Archives pour la catégorie Art

Georg Grosz

Georg Grosz – Bröhan Museum

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Kunst der Apokalypse

Nach der gelungenen Ausstellung „Berliner Realismus“ hat das Bröhan Museum nun dem bedeutendsten und provokativsten Satiriker der 1920er Jahre, dem Maler Georg Grosz (1893-1959), eine umfassende Retrospektive gewidmet.

Mehr als 200 Exponate aus dem Berliner Nachlass, aus Berliner Museen sowie aus Privatsammlungen beschreiben diese belebte, wahnsinnige, dunkle, von Krieg und Ungerechtigkeit, Angst und wüsten Vorahnungen belastete Zeit, die in einen neuen Krieg münden sollte. Nichts war ihm heilig und seine Aufgabe sah Grosz darin, die Missstände in seinem Land anzuprangern und aufzudecken. So einige Anzeigen und Anklagen hat ihm das eingebracht. Weder Reichswehr noch Kirche waren vor seiner Kunst sicher. Grosz malte das Hässliche, so wie er es sah und voraussah und oft noch schrecklicher als die Realität. Er war so etwas wie eine Kassandra. Seine Bilder sprechen von einer prophezeienden, brutalen Sensibilität, wie zum Beispiel die Zeichnung „Siegfried Hitler“  von 1923. Eckig und zackig, hart sind seine Protagonisten. Dicke Männer mit gemeinen Gesichtern trinken und essen, während im Hintergrund rohe Gewalt regiert. Das Titelbild zeigt zwei undurchsichtige Gestalten, die sicher ein krummes Geschäft vorhaben. „Brillantenschieber“ entstand 1920.

Ein Nervenzusammenbruch 1917 war die Ursache, dass er aus dem Kriegsdienst entlassen wurde. Schonungslos und gnadenlos sezierte er in der Folge mit sarkastischem Spott Militär, Kirche, Justiz, Wohlstand, Bürgertum, Industrie oder Politiker. Seine Mittel waren Stift und beißender Hohn, Krimis und Western haben ihn zu allererst inspiriert und zu dieser Verrohung seiner Kunst beigetragen. Grosz war kurze Zeit Kommunist, trat aber nach einem Russland-Aufenthalt wieder aus der Partei aus und reagierte sich mit satirischem Sarkasmus an der Welt und am Establishment ab.

Seine produktivste Zeit war die Mappen-Zeit in den 1920er Jahren, während ihn Alfred Flechtheim in seine Galerie holte; der Publizist Wieland Herzfelde, Gründer des Malik-Verlages – brachte sämtliche Mappen von Grosz heraus. Einige, darunter „Die Räuber“, sind in der Ausstellung zu betrachten. Hier kritisiert er die Ausbeutung der Kapitalisten. Die Titel der Blätter sind Zitate aus Schillers „Räuber“. Für die Radierung Jesus am Kreuz mit Gasmaske und Militärstiefel wurde er angezeigt und musste eine Geldstrafe zahlen. Das war auch die Zeit, in der er für das Theater Bühnenbilder entwarf, die  Bühnenskizzen und Kostüme zu Erwin Piscators „Soldaten Schweijk“ sind ebenfalls in der Schau zu sehen.

1930 nahm Georg Grosz an der Biennale von Venedig teil und seine Präsenz dort brachte ihm direkt eine Einladung als Dozent nach New York ein. Ausgereist ist er 1932; gerade noch rechtzeitig, denn er stand schon seit längerer Zeit unter Beachtung der SA, die kurz nach seiner Abreise seine Wilmersdorfer Wohnung stürmte.

Trotz großem Bekanntheitsgrad konnte er in den USA nicht von seiner Kunst leben. Grosz konnte allerdings weiterhin als Dozent an der renommierten Art Students Leage of New York unterrichten. James Rosenquist und Jackson Pollock zählten übrigens zu seinen Schülern. Weitere bekannte Maler dieser Schule waren Robert Rauschenberg, Jasper Johns oder Robert Indiana.

1936 fand in Berlin die Olympiade statt. Grosz war zu dieser Zeit schon im amerikanischen Exil. Es entstanden apokalyptische Bilder wie  « The Last Bataillon » : ausgemergelte Soldaten in zerfetzten Uniformen versuchen sich mit seltsamen Waffen durchzuschlagen. Aber an ihren Beinen hängen schon die Ratten. Eines der letzten Bilder in der Schau ein weiteres Amerika-Zeit-Bild  « Kain oder Hitler in der Hölle« . Blutrot der Himmel, blutrot Dantes Höllenfeuer. Kain-Hitler in Übergröße wischt sich über die müde, heiße Stirn vor einem erschreckend großen Skeletthaufen, von denen einige an seinen Beinen hochklettern wollen. Während Abel auf dem Bauch im Maul eines Drachens liegt. Nun war die Gefahr für Grosz eine andere geworden: nämlich die nukleare Bedrohung.

Irgendwann kam er dann wieder darauf zurück, was er ganz früher sein wollte, nämlich Landschaftsmaler. Die Dünen von Cape Cod zeigen aber auch diesen beunruhigenden Grosz-Stil und beruhigen  nicht wirklich.

Seine Werke wurden von den Nationalsozialisten aus den Museen entfernt oder vernichtet. Kurz vor seinem Tod 1959 ist Grosz nach Berlin zurückgekehrt.

Dr. Tobias Hoffmann, Ralph Jentsch, Inga Remmers haben die sehr interessante Ausstellung kuratiert, die noch bis zum 6. Januar 2019 ist diese sehenswerte Ausstellung noch  im Museum Bröhan zu sehen ist.

Christa Blenk

 

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Otto Müller – Hamburger Bahnhof

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Als Sohn eines preußischen Leutnants wurde Otto Müller 1874 im schlesischen Liebau geboren. 1890 begann er eine Lehre in Lithografie und ab 1896 studierte er mit einer Sondergenehmigung an der Kunstakademie in Dresden. Kurz vor der Jahrhundertwende ging er nach München, wo ihm Franz von Stuck allerdings die Fortsetzung der Studien verweigerte. 1905 hat er sein Modell Maschka Mayerhofer geheiratet, mit der ihn sein Leben lang – auch nach der Trennung – großes Vertrauen verband.

1908 kam Otto Müller nach Berlin. Sein großes Vorbild war der Bildhauer Lehmbruch. Von ihm hat er die großen, schlanken Figuren – meist grün/braun und meist ohne Kleider –  die er sein Leben lang in eine meist grün-braune Natur stellte.  Erfolglos blieben seine Bemühungen, in der Berliner Secession aufgenommen zu werden, deshalb gründete er die Gruppe Neue Secession. So kam er zur Künstlergemeinschaft Brücke, der er von 1910 bis 1913 angehörte. 1915 musste er als Soldat nach Frankreich und Russland, wo ihn eine Lungenentzündung fast darnieder gerafft hätte. Diese Zeit ist durch Bilder in der Ausstellung dokumentiert.

Nach dem Krieg, 1919, wurde Müller  als Professor an die Staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe nach Breslau gerufen, wo er sich schnell dem Kreis der Breslauer Bohème anschloss. Seine Frau Maschka kam mit diesem ausufernden Leben nicht zurecht und ging Anfang der 1920 Jahre nach Berlin zurück.

Und um die Breslauer Zeit geht es in der Ausstellung Maler Mentor Magier: Otto Müller und sein Netzwerk in Breslau. Sie beschreibt sein Leben dort, sein Lieben und seine Zusammenarbeit mit den Studenten, die ihn allesamt verehrten.  Man trifft auf eher unbekannte polnische Künstler. Von Müller sind  nur eine handvoll seiner Hauptwerke zusehen, darunter das  großartige Eigenportrait von 1924. Müller mit Pfeife und Pentagram-Umhänger.  Verschmitzt und provozierend zeigt er sich selber vor einem grün-orangen Hintergrund, rauchend und mit einem umgekehrten Pentagramm blickt er auf den Betrachter. Ob das ausreicht, um ihn als Magier zu bezeichnen, bleibt dahingestellt.

Warum jetzt das Wort Magier im Ausstellungstitel steht, ist nicht ganz nachzuvollziehen wie überhaupt ein wenig der rote Faden fehlt. Viele Themen werden kurz angerissen und dann nicht weiterverfolgt. Ein wenig hilflos fühlt man sich dann und wann. Aber die Bedeutung von Müller, die vorherrschende Stilvielfalt vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit überhaupt und das weltoffene und liberale Breslau kommen gut hervor. Der damalige Direktor der Breslauer Akademie, Oskar Moll, hat durch interessante Neuberufungen die Akademie zu einem zentralen Ort von Freiheit und Aufgeschlossenheit gemacht, wo sämtliche Strömungen aufgesaugt , verarbeitet  und weiterentwickelt werden konnten. So kam Oskar Schlemmer vom Dessauer Bauhaus 1929 als Professor nach Breslau,  wo er zusammen mit Georg Muche und Johannes Molzahn unterrichtete. Von ihnen sind sehr interessante Werke zu sehen. Viele Müller- Schüler haben anschließend in Berlin eine Künstlerkarriere gemacht.

Während Maler wie Kirchner das Berliner Leben dokumentierten, geht Müller immer wieder in die Natur und beschreibt  eine lehmige Verbindung Mensch und Natur. Flach und nahezu perspektivlos sind seine Bilder

Alexander Camaro war ein Schüler von ihm und auf  Anregung der Camaro Stiftung kam die von Dagmar Schmengler kuratierte Ausstellung zustande; sie ist eine Fortsetzung der Serie von kleineren Sonderausstellungen mit Bildern aus der Neuen Nationalgalerie, die ja immer noch nicht fertig ist.

Bis zum 3. März 2019 wird die Ausstellung noch in Berlin zu sehen sein, dann geht wie weiter nach Breslau/Wroclav.

Auf der documenta 1 1955 wurden einige seiner Werke von Müller in Kassel gezeigt. 1930 starb er und hat nicht mehr erlebt, wie 1937 die Nazis fast 400 seiner Werke beschlagnahmten

Zu sehen sind Arbeiten auf Papier und Lithografien, Zeitungsausschnitte und Werke von ihm und anderen Künstlern. Die Texte sind in deutscher und polnischer Sprache; es gibt aber ein sehr ausführliches Begleithaft in Englisch.

Christa Blenk

 

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Villa Schöningen

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Ein Blick hinter die Bayreuther Kulissen

Die Farbe Blau muss für sehr viel herhalten: Das Eis ist blau, kalt, still, ruhig und hart. To feel blue bedeutet sich schlecht zu fühlen und blau sein ist eine Umschreibung für zuviel getrunken zu haben. Es gibt Blaulicht und Blauhelme und wer nicht zur Arbeit geht ohne krank zu sein, macht blau. Blau ist die Farbe des Himmels und des Meeres. Das Kleid der Muttergottes ist blau und die Romantik ebenso.

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Blau ist auch die Farbe, die das  Künstlerpaar Rosa Loy & Neo Rauch  für den Bayreuther Lohengrin 2018 ausgesucht haben und so wird dieser zu einer Rhapsody in Blue.

Bayreuth ist schon wieder vorbei, aber die Vorbereitungen, Konzepte und Ideen dieser Inszenierung, für die es nicht nur Lob gegeben hat, sind seit dem 3. Oktober 2018 in der Villa Schöningen, gleich hinter der Glienitzer Brücke,  zu sehen.  Eine Traum- und Märchenwelt im ersten Stock der Villa. Im Erdgeschoss wird die Bedeutung der Brücke von Berlin nach Potsdam beim Austausch von Agenten während des Kalten Krieges beschrieben. Auf dem Todesstreifen stand sie damals, die schöne Villa mit dem traumhaften Garten.

An die 100 Exponate sind hier der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, darunter Kostüme, Zeichnungen, Maschinen, Lichtprojekte und viel Pappe. Ergänzend kann man Wagners Musik lauschen und einer Diskussionsrunde des Künstlerteams und dem Dirigenten Thielemann zuhören,   Neo Rauch, der Expressionist, der Surrealist, der Symbolist, der Hauptvertreter der Leipziger Schule, dessen Bilder von Horror vacui geprägt sind, hat sich einen Traum erfüllt, laut einem Zeitungsinterview arbeitet er angeblich an „der Wiederverzauberung der Welt“.

Und wenn man vom Fenster der Villa auf den Wannsee blickt, würde es gar nicht verwundern, wenn da plötzlich ein blauer Schwan auf dem blauen See unter blauen Wolken herangesegelt käme.

 

cmb

 

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Zarte Männer – Ausstellung im Kolbe Museum

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 Raumansicht

 

Aufmarsch der Anti-Helden

Die diesjährige Herbstausstellung im Kolbe Museum ist « zarten Männern » gewidmet: Skulpturen der Moderne aus drei Generationen.

80 Plastiken von weniger bekannten Bildhauern sind zu entdecken aber auch bedeutende Künstler wie Wilhelm Lehmbruck, Hermann Blumenthal, George Minne oder Georg Kolbe selber sind ausgestellt und sie haben Eines gemeinsam: Die Männer entsprechen allesamt nicht dem damals (und vielleicht noch heute) erwarteten Männerbild. Die Skulpturen zeigen zarte, empfindsame und schüchtern-vergeistigte Jünglinge. In einer von Unruhen und Kriegen geprägten Zeit schauen diese wehrlos wirkenden Anti-Helden gen Boden, wollen sich nicht mit Schwertern oder Waffen belasten oder kämpfen. Sie sehnen sich nach schönen Gedanken, wollen Poesie zitieren und den Duft einer Rose in Arkadien schnuppern.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in Italien der Futurismus erfunden. Seine martialischen Parolen verherrlichten den Krieg. Die Welt musste laut und schnell und aggressiv werden. Diese dunkle, schwere Bewegung verlangte eine lichte Gegenbewegung, die wiederum eine Fortsetzung der Antikenverherrlichung bedeutete, die bereits im 19. Jahrhundert einsetzte. Das gebildete Bürgertum konnte sich die antiken Helden Merkur, Amor oder Ganymed in Kleinformat in die Vitrine stellen oder ihre Wunderkammer damit bereichern. Hier stehen Jünglinge oder Schönlinge, wie Thomas Mann sie in Tod in Venedig beschreibt. Was Letzterer oder Rainer Maria Rilke aufs Papier brachte, wurde von diesen Bildhauern in Stein gemeißelt oder in Bronze gegossen.

Der Ganymed von Artur Volkmann von 1890 hat mit der Knieenden (Spinne) von Blumenthal von 1930 nur die weltfremde Vulnerabilität gemein. 

Wilhelm Lehmbrucks  (1881-1919) Gestürzter entstand 1915 und wird als Markstein in der Körperempfindung moderner Skulptur gesehen. Überhaupt schuf Lehmbruck seine interessantesten Werke während des Krieges, den er in Zürich verbrachte. Wie fast all diese Künstler hat sich Lehmbruck hauptsächlich dem menschlichen Körper zwischen manieristischem Naturalismus und Expressionismus gewidmet. Anonymisiertes Elend, Leid und Armut drücken seine Arbeiten oft aus, dargestellt durch überlange, überdünne Körper. Einige seiner Werke wurden nach seinem Tod in München zuerst gezeigt und dann zerstört; die Knieende schaffte es 1955 auf die documenta 1. Lehmbruch, immer mehr gequält von Depressionen, wählte 1919 den Freitod. Er zählt neben Kollwitz, Kolbe und Barlach zu den bedeutendsten Künstlern dieser Zeit.

 

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Artur Volkmann (Ganymed, um 1890), Georg Kolbe (Stürzender Flieger, Iakrus, um 1917); Hermann Blumentahl (Sterngucker, 1936)
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Josef Enseling (Adam, 1914/ Karl Albiker (Knabe mit Hut, 1918), Wilhelm Wandschneider (Hermes, 1908), ) Hermann Blumenthal (Knieender, Spinne, 1930)

 

Georg Kolbe (1877-1947), beeinflusst von Max Klinger, kommt erst einmal vom Symbolismus. Als Autodidakt begann er 1900 mit ausdrucksvollen oder dramatischen Köpfen. Seine Arbeiten wurden über einen expressionistischen Impressionismus immer minimaler, reduzierter; er ist der untypischste in der Ausstellung. Sein Ikarus wirkt gar nicht so rachitisch und kommt mit intakten Flügeln auf dem Boden an. Die Skulptur entstand in Kolbes Istambuler Zeit, wo der Krieg ihn hingebracht hatte. Durch die Fürsprache seines Botschafter-Freundes wurde er allerdings vom aktiven Kriegsdienst verschont. Kolbe sollte indessen auf dem Friedhof von Tarabya ein Gefallenendenkmal errichten. Dies verschaffte ihm u.a. nach seiner Rückkehr nach Berlin 1919 die Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Künste.

Hermann Blumenthal (1905-1942) gehört zur dritten Generation dieser Bildhauer. Er lernte die Antike Anfang der 1930er Jahre in Rom kennen und kam später von einem elegantem Kubismus zum Konstruktivismus. 1936 hatte er in Berlin seine erste Einzelausstellung, die aber – außer bei der liberalen Presse – nicht sehr gut ankam. Er selber zerstörte viele seiner Frühwerke, durfte aber 1936 als Stipendiat an die Villa Massimo  nach Rom und später nach Florenz. In Italien entstanden seine Hauptwerke. Blumenthal wurde 1940 eingezogen und viel 1942 in Russland.

Die Ausstellung im Kolbe-Museum, ist wieder einmal ein Schmankerl und  findet zum Gedenken an die Errungenschaften der ersten deutschen Republik vor 100 Jahren anlässlich des Themenwinters 2018 statt. Ein umfangreiches Begleitprogramm rundet diese Schau ab. 

Der Ausflug ins Westend lohnt auf jeden Fall und der anschließende Besuch im originellen Café K nebenan ohnehin.

Christa Blenk

 

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Brücke Museum Berlin

Bis zum 12. August ist im Brücke Museum noch die Ausstellung zu sehen, mit der das Museum 1967 im Grunewald eröffnet wurde, erbaut wurde es vom deutschen Nachkriegsarchitekten Werner Düttmann: streng, weiß, eckig. Schmidt-Rotluff (1884-1976) war zur Eröffnung erschienen. Zu diesem Zeitpunkt waren er und Heckel die einzig noch lebenden Brücke-Maler. Basis dafür sind Dokumente und Fotografien, die die erste Ausstellung wieder geben.

Ein Großaufgebot von Werken von Karl Schmidt-Rottluft, Erich Heckel, Max Pechstein, Otto Müller und weiteren Brücke Malern, darunter viele Spätwerke von Schmidt-Rottluff.

Die Sammlung besteht fast ausschließlich aus Schenkungen.

„Ein Künstlermuseum für Berlin: Karl Schmidt-Rottluff, Leopold Reidemeister und Werner Düttmann“ ist der Titel der Ausstellung, die erste, die die neue Direktorin Lisa Marei Schmidt kuratiert.

cmb

 

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Plötzlich flutet Licht in die Räume

Zusammen mit dem erfahrenen Museumsmann Leopold Reidemeister hatte Schmidt-Rottluff die Idee für ein eigenes Haus entwickelt und dazu nach langer Suche das Grundstück in Dahlem gefunden: vis-à-vis des Ateliers von Arno Breker, wo ursprünglich die Villa vom Lieblingsbildhauer des „Führers“ stehen sollte. Durch die minimalistische Architektur Düttmanns, darin die einst verfemte Brücke-Kunst, markierte das Triumvirat sichtbar die Gegenposition. Mit Schmidt-Rottluff, Düttmann, Reidemeister hatten sich Drei gefunden, die auf diese Weise auch das „Dritte Reich“ zu überwinden suchten, als ein Fanal der Moderne.

Von dieser Kampfansage an die Vergangenheit, einer späten Wiedergutmachung ist heute nicht mehr viel zu spüren, auch wenn sich das Breker-Atelier nach wie vor trutzig auf der anderen Grundstücksseite befindet. Doch die Frische des Neubeginns ist auf einmal zurückgekehrt. Mit Lisa Marei Schmidt erfährt das Museum eine phänomenale Verjüngung, geboren aus dem Respekt gegenüber der Leistung ihrer Vorgänger. Ihre Premiere rekonstruiert nicht nur die allererste Ausstellung des Hauses, sondern führt auch das Gebäude auf seine Stunde Null zurück.

Die zugunsten von Hängefläche für Bilder verstellten Fenster wurden wieder geöffnet, plötzlich flutet Licht herein, die Architektur beginnt wieder mit der Umgebung zu kommunizieren, wie ursprünglich von Düttmann gedacht. Klebefolien vor den Fenstern machen es heute möglich, dass die Kunst von diesem Lichtschwall unversehrt bleibt. Vielleicht werden in Zukunft sogar die Jalousien von der Decke entfernt. In der Gründerzeit des Museums war man mit den Luxzahlen noch nicht kleinlich.

Haarkleine Rekonstruktion der ersten Brücke-Ausstellung

Auch Details kehren zurück. Im Eingangsbereich ist der Schmutzteppich entfernt, stattdessen scheint der dunkelbraune Ziegelboden wieder auf. Auch das Bohnerwachs darauf ist abgeschrubbt. Zusammen mit dem Gelb des Kokosteppichs, dem Olivgrün der Fensterrahmen, dem Schwarz der Lüftungsgitter am Boden kommt ein dezentes Farbkonzept erneut zur Geltung, das der Kunst den bestmöglichen Auftritt zu gewähren sucht. Mit Hilfe des Düttmann-Sohnes Hans wurden die ursprünglichen Vitrinen nachgebaut, die nun exakt dort Aufstellung gefunden haben, wo sie zu Beginn einmal standen.

Die neue Direktorin geht mit ihrer Hommage an Schmidt-Rottluff, Düttmann, Reidemeister so weit, dass sie die erste Ausstellung des Brücke-Museums haarklein rekonstruiert. Mit Hilfe historischer Fotografien, Zeitzeugenberichten und anderer Dokumente hat sie eine Zeitreise angetreten, wie sie heute in vielen Museen passiert, die sich der Geschichte ihres Hauses zu nähern suchen. Für Lisa Marei Schmidt aber war es zugleich ein Kennenlernen des Gebäudes, so manche Frage klärte sich dabei. Zum Beispiel die, warum im Hause mit grauen Passepartouts gearbeitet wurde, während in allen anderen Sammlungen cremeweiße üblich sind. Die Antwort ergab sich schnell. Reidemeister präsentierte damals die Papierarbeiten in gläsernen Klemmrahmen, wie sie nun wieder am Nylonfaden von der Decke baumeln. Das Grau dient dazu, die Bilder von der hellen Wand dahinter abzuheben.

Bis ins Detail wurde die Hängung kopiert. Die Unterkante der Gemälde dient als Linie, fast bauchtief angesetzt, was den Betrachter beinahe intim vor den Bildern stehen lässt, als wäre er ihnen näher gerückt. Die Hauptwände sind den Brücke-Künstlern reserviert, vor allem Schmidt-Rottluff und Erich Heckel, der die Gründung des Museums seinerseits mit einer Schenkung von 1500 Werken unterstützte. Neben Max Pechstein und Otto Mueller kommt Ernst Ludwig Kirchner hier zu kurz, das fiel auch den Zeitgenossen damals auf. Schmidts Vorgängerin Magdalena Moeller vermochte die Lücke durch so manchen geschickten Ankauf zu schließen. In den Nischen finden dafür Künstlerfreunde mit ihren Werken Platz: Max Kaus, Anton Kerschbaumer, Otto Herbig, Emy Roeder.

Kupka im Grand Palais

Kupka – Pionier der Abstraktion   für KULTURA EXTRA

Obwohl das erste, rein abstrakte Gemälde „Amorpha, Fuge in zwei Farben“, das 1912 beim Pariser Herbstsalon ausgestellt wurde, von Kupka ist, denkt  man zuerst an den russischen Maler, Grafiker und Kunsttheoretiker Wassily Kandinsky, wenn es um die Erfindung der abstrakten Kunst geht. Auf Kupkas bedeutende Wegbereiter-Rolle hin zu dieser Stilrichtung, die das 20. Jahrhundert prägen sollte, wurde die Kunstwelt erst durch mehrere große Ausstellungen in den 60er Jahren aufmerksam.

Frantisek Kupka wird 1871 in Prag geboren, zehn Jahre vor Picasso, neun Jahre nach Klimt und fünf Jahre nach Kandinsky. 1891 geht er zum Studium nach Wien, wo er seiner impressionistischen Malerei die Jugendstilsymbolik hinzufügt, bis er als 25-jähriger in der brodelnden Kunstmetropole Paris ankommt, wo es von Tendenzen und neuen Kunstrichtungen nur so wimmelt. Zusammen mit seinem Landsmann Mucha darf er auch gleich an der Weltausstellung 1900 teilnehmen.

Größeren Erfolg als mit seinen Bildern hat er in den Anfangsjahren mit seinen Illustrationen. Freimütig und schonungslos prangert er zwischen 1901 und 1904 religiöse Praktiken oder Geld- und Goldgier vor allem in der Satire-Zeitung „L’assiette au beurre“ (Butterteller) an. Die erfolgreiche, politische und ironische Sondernummer „L’Argent“ (Geld) ist vollständig von ihm und in der Ausstellung zu sehen. Hier stellt er das Froschgesicht Monsieur Capital vor, der im Namen der Republik Zugang zu allen finanziell interessanten Zweigen und Geschäften findet und seinen dicken, durchsichtigen Bauch mit Gold füllt.

Schon zu einem frühen Zeitpunkt, im Jahre 1905, teilt er brieflich einem Freund sein Bestreben mit,  nur noch Konzepte oder Synthesen malen zu wollen.

Ansonsten hält er sich mit Modezeichnungen, Illustrationen und Religionsunterricht über Wasser.   Kupka, der Eigenbrötler, zieht freiwillig in den Ersten Weltkrieg, wird später Fremdenlegionär und kehrt nach dem Krieg für zwei Jahre als Kunstprofessor nach Prag zurück. 1921 bekommt er in Paris seine erste Ausstellung, findet aber trotzdem den Anschluss an das Kunstleben nicht mehr und widmet sich intensiv seiner kunsttheoretischen Schrift „Die Schöpfung in der bildenden Kunst“, die 1923 herauskommt aber erst 2001 in deutscher Übersetzung erscheinen sollte. (Kandinsky‘s Werk „Über das Geistige in der Kunst“ erscheint bereits 1911/1912).

Erst im Jahre 1936 holt ihn Alfred Barr in seine Ausstellung „Kubismus und abstrakte Kunst“, die er  für das New Yorker MoMA organisiert, aber zu diesem Zeitpunkt ist die Kunstgeschichte schon in Stein gemeißelt und die Erfindung der abstrakten Malerei seinen Zeitgenossen  Kandinsky, Delaunay und Mondrian zugeschrieben.  Kupkas Name wird in vielen Artikeln nicht mal genannt. In der Ausstellung (Paris – New York),  die das Pariser Centre Pompidou 1977 organisiert, ist er allerdings mehrfach vertreten. In der Folgeausstellung Paris – Berlin 1978 wieder nicht mehr.

1911 tritt Kupka der Puteaux-Gruppe bei, einem Zusammenschluss von verschiedenen Künstlern aus Europa, die in Paris lebten und deren Hauptthema es war, die Arbeiten von Braques und Picasso zu diskutieren. Aber schon im Kriegsjahr 1914 löst sich die Gruppe wieder auf.

Kupkas permanenter Stilwechsel – vom Impressionismus zum Expressionismus über den Symbolismus zu den Fauvisten, Orphisten und Futuristen bis hin zu Konstruktivismus – ist sicherlich auch mit dafür verantwortlich, dass er sich weniger durchsetzen konnte oder weniger präsent war.

Dass sein wahres Interesse der Theorie, dem Zusammentreffen von Farben und Formen in Verbindung mit der Zeit gehört, wird in der Retrospektive sehr deutlich. Kupka will mobile Enigmen malen, die sich nicht wiederholen, und das Vergehen der Zeit in einem Gemälde zeigen. „L’Eau (La baigneuse)“. Eine Badende ist das  klassische Thema im Modernismus des 19. Jahrhunderts schlechthin. Kupka transformiert seine Badende durch einen Spiegeleffekt zur symbolistischen Skulptur, die von angedeuteter Natur  umgeben eine expressionistische Vorstufe der Abstraktion darstellt. Er malt das Bild um 1907, es ist 63 x 80 cm groß, gehört dem Centre Pompidou und hängt in Nancy.

Eines seiner bedeutenden größeren, figurativen Hauptwerke kommt aus dem Guggenheim Museum New York. „Grand nu. Plans par couleurs“ ( 1909 – 1910).

Bis 1910 zitiert er Van Gogh, Leger oder Matisse und malt krude, expressionistische Gemälde (Le Mec, 1910 oder Le Rouge à lèvres n°II , 1907) mit grünen oder gelben Gesichtern, die an Münter, Kirchner oder Heckel erinnern oder solche, die Otto Dix nach dem Krieg malen sollte. Das Bild „Das Mädchen mit dem Ball“ entsteht 1908 und scheint ganz dem Impressionismus geschuldet zu sein. Hell und unschuldig in bewegter Hodler-Symbolik auf einer Blumenwiese täuscht es darüber hinweg, dass er hier durch den roten Ball schon mit der Bewegung spielt.

Der Paradigmenwechsel um die Jahrhundertwende, die Entdeckung der Teilung des Atoms und das Verlassen der Zentralperspektive machen die Kunst ab 1900 möglich, sei es Kubismus, Dadaismus, Futurismus, Konstruktivismus oder eben die Abstraktion.

1909 wird im „Le Figaro“ Marinettis provozierendes Futuristisches Manifest abgedruckt. Außer kriegsverherrlichenden Phrasen kam der Malerei eine bedeutende Stellung zu, die von den Künstlern Boccioni, Balla und Severini vorgestellt wird. Originell und mutig sollte man sein und sich gegen den „fanatischen, unverantwortlichen und snobistischen Kult der Vergangenheit“ auflehnen. Im selben Jahr malt Kupka das großartige Bild  „Pianotasten, See“ (Les Touches de piano. Le Lac). Es ist aus Prag nach Paris gekommen. Die schwarz-weißen Klaviertasten liegen auf dem Wasser und bewegen sich unregelmäßig, das Boot im Hintergrund wirft plastische Wellen. Kupka stellt sich hier die Frage wie man mit „Farben einer der Musik analogen Malerei schaffen kann“. Es wundert, dass er nicht aktiv die Zusammenarbeit mit einem Komponisten gesucht hat, um seine Arbeiten wirklich in Töne zu setzen.

Ein anderer, mit ihm „verwandter“ Künstler ist Delaunay. Wie dieser befasst sich auch Kupka jahrelang mit dem Konzept der Farbsimultaneität, einer Wechselwirkung von Farben und Formen, die der Chemiker Michel-Eugène Chevreul, Anfang des 19. Jahrhunderts für eine Gobelin-Manufaktur entwickelt hatte. Farbverschiebungen bei der Betrachtung eines Gegenstandes durch ein Prisma, optische Verzerrungen, gebrochenes Licht brachten den  Orphismus hervor, eigentlich nur eine Weiterentwicklung des Kubismus. Delaunay nannte seine Kunst allerdings „inobjectif“. Für Apollinaire ist es « … eine Lichtkunst, die allein durch die Farbe entsteht ».

1912 entsteht es dann – das erste abstrakte Bild „Amorpha, fugue à deux couleurs“.

Rote und blaue ineinander verlaufende, organische Farbflächen ziehen in ornamentalen Kreisen vor einer runden, schwarz umrandeten Fläche durch das große, vollständig abstrakte Bild, das schon farblich die Natur außen vorlässt. Eine Vergrößerung dessen, was man durch ein Mikroskop sehen kann, vielleicht.  Kupka hat beim Malen dieses Werkes an Bach gedacht. Wie Kandinsky oder Delaunay, sucht auch er in der Gegenstandslosigkeit zu malen mit der Musik als Vorbild. Er war auf der Suche nach einem visuellen Äquivalent zu Tönen oder Kompositionsstilen, um Bilder nicht nur optisch zu erleben.

Aber auch Delaunays „Disque simultané, entsteht in dieser Zeit und natürlich Kandinskys Arbeiten, dessen erstes abstraktes Aquarell auch in dieser Zeit entstand: ob 1910 oder 1913 ist ein Streitpunkt der Kunsthistorie.

Immer wieder findet man in der Ausstellung Parallelen zum britischen Pionier-Fotografen Eadweard Muybridge (1830-1904). Dessen Fotokunst schon vor Kupka von Bewegung lebt.  Die „Blumen pflückende Frau“ oder „La Foire (Contredanse)“ sind beeindruckende Beispiele dafür und auch in der Ausstellung zu sehen.

Klimts Jugendstilornamente und ihre Umsetzung in freie Farbrhythmen – der Kritiker Valensi nannte Kupkas Malerei „Musikalismus“ -  sowie Innenansichten von Kirchen, bei denen er sich an Bleimalerei der Gotik hält, bestimmen zwischendurch immer wieder seine Kunst.  Madame Kupka dans les verticales (1910-1911) ist aus dem MoMA New York nach Paris gekommen. Auf den ersten Blick glaubt man einen Vorentwurf für Klimts Der Kuss“ zu sehen, das drei Jahre vorher entstand. Im oberen Drittel des Gemäldes erkennt man Frau Kupka, ihre Augen, ihren Blick, umgeben oder eingewickelt ist ihr Gesicht von vertikalen Farbstreifen, die ineinander laufend das Bild bestimmen. Wenn man die Augen leicht zusammenkneift, vermeint man eine Bewegung wahrzunehmen.

Der Großteil der Ausstellung besteht aus diesen Kreis- und Streifenbildern in unterschiedlichen Farben, wobei jede Bewegung eine andere Farbe bekommt. In den 1930er Jahren wird Kupka dann noch zum Konstruktivisten. Irgendwann bekommt man den Eindruck, dass er irgendwo stecken geblieben ist. Nach dem Krieg, den er in der französischen Provinz verbringt, entstehen Wiederholungen seiner Vorkriegswerke, allerdings ohne wieder zur Figuration zurückzukehren.

Das gelungene Ausstellungsplakat – ganz im Sinne von Kupkas Wunsch, die Figuration an zweite Stelle zu setzen – zeigt im Hintergrund das 1910 entstandene in Ockerfarben gehaltene Gemälde „Plans par couleurs (Femme dans les triangles)“. Eckig und kantig der Frauenkörper in Rückenansicht, der Arm wirft einen mobilen Schatten. Es drängen sich die mechanischen Bilder (und Farben) von Oskar Schlemmer auf, die allerdings erst später entstehen werden.

Die umfassende, sehr gut aufgebaute Werkschau im Pariser Grand Palais folgt dem Künstler chronologisch und erklärt seine theoretische Befassung mit Formen und Farben und Licht, ohne die Frühwerke und Anfänge zu vernachlässigen. Sie zeigt aber auch, dass er nach dem Krieg hoffnungslos war. Wirklich Interessantes ist nicht mehr entstanden. Kupka gerät wieder in Vergessenheit und stirbt 1957 einsam in Puteaux.

Die Retrospektive ist noch bis zum 30. Juli 2018 im Pariser Grand Palais zu sehen. 300 Exponate, darunter Leihgaben aus Privatsammlungen, aus französischen und  europäischen sowie amerikanischen Museen, erklären  uns den Maler Kupka und die spannende Zeit diverser Stilerfindungen vor ca. 100 Jahren.

Christa Blenk

 

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Hallo World – Revision einer Sammlung

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« Agora » – Hamburger Bahnhof

 

Wie sähe eine Kunstsammlung heute aus, hätte ein weltoffeneres Verständnis ihre Entstehung und ihren Kunstbegriff geprägt?“

Diese Frage wird in der Ausstellung „Hello World. Revision einer Sammlung“ gestellt, die seit ein paar Wochen im Hamburger Bahnhof zu sehen ist. Fast auf der kompletten Ausstellungsfläche sind  an die zweihundert Werke aus den Beständen der Nationalgalerie sowie 150 Leihgaben aus weiteren Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu sehen. Ergänzt wird diese Mammutschau durch 400 Kunstwerke, Zeitschriften und Dokumente aus nationalen und internationalen Sammlungen. Entstanden sind daraus dreizehn Geschichten, die versuchen, anhand von Kunst die Welt (vor allem die europäische) zu beschreiben.

Die Agora war in der Antike der Ort für Märkte, Feste, Versammlungen oder Gerichtsverhandlungen. Der weitläufige und so großzügige Eingangsbereich des Museums übernimmt hier diese Rolle. Rechts vor der Treppe lässt der Franzose Pierre Bismuth das Dschungelbuch neu aufleben. Auf dem Klein-blauen Teppich liegen die Besucher und versuchen das Sprachengewirr von Balu dem Bär oder von Ka der Schlagen zu enträtseln. In der Mitte der Halle hat der US Künstler Bruce Naumann ein antikes Theater nachgebaut; philosophische Zitate von Wittgenstein oder Benjamin an den Wänden unterstreichen diese Theaterlandschaft. Vor der Holz-Tribüne eine Installation von Goshka Macuga. Sie hat die Köpfe von Albert Einstein, Giordano Bruno oder Karl Marx in einen Betonrahmen platziert. Auf der anderen Seite die bunte Häuserwand « Growing Houses » von Antonio Ole. Im hinteren Teil  Nam June Paiks Installation « I Never Read Witthenstein » (1997) vor der lebensgroßen und bedrohlichen Mißhandlungsszene « Policement and Rioter » der US Künstlers Duane Hansen. Sie entstand schon 1967!

Die zweite Geschichte spielt im Paradies und erzählt von Sehnsuchtsorten. Paul Gauguins Gemälde „Tahitianische Fischerinnen“ von 1891 hängt hier neben der Standlandschaft  « Nidden » von Max Pechstein und einem Bild von Emil Nolde, das 1914 in Papua entstand. Beeindruckend und großartig gelungen der  Raum mit dem Film von Tita Salina „1001st Island“. Das plastikverseuchte Wasser und der Kampf der Fischer stehen im krassen Gegensatz zu zwei anderen Filmen aus den 1930er Jahren von Fritz Murnau „Tabu 1931“  und „Die Insel der Dämonen » (19133) von Friedrich Dalsheim. Hier scheinen Welt, Wasser und Mensch noch ganz unverbraucht und sauber zu sein und es wird höchstens mal eine leere Kokusnuss im sonst plastikfreien Wasser entsorgt.

 
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Anish Kapoor, I Made, Budi,, Duane Hanson, Nam June Paik, , Bruce Naumann Goshka Macuga, Antonio Olé

 

Ankunft, Einschnitt: Die indische Moderne als gewundener Pfad ist die nächste Geschichte. Werke aus dem Museum für Asiatische Kunst stehen  im Mittelpunkt. Umgeben von zeitgenössischer indischer Malerei und Verweise auf Rabindranath Tagore. Hier kann natürlich Anish Kapoor  nicht fehlen. Seine rote Installation heisst „1000 Names“.

1982 kamen viele bedeutende Werke aus der Sammlung von Erich Marx in die Neue Nationalgalerie, die zu einem Mittel- und Drehpunkt des Hamburger Bahnhofs wurden.  Joseph Beuys hat einen Dauerraum dort, so wie u.a.  Keith Haring, Robert Rauschenberg oder Andy Warhol.

Hinter Colomental: Die Gewalt der miteinander verbundenen Geschichten verbergen sich die spärlichen Arbeiten von afrikanischen Künstlern.  Der deutsche und europäische Kolonialismus steht hier im Visier und wird mit Arbeiten von On Kawara, Joseph Kosuth, Guillermo Deisler, Wolf Vostell oder Marta Minujin dokumentiert.

Kommunikation als globales Happening, Aktionskunst, Konzeptkunst, Medienkunst. Ausgangspunkt ist bei dieser Story die Idee eines „Globalen Happenings“, das 1966 zeitgleich in Buenos Aires, New York und Berlin stattfand.

Was Magdalena Abakanowicz, Max Ernst, Alexander Achipenko, Alberto Giacometti, Hans Arp, Rudolf Belling, Henri Matisse, Jannis Kounellis, Asger Horn oder Renée Sintenis miteinander zu tun haben begreift man vielleicht im Kapitel „Woher kommen wir? Skulpturale Formen der Aneignung“. Figurative Plastiken aus der Sammlung der Nationalgalerie vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart wurden hier zusammengebracht.

Verwobene Bestände: Arte Popular, Surrealismus und emotionelle Architektur befasst sich vor allem mit Mexiko und der Neuen Welt.  Josef Albers, Hans Arp, André Masson, Carlos Mérida, Meret Oppenheim, Diego Rivera und Dr. Atl vertreten dieses Kapitel. Ein wenig Fantasie braucht man schon, um die Fäden nicht zu verlieren oder sie überhaupt zu sehen.

Weiter mit Vorfahren und Nachfahren: Bildkulturen Nordamerikas. David Bradley, Barnett Newman, Ad Reinhardt, Mark Rothko werden analysiert. Werke von indigenen Künstlern, die das Ethnologische Museum Berlin in den letzten Jahren erwerben konnte stehen im Dialog mit der New Yorker Avantgarde.

Orte der Nachhaltigkeit: Pavillons, Manifeste und Krypten. Die Moderna galerija in Ljubljana tritt sehr prominent auf, zusammen mit anderen Werken aus osteuropäischen Sammlungen, die   als Leihgaben nach Berlin gekommen sind; darunter Kazimir Malevich oder Walter De Maria.

Die tragbare Heimat : Vom Feld zur Fabrik. Fokus liegt hier auf Reisen von und nach Armenien. Der Worpsweder Künstler Heinrich Vogeler, der mehrere Reisen auch dorthin unternommen hat und darüber malte und berichtete. 1931 hat er sich permanent in Moskau nieder gelassen und 1942 ist er  in Kasachstan verstorben.

Die Kunst des Expressionismus wird bei der Geschichte über „Plattformen der Avantgarde: Der Sturm in Berlin und Mavo in Tokyo“ ins Visier geholt. Lyonel Feininger, Hannah Höch, Kandinsky, El Lissitzky oder Kurt Schwitters sind bei der Eröffnung der „Neuen Abteilung“ der Nationalgalerie im Berliner Kronprinzenpalais 1919 mit dabei gewesen.

„Rot, Geld und Blau gehen um die Welt“. 1982 erwarben die Freunde der Nationalgalerie unter großer Polemik der Öffentlichkeit das großformatige abstrakte Gemälde von Barnett Newman „Who is Afraid of Red, Yellow and Blue IV « (1969).  Monochrome Farbflächen in Primärfarben als Paradebeispiel des abstrakten Expressionismus. Noch im selben Jahr erfuhr das Bild schwere Beschädigungen (es wird auch in der Ausstellung besonders gut bewacht).  Vier Variationen gibt es davon und die Serie verweist auf Piet Mondrian, der hier in den Raum passen würde. Der Titel lehnt sich an « Who is afraid of Virginia Woolf » an.

Bei den Zwischenräumen handelt es sich um die Präsentation eines Werkes oder Werkkomplexes aus den Sammlungen der Nationalgalerie, die die 13 Themen flankieren. Joseph Beuys, Quin Yufen, Keichi Tanaami, Ilya Kabakov, On Kawara und Bruce Naumann füllen sie.

Entwickelt wurde die Ausstellung von Udo Kittelmann mit Sven Beckstette, Daniela Bystron, Jenny Dirksen, Anna-Catharina Gebbers, Gabriele Knapstein, Melanie Roumiguière und Nina Schallenberg für die Nationalgalerie, sowie den Gastkuratorinnen und -kuratoren Zdenka Badovinac, Eugen Blume, Clémentine Deliss, Natasha Ginwala und Azu Nwagbogu.

Nicht jedes Kapitel ist gelungen und manchmal muss man um viele Ecken denken, um den Zusammenhang zu erkennen oder eine Gemeinsamkeit nachzuvollziehen; dies macht den Besuch ein wenig schwerfällig. Viele große Namen und viel Unbekanntes oder wenig Bekanntes. Besuchenswert ist diese Schau, die noch bis zum 26. August zu sehen ist und von einem umfangreichen Programm begleitet wird, auf jeden Fall!

Christa Blenk

 

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Louise Bourgeois – The Empty House

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 „Peaux de lapins, chiffons ferrailles à vendre“  (Installation Louis Bourgeois im Schinkel Pavillon)

 

Nicht weit weg von der Museumsinsel – auf der anderen Seite von  « unter den Linden » – steht der Schinkel Pavillon. Dort zeigen seit einigen Jahren regelmäßig hochkarätige Künstler ihre Installationen. Damit wird die sonst eher von der Kunst der Vergangenheit geprägte Ecke um die zeitgenössische Kunst erweitert. Seit dem 21. April 2018 sind dort Zeichnungen und Installationen von Louise Bourgeois (1911-2010) zu sehen.

Zellen“ (cells) sind Fragmente einer Werkserie, an der Bourgeois seit Ende der 1980er Jahre arbeitet. Der Ostberliner Architekt Richard Paulick hat 1969 den oktogonalen Pavillon aus Glas gebaut, in dem jetzt Bourgeois‘ 2005 entstandene Installation „Peaux de lapins, chiffons ferrailles à vendre“ gezeigt wird.  „Sack forms“ hängen  zum Teil an Ketten von der Decke des transparenten Stahlkäfigs nach unten. Leere, leblose, helle Hüllen sprechen von Fruchtbarkeit, Vergänglichkeit, Schmerz! Auf den ersten Blick denkt man an einen sterilen Schlachthof. Nur ein kleiner Turm aus weißen Steinen im inneren des Käfigs wächst vom Boden in die Höhe, aber auch er kommt nicht heraus, aus diesem durchsichtigen, voyeuristischen Gefängnis. Die halbgeöffnete Tür ist mit einer Eisenstange versperrt, so kann man den Käfig trotzdem weder betreten noch verlassen. Die Kunstgeschichte sagt uns, dass Bourgeois‘ unfröhliche, schwere und depressive Kunst mit ihrer Kindheit, vor allem mit dem schlechten Verhältnis zu ihrem tyrannischen Vater zu tun hat.

Für diese Ausstellung wurden dieses Mal auch die „unfertigen“ Kellerräume aktiviert. Dort wird der Schlachthofeindruck zum negativen déjà vu. Flackernde Funzeln, abgefallene, zum Teil schmutzige Fließen, niedrige Raumdecken vermittelt eher den Eindruck großer Vergessenheit. Die blutroten Papierarbeiten zieren schwangere Bäuche, saugende Babys oder schwere Brüste. Ansonsten bestehen die rosa Installationen oder Figuren aus groben und feinen Stoffen, aus blauen Fäden und weißen Steinen. Man denkt an die Venus von Willendorf, an Voodoo. Runde, unschöne Körperteile, die Leid transportieren müssen und Hoffnung suggerieren möchten. Mitten drin in diesem Kellergeschoss thront eine ihrer Spinnen in einer Vitrine. Für Bourgeois wat die Spinne ein Sinnbild mütterlicher Geborgenheit. Wird dieser Raum gerade hergerichtet oder ist er vom Abriss bedroht? Die Installationen und Zeichnungen im Kellerbereich beziehen das Umfeld direkt in ihre Kunst mit ein; sie wirkt so noch deprimierender. Ihr Vater war ein Textilhändler, unter dem ihre Mutter sehr gelitten hat. Hier rächt sie sich an Beiden!

Die französische-amerikanische Bilderhauerin und Künstlerin Louise Bourgeois zählt zu den Pionieren der Installationskunst. Die hat die „feministische“ Kunst erfunden, obwohl sie selber das so nie gesagt hat. Im kleinen Faltkatalog sind werksbegleitende Zitate aus ihren Tagebüchern abgeduckt. Louise Bourgeois wurde erst sehr spät von der Kunstwelt entdeckt. Angefangen hat die in Paris geborene US-Französin ihr Künstlerdasein nach dem sie sich mit Ehemann und Kindern Ende der 1930er Jahre in New York niedergelassen hatte. 

Bis zum 29. Juli 2018 ist diese Einzelausstellung noch im Schinkel Pavillon zu sehen. Die Leiterin dieses Kunstvereins, Nina Pohl, hat diese Einzelausstellung kuratiert. Die Eastern Foundation hat die Arbeiten zur Verfügung gestellt.

Christa Blenk

 

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Berliner Realismus – von Käthe Kollwitz bis Otto Dix

Schornsteine, Rinnsteine und Schlafburschen

Industrielle Revolution und Industrialisierung, Landflucht und ansteigende Geburtenraten, ein reichhaltiges Arbeitsangebot sowie vielfältige Freizeitmöglichkeiten machten Berlin zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einem verlockenden Ort und  – nach London, Paris und Wien – zur viertgrößten Stadt  Europas. Schon 1816 wurde auf der Spree das erste Dampfschiff eingesetzt, das Eisenbahnnetz breitete sich aus, es gab die Ringbahn und Pferdeomnibusse. Schon in den 1820er Jahren sorgte die städtische Gasanstalt für mehr Licht „Unter den Linden“.

Nach der Reichsgründung,  Ende des 19. Jahrhunderts, wurde Berlin Hauptstadt von Preußen und die Einwohnerzahl erreichte die Millionengrenze. Große Kaufhäuser, Luxushotels, schicke Bars und ein reges Straßenbild prägten ab 1900 das Stadtbild genauso wie in die Höhe schießende Schornsteine, Schmutz und Rauch. Im Wedding entstand die erste Chemiefabrik, in den Hackeschen Höfen wurde damals schon gewohnt und gearbeitet. Um die Jahrhundertwende führte Otto Lilienthal seine Versuchsflüge durch und der Teltowkanal wurde für den Schiffsverkehr freigegeben. Der Lunapark zählte zu den größten Vergnügungsparks in Europa. Berlin war « in ».

Dem Großteil der Zuwanderer gelang es allerdings nicht, sich in die privilegierte Schicht einzugliedern, sie glitt recht schnell in Armut ab. Die sozialen Probleme wuchsen auf der einen Seite genauso schnell wie der Wohlstand auf der anderen. Eine dramatische Wohnungsnot vertrieb die Arbeiter, Tagelöhner, Kutscher oder Knechte in Mietskasernen oder in Arbeitersiedlungen am Stadtrand. Der „Schlafbursche“ wurde erfunden. Die arbeitende Bevölkerung organisierte sich in Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften und Streiks und Proteste waren genauso an der Tagesordnung wie Hunger und Misere.

 

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Heinrich Zille – VOR DER SCHAUBUDE – 1904 Schwarze Kreide, Kohle auf Papier
Stiftung Stadtmuseum Berlin

 

Und hier setzt die Ausstellung im Bröhan-Museum „Berliner Realismus – von Käthe Kollwitz bis Otto Dix“ ein. Sie baut eine Brücke vom Ende der Belle Epoque bis zum Aufstieg der Nationalsozialisten. 1898 wurde die Berliner Secession gegründet, eine Künstlergruppe, die den vorherrschenden und dominierenden Akademismus ablösen bzw. ihm entgegensteuern wollte. Mitglieder in dieser Vereinigung waren unter vielen anderen auch die Künstler Heinrich Zille, Hans Baluschek oder Käthe Kollwitz. Während sich Liebermann oder Slevogt aber dem deutschen Impressionismus widmeten brachten Zille, Kollwitz oder Baluscheck einen kritischen Realismus aufs Papier und in die Welt. Sie brachten mit sozialkritischen Themen die, die im Dunkeln stehen, ans Licht. In der zweiten Generation setzen dies Otto Dix, George Grosz oder Otto Nagel fort, die ihre Werke mit Schreckenserfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg anreicherten.

Baluscheck war der typische Rinnsteinkünstler. Geboren und aufgewachsen zwischen Fabrikschloten und dem Schöneberger Gasometer. Von ihm hat das Bröhan-Museum eine stattliche Sammlung, vieles ist zur Zeit in der Ausstellung zu sehen.  Auch der weniger bekannte Bruno Böttcher wohnte und wirkte in der Proletariatsatmosphäre auf der Roten Insel, wie das Viertel um den Schöneberger Gasometer hieß. Sie traten dem Expressionismus mit krudem Realismus entgegen. Von Bruno Böttcher ist eine Federzeichnung AUFRUHR zu sehen. Sie entstand 1924 und zeigt einen Mann, der in Ketten gefangen zwischen Schornsteinen und Rauch den kompletten Himmel einnimmt und die Mietskasernen zu beschützen scheint.

 

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Käthe Kollwitz  ARBEITER VOM BAHNHOF KOMMEND (PRENZLAUER ALLEE)
um 1899 Gouache auf Papier Käthe Kollwitz Museum Köln

 

Käthe Kollwitz hat nach einer Theateraufführung von Hauptmanns „Die Weber“ um 1896 mit einen sechsteiligen Grafikzyklus Ausbruch, Höhepunkt und Zusammenbruch des „Weberaufstandes“ angeprangert. Die Serie ist in der Ausstellung zu sehen und gehört zu ihren bekanntesten Werken. Kollwitz präsentierte den Zyklus 1898 auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Die Jury wollte ihr dafür eine Goldmedaille überreichen, was der Kaiser allerdings ablehnte. Für sie war es aber trotzdem ein Durchbruch. Obwohl die Bilder von Armut und Misere erzählen, lassen die Künstler den „Modellen“ ihre Würde; kritisiert wird das Umfeld und die Verhältnisse, nicht die Personen.

Ein anderer bedeutender Maler dieser Zeit war der Grafiker, Maler und Fotograf Heinrich Zille.  Seine Arbeiten waren sozialkritisch aber auch sehr lokalpatriotisch. Er war ein echter Milieu-Maler, was ihm den Namen Pinselheinrich einbrachte. Sein « Milljöh » fand Heinrich Zille in zwielichten Bars oder in den schmutzigen Hinterhöfen der Mietskasernen in den Arbeitervierteln. Seine kritischen Bilder und Fotos waren der Grund, warum er 1907 aus der Photografischen Gesellschaft entlassen wurde. Zille arbeitete auch für den Simplicissimus und kam 1903 als ein Protegé von Liebermann zur Berliner Secession. Liebermann malte in den 1880er Jahren ebenfalls naturalistische Bilder wie « Flachsscheuer in Laren » (1887) oder « Schusterwerkstatt « (1881), bei ihm waren es aber eher Fallstudien nach einem Aufenthalt in Holland als eine solidarische oder sozialkritische ja politische Handlung. Er, der Ehrenpräsident der Preußischen Akademie der Künste, spezialisierte sich vor und nach dem Krieg auf Biergartenszenen oder Politiker-Portraits. Ab den 1933er Jahren hat ihm dies allerdings auch nicht helfen können.

Für den Kaiser war die Kunst von Kollwitz, Baluschek oder Zille eher Kunst zum Wegsehen. Die Rinnsteinkünstler waren unbequem und Bilder, die nur Armut und Misere zeigten, passten nicht zu Pickelhauben-Parademärschen oder später zu Champagner trinkenden Amüsiersüchtigen in den Cabarets der Goldenen Zwanziger Jahre.

Dass Deutschland 1914 das weltweit höchste BIP pro Kopf hatte und nach den USA die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt war, war vor allem dem Maschinenbau zu verdanken. Diese Tatsache sorgte aber nicht für soziale Gerechtigkeit, sondern eher für das Gegenteil. Missernten um 1912-1913 führten zu Lebensmittelknappheit und Hungerkrisen, Frauen  bekamen Hungerlöhne für Heimarbeit und mussten oft den ganze Familie durchbringen.

Kurz nach Kriegsbeginn entstand der Zyklus Memento 1914/1915“  von Willy Jaeckel. Auf zehn Blättern kündigte er die Gräuel des ersten Weltkrieges an. Diese Preziose gehört dem Bröhan-Museum.

Die junge Weimarer Republik musste sich mit Straßenkämpfen aller Couleurs auseinandersetzen und  wurde von Links und Rechts angegriffen. Reparationszahlungen und Weltwirtschaftskrise verstärkten die Arbeitslosigkeit und saugten das Geldvermögen des Mittelstandes und der Rentner auf.

 

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Conrad Felixmüller ZEITUNGSJU NGE 1928 Lindenau-Museum Altenburg
Foto: Bernd Sinterhauf © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

 

Auf der anderen Seite entwickelte sich Berlin in der Weimarer Republik zu einem kulturellen Zentrum, auf das die Welt blickte. Gropius baute, Einstein forschte, Grosz malte, Zweig, Brecht und Tucholsky schrieben. In der Film- und Theaterwelt tummelten sich Marlene Dietrich, Friedrich Murnau, Fritz Lang und Max Reinhardt.  Reinhardt war einer der Tonangeber im Regietheater. Er übernahm 1905 die Leitung des Deutschen Theaters in Berlin. Statist wurde ein neuer Beruf und technische Bühnenmaschinerie zum Zeitgeist. Erwin Piscator wirkte an der Volksbühne mit dem Motto « Die Kunst dem Volke » und macht politisches Theater. Bertholdt  Brecht brachte im August 1928 am Schifferbauerdamm seine Dreigroschenoper zur Uraufführung. Bauvorhaben brachten immer wieder kurzzeitig Arbeit für Einige. Um die Stadt entstand ein grüner Ring und die Armen wurden noch ärmer. Das Avantgarde-Theaterstück von Ernst Toller « Hoppla wir leben » wurde zum spektakulären Bühnenereignis. Tradition und Moderne knallten ständig aufeinander und  bevor der Aufschwung auch bei den Armen ankommen konnte war er auch schon wieder vorbei. Otto Dix und George Grosz dokumentierten mit Ironie und Hohn das Leben in den Cabarets und Cafés.

 

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George Grosz -IM CAFÉ -1922
Aquarell, Feder, Tusche/Papier
Galerie Brockstedt, Berlin - © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

 

Otto Nagel war der Sohn eines sozialdemokratischen Tischlers und arbeitete selber als Transportarbeiter.  Nagel selbst kam aus einer Weddinger Arbeiterfamilie und wurde erst nach dem Krieg, der ihn als Verweigerer ins Gefängnis gebrachte hatte, als Autodidakt zum Künstler. Er gehörte zur zweiten Generation dieser Malergruppe,  spielte 1920 eine bedeutende Rolle und initiierte 1921 mit anderen Künstlern die Internationale Arbeiterhilfe (IAH), die von Willi Münzenberg geleitet wurde. Letzterer gab auch die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung heraus. Es entstanden Filme für die arbeitende, arme Bevölkerung wie « Kuhle Wampe » oder « Mutter Krausens Fahrt ins Glück », die in der Ausstellung ebenfalls zu sehen sind. Nagel war eng mit Kollwitz und Zille befreundet und war Redaktionsleiter der Satirezeitschrift Eulenspiegel. Von ihm sind einige sehr gute Werke ausgestellt, darunter „Weddinger Jungen“ (1928). Es gehört den Staatlichen Museen zu Berlin. Nagels Licht- und Farbregie hier erinnert an die „Chiaroscuro“ Technik von Caravaggio. Die blau-schwarz gekleideten Kleider vor dem dunkelblauen Hintergrund bilden einen hoffnungslos- dramatischen Kontrast zu den blassen, rachitischen und hoffnungslos ins Leere blickenden Gesichtern der Jungen. Blickfang ist ein weinroter Schal, den ein Kind um den Hals geschlungen hat.

Alle Künstler hatten eines gemeinsam:  entartet – Malverbot – scheidet aus allen Ämtern aus  hieß es für sie im Jahre 1933 !   

 

Die Kuratoren Dr. Tobias Hoffmann und Dr. Anna Grosskopf haben für diese ausgezeichnete Schau  fast 200 Gemälde, Grafiken und Fotografien, zusammen gebracht, darunter zahlreiche nationale und internationale Leihgaben von bedeutenden Institutionen, Museen und aus privaten Sammlungen.

Diese sehenswerte Schau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat Not und Leid in der Zeit um die Jahrhundertwende bis zur Machtübergreifung der Nazis zu zeigen, wird noch bis zum 17. Juni 2018 im Bröhan-Museum zu sehen sein. Anschießend soll sie im Käthe Kollwitz Museum in Köln gezeigt werden. Die Ausstellung ist sehr gut aufgebaut und stellt viele Künstler vor, die man sonst nicht zu sehen bekommt oder nicht einmal kennt. 

Ein abwechslungsreiches Begleitprogramm, u.a. um den Milljöh-Maler Zille,  umrandet die Ausstellung. So gab es am 5. April ein wunderbares Konzert mit Fabia Mantwill (Stimme und Saxophon) und Thomas Kolarczyk (Bass). Sie spielten u.a. Jazz-Klassiker aus den 1930er Jahren, eigene Kompositionen und improvisierte Collagen, mit denen sie eine Verbindung zu den ebenfalls ausgestellten und großartigen Arbeiten des Berliner Grafik-Pioniers John Heartfield herstellten. 

Christa Blenk

 

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Schirin Fatemi – Portrait

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Selbstportrait

 

Südlicht – Nordlicht – Waldlicht

Im Atelier herrscht lichte Harmonie und penible Ordnung. Rechts neben der Künstlerin ein Blick auf ihre aktuellen Arbeiten. Direkt hinter ihr das Fenster in die Natur. In der Renaissance sprach man zum ersten Mal vom Fenster als Bild, vom Blick nach draußen und dann dauerte es nicht mehr lange, bis auch der Künstler zum Malen ins Freie ging, und aus idealisierten Landschaften reelle wurden.

Vor dem Fenster grundiert Schirin Fatemi gerade eine weiße Leinwand mit einem dunklen Ockerton. Die Künstlerin hat diese Technik von den Renaissancemalern übernommen, auch sie bereiteten so die Basis für ihre Landschaften vor. Dieser primordiale  Erdton ist oft Bestandteil ihrer Arbeiten und verrät, wo sie ihre Motive sucht, wo ihre Leidenschaft liegt, was sie auch außerhalb der Kunst bewegt und wo sie Ruhe und Glück findet: es geht um die Natur, wie die Zivilisation damit umgeht und die Konsequenzen daraus, sei es Klimawandel, Zerstörung oder Mutation von Feld und Wald oder das Thema Nachhaltigkeit. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum in den letzten Jahren immer mehr Menschen ihre mosaikartigen, expressionistisch-kubistischen Landschaften betreten haben.

  »Am Weinberg“ entstand 2017. Auf 50 x 100 cm drückt Schirin hier ein Natur- und Umweltbewusstsein aus. Das Bild ist dimensionslos und könnte genauso gut eine ganze Wand füllen. Wie eine Mahnung steht die Person im Bild. Der Mann selber ist eine symbolische Landschaft und wirkt irgendwie verzweifelt, fast ein wenig linkisch steht er in dieser herbstlichen Farbenpracht, unter ihm eine moorige braun-beige, von Sonne ausgebleichte Flusslandschaft. Entweder er hat seinen Platz noch nicht gefunden, oder er will schon wieder weg, zufrieden ist er jedenfalls nicht. Die satten, blau-grünen Weinreben spiegeln eine falsche Idylle vor und scheinen ihn gar nicht zu interessieren. Sein nach oben gerichteter Blick sucht sorgenvoll die Ferne. Seine Kleidung ist Teil der Landschaft. Die Künstlerin lässt hier einen Dialog zwischen Mensch und seinem natürlichen Raum entstehen. Ein Thema, mit dem sie sich gerade in ihren letzten Arbeiten viel auseinander setzt. Die Motive sind ihre eigenen, Selbsterlebtes oder Gesehenes. Dieses hier entstand nicht in ihrer Wahlheimat Rom sondern beschreibt einen Flecken an der Mainschleife bei Volkach, in der Nähe von Würzburg, wo Schirin geboren wurde. Für sie steht die Person im Bild stellvertretend für die Menschheit. „ Am Weinberg“ wurde 2017  für den Andreas Kunstpreis Natur-Mensch nominiert.

In der bedeutenden Ausstellung „Horizonte“ vor sechs Jahren hat Schirin Fatemi die Weichen für ihre zukünftigen Arbeiten gestellt. „Horizonte“ ist eine Ankündigung auf das, was alles noch kommen wird, ein Versprechen auf die Befassung mit ganz unterschiedlichen Stilen und Perspektivänderungen, ein virtuoser Spaziergang zwischen zarten Aquarellen, licht-durchfluteten Landschaften, brennenden römischen Kuppeln, Portraits, metaphysischen Stillleben mit einem Hauch Surrealismus, eine Konfrontation von unterschiedlichen Lichterfahrungen und Farbexperimenten. Wegweiser zu ihrem ganz persönlichen Expressionismus. Eine Mutation der Kleeschen Farbparzellen zu verbalen Mahnungen. Klee suchte sich seinerzeit seine Lichterfahrungen in Tunesien, Schirin fand und findet sie meist in Italien und nimmt sie mit auf den Weg von der Moderne zu einem spannenden Neo-Expressionismus.

 

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Radierug « Lichtung » aus der Serie « Wasserwege » und « Am Weinberg » 

 

„Es gibt Maler, die die Sonne in einen gelben Fleck verwandeln. Es gibt aber andere, die dank ihrer Kunst und Intelligenz einen gelben Fleck in die Sonne verwandeln können“. (Pablo Picasso)

Eines meiner Lieblingsbilder ist ein Selbstportrait (s.o.). Es entstand 2016 und die Künstlerin nimmt fast die komplette Leinwand in Beschlag. Sie sieht in die Ferne, vielleicht nach Italien, in ihre Wahlheimat, vielleicht aber auch in den Iran, wo ihr Vater geboren wurde. Drei Farben stechen hervor: ein erdig brauner Hintergrund, der sich nach unten in blau-orangen Tönen verliert, eine blaue Tunicabluse und eine rostbraune Hose, die mit der Farbe der Haare spielt. Auch hier spürt man es wieder, das große Farbgefühl der Künstlerin und die eminente Bedeutung des Lichtes.

Gegenwärtig befasst sich Schirin Fatemi mit dem Wandel, interpretiert Veränderungen, die der Erde und ihre eigenen. „Wasserwege“ ist ein work in progress. Frühere Werke holt sie dazu wieder auf die Leinwand wie das Gemälde „Am Fluss“, das nun mit Bildern aus der Serie Wasserwege I und III zu einem Triptychon vereinigt wird.

Mit der Arbeit an der aktuellen Serie „Wasserwege“ bewegt sie sich weit weg von einer anderen bedeutenden Serie, die 2015 in den italienischen Marken entstand. Dort wo der Künstler Gentile da Fabriano wirkte, brachte Schirin Fatemi Kulturlandschaften auf die Leinwand. Schön ordentlich angeordnet sind sie, die Felder, Weinberge, Wälder oder Wiesen einer zeitlosen Landschaft, die von antiken Wegen durchzogen und geprägt ist. Die Welt scheint hier im Einklang mit der Natur zu liegen und es gibt nichts, was uns beunruhigen könnte.

Anders heute! Die Gemälde Wasserwege I, II oder III beschäftigen sich auf den ersten Blick mit dem gleichen Stück Landschaft zu unterschiedlichen Tageszeiten, vielleicht. Wasserwege II ist hell, sommerlich, braun, das schwarze Rinnsal schält sich aus der grünen hügeligen Sumpflandschaft, kommt auf uns zu und mündet vielleicht gerade in einen Teich. Wasserwege II kommt der „Terre gentili“- Serie am nächsten. Wasserwege III hingegen zeigt Sonnenuntergangsstimmung. Der schwarz-goldene Fluss sucht sich seinen Weg von links nach rechts durch orange-lila Weiden. Im Hintergrund kündigen Häuser die Zivilisation an. Wasserwege I hingegen kommt wuchtig, drohend daher. Es ist Nacht und es scheint windig zu sein. Mutig, selbstbewusst, drohend, dominieren hier die Farben Grün und Blau. Häuser gibt es nicht auf diesem Bild, dafür sind Waldgeister unterwegs. Bei dieser Serie ist die Künstlerin ihren bevorzugten Farbtönen  Rot, Blau, Grün, Braun, erstmals treu geblieben, setzt sie aber ganz anders ein. Das Auge des Betrachters füllt sich mit dicken Farbschichten, einzelne Bestandteile des Gemäldes werden isoliert und zur Skulptur.

 „Terra incognita“ nennt sie ihre Ausstellung, die vom 9. bis 17. Juni 2018 im Ringelheimer Mausoleum zu sehen sein wird. Der Titel ist eine Fortsetzung von Werkserien wie „Seewärts“, „Landeinwärts“ oder „Horizonte“.

Dann gibt es aber noch die andere Künstlerin, diejenige, die sich mit Radierungen beschäftigt und intime, sehr arbeitsintensive Kupferstiche hervorbringt, die viel Zeit und Muse brauchen.  Schirin Fatemi würdigt bei diesen Arbeiten die bedeutenden Kupferstecher wie Piranesi oder Dürer. Großartig kommt sie daher mit wunderbaren Radierungen von römischen Motiven, die in den letzten Jahren entstanden sind, oder neueren, symbolistischen Arbeiten.

John Miltons gefallener Engel findet sich im Wasser wieder oder versucht sich verschämt hinter den Blättern eines Baumes zu verstecken. Aber das Licht lässt dies nicht zu.

Die Aquatinta-Radierungen „Lost Paradise“ oder „Lichtung“ entstanden 2017 und hier beweist die Künstlerin wieder einmal, dass sie Berührungsängste nicht kennt. Mit „Lost Paradise“ kokettiert sie mit dem englischen Symbolisten William Blake oder mit dem orientalischen Holzschnitt. Eine Streuobstwiese im Naturpark Schorfheide-Chorin hat Schirin Fatemi zu diesen Arbeiten inspiriert. Die Radierungen sind aber oft Wegbereiter für spätere Bilder wie das bei “Lost paradise“ der Fall ist.

Geboren ist die Künstlerin in Würzburg. Sie lebte in Osterode und Göttingen bevor sie in Italien (Bologna und Rom) ein Kunststudium begann. Direkt nach ihrem Studium arbeitete Schirin Fatemi im Bereich Szenografie für Theater und Fernsehen. Die Künstlerin geht ihren ganz eigenen Weg und folgt nicht immer allen angesagten aktuellen Tendenzen. Sie ist eine zeitlose und begeisterte Landschaftsmalerin und eine ausgezeichnete und leidenschaftliche Beobachterin, die sich anhand von Fotos und Zeichnungen sehr gründliche auf ihre Arbeiten vorbereitet.

Anlässlich eines gemeinsamen Projektes zum Thema Globalisierung und Kommunikation hat sie 2014 kurz die Natur verlassen, um sich mit der digitalen Welt auseinander zu setzen. Die Austauschausstellung „HelloWorld“ fand zeitgleich in San Francisco und Hannover statt.

Schirin Fatemi ist außerdem Gründungsmitglied im Kunsthof Mehrum e.V. – Raum für Kunst und Natur.

Christa Blenk

 

Portrait Schirin Fatemi für KULTURA EXTRA

 

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Gabriele Münter – noch bis zum 8. April in München

Hinweis:

Am 8. April geht sie zu Ende, die große gemeinsame Ausstellung im Münchner Lenbachhau, die die Städtische Galerie mit dem Louisiana Museum of Modern Art, Humlekaek und dem Museum Ludwig Köln organisierte. 

Im Jahre 1877 ist Gabriele Münter geboren und mit knapp über zwanzig Jahren unternahm sie ihre erste Reise durch die USA, als Fotografin zuerst. Sie entdeckte die Welt und die Welt der Kunst durch den Sucher ihrer Fotokamera.1901 ging sie nach München, durfte jedoch noch nicht an der Kunstakadamie, die nur Männern vorbehalten war, studieren.  So nahm sie Privatunterricht und wurde Freilichtmalerin in Kochel am See wo sie Kandinsky kennen lernte. Mit ihm unternahm sie viele Reisen nach Tunesien und Italien oder Frankreich. Viele Jahre war sie Kandinskys inoffizielle  Gefährtin (denn dieser war verheiratet)  und es war sie, die viele seiner Werke  während und nach dem Krieg rettete, als Kandindsky das Land verlassen musste. Münter zog nach Köln und lebte 1920 wieder in München, geplagt von Depressionen. 1925 kam sie nach Berlin und entdeckte das Bleistift-Portrait. In Berlin lernte sie auch den Kunsthistoriker Johannes Eichner kennen. Nach einem weiteren längeren Parisaufenthalt zog sie schließlich 1931 zu Eichner nach Murnau und wie fast alle anderen Maler dieser Zeit musste sie sich als Entartete 1937 von der Malerei zurückziehen. Nach dem Krieg wurde sie 1955zur documenta 1 in Kassel eingeladen.

Lange Zeit hat man Münter nicht mehr so massiv ausgestellt. 200 Exponate aus allen Schaffensphasen stehen ihren Fotografien gegenüber, die in den USA entstanden sind. Die Schau in zehn Abschnitten folgt ihr und bringt ihre Freude am Neuen und ihr Talent ans Tageslicht. Man lernt sie gut kennen oder besser gesagt endlich kennen und begreift ihre Rolle beim Blauen Reiter und für die Kunst der frühen 1920er Jahre. Mehr als die Hälfte der gezeigten Gemälde sind seit ihrem Tod nicht mehr gezeigt worden, einige sogar noch nie. Unzählige Leihgaben aus Paris oder Washington aber auch aus Privatbesitz ergänzen die Ausstellung. 

Gabriele Münter ist 1962 in Murnau verstorben.

cmb

 

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Die 1. Generation – Bildhauerinnen der Berliner Moderne

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Seit Mitte Februar sind im Georg Kolbe Museum Arbeiten der bedeutendsten und bekanntesten Bildhauerinnen  des beginnenden 20. Jahrhunderts zu sehen. Große Künstlerinnen wie  Käthe Kollwitz (1867-1956),  Renée Sintenis (1888-1965), Emy Roeder (1890-1971) oder Milly Steger (1881-1948) treffen auf weniger bekannte aber nicht minder interessante Frauen wie Sophie Wolff (1865-1944)  Marg Moll (1884-1977), Tina Haim-Wentscher (1887-1974), Christa Winsloe (1888-1944), Jenny Mucchi-Wiegmann (1895-1969) und Louise Stomps (1900-1988).

Der Journalist, Schriftsteller und Kritiker Franz Servaes war 1916 noch nicht bereit für diese Frauenpower und äußerte sich nicht wirklich positiv oder respektvoll über die Künstlerinnen. „Milly Steger äfft Lehmbruch nach und Margarete Moll strebt einen Scheußlichkeitsrekord an“. Einzig Käthe Kollwitz fand Gnade vor seinem Auge, ihre Arbeiten nannte er immerhin „sehr innerlich“. Bildhauerei ist halt nichts für Frauen, war damals die allgemeine Meinung einiger der männlichen Künstler, ausgeschlossen hiervon Georg Kolbe und Max Liebermann.

Erst nach dem Ersten Weltkrieg, ab 1919, hatten Frauen das Recht an staatlichen Kunstakademien zu lernen. Angehende Künstlerinnen vor dieser Zeit  mussten über finanzielle Mittel verfügen, denn sie waren auf Privatakademien angewiesen. Ein Atelier musste her und teure Grundmaterialen wie Marmor oder Bronze besorgt werden.

Im Eingangsraum des Kolbe-Museums steht die „Tänzerin“ von Milly Steger, eine luftig-kräftige Bronzeskulptur die 1921, da war Milly Steger bereits sehr bekannt. In einschlägigen Kunstlexika bestand sie neben Barlach und Lehmbruck als eine der bedeutendsten Vertreterinnen der Bildhauerei des 20. Jahrhundert. Sie war keine Berlinerin sondern kam vom Niederrhein und bekam ihren ersten Zeichenunterricht an einer Londoner Privatschule. Der Bildhauer und Lehrer Karl Janssen der Düsseldorfer Akademie entdeckte ihr Talent und gab ihr weiterführenden Privatunterricht. Milly Steger reiste zu Georg Kolbe nach Berlin und zu Rodin und Maillol nach Paris und unternahm Bildungsreisen nach Florenz. Bekannt wurde sie  durch einen Skandal, ausgelöst durch vier überlebensgroße Frauenakte an der Fassade des Hagener Theaters. Die im Kolbe Museum gezeigte „Tänzerin“ erklärt auch Stegers Freundschaft mit der Ausdruckstänzerin Mary Wigman. 

Emy Roeder wurde 1890 in Würzburg geboren und erlangte neben Milly Steger und Renée Sintenis einen hohen Bekanntheitsgrad. Ihre humanistisch-expressionistischen Arbeiten hinterließen großen Eindruck beim Publikum. Roeder ging mit ihrem Mann, dem Bildhauer Herbert Garbe, 1933 nach Rom. Er bekam dort ein Stipendium an der renommierten Villa Massimo. Den Villa-Romana-Preis 1936 bekam allerdings sie, was ihr ein Jahr Florenz-Aufenthalt bescherte, der aber erst 1944 mit ihrer Verhaftung durch die Besatzer endete, denn die Villa Romana wurde unter der Leitung von Hans Purrmann eine Art Zufluchtsort. Erst 1949 kehrte sie nach Deutschland zurück.

Die Ikone Renée Sintenis war außer Louise Stomps die einzig echte Berlinerin und ihr Berliner Bär wird noch immer jährlich auf der Berlinale verliehen. Ihre Karriere begann als Modell von Georg Kolbe 1910. Eine ihrer erfolgreichen Arbeiten, die Große Daphne (1930), ist ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Androgyn und ohne Apollo steht sie da mit angewinkelten Knien auf dem Sockel und die nach oben gerechten Arme und Hände verwandeln sich gerade in Blattwerk, wie es die Geschichte will. Eine kleinere Version davon steht heute im MoMA in New York. Immer wieder kommt ihre Tierliebe in den Arbeiten zum Ausdruck und die Skulpturen werden kleiner mit der Zeit. Ab 1922 hat der Galerist Alfred Flechtheim sie vertreten. Mit Plastiken in kleinen Auflagen, die er verkaufte, konnte sie sich sehr gut über Wasser halten. Auch sie wurde 1934 aus der Akademie der Bildenden Künstler ausgeschlossen, da ihre Großmutter Jüdin war. Renée Sintenis war 1955 eine der ersten Professorinnen an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin.

Marg Moll ist 1884 im Elsass geboren ging mit ihrem Mann nach Berlin zu Lovis Corinth und 1907 nach Paris zu Matisse. Molls Arbeiten sind vom Kubismus geprägt und wirken emotionsloser, kälter, minimaler und rufen Assoziationen mit Skulpturen von Brancusi oder Belling hervor. Ihre Arbeiten reduzieren sich oft nur noch auf Material. 1926 ging sie mit ihrem Mann nach Breslau und beide schlossen sich dem Kreis von Oskar Schlemmer oder Otto Mueller an. Dort entstand auch die Plastik „Tänzerin“, aber auch ihre Arbeiten fielen den nationalsozialistischen Säuberungsaktionen zum Opfer. Die Tänzerin tauchte übrigens 2010 beim Skulpturenfund vor dem Berliner Roten Rathaus auf.

Natürlich darf bei diesen Künstler-Frauen die bekannteste, Käthe Kollwitz, nicht fehlen. In Königsberg geboren kam sie mit ihrem Mann, dem Arzt Karl Kollwitz 1891 nach Berlin. 1898 erhielt sie einen Lehrauftrag an der Berliner Künstlerinnenschule und schon 1903 erschien ihre erste Druckgrafik. Auch Kollwitz besuchte Rodin in Paris, zusammen mit ihren Freundin und Kollegin Sophie Wolff, die als „Halbjüdin“ schon 1933 aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen wurde. Kollwitz wurde als erste Frau in die Berliner Sezession aufgenommen und 1913 in den Vorstand gewählt. Kollwitz’ Werk setzt sich vor allem mit Armut und sozialen Missständen auseinander. Ihre Arbeiten strahlen immer eine massive, sorgenvolle Dramatik aus. 1936  wurde sie als „Entartete“ aus der Akademie ausgeschlossen und starb kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Von Käthe Kollwitz kennen wir aber eher ihre Holzschnitte oder grafischen Arbeiten. Sie hat nur 19 Skulpturen gemacht aber dafür zahlreiche Denkmäler.  Die Mutter mit zwei Kindern (1926) ist in der Ausstellung zu sehen. Im Vergleich zu ihren Zeichnungen ist diese Plastik rund und obwohl sie eine beschützende Haltung einnimmt, wirkt sie weniger tragisch.

Fast gänzlich unbekannt die Jüngste unter ihnen, Louise Stomps (1900-1988). Ihre Arbeiten kündigen schon die nächste Generation an. Formreduzierte Kompaktheit lässt die Transparenz weichen, ihre Arbeiten erinnern an die ihres Zeitgenossen Henry Moore.

An neuen Portrait-Realisierungen waren sie Alle interessiert. Renée Sintenis Abbild von Joachim Ringelnatz ist grobschlächtig und expressionistisch wie ein Gemälde von Kokoschka und ihre Fingerabdrücke scheinen noch im Lehm erkennbar zu sein, ganz im  Gegensatz zu Emy Roeders „Stute und Fohlen“ oder Marg Molls Katzen, die glatt und eben mit dem Blauen Reiter kokettieren. Picasso hat Anfang des 20. Jahrhunderts afrikanische Masken in seine Kunst integriert und sie so salonfähig gemacht. Hier hat sich vor allem Sophie Wolff dafür interessiert. Ihre primordialen, afrikanischen Köpfe sind gleich im ersten Saal zu sehen oder ein wenig später Emy Roeders Bronze-Figurenpallette. 

 

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v.l.n.r.: Marg Moll, Emi Roeder, Kathe Kollwitz, Louise Stomps, Milly Steger, Saalansicht
 

Diese Künstlerinnen trugen ihre Haare kurz oder arbeiteten mit Krawatte und bildeten die erste und beginnende zweite Generation von Bildhauerinnen in Berlin, die sich bei ihren männlichen Kollegen durchaus durchsetzen konnten, Anerkennung und Respekt ernteten, von der Kunstkritik besprochen wurden und deren Arbeiten einen Preis hatten. Sie sind Alle zwischen 1870 und 1900 geboren und waren die ersten Frauen, die auch in der Öffentlichkeit Erwähnung fanden und die auch – wie viele ihrer Künstlerkollegen -  in den 1930er Jahren zu Entarteten wurden und deren Arbeiten nicht mehr gezeigt werden konnten. 

Wie eine geballte Kraft finden die zehn Künstlerinnen in den Räumen des Kolbe Museums zusammen und beschreiben die grenzenlose Freiheit und ungestüme Wildheit der Moderne in der Weimarer Republik anhand von knapp 100 Exponaten – die zum Großteil aus Privatsammlungen stammen – und die Schau, die noch bis zum 17. Juni 2018 zu sehen ist,  allein deshalb schon sehenswert macht. Einen geeigneteren Ort für diese Ausstellung gibt es in Berlin nicht.

Christa Blenk

 

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Chili und Schokolade

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Ausstellung im Botanischen Museum Berlin

Bis zum 25. Februar 2018 konnte man sich im Botanischen Museum und in den Gewächshäusern über Mexikos wichtigste Produkte und Pflanzen informieren. Dazu gehören die unterschiedlichsten Chili-Pflanzen.

 

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Auf der kleinen Ausstellung konnte man erfahren wie man  « Hühnchen in Schokosaucee » oder einen « Mais-Schokoladen-Trunk »  zubereitet und lernen, wie Mais oder Bohnen zu uns kamen. Rund 30 000 Pflanzenarten gibt es in Mexiko, damit ist das Land eines der artenreichsten Länder der Erde. 

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cmb

 

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Eine Skulptur ist eine Skulptur ist eine Skulptur

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Primordiales trifft Klassisches!

Mit einer Hommage an Gertrude Steins berühmten Satz « A rose is a rose is a rose » werden im Hamburger Bahnhof seit Mitte Dezember Skulpturen der Modere gegenüber gestellt. 

« Das größte Glück ist die Berührung zwischen unserer Essenz und der ewigen Essenz » hat Constantin Brancusi einmal gesagt und dieser Satz steht am Anfang der Ausstellung, die von Rodins Denker und der Schimpansin (« Missie ») von Anton Puchegger  (1917) gegenüber steht. Der Denker in sich versunken und natürlich meditierend wird von  Missie nonchalant angeglotzt.

 

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Pablo Picasso bildet mit einer seiner spielerisch bemalten Skulptur über eine Holzfrau von Kirchner eine Achse zu Wilhelm Lehmbruck und Louise Bourgeois. Rudolf Belling, Georg Kolbe, Julio Gonzalez, Alberto Giacometti, Constantin Brancusi und andere Zeitgenossen sind vertreten. Vieles kommt aus der Neuen Nationalgalerie.

Der große Titel verspricht dann doch sehr viel mehr als er hält, aber es ist trotzdem schön, diese alten Bekannten wieder zu sehen.

 

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Richtkräfte einer neuen Gesellschaft (Josef Beuys)

 

Im Anschluss daran sollte man unbedingt noch bei Josef Beuys’ großartigen Arbeiten aus der Marx Sammlung vorbeischauen.

Die 100 schwarzen Schiefertafeln «  Richtkräfte einer neuen Gesellschaft » entstanden 1974 im Rahmen der Ausstellung « Art into Society – Society into Art » für das ICA in London stehen direkt neben seinen Fettskulpturen « Unschlitt » . Unschlitt heisst soviel wie Talg, wiegt an die 20 Tonnen und besteht aus Paraffin und unterschiedlichen Tierfetten – Beuys fertigte diese Skulpturengruppe für eine open air-Ausstellung in Münster 1977, an der er ursprünglich gar nicht teilnehmen wollte. Er verwandelte  seine Teilnahme dann aber in Protest gegen die Betonwüsten der modernen Architektur und platzierte sie dementsprechend in der Fußgängerunterführung zum neuen Hörsaalgebäude der Universität.

Der Kunstsammler Erich Marx kaufte diese gelb-braunen Fettfelsen 1982 und überließ sie zuerst dem Abteiberg Museum in Mönchengladbach. Erst später kam sie – auf Umwegen -  nach Berlin ursprünglich geplant zur Eröffnung des Hamburger Bahnhofs – einen geeigneteren Platz kann es nicht dafür geben.

 

 
 

cmb

Fotos: jnp

 

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Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum

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Unvergleichlich

Der spanische Kunsthistoriker Emanuel Borja (1944-2005) hat viele Jahre damit verbracht, primordiale Kunst aus Afrika oder Asien mit der Kunst in Europa zu vergleichen bzw. sie miteinander zu konfrontieren. Er hat Zusammenhänge gefunden, die es gar nicht geben konnte zwischen den Höhlen von Altamira oder Lascaux und Figurationen in der Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts als man von diesen Höhlen (Lascaux wurde 1940 entdeckt) noch gar nicht wusste.

Das Bode Museum stellt nun in der Ausstellung „Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum“ afrikanische Kunst europäischen Preziosen gegenüber und das funktioniert sehr gut. Die Betrachtungsweise ändert sich mit dem was wir kennen und wissen, Vergleiche drängen uns auf.

Meisterwerke aus dem Ethnologischen Museum treffen auf Skulpturen und Arbeiten, die im Bode Museum zu hause sind. Die groben Figuren aus dem Kongo z.B. sollten Dörfer oder Stämme beschützen so wie eine Madonna aus der Renaissance oder der Barockzeit die katholische Gemeinde behütet. Zu ihr wird gebetet, wie in Westafrika vor der Skulptur Ritualtänze aufgeführt werden.

Ein Großteil der ausgesprochen schönen Exponate kommt aus Westafrika, aus dem Königreich Benin, Gabon, Senegal, Kongo, Elfenbeinküste oder  Nigeria.

Die Ausstellung ist in sieben Kapitel unterteilt:

DIE ANDEREN, ÄSTHETIK, GENDER – ODER DIE MULTIPLIZITÄT DER PERSON, SCHUTZ UND ANLEITUNG, PERFORMANCE, ABSCHIED, GEGENÜBERSTELLUNGEN. 

22 afrikanische und europäische Skulpturen werden themenübergreifend miteinander konfrontiert, so könnte die  Maria mit Kind des Ulmer Bildschnitzers Michel Erhart, die einer pfemba-Mutterschaftsfigur aus dem Kongo gegenübersteht, auch in den Teil Gender passen.

Klassische win-win!

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cv Emanuel Borja

Christa Blenk

 

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Fritz Ascher: Leben ist Glühn

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 Ed Bischoff: Porträt Fritz Ascher, 1912,
Öl auf Leinwand, 50 x 38 cm Privatsammlung -
© Bianca Stock. Foto: Malcolm Varon

 

Leben ist Glühn

Der wieder entdeckte deutsche Expressionist Fritz Ascher (1893-1970) zu Gast  in der Berliner Villa Oppenheim und im Museum Potsdam.

« Hier geht ein ganz Großer in die Welt » soll Max Liebermann zu Fritz Aschers Vater gesagt haben, bevor der Berliner « Hof »-Maler ihn an die Akademie für Bildende Künste in Königsberg empfohlen hat.  Ascher war gerade mal 16 Jahre alt als Max Liebermann sein Talent erkannte. In Königsberg hat er auch den Maler Eduard Bischoff kennen gelernt, der 1912 Aschers Portrait malen wird, das einen jungen, sympathischen und fröhlichen Mann zeigt und die Ausstellung in der Villa in Charlottenburg eröffnet. Ein Jahr später, 1913, kommt Ascher nach Berlin zurück und studiert bei Lovis Corinth und Kurt Agthe und trifft auf den Maler  Edvard Munch. 

Zu  Beginn des ersten Weltkrieges ist Ascher  21 Jahre alt und malt im Geist der Zeit, schießt sich aber nicht der allgemeinen Kriegsbegeisterung an, die viele andere Künstler in den Krieg treiben und zerstören soll.

Ascher, der 1893 in eine wohlhabende Berliner, jüdische Bürgerfamilie hineingeboren wird – sein Vater war Zahnarzt und erfolgreicher Unternehmer, der in den USA studierte – und der seine Kinder um 1900 evangelisch taufen lässt,  hatte sich bis dahin nie mit dem Thema Judentum auseinanander gesetzt. Es entstehen Bilder wie Golgatha. Später, fasziniert durch Gustav Meyrinks Golem- Legende,  befasst er sich immer wieder mit der Legende um den Beschützer der Prager Juden. Die Farbe Gelb tritt in seine Bilder ein. Das Thema Golem rüttelt ihn immer wieder und einige seiner Werke nimmt er sogar nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Ascher ist fasziniert von Mythen, Sagen, Religion, Theater und Musik, komponiert auch selber und verehrt vor allem Beethoven, den er des öfteren malt.

Nach dem ersten Weltkrieg lernt er in München die Malerei des Blauen Reiters kennen und freundet sich mit den Künstlern des Satiremagazins Simplicissimus an, darunter George Grosz und Käthe Kollwitz. In den wilden Jahren zwischen den kriegen zählt er zu der hoffnungsvollen, jungen Avantgarde-Malern mit einer großen Zukunft.  In seinen Bildern stecken Noldes kräftige Farben und Max Beckmanns bauchige Figuren oder Kriegsschrecken-Bilder aber auch das ausdrucksstarke grelle Fratzen-Durcheinander von James Ensor und der grobe Pointillismus von  George Rouault interessieren ihn. Viele seiner Bilder lassen auch an den Spanier Goya denken.

 
 
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Saalansicht – Bäume – Villa Oppenheim

 

Ins Visier der Nazis gerät er schon 1933, ab 1938 darf er nicht mehr malen und gehört zu den Entarteten. Fritz Ascher verbringt den Krieg abwechselnd in Verstecken, im Konzentrationslager oder in Gefängnissen, ist bei Kriegsende zermürbt vom Widerstand gegen die Barbarei und Martha Grassmann wird sich zeitlebens um ihn kümmern.

Erst in den 1950er Jahren nimmt er die Produktion wieder auf, unterbrochen von Depressionsphasen. Ascher verbringt viel Zeit auf Spaziergängen im Grunewald und holt sich dort die Motive für seine Seelenbilder. Es entstehen kräftige Nolde-Sonnen – die die jahrelange Finsternis der Vor- und Kriegszeit vergessen lassen, Van Gogh Sonnenblumen oder stabile, unbiegsame sichere Bäume, die an die Farben von Liebermann erinnern und ob und zu eine Lichtung zulassen, wie auf seinem letzten Bild das 1968 entsteht. Das Figurative verschwindet fast gänzlich aber Licht spielt eine umso  wichtigere Rolle. Ascher ist allerdings ganz weit weg von den humoristischen Karikaturen der 1920er Jahre, die Poesie, die seine Malerei begleitet ist beschreibend, flehend.

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Fritz Ascher, Sonnenuntergang, 1962, Öl auf Leinwand,
80 x 70 cm – Privatsammlung
© Bianca Stock, Foto: Malcolm Varon

 

In den Nachkriegswerken tauchen manchmal Tedenzen oder Pinselstriche der Neuen Wilden wie Baselitz oder Lüpertz auf, ohne dass Ascher die Tendenzen der Malerei der 1960er Jahre aufnimmt. Ascher muss die lange Zeit des Nichtmalens nachholen und die verlorenen Jahren aufarbeiten.  In die Kriegsjahren, in den Verstecken und Gefängnissen entstehen Gedichte, die vereinzelt  in der Ausstellung zu lesen sind und mit den Bildern verschmelzen.  

Viele seine Werke wurden von den Nazis zerstört und praktisch alle Exponate befinden sich heute in Privatsammlungen.  Die Kunsthistorikerin und Ascher-Spezialistin Rachel Stern hat ihn entdeckt und gründete in New York vor über 30 Jahren die Fritz Ascher Gesellschaft für Verfolgte, Verfemte und Verbotene Kunst.  Diese verlorene Generation von Malern wie Fritz Ascher oder Josef Block werden zur Zeit in Berlin gerade neu entdeckt und in die Museen geholt.

Die Ausstellung « Leben ist Glühn: Der deutsche Expressionist Fritz Ascher » ist anlässlich seines 125. Geburtstag konzipiert worden und zeigt insgesamt ca 80 Exponate aus Privatsammlungen aus dem In- und Ausland. Sie ist noch bis zum 8. März 2018 in der Villa Oppenheim in Berlin und im Museum Potsdam  zu sehen. Die Schau ist sehr gut und umfassend dokumentiert und unbedingt sehenswert.

Zur Ausstellung, die schon im Felix Nussbaum-Haus in Osnabrück und in Chemnitz gezeigt wurde,  ist ein umfangreicher Katalog erschienen. Die Ausstellung in der Villa Oppenheim wurde von Dr. Sabine Witt, Leiterin des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf, kuratiert und steht unter der Schirmherrschaft der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien Prof. Dr. Monika Grütters.

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Fritz Ascher: Figurenkomposition (Inferno?)
1915, weiße Gouache und schwarze Tusche
über Aquarell und Grafit auf Papier, 46 x 58,5 cm
Privatsammlung - © Bianca Stock. Foto: Malcolm Varon

 

Aus Anlass dieser Schau hat die Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße im Potsdamer Polizeigefängnis Priesterstr./Bauhofstr. die Werkstattausstellung « Sechs Wochen sind fast wie lebenslänglich » zu sehen. Fritz Ascher war in diesem Gefängnis inhaftiert.

 

Christa Blenk

 

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Blog Highlights 2017

Liebe Leserinnen und Leser,

Hier sind nochmals die kulturellen Highlights der letzten 12 Monate nachzulesen, Verbindungen werden hergestellt und Brücken gebaut – wie es nur Musik und Kunst fertig bringen. Dieses Jahr wird der Übergang von einem Kulturevent zum anderen über eine venezianische Brücke von statten gehen. Es geht deshalb auch nicht immer chronologisch zu auf dieser Reise durch 2017!

P1060051 Avanti Avanti. Mit einem spritzigen Silvesterkonzert in der Komischen Oper fing das kulturelle Jahr 2017 an. Max Hopp rollte Volare Volare singend (und tanzend) mit der Vespa (aber nicht mit dieser – diese habe ich auf der Biennale in Venedig entdeckt) auf die Bühne – jedenfalls hatte er das vor … aber lesen Sie selber.

Brücke ohne Geländer Tanzend ging es auch gleich weiter mit den Tanztagen in Berlin . Surrealistisch und perfekt. Duato Shechter gab es in der Komischen Oper. Großartig war auch eine Aufführung des Nederlands Dans Theaters Anfang Dezember.

venezia3  Die Kriminellen der Frau A   war ein ausgesprochen packendes Erlebnis zwischen Theater, Kunst und Musik. Die Oper Ovartaci crazy, queer & loveable ist ein work in progress und erzählt Abschnitte aus Ovartacis Leben. Wir freuen uns schon auf den nächsten Teil!

P1050886 Viel klassische und konventionelle Oper gab es natürlich auch. Hervorzuheben  Salomé in der Deutschen Oper, eine großartige Aufführung von Purcells King Arthur. Abwechselnd zwischen Staatsoper, Komischer Oper und Deutscher Oper gibt es Berichte über  Petruschka, Hoffmanns Erzählungen, Don Giovanni, Der fliegende Holländer, Jacob Lenz, Elektra , La damnation de Faust oder Lohengrin. Sehr zu empfehlen hier Philipp Glass’ Satyagraha  in der Komischen Oper und L’Invisible von Aribert Reimann in der DO. Nicht sehr überzeugend und ein wenig langweilig war Tod in Venedig.

P1050884 Das Georg Kolbe Museum hat gleich drei großartige Ausstellungen in den eher armen Berliner Ausstellungshimmel geschossen. Georg Kolbe im Netzwerk der Moderne , eine umfassende Recherche über Flechtheim und kurz vor Jahresende Emil Cimiotti. Dazu passte perfekt die Ausstellung über Rudolf Belling.

P1050881 Hannover  hat außer einer ziemlich guten Oper auch noch viel Kunst zu bieten. Auf der Skulpturenmeile trifft man auf viele Bildhauer des 20. Jahrhunderts aber natürlich hat sich die Reise schon gelohnt, um dort Hans Werner Henzes « Englische Katze »  zu sehen. Später im Jahr wurde dann auch die Oper LOT  von Giorgio Battistelli dort aufgeführt. In der Ausstellung Manifesto spielt Cate Blanchet 13 verschiedene Rollen. Diese Ausstellung ging durch alle wichtigen europäischen Museen.

1 Das Pariser Centre Pompidou ist immer einen Abstecher wert. Die jeweiligen Restrospektiven über Cy Twombly und David Hockney haben das wieder bewiesen. Jean Noel Pettit hat Cy Twombly ins Französische  übersetzt.

P1050882  Und wieder über eine Brücke und es geht ins Theater. Davon hat Berlin auch genug. Jeanne d’Arc in einem weißen Würfel im Gorki Theater, Wut  am Deutschen Theater, der gefräßige und feige König Ubu, eine enttäuschende Phädra und Caligula  am Berliner Ensemble mit Kettensägen und Wahnsinn.  Sehr gut The Situation im Gorki Theater und weniger gelungen Michel Houellebecq  Unterwerfung. Highlight war sicher die FAUST  Aufführung in der Volksbühne und der damit verbundene Abschied vom Theater-Wüterich Castorf. Kurz vor Jahresende war er dann Gast im Berliner Ensemble mit einer sehr freien Interpretation von Hugos Les Misérables.

P1050924 das wunderbare Ensemble Concerto Romano kennen wir schon aus Rom. 2017 konnten wir sie gleich zweimal in und um Berlin erleben. Einmal mit der herausragenden Aufführung Ad Arma Fideles beim Äquinox Festival und ein zweites Mal beim Göttinger Musikfestival.

P1050875 Aber jetzt wieder ein wenig Kunst. In der Biennale von Venedig hat mich am meisten die side show von Michelangelo Pistoletto interessiert. Er installierte seine Arbeiten in der Palladio-Umgebung.

Gut die Schau über Friedrich Kiesler im Gropius Bau oder die Präsentation von Jeanne Mammen in der Berlinischen Galerie. Im Hamburger Bahnhof war Hanne Darboven zu sehen und eine Entdeckung war  Jan Toorop. Ansonsten hat sich die Kunst in Berlin eher zurückgehalten.

P1050873 Jetzt mit einem großen Sprung über diese Brücke zur zeitgenössischen Musik. Hier ist das Festival Hofklang Anfang September hervorzuheben. Unerhörte Musik gibt es meistens am Dienstag im BKA. Korpus  oder e-werk waren u.a. zu Gast.  Ulrike Brand war auch in einer Performance Walls and Waves  in einer Kirche zu erleben.

P1050870 Überraschend eine Aufführung in der Ahlbecker Kirche auf Usedom von Pergolesis Stabat Mater. Usedom war sonst eher enttäuschend, aber gelohnt hat sich auf jeden Fall ein Besuch im Museum von Otto Niemeyer-Holstein. In dem Artikel zwischen Ostsee und Achterwasser  ist es beschrieben.

P1050850 Und über diese Brücke kommen wir zur Orgel und zu der Orgel-Ikone Matthias Eisenberg. Später im Jahr – zu Luthers Geburtstag – reisten wir ihm nach Leipzig nach und daraus wurde ein musikalisches Leipzig-Wochenende. 

P1050826 Aber auch Robert Wilson beschäftigte sich mit Luther und seinem Jubiläum mit der etwas konfusen Aufführung « Luther dancing with the Gods«  im Pierre Boulez Saal. Kammermusik mit und ohne Worte und ein Auftritt des großartigen Klarinettisten Jörg Widmann sind ebenso beschrieben.

2 Auch der argentinische Komponist und Bandeonist mit italienischen Wurzeln Daniel Pacitti befasste sich mit Luther. Im Juli wurde in der Philharmonie sein Oratorium « Wir sind Bettler » uraufgeführt mit Roman Trekel in der Hauptrolle. Kennen gelernt allerdings haben wir Pacitti bei einer ganz anderen Gelegenheit, nämlich bei einem kreolischen Tangoabend in den Räumen der Freien Volksbühne.

P1050816 Bei einem wunderbaren Hauskonzert in Zehlendorf hat Pacitti seine dritte Seite präsentiert. Das zeitgenössische Stück mit Einflüssen aus seiner Heimat. La Cruz del Sur wurde von zwei virtuosen jungen Solisten (Klavier und Querflöte) vorgetragen. Ausgeklungen sind die Zehlendorfer Hauskonzerte mit Werken von  Franz Schubert.

P1050920 In der Kunst und Ausstellungshalle in Bonn gab es eine sehr gut zusammen gestellte Ausstellung von Ferdinand Hodler  und München befasste sich mit dem 19. Jahrhundert in der Ausstellung GUT WAHR SCHÖN . Diese beiden Artikel sind u.a. auch auf KULTURA EXTRA  erschienen.

P1050894 Der Sommer in der Vendee besteht nicht nur aus Palourdes sammeln oder Strandspaziergängen. In Thiré findet jedes Jahr das Festival « Dans le Jardin de William Christie » statt. Dieses Jahr Monteverdi  gewidmet. William Christie war auch im Dezember zu Gast in der Philharmonie mit einer fantastischen Aufführung von Monteverdis  « Selva spirituale e morale ». Aber auch die Staatsoper feierte den großen Monteverdi mit einer sehr schönen Aufführung von L’incoronazione di Poppea.

Auch die Neuköllner Oper widmete Monteverdi einen Abend – bei Combattimento x 2 geht es in den Wrestler Ring!

P1050850 In einen anderen Garten – nämlich in den von Guillermo Lledó - führte die diesjährige Madrid-Reise. « Plaza para un hombre solo » ist eine Skulptur und die Eröffnung dieser wurde ganz groß in seinem Garten in einem Madrider Vorort gefeiert mit Künstlern und Madrider Kunstwelt. Madrid ist eine Kunst-Stadt, ein wenig davon ist hier auch beschrieben: Mateo Mate, Rosa Barba, Franz Erhard Walter. Das Museo Reina Sofia hatte eine umfangreiche Ausstellung zu Picasso und Guernica organisiert. Piedad y terror en Picasso.

P1050892 der argentinische Künstler Nestor Boscoscuro lebt in Berlin und in Buenos Aires. Mit ihm wurde die Portrait-Serie für KULTURA EXTRA erweitert.

P1050877 Die Aufführungen der Neuköllner Oper lohnen sich ebenfalls immer und sind jedesmal überraschend und erfrischend. Unter anderem gab es dort Combattimento x 2, Fuck the Facts und eine sehr freie Interpretation der Bettleropera.

P1050948 Pellworm – wo ist das denn? Aber eine Reise dorthin lohnt schon deshalb, weil diese Ecke in der Nordsee eine Art Atlantis ist – umgeben von Mythen und Sagen.

P1050818 The future is female war der Titel einer Reihe von Aufführungen  in den Sophiensälen. HUMBUG  wurde durch OPERALAB aufgeführt, war sehr amüsant und führte in die Zirkuswelt. In Norway Today  waren die zukünftigen Sophies Rois oder Wuttkes dieser Welt zu sehen.

P1060047 Das Colombian Youth Orchestra erfand Strawinsky neu und das auch noch im Konzerthaus am Gendarmenmarkt  und Josep Pons dirigierte Ravel, Falla und ebenfalls Strawinsky.

P1050928Bei dem Buch « Eine Sinfonie der Welt » geht es auch um Musik. Hier beschreibt Alexander Bertsch das Leben eines Komponisten in der Nazi-Zeit.  Ein schönes Buch!

Brücke ohne Geländer Hoch im Norden lebt der Dorfpoet  und macht sich über sich selber und die Welt lustig -  aber lesen Sie selber.

 

Einen Guten Rutsch mit Trauben, Linsen oder anderen Bräuchen  wünsche ich allen Leserinnen und Leser und ich freue mich auf Ihren Besuch im nächsten Jahr!

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Christa Blenk

 

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Matschkes Krippen-Welt

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Die Edelholzkrippe

 

Im Dezember sind im Gemeindehaus neben der Schlosskirche von Buch Angelika und Peter Matschkes Krippen ausgestellt. Figuren, Figurengruppen, Tiere und Sänger aus  aller Welt, die alle irgendetwas mit Weihnachten und Krippen zu tun haben, sind zu bewundern. Die beiden stolzen Besitzer dieser kleinen Kunstwerke haben selber viele Jahre im Ausland gelebt und auf jedem Posten ihre Sammlung vergrößert.

Aber so eine Sammlung entsteht ja nicht von selber, in so etwas wird man hineingeboren: Als Pfarrerskind war Angelika Matschke näher als andere Kinder an Weihnachten und Weihnachtsgeschichten oder Krippenspielen. Der Weihnachtsberg in Brünlos im Erzgebirge hat sie als Kind sehr beeindruckt und die Mechanik, die die Figuren zum Leben erwachten, hat sie verzaubert. Und wenn andere kleine Mädchen sich Puppen wünschten, wollte sie Krippenkinder haben oder Papier-Ausschneide-Figuren und Gehäuse. Aber das Schönste war natürlich die Edelholzkrippe ihres Vaters, mit der sie allerdings als Kind nicht spielen durfte und das nicht nur, weil die Figuren in der Bodenplatte verankert waren. Spielen mit den Krippenhelden durfte sie aber mit den Schätzen Ihrer Großeltern.

 

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Die  Figuren aus anderen Kulturkreisen  kamen auf Posten wie Kairo, Lima, Caracas oder Bangkok  dazu und so wurde aus einer Souvenir-Sammlung eine internationale Krippensammlung.  Freunde wussten von diesem Zeitpunkt an auch immer, was sie den Matschkes schenken konnten: einen Engel, eine Krippe oder ein Krippentier.

Aber mindestens genau so spannend wie die unterschiedlichen Krippenfiguren sind die Geschichten dazu, die Angelika Matschke im Begleitkatalog zur Ausstellung erzählt.

Die Edelholzkrippe ihres Vaters kam zu ihr, als sie während ihres Kirchenmusikstudiums in Görlitz über die Weihnachts-Feiertage  nicht nach Hause kommen konnte. Sie ist aus unterschiedlichen Hölzern gearbeitet und eines der schönsten Arrangements in der Sammlung. Von den Großeltern stammen die größeren Holzengel, diejenigen, mit denen sie als Kind spielen durfte.

Beeindruckend ist das Krippenorchester, die „Grünhainichener“ Engel, die ebenfalls alle zusammen in einer anderen Vitrine musizieren. Die koptische Krippe bekam sie von einer Kollegin geschenkt, weil der Umzug von Bonn nach Kairo nicht pünktlich zu Weihnachten ankam. Die Figuren aus Bangkok sind die farbenfrohesten und die Playmobil Figur, die ihre Tochter zum ersten Weihnachten in Lima bekam, legte den Grundstein für eine  Playmobil-Sammlung.  In Peru kam auch eine ganz typische Krippe der Andenbewohner dazu und hier ist der Esel ein Lama geworden. In Venezuela hat sie später auf dem Weihnachtsmarkt der deutschen evangelischen Gemeinde eine  Krippe aus Bronze gekauft. Der dafür eigentlich etwas zu groß geratene Engel war das Abschiedsgeschenk der Kirchgemeinde Lima.

 

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Aber auch ein  Notenschlüssel aus Assisi, den ihr die Tochter von der  Konfirmandenfahrt nach Italien mitbrachte, gehört zur Sammlung sowie unzählige individuelle Engel- und Tierfiguren.

Und wenn Sie dann schon mal in Buch sind, werfen Sie unbedingt einen Blick in die Kirche, denn das lohnt sich auch. Sie zählt zu den schönsten Barock-Sakralbauten in Berlin-Brandenburg und wurde um 1730 nach Plänen des Architekten Friedrich Wilhelm Diterichs im Auftrag von Adam Otto von Viereck erbaut.  Theodor Fontane bewunderte bei seinem Besuch in Buch die Stattlichkeit und den malerischen Reiz dieses ziemlich auffälligen Bauwerks. Historische Fotos erzählen, wie sie vor der Bombardierung 1943 ausgesehen hat. Besonders originell und schön ist das Epitaph für Adam Otto von Viereck in der Rundbogennische an der Ostwand. Der Berliner Bildhauer Johann Georg Glume hat es 1763 geschaffen.  Die spätbarocke oder Rokoko-Skulptur füllt die komplette Nische aus und erzählt in einem  asymmetrischen Aufbau das Leben von Viereck.

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Epitaph in der Bucher Schlosskirche
 

Christa  Blenk

 

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Trash People – HA Schult

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Anfang Dezember 2017 kommen die Trash People von HA Schult nochmal an den Schinkelplatz zurück. Dort stehen die 1,80 Meter großen Blechmenschen noch bis zum 10. Dezember auf den Balkonen der noch nicht bezugsfertigen Luxuswohnungen.

Der deutsche Aktionskünstler HA Schult (*1939) begann 1996 mit den Trash People, die er sodann auf die Reise um die Welt schickte. Der Weg führte sie u.a. von Xanten nach Paris und Moskau. 2001 erreichten sie die Chinesische Mauer und zogen anschließend nach Kairo zu den Pyramiden weiter. 2004 machten sie in Gorleben hat, anschließend in Brüssel. 2007 besetzten sie die Piazza del Popolo in Rom anlässlich des 50. Jahrestages der Römischen Verträge. Von dort ging es weiter nach Barcelona und nach Spitzbergen. 2014 waren sie in Tel Aviv zu sehen und in Luxemburg. Im August 2016 landeten 300 seiner aus Blech gefertigten Figuren in einer Baugrube in Berlin am Schinkelplatz.  Ausgrenzung und Ausbeutung sollen sie symbolisieren und zugleich dem Architekten Schinkel huldigen.

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Projekt 2016 – Baugrube am Schinkelplatz

 

 

HA Schult war Teilnehmer der Documenta 5 und 6 in Kassel. 1986 gründete er das Museum für Aktionskunst in Essen. Bekannt wurde HA Schult 1991 mit dem Flügelauto, das auf dem Dach des Kölnischen Stadtmuseums steht. 

 

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Berlin – Schinkelplatz DREI   - Trash People

 

Im August / September 2017 war in Köln ein umstrittenes Müll-Haus-Projekt zu sehen, das auf die Vermüllung der Welt aufmerksam machen sollte.  Für den Bau dieses « Save the World Hotels »  waren viele Freiwillige im Einsatz, die für ihn Plastikflaschen, Lumpen und Papier sammelten. 

 

Christa Blenk 

 

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Emil Cimiotti – „Denn was innen, das ist außen“

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Im August 2017 feierte der Göttinger Künstler Emil Cimiotti seinen 90. Geburtstag. Das Kolbe Museum hat ihm aus diesem Anlass eine wunderbare Ausstellung organisiert.

Cimiotti ist 1927 geboren, war kurz im Krieg,  in Kriegsgefangenschaft und ist nach seiner Rückkehr Künstler geworden, zuerst als Autodidakt. Gleichzeitig macht er eine Ausbildung zum Steinmetz, lernt Willi Baumeister kennen und ein paar Jahre später in Berlin Karl Hartung. Dann zieht es ihn aber nach Paris wo er bei Ossip Zadkine lernt und wo er Brancusi, Leger, Giacometti und Le Corbusier kennenlernt.

 

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Baum, 1991 -Bronze bemalt – Kunstsammlung Talanx AG; Monte Circeo, 1959 – Kunstmuseum Bochum; Figurengruppe II, 1957 – Privatsammlung Niedersachsen

 

In den  1950er Jahre entstehen seine ersten kleinformatigen Bronzen. Die Kritik reagiert nicht gut darauf. Cimiotti bekommt 1957 aber trotzdem einen Kunstpreis verliehen und darf ein Jahr später zur Biennale nach Venedig reisen. Im selben Jahr erhält er ein Stipendium für die Villa Massimo in Rom. Anschließend stellt er auf der documenta aus. Dreimal hintereinander.

Seit Ende der 1950er Jahren gehört Cimiotti zu den Pionieren der abstrakten Skulptur und er ist aus der Kunstwelt nicht mehr wegzudenken und über den Umweg der Abstraktion findet er Mitte der 1960er Jahre den Weg zur Figuration. Es steckt viel Poesie in seinen Arbeiten, manchmal kritische und nachdenkliche und dann wieder grotesk-surreale.  Cimiotti referiert permanent mit der Natur, so heißen seine  Arbeiten Wald, Baum oder Fische.

An der Eröffnung am 19. November nimmt der 90jährige Künstler persönlich teil. Er  wirkt gar nicht zerbrechlich,  begrüßt das Publikum im Stehen und diskutiert mit den Besuchern.

 

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 Die Fische, 1978-80 – Landratsamt Alb-Donau-Kreis

 

Vor ein paar Jahren hingegen, hat Cimiotti beschlossen, nicht mehr mit Bronze zu arbeiten. Er ist umgestiegen auf leichter zu handhabende Materialien wie Papier. Es entsteht ein positives und methodisches Alterswerk, das ihn wieder ganz jung macht und an den Anfang einer Karriere bringt und  das viel kreative Freiheit in sich birgt. Papier kann er alleine bewegen  – ohne Kran und Mitarbeiter. Die farbigen Papierfaltarbeiten stehen im Dialog mit den Skulpturen und es ist sehr interessant zu beobachten,  dass auch seine Bronzen manchmal an zerknülltes oder gefaltetes Papier erinnern. Sie wirken beweglich, filigran, verletzlich manchmal, nicht statisch und leicht eigentlich. Einige seiner Skulpturen hat Cimiotti  früher auch bemalt. 

 

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Saalansicht

 

Das Kolbe Museum ist wie geschaffen für seine Arbeiten, die auch gut zu Kolbes Skulpturen passen. Im ersten, sehr lichten Saal hat die Kuratorin die Arbeiten aus den 1950er – 1970er Jahren platziert, dies sind auch z.T. die größeren Arbeiten, obwohl Cimiottis Skulpturen meist eine menschliche Dimension haben, tragbar und überschaubar sind. Die neueren Arbeiten und delikaten Papierreliefs sind im Nebensaal und im Untergeschoss ausgestellt. 

Einen direkten Einfluss von Zadkine kann man nicht wirklich feststellen. Zadkines Skulpturen sind härter, größer und kubistischer. Da findet man eher bei Giacomettis Arbeiten Parallelen oder mit Wilhelm Lehmbruck, sogar Kolbe selber. Hieran denkt man vor allem bei der Figur (für Meister Gislebertus, 1984), die gleich im ersten Saal steht. Sie steht da, in Kolbe Position, durchsichtig, voll im Licht, hat weder Kopf noch Arme und streckt  sich doch gen Himmel. Man spürt ein Ziehen in den Unterschenkeln beim Betrachten.

Den Titel seiner Ausstellung Denn was Innen, das ist außen hat er sich bei Goethe ausgeliehen.

Müsset im Naturbetrachten
Immer eins wie alles achten.
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen;
Denn was innen, das ist außen.
So ergreifet ohne Säumnis
Heilig öffentlich Geheimnis!
Freuet euch des wahren Scheins,
Euch des ernsten Spieles!
Kein Lebend’ges ist ein Eins,
Immer ist’s ein Vieles. (Epirrhema, J.W. von Goethe)

Die Ausstellung zeigt über 30 Plastiken und zahlreiche Zeichnungen sowie die zarten Papierreliefs, die vor kurzem erst in seinem Atelier in Hedwigsburg entstanden sind und sie beschreibt 60 Jahre Künstlerleben.

Kuratiert wurde die Schau von Prof. Christa Lichtenstern, die Cimiottis Arbeiten wie Niemand sonst kennt und viel über ihn geschrieben hat. Die Ausstellung ist noch bis zum 28. Januar 2018 zu sehen und lohnt einen Besuch.

 
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 am Eröffnungstag im Kolbe Museum
 
 

 Christa Blenk

 

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