Was brauchen wir überhaupt? Wissen wir was wir wollen? Stylen, shapen, bloggen, sich selfen, bewundert werden. Wie anstrengend, diese permanente Überforderung dem uns gebotenen information overflow gerecht zu werden: Nur wer das alles nicht (mit)machen muss, kann frei sein.

P1000693Das Büro für postidentisches Leben hat also die Antworten und Lösungen. Aber KAP HOORN, eine witzige Aufführung im Theaterdiscounter, vermittelt den  Jahrmarkt der Wünsche und Träume .  Aber was hat Napoleon mit Aschenputtel zu tun? Sehen Sie selber!

Ausstellungsplakat Der Golem, diese berühmteste Legendenfigur der Kabbala, ist ein seelenloses Wesen aus Lehm oder Sand. Er wird durch Rituale oder geheime Buchstabenkombinationen von einem Menschen zum Leben erweckt und ist mit übermenschlicher Kraft ausgestattet. Das Jüdische Museum hat ihm eine sehr interessante Ausstellung gewidmet.

P1010005Die Stadt Weimar war 1999 Europäische Kulturhauptstadt. Das war für den derzeitigen Chef des Berliner Staatsballetts, Nacho Duato, die Gelegenheit, Johann Sebastian Bach zu huldigen. Mit Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere hat er auf ganz besondere Weise Person und Werk dieses einzigartigen Komponisten gewürdigt. Er hat Bach auf die Bühne und ins Zentrum des Geschehens geholt.

P1000911 Siegfried Lenz ist 1926 als  Sohn eines Zollbeamten in Ostpreußen geboren. Mit 42 Jahren hat er seinen wichtigsten und einen der bedeutendsten deutschen Nachkriegsromane, Deutschstunde, veröffentlicht. Bei Deutschstunde geht es um Pflicht, Schuld, Macht, Freundschaft und Verlust und um das Nichtentkommen der Geschichte. Das Ensemble hat es aufgeführt. Aber auch die traditionelle Peymannsche Mutter Courage und ihre Kinder hat uns sehr gut gefallen.

Mauer-cmb-klein Traum, Nacht, Alptraum – Ian Bostridge erzählt von  Kriegen, Nachteulen und Meeresungeheuern. Mit Träumen, Natur und Illusionen hat sich in diesem Jahr auch die österreichische Künstlerin Christa Linossi beschäftigt.

100 Stuehle (1)Am 1. November 2016 feiert der Hamburger Bahnhof seinen 20. Geburtstag. Er entstand als  weiteres Haus der Nationalgalerie und dort werden während der Umbauarbeiten der Neuen Nationalgalerie abwechselnd Werke des deutschen Expressionismus – wie zurzeit Ernst Ludwig Kirchner HIEROGLYPHEN  – gezeigt.   Eine der besten Ausstellungen überhaupt mit Arbeiten von Carl André war 2016 im Hamburger Bahnhof zu sehen. Aber auch das Thema Kapital hat das Museum beschäftigt. Hier der Bericht.
AusstellungsplakatUnheimlich war der Titel der Ausstellung im Kunstmuseum in Bonn, die zur Zeit noch in Bonn zu sehen ist (bis Januar 2017). Unheimlich bedeutet schauerlich, gruselig oder furchterregend. Der Titel ist deshalb nicht sehr aussagekräftig, denn hier geht es auch viel um Angst und Einsamkeit, um Unwohlsein, um Hinweise auf Gewalt, versteckte und offensichtliche und um Traum und Wirklichkeit. Kein Entkommen, Dinge, Totenhaus, Alpträume, Einsamkeit, die Anderen,  Verschwinden, Tatorte sind die Schlagwörter und in diese ist die Ausstellung unterteilt.

P1040281 Bei der Geisterbraut ging es auch unheimlich zu. Diese  opernhafte und selten aufgeführte spätromantisch-wagnerianische Ballade von Antonín Dvořák (1841-1904) wurde  aus Anlass des 175. Geburtstags  dieses böhmischen Komponisten von der Berliner Singakademie und dem Konzerthausorchester unter Achim Zimmermann im Konzerthaus in Berlin aufgeführt. Isabelle Faust hat mit Werken von Luigi Nono  in der Philharmonie ebenfalls bella figura gemacht.

P1010413Der Britische Blick: Deutschland – Erinnerungen einer Nation. Mit dem Deutschlandbild der Briten hat sich diese Ausstellung beschäftigt, die auch uns so einiges über uns beigebracht hat. Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden(Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Xenien, 1796)

maulwerk Maulwerker -  Lautdichtungen und Sprechduette hat sich in einer Veranstaltung organisiert durch KONTRAKLANG im Heimathafen präsentiert. Gerhard Rühm, der bei der gestrigen Performance im Heimathafen Neukölln persönlich anwesend war, ist einer der bedeutendsten Künstler, ein Tausendsassa oder Wunderwurzi wie die Österreicher sagen. Er ist Schriftsteller, Lyriker, Schauspieler, Komponist, Performancekünstler, Maler und Poet. Er Gedichte oder Lautdichtungen aus seinem Repertoire vorgetragen – allein und Sprechduette er mit seiner Frau, der Musikpublizistin Monika Lichtenfeld. Dass er 86 Jahre alt ist würde man nicht vermuten. Temperamentvoll und witzig, ein einfallsreicher Sprachkünstler und Grenzgänger zwischen Noten, Buchstaben und Sprachexperimenten.   Kontraklang hab ein paar Wochen später das anstrengende aber sehr interessante Konzerthappening « Nach Kagel » - auch wieder im Heimathafen Neukölln organisiert. Und hier ging es um Sprechmusik, Peinlichkeit, Heilkräuter und um einen heiseren Wanderer! Lesen Sie selber!

P1010457Terpsichore, Liebesgötter und kalte Schönheiten. Der italienische neoklassizistische Künstler Antonio Canova (1757-1822) zählt zusammen mit dem Dänen Thorvaldsen zu den bedeutendsten Bildhauern seiner Zeit. Das Bode-Museum hat ihm diese Ausstellung über den Tanz ausgerichtet – mit dem schönen Titel:  Canova und der Tanz!

P1010502 Il Triunfo dem Tempo e del disinganno von Georg-Friedrich Händel zählt schon seit langem zu meinen Lieblings-Händel-Kompositionen. In diesem Stück hat er sich auch eine Rolle gegeben und deshalb wird er zur Sonata im ersten Teil er als anmutiger Jüngling an der Orgel (Thomas Guggeis) begleitet von Corelli an der Geige (Wolfram Brandl) ins Restaurant geschoben. Wunderbare Aufführung im Schillertheater! Viel Applaus für alle aber vor allem für das Vergnügen!

P1010637 Reden ist nicht immer die Lösung - meint Omer Fast in seiner im Rahmen des Programms „Immersion. Analoge Künste im digitalen Zeitalter“ im Martin-Gropius Bau organisierten Ausstellung, bei der sieben Filmprojekte von ihm gezeigt wurden. Der israelisch-amerikanische Videokünstler verarbeitet in seinen Projekten Krieg, Gewalt, Sex, Erziehung und Zusammenleben.  Und hier erwähnte ich Clemens von  Wedemeyer ; der  so ähnliche Geschichten in Hamburg erzählte.

P1010662 Die Europäische Akademie für Musik und Darstellende Kunst Palazzo Ricci ist ein bedeutendes deutsches Kulturprojekt in Italien, das sich vor allem der Musik widmet.  Seit dem Jahre 2000 sitzt die Hochschule für Musik und Tanz Köln in diesem Palast, der nach umfangreichen Renovierungsarbeiten im Jahre 2001 als Europäische Akademie wieder eröffnet wurde. Und damit sind wir auch schon beim Anlass des gestrigen Abends: das 15-jährige Jubiläum. Die Akademie feierte ihren Geburtstag mit einem Konzert, das  mit einem ganz besonders sorgfältig ausgesuchten Programm am Gendarmenmarkt im Berliner Konzerthaus bestach.

P1010682 Good Bait (guter Köder) ist das aktuelle und neuestes Standard-Programm der Quartett-Jazzband die den Beinamen … die flexible Einsatztruppe  bestehend aus dem Saxophonisten und Gründer der Truppe Markus Ehrlich, dem gerade aus New York zurückgekehrten Pianisten Johannes von Ballestrem, dem Bassisten Tom Berkmann und dem Schlagzeuger Philipp Schaeper. Dann haben wir noch den Piano Salon Christophori entdeckt – hier kann man alles hören – meist klassisch, aber es steht durchaus auch mal dann und wann ein Jazzabend an. Im Jazzclub Zig Zag in Berlin ist die Gruppe Subtone aufgetreten, die vor allem eigene Kompositionen gespielt haben. Schöner Club!   Der bekannte schwedische Posaunist und Sänger  Nils Landgren, alias Mr Redhorn, trifft beim diesjährigen Young Euro Classic Festival auf das junge Ensemble Olivinn, das die türkische Komponistin und Pianistin gegründet hat. Hier wurde Jazz mit Klassik verbunden und formell in einem Konzerthaus aufgeführt. 

P1010522 Die Stadt“ hat Theodor Storm sie ganz schlicht genannt. Zu seiner Zeit hat er wohl auch noch  durch die Stille las Meer brausen gehört. Das ist jetzt nicht mehr so, aber die Möwen, die Luft, das Salz darin, das Ebbe und Flut Spiel, das den Hafen hebt und senkt, ist immer noch so.   Jan Christophersen hat über diese so ganze andere Welt den Roman « Schneetage » geschrieben. Hier die Rezension!

Eine andere ganz besondere Reise ging in die Bretagne. Fünfzehn Kilometer vom Festland entfernt liegt sie, eine der größeren bretonischen Atlantikinseln: Belle-Île-en-Mer. 45 Minuten dauert die Überfahrt mit der Fähre von Quiberon nach Le Palais, der Hauptstadt von Belle-Île mit ungefähr 2600 Einwohnern. Hier verbrachte die Schauspielerin Sarah Bernhardt viel Zeit zwischen Felsen, Wind und Einsamkeit.

George Grosz - Grauer Tag Die Neue Nationalgalerie ist noch immer wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Deshalb zeigen die anderen « Filialen » abwechselnd Werke aus dieser umwerfenden Sammlung der Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Hamburger Bahnhof ist immer noch  Kirchner zu sehen und im Scharf-Gerstenberg Museum noch bis zum 23. April 2017 die Ausstellung « Surreale Sachlichkeit » Werke der 1920er- und 1930er Jahre aus der Nationalgalerie.

P1010830 Zarzuela ist spanisches Musiktheater vom Feinsten. Spitzbubenhafte Komödie, Folklore und populäre Romanzen verbunden mit spritziger Musik, opernähnlichen Arien, Temperament und guten Geschichten. Sie entstand im 19. Jahrhundert und wurde sowohl in Spanien als auch in Südamerika, vor allem in Argentinien, Mexiko aber auch in Kuba mit großem Publikumserfolg aufgeführt. In der Berliner Bibliothek des lateinamerikanischen Institut gegenüber der Gemäldegalerie wurde im Dezember eine Ausstellung über die Zarzuela eröffnet. Zur Eröffnung haben  zwei glänzende Interpreten Kostproben vorgetargen.

P1010868 Vor 500 Jahren, 1517, hat Martin Luther (1463-1546 in Eisleben), Mönch und Theologieprofessor  seine 95 Thesen zum Ablasswesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. Dort, im Wittenberger Kloster, kam ihm auch die Erleuchtung. Sein Turmerlebnis sollte die Welt, nicht nur die gläubige, verändern und die Reformation auslösen.  Ein Jahr später ist er dann auch gleich nach Rom vorgeladen worden. Schon  1516 hatte Luther öffentlich gegen die Ablasspraxis gepredigt. Über Musik in der Zeit Luther in Rom hat Concerto Romano im letzten Jahr eine wunderbare CD herausgebraucht.

P1020013  Zauberwald, Pemplum und Kuschel-Riesenplüschtiere. Die Premiere dieser Inszenierung von August Everding mit einem Bühnenbild von Fred Berndt nach den herausragenden Entwürfen der grandiosen Sternenkuppel (die Tassen und Geschirrtücher ziert) oder den ersten Auftritt der Königin der Nacht auf der Mondsichel vom Berliner Architekten und Baumeister Karl Friedrich Schinkel für die Berliner Königlichen Schauspiele 1816 fand schon 1994 statt. Sie gehört heute zu den am meisten gespielten Zauberflöten in Berlin und sorgt jedes Jahr wieder für ein volles Haus.

P1020021 Kindl ist vor allem Biertrinkern ein Begriff. Die ehemalige Brauerei in Neukölln wurde vor ein paar Wochen als neues zeitgenössisches Kulturzentrum in Berlin eröffnet. Ein Besuch ist hier beschrieben. Zur Zeit sind zwei Künstler dort ausgestellt.

 

Ein frohes, glückliches, beschwingtes, kulturelles und gesundes Jahr 2017 wünsche ich allen blog Besucher/innen.

Christa Blenk

 

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Street Art in Berlin

 

 

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Kindl-Brauerei – ein Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin

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Die Bayern haben das immer schon gewusst: Bierbrauen ist ein  Kunstwerk!

In der einstmaligen Brauerei Kindl in Neukölln ist vor ein paar Wochen das neue Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin eröffnet worden –  5500 qm insgesamt sind dort neuen Ideen und zeitgenössischen Kunst-Events gewidmet.

2011 kaufte ein Ehepaar das Gebäude mit dem Ziel,  es der zeitgenössischen Kunst  zu widmen. Dieser heute denkmalgeschützte Klinkerbau entstand Ende der 1920er Jahre; er besteht aus einem Turm mit sieben Stockwerken und einem Kesselhaus. Dazu gehören ein Maschinenhaus und ein Sudhaus, welches der Straße auch den Namen gab. . Schon 2012 begann eine aufwändige Sanierung.

 

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Zur Zeit ist das Umfeld ein „work in progress“; vor dem Platz sieht man Baugerüste und aufgerissene Straßen, dahinter eine Baustelle für hochwertige, aber unschöne und charmelose Wohnungen, wie man sie so oft in Berlin findet, für diejenigen, die auch Neukölln in eine Art Prenzlauer Berg umwandeln wollen. Nur ein paar Meter weiter die Hermannstraße, die Neuköllner Oper und der Heimathafen und noch mehr Baustellen.

Leider war das Museum heute, trotz gegenteiliger Ankündigung, geschlossen. Über die zurzeit dort laufenden Ausstellungen wird deshalb zu einem späteren Zeitpunkt berichtet.

 

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Christa Blenk

 

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Romantik und Moderne

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Das Kupferstichkabinett besitzt knapp 12000 Arbeiten (Zeichnungen, Ölskizzen, Zeichnungen, Radierungen) darunter unglaubliche Schätze von allen bedeutenden Malern, die natürlich nicht permanent gezeigt werden können.

Abwechselnd werden deshalb Themenausstellungen organisiert, wie zur Zeit die Ausstellung « Romantik und Moderne » Zeichnung als Kunstform von Caspar David Friedrich bis Vincent van Gogh.

Viel ist passiert im 19. Jahrhundert. Die Industrialisierung und die Fotografie, Entdeckungs- und Forschungsreisen und Erfindungen haben auch die Kunst ganz entschieden beeinflusst und beschäftigt. Die Welt ist schneller geworden dadurch.

Die Ausstellung, die noch bis Mitte Januar 2017 zu sehen ist, zeigt knapp 130 Werke die allesamt aus der eigenen Sammlung stammen. Werke von Caspar David Friedrich, Carl Blechen, Schnorr von Carolsfeld, Menzel, Overbeck, Karl Friedrich Schinkel auf der einen Seite und die französischen Symbolisten wie Odilon Redon oder Vincent Van Gogh aber auch die Pointilisten auf der anderen.

Beeindruckend Werk und Leben von Eduard Hildebrandt. Ausgestellt ist seine « Reise um die Erde ». Ein Bilder-Tagebuch seiner Forschungs-Weltreisen, ganz im Sinne von Alexander von Humboldt.

Der in Danzig geborene Hildebrandt (1818 – 1868) kam als 20jähriger nach Berlin und lernte verschiedene Ateliers und Maler kennen. Seine erste Studienreise ging auf die Insel Rügen; zwei Jahre später bereiste er England und Schottland – fasziniert vor allem von der Küste. 1841 reiste er nach Paris und bekam Unterricht bei Eugène Isabey. Zwei Jahre später durfte er sich mit einem Bild beim Pariser Salon beteiligen und gewann den ersten Preis. Wieder zurück in Berlin unterstützte ihn Alexander von Humboldt bzw. der preußische König Friedrich Wilhelm IV  um nach Brasilien und Nordamerika reisen zu können. See- und Landschaftsbilder und Lichtstudien waren sein Haupt-Interessensgebiet. Nach seiner Rückkehr nach Berlin kaufte der königliche Hof einen Großteil seiner Bilder und Hildebrandt wurde Königlich Preußischer Hofmaler. In dieser Funktion ging er wieder auf Reisen. Zuerst nach London, weiter nach Madeira, auf die Kanarischen Inseln, Spanien und Portugal. 200 Aquarelle konnte er nach dieser Reise vorweisen, die wieder alle der preußische König erwarb. Für die Bilder Ein Blick ins Meer und Abend auf Madeira wurde er 1850 mit einer weiteren Goldmetaille geehrt. Seine vierte Reise führte ihn über Italien nach Ägypten, Syrien, Palästina, Türkei und Griechenland und auch diese Ausbeute ging nach seiner Rückkehr nach Berlin größtenteils an den preußischen Königshof. Allerdings kauften diesmal auch Zar Nikolaus I und die Fürstin zu Sayn Wittgenstein Werke von ihm. Ein paar Jahre später trat er seine fünfte Reise an, wieder vom Hof gefördert,  die in diesmal in die Schweiz und nach Österreich führte. Bei seiner Rückkehr wurde er Mitglied der Akademie und bekam einen Lehrauftrag der es ihm erlaubte, 1856 bis zum Nordkap zu reisen.

Hildebrandts letzte Kunstreise 1862 wurde  wieder eine Weltreise von der er 300 Aquarelle und Zeichnungen mitbrachte. In der Ausstellung sind vor allem Ölskizzen und Zeichnungen die in Ägypten und Asien entstanden sind zu sehen.

Allein schon, um diesen heute doch recht unbekannten Maler kennen zu lernen, lohnt sich ein kurzer Besuch im Kupferstichkabinett.

Auch die anderen ausgestellten Maler reisten, aber meistens kamen sie nur bei Italien und ließen sich dort verzaubern und wandelten auf den Spuren der Renaissance wie Overbeck z.B. oder die Nazarener in Olevano Romano.

Christa Blenk

 

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Kontraklang: Nach Kagel

Sprechmusik, Peinlichkeit, Heilkräuter und ein heiserer Wanderer

Kontraklang hat am 15.12.2016 das Konzert „Nach Kagel“ im Heimathafen Neukölln organisiert. Ein Konzert, das dem Publikum viel mehr als nur Interesse oder Freude an der zeitgenössischen Musik abverlangte.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Dorrit Bauerecker spielt Viscum album -
 © »mutesouvenir | kb«

 

Der deutsch-argentinische Komponist Maurizio Kagel (1931-2008) war einer der zeitgenössischen Komponisten, die das 20. und 21. Jahrhundert entscheidend mitgeprägt haben.  Ab den 1950er Jahren nahm er regelmäßig an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik teil, 1957 ließ er sich in Deutschland nieder und war ab 1960 Dozent in Darmstadt.  Mit einem anderen borderliner, Wolf Vostell, organisierte er ab 1968 akustische und visuelle Happenings. 1969 folgte er Stockhausen in Köln nach. Kagel dirigierte viele seiner Werke selber oder war sonst irgendwie beteiligt und das war auch gestern Abend bei seinen Schülern und den Schülern von seinen Schülern so.

Diese stellten im Heimathafen einige ihrer Werke, die dem Genre Instrumentaltheater, Sprechgesang und Experimentalmusik angehören, vor.  Mimik, Gestik, Aktionen, Bewegungen, Noten, Wörter, Töne und natürlich auch Musikinstrumente kamen zum Einsatz.  Polizeischutz wie 1971 vor der Hamburger Staatsoper bei der Uraufführung von Kagels Staatstheater brauchten dessen Schüler gestern natürlich nicht, aber das 3 ½ Stunden-Happening haben nicht alle Zuhörer bis zum Ende erlebt.

Vor allem die endlosen Piano Sonaten Nr. 17 und 18 von Chris Newman, die Mikhail Mordvinov interpretiert, bringen uns an unsere Grenzen. Dabei hört es sich ganz und gar nicht zeitgenössisch an oder gerade deswegen. Beethoven ist herauszuhören und alte Songs von den Kinks wie Lola. Newman will einfach nicht, dass der Zuhörer sich wohl fühlt, deshalb gibt er ihm einen Beethoven, dessen Noten er vorher zerstückelt hat und die beim Zusammenbauen ihre Seele einbüßen mussten.

Zwischendurch hat die großartige Akkordeonistin Dorrit Bauerecker sehr expressiv immer ein paar Takte aus Viscum Album, das ihr Lehrer Manos Tsangaris komponierte, gespielt und einmal auch unzählige Heilkräuter heruntergesagt oder vielleicht das Zauberrezept einer Hexe verraten!? Viscum album ist die Weiße oder Weißbeerige Mistel. Davon hätten wir auch gern ein paar Takte mehr gehört.

Witzig und originell Neele Hülcker, sie gehört zur zweiten Nach-Kagel-Generation. Copy myself #2 für Stimme, Elektronik und Projektion heißt ihre Arbeit und dafür hat sie  umgekehrt, d.h. rückwärts abgespielte Tonbandaufnahmen aus ihrer Kindheit nachgeplappert und wieder aufgenommen. Dann vor dem Publikum den Grad der Peinlichkeit und der Nervosität, inklusive Temperatur, Puls und Blutdruck gemessen und dies auf einem online-Formular festgehalten. Die Peinlichkeit ist, verrät sie uns, von Mal zu Mal bedeutungsloser. Sie hat ihr Kunstwerk schon in der U5, unter einer Brücke, am Meer oder im Museum aufgeführt. Kagel wäre sicher stolz auf sie gewesen.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Neele Hülcker – copy myself #2
©»mutesouvenir | kb«

 

Ähm Me, Hm (I) And M – Versuchsanordnung für vier Sprechende von Barblina Meierhans, ebenfalls eine Schülerin von Tsangaris, war ein Gespräch zwischen vier Personen, die sich – trotz Einsatz von Gesten und Gebärden – einfach nicht finden wollen und abgegrenzt von einander bleiben.

Von Manos Tsangaris hat der Klarinettist Theo Nabicht ein Stück für Kontrabassklarinette (und zwei Bierflaschen)„So Slow“ aufgeführt. Hierzu gehören insistenter Stimmeinsatz und Meckern aus dem Zuschauerraum, das erstmal sehr echt wirkt und der Störer sich böse Blicke einfängt – auch vom Klarinettisten. Tsangaris (*1956) ist ein echter Kagel-Schüler und Teilnehmer auf den einschlägegen zeitgenössischen Musikfestivals. 2016 hat er die künstlerische Leitung der Münchner Biennale als Nachfolger von Peter Ruzicka übernommen. 2015 war er Gast in der renommierten Villa Massimo in Rom.

Nicolas Kuhn (1989) war Schüler von Tsangaris in Dresden; arbeitet aber auch mit Helmut Lachenmann und anderen zeitgenössischen Größen zusammen. Er interpretiert und dirigiert oft seine eigenen Werke. Gestern  hat er das aufregende und sehr virtuoses Klavierstück „4“ vorgetragen und im Anschluss mit Stellenwort für Plattenglocke ein regelrechtes Studium von Klängen und Tönen durchgeführt. Mit einem Wattepad, einem Pulli, einer Kuhglocke, einem Stift oder weitere auf einem Tisch bereit stehende Gegenstände kreiert er auf der Plattenglocke alle möglichen Klänge, Un- oder Nichtklänge. 2014 entstand auf seine Initiative das Gegenklang-Orchester für seltenes Repertoire.

 

Kontraklang: Nach Kagel
Nicolas Kuhn  mit der Plattenglocke 
© »mutesouvenir | kb«

 

Der erste und letzte Beitrag war je ein Lied von Chris Newman (*1958). Ist das Sprechgesang oder Musiksprechen oder  irgendetwas dazwischen ?

Chris Newman ist ein experimenteller Grenzgänger und Tausendsassa und eigentlich mit Niemandem zu vergleichen. Dichter, Schauspieler, Künstler, Komponist, Performer und Provokateur natürlich. So wie er Leinwände zerschneidet und sie wieder irgendwie zusammenschustert hört sich auch sein Gesang an. Schlurfend kommt er auf die Bühne, zieht  zuerst seine Jacke und dann seine Schuhe aus und bring das Publikum genau dorthin wo er es haben will – nämlich raus aus dem Raum (gefühlt). Seine Darbietung ist eher ein konzeptionelles Kunstwert als Musik,  das erste Lied  Tree Tops,  hat irgendwie an Schubert denken lassen und der Abschiedssong « Wizzes » könnte auch aus den drunken songs seines Landmannes Purcell stammen. Er wirkt wie ein ganz müder und verbrauchter Wanderer, obwohl er noch keine 60 ist. Aber auch das gehört zu seiner Kunst und was soll man denn nach Kagel sonst machen?

Kontraklang hat hier eine Truppe von Komponisten und Protagonisten auf die Bühne gebracht, die uns auf jeden Fall sehr beschäftigt hat.

 

“If they can take it for ten minutes, then we play it for fifteen,” I’d explain. “That’s our policy. Always leave them wanting less.” (Warhol and Hackett, Popism, 193).

 

Christa Blenk

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Lutherstadt Wittenberg

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Martin Luther (Auszug aus dem Cranach Gemälde Der Reformationsaltar – Predella) um 1548

 

 

Vor 500 Jahren, 1517, hat Martin Luther (1463-1546 in Eisleben), Mönch und Theologieprofessor  seine 95 Thesen zum Ablasswesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. Dort, im Wittenberger Kloster, kam ihm auch die Erleuchtung. Sein Turnerlebnis sollte die Welt, nicht nur die gläubige, verändern und die Reformation auslösen.  Ein Jahr später ist er dann auch gleich nach Rom vorgeladen worden. Schon  1516 hatte Luther öffentlich gegen die Ablasspraxis gepredigt.

Im 16. Jahrhundert war die kleine Stadt Wittenberg, die seit 1938 offiziell Lutherstadt Wittenberg heißt, kulturelles, geistiges und politisches Zentrum. Martin Luther, Philipp Melanchthon, Lucas Cranach d.Ä. waren alle Drei nicht aus Wittenberg, sollten aber zum Ruhm dieser Stadt einen entscheidenden Beitrag leisten.

Im Jahre 1502 wurde auf Betreiben von Friedrich dem Weisen die Universität Wittenberg gebaut, die sich sehr schnell zum Anziehungspunkt für Künstler und Intellektuelle entwickelte. Cranach kam 1505 in die Stadt, Luther 1508. Angetrieben u.a. auch durch die Buchdruckerkunst  erlebte die Stadt einen schnellen wirtschaftlichen und intellektuellen Aufschwung. Luthers Thesenanschlag 1517 und die Konsequenzen daraus zogen noch mehr Gelehrte und Studenten an und die Universität wurde zu einer der fortschrittlichsten überhaupt.  1518 kam Philipp Melanchthon in die Stadt.  Das Rom der Protestanten wurde Wittenberg auch genannt.

Gemälde von beiden Cranach (dem Älteren und dem Jüngeren) oder aus deren Werkstatt hängen in der Stadtkirche St. Marien, im Lutherhaus oder im Melanchthon Haus. Fast alle bekannten Portraits von Luther oder Melanchthon hat Cranach d.Ä. gemalt.

 

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Reformationsaltar von Crananch d.Ä. um 1548

 

Die bedeutendsten Werke sind wohl in der Stadtkirche zu finden. Darunter Cranachs großes Reformations-Triptychon : Der Reformationsaltar. Es beschreibt auf dem linken Seitenflügel eine Taufe, die Melanchthon gerade ausführt und bei der ihm der Maler Cranach assistiert. Auf dem rechten Flügel nimmt  der Stadtpfarrer und Beichtvater von Luther,  Johannes Bugenhagen, ihm gerade die Beichte ab, zu seinen Füßen ein Büßender. Der Mittelteil  zeigt die Sakramente, Taufe, Beichte und Abendmahl. Luther sitzt als Junker Jörg mit am Tisch und bekommt gerade einen Becher Wein gereicht. Auch weitere Personen sind identifiziert wie der Lutherbibel Verleger und Drucker Lufft. Neben Christus links im Bild sieht man Judas in Gelb. Burg und Baum im Hintergrund. Der schönste und künstlerisch wichtigste Teil ist die Predella.  Man sieht rechts einen predigenden Luther  mit erhobener Hand. Er sieht jung aus, obwohl er bei Fertigstellung des Bildes schon nicht mehr lebte.

Man weiß nicht genau wann es entstand, wahrscheinlich um 1548; Luther ist 1546 verstorben.

Das Melanchthon Haus gehört ebenfalls zum UNESCO-Welterbe. Sein tägliches Leben ist dort zu sehen, sein Arbeitszimmer und die Unterkünfte für Studenten. Er lebte dort mit seiner Frau und seinen Kindern. Viele seiner Bücher liegen dort und wieder Portraits, die Cranach und Holbein gemalt haben.

 

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Melanchthon Haus
 

Lutherstadt Wittenberg muss sich nun allerdings beeilen, denn gerade jetzt ist das Lutherhaus wegen Renovierungsarbeiten  geschlossen.

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Schlosskirche (Thesen)

 

Christa Blenk

 

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Zarzuela – el mundo comedia es!

zarzuela

 

In der Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin fand heute Abend die Eröffnung der Ausstellung über die Geschichte der Zarzuela statt.

Zarzuela ist spanisches Musiktheater vom Feinsten. Spitzbubenhafte Komödie, Folklore und populäre Romanzen verbunden mit spritziger Musik, opernähnlichen Arien, Temperament und guten Geschichten. Sie entstand im 19. Jahrhundert und wurde sowohl in Spanien als auch in Südamerika, vor allem in Argentinien, Mexiko aber auch in Kuba mit großem Publikumserfolg aufgeführt.

Über 1600 Exemplare – die zur Zeit digitalisiert werden -  besitzt das Ibero-Amerikanische Institut und hat damit eine einzigartige und einmalige Sammlung über die Zarzuela in Spanien und Übersee. Auf Hör- und Videostationen sind Fragmente von früheren aber auch neueren Produktionen zu hören, gesungen von internationalen Star wie Placido Domingo und Teresa Berganza.

 

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Plakate in der Ausstellung

 

Die Zarzuela entstand im Siglo de Oro, also im 17. Jahrhundert, als höfisches Singspiel in der Nähe von Madrid, im Pardo, wo sich König Philipp IV seinen Palacio de la Zarzuela, ein Jagdschloss, hat errichten lassen. Zarza bedeutet übrigens Dornenbusch. In diesem Schloß also wurden zur Unterhaltung nach der Jagd Komödien aufgeführt. Einer der Schöpfer war der Dichter Calderón de la Barca. Im 19. Jahrhundert entstand das Teatro de la Zarzuela in Madrid. Der Unterhaltungswert und die Popularität waren enorm, bis die italienische Opera buffa und der Film sie ein wenig in den Hintergrund drängten. Chapí, Chueca oder Arrieta sind einige der bekanntesten Komponisten. Im 20. Jahrhundert kehrte die Zarzuela zurück und ihre Wiederentdecker hießen Federico Moreno Torroba, Pablo Luna, Rafael Milán aber auch Granados oder Manuel de Falla waren sich nicht zu schade, sich diesem Musikgendre zu widmen. Der Bürgerkrieg war keine Zeit für Musik und es trat eine zweite Zarzuela-Flaute ein. Allerdings fanden  noch in den 80er und 90er Jahren in Madrid jeden Sommer in der La Corrala im Zentrum von Madrid Aufführungen der bekanntesten Zarzuelas statt. Man saß an Tischen mit Tortilla de Patata und Corizo und Apfelwein. Anlässlich der 500 Jahrfeiern der Entdeckung Amerikas boomte die Zarzuela ein zweites Mal.

 

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Carmen Celada – La Gran Via und La Revoltosa begleitet von Nikos Tsiachris

 

Bis zum 31. Januar können die informativen und originellen Plakate und die Zarzuela-Geschichte noch im IAI besucht werden; allerdings ohne den schönen Gesang der hinreißenden Sängerin, Carmen Celada, una castiza de Madrid, die am Eröffnungsabend, begleitet auf der Gitarre von Nikos Tsiachris, Kostproben ihrer Lieblingszarzuelas zum Besten ab:  « La Gran Via » oder « La Revoltosa ». Diese beiden Zarzuelas habe ich in den 80er Jahren in Madrid in den Sommeraufführungen der « Corrala » gesehen. Carmen Celada erzählte nach der Aufführung, dass sie als Kind zum ersten Mal in Madrid in « La Revoltosa » aufgetreten ist. Vielleicht haben wir sie ja bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal gesehen.

Carmen Celada ist Spanierin und hat bei ihrem Vater, dem Dirigenten Luis Celada, wie gesagt schon als Kind Zarzuela-Partien gesungen. Sie ist eine Vertreterin des spanischen und deutschen Kunstliedes und war Mitglied im Chor Capilla matritense. Seit sieben Jahren lebt sich in Berlin. Zu ihrem Repertoire gehören auch Jazz und Klassik.

Nikos Tsiachris ist in Griechenland geboren. Er wohnt seit 2005 in Berlin spielt Flamenco, Fado, Klezmer. Seine Diplomarbeit hat den schönen Titel „Die Traditionellen Lieder des Flamenco, Registrierung und Kommentare von 23 Liedern“. 2012 hat er die Flamenco-Jazz Quartett Rasgueo gegründet.

 

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Organisiert wurde die Ausstellung durch das Ibero-Amerikanische Institut – Preußischer Kulturbesitz. Kuratiert hat sie Stephanie von Schmädel, die auch eine kleine Einführung in die Geschichte der Zarzuela gab.

 

Christa Blenk

 

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Surreale Sachlichkeit

 

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Ausstellungsraum (Schad, Dix, Querner)

 

Solange die Neue Nationalgalerie noch geschlossen ist, werden an unterschiedlichen Orten in Berlin themenbezogen Bilder aus dieser gezeigt.

Im Hamburger Bahnhof ist gerade Kirchner zu sehen und im Scharf-Gerstenberg Museum noch bis zum 23. April 2017 die Ausstellung « Surreale Sachlichkeit » Werke der 1920er- und 1930er Jahre aus der Nationalgalerie.

 

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 Ausstellungsraum (re Otto Dix, Kinderbildnis)

 

Surreale Sachlichkeit scheint erstmal paradox. Geht es um Surrealismus oder um die Neue Sachlichkeit. Oder um den Surrealismus in den Bildern der Neuen Sachlichkeit?

Die in den 20 Jahre entstandene Bewegung Neue Sachlichkeit suchte eine Übertreibung der Realität, im Surrealismus wird die Realität verzerrt oder anders ausgelegt. Jedenfalls geht es um die Zeit zwischen den zwei Weltkriegen. Beide Bewegungen entstanden nach dem ersten Weltkrieg, zum Teil um den Horror dieses Krieges zu verarbeiten und beide Bewegungen waren Antworten auf die avantgardistische Moderne, wie auf den  revolutionären Kubismus, den beunruhigenden Futurismus oder den irrationalen Expressionismus, die in den ironisch-aggressiven 1920er Jahren schon wieder anachronistisch erschienen, eine Verleumdung des Expressionismus aufgrund eines Wunsches nach Ruhe und Ordnung, wie das Ernst Bloch nannte.

 

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 Die schwebende Mauer (Edgar Ende, 1933)

 

Und obwohl die Musik nicht mehr nur in Paris spielte (viele französische Künstler stellten in Berlin, München oder Köln aus) produzierten die Franzosen das erste surrealistische Manifest 1924; 1925 wurden in der Mannheimer Kunsthalle die ersten Werke mit dem Titel Neue Sachlichkeit vorgestellt. Die Psyche und eine Art verkappte oder zweideutige Realität hatten die Führung übernommen. In der Ausstellung werden sie nebeneinander oder nacheinander präsentiert und man erkennt, wie ähnlich sie sich sind oder wie gut sie sich ergänzen. Otto Dix oder Christian Schad sind dabei, aber auch viele weniger bekannte Künstler wie Fritz Burmann oder Alexander Kanoldt.

 

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Paar auf der Straße (Rudolf Bergander, 1931)

 

Max Ernst, Salvador Dali oder René Magritte ergänzen auf der Surrealistenseite die Wahrnehmungen, die nach dem ersten Weltkrieg bis zum Aufkommen der Nationalsozialisten die Geschichte von einem anderen Standpunkt aus erzählen. Die gesuchte oder vermeintliche Ruhe in den Bildern war trügerisch; der Witz der Surrealisten zweideutig!

 

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Grauer Tag (George Grosz, 1924)
 

Die Gemälde sind Bestände der Staatlichen Mussen zu Berlin, Nationalgalerie

Christa Blenk

 

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Reden ist nicht immer die Lösung – Omer Fast

Reden ist nicht immer die Lösung.

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Vorhersehbare Überraschung

Im Rahmen des Programms „Immersion. Analoge Künste im digitalen Zeitalter“ sind zur Zeit im Martin-Gropius Bau sieben Filmprojekte von Omer Fast zu sehen. Der israelisch-amerikanische Videokünstler verarbeitet in seinen Projekten Krieg, Gewalt, Sex, Erziehung und Zusammenleben.

Continuity entstand 2012, wurde auf der dOCUMENTA 13 gezeigt und dauert 40 geheimnisvolle, paradoxale Minuten. Ist der aus Afghanistan Heimgekehrte wirklich der Sohn, ober beginnt hier schon das kranke Ritual der immer wieder wechselnden Söhne (oder Liebhaber), die eigentlich bezahlte callboys sind und nach dem Auftrag verschwinden? Eine Bäckerei spielt eine bedeutende Rolle und ein tödlicher Unfall mit Unfallflucht (mit dem Auto der Eltern) verwirrt alles noch ein wenig mehr. Und dann fahren sie wieder die lange Waldstraße entlang bis zum Bahnhof, wo der nächste in den Wagen steigt. Irgendwie will man begreifen, was Sache ist und hofft auf den Schluss, der aber keine Klärung bringt.

Iris Böhm und André Hennicke spielen auch bei Spring die Eltern. Auf fünf  miteinander verbundenen Monitoren läuft der 44 Minuten-Thriller, bei dem sich die Geschehnisse mit Continuity vermischen. Ist es die Vorgeschichte, oder die Fortsetzung, der Film springt durch die Zeit. Omer Fast manipuliert uns hier und treibt den Zuschauer zu Vermutungen, die nicht bestätigt werden. Trotz brutalen Szenen ist es ein Film, der den beunruhigenden Frieden herbeisehnen soll.

Verlässliche Informationen gibt er uns – bewusst –  nicht, lockt aber den Besucher ständig auf falsche Fährten, um sich dann doch anders zu entscheiden. Es kommt eigentlich nie so wie man es erwartet und deshalb sind die Filme wieder vorhersehbar. Omer Fast ist sehr viel mehr Filmemacher als Videokünstler, jedenfalls in dieser Ausstellung.

Im Wartezimmer der Ausländerbehörde verarbeitet er Eigenerfahrungen und Selbsterlebtes. Vor den typischen Stühlen der deutschen öffentlichen Verwaltung und einem Getränkeautomat der außer Betrieb ist, laufen die Nachrichten über den Bildschirm. Den Sinn holt man aber nicht heraus, da es sich um zusammengestückelte Collagen aus Reportagen nach dem 9/11 handelt. Ein verwirrender „Information Overflow“ ohne Zusammenhang, der den Betrachter zur Konzentration zwingt, um nichts zu verpassen. CNN Concatenated entstand 2002 und dauert 18 Minuten.

Zwischen den Filmsequenzen je ein Warteraum, heller und erholsamer. In der Abflughalle steht ein verlorener Koffer in der Ecke, zu groß eigentlich für Handgepäck, geht uns durch den Kopf. Auf den Stühlen liegen verstreut zurückgelassene Zeitungen und das Journal des Martin-Gropius-Bau über die Ausstellung. Die Anzeigentafel informiert, dass der Flug nach Rom schon wieder gestrichen ist! Dafür läuft hier zur Unterhaltung der wartenden Passagiere der Film „5000 Fuß ist am besten“. Ein US Drohnenpilot wird über seinen Middle East Einsatz interviewt. Er hat Probleme damit, am Tod von Menschen schuld zu sein und muss auch wohl deshalb gleich zu seinem Arzttermin.

August ist sein neuestes Werk. Er hat den Film für diese Ausstellung im Gropius-Bau gedreht. Hier erzählt Omer Fast vom Leben des Kölner Fotografen August Sander, der von 1876 bis 1964 arbeitete und dessen Sohn in einem KZ ums Leben kam. Für diesen 3D-Film stehen Brillen zur Verfügung, die surreal durch Sanders Fotografen-Leben führen. Ein alter einsamer, fast blinder Mann tastet sich auf Schnüren mit Glöckchen durch seine Wohnung ins Freie. Nachts im Wald holt ihn immer wieder die Erinnerung ein. Unser Mitleidspotenzial wird hier strapaziert. Angeblich ist sein Sohn an einer Blinddarmentzündung gestorben, sagt ihm der Nazi-Offizier, den er portraitieren soll und der ihm versichert, wie sehr er sein Talent bewundere.  „In einer perfekten Gesellschaft würden wir sie alle herausschneiden, bevor sie aufmüpfig werden können“.  Er meint wohl die Blinddärme! Trost spendet ihm dieser Satz aber trotzdem nicht. Dieser Film ist seine poetischste und auch seine romantischste Arbeit; leidende Schubert-Musik begleitet die Szenen einer tristen Biografie.

Eine gut berechnete Gratwanderung zwischen Kunst und Kino, zwischen Fiktion und Realität, zwischen Dokumentation und Unterhaltungsfilm mit permanenten Zitaten der alten und neueren Kinogeschichte. Situationen wie sie Lars van Trier oder Pasolini hätten erfinden können, die uns aufgewühlt aus dem Saal entlassen. Momente der Erinnerung dringen in die Gegenwart ein, werden von verschiedenen Seiten dokumentiert und präsentiert und was letztendlich Wirklichkeit ist und was nicht, vermag man nicht zu unterscheiden, obwohl man instinktiv überzeugt ist, dass es wichtig wäre.

Die Filme laufen im loop und es ist ziemlich egal ob man sie von der Mitte oder aber irgendeiner Minute sieht.

Ach ja, der Titel ist der Ausstellung ist ein Satz aus einem der Filme; die Interpretation bleibt jedem selber überlassen – aber Reden ist nicht immer die Lösung!

 Omer Fast ist 1972 in Jerusalem geboren und in New York aufgewachsen. Auf der dOCUMENTA 13 und auf der 54. Biennale von Venedig wurden Arbeiten vom ihm gezeigt. Nach Einzelausstellungen  in New York, Amsterdam, in Stockholm, Montreal oder Barcelona ist dies seine erste große Schau in Berlin.

Omer Fast ist zusammen mit Clemens von Wedemeyer, der zur Zeit in Hamburg zu sehen ist, sicher einer der interessantesten, aktuellen Video- und Installationskünstler, wobei Fast noch einen Schritt weiter geht!

Christa Blenk

 

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Orte und Einfluß – Clemens von Wedemeyer

Orte und Einfluss

 

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Ausstellungsplakat

Erst beim zweiten Hinsehen bemerkt man, dass das, was man sieht, kein Foto ist.  100 Meter Entfernung machen aus den über einen Platz gehenden oder hetzenden Menschen wuselnde Lebewesen. Ene Drohne hat das fotografiert. Die nicht identifizierbaren Menschen bewegen sich, bleiben stehen, gehen weiter, warten auf Jemanden, versammeln sich. Wir wissen nicht woher sie kommen oder wohin sie gehen und es interessiert uns auch nicht. Handlungsort ist der Verbindungsplatz zwischen Alt- und Neubau der Hamburger Kunsthalle. Square heißt dieser Film von Clemens von Wedemeyer im ersten Saal der Hamburger Kunsthalle, wo seit dem 30. September seine wichtigsten und neuesten Film-Videoarbeiten aus den Jahren 2002-2016 zu sehen sind. Sie alle lösen auf ihre Weise eine Beklemmung aus und ersticken jedes Wohlfühlgefühl. Zukunftsvisionen oder Anlehnungen an Science Fiction Verfilmungen von Philipp K. Dick. Einsamkeit und Überwachung, Totalkontrolle in Grautönen.

Von Wedemeyer beschreibt in Filmen mit unterschiedlicher Länge die Geschichten von reellen Orten in der Gegenwart, Vergangenheit und in der Zukunft.  Esiod dauert 38 Minuten und ist eine Vision der Zukunft, genauer gesagt man schreibt das Jahr 2051. Eine junge Frau kommt nach vielen Jahren von irgendwo her zurück. Eine Computerstimme heißt sie Willkommen. Sie scheint verloren und erkennt ihr Umfeld wohl nicht mehr, kann sich nicht an alles erinnern. Aus einer Art U-Bahn kommend überquert sie einen Platz, der schon mal bessere Zeiten gekannt hatte. Sie wird von maskentragenden Polizisten kontrolliert und gelangt schließlich zu ihrer ehemaligen Bank. Dort findet sie nicht gleich den Eingang und zeigt – zum Glück – eine menschliche Regung: Ärger! Die Tür ist verschlossen. Aber kurz darauf trifft sie auf den Manager. Sie will ihre Identität und ihre Erinnerung zurück haben, ihr Persönlichkeitskonto auflösen, dazu muss sie sich anhand eines choreografischen Bewegungscodes – wie viele andere Bankkunden auch – identifizieren. Es geht also nicht nur um Geld, es geht vor allem um persönliche Daten, die sie der Bank anvertraute. Wie es scheint, hat die Digitalisierung sie hinter sich gelassen, sie war zu lange weg. Ein Space-Soundtrack unterstützt eine dumpfe Mahr, aber eher beim Zuschauer. Sie scheint relativ ruhig und gedopt den Problemen und Machtgefilden gegenüber zu stehen. Der Identifizierungsprozess endet in ihrer Defragmentation. Sie löst sich in staubähnliche Hologrammpartikel auf.

Eine Wiener Bank hat den Film in Auftrag gegeben und deshalb spielt er auch in Wien, allerdings ist der Wiener Schmäh nicht mehr auszumachen und blauer, nicht greifbarer Kälte gewichen.

 

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Esiod 2015 (2016)

Für Clemens von Wedemeyer (*1974)  ist es seine erste bedeutende und umfassende Ausstellung. Man muss viel Zeit mitbringen, denn die Filme sind alle relativ lang. Sun Cinema Projekt entstand 2010 und dauert eine knappe Stunde. Wedemeyers Beitrag für die  dOCUMENTA XIII, Muster, mit dem er 2012 international bekannt wurde läuft 3 x 27 Minuten und zeigt in drei Sequenzen Geschichte und Nutzung in den Jahren  1945, 1970 und 1994 des  ehemaligen Breitenau-Kloster bei Kassel. Die filmische Installation Basel Podest (2006) spielt in einem Fernsehstudio, in dem so einiges schief gelaufen sein dürfte. Umgefallene Möbel und Blutstropfen – aber alles ist Fake, wie bei der Truman Show.

Heute lebt und arbeitet von Wedemeyer in Berlin und Leipzig als Professor für Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. 2013/2014 war er Stipendiat der Villa Massimo in Rom und hat dort im MAXXI „The Cast“, eine Reise durch das italienische Kino und Cinecittà präsentiert. Die alten Kinoklassiker werden immer wieder zitiert in seinen Arbeiten.

Der Übergang von der Besucherrolle zur aktiven Beteiligung kann ganz schnell passieren. Oft reicht nur der Schritt über die Schwelle und man vergißt die Jahreszahl!.

Christa Blenk

 

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Canova und der Tanz

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Ausstellungsplakat am Bode Museum
 

Alles schwebt

Terpsichore, Liebesgötter und kalte Schönheiten

Der italienische neoklassizistische Künstler Antonio Canova (1757-1822) zählt zusammen mit dem Dänen Thorvaldsen zu den bedeutendsten Bildhauern seiner Zeit.

Das Bode-Museum hat ihm anlässlich ihrer Wiedereröffnung vor 10 Jahren diese Ausstellung, die den Fokus auf Canovas Passion, den Tanz, richtet, organisiert.

Aus Canovas Reisetagebüchern weiß man, wie sehr er von Tanz und Theater angezogen wurde und wie sehr ihn Bewegung an sich faszinierte. Mit seinem Künstlerfreund Antonio D’Este hat er so einige Sommernachmittage im damals populären Trastevere-Viertel in Rom verbracht, um die Mädchen bei den Volkstänzen zu beobachten und sich ihre fliegenden, leichten Bewegungen einzuprägen, die er in Zeichnungen festhielt und später in Marmor einfror. Der Bleistift sei mit dem Meißel gleichzustellen, beides Werkzeuge, die zur Unsterblichkeit führen, schrieb sein Freund Missirini in einer Künstlerbiographie.

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Hauptsaal der Ausstellung

Canovas Arbeiten sind aber auch beeinflusst von griechischen Vasen und von den Fresken in Herculaneum, die er immer und immer wieder aufsuchte. 1749 wurde die Villa des Cicero in Pompeij entdeckt und auch diese antiken Wandmalereien waren wie eine Revelation für ihn.

Die Tänzerin mit dem Finger am Kinn ist nur als Gipsmodell (mit Bronzenägel) zu sehen. Seine Heimatstadt Possagno hat sie glücklicherweise ausgeliehen. Die Bronzemarkierungen  sollten dafür sorgen, das Original in Marmor maßstabsgetreu nachzubilden. Wo sich das Original heute befindet, weiß man nicht.

 

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Gipsmodell aus Possagno

 

Josephine de Beauharnais, Napoleons erste Frau, hat eine der bekanntesten Tänzerinnen, die mit den Händen in den Hüften, in Auftrag gegeben. 1815 landete sie mit zwei anderen Skulpturen von Canova  in der St. Peterburger Hermitage.

Eines der highlights in der Schau ist das Fries Markt der Putten; es entstand 1799, vierzig Jahre nachdem in Stabiae (Nähe Pompeij) ein Fresko freigelegt werden konnte, das den vielseitigen Gott Merkur als Amorino-Händler repräsentiert. Er übergibt ledigen und nicht-verliebten Mädchen einen Amorino, den sie solange behalten, bis der Liebespfeil sie trifft und der Liebesbote  muss bis zum nächsten Einsatz wieder  in den Käfig zurück.  Goethes Gedicht Die Liebesgötter auf dem Markte basiert übrigens auf dieser Geschichte. Das Fries von Canova lässt auf den ersten Blick an ein Ballet denken, alles fliegt und tanzt amüsiert durch die Geschichte. Das Exponat ist ebenfalls eine Leihgabe aus Possagno.

Die Kälte, die der deutsche Archäologe und geistige Erfinder des Klassizismus  Winckelmann, suchte oder diktierte verschwindet, wenn man sich mit dem tanzenden, reinen und makellosem Marmor konfrontiert. Canovas Tänzerinnen berühren den Boden fast nicht, sie schweben schwerelos wie Hebe, deren Fußspitze nur andeutungsweise den Boden berührt. Sie ist 1796 entstanden und eines seiner Meisterwerke. König Friedrich Wilhelm III erwarb die Skulptur 1825 für die Berliner Museen.

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fünf Tänzerinnen, Mischtechnik auf Leinwand aus Bassano del Grappa,
 

Als Kooperationsprojekt der Staatlichen Museen zu Berlin mit dem Museo Canova in Possagno und dem Museo Civico in Bassano del Grappa ist diese Ausstellung entstanden. Sie ist noch bis zum 22. Januar 2017 im Bode Museum zu sehen und darf nicht verpasst werden.

Christa Blenk

 

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Kontraklang – Maulwerker und Rühm

Onomatopoesie-Abend

 

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« Maulwerker » nach der Veranstaltung

 

Kontraklang: Lautdichtungen und Sprechduette

Gerhard Rühm, der bei der gestrigen Performance im Heimathafen Neukölln persönlich anwesend war, ist einer der bedeutendsten Künstler, ein Tausendsassa oder Wunderwurzi wie die Österreicher sagen. Er ist Schriftsteller, Lyriker, Schauspieler, Komponist, Performancekünstler, Maler und Poet. Gestern Abend hat er Gedichte oder Lautdichtungen aus seinem Repertoire vorgetragen – allein und Sprechduette er mit seiner Frau, der Musikpublizistin Monika Lichtenfeld. Dass er 86 Jahre alt ist würde man nicht vermuten. Temperamentvoll und witzig, ein einfallsreicher Sprachkünstler und Grenzgänger zwischen Noten, Buchstaben und Sprachexperimenten.

Das Programm begann mit der Kurzoper „Die Schwester“ (2016) von Christian Kesten (er gehört, wie auch Steffi Weismann, zu den Maulwerkern) nach einem Libretto von Gerhard Rühm und vorgetragen von dem Ensemble „Maulwerker“. Spannend, hauchend, schreiend, gestikulierend und Gegenstände verrückend hielt diese Performance das Publikum in Atem, wenn  man sich überhaupt traute zu atmen.

Die Künstler erzählen die Geschichte einer Person, die sich mit einer zweiten Person über eine Dritte unterhält. Sie spielt weit weg, vielleicht auf einem anderen Planeten. Die Sprache, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr; aber es gibt noch eine Wohlfühl-Verbindung zu früher, zum Bekannten. Das Radio, die unzähligen Frequenzstörungen lassen dann und wann ein Wort durch das wir verstehen und kennen, Musik  (von Ravel) ist zu hören und allgemeine Störgeräusche. Aber immerhin hat das ausgereicht, um am Ende zwei Sätze zustande zu bringen. „Es war schönes Wetter heute“.

Dann kam Rühm auf die Bühne und las vier Soli (Seufzerprozession (2009), Lautgedicht (2000), Verlautbarung, eine Sprechstunde in Amtsdeutsch (2006) und Josephslegende (2007). Weiter ging es mit den Sprechduetten und dazu kam kam Monika Lichtenfeld zu ihm auf die Bühne und es wurde sehr lustig. Anschließend  wissen wir also, dass ein Mann den Rekord an gesprochenen Wörtern innehat und Frauen erst ab 30 Jahren mehr reden, um ihren vor ihnen sterbenden Männern auch alles noch mitteilen zu können. Köstlich die Beiden!

Nach der Pause wieder die Maulwerker mit einem frühen, sehr minimalem, Werk von Rühm aus 1962 sowie einem Beitrag von Sven-Ake Johannson (Stereo für 8 aus 2005). Johannson war übrigens auch persönlich anwesend.

Antje Vowinckel lebt als  Radio – und Klangkünstlerin, Performerin und Regisseurin in Berlin. Sie ließ Amy Walker in 21 Dialekten oder Akzenten ihren Kurz-CV auf Video herunterplattern  (das Video 21 accents gibt es auf Youtube) – es lohnt sich!

Steffi Weismanns „folie (2016) hat uns sehr berührt und mit Panik überschüttet. Fünf Maulwerker befanden sich auf der dunklen Bühne und hatten Plastikfolien auf dem Gesicht. Wir konnten die Atembewegungen und angsterfüllte Atemveränderungen  hören und sehen. Ein weiteres Mitglied hat diesen Schauer-Prozess mit einer lauten und monotonen Ratsche begleitet.

Rühms Väter sind u.a. auch die Dadaisten und wie er zerlegt er Sprachmaterial und baut Buchstabenmusik oder Gedichte daraus. Hugo Ball und Emmy Hennings praktizierten dies zum ersten Mal im Februar 1916, im Jahr der Erfindung der Dada-Bewegung als sie im Cabaret Voltaire in Zürich Unsinnsgedichte vortrugen und viel Erfolg verzeichnen konnten. Der Österreicher Rühm lebt seit den 60er Jahren in Berlin und Köln, in Wien hat man ihn nicht verstanden und es gab sogar ein Publikationsverbot.

Die Maulwerker haben sich in der jetzigen Formation 1988 gegründet und sind aus musiktheatralen Werken unseres Jahrhunderts nicht wegzudenken. Zu Ihnen gehören  Michael  Hirsch, Ariane Jeßulat, Henrik Kairies, Christan Kesten, Katarina Rasinksi, Tilmann Walzer, Steffi  Weismann. Sie sind Sänger, Performer, Künstler, Schauspieler oder Komponisten  und dementsprechend auch ihre Spannbreite als experimentelles Vokalensemble oder Musik-Raum-Klang-Architekten die sich mit Cage und Fluxus befassen.

Interessanter Abend!

Das nächste Konzert organisiert durch Kontraklang „Nach Kagel“ findet am 15. Dezember 2016  auch wieder im Heimathafen Neukölln statt.

Christa Blenk

 

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Deutschland – Erinnerungen einer Nation – Ausstellung

Deutschland – Erinnerungen einer Nation

 

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 Ausstellungsplakat

 

Der Britische Blick: Deutschland – Erinnerungen einer Nation

Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden(Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Xenien, 1796)

Seit dem 9. Oktober 2016 ist im Martin Gropius-Bau eine Ausstellung zu sehen, die das Deutschlandbild beschreiben soll – aus Sicht der Briten wohlgemerkt. Der Historiker Neil McGregor, Intendant des sich gerade im Aufbau befindenden Humboldt-Forums und ehemaliger Direktor des British Museum, hat sie 2014/2015 für eben dieses Londoner Museum organisiert. Ziel sollte sein, das vor allem vom 20. Jahrhundert geprägte Deutschlandbild der Briten auf die Vergangenheit auszudehnen und deren Geschichtshorizont zu erweitern. Das Interesse war groß, denn rund 115000 Besucher konnte die Schau in dieses kulturgeschichtlich außerordentlich bedeutende Museum locken.

Mit 200 Exponaten, von denen sehr viele aus dem British Museum kommen, werden 600 sehr bewegte Jahre unseres Landes dokumentiert. Ein Land, das sich immer wieder neu erfinden musste, ein Land, das permanent seine Grenzposten verrückte und seine Zollschranken versetzte, ein Land, das mit unzähligen unterschiedlichen Währungen und Sprachen umzugehen hatte. Ganz anders als bei unseren britischen Nachbarn. Londinium wurde bereits im Jahre 50 n.C. von den Römern gegründet und ist seit 1066 Hauptstadt des Königreichs England; das englische Pfund Sterling wird schon im 11. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt.Eine Informationstafel aus dem 17. Jahrhundert gleich in den ersten Räumen dokumentiert das sehr er- und einleuchtend.

Die Schau beginnt mit der Presseberichterstattung zum Mauerfall 1989 und wandert durch die Themenbereiche „Deutschland – Erinnerungen einer Nation“, „Fließende Grenzen“, „Reicht und Nation“, „Made in Germany“, „Krise und Erinnerung“.

Didaktisch und abwechslungsreich werden Kultur, Wirtschaft und Politik von der Frührenaissance bis zum Mauerfall behandelt. Dichter, Philosophen, Künstler, Erfinder und Politiker kommen zu Wort. Maximilian I, ab 1508 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, gab bei Dürer so Manches in Auftrag. Von Ihm sind einige Arbeiten ausgestellt, darunter die Rhinozeros-Radierung von 1515 (die er übrigens nur nach einer Beschreibung eines solchen fertigte); im selben Raum steht  das Porzellan-Pendant von Johann Gottlieb Kirchner. Tischbeins wandfüllendes Goethe-Portrait in der Römischen Campagna, die deutsche Landschaftsromantik repräsentiert u.a. durch  Caspar David Friedrich, filigrane astronomische Gerätschaften,  Gutenbergs Buchdruck, Luthers Bibel, Heinrich-Heine und ein Neoprenanzug.

Am Brezel-Käfer von 1952 vorbei hat sie uns eingeholt, unsere  finstere Geschichte des 20. Jahrhundert. Dort steht das Lagertor (eine Replik) von Buchenwald.  Das KZ Buchenwald wurde 1937 praktisch vor der Haustür der Bauhaus-Stadt Weimar, der Stadt, in der Goethe und Schiller wirkten, errichtet. Franz Ehrlich, Bauhaus-Schüler und Inhaftierter in Buchenwald hat es entworfen. Von innen lesbar steht dort in Bauhausschriftzügen „Jedem das Seine“. Daneben an der Wand springt uns der Satz von  Paul Celan.„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ ins Gesicht; Anselm Kiefer hat die Todesfuge in Kunst umgesetzt. Erschütternd die Skulptur « Schwebender“. Ernst Barlach hat sie 1927 für den Dom zu Güstrow gefertigt. Ein in der Luft hängender und in Ketten gelegter Engel mit gebieterischem Kinn, vor der Brust gekreuzten Armen und mit den Gesichtszügen seiner Künstlerkollegin Käthe Kollwitz scheint er wie eine Rakete auf uns zuzuschwingen. Barlach kam als Pazifist aus dem Krieg zurück und hat mit diesem Werk das Drama des Ersten Weltkrieges verarbeitet. Die Schau verabschiedet sich mit einem Offset-Druck einer der Meisterwerke von Gerhard Richters, Betty , sie hängt gegenüber einem  Modell des  neuen Reichstags, schaut ihn aber nicht an, da sie uns und ihm den Rücken zudreht.

« Die Ausstellung öffnet uns den Blick zurück und gibt uns unsere eigene Geschichte wieder“so der künstlerische Direktor und Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender.

Das Konzept ist seltsam und hatte natürlich auf der britischen Insel einen ganz anderen Stellenwert. Wir wissen ja, dass es außer Sauerkraut, Fußballhelden, dem Oktoberfest, den romantischen und  bei rieselndem Schnee Glühwein-schlürfenden Weihnachtsmarktbesuchern und der Kuckucksuhr noch Anderes – Schönes und Unschönes, Gutes und Schlechtes  – bei uns gibt.

Auf Interesse scheint die Ausstellung in Berlin aber trotzdem zu stoßen, wenn man die vollen Ausstellungsräume als Maßstab nimmt und beobachtet, wie andächtig die deutschen Gruppen den Ausführungen ihrer Museumsführer zuhören, wenn dieser ihnen Deutschland erklärt!

Sehenswert allemal!

Bis zum 9. Januar 2017 ist sie noch im Walter-Gropius-Bau zu sehen.

 

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Foto in der Casa di Goethe / Rom (Goethe von Tischbein in der Campagna Romana)

Christa Blenk

 

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Göttlich Golden Genial – Der Goldene Schnitt

Göttlich Golden Genial

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Weltformel – Goldener Schnitt?

Was ist Schönheit? Was ist Perfektion? Ist es mystischer Zauber? Wer oder was definiert es?

Das Museum für Kommunikation in Berlin setzt sich zur Zeit in einer Ausstellung mit diesem Thema auseinander.

Der Goldene Schnitt oder das perfekte Verhältnis. Sei es in der Natur, Mathematik, Architektur, Malerei oder Mode, der Goldene Schnitt ist überall versteckt und man braucht dazu in keiner Zaubewerkstatt verschwinden.  In der Fibonaccio-Folge, einer Stradivari-Geige, den Arbeiten der russischen Konstruktivisten, Rothkos Bildern, in Leonardos Zeichnungen und Intarsien, in der Goldenen Spirale vom deuschen Künstler Hansjörg Voth, die er in der marokkanischen Wüste gebaut hat oder in einem Gebäude von Le Corbusiers. Angeblich soll das Gesicht von Marilyn Monroe ein Beispiel davon sein, der wunderschön geformte Broccoli Romano fällt darunter oder eine Sonnenblume. Schon die Griechen haben sich mit diesem Wunder befasst und natürlich die Renaissance; aber erst im 19. Jahrhundert wurde der Goldene Schnitt bewusst zum Inbegriff des Harmonischen.

 

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Multimedial und interaktiv versucht die Ausstellung dieses Phänomen zu hinterfragen, bzw. es verständlich zu machen. Was in der Ausstellung leider nicht immer gelingt. Der Zuschauer steht vor wohlgeformten Muscheln, Früchten oder Häusern und sucht Erklärungen die fehlen, um der Sache wirklich auf den Grund gehen zu können. Der Besucher kann seine Gesichtszüge holografisch mit den goldenen Proportionen vergleichen oder auf der Gorschel-Orgel goldene Musik spielen.

Interessant ist die Ausstellung allemal!

Christa Blenk

 

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Unheimlich – Innenräume von Edvard Munch bis Max Beckmann

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Ausstellungsplakat zwischen Bonner Straßen

 

Unheimlich – Innenräume von Edvard Munch bis Max Beckmann

Gemütlicher Schauder

Unheimlich ist der Titel der Ausstellung im Kunstmuseum in Bonn, die seit 20. Oktober 2016 zu sehen ist. Unheimlich bedeutet schauerlich, gruselig oder furchtregend. Der Titel ist deshalb nicht sehr aussagekräftig, denn hier geht es auch viel um Angst und Einsamkeit, um Unwohlsein, um Hinweise auf Gewalt, versteckte und offensichtliche und um Traum und Wirklichkeit.

Kein Entkommen, Dinge, Totenhaus, Alpträume, Einsamkeit, die Anderen,  Verschwinden, Tatorte sind die Schlagwörter und in diese ist die Ausstellung unterteilt.

Der Impressionismus hat die Maler auf die Straße und in die Landschaft geschickt, um das Licht zu suchen, zu verstehen, zu kopieren und zu interpretieren. Die Sonne durchflutet Land und Leute und die Farbe Schwarz verschwindet fast gänzlich. Die Gegen- oder Folgebewegungen, angefangen mit den Nabis-Vertretern wie Edouard Vuillard, und Strömungen vor allem in den nordischen Ländern suchten wieder das Dunkle, das Unheimliche, das Zurückgezogene, das Abgeschlossene und damit sind wir auch schon bei der Ausstellung. Dänemark, Norwegen, Belgien, Frankreich und Deutschland sind die Protagonisten. Die im Winter sonnenarmen Gegenden, deren Bewohner verpflichtet sind, sich ins eigene Heim zurückzuziehen, was paradoxerweise aber nicht gleichbedeutend mit gemütlich ist. Und diese Stimmungen, die klammen, feuchten, finsteren, befremdlichen und unbehaglichen werden in der Ausstellung analysiert. Es spukt und es fremdelt und man friert.

Der Untertitel Innenräume von Edvard Munch bis Max Beckmann relativiert ein wenig den Ausstellungtitel Unheimlich. Aber das macht ihn dann auch wieder unheimlich! Und bei Auguste Chabrauds Hotelflur (1907) könnte man durchaus an Psycho denken.

Die Treppe vom Genter Maler Eugène Laermans  (1896) ruft Assoziationen an die Radierungen von Hugo Steiner-Prags Golem-Illustrationen hervor. Steiner-Prag fehlt leider in der Ausstellung. Höchstens Goya oder das Kino übertreffen ihn, wenn es darum geht, Angst in Räumen zu erzeugen. Athanasius Pernath kann ein Lied davon singen.

In der Zugluft hängende Kleider können zu Gespenstern werden und das Zwielicht Möbel in Bewegung setzen. Man ist diesen Geschehnissen hilflos ausgeliefert und kann sie nicht verhindern. Der dunkle Raum ist geschlossen und bekommt nur noch etwas Licht von draußen, von der leichten und gefahrfrei- hellen Freiheit.

James Ensors Pierrot und Skelett zeigt einen gedeckten Tisch; zwischen Weinkrug und Brotkorb thronen ein Totenkopf und der lustige Kasperl. James Ensor ist sowieso prominent vertreten in der Ausstellung, wie viele seiner belgischen Landsleute. Ensor war ein Meister des Versteckten und hat all das was man nicht sehen kann in seine Bilder gepackt.

Eine große Bereicherung für die Schau und eine Entdeckung überhaupt sind die Werke der belgisches Surrealisten Léon Spillaert (1881-1946). Das Selbstportrait 3, entstand 1908 und ist das Ausstellungsplakat. Es ist mit Aquarell, Farbkreide und Tinte gemalt, 50 x 65 cm groß und kommt aus einer Privatsammlung. Spillaert sitzt, irgendwie ertappt, in einem grau-braun-schwarzen Raum oder Vorraum blickt schräg auf uns und hat wohl eine blonde, auftoupierte Perücke oder ein Haarteil auf dem Kopf. Was er genau macht oder wo er genau ist kann man nicht feststellen. Von diesem Künstler hängen einige interessante Werke in der Ausstellung, darunter auch das Aquarell Allein (1909). Es zeigt ein kleines fast gesichtsloses Mädchen mit blauem Kleid und gelben Haaren in einem seltsam verwinkelten Raum. Sie schaut uns an und tut uns leid, aber wir wissen nicht warum. Der Stuhl auf dem sie sitzt kippt oder hat ein fehlendes Stuhlbein.

 

Raum der Einsamkeit
Raum der Einsamkeit – E.Munch (Foto: jnp)

 

Und natürlich immer wieder Munch, der Traurigste von Allen. Seine Bilder sind nicht unbedingt unheimlich, sie berühren durch Einsamkeit und soviel Gram, dass man wegsehen muss. Munch hatte keinen Schutzengel, nichts Helles in seinem Umfeld.  In dem Bild Leichengeruch malt er den Geruch des Todes. Munchs Familie ist fast komplett der Tuberkulose zum Opfer gefallen und immer liegt irgendjemand im Bett und stirbt gerade, so auch bei Tod im Krankenzimmer (1893) aus dem Munch Museum in Oslo. Befremdend dafür am Ende der Ausstellung unter dem Thema Tatorte Munchs Mord (1906) Hier scheint keine Trauer zu herrschen. Die Wände um den Toten sind Van Gogh-Gelb und fast fröhlich und nur der rote Fleck auf dem Hemd des Darniederliegenden spricht von Tod. Sonst könnte man auch einen Siesta-haltenden Mann vermuten. In der Ausstellung geht es jedenfalls der Gemütlichkeit und des Geborgenheitsgefühls im eigenen Heime kräftig an den Kragen, was sicher von Allen nachvollzogen werden kann! Denn wer kennt nicht die plötzliche Panik wenn ein Luftzug die Vorhänge bewegt, man früher eine finstere Kellertreppe runter gehen musste oder ungewohnte Geräusche sich nachts in den Halbschlaf mischen. Der deutsche expressionistische Film oder natürlich Alfred Hitchcock haben solche Ideen und Situationen bis zum Letzten ausgeschöpft.

Über 100 Gemälde, Zeichnungen und Drucke von u.a. Munch, Beckmann, Ensor, Spilleart,  Vuillard, Redon, Hammershoi, Kubin, Heckel, Hofer aus zahlreichen internationalen und nationalen Museen oder Privatsammlungen zwischen Ende des 19. bis in die Hälfte das 20. Jahrhunderts sind zu sehen. Die Künstler gehörten zu den Metaphysikern, dem Symbolismus oder dem Expressionsmus oder der Nabis-Gruppe an.

Bis zum 29. Januar 2017 ist die Ausstellung noch zu sehen. Sie wird gefördert durch die Hans-Fries-Stiftung, das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW, den Landschaftsverband Rheinland und Jürgen Hall.

Christa Blenk

 

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Ernst Ludwig Kirchner – Hieroglyphen

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Ausstellungsplakat

 

Seit dem 23. September sind im Hamburger Bahnhof sämtliche Werke des wichtigsten deutschen Expressionisten um die Jahrhundertwende aus dem Bestand der Neuen Nationalgalerie ausgestellt.

Ernst Ludwig Kirchner – Hieroglyphen

 

P1010217
Skizze eines Briefes an Erich Heckel mit Skizze nach afrikanischer Skulptur
- 1910 – Stiftung Historische Museen Hamburg

 

„Hieroglyphen“ ist eine Kirchnersche Art und Weise sich auszudrücken. Überbleibsel aus seinem Architekturstudium vielleicht. Die Ekstase der nervösen Großstadt, das Treiben, Gehen, Laufen, Hetzen, und das Umsetzten in Striche, Formen und Farben hat er damit verbunden. Die Großstadtbilder sind schlanker und filigraner als die Produktion seiner Bergland-Aufenthalte. Oft ist nur Zeit,  ein paar Linien oder Farbklekse aufs Papier zu bringen, weil ein Eindruck den nächsten jagt und der Adrenalinspiegel ganz hoch ist.

Die eleganten Damen am „Potsdamer Platz“ mit ihren Hüten, Federn, spitzen Schuhen und Ellenbogen oder « Rheinbrücke in Köln »  (1914) sind Symbole in Kirchners überfüllten und schnellen Tabletten-Welt. Lange hat er die Stadt auch nicht ausgehalten, aber ohne sie ging es auch nicht. Der Nachhall hielt an.

Man muss ein paar mal um die Ecke denken und sich selber viel Spielraum geben um das Hieroglyphen-Konzept zu verstehen. Aber wenn man seine Bilder mit zugekniffenen Augen betrachtet, dann kann man sie sehen!

18 Werke aus der Sammlung werden präsentiert, repräsentativ genug, um den Maler, Zeichner und Bildhauer Kirchner zu verstehen und wieder zu erkennen. “Die Badenden am Strand (Fehmarn)“ und „Sitzender Akt“sind Bilder, die seine Nähe zu den Fauvisten und auch zum Orientalismus beschreiben, aber auch Fratzen und grelle Paare oder seine Befassung mit Max Liebermann sind zu sehen.

 

wiesenblume und kathe
in der Ausstellung/re: Wiesenblume und Katze

 

Fotos, Bücher, Zeichnungen ergänzen die kleine, aber komplette, Ausstellung.

Zwei Werke von zeitgenössischen Künstlern begleiten die Schau. Einmal der Film „Hidden Conference“ von Rosa Barba und eine Serie von Rudolf Stingel, der Kirchners Fotos der „Stafelalp“ aufarbeitete und hiermit die Vergangenheit in die Gegenwart holt.

Bis zum 26. Februar 2017 ist die Ausstellung noch in den Räumen des Hamburger Bahnhofs in Berlin zu sehen.

 

P1010215
In der Ausstellung

 

Den Expressionismus gab es schon lange vor den Kirchners und Noldes dieser Welt, es gibt ihn, seit die Menschheit sich ausdrückt und das war schon bei den Höhlenmalern in Lascaux oder Altamira so. Er steht stellvertretend für das Primordiale im Menschen, das Dunkle, das Verzerrte und Geheimnisvolle, das nicht Erklärbare.

Wir verbinden den Expressionismus mit einer Kunstbewegung die Ende des 19. Jahrhunderts anfing. Wilhelm Worringer hat 1911 in der Zeitung Der Sturm den Begriff zum ersten Mal verwabenutztndt,  vor allem um die „reaktionären“ Impressionisten zu kritisieren.  Expressionismus wurde zum Schlagwort von spirituellen Schriftstellern und Drogen nehmenden Malern und – unterstrichen durch die Grausamkeiten des ersten Weltkrieges – der Inbegriff des 20. Jahrhunderts. Egal ob es um die schwarzen Zeichnungen von Goya,  Dr. Calgari, Den Dritten Mann,  um Noldes verzerrte Frazzen, Kirchners Sicht von Max Liebermann oder Lüpertz’ grobschlächtige Holzskulpturen geht.

Christa Blenk

 

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20 Jahre Hamburger Bahnhof

20 Jahre Hamburger Bahnhof

 

100 Stuehle (2)
Christoph Büchel Installation Hamburger Bahnhof

 

Am 1. November 2016 feiert der Hamburger Bahnhof seinen 20. Geburtstag. Er entstand als  weiteres Haus der Nationalgalerie und dort werden während der Umbauarbeiten der Neuen Nationalgalerie abwechselnd Werke des deutschen Expressionismus – wie zurzeit Ernst Ludwig Kirchner HIEROGLYPHEN  – gezeigt.

Die Installation Training Ground for Training Ground for Democracy von Christoph Büchel in der Haupthalle ist extra für dieses kleine Jubiläum aufgebaut worden. Es ist Teil der Schenkung von Friedrich Christian Flick. Seit seiner Entstehung 2007 für die Art Basel Miami Beach ist sie nicht wieder gezeigt worden. Ein weiterer Grund dafür, diese Installation gerade jetzt aufzustellen, ist die bevorstehende Wahl in Amerika im November. Wir sehen also ein weihnachtlich geschmücktes, glitzernd-kitschiges Wellblech-Wahllokal, das vielleicht ein Jugendheim oder Kindergarten ist, umgeben von einem Gitterzaun und angefüllt mit dem Müll, den eine Konsumgesellschaft produziert oder die Habseligkeiten von Menschen, die auf der Straße leben. Diese politische „Skulptur“ von Büchel geht auf sein jahreslanges Sich-Auseinandersetzten mit der Politik zurück. Wahlkabinen inklusive Überwachungskameras zeigen die Wahlen im Jahre 2000; vom Dach aus kann Propagandamaterial in die Welt gestreut werden. 

Christoph Büchel (*1966) ist ein Schweizer Konzept – und Aktionskünstler, der sich vor allem mit Rauminstallationen beschäftigt und in der Vergangenheit öfter schon mal für Schlagzeilen gesorgt hat.

 

100 Stuehle (1)
Franz West – 100 Stühle

 

Ein krasser Gegensatz zu dieser « messie-Ansammlung » ist die Rauminstallation 100 Stühle des österreichischen Künstler Franz West (1947-2012) aufgestellt; auf diesen kann man wohl warten, bis man das Wahllokal – immer nur ein Person – betreten kann.  Der Performance- und Installationskünstler Franz West  war Biennale und Documenta-Teilnehmer und zählt zu den bedeutenden zeitgenössischen Künstlern Österreichs. West hat schon 1992 für die documenta IX Stühle installiert.

In den Rieckhallen wird ab 28. Oktober das Ausstellungs- und Konzertprojekt Scores zu sehen/hören sein. Hierbei geht es um Musikwerke Bildender Künstler, deren Partituren – meist Auftragsarbeiten – ausgestellt bzw. an drei Abenden Ende Oktober aufgeführt werden.  Die Arbeiten sind von Saâdane Afif (Frankreich, *1970), Christian Marcley (Schweiz, *1955) Ari Benjamin Meyers (USA, *1972) und Jorinde Voigt (Deutschland *1977).

Christa Blenk

 

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