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Emil Nolde – Eine deutsche Legende

Nolde im Hamburger Bahnhof

 

Die Freuden der Pflicht

Schon der Schrifttyp des Ausstellungsplakats zeigt, worum es hier eigentlich geht.

Dass der Maler Emil Nolde nicht zum Widerstand gehörte, war immer klar. Klar war auch, dass er in der Partei war und nie mit dem Gedanken spielte, Nazi-Deutschland zu verlassen.  Auch seine Sympathie für das Regime war bekannt, obwohl er zu den Künstlern gehörte, die am meisten den Stempel „entartet“ aufgedruckt bekamen und er mit einem sogenannten Malverbot belegt wurde.  All diese Informationen wurden in der letzten Zeit  verstärkt und gefestigt, da seit dem Jahre 2013  ein Archiv in Seebüll den Zugang zu knapp 30.000 Dokumenten aus dem Nolde Nachlass ermöglichte, was eine intensive Auswertung seiner Person und Kunst und eine Änderung seiner Biografie mit sich brachte.  Einer der größten deutschen Expressionisten war ein Antisemit und ein Vorkämpfer gegen die angebliche jüdische Dominanz in der deutschen Kunst.

Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof zeigt nicht nur viele weniger bekannte Werke, zum Teil als Reproduktionen, sie dokumentiert auch anhand von Briefen und Fotos einen verbissenen, unsympathischen und opportunistischen Nolde und wirft die Frage auf , wie  das Nazi-Deutschland seine Kunst veränderte bzw. beeinflusste.

 

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Das Bild in der Münchner Ausstellung (Foto in der Ausstellung)

 

Im ersten Saal hängt das Gemälde „Verlorenes Paradies„. Es entstand 1921, misst 106 x 157 cm und gehört der Nolde Stiftung Seebüll. Ein großartiges Hauptwerk. Farbenprächtig, primitiv, ironisch und dümmlich blicken Adam und Eva aus der « nackten » Wäsche. Sie sitzen – wohl vor dem Paradies – links und rechts einer grün-lila züngelnden Schlange und verbreiten eine „no future“ Stimmung.  Im Hintergrund ein fletschender Löwe. Das Bild ist ein Paradebeispiel für Entartung in der Kunst. Auch das heftige Gemälde „Die Sünderin“ (1926) ist zu sehen. Es zeigt seinen harten, sehr eigenwilligen Expressionismus. Dieses umwerfende, biblische, Bild gehört der Berliner Nationalgalerie. In dieser Zeit malte Nolde mehrere religiöse Bilder und griff immer wieder auf Bibelmotive zurück. Dies änderte sich schlagartig 1934. Ab dieser Zeit malte er primitive Wikinger und blonde Krieger aus altdeutschen Legenden oder mythische Opferszenen, auch um den Nazis zu gefallen. Dass die Nazis diese primitiven, blonden Anti-Helden nicht mochten, hätte er eigentlich erkennen oder wissen  müssen. Dass er sie trotzdem gemalt hat zeigt, dass er eben doch, dass er ein großartiger Künstler war, der wenigstens seinen künstlerischen Werdegang nicht verleugnen konnte. Das Aquarell „Gaut der Rote“ entstand in der Zeit des Malverbots und wird mit anderen Werken aus der Serie in der Ausstellung gezeigt. Aus Seebüll kam auch das Aquarell „Altes Bauernpaar“ (1942). Es misst nur knapp 22 x 16,5 cm und strahlt Armut und hartes Landleben aus. Das Aquarell „Herrin und Fremdling“  diente ihm wohl als Vorlage für das Gemälde  „Nordische Menschen“.

Seine ungemalten Bilder, kleinformatige Aquarelle, hat er angeblich nach dem Malverbot heimlich gemalt. So genau stimmte das aber nicht, denn schon vor 1934 entstanden große Gemälde auf der Basis von Aquarellen.

Am Schluss der Ausstellung hängt das Bild « Brecher“. Ein beeindruckendes, wildes, tosendes Wellenbild in grau-blau mit brennendem Nolde-Himmel.  Es hing bis vor kurzem im Bundeskanzleramt.

Seine persönliche Legendenbildung begann dann auch gleich nach dem Krieg. Nolde wurde zum Opfer und seine Ideologien heruntergespielt. Unterstützt hat dies der Roman von Siegfried Lenz‘ Roman „Deutschstunde“, der 1968 erschien und aus Nolde einen Dissidenten, einen Geschädigten machte, der nicht mehr malen durfte und dies vom Dorfpolizisten überwacht werden musste. Nolde selber frisierte seine Biografie und entfernte alles was « politisch nicht korrekt » war. Bemerkungen über den Galeristen Paul Cassirer oder mit Max Liebermann zeigten seinen Antisemitismus schon früh, lange bevor die Nazis an die Macht kamen.

Ein wichtiger Teil der Ausstellung ist die Nachbildung von Noldes Bilderzimmer in Seebüll. Die Werke hängen genau so, wie der Künstler sie 1941 selber angebracht hatte. In diesem Jahr wird Seebüll an der dänischen Grenze der Hauptwohnsitz der Noldes, auch weil in Berlin immer mehr Luftangriffe stattfinden. Viele religiöse Bilder aus den Jahren bis zum Ende des ersten Weltkrieges fehlen, dafür ist die nordische Thematik gut vertreten.

 

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Nachbildung seines Bilderraumes in Seebüll

 

Diese Werkschau setzt eine Reihe von Ausstellungen mit Werken der Neuen Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof fort. So wurden seit 2015 Werke von Kirchner, Belling und Mueller gezeigt, denn auf Grund der langwierigen Umbauarbeiten des Mies van der Rohe-Baus, liegen all diese Schätze im Keller.

Nolde trat 1906 der Künstlergruppe Brücke bei und lernte dort Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff kennen und später auch Munch in Berlin. Ein Streit mit Schmidt-Rottluff ließ ihn ein Jahr später schon wieder austreten. Profitieren konnte er auch von seiner Mitgliedschaft in der Berliner Secession 1909. Kurz darauf entstanden die ersten religiösen Bilder und Nolde konnte schon früh Erfolge vorweisen. Als Zeichner durfte er in den Jahren 1913-1914 an der medizinisch-demographischen Deutsch-Neuguinea Expedition teilnehmen und erweiterte sein Farbenspektrum aber entdeckte auch seinen Rassismus, denn die „Wilden“ auf die er dort traf, hielt er für minderwertig. Ab 1926 verbrachte er die Sommermonate mit seiner Frau Ada in Seebüll.

Obwohl Goebbels und Speer ihn anfangs förderten wurde sein Gemälde Leben Christi in der Ausstellung Entartete Kunst 1937 präsentiert. Beschlagnahmungen und Zwangsverkäufe folgten. Nolde konnte das gar nicht fassen und fühlte sich missverstanden, ja versuchte sogar die Nationalsozialisten davon zu überzeugen, dass seine Kunst gegen die Überfremdung der deutschen Kunst eine wichtige Rolle spiele.

1956 ist Emil Nolde in Seebüll verstorben. Nach dem Krieg malte er noch über 100 Bilder, allerdings mehr und mehr eingeschränkt durch seine Parkinson-Krankheit. Nachdem er fast 20 Jahre auf biblische Themen verzichtet hatte, greift er 1951 mit « Jesus und die Schriftgelehrten » wieder darauf zurück. Dieses Bild gleich vom Aufbau her « Der Sünderin ».

1955 wurde er zur  documenta 1 eingeladen; posthum nahm nochmals 1959 und 1964 teil.

Die Ausstellung Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus wurde durch die Freunde der Nationalgalerie ermöglicht unterstützt durch die Friede Springer Stiftung  in Zusammenarbeit mit der Nolde Stiftung Seebüll. Kuratiert haben sie Bernhard Fulda, Christian Ring und Aya Soika.

Die Ausstellung ist noch bis zum 15.09.2019 im Hamburger Bahnhof zu sehen. Sehenswert ist die Ausstellung auf jeden Fall, allerdings muss man eine lange Schlange in Kauf nehmen.

Christa Blenk

 

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Giacometti im Prado

ausstellung

 

Giacometti flaniert durch den Prado (Artikel für KULTURA EXTRA)

Der Madrider Prado ist einer der bedeutendsten und berühmtesten Kunsttempel weltweit. Dieses Jahr feiert das Museum seinen 200. Geburtstag. Ehrengast ist seit dem 2. April der Schweizer Künstler Alberto Giacometti (1901-1966). Die feingliedrigen Skulpturen mischen sich unter die Gemälde der alten Meister, die vor allem im  „Siglo de Oro“ (Spaniens Goldenes Jahrhundert) auf die Iberische Halbinsel gekommen bzw. dort entstanden sind: darunter sind Werke von Goya, Velázques, El Greco oder Bosch und Brueghel sowie viele Gemälde der italienischen Renaissance.

Raum und Zeit erfinden sich mit diesem Ehrengast hier neu.  Obwohl der Prado schon früher für Degas oder Picasso z.B. seine Türen für die Avantgarde öffnen ließ, blieben die modernen Eindringliche unter sich. Hier treten die nervösen Giacometti Figuren in direkten Dialog mit den permanenten Bewohnern, da sie um und in den wichtigsten Sälen des Museums aufgestellt wurden.

Die Kuratorin der Ausstellung, Carmen Giménez, schickt Giacometti auf eine Reise durch die Jahrhunderte – vom Mittelalter zur Moderne.  Zeiten und Epochen fusionieren, seine Figuren werden zu Zeitreisenden und jede Skulptur hat für ein paar Monate den passenden Gastgeber gefunden. Sie betrachten sich auf eine voyeuristische Art, begutachten sich und wägen ab, ja erkennen sich wieder, denn für den Schweizer Künstler sind sie – obwohl er nie in Spanien war – keine Unbekannten. Als Kind hat er die alten Meister leidenschaftlich kopiert oder reinterpretiert.  Seine Zeichenhefte beweisen das. Er bewunderte Tintorettos architektonische Farbenpracht genauso wie  er von Goyas  „Pintura negra“ (schwarze Bilder) fasziniert war.

Die jeweilige Platzierung der Skulpturen war sicher eine Herausforderung und ist exquisit und sehr sensibel umgesetzt.

So stehen auf einer Plattform („La Piazza“) die direkt vor Velázques‘ (1599-1660) „Las Meninas“ aufgestellt wurde, vier sich ansehende Skulpturen im Kreis, genau dort wo das Königspaar saß, als es sich vom Hofmaler portraitieren ließ. Zu sehen sind diese allerdings nur durch einen Spiegel im Bild. Dafür steht der Maler mitten in seinem gerade entstehenden Gemälde bei der Arbeit und blickt auf das Publikum bzw. auf die Vierergruppe. Wir sind versucht, auch die Giacometti-Skulpturen unter den Meninas und Hofnarren zu suchen.  Ein seltsames Gefühl das sich fortsetzt, wenn wir als nächstes vor „El Carro“ (der Wagen)  stehen. Die Kuratorin hat ihn vor einem großartigen Tizian aufstellen lassen. Das Portrait Karl V bei der Schlacht von Mühlberg. Der stolze König sitzt hoch zu Ross. Von der Schlacht zeugt außer einem dramatischen Feuerhimmel nichts. Doch sieht man dem Kaiser den Sieg an. Eine filigrane, überdünne Frau auf einem Sockel – eingefroren zwischen Bewegung und Stillstand – über zwei sehr großen Rädern. Die Skulptur wird hier zu Mutter Courage, zu einer Marketenderin im 30jährigen Krieg, die sich durch ihn ihren Lebensunterhalt verdient.  In der Schlacht von Mühlberg besiegte das Heer Kaiser Karls V die Truppen des Schmalkadischen Bundes. Der Führer der Protestanten, Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, geriet in Gefangenschaft. Tizian hat dieses großartige Portrait genau 100 Jahre vor Ende dieses Krieges gemalt.

Einer der Lieblingsmaler von Giacometti war wie gesagt der Venezianer Tintoretto (1518-1594) und seitlich vor dessen großartigem Mammutwerk „Lavatorio“ warten die  „Sieben Frauen aus Venedig“. Giacometti hat sie 1956 für die Biennale von Venedig geformt, jede aus der gleichen Menge Lehm, in verschiedenen Größen und mit ähnlichen Gesichtern. So gebündelt sind sie überaus beeindruckend. Als Gruppe treten sie sonst eher nicht auf, da sie in unterschiedlichen Ländern zu Hause sind. Die Nr. I lebt in Madrid und gehört der Alicia Koplowitz-Grupo Omega Capital. Die Nr II und III,  V und VII sind aus  dem Lousiana Museum of Modern Art in Humblebaek (USA) angereist. Nr. VI gehört der Fundation Marguerite et Aimé Maeght und die Nr. VIII der Fondation Beyeler. Beyeler hat übrigens mehrere Exponate zu dieser Ausstellung geschickt. Die Frauen, so scheint es, kommen gerade aus dem Bild und haben sich vorher noch in der großartigen Architektur von Tintorettos Gemälde getummelt. Jetzt blicken sie neugierig gegenüber auf ihre Verwandten aus dem 16. Jahrhundert im El Greco Saal.  Denn die Heiligen auf El Grecos  (1541-1614) manieristischen Gemälden sehen den Venezianerinnen oder generell Giacomettis Spätwerken durchaus ähnlich.

Im Saal von Zurbarán hat „Das Bein“ seinen Platz gefunden. Es entstand 1958 und kommt aus der Baseler Alberto Giacometti Stiftung. Vor den wuchtigen Körpern auf Zurbaráns Herkules Serie ist das Bein wie ein Hieb und zeigt die Veränderungen, die Giacometti nach dem Zweiten Weltkrieg in seiner Kunst erfahren hat. Die streng-spartanisch, fast schnörkellose und kompakte  Form verträgt sich gut mit dem dunklen Mystiker Zurbarán (1598-1664),  der am liebsten Mönche oder Leute aus dem Volk malte.

Eli Lotar III gilt als Giacomettis letztes Werk, es entstand 1965. Man fand die Skulptur unvollendet in seinem Atelier. Der Fotograf Eli Lotar gehörte zu Giacomettis Freundeskreis. Große Frau I und II sind imposante primitive Göttinnen und scheinen die Ausstellung zu bewachen. Sie sind aus Houston und Zürich nach Madrid gekommen und ebenfalls 1960 entstanden.

Giacometti, der als 20jähriger nach Paris kam und sich um 1930 kurz dem Surrealismus zuwandte, kehrte schon während des zweiten Weltkrieges wieder zu Arbeiten mit Modellen zurück. Er kehrte der avantgardistischen Bewegung den Rücken, wurde irgendwie zeitlos und widmete sich fast komplett der menschlichen Gestalt. Seine rissig-schartigen, unebenen und schroff- langgezogenen Skulpturen könnten aus der Antike kommen oder Bewohner vergessener Kulturen sein.

Eröffnet wurde das Prado-Museum im November 1819 durch María Isabel de Braganza. Gebaut hat es  Juan de Villanueva, ursprünglich geplant als naturgeschichtliches Museum. Ein Großteil der königlichen Sammlungen sollte dort ausgestellt werden. Diese  Kollektion hat sich dann im Laufe der Zeit durch Schenkungen oder Zukäufe zu dem entwickelt, was der Prado heute ist. Zwischen 1936 und 1939, im spanischen Bürgerkrieg, wurden die Kunstwerke mit Sandsäcken vor den Bombardierungen geschützt. Einige Werke kamen später über Valencia nach Genf. Und dort in Genf, hat Giacometti einmal eine Ausstellung der alten Meister aus dem Prado gesehen. 2005 hat der spanische Architekt Rafael Moneo den beeindruckenden Erweiterungsbau konzipiert.

Die außergewöhnliche Ausstellung „Alberto Giacometti en el Museo del Prado“ ist noch bis zum 7. Juli 2019 in Madrid zu sehen und wird von einem spannenden Begleitprogramm flankiert.

Prado 200 Jahre

Christa Blenk

 

Zusatzinfo:

Das Prado Museum ist eigentlich schon genug Grund, um in die spanische Hauptstadt zu reisen. Wer aber mehr braucht, kann auf der Museumsmeile oder dem „Triangolo del Arte“, wie die Spanier sagen, gegenüber auf der einen Seite das Caixa Forum, einen schwebenden Sockelbau auf dem Gelände eines ehemaligen Elektrizitätswerk 2008 von den Schweizer Architekten Herzog und De Meuron erbaut hat sehen. Auf  der anderen befindet sich das Thyssen Museum mit der großartigen Sammlung von Thyssen Bornemisza, die 1992 in spanischen Besitz überging und natürlich das zeitgenössische Museo Reina Sofia, ein ehemaliges Krankenhaus aus dem 17. Jahrhundert, erbaut von Sabatini. Der Franzose Jean Nouvel wurde mit dem Erweiterungsbau beauftragt, der 2002 eröffnet werden konnte. Das Wochenende müsste allerdings ein Langes sein, um all das zu besichtigen.

 

 

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Mantegna und Bellini

mantegna Bellini Eingang

Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance  (Artikel für KULTURA EXTRA)

 Renaissance-Ausstellungen sind anziehend, beliebt, füllen Museen und sorgen für Schlangen vor der Kasse. Es gibt sie in allen möglichen Konstellationen mit unterschiedlichen Konzepten, nach Künstlergruppen oder Umfeld organisiert. Eine Gegenüberstellung dieser beiden Meister der Renaissance hat es so noch nicht gegeben und war längst überfällig. „Komplementär und erhellend“ nennt der Direktor der National Gallery London, Gabriele Finaldi, die Konfrontation „des rigorosen Humanisten der italienischen Renaissance, Mantegna mit dem poetischen Interpreten menschlicher Emotionen, Bellini“.

 Nach einem Aufenthalt in London bis Anfang des Jahres, treffen die beiden großartigen Künstler Mantegna und Bellini nun in der Gemäldegalerie aufeinander. Ein Highlight in der Berliner Kunstszene, hat es doch seit längerem hier keine wirklich bedeutende Ausstellung gegeben. Bis zum Sommer können diese wunderbaren Bilder in der Berliner Galerie der Alten Meister bewundert werden.

 Wenn man von der Renaissance spricht, kommt man nicht umhin, auch Florenz zu erwähnen, denn dort wurde sie sozusagen „erfunden“. In der toskanischen Perle wirkten in der ersten Generation Genies wie Brunelleschi (1377-1446), Donatello (1386-1466), Botticelli (1445-1510) oder später Michelangelo (1475-1564). Der Baumeister der Hochrenaissance par  excellence, Donato Bramante (1444-1514) oder das Genie Raffael (1483-1520) kamen aus Urbino nach Florenz, während der Universalgelehrte und Künstler Leonardo Da Vinci (1452-1519) in Mailand wirkte. In Venedig malte die Bellini-Dynastie: Jacopo und seine beiden Söhne Gentile und Giovanni Bellini (ca 1437-1615). Letzterer traf in Venedig auf den talentierten Provinzkünstler Andrea Mantegna (1431-1506) und das war der Beginn einer wunderbaren und erfolgreichen Zusammenarbeit, ja Symbiose.

 La Serenissima oder die Stadt in der Lagune von Venedig war schon ab Mitte des 15. Jahrhunderts neben Konstantinopel eine der wohlhabendsten und mit über 160 000 Einwohnern auch eine der größten Städte in Europa. Hier wurden edle Stoffe, kostbares Salz, feines Glas und andere Preziosen verschifft oder umgeschifft und in die ganze Welt verbracht. Und wo Wohlstand herrscht kann Kunst entstehen, sich verbreiten und gedeihen. Eine angestrebte, erschöpfende Bildungsreform im Humanismus ermöglichte in Florenz mit den Medicis eine Blütezeit der Kunst, aber auch venezianische wohlhabende Bürger oder der Adel förderten Künstler und Bildhauer und sorgten dafür, dass die optimalen Fähigkeiten des Einzelnen unterstützt wurden.  Die Gewissheit einer neuen Zeit anzugehören brachte nicht nur die Entdeckung alter Schriften mit sich, auch die Welt dehnte sich aus, man durchquerte die Weltmeere und ergründete neues Land. Und obwohl die Auftraggeber meist das Motiv in Form von Bibelgeschichten vorgaben, malten Künstler immer häufiger außer religiösen Portraits Konterfeis von Adeligen und Kunstmäzenen. Ein Beispiel hierfür ist Bellinis großartiges Portrait vom Dogen Leonardo Loredan. Es entstand um 1501 und hängt normalerweise in der Londoner National Gallery.

 Der Sohn eines Tischlers und schon früh erfolgreiche Künstler aus dem Umland von Padua, Andrea Mantegna, entdeckt nach seinen Lehrjahren in Ferrara die Werke Rogier van der Weydens (1399-1464) und Piero della Francescas (1416-1492). In Mantua wird er geschätzter Hofmaler der Gonzagas, eröffnet eine Malschule und folgt dem Ruf von Papst Innozenz VIII nach Rom. Vorher heiratet er aber noch Nicolosia Bellini, ihres Zeichens Tochter des bekannten Malers Bellini. Mantegna hat Talent, Mut  und Selbstbewusstsein. Die Heirat ist ein Glücksfall, auch für beide Künstler, denn was eine Konkurrenz hätte werden können, sollte ein fruchtbarer und erfolgreicher Austausch zwischen Nicolosias Bruder Giovanni und ihrem Mann, Andrea werden. Vielleicht war dieses Arrangement aber auch durchdacht, um den Künstler aus der Provinz nicht zu groß werden zu lassen, ihn unter Kontrolle zu halten. Wie auch immer: eine echte win-win-Situation für beide.

 Mantegna pflegte das Florentiner Kunstideal. Seine Figuren sind streng und würdevoll, von großer Körperlichkeit und verfügen über die geforderte Bindung an die Antike, beachten die Perspektive, und seine aus der Luft gegriffenen und sehr von Architektur geprägten Landschaften oder Felsen sind eben deshalb idealisiert. Er gehörte zu den Künstlern, die gemeinsam mit Gelehrten und Humanisten eine Faszination für die Antike zeigten und die ihre Wiederentdeckung anstrebten.

 Mantegna, dessen Talent schon früh zum Vorschein kam und der als Elfjähriger in einer Kunstwerkstatt Unterricht bekam, war beeindruckt von Bellinis samt-seidigen, geschmeidigen Landschaften und dessen Begabung und Geschick, Licht und Stimmungen einzufangen.

 Bellini wiederum, der in eine angesehene Künstlerfamilie hineingeboren wurde, war fasziniert von Mantegnas antiken Portraitgruppen wie Samson und Delila oder David und Goliath, von seiner intellektuellen Kunsttheorie, seiner eigene Anatomie, dem harten und skulpturalen Manierismus und den geerdeten Gesichtern. Bellinis Madonnen sind idealisiert und tragen das Jesuskind wie einen Schatz, der gehütet werden muss oder wie eine Dekoration vor sich her. Mantegnas Madonnen hingegen sind Frauen, Mütter, die ihr Kind beschützen und eine persönliche Bindung zu ihm haben. Wenn Mantegna einen Toten malt, dann hat dieser vorher gelitten, Bellinis Tote scheinen unbesorgter zu sein, tragen weniger Elend mit sich. Ein Übergang von den Sterbenden zu den Toten. Bellini bekam den Erfolg in die Wiege gelegt, denn schon sein Vater Jacopo führte, wie gesagt, eine erfolgreiche Werkstatt in Venedig, Not dürfte er nicht gekannt haben.

 Die Ausstellung zeigt vor allem, wie unbefangen Bellini die Motive von Mantegna oft Jahre später aufgriff, ergänzte, erweiterte, erhellte. Bellinis Farben sind kompakter, glatter und gewaschener. Heutzutage hätte man ihn sicher des Plagiats beschuldigt.

Das Gemälde von Mantegna „Christus am Ölberg“ entstand um 1458. Ein betender Christus kniet auf einem Felsvorsprung und blickt nach links in Richtung einer Engelschar, im Hintergrund ist eine große Stadt zu sehen, die gleich wieder Mantegnas Faszination für die Architektur hervorhebt. Die römischen Soldaten befinden sich im Anmarsch, um Christi zu verhaften, was die im Vordergrund schlafenden Jünger aber noch nicht wissen. Am Himmel brauen sich Gewitterwolken zusammen. Giovanni Bellini hat ein ähnliches Bild ein paar Jahre (um 1465) später gemalt. Hier fehlt Mantegnas Dramatik. Das Bild ist heller, die Stadt kleiner und weiter weg. Sein Christus blickt nach rechts auf nur einen Engel.  Bellinis Szene ist hoffnungsvoller, die schlafenden Jünger unbeschwerter.

In dem Buch „Das Leben der Künstler“ beschrieb der  italienische Künstler und Biograph Giorgio Vasari (1511-1574), Leben und Werk  fast aller großen Künstler vor und zu seiner Zeit. Über Mantegna sagte er : „ ….als male er Stein und nicht lebendiges Fleisch. Mantegna malt wie ein Bildhauer, Bellini ist der Maler des „sfumato“. Die Bellinis prägen bis heute unser Bild der venezianischen Renaissance. Beispielhaft für den künstlerischen und sozialen Aufstieg, der sich neben Talent und Fleiß vorwiegend auf die moralische Integrität der Protagonisten gründet, während Mantegnas Vita ein Plädoyer für das Mäzenatentum ist“.

 Ein spannendes Beispiel für die Bedeutung dieser Ausstellung ist ein Vergleich zwischen Andrea Mantegna „Die Darbringung Christi im Tempel“ (ca. 1453). Mantegnas Version ist in Berlin zuhause und entstand kurz nach seiner Hochzeit mit Giovannis Schwester Nicolosia, die ganz links im Bild zu sehen ist. Der Maler selbst hat sich rechts ins Bild gebracht. Dieses Bild ist ruhig und dunkel, hat noch etwas vom Mittelalter und sehr wenig vom sonst Bildhauerischen Mantegnas. Die Personen in der Mitte ziert ein Heiligenschein, den Bellini zwanzig Jahre später weglässt. Dafür ergänzt er links und rechts eine (unbekannte) Person, macht aus dem Steinrahmen eine wuchtige Brüstung und hellt das Ganze farblich auf, vielleicht hat aber auch die Farbzusammenstellung einen Fortschritt gemacht. Bellinis Werk ist sonst in Venedig in der Fondazione Querini Stampalia zu bewundern.

 Der gelehrte Eremit Hieronymus, der sich in die Wüste zurückgezogen hat, um die Bibel aus dem Griechischen ins Lateinische zu übersetzen, war für die Maler in dieser Zeit ein Muss. „Der Heilige Hieronymus in der Wüste „  ist ein sehr frühes (um 1450) Meisterwerk von Mantegna, das aus Sao Paulo nach Berlin kam.  Der Asket Hieronymus sitzt vor seiner Höhle, den roten Kardinalshut neben sich, inmitten felsiger Architektur, vom Löwen ist nur der Kopf links von ihm zu sehen. Er scheint sich auszuruhen.  Bellinis Hieronymus ist ebenfalls ein Frühwerk und entstand ein paar Jahre später um 1454. Es ist ein interaktives Bild, möchte man meinen, denn der Heilige scheint hier mit dem Löwen im Dialog zu stehen, predigt ihm mit erhobenem Zeigefinger, im Hintergrund nur liebliche Landschaft. Er hat weder Sandalen noch Hut.

 Caroline Campbell (National Gallery, London), Dagmar Korbacher (Kupferstichkabinett – Staatliche Museen zu Berlin), Neville Rowley (Gemäldegalerie und Skulpturensammlung – Staatliche Museen zu Berlin) und Sarah Vowles (British Museum) haben diese Ausstellung kuratiert und sich auf  die Spuren der beiden Ausnahmemaler begeben, die mehr oder weniger gleichaltrig waren (Bellinis Geburtsdatum ist nicht bekannt). Man schätzt 1435, Mantegna wurde 1431 geboren. Sie faszinieren und bewundern sich gegenseitig. Knapp 100 Exponate, darunter Bilder, Grafiken, Skulpturen sind zu sehen. Dass gerade Berlin und London diese Ausstellung gemeinsam organisieren liegt daran, dass beide Museen mehr Werke in ihrem Besitz haben, als es sonst außerhalb Italiens der Fall ist.

 Sehr sehenswert und gut präsentiert ist diese Ausstellung, die noch bis zum 30. Juni 2019 in Berlin zu sehen ist und die man auf keinen Fall verpassen sollte. Zur Ausstellung erschien ein umfangreicher Katalog zum Preis von 39,90 Euro.

 Parallel zur Sonderausstellung „Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance“ zeigt die Gemäldegalerie  Werke von Giovanni Bellini und seines Umkreises, die in Vorbereitung der Ausstellung untersucht und restauriert wurden. Texttafeln, Fotos und Kartierungen geben den Besucherinnen und Besuchern Einblick in die Untersuchungsergebnisse, die Restaurierungsgeschichte und die jüngst durchgeführten Restaurierungsmaßnahmen. (Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz)

 Und wer jetzt noch nicht genug hat fährt am besten direkt nach Frankfurt zur Ausstellung „Tizian und die Renaissance in Venedig“. Allein 20 Exponate nur von Bellinis begabtestem Schüler Tizian (1488-1556) sind dort noch bis zum 26. Mai zu sehen.

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Christa Blenk

 

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Fernand Khnopff im Pariser Petit Palais

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 Ausstellungsplakat vor dem Petit Palais

 

Le maître de l’énigme (Meister der Rätsel)

Der „Décadentisme“ oder die „Fin-de-siécle“-Bewegung entstand um 1880 als Widerstand gegen die nüchternen Errungenschaften der Wissenschaft und den technischen Fortschritt; beide raubten der Welt ihre Geheimnisse und Mysterien. Die impressionistische Malerei ging in die Natur, verließ intime Innenräume, die Musik erlebte um 1900 radikale, klangliche und rhythmische Erweiterungen  und die naturalistische Literatur besann sich darauf, die Leiden der nicht-privilegierten Gesellschaftsschichten zu beschreiben. Überall bewegte man sich auf Glatteis und Errungenschaften des Adels und gebildeten Bürgertums schienen nicht mehr zu gelten. Bewusster Realitätsverlust sollte verträumte, kitschige Stimmungen und die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Es entstanden Gruppen wie die Präraffaeliten oder die Nabis.

1886 veröffentlichte der Franzose Jean Moréas das „Symbolistische Manifest“. Der Symbolismus breitete sich in Europa, vor allem aber in Belgien schnell aus, während in Österreich Klimts Jugendstil das Sagen hatte.  Kunst sollte nur Schöpfung oder Kreation und nur sich selbst verpflichtet sein. Als Muse wurde der französische Dichter Charles Baudelaire erkoren und dessen Werk  „Die Blumen des Bösen“ (Les fleurs du Mal) wurde zur Bibel. Weltschmerz und Zukunftseuphorie im ausgehenden 19. Jahrhundert waren nahe beieinander wie Tod und Leben. Der Mann wurde zum frivolen Dandy und die Frau zur dämonischen femme fatale.

Fernand Khnopff (1858-1921), Dandy, Snob, Abkömmling einer gut bürgerlichen Juristen-Familie aus Brügge, schwamm und träumte mittendrin. Bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs der Traum wirklich zum Alptraum wurde.

Khnopff könnte durchaus im Frack an der Staffelei gestanden haben. In Brüssel hat er sich eine Art Heiligenschrein bauen lassen, seinen „Tempel des Ich“, wo er seinem Lieblingsgott, Hypnos, huldigen konnte.

Die Werkschau will die Atmosphäre der Villa Khnopff in Brüssel wiedergeben. So betritt der Besucher die Ausstellung durch das nachgebildete Portal dieses palastähnlichen, egozentrischen Hauses. Man weiß nicht sehr viel über ihn oder sein Leben – er hat es verstanden, auch daraus ein Geheimnis zu machen. Fasziniert war er von den Schriftstellern wie Mallarmé oder Rodenbach. Letzterer bekannt für das chef-d’oeuvre des Symbolismus: „Bruges-la-Morte“.  Auf Rodenbachs Wunsch hat Khnopff 1892 den Einband für das Buch entworfen. Er zeigt eine Ophelia mit langen, romantischen Haaren. Im Hintergrund ist eine Brücke über einen Kanal und Bürgerhäuser zu sehen. Der Komponist Erich Wolfgang Korngold hat über 25 Jahre später die Oper „Die tote Stadt“ aus diesem Stoff  komponiert.

Fasziniert sein Leben lang vom chthonischen, griechischen Schlafgott Hypnos, ist Khnopff der Meister der traumdeuterischen Malerei geworden. Für ihn war der Schlaf „das Perfekteste was unsere Existenz zu bieten hatte“. Es geht hier um den betörenden, geborgenen und behüteten Schlaf, jedenfalls auf den ersten Blick, ob daraus allerdings ein Nachtmahr voller Chimären werden sollte, bleibt dem Betrachter überlassen.

Khnopp, eigentlich Student der Rechtswissenschaften, kam in Brüssel über Galerie- und Salonbesuche zur Malerei. Weiterhin beeinflussten ihn Odilon Redon, Ingres, Delacroix oder James Ensor und natürlich Gustav Klimt. Mit ihm und Josef Hoffmann arbeitete er zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Palais Stoclet in Brüssel im Stil der Wiener Secession. Seine großen Vorbilder waren allerdings die englischen Präraffaeliten Edward Burne-Jones und Dante Gabriel Rossetti, deren Arbeiten er auf der Pariser Weltausstellung 1878 entdeckte. Sicher kannte er die Arbeiten der deutschen Nazarener-Gruppe, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Wien und Rom die Renaissance-Vergangenheit heraufzubeschwören versuchte .

Um 1600 ist seine Familie von Wien in die südlichen Niederlande gekommen. Erst mit 20 Jahren schrieb sich Khnopff an der Brüsseler Kunstakademie ein. Die ersten Werke waren naturalistische Landschaften oder Portraits.  1884 nahm er zum ersten Mal auf dem Pariser Salon teil und wurde sofort zum Liebling der Bourgeoisie. In den Jahren bis 1890 malte er 34 Portraits, immer wieder stand ihm seine Schwester Modell, mit ihr wohnte er auch bis zu seiner Heirat zusammen.

Vor 40 Jahre waren Khnopffs Arbeiten zum letzten Mal in Paris zu sehen. In Deutschland so gut wie gar nicht.  2004 gab es eine umfangreiche Ausstellung in Brüssel und Salzburg. Viele seine Werke sind in Privatsammlungen und aufgrund der Empfindlichkeit dieser ist es schwierig, sie zu transportieren. Eines seiner Hauptwerke und überhaupt eines seiner größten Arbeiten, das Gemälde  „Memories“ ist aus diesem Grund nicht nach Paris gekommen, es wird aber umfangreich und hinlänglich besprochen und mit Skizzen, Zeichnungen und Fotos dokumentiert.  Hier ist der Einfluss der gerade um sich greifenden Fotografie erkennbar, obwohl Khnopp diesen bei seinen Werken gerne geleugnet hat.  „Memories“ entstand 1889. Sieben junge Frauen der besseren Gesellschaft haben wohl gerade ihr Tennisspiel beendet. Die Lichtverhältnisse vermitteln eine Spät- Nachmittags-Stimmung. Sie stehen teilnahmslos und unabhängig einfach nur so auf dem Rasen, mit dem Tennisschläger in der Hand. Sie kommunizieren nicht miteinander, besprechen nicht freudig den Tag im Freien, das Erlebte oder feiern die Gewinnerin. Nein, ihre großen, kantigen Gesichter blicken ins Leere, ihre Hände oder Körper berühren sich nicht. Sie stehen da, wie eine Ballettgruppe, die auf den Choreografen wartet, um zu erfahren in welche Richtung sie sehen oder gehen oder was sie tun sollen. Vielleicht warten sie aber auch, in Teams eingeteilt zu werden und fangen gerade erst an zu spielen. Ein Ball ist nicht zu sehen und die Schläger wirken wie Dekor. Nicht einmal besonders sportlich sehen sie aus und ähneln Puppen, die nur unterschiedlich gekleidet sind: kein Wunder, seine Schwester hat für alle Sieben Modell gestanden. Ferdinand Hodler hat auch solche Gruppenbilder gemalt, bei denen kein Zusammenhang zwischen den Personen zu vernehmen ist.

Memories hängt im Musées Royeux des Beaux-Arts in Brüssel  und ist eigentlich auch nur wieder das Portrait einer Person. Personen, allein und verloren  im Bild, waren seine Lieblingsmotive.

 „I lock my door upon myself“ (ich schließe mich in mich selbst ein) entstand 1891. Es gehört der Neuen Pinakothek München. Khnopff, der ein großer Bewunderer des Aesthetic movement war, hat es nach einem Gedicht von Cristina Rossetti – die Schwester des Mitbegründers der Gruppe gleichen Namens – gemalt. Das Bild ist eine Allegorie der Einsamkeit inmitten von verdorrten Blumen. Es hat etwas morbides, verdorbenes, unheimlich trauriges und beschreibt den feinfühligen Defätismus, der Khnopff umgab. Eine Untergangsstimmung, die in vielen seiner Werke zu finden ist. Das bekannteste Bild von ihm  „L’art ou Des caresses“ (Kunst oder Die Liebkosungen) entstand fünf Jahre später. Darauf umarmt ein liebliches, androgynes Mädchen einen hermaphroditischen Geoparden mit gelocktem Frauen-Rotschopf. Beide Köpfe ähneln sich. Das Bild hängt im Musée Royeux des Beaux Arts Brüssel und ist eines der wenigen großflächigen Bilder, bei dem Körperkontakt besteht und das Bild des Symbolismus schlechthin.

Ab 1890  war Khnopff regelmäßig in London und mit dem Aesthetic Movement in Berührung. Die neuen Kunsttendenzen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind an ihm vorbeigelaufen. Er hat sich nicht wecken lassen, weder vom Kubismus noch vom Futurismus und auch nicht von den Expressionisten.

Wie hypnotisiert und vom Schlafgott Hypnos eingefangen  blicken die Frauen aus den Bildern mit großen Gesichtern. Man bekommt den Eindruck, dass er sich nie entscheiden konnte, ob er einen Mann oder eine Frau malen sollte.  Die Frauen oder Personen auf seinen Bildern blicken mit Nosferato-Augen wie durch eine Nebelschicht aus dem Bild heraus – frontal direkt auf den Betrachter gerichtet aber durch ihn hindurch.  Nebelschleier waren in Flandern sicher an der Tagesordnung und sorgen für diese entfernte Stimmung, oder das eingeschlossene der Gesichter, wie zu eng geratene Bilderrahmen. Bei Klimt oder von Stuck ist dies auch zu erkennen. Für Le Masque au rideau noir stand auch Schwester Marguerite Modell. Es ist 26,5 x 17 cm groß und aus einer Privatsammlung. Wie ein  Gespenst irrlichtet sie durch Khnopffs Werk. Auch nach seiner Hochzeit bleibt sie sein Gesicht. Er hat sie idealisiert. 1887 hat er von ihr ein Ganzkörperportrait erstellt. Dort steht sie wie eine weiße Karyatide, eingezwängt in einen Türrahmen mit verschobener Perspektive. Was wohl Freund hierzu gesagt hätte (der Wiener Tiefenpsychologe befasste sich in dieser Zeit vor allem mit der Hypnose)?

Das Triptychon Solitude besteht aus drei ca 150 x 45 cm großen Frauenkörpern: In der Mitte unnahbar, kalt, androgyn, schwarz gekleidet mit einem Schwert Solitude, flankiert von zwei Figuren aus dem Gedicht „The Faerie Queene“ von Edmund Spenser (1590). Auf der einen Seite Britomart, die keusche Kriegerin in einer Rüstung und auf der anderen Seite Acrasia, lockende, schöne Verführerin, nackt nur vom roten Haar oder einem transparenten Schleier entkleidet. Das Triptychon ist nur hier in der Ausstellung zusammen, ansonsten sind die Drei getrennt. Die Gemälde entstanden zwischen 1890 und 1892 und hängen im Musée Royaux des Beaux-Art de Belgique (Acrasia), in der Sammlung der Fondation Neumann, Gingins (Solitude) und in einer Privatsammlung (Britomart).

Auch aus der Mythologie bediente Khnopff sich gerne. „Sleeping Medusa“ (1896) zeigt den Kopf eine schlafenden Frau auf einem Adlerkörper; zwei Jahre später nahm er mit Le Sang de Médusedas Medusa-Thema nochmals auf. Diesmal sieht man nur Medusas Kopf mit Schlangenhaar, wieder sind ihre Augen geschlossen und ihr Kopf nimmt 2/3 des Bildes ein (21,2 x 13,4 cm). Die Gelb- und Grautöne werden nur von der goldenen Explosion unten rechts unterbrochen, als Pegasus aus dem Blut der Medusa entsteht.   

Khnopffs Landschaften erzählen von früher, sind Erinnerungen, vor allem an seine Ferien in Fosset oder die Kindheit in Brügge.  Auf ihnen erkennt man seine Bewunderung für die alten Flamen wie Memling, aber auch ein Einfluss von Vermeer kann nicht verleugnet werden.

Ein Bild heisst „Schumann hörend“ und zeigt den Schmerz und Kummer der in sich versunkenen Zuhörerin – dieses Mal war seine Mutter das Modell.  Es gibt ein ähnliches Bild von James Ensor „La musique russe“ das zwei Jahre vorher entstand und ihm wohl als Inspirationsquelle diente. Ensor war darüber nicht gerade beglückt und bezeichnete Khnopff als Plagiator, zumal die Bilder gleichzeitig im avantgardistischen Salon  XX – den beide mitbegründeten – gezeigt wurden. Die Beziehung der ehemaligen Freunde war für immer zerstört.

 

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 Portrait von Marguerite (hier steht sie als Karyatide in der Eingangshalle des Petit Palais),
 Ausstellungsraum und Eingang zur Ausstellung

 

Fernand Khnopff kannte keine Berührungsängste, arbeitete auch als Journalist und Dichter, Bilderhauer und Bühnenbildner.  1903 entwarf er die Kulissen für das Rodenbach Stück Le Mirage im Auftrag des Deutschen Theaters Berlin unter der Regie von Max Reinhardt.

Khnopff zählt zu den belgischen und europäischen Hauptvertretern des Symbolismus. Zu sehen sind meist zarte Arbeiten, ruhige, melancholische Landschaften, einsame Portraits, Traumwelten seiner Jugend oder Urlaubserinnerungen. Er selber wohnte lange bei seiner Mutter und seine Schwester Marguerite war sein Lieblingsmodell. Er hat bis zu seiner späten Heirat mit ihr gelebt, hat sie verkleidet, drapiert und idealisiert.  Ob die Beziehung der Beiden inzestuös war, weiß man nicht.  

Mit dem Pariser Petit Palais hat man einen perfekten Ort für diese Ausstellung mit ca. 150 Exponaten gefunden. Bis zum 17. März ist sie noch zu sehen. 

Die Schau entstand in Kooperation mit den Königlichen Museen der Schönen Künste in Brüssel. Michel Draguet, Direktor des Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Christophe Leribault, Direktor des Petit Palais und Dominique Morel vom Petit Palais haben diese sehr informative und umfangreiche Werkschau über Leben und Wirken des Künstlers zusammen gestellt. Die Exponate kommen aus Brüssel, anderen europäischen Museen oder (belgischen) Privatsammlungen. Sehenswert auf jeden Fall!.

Christa Blenk

Passend zum Thema:

Symbolismus-Ausstellung in Mailand

Präraffaeliten

 

 

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Foodcolour and Art – Nadine Ajsin

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Nadine Ajsin in der Galerie Makowski bei ihrer ersten Einzelausstellung
mit dem Bild „The Guitar“  - © Christa Blenk
 

Artikel für KULTURA EXTRA

Himbeer-Regenbogen in der Labor-Küche

„Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende“ (Demokrit um 400 v.C. )

Nadine Ajsin hat vor zwei Jahren ihr Leben und Künstlerleben komplett umstellen müssen, als sie nach einer schwerwiegenden Kohlenmonoxid-Vergiftung chronische Allergien auf  Acryl- und Ölfarben, Duftstoffe oder sonstige Chemikalien, die eine Künstlerin für ihre Arbeit braucht, entwickelte. Die zweifache Mutter, die mit ihrer Familie in der Nähe von Mannheim lebt und in Heidelberg Kunst studiert, kann nur mit Atemmaske am öffentlichen Leben teilnehmen. Aber: Not macht erfinderisch!  So entstand die Idee, mit Lebensmittelfarben zu malen. Da diese aber recht schnell vergammeln oder Schimmel ansetzen, musste sie eine Lösung finden, ihre Arbeiten haltbar zu machen. Jetzt kommt ihre Spiegelreflex ins Spiel. Die Künstlerin fotografiert also ihre essbaren Kunstwerke und lässt sie anschließend großformatig als Echtfotoabzug in Ultra HD auf Alu Dibond drucken. Allerdings legt sie großen Wert darauf, dass jedes Bild – trotz dieser Technik –  ein Unikat ist; auf dem Computer bessert sie höchstens mal einen Farbton nach oder korrigiert die Schärfe.

Das alles hat vor weniger als einem Jahr begonnen. Die Kunstwelt hat auf ihre mutige und einfallsreiche Idee recht positiv reagiert und Ajsin ist seitdem zu verschiedenen internationalen Kunstmessen eingeladen worden. So waren ihre Werke auf der Art Fair Zürich oder auf der Kunstmesse Leipzig zu sehen. Auf der Red Dot in Miami war sie mit zwei großen Werken vertreten.    

Ihre Küche wird zum Labor-Atelier und die Zaubersprüche findet sie auf einem Marmeladenbrot, Wassereis oder im Nudelwasser. Denn wenn dieses übersprudelt, entstehen individuelle, aleatorische und nicht reproduzierbare, flüchtige Formen die entschwinden, sobald der Wischlappen zum Einsatz kommt. Aber die Künstleraugen haben die Formen registriert und so entstehen knallige, gegenstandslose Arbeiten. Diese spontane und zufällige Formauflösung lässt nur noch Farben zu. Ajsin ist ein action painter mit einem Hauch Art brut und muss sich weder an Regeln, vorherrschende Stile oder Protokolle halten, wie das auch schon die Maler zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht getan haben.  Ein leeres Blatt erobert sie sich, in dem sie persönliche Stimmungen oder Gefühle einfach aus sich heraus sprudeln lässt. Erst wenn sie entscheidet, dass das Werk fertig ist,  kann sie aus dem Raum gehen und sich anderen Dingen zuwenden. Deshalb fühlt sie sich auch zu Künstlern wie Dietmar Brixy oder dem Künstlerduo Herakut hingezogen aber auch Branskys provokative Schredder-Aktion fasziniert sie.

Ihre Farbpalette riecht nicht nach Ölfarben oder Spiritus sondern nach Himbeeren, Zitronen oder Pflaumen. Die Zutaten für ihre Gemälde holt sie sich nicht aus einem Künstlerzubehörgeschäft sondern aus dem Bioladen oder aus dem Supermarkt. . Lebensmittelfarben sind unkompliziert und lassen sich ganz leicht mischen. Mit Pinsel unterschiedlicher Größen oder auch mit ihren Fingern trägt sie die Azo-freien Lebensmittelfarben auf große Geschirrplatten, Obstteller oder andere glatte Oberflächen auf. Die meisten Werke sind gegenstandslos. Das Bild The Guitar (150 cx 100 cm) hingegen ist eines ihrer wenigen Bilder im Längsformat; sie hat es  für einen Musikerfreund entworfen.

Nadine Ajsin ist naturverbunden und sieht und riecht überall bunte Blumen. Ihre Allergien verhindern praktisch größere Reisen. Sie lernt die Welt durch ihre Arbeiten kennen und wenn ein Bild von ihr in Miami ausgestellt wird, dann ist sie in Gedanken mit dabei. Natur, Freiheit, Ursprung, Unendlichkeit sind ihre Maxime. Sie ist eine lebensbejahende Optimistin und drückt das mit den Knallfarben aus, obwohl die leidenschaftlichen Blüten nicht nur an Georgia O’Keefes nahsichtige Blumenmotive sondern auch an fleischfressende Gewächse denken lassen, die sie paradoxerweise mit essbaren Farben malt. Das Begehen von unbekannten Wegen bedeutet für Ajsin auch eine Reise ins Vertrauen. Nadine Ajsin ist eine Frau, die – um mit Fontanes Worten zu sprechen – ein Dutzend Austern bestellt, in der Hoffnung, sie mit der Perle, die sie darin findet, bezahlen zu können.

Manche ihrer Arbeiten bewegen sich weg von der berauschenden, farbenprächtigen karibischen oder asiatischen Flora und Fauna. Einige ihrer Werke wirken wir Riesen-Vergrößerungen eines Mikroorganismus, den man  durch ein Reagenzglas in Vergrößerung betrachtet. Es sind ungehemmte Farbkombinationen und Klekse unter dem Mikroskop. Vielleicht spielt ihr hier das Unterbewusstsein einen Streich, denn bedingt durch ihre Allergien, hat sie so einige Krankenhausaufenthalte hinter sich. Aber auch diese Bilder vermitteln keine dramatischen Situationen, es sind eher fröhlich tanzende und sich amüsierende Einzeller, bunte Organismen.   Ahmt hier die Kunst das Leben nach oder das Leben die Kunst. Diese Frage hat sich Oscar Wilde schon gestellt.

Wenn man ihre Kunstwerke einem Stil zuordnen möchte dann wäre das ein individueller, abstrakter, informeller Neo-Expressionismus. Die Farben fließen wie zarte Rinnsale ineinander, trennen sich und vereinen sich schließlich zu wuchtigen, kompakten Farbflächen. Sie fängt den Zauber mit ihrer Farbpalette ein und wer weiß – ihre Kinder essen himbeerfarbenen Spinat vielleicht genauso gerne wie Eis am Stiel.

Nadine Ajsins Kunst ist noch ganz am Anfang, aber das Potential, den Mut und die Kraft einer originellen Künstlerin hat sie allemal.

Beyond The Horizon titelt ihre erste Solo-Show in Berlin, zu der sie mit ihrer Familie im Zug angereist ist. Die Schau ist noch bis zum 7. März 2019  in  der Galerie Makowski in der Friedrichstraße zu sehen. Anschließend werden einige ihrer Bilder zur Art Fair nach Bath reisen, dann nach New York und schließlich von dort zur Asia Contemporary Art Show nach Hong Kong. Nadine Ajsin wird  in Gedanken mit dabei sein.

 

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Besucher in der Galerie Makowski am Tag der Vernissage

 

Christa Blenk

 

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Bunte Steine – Kolbe Museum

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Garten im Kolbe Museum

Seit dem 23. Februar 2019 stellt das Kolbe Museum drei lebende Künstler aus drei Generationen vor, die sich mit dem Konzept « Stein » befassen. Der britische Bildhauer William Tucker (*1935) formt Bronzekörper, die wie riesige Steine oder Felsbrocken aussehen. Sie heißen « Ikarus », « Golem » oder « Homage to Rodin » und sind in den 1990er Jahren entstanden.

William Tucker wurde in Kairo geboren und lebt und arbeitet  heute in New York. In den 1970er Jahren gehörte er der Gruppe „New Generation“ an, die eine wichtige Wegbereiter-Rolle bei der abstrakten Skulptur inne hatte. 1968 war er Teilnehmer an der documenta IV. Seine Arbeiten sind wuchtig-poetisch und lassen Figuration auf jeden Fall erahnen. Als Ganzes sind die Werke abstrakt aber voller Ecken und Kurven, die die Phantasie ankurbeln.  Tuckers Steinbrocken sehen aus, als ob die Natur so geschaffen hätte, die Namensgebung spricht aber von seiner Intervention. Naturverbundene Figuration, menschliche Torso- oder Kopf-Formen.

Mit Glas arbeitet der Berliner Künstler Kai Schiemenz (*1966). Er experimentiert mit farbigem Glas. Die hier gezeigten  Arbeiten erinnern an die transparenten Fenster in Treppenhäusern oder in modernen Kirchen. Während er früher  Skulpturen schuf, die begehbar waren, haben seine bunten Glassteine  etwas körperlich-architektonisches. Diese eher ready mades wirken trotzdem kalt und stehen im krassen Gegensatz zu den natürlichen, anfassbaren Skulpturen von Tucker.

Der Dritte im Bunde ist der in der Schweiz geborene und in Leipzig arbeitende Maler Stefan Guggisberg (*1980). Guggisberg befasst sich in seinen Bildern mit Mauern, Menschen oder Steinen. Die Formen auf seinen hier ausgestellten blauen (Meeres)Bildern sehen aus wie Muscheln oder Meerestiere aus Kapitän Nemos « Nautilus ».

Es ist nicht leicht, die Verbindung zwischen den Skulpturen und den Bildern herzustellen und Tuckers Werke verlieren an Kraft in Verbindung mit den anderen gezeigten Arbeiten.

 

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Ausstellungsräume (Schiemenz, Guggisberg und Tucker)

 

Die beiden Kuratorinnen der Ausstellung, Katherina Perlongo und Dr. Elisa Tamaschke, haben sich bei diesem Konzept an die Steinsammlung von Adalbert Stifter angelehnt. 1853 erschien sein Geschichtenband « Bunte Steine »; in ihm tauft er seine Erzählungen mit Steinnamen wie Granit, Bergkristall oder Turmalin. 30 Arbeiten sind zu sehen und die Ausstellung läuft noch bis zum 1. Mai 2019.

Im Keller des Museums sind derzeit Kolbes Köpfe zu sehen.

Das Café K lohnt ebenfalls immer einen  Ausflug ins Westend.

cmb

 

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Farbe und Licht – Henri-Edmond Cross

Im Museum Barberini sind noch bis zum 17. Februar 2019 Gemälde des Neoimpressionisten Henri-Edmond Cross zu sehen.

Henri-Edmond  Cross (1856-1910) zählt zu den bekanntesten französischen Neo-Impressionistsen, eine Bewegung, die  ab 1890 mit anderen Maltechniken experimentierte. Wichtige Komponente hierfür war das Licht und davon gibt es in Südfrankreich viel. Der Kritiker Félix Féneón prägte den Begriff Neo-Impressionismus 1886 , um die Bilder von Seurat oder Signac von den Impressionisten zu unterscheiden. Wir kennen diese Stilrichtung auch als Pointillismus oder Post-Impressionismus.

Bei Cross’ Bildern tauchen  die Farben des Fauvismus auf und einige Bilder zeigen  in einen naiven Symbolismus wie das Bild « Das Haar » von 1892 oder ein Bild aus der National Gallery Washington « Calanque des Antibois ».

100 Bilder, zum Teil aus Privatsammlungen, sind zu sehen.

Die Ausstellung wurde vom Musée des Impressionnismes Giverny in Zusammenarbeit mit dem Museum Barberini organisiert – unterstützt vom Musée d’Orsay, Paris und ist durchaus sehenswert.

cmb

 

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Highlights 2018

Liebe Leserinnen und Leser,

Wie schon in den vergangenen Jahren kommt hier ein Rückblick auf die kulturellen Highlights 2018 in Berlin und anderswo.

Begleitet und illustriert werden die Berichte dieses Mal von Fotos der französischen Atlantikküste.

 

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 Le Gois 

 

Mehr als 300.000 Menschen von Berlin bis Neuseeland haben Barrie Koskys amüsant-absurde und gewöhnungsbedürftige Produktion für die Komische Oper von Mozarts Zauberflöte in der Inszenierung der britischen Theatergruppe 1927 gesehen und diese Mischung  aus Zeichentrick- und Action-Stummfilm meist gemocht, obwohl sie Mozarts große Oper auch ein wenig verrät!   2017 war von dieser Gruppe Petruschka hier in Berlin auf der Bühne zu erleben.

Entdeckt hatten wir die Zehlerdorfer Hauskonzerte schon 2017. Aber auch im vergangenen Jahr brachte die Hausherrin von der Glasharfe bis zu Schubert ganz unterschiedliche Künstler zu sich in das musikalische Wohnzimmer und überraschte das Publikum mit ihrem Programm immer wieder.

 

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Bildhauerinnen der Moderne war der Titel  einer Ausstellung im Kolbe Museum, welches immer wieder die spannendsten Kombinationen in den schönen Ausstellungsräumen am Berliner Stadtrand zusammenstellt. Die  Ausstellung Zarte Männer in der Skulptur der Moderne läuft noch bis Februar 2019. Die Ausstellungsszene in Berlin ist ja sonst eher mager und das Angebot an Ausstellungen ist sehr verbesserungsfähig. Das Bröhan Museum brachte im ersten Halbjahr eine Sammelausstellung « Berliner Realismus » und nach dem Sommer eine Schau über  Georg Grosz  - beides durchaus erwähnenswert. Der Hamburger Bahnhof versuchte mit einer kleinen Ausstellung über Otto Müller  das Fehlen (Umbau immer noch nicht fertig) der Neuen Nationalgalerie aufzufangen. Diese Ausstellung läuft noch bis März 2019. Erwähnenswert auf jeden Fall die Ausstellung Leben ist Glühn mit Bildern des deutschen Expressionisten Fritz Ascher (1893-1970), die in der Berliner Villa Oppenheim und im Museum Potsdam zu sehen waren.

Ansonsten ist hier das Portrait über die Künstlerin Schirin Fatemi für KULTURA EXTRA zu lesen und ein langer Bericht über eine großartige Ausstellung im Grand Palais in Paris über Kupka.

„Banned Art“ sollte die Ausstellung, die 1938 in London als Antwort auf die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München organisiert wurde, ursprünglich heißen. Um ihr aber das Politische zu nehmen, nannte man sie schließlich nur  « Twentieth Century German Art« . Angeblich sollen über 300 Exponate für diese Schau nach London geschickt worden sein. Gezeigt werden konnten  – aus Platzgründen – schließlich nur 270 Werke. Eine so große und bedeutende Ausstellung deutscher moderner Kunst  hatte es bis dahin in England noch nicht gegeben. Die Villa Liebermann am Wannsee hat mit sehr viel weniger Werken aber guten Texten, die Ausstellung nochmals aufleben lassen.

 

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Mit Das Wunder der Heliane und Die tote Stadt  gab es von dem in Österreich geborenen Komponisten Erich Wolfgang Korngold  gleich zwei sehenswerte Produktionen in Berlin. Korngold ist aber heutzutage vor allem wegen seiner vielen Preise für Filmmusik in Hollywood bekannt.

Aus der Begegnung im Jahre 2009 von Robert Wilson und Arvo Pärt im päpstlichen Wartesaal in Rom ist Adams Passion entstanden. Nacho Duato war 2018 schon auf dem Sprung das Staatsballett vorzeitig zu verlassen. In der Komischen Oper wurde nochmals eine seiner besten Produktionen « Herrumbre » aufgeführt.

Abgelöst wurde er im Sommer 2018 von Johannes Öhmann. Sasha Waltz wird in diesem Jahr die Ko-Direktion übernehmen. Öhmann Einstieg hätte besser nicht sein können mit der Doppelproduktion Celis – Eyal. Rauschender Applaus und viel Vorfreude auf Zukünftiges – vor allem von Eyal!

 

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Die Premiere von Benjamin Britten « The turn of the screw  fand schon vor fünf Jahren in der Staatsoper statt und kann seitdem immer wieder das Haus füllen. Britten komponierte die Oper 1954  nach einer Erzählung von Henry James. Hans Werner Henze fühlte sich ein wenig als kleiner Bruder von Britten. Ein großartiges Erlebnis im Herbst war die Aufführung von Hans Werner Henzes  Werk « El Cimarron » in Gelsenkirchen in einer Produktion von Michael Kerstan, das im Rahmen der Konzertreihe „Musik erzählt von Freiheit“  im Kulturraum Die Flora in Gelsenkirchen aufgeführt wurde. Diese Reise von Berlin ins Ruhrgebiet hat sich allemal gelohnt.

Im März verzauberte das Freiburger Barockorchester mit Pergolesis Intermezzo la serva padrona“ das Berliner Publikum. Passend dazu gab es in der Fenice in Venedig « I tre Gobbi » - Commedia dell’arte pur. Auch Rossini liebte es, sich bei der Commedia dell’arte zu bedienen und das hat Katharina Thalbach mit dem Barbier von Sevilla sehr ernst genommen.  Der Theaterregisseur Jan Bosse legte mit Rossinis « Il viaggio a Reims » in der Deutschen Oper eine Punktlandung, bei der fast alles stimmte, hin. Eine geniale Interpretation des Wartens!

 

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 Austernsteg in der Vendee

Aber um Warten ging es auch bei Salvatore Sciarrinos neuer Oper « Ti vedo ti sento mi perdo » . Harrte man aber in Reims geduldig aus, um endlich von einem Ort wegzukommen, so lässt Sciarrino die Künstler während der Generalprobe einer Stradella-Oper im Palazzo Colonna  auf den Maestro selber warten.

Auf eine eine Heimweh-Reise schickte uns der argentinische Komponist und Bandeonist Daniel Pacitti mit einem gelungenen Konzert in der Philharmonie « Viaggio in Argentina ». Im Vorjahr brachte er das Luther Oratorium « Wir sind Bettler » als Auftragsarbeit auf die Bühne.

Die Neuköllner Oper enttäuscht eigentlich nie. Mit  « Welcome to Hell »  hat sie den umstrittenen G 20 Gipfel von Hamburg aufgearbeitet und mit Wolfskinder  das Humperdinck Märchen Hänsel und Gretel neu erzählt. Das Original dieser Kinder-Erwachsenen Oper wurde im pünktlich zur Weihnachtszeit und alle Jahre wieder in der Staatsoper aufgeführt. Eine weitere beeindruckende Produktion war Kreneks Oper Der Diktator.

 

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Olafur Eliasson ließ erboste Götter und nachtragende Frauen über einen Star Wars Himmel donnern und zauberte so ein modernes Versailles für Rameaus Hippolythe et Aricie. Ein französisches Opern Pasticcio präsentierte mit « Les beaux jours de l’amour » (die schönen Tage der Liebe) der französische Dirigent Raphael Pichon mit einem Programm aus Opern von Rameau und Gluck .

Den 200. Geburtstag von Jacques Offenbach (1819 – 1880) feierte die Komische Oper mit einer neuen Produktion der Oper „Blaubart“ . Stefan Herheim führte Regie und versuchte, die Kult-Inszenierung von Felsensteins wieder aufleben zu lassen, die  zwischen 1963 und 1992 knapp 400 Mal zur Aufführung kam.

 

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 Salzland

Marie Bäumer spielt Romy Schneider bei einem Kurzaufenthalt in der Bretagne. Drei Tage in Quiberon heisst das Opus. Auch der Film Transit spielt in Frankreich, aber während des Krieges, und diese Zeit ist auch Protagonist bei dem sehr gelungenen Film Der Trafikant.  Ballon basiert auf einer wahren Begebenheit und kam Ende September 2018 in die deutschen Kinos. Sechs Jahre hat der Regisseur und Produzent Michael Herbig daran gearbeitet und mit einzelnen Familienmitgliedern oder Hauptprotagonisten gesprochen. Der Film beschreibt die Flucht 1979  in einem selbst gebauten Heißluftballon von  der DDR in den Westen: an Bord die Familien Strelzyk und Wetzel.

Die Beelitzer Heilstätten animieren dazu, erneut den Zauberberg zu lesen. Ein Besuch über die Glienicker Brücke zur Villa Schöningen hingegen bringt den Spion der aus der Kälte kam wieder auf den Nachttisch. Wer Thomas Mann und John le Carre aber nicht mehr lesen mag, kann sich mit der Hauptstadt  von Robert Menasse vergnügen, hier wird die Europa-Hauptstadt Brüssel aufs Korn genommen.

In der Villa Schönigen waren 2018 übrigens auch die Kostüme für den Bayreuther Lohengrin zu sehen, die das Künstlerpaar Rosa Loy & Neo Rauch entworfen hatte.

Leo Janácek hat sich mit seinem Spätwerk „Die Sache Makropulosmit dem Thema « Alt werden oder Jung bleiben müssen » befasst, beeindruckt und inspiriert von einem damals ganz neuen Theaterstück von Karel Capek

Michael Thalheimer hat Brechts „Kaukasischen Kreidekreis“ am Berliner Ensemble, mit großartigen Darstellern  inszeniert und minimalisiert. So ganz ohne Bühnenbild und viel Elektro-Guitarre.  Beeindruckend auch Karin Henkels  geschlechterlose Interpretation der Drei Schwestern.

Zum Dezember gehört auch das Weihnachtsoratorium  und besinnliche Kirchenkonzerte wie sie sie zum Beispiel die  Gemeinde der Sophienkirche organisiert.

 

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Dies ist nur eine Auswahl unter vielen anderen Artikeln und Beobachtungen! Und jetzt kann das neue Jahr mit vielen neuen Ausstellungen und Musikveranstaltungen beginnen.

Alles Gute!

cmb

Fotos (c) Christa Blenk

hier die links zu den blog-Highlights der vergangenen Jahre

Highlights 2017

Highlights 2016

Highlights 2015

Highlights 2014

 

 

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GUTEN RUTSCH – Bonne Année – Happy New Year

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Allen Leserinnen und Lesern ein gesundes und frohes 2019!

 

London 1938 – Mit Kandinsky, Liebermann und Nolde gegen Hitler

„Banned Art“ sollte die Ausstellung, die 1938 in London als Antwort auf die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München organisiert wurde, ursprünglich heißen. Um ihr aber das Politische zu nehmen, nannte man sie schließlich nur  « Twentieth Century German Art« . Angeblich sollen über 300 Exponate für diese Schau nach London geschickt worden sein. Gezeigt werden konnten – aus Platzgründen – schließlich nur 270 Werke. Eine so große und bedeutende Ausstellung deutscher moderner Kunst  hatte es bis dahin in England noch nicht gegeben.

In kurzer Zeit wurde diese spektakuläre Schau von den Galeristen Noel „Peter“ Norton aus London und der Züricherin Irmgard Burchard auf die Beine gestellt, unterstützt von verschiedenen Sammlern und Galeristen, deutsch-jüdischen Unternehmen, liberalen Politikern und Künstlern im Exil wie Beckmann oder Klee. Auch der in Paris im Exil lebende Kunstkritiker Paul Westheim wirkte mit, schied allerdings wieder aus dem Projekt aus, als man den Titel Banned Art durch Twentieth Century German Art ersetzte, sie wurde  ihm dadurch zu unpolitisch. Schirmherren waren u.a. Picasso und Virginia Woolf und obwohl die Ausstellung viele Besucher verzeichnen konnte, wurden nur wenig Bilder verkauft, zum Teil war das Publikum auch mit diesen starken und modernen Bildern überfordert.

Allein von Max Liebermann waren 22 Arbeiten in der Londoner Ausstellung zu sehen, dafür sorgte schon seine Witwe Martha Liebermann. Sie schickte das Porträt von Albert Einstein nach London, dies war auch eines der wenigen Werke, die verkauft werden konnten.

Zu sehen sind in der Berliner Ausstellung vor allem Werke von Max Liebermann, aber auch Bilder von Max Slevogt, Lovis Corinth, Emil Nolde, Paul Klee, Paula Modersohn-Becker, und Wassili Kandinsky. Oskar Kokoschkas „Selbstbildnis eines entarteten Künstlers“ ist ebenfalls ausgestellt (allein von ihm wurden im Jahre 1937 an die 400 Werke aus deutschen Museen verbannt oder beschlagnahmt). Die Werke sind aus unterschiedlichen Museen und Privathäusern in die Villa Liebermann an den Wannsee gekommen und sind Zeugnis für die Vielfältigkeit der damaligen Kunst, die vor 80 Jahren in London gezeigt wurde.  Fast alle dort vertretenen Künstler waren sie auch in München bei der Ausstellung „Entartete Kunst“ vertreten.

Diese kleine aber feine Ausstellung in der Liebermann-Villa entstand in Zusammenarbeit mit der Wiener Library in London und wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Sie versucht mit nur 30 Werken die Londoner Ausstellung zu rekonstruieren und ist mit viel Hintergrundinformationsmaterial zu den Leihgebern der Werke eine interessante und sehenswerte Ausstellung, die noch bis  zum 14. Januar 2019 in der Villa Liebermann zu sehen sein wird.

cmb

 

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Pergamon virtuell

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Seit dem 17. November 2018 ist die  Ausstellung « Pergamon. Meisterwerke der antiken Metropole und 360° Panorama » gegenüber vom Bode-Museum zu sehen. Der Künstler Yadegar Asisi hat sie konzipiert und sein bereits 2011 präsentiertes Projekt  mit dem aktuellen Stand der Forschungen ergänzt.

Ausgestellt sind 80 Objekte aus den Beständen der Antikensammlung. Vor allem Frauen-Statuen, unterschiedlich angeleuchtet,  oder hochwertige Portraitköpfe. Die  Prometheus-Gruppe aus dem Athena-Heiligtum hat er auf eine abstrakte Gold-Landschaft montiert. Ausgestellt ist auch das Papageienmosaik aus dem Palast und das Telephos-Fries des Pergamonaltars. Der Fries der Giganten ist als grandiose Multimedia-Installation in diesen Bau gekommen,  denn es durfte das Museum aus konservatorischen Gründen nicht verlassen.  Entwickelt wurde dieses nüchtern wirkende, faszinierende  Modell des Pergamon-Alters von an der BTU Cottbus unter Dominik Lengyel.

Das 360° Grad Panorama ist in einem Gasometer, der von außen eher wie ein Industrie-Silo aussieht, untergebracht und erinnert  an die Centrale Montemartini in Rom, dort sind in diesem ehemaligen Elektrowerk seit ein paar Jahren Skulpturen aus den Kapitolinischen Museen untergebracht.

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30 Meter ist die Rotunde hoch und der Besucher kann sich auf einem 15 Meter Aussichtsturm in der Mitte der Anlage auf vier Etagen  und  3100 gigantischen Quadratmetern aus der Vogelperspektive ein lebendiges Bild von Pergamon, seinen Theatern, Häusern, Märkten und der Gegend machen. Zu Ehren des Gottes Dionysos richtete man hier im Jahre 129 n.C. ein großes Fest aus, zu dem der römische Kaiser  Hadrian sein Kommen angekündigt  hatte. 40 000 Menschen sollen in Pergamon gelebt haben. Wie in einem Gemälde von Bosch, werden hier unzählige Geschichten erzählt. Es herrscht überwiegend Festtagsstimmung und gute Laune, Opfer werden gebracht, Feuer, Blut und Versammlungen. Asisi hat die einzelnen Situationen auf Zeichnungen vervollständigt und das 3D-Modell entwickelt.

Die Installation ist ein Son et Lumière-Spiel, die Beleuchtung manchmal übertrieben und gibt dem Ganzen eine kleine Kitsch-Note. Die Nachtansicht ist von Tierlauten und Wassergeräuschen begleitet, auf die Musik, die den Tag begleitet, könnte man verzichten.

Pergamon, das achte Weltwunder für viele,  war eine Stadt in der griechischen Antike (Bergama) und liegt in der heutigen Türkei, nicht weit weg von Izmir. Ca 200 Jahre v.C. war die auf einem Berg gelegene Stadt Pergamon die Hauptstadt des Pergamenischen Reichs, das sich über das westliche Kleinasien ausbreitete. Die Attaliden-Dynastie strebte ein neues Athen an. Angeblich wurde auch das Pergament dort erfunden. Die Gründung Pergamons geht auf Telephos zurück. Er war ein Sohn des Herakles. In den griechischen Mythen wird diese Geschichte so nicht erwähnt und angeblich soll sein Sohn im Trojanischen Krieg auf der Seite der Trojaner gekämpft haben. Die Attaliden machten ihn zum Gründer der Stadt – dies wird auf dem kleinen Fries des Pergamonaltars erzählt.

Entdeckt wurde Pergamon 1864 von dem deutschen Ingenieur Carl Humann. 1871 kam Ernst Curtius mit einer Expedition bei ihm vorbei und anschließend wurden die ersten Friese zur Begutachtung nach Berlin geschickt. Alexander Conze übernahm 1877 die Abteilung für antike Skulpturen der königlichen Museen zu Berlin und von da an wurden die Ausgrabenden intensiviert. Ab 1907 konnten die Reliefs in Berlin – mit Genehmigung des osmanischen Reichs – im neu eröffneten Pergamon Museum gezeigt werden.  Dann kam der erste Weltkrieg und die Grabungen mussten eingestellt werden, weiter ging es erst wieder 1927 bis der Zweite Weltkrieg eine zweite Unterbrechung forderte. Erst 1957 wurde wurden die Grabungsarbeiten wieder aufgenommen – bis jetzt.

Der österreichische Künstler und Architekt Yadegar Asisi lebt zurzeit in Berlin und baut die größten 360° Panoramen der Welt.

Bis das Pergamon-Museum wieder eröffnet werden kann, wird noch ein paar Jahre dauern.

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cmb

 

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Georg Grosz

Georg Grosz – Bröhan Museum

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Kunst der Apokalypse

Nach der gelungenen Ausstellung „Berliner Realismus“ hat das Bröhan Museum nun dem bedeutendsten und provokativsten Satiriker der 1920er Jahre, dem Maler Georg Grosz (1893-1959), eine umfassende Retrospektive gewidmet.

Mehr als 200 Exponate aus dem Berliner Nachlass, aus Berliner Museen sowie aus Privatsammlungen beschreiben diese belebte, wahnsinnige, dunkle, von Krieg und Ungerechtigkeit, Angst und wüsten Vorahnungen belastete Zeit, die in einen neuen Krieg münden sollte. Nichts war ihm heilig und seine Aufgabe sah Grosz darin, die Missstände in seinem Land anzuprangern und aufzudecken. So einige Anzeigen und Anklagen hat ihm das eingebracht. Weder Reichswehr noch Kirche waren vor seiner Kunst sicher. Grosz malte das Hässliche, so wie er es sah und voraussah und oft noch schrecklicher als die Realität. Er war so etwas wie eine Kassandra. Seine Bilder sprechen von einer prophezeienden, brutalen Sensibilität, wie zum Beispiel die Zeichnung „Siegfried Hitler“  von 1923. Eckig und zackig, hart sind seine Protagonisten. Dicke Männer mit gemeinen Gesichtern trinken und essen, während im Hintergrund rohe Gewalt regiert. Das Titelbild zeigt zwei undurchsichtige Gestalten, die sicher ein krummes Geschäft vorhaben. „Brillantenschieber“ entstand 1920.

Ein Nervenzusammenbruch 1917 war die Ursache, dass er aus dem Kriegsdienst entlassen wurde. Schonungslos und gnadenlos sezierte er in der Folge mit sarkastischem Spott Militär, Kirche, Justiz, Wohlstand, Bürgertum, Industrie oder Politiker. Seine Mittel waren Stift und beißender Hohn, Krimis und Western haben ihn zu allererst inspiriert und zu dieser Verrohung seiner Kunst beigetragen. Grosz war kurze Zeit Kommunist, trat aber nach einem Russland-Aufenthalt wieder aus der Partei aus und reagierte sich mit satirischem Sarkasmus an der Welt und am Establishment ab.

Seine produktivste Zeit war die Mappen-Zeit in den 1920er Jahren, während ihn Alfred Flechtheim in seine Galerie holte; der Publizist Wieland Herzfelde, Gründer des Malik-Verlages – brachte sämtliche Mappen von Grosz heraus. Einige, darunter „Die Räuber“, sind in der Ausstellung zu betrachten. Hier kritisiert er die Ausbeutung der Kapitalisten. Die Titel der Blätter sind Zitate aus Schillers „Räuber“. Für die Radierung Jesus am Kreuz mit Gasmaske und Militärstiefel wurde er angezeigt und musste eine Geldstrafe zahlen. Das war auch die Zeit, in der er für das Theater Bühnenbilder entwarf, die  Bühnenskizzen und Kostüme zu Erwin Piscators „Soldaten Schweijk“ sind ebenfalls in der Schau zu sehen.

1930 nahm Georg Grosz an der Biennale von Venedig teil und seine Präsenz dort brachte ihm direkt eine Einladung als Dozent nach New York ein. Ausgereist ist er 1932; gerade noch rechtzeitig, denn er stand schon seit längerer Zeit unter Beachtung der SA, die kurz nach seiner Abreise seine Wilmersdorfer Wohnung stürmte.

Trotz großem Bekanntheitsgrad konnte er in den USA nicht von seiner Kunst leben. Grosz konnte allerdings weiterhin als Dozent an der renommierten Art Students Leage of New York unterrichten. James Rosenquist und Jackson Pollock zählten übrigens zu seinen Schülern. Weitere bekannte Maler dieser Schule waren Robert Rauschenberg, Jasper Johns oder Robert Indiana.

1936 fand in Berlin die Olympiade statt. Grosz war zu dieser Zeit schon im amerikanischen Exil. Es entstanden apokalyptische Bilder wie  « The Last Bataillon » : ausgemergelte Soldaten in zerfetzten Uniformen versuchen sich mit seltsamen Waffen durchzuschlagen. Aber an ihren Beinen hängen schon die Ratten. Eines der letzten Bilder in der Schau ein weiteres Amerika-Zeit-Bild  « Kain oder Hitler in der Hölle« . Blutrot der Himmel, blutrot Dantes Höllenfeuer. Kain-Hitler in Übergröße wischt sich über die müde, heiße Stirn vor einem erschreckend großen Skeletthaufen, von denen einige an seinen Beinen hochklettern wollen. Während Abel auf dem Bauch im Maul eines Drachens liegt. Nun war die Gefahr für Grosz eine andere geworden: nämlich die nukleare Bedrohung.

Irgendwann kam er dann wieder darauf zurück, was er ganz früher sein wollte, nämlich Landschaftsmaler. Die Dünen von Cape Cod zeigen aber auch diesen beunruhigenden Grosz-Stil und beruhigen  nicht wirklich.

Seine Werke wurden von den Nationalsozialisten aus den Museen entfernt oder vernichtet. Kurz vor seinem Tod 1959 ist Grosz nach Berlin zurückgekehrt.

Dr. Tobias Hoffmann, Ralph Jentsch, Inga Remmers haben die sehr interessante Ausstellung kuratiert, die noch bis zum 6. Januar 2019 ist diese sehenswerte Ausstellung noch  im Museum Bröhan zu sehen ist.

Christa Blenk

 

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Otto Müller – Hamburger Bahnhof

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Als Sohn eines preußischen Leutnants wurde Otto Müller 1874 im schlesischen Liebau geboren. 1890 begann er eine Lehre in Lithografie und ab 1896 studierte er mit einer Sondergenehmigung an der Kunstakademie in Dresden. Kurz vor der Jahrhundertwende ging er nach München, wo ihm Franz von Stuck allerdings die Fortsetzung der Studien verweigerte. 1905 hat er sein Modell Maschka Mayerhofer geheiratet, mit der ihn sein Leben lang – auch nach der Trennung – großes Vertrauen verband.

1908 kam Otto Müller nach Berlin. Sein großes Vorbild war der Bildhauer Lehmbruch. Von ihm hat er die großen, schlanken Figuren – meist grün/braun und meist ohne Kleider –  die er sein Leben lang in eine meist grün-braune Natur stellte.  Erfolglos blieben seine Bemühungen, in der Berliner Secession aufgenommen zu werden, deshalb gründete er die Gruppe Neue Secession. So kam er zur Künstlergemeinschaft Brücke, der er von 1910 bis 1913 angehörte. 1915 musste er als Soldat nach Frankreich und Russland, wo ihn eine Lungenentzündung fast darnieder gerafft hätte. Diese Zeit ist durch Bilder in der Ausstellung dokumentiert.

Nach dem Krieg, 1919, wurde Müller  als Professor an die Staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe nach Breslau gerufen, wo er sich schnell dem Kreis der Breslauer Bohème anschloss. Seine Frau Maschka kam mit diesem ausufernden Leben nicht zurecht und ging Anfang der 1920 Jahre nach Berlin zurück.

Und um die Breslauer Zeit geht es in der Ausstellung Maler Mentor Magier: Otto Müller und sein Netzwerk in Breslau. Sie beschreibt sein Leben dort, sein Lieben und seine Zusammenarbeit mit den Studenten, die ihn allesamt verehrten.  Man trifft auf eher unbekannte polnische Künstler. Von Müller sind  nur eine handvoll seiner Hauptwerke zusehen, darunter das  großartige Eigenportrait von 1924. Müller mit Pfeife und Pentagram-Umhänger.  Verschmitzt und provozierend zeigt er sich selber vor einem grün-orangen Hintergrund, rauchend und mit einem umgekehrten Pentagramm blickt er auf den Betrachter. Ob das ausreicht, um ihn als Magier zu bezeichnen, bleibt dahingestellt.

Warum jetzt das Wort Magier im Ausstellungstitel steht, ist nicht ganz nachzuvollziehen wie überhaupt ein wenig der rote Faden fehlt. Viele Themen werden kurz angerissen und dann nicht weiterverfolgt. Ein wenig hilflos fühlt man sich dann und wann. Aber die Bedeutung von Müller, die vorherrschende Stilvielfalt vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit überhaupt und das weltoffene und liberale Breslau kommen gut hervor. Der damalige Direktor der Breslauer Akademie, Oskar Moll, hat durch interessante Neuberufungen die Akademie zu einem zentralen Ort von Freiheit und Aufgeschlossenheit gemacht, wo sämtliche Strömungen aufgesaugt , verarbeitet  und weiterentwickelt werden konnten. So kam Oskar Schlemmer vom Dessauer Bauhaus 1929 als Professor nach Breslau,  wo er zusammen mit Georg Muche und Johannes Molzahn unterrichtete. Von ihnen sind sehr interessante Werke zu sehen. Viele Müller- Schüler haben anschließend in Berlin eine Künstlerkarriere gemacht.

Während Maler wie Kirchner das Berliner Leben dokumentierten, geht Müller immer wieder in die Natur und beschreibt  eine lehmige Verbindung Mensch und Natur. Flach und nahezu perspektivlos sind seine Bilder

Alexander Camaro war ein Schüler von ihm und auf  Anregung der Camaro Stiftung kam die von Dagmar Schmengler kuratierte Ausstellung zustande; sie ist eine Fortsetzung der Serie von kleineren Sonderausstellungen mit Bildern aus der Neuen Nationalgalerie, die ja immer noch nicht fertig ist.

Bis zum 3. März 2019 wird die Ausstellung noch in Berlin zu sehen sein, dann geht wie weiter nach Breslau/Wroclav.

Auf der documenta 1 1955 wurden einige seiner Werke von Müller in Kassel gezeigt. 1930 starb er und hat nicht mehr erlebt, wie 1937 die Nazis fast 400 seiner Werke beschlagnahmten

Zu sehen sind Arbeiten auf Papier und Lithografien, Zeitungsausschnitte und Werke von ihm und anderen Künstlern. Die Texte sind in deutscher und polnischer Sprache; es gibt aber ein sehr ausführliches Begleithaft in Englisch.

Christa Blenk

 

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Villa Schöningen

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Ein Blick hinter die Bayreuther Kulissen

Die Farbe Blau muss für sehr viel herhalten: Das Eis ist blau, kalt, still, ruhig und hart. To feel blue bedeutet sich schlecht zu fühlen und blau sein ist eine Umschreibung für zuviel getrunken zu haben. Es gibt Blaulicht und Blauhelme und wer nicht zur Arbeit geht ohne krank zu sein, macht blau. Blau ist die Farbe des Himmels und des Meeres. Das Kleid der Muttergottes ist blau und die Romantik ebenso.

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Blau ist auch die Farbe, die das  Künstlerpaar Rosa Loy & Neo Rauch  für den Bayreuther Lohengrin 2018 ausgesucht haben und so wird dieser zu einer Rhapsody in Blue.

Bayreuth ist schon wieder vorbei, aber die Vorbereitungen, Konzepte und Ideen dieser Inszenierung, für die es nicht nur Lob gegeben hat, sind seit dem 3. Oktober 2018 in der Villa Schöningen, gleich hinter der Glienitzer Brücke,  zu sehen.  Eine Traum- und Märchenwelt im ersten Stock der Villa. Im Erdgeschoss wird die Bedeutung der Brücke von Berlin nach Potsdam beim Austausch von Agenten während des Kalten Krieges beschrieben. Auf dem Todesstreifen stand sie damals, die schöne Villa mit dem traumhaften Garten.

An die 100 Exponate sind hier der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, darunter Kostüme, Zeichnungen, Maschinen, Lichtprojekte und viel Pappe. Ergänzend kann man Wagners Musik lauschen und einer Diskussionsrunde des Künstlerteams und dem Dirigenten Thielemann zuhören,   Neo Rauch, der Expressionist, der Surrealist, der Symbolist, der Hauptvertreter der Leipziger Schule, dessen Bilder von Horror vacui geprägt sind, hat sich einen Traum erfüllt, laut einem Zeitungsinterview arbeitet er angeblich an „der Wiederverzauberung der Welt“.

Und wenn man vom Fenster der Villa auf den Wannsee blickt, würde es gar nicht verwundern, wenn da plötzlich ein blauer Schwan auf dem blauen See unter blauen Wolken herangesegelt käme.

 

cmb

 

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Zarte Männer – Ausstellung im Kolbe Museum

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 Raumansicht

 

Aufmarsch der Anti-Helden

Die diesjährige Herbstausstellung im Kolbe Museum ist « zarten Männern » gewidmet: Skulpturen der Moderne aus drei Generationen.

80 Plastiken von weniger bekannten Bildhauern sind zu entdecken aber auch bedeutende Künstler wie Wilhelm Lehmbruck, Hermann Blumenthal, George Minne oder Georg Kolbe selber sind ausgestellt und sie haben Eines gemeinsam: Die Männer entsprechen allesamt nicht dem damals (und vielleicht noch heute) erwarteten Männerbild. Die Skulpturen zeigen zarte, empfindsame und schüchtern-vergeistigte Jünglinge. In einer von Unruhen und Kriegen geprägten Zeit schauen diese wehrlos wirkenden Anti-Helden gen Boden, wollen sich nicht mit Schwertern oder Waffen belasten oder kämpfen. Sie sehnen sich nach schönen Gedanken, wollen Poesie zitieren und den Duft einer Rose in Arkadien schnuppern.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in Italien der Futurismus erfunden. Seine martialischen Parolen verherrlichten den Krieg. Die Welt musste laut und schnell und aggressiv werden. Diese dunkle, schwere Bewegung verlangte eine lichte Gegenbewegung, die wiederum eine Fortsetzung der Antikenverherrlichung bedeutete, die bereits im 19. Jahrhundert einsetzte. Das gebildete Bürgertum konnte sich die antiken Helden Merkur, Amor oder Ganymed in Kleinformat in die Vitrine stellen oder ihre Wunderkammer damit bereichern. Hier stehen Jünglinge oder Schönlinge, wie Thomas Mann sie in Tod in Venedig beschreibt. Was Letzterer oder Rainer Maria Rilke aufs Papier brachte, wurde von diesen Bildhauern in Stein gemeißelt oder in Bronze gegossen.

Der Ganymed von Artur Volkmann von 1890 hat mit der Knieenden (Spinne) von Blumenthal von 1930 nur die weltfremde Vulnerabilität gemein. 

Wilhelm Lehmbrucks  (1881-1919) Gestürzter entstand 1915 und wird als Markstein in der Körperempfindung moderner Skulptur gesehen. Überhaupt schuf Lehmbruck seine interessantesten Werke während des Krieges, den er in Zürich verbrachte. Wie fast all diese Künstler hat sich Lehmbruck hauptsächlich dem menschlichen Körper zwischen manieristischem Naturalismus und Expressionismus gewidmet. Anonymisiertes Elend, Leid und Armut drücken seine Arbeiten oft aus, dargestellt durch überlange, überdünne Körper. Einige seiner Werke wurden nach seinem Tod in München zuerst gezeigt und dann zerstört; die Knieende schaffte es 1955 auf die documenta 1. Lehmbruch, immer mehr gequält von Depressionen, wählte 1919 den Freitod. Er zählt neben Kollwitz, Kolbe und Barlach zu den bedeutendsten Künstlern dieser Zeit.

 

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Artur Volkmann (Ganymed, um 1890), Georg Kolbe (Stürzender Flieger, Iakrus, um 1917); Hermann Blumentahl (Sterngucker, 1936)
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Josef Enseling (Adam, 1914/ Karl Albiker (Knabe mit Hut, 1918), Wilhelm Wandschneider (Hermes, 1908), ) Hermann Blumenthal (Knieender, Spinne, 1930)

 

Georg Kolbe (1877-1947), beeinflusst von Max Klinger, kommt erst einmal vom Symbolismus. Als Autodidakt begann er 1900 mit ausdrucksvollen oder dramatischen Köpfen. Seine Arbeiten wurden über einen expressionistischen Impressionismus immer minimaler, reduzierter; er ist der untypischste in der Ausstellung. Sein Ikarus wirkt gar nicht so rachitisch und kommt mit intakten Flügeln auf dem Boden an. Die Skulptur entstand in Kolbes Istambuler Zeit, wo der Krieg ihn hingebracht hatte. Durch die Fürsprache seines Botschafter-Freundes wurde er allerdings vom aktiven Kriegsdienst verschont. Kolbe sollte indessen auf dem Friedhof von Tarabya ein Gefallenendenkmal errichten. Dies verschaffte ihm u.a. nach seiner Rückkehr nach Berlin 1919 die Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Künste.

Hermann Blumenthal (1905-1942) gehört zur dritten Generation dieser Bildhauer. Er lernte die Antike Anfang der 1930er Jahre in Rom kennen und kam später von einem elegantem Kubismus zum Konstruktivismus. 1936 hatte er in Berlin seine erste Einzelausstellung, die aber – außer bei der liberalen Presse – nicht sehr gut ankam. Er selber zerstörte viele seiner Frühwerke, durfte aber 1936 als Stipendiat an die Villa Massimo  nach Rom und später nach Florenz. In Italien entstanden seine Hauptwerke. Blumenthal wurde 1940 eingezogen und viel 1942 in Russland.

Die Ausstellung im Kolbe-Museum, ist wieder einmal ein Schmankerl und  findet zum Gedenken an die Errungenschaften der ersten deutschen Republik vor 100 Jahren anlässlich des Themenwinters 2018 statt. Ein umfangreiches Begleitprogramm rundet diese Schau ab. 

Der Ausflug ins Westend lohnt auf jeden Fall und der anschließende Besuch im originellen Café K nebenan ohnehin.

Christa Blenk

 

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Brücke Museum Berlin

Bis zum 12. August ist im Brücke Museum noch die Ausstellung zu sehen, mit der das Museum 1967 im Grunewald eröffnet wurde, erbaut wurde es vom deutschen Nachkriegsarchitekten Werner Düttmann: streng, weiß, eckig. Schmidt-Rotluff (1884-1976) war zur Eröffnung erschienen. Zu diesem Zeitpunkt waren er und Heckel die einzig noch lebenden Brücke-Maler. Basis dafür sind Dokumente und Fotografien, die die erste Ausstellung wieder geben.

Ein Großaufgebot von Werken von Karl Schmidt-Rottluft, Erich Heckel, Max Pechstein, Otto Müller und weiteren Brücke Malern, darunter viele Spätwerke von Schmidt-Rottluff.

Die Sammlung besteht fast ausschließlich aus Schenkungen.

„Ein Künstlermuseum für Berlin: Karl Schmidt-Rottluff, Leopold Reidemeister und Werner Düttmann“ ist der Titel der Ausstellung, die erste, die die neue Direktorin Lisa Marei Schmidt kuratiert.

cmb

 

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Plötzlich flutet Licht in die Räume

Zusammen mit dem erfahrenen Museumsmann Leopold Reidemeister hatte Schmidt-Rottluff die Idee für ein eigenes Haus entwickelt und dazu nach langer Suche das Grundstück in Dahlem gefunden: vis-à-vis des Ateliers von Arno Breker, wo ursprünglich die Villa vom Lieblingsbildhauer des „Führers“ stehen sollte. Durch die minimalistische Architektur Düttmanns, darin die einst verfemte Brücke-Kunst, markierte das Triumvirat sichtbar die Gegenposition. Mit Schmidt-Rottluff, Düttmann, Reidemeister hatten sich Drei gefunden, die auf diese Weise auch das „Dritte Reich“ zu überwinden suchten, als ein Fanal der Moderne.

Von dieser Kampfansage an die Vergangenheit, einer späten Wiedergutmachung ist heute nicht mehr viel zu spüren, auch wenn sich das Breker-Atelier nach wie vor trutzig auf der anderen Grundstücksseite befindet. Doch die Frische des Neubeginns ist auf einmal zurückgekehrt. Mit Lisa Marei Schmidt erfährt das Museum eine phänomenale Verjüngung, geboren aus dem Respekt gegenüber der Leistung ihrer Vorgänger. Ihre Premiere rekonstruiert nicht nur die allererste Ausstellung des Hauses, sondern führt auch das Gebäude auf seine Stunde Null zurück.

Die zugunsten von Hängefläche für Bilder verstellten Fenster wurden wieder geöffnet, plötzlich flutet Licht herein, die Architektur beginnt wieder mit der Umgebung zu kommunizieren, wie ursprünglich von Düttmann gedacht. Klebefolien vor den Fenstern machen es heute möglich, dass die Kunst von diesem Lichtschwall unversehrt bleibt. Vielleicht werden in Zukunft sogar die Jalousien von der Decke entfernt. In der Gründerzeit des Museums war man mit den Luxzahlen noch nicht kleinlich.

Haarkleine Rekonstruktion der ersten Brücke-Ausstellung

Auch Details kehren zurück. Im Eingangsbereich ist der Schmutzteppich entfernt, stattdessen scheint der dunkelbraune Ziegelboden wieder auf. Auch das Bohnerwachs darauf ist abgeschrubbt. Zusammen mit dem Gelb des Kokosteppichs, dem Olivgrün der Fensterrahmen, dem Schwarz der Lüftungsgitter am Boden kommt ein dezentes Farbkonzept erneut zur Geltung, das der Kunst den bestmöglichen Auftritt zu gewähren sucht. Mit Hilfe des Düttmann-Sohnes Hans wurden die ursprünglichen Vitrinen nachgebaut, die nun exakt dort Aufstellung gefunden haben, wo sie zu Beginn einmal standen.

Die neue Direktorin geht mit ihrer Hommage an Schmidt-Rottluff, Düttmann, Reidemeister so weit, dass sie die erste Ausstellung des Brücke-Museums haarklein rekonstruiert. Mit Hilfe historischer Fotografien, Zeitzeugenberichten und anderer Dokumente hat sie eine Zeitreise angetreten, wie sie heute in vielen Museen passiert, die sich der Geschichte ihres Hauses zu nähern suchen. Für Lisa Marei Schmidt aber war es zugleich ein Kennenlernen des Gebäudes, so manche Frage klärte sich dabei. Zum Beispiel die, warum im Hause mit grauen Passepartouts gearbeitet wurde, während in allen anderen Sammlungen cremeweiße üblich sind. Die Antwort ergab sich schnell. Reidemeister präsentierte damals die Papierarbeiten in gläsernen Klemmrahmen, wie sie nun wieder am Nylonfaden von der Decke baumeln. Das Grau dient dazu, die Bilder von der hellen Wand dahinter abzuheben.

Bis ins Detail wurde die Hängung kopiert. Die Unterkante der Gemälde dient als Linie, fast bauchtief angesetzt, was den Betrachter beinahe intim vor den Bildern stehen lässt, als wäre er ihnen näher gerückt. Die Hauptwände sind den Brücke-Künstlern reserviert, vor allem Schmidt-Rottluff und Erich Heckel, der die Gründung des Museums seinerseits mit einer Schenkung von 1500 Werken unterstützte. Neben Max Pechstein und Otto Mueller kommt Ernst Ludwig Kirchner hier zu kurz, das fiel auch den Zeitgenossen damals auf. Schmidts Vorgängerin Magdalena Moeller vermochte die Lücke durch so manchen geschickten Ankauf zu schließen. In den Nischen finden dafür Künstlerfreunde mit ihren Werken Platz: Max Kaus, Anton Kerschbaumer, Otto Herbig, Emy Roeder.

Kupka im Grand Palais

Kupka – Pionier der Abstraktion   für KULTURA EXTRA

Obwohl das erste, rein abstrakte Gemälde „Amorpha, Fuge in zwei Farben“, das 1912 beim Pariser Herbstsalon ausgestellt wurde, von Kupka ist, denkt  man zuerst an den russischen Maler, Grafiker und Kunsttheoretiker Wassily Kandinsky, wenn es um die Erfindung der abstrakten Kunst geht. Auf Kupkas bedeutende Wegbereiter-Rolle hin zu dieser Stilrichtung, die das 20. Jahrhundert prägen sollte, wurde die Kunstwelt erst durch mehrere große Ausstellungen in den 60er Jahren aufmerksam.

Frantisek Kupka wird 1871 in Prag geboren, zehn Jahre vor Picasso, neun Jahre nach Klimt und fünf Jahre nach Kandinsky. 1891 geht er zum Studium nach Wien, wo er seiner impressionistischen Malerei die Jugendstilsymbolik hinzufügt, bis er als 25-jähriger in der brodelnden Kunstmetropole Paris ankommt, wo es von Tendenzen und neuen Kunstrichtungen nur so wimmelt. Zusammen mit seinem Landsmann Mucha darf er auch gleich an der Weltausstellung 1900 teilnehmen.

Größeren Erfolg als mit seinen Bildern hat er in den Anfangsjahren mit seinen Illustrationen. Freimütig und schonungslos prangert er zwischen 1901 und 1904 religiöse Praktiken oder Geld- und Goldgier vor allem in der Satire-Zeitung „L’assiette au beurre“ (Butterteller) an. Die erfolgreiche, politische und ironische Sondernummer „L’Argent“ (Geld) ist vollständig von ihm und in der Ausstellung zu sehen. Hier stellt er das Froschgesicht Monsieur Capital vor, der im Namen der Republik Zugang zu allen finanziell interessanten Zweigen und Geschäften findet und seinen dicken, durchsichtigen Bauch mit Gold füllt.

Schon zu einem frühen Zeitpunkt, im Jahre 1905, teilt er brieflich einem Freund sein Bestreben mit,  nur noch Konzepte oder Synthesen malen zu wollen.

Ansonsten hält er sich mit Modezeichnungen, Illustrationen und Religionsunterricht über Wasser.   Kupka, der Eigenbrötler, zieht freiwillig in den Ersten Weltkrieg, wird später Fremdenlegionär und kehrt nach dem Krieg für zwei Jahre als Kunstprofessor nach Prag zurück. 1921 bekommt er in Paris seine erste Ausstellung, findet aber trotzdem den Anschluss an das Kunstleben nicht mehr und widmet sich intensiv seiner kunsttheoretischen Schrift „Die Schöpfung in der bildenden Kunst“, die 1923 herauskommt aber erst 2001 in deutscher Übersetzung erscheinen sollte. (Kandinsky‘s Werk „Über das Geistige in der Kunst“ erscheint bereits 1911/1912).

Erst im Jahre 1936 holt ihn Alfred Barr in seine Ausstellung „Kubismus und abstrakte Kunst“, die er  für das New Yorker MoMA organisiert, aber zu diesem Zeitpunkt ist die Kunstgeschichte schon in Stein gemeißelt und die Erfindung der abstrakten Malerei seinen Zeitgenossen  Kandinsky, Delaunay und Mondrian zugeschrieben.  Kupkas Name wird in vielen Artikeln nicht mal genannt. In der Ausstellung (Paris – New York),  die das Pariser Centre Pompidou 1977 organisiert, ist er allerdings mehrfach vertreten. In der Folgeausstellung Paris – Berlin 1978 wieder nicht mehr.

1911 tritt Kupka der Puteaux-Gruppe bei, einem Zusammenschluss von verschiedenen Künstlern aus Europa, die in Paris lebten und deren Hauptthema es war, die Arbeiten von Braques und Picasso zu diskutieren. Aber schon im Kriegsjahr 1914 löst sich die Gruppe wieder auf.

Kupkas permanenter Stilwechsel – vom Impressionismus zum Expressionismus über den Symbolismus zu den Fauvisten, Orphisten und Futuristen bis hin zu Konstruktivismus – ist sicherlich auch mit dafür verantwortlich, dass er sich weniger durchsetzen konnte oder weniger präsent war.

Dass sein wahres Interesse der Theorie, dem Zusammentreffen von Farben und Formen in Verbindung mit der Zeit gehört, wird in der Retrospektive sehr deutlich. Kupka will mobile Enigmen malen, die sich nicht wiederholen, und das Vergehen der Zeit in einem Gemälde zeigen. „L’Eau (La baigneuse)“. Eine Badende ist das  klassische Thema im Modernismus des 19. Jahrhunderts schlechthin. Kupka transformiert seine Badende durch einen Spiegeleffekt zur symbolistischen Skulptur, die von angedeuteter Natur  umgeben eine expressionistische Vorstufe der Abstraktion darstellt. Er malt das Bild um 1907, es ist 63 x 80 cm groß, gehört dem Centre Pompidou und hängt in Nancy.

Eines seiner bedeutenden größeren, figurativen Hauptwerke kommt aus dem Guggenheim Museum New York. „Grand nu. Plans par couleurs“ ( 1909 – 1910).

Bis 1910 zitiert er Van Gogh, Leger oder Matisse und malt krude, expressionistische Gemälde (Le Mec, 1910 oder Le Rouge à lèvres n°II , 1907) mit grünen oder gelben Gesichtern, die an Münter, Kirchner oder Heckel erinnern oder solche, die Otto Dix nach dem Krieg malen sollte. Das Bild „Das Mädchen mit dem Ball“ entsteht 1908 und scheint ganz dem Impressionismus geschuldet zu sein. Hell und unschuldig in bewegter Hodler-Symbolik auf einer Blumenwiese täuscht es darüber hinweg, dass er hier durch den roten Ball schon mit der Bewegung spielt.

Der Paradigmenwechsel um die Jahrhundertwende, die Entdeckung der Teilung des Atoms und das Verlassen der Zentralperspektive machen die Kunst ab 1900 möglich, sei es Kubismus, Dadaismus, Futurismus, Konstruktivismus oder eben die Abstraktion.

1909 wird im „Le Figaro“ Marinettis provozierendes Futuristisches Manifest abgedruckt. Außer kriegsverherrlichenden Phrasen kam der Malerei eine bedeutende Stellung zu, die von den Künstlern Boccioni, Balla und Severini vorgestellt wird. Originell und mutig sollte man sein und sich gegen den „fanatischen, unverantwortlichen und snobistischen Kult der Vergangenheit“ auflehnen. Im selben Jahr malt Kupka das großartige Bild  „Pianotasten, See“ (Les Touches de piano. Le Lac). Es ist aus Prag nach Paris gekommen. Die schwarz-weißen Klaviertasten liegen auf dem Wasser und bewegen sich unregelmäßig, das Boot im Hintergrund wirft plastische Wellen. Kupka stellt sich hier die Frage wie man mit „Farben einer der Musik analogen Malerei schaffen kann“. Es wundert, dass er nicht aktiv die Zusammenarbeit mit einem Komponisten gesucht hat, um seine Arbeiten wirklich in Töne zu setzen.

Ein anderer, mit ihm „verwandter“ Künstler ist Delaunay. Wie dieser befasst sich auch Kupka jahrelang mit dem Konzept der Farbsimultaneität, einer Wechselwirkung von Farben und Formen, die der Chemiker Michel-Eugène Chevreul, Anfang des 19. Jahrhunderts für eine Gobelin-Manufaktur entwickelt hatte. Farbverschiebungen bei der Betrachtung eines Gegenstandes durch ein Prisma, optische Verzerrungen, gebrochenes Licht brachten den  Orphismus hervor, eigentlich nur eine Weiterentwicklung des Kubismus. Delaunay nannte seine Kunst allerdings „inobjectif“. Für Apollinaire ist es « … eine Lichtkunst, die allein durch die Farbe entsteht ».

1912 entsteht es dann – das erste abstrakte Bild „Amorpha, fugue à deux couleurs“.

Rote und blaue ineinander verlaufende, organische Farbflächen ziehen in ornamentalen Kreisen vor einer runden, schwarz umrandeten Fläche durch das große, vollständig abstrakte Bild, das schon farblich die Natur außen vorlässt. Eine Vergrößerung dessen, was man durch ein Mikroskop sehen kann, vielleicht.  Kupka hat beim Malen dieses Werkes an Bach gedacht. Wie Kandinsky oder Delaunay, sucht auch er in der Gegenstandslosigkeit zu malen mit der Musik als Vorbild. Er war auf der Suche nach einem visuellen Äquivalent zu Tönen oder Kompositionsstilen, um Bilder nicht nur optisch zu erleben.

Aber auch Delaunays „Disque simultané, entsteht in dieser Zeit und natürlich Kandinskys Arbeiten, dessen erstes abstraktes Aquarell auch in dieser Zeit entstand: ob 1910 oder 1913 ist ein Streitpunkt der Kunsthistorie.

Immer wieder findet man in der Ausstellung Parallelen zum britischen Pionier-Fotografen Eadweard Muybridge (1830-1904). Dessen Fotokunst schon vor Kupka von Bewegung lebt.  Die „Blumen pflückende Frau“ oder „La Foire (Contredanse)“ sind beeindruckende Beispiele dafür und auch in der Ausstellung zu sehen.

Klimts Jugendstilornamente und ihre Umsetzung in freie Farbrhythmen – der Kritiker Valensi nannte Kupkas Malerei „Musikalismus“ -  sowie Innenansichten von Kirchen, bei denen er sich an Bleimalerei der Gotik hält, bestimmen zwischendurch immer wieder seine Kunst.  Madame Kupka dans les verticales (1910-1911) ist aus dem MoMA New York nach Paris gekommen. Auf den ersten Blick glaubt man einen Vorentwurf für Klimts Der Kuss“ zu sehen, das drei Jahre vorher entstand. Im oberen Drittel des Gemäldes erkennt man Frau Kupka, ihre Augen, ihren Blick, umgeben oder eingewickelt ist ihr Gesicht von vertikalen Farbstreifen, die ineinander laufend das Bild bestimmen. Wenn man die Augen leicht zusammenkneift, vermeint man eine Bewegung wahrzunehmen.

Der Großteil der Ausstellung besteht aus diesen Kreis- und Streifenbildern in unterschiedlichen Farben, wobei jede Bewegung eine andere Farbe bekommt. In den 1930er Jahren wird Kupka dann noch zum Konstruktivisten. Irgendwann bekommt man den Eindruck, dass er irgendwo stecken geblieben ist. Nach dem Krieg, den er in der französischen Provinz verbringt, entstehen Wiederholungen seiner Vorkriegswerke, allerdings ohne wieder zur Figuration zurückzukehren.

Das gelungene Ausstellungsplakat – ganz im Sinne von Kupkas Wunsch, die Figuration an zweite Stelle zu setzen – zeigt im Hintergrund das 1910 entstandene in Ockerfarben gehaltene Gemälde „Plans par couleurs (Femme dans les triangles)“. Eckig und kantig der Frauenkörper in Rückenansicht, der Arm wirft einen mobilen Schatten. Es drängen sich die mechanischen Bilder (und Farben) von Oskar Schlemmer auf, die allerdings erst später entstehen werden.

Die umfassende, sehr gut aufgebaute Werkschau im Pariser Grand Palais folgt dem Künstler chronologisch und erklärt seine theoretische Befassung mit Formen und Farben und Licht, ohne die Frühwerke und Anfänge zu vernachlässigen. Sie zeigt aber auch, dass er nach dem Krieg hoffnungslos war. Wirklich Interessantes ist nicht mehr entstanden. Kupka gerät wieder in Vergessenheit und stirbt 1957 einsam in Puteaux.

Die Retrospektive ist noch bis zum 30. Juli 2018 im Pariser Grand Palais zu sehen. 300 Exponate, darunter Leihgaben aus Privatsammlungen, aus französischen und  europäischen sowie amerikanischen Museen, erklären  uns den Maler Kupka und die spannende Zeit diverser Stilerfindungen vor ca. 100 Jahren.

Christa Blenk

 

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Hallo World – Revision einer Sammlung

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« Agora » – Hamburger Bahnhof

 

Wie sähe eine Kunstsammlung heute aus, hätte ein weltoffeneres Verständnis ihre Entstehung und ihren Kunstbegriff geprägt?“

Diese Frage wird in der Ausstellung „Hello World. Revision einer Sammlung“ gestellt, die seit ein paar Wochen im Hamburger Bahnhof zu sehen ist. Fast auf der kompletten Ausstellungsfläche sind  an die zweihundert Werke aus den Beständen der Nationalgalerie sowie 150 Leihgaben aus weiteren Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu sehen. Ergänzt wird diese Mammutschau durch 400 Kunstwerke, Zeitschriften und Dokumente aus nationalen und internationalen Sammlungen. Entstanden sind daraus dreizehn Geschichten, die versuchen, anhand von Kunst die Welt (vor allem die europäische) zu beschreiben.

Die Agora war in der Antike der Ort für Märkte, Feste, Versammlungen oder Gerichtsverhandlungen. Der weitläufige und so großzügige Eingangsbereich des Museums übernimmt hier diese Rolle. Rechts vor der Treppe lässt der Franzose Pierre Bismuth das Dschungelbuch neu aufleben. Auf dem Klein-blauen Teppich liegen die Besucher und versuchen das Sprachengewirr von Balu dem Bär oder von Ka der Schlagen zu enträtseln. In der Mitte der Halle hat der US Künstler Bruce Naumann ein antikes Theater nachgebaut; philosophische Zitate von Wittgenstein oder Benjamin an den Wänden unterstreichen diese Theaterlandschaft. Vor der Holz-Tribüne eine Installation von Goshka Macuga. Sie hat die Köpfe von Albert Einstein, Giordano Bruno oder Karl Marx in einen Betonrahmen platziert. Auf der anderen Seite die bunte Häuserwand « Growing Houses » von Antonio Ole. Im hinteren Teil  Nam June Paiks Installation « I Never Read Witthenstein » (1997) vor der lebensgroßen und bedrohlichen Mißhandlungsszene « Policement and Rioter » der US Künstlers Duane Hansen. Sie entstand schon 1967!

Die zweite Geschichte spielt im Paradies und erzählt von Sehnsuchtsorten. Paul Gauguins Gemälde „Tahitianische Fischerinnen“ von 1891 hängt hier neben der Standlandschaft  « Nidden » von Max Pechstein und einem Bild von Emil Nolde, das 1914 in Papua entstand. Beeindruckend und großartig gelungen der  Raum mit dem Film von Tita Salina „1001st Island“. Das plastikverseuchte Wasser und der Kampf der Fischer stehen im krassen Gegensatz zu zwei anderen Filmen aus den 1930er Jahren von Fritz Murnau „Tabu 1931“  und „Die Insel der Dämonen » (19133) von Friedrich Dalsheim. Hier scheinen Welt, Wasser und Mensch noch ganz unverbraucht und sauber zu sein und es wird höchstens mal eine leere Kokusnuss im sonst plastikfreien Wasser entsorgt.

 
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Anish Kapoor, I Made, Budi,, Duane Hanson, Nam June Paik, , Bruce Naumann Goshka Macuga, Antonio Olé

 

Ankunft, Einschnitt: Die indische Moderne als gewundener Pfad ist die nächste Geschichte. Werke aus dem Museum für Asiatische Kunst stehen  im Mittelpunkt. Umgeben von zeitgenössischer indischer Malerei und Verweise auf Rabindranath Tagore. Hier kann natürlich Anish Kapoor  nicht fehlen. Seine rote Installation heisst „1000 Names“.

1982 kamen viele bedeutende Werke aus der Sammlung von Erich Marx in die Neue Nationalgalerie, die zu einem Mittel- und Drehpunkt des Hamburger Bahnhofs wurden.  Joseph Beuys hat einen Dauerraum dort, so wie u.a.  Keith Haring, Robert Rauschenberg oder Andy Warhol.

Hinter Colomental: Die Gewalt der miteinander verbundenen Geschichten verbergen sich die spärlichen Arbeiten von afrikanischen Künstlern.  Der deutsche und europäische Kolonialismus steht hier im Visier und wird mit Arbeiten von On Kawara, Joseph Kosuth, Guillermo Deisler, Wolf Vostell oder Marta Minujin dokumentiert.

Kommunikation als globales Happening, Aktionskunst, Konzeptkunst, Medienkunst. Ausgangspunkt ist bei dieser Story die Idee eines „Globalen Happenings“, das 1966 zeitgleich in Buenos Aires, New York und Berlin stattfand.

Was Magdalena Abakanowicz, Max Ernst, Alexander Achipenko, Alberto Giacometti, Hans Arp, Rudolf Belling, Henri Matisse, Jannis Kounellis, Asger Horn oder Renée Sintenis miteinander zu tun haben begreift man vielleicht im Kapitel „Woher kommen wir? Skulpturale Formen der Aneignung“. Figurative Plastiken aus der Sammlung der Nationalgalerie vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart wurden hier zusammengebracht.

Verwobene Bestände: Arte Popular, Surrealismus und emotionelle Architektur befasst sich vor allem mit Mexiko und der Neuen Welt.  Josef Albers, Hans Arp, André Masson, Carlos Mérida, Meret Oppenheim, Diego Rivera und Dr. Atl vertreten dieses Kapitel. Ein wenig Fantasie braucht man schon, um die Fäden nicht zu verlieren oder sie überhaupt zu sehen.

Weiter mit Vorfahren und Nachfahren: Bildkulturen Nordamerikas. David Bradley, Barnett Newman, Ad Reinhardt, Mark Rothko werden analysiert. Werke von indigenen Künstlern, die das Ethnologische Museum Berlin in den letzten Jahren erwerben konnte stehen im Dialog mit der New Yorker Avantgarde.

Orte der Nachhaltigkeit: Pavillons, Manifeste und Krypten. Die Moderna galerija in Ljubljana tritt sehr prominent auf, zusammen mit anderen Werken aus osteuropäischen Sammlungen, die   als Leihgaben nach Berlin gekommen sind; darunter Kazimir Malevich oder Walter De Maria.

Die tragbare Heimat : Vom Feld zur Fabrik. Fokus liegt hier auf Reisen von und nach Armenien. Der Worpsweder Künstler Heinrich Vogeler, der mehrere Reisen auch dorthin unternommen hat und darüber malte und berichtete. 1931 hat er sich permanent in Moskau nieder gelassen und 1942 ist er  in Kasachstan verstorben.

Die Kunst des Expressionismus wird bei der Geschichte über „Plattformen der Avantgarde: Der Sturm in Berlin und Mavo in Tokyo“ ins Visier geholt. Lyonel Feininger, Hannah Höch, Kandinsky, El Lissitzky oder Kurt Schwitters sind bei der Eröffnung der „Neuen Abteilung“ der Nationalgalerie im Berliner Kronprinzenpalais 1919 mit dabei gewesen.

„Rot, Geld und Blau gehen um die Welt“. 1982 erwarben die Freunde der Nationalgalerie unter großer Polemik der Öffentlichkeit das großformatige abstrakte Gemälde von Barnett Newman „Who is Afraid of Red, Yellow and Blue IV « (1969).  Monochrome Farbflächen in Primärfarben als Paradebeispiel des abstrakten Expressionismus. Noch im selben Jahr erfuhr das Bild schwere Beschädigungen (es wird auch in der Ausstellung besonders gut bewacht).  Vier Variationen gibt es davon und die Serie verweist auf Piet Mondrian, der hier in den Raum passen würde. Der Titel lehnt sich an « Who is afraid of Virginia Woolf » an.

Bei den Zwischenräumen handelt es sich um die Präsentation eines Werkes oder Werkkomplexes aus den Sammlungen der Nationalgalerie, die die 13 Themen flankieren. Joseph Beuys, Quin Yufen, Keichi Tanaami, Ilya Kabakov, On Kawara und Bruce Naumann füllen sie.

Entwickelt wurde die Ausstellung von Udo Kittelmann mit Sven Beckstette, Daniela Bystron, Jenny Dirksen, Anna-Catharina Gebbers, Gabriele Knapstein, Melanie Roumiguière und Nina Schallenberg für die Nationalgalerie, sowie den Gastkuratorinnen und -kuratoren Zdenka Badovinac, Eugen Blume, Clémentine Deliss, Natasha Ginwala und Azu Nwagbogu.

Nicht jedes Kapitel ist gelungen und manchmal muss man um viele Ecken denken, um den Zusammenhang zu erkennen oder eine Gemeinsamkeit nachzuvollziehen; dies macht den Besuch ein wenig schwerfällig. Viele große Namen und viel Unbekanntes oder wenig Bekanntes. Besuchenswert ist diese Schau, die noch bis zum 26. August zu sehen ist und von einem umfangreichen Programm begleitet wird, auf jeden Fall!

Christa Blenk

 

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Louise Bourgeois – The Empty House

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 „Peaux de lapins, chiffons ferrailles à vendre“  (Installation Louis Bourgeois im Schinkel Pavillon)

 

Nicht weit weg von der Museumsinsel – auf der anderen Seite von  « unter den Linden » – steht der Schinkel Pavillon. Dort zeigen seit einigen Jahren regelmäßig hochkarätige Künstler ihre Installationen. Damit wird die sonst eher von der Kunst der Vergangenheit geprägte Ecke um die zeitgenössische Kunst erweitert. Seit dem 21. April 2018 sind dort Zeichnungen und Installationen von Louise Bourgeois (1911-2010) zu sehen.

Zellen“ (cells) sind Fragmente einer Werkserie, an der Bourgeois seit Ende der 1980er Jahre arbeitet. Der Ostberliner Architekt Richard Paulick hat 1969 den oktogonalen Pavillon aus Glas gebaut, in dem jetzt Bourgeois‘ 2005 entstandene Installation „Peaux de lapins, chiffons ferrailles à vendre“ gezeigt wird.  „Sack forms“ hängen  zum Teil an Ketten von der Decke des transparenten Stahlkäfigs nach unten. Leere, leblose, helle Hüllen sprechen von Fruchtbarkeit, Vergänglichkeit, Schmerz! Auf den ersten Blick denkt man an einen sterilen Schlachthof. Nur ein kleiner Turm aus weißen Steinen im inneren des Käfigs wächst vom Boden in die Höhe, aber auch er kommt nicht heraus, aus diesem durchsichtigen, voyeuristischen Gefängnis. Die halbgeöffnete Tür ist mit einer Eisenstange versperrt, so kann man den Käfig trotzdem weder betreten noch verlassen. Die Kunstgeschichte sagt uns, dass Bourgeois‘ unfröhliche, schwere und depressive Kunst mit ihrer Kindheit, vor allem mit dem schlechten Verhältnis zu ihrem tyrannischen Vater zu tun hat.

Für diese Ausstellung wurden dieses Mal auch die „unfertigen“ Kellerräume aktiviert. Dort wird der Schlachthofeindruck zum negativen déjà vu. Flackernde Funzeln, abgefallene, zum Teil schmutzige Fließen, niedrige Raumdecken vermittelt eher den Eindruck großer Vergessenheit. Die blutroten Papierarbeiten zieren schwangere Bäuche, saugende Babys oder schwere Brüste. Ansonsten bestehen die rosa Installationen oder Figuren aus groben und feinen Stoffen, aus blauen Fäden und weißen Steinen. Man denkt an die Venus von Willendorf, an Voodoo. Runde, unschöne Körperteile, die Leid transportieren müssen und Hoffnung suggerieren möchten. Mitten drin in diesem Kellergeschoss thront eine ihrer Spinnen in einer Vitrine. Für Bourgeois wat die Spinne ein Sinnbild mütterlicher Geborgenheit. Wird dieser Raum gerade hergerichtet oder ist er vom Abriss bedroht? Die Installationen und Zeichnungen im Kellerbereich beziehen das Umfeld direkt in ihre Kunst mit ein; sie wirkt so noch deprimierender. Ihr Vater war ein Textilhändler, unter dem ihre Mutter sehr gelitten hat. Hier rächt sie sich an Beiden!

Die französische-amerikanische Bilderhauerin und Künstlerin Louise Bourgeois zählt zu den Pionieren der Installationskunst. Die hat die „feministische“ Kunst erfunden, obwohl sie selber das so nie gesagt hat. Im kleinen Faltkatalog sind werksbegleitende Zitate aus ihren Tagebüchern abgeduckt. Louise Bourgeois wurde erst sehr spät von der Kunstwelt entdeckt. Angefangen hat die in Paris geborene US-Französin ihr Künstlerdasein nach dem sie sich mit Ehemann und Kindern Ende der 1930er Jahre in New York niedergelassen hatte. 

Bis zum 29. Juli 2018 ist diese Einzelausstellung noch im Schinkel Pavillon zu sehen. Die Leiterin dieses Kunstvereins, Nina Pohl, hat diese Einzelausstellung kuratiert. Die Eastern Foundation hat die Arbeiten zur Verfügung gestellt.

Christa Blenk

 

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Berliner Realismus – von Käthe Kollwitz bis Otto Dix

Schornsteine, Rinnsteine und Schlafburschen

Industrielle Revolution und Industrialisierung, Landflucht und ansteigende Geburtenraten, ein reichhaltiges Arbeitsangebot sowie vielfältige Freizeitmöglichkeiten machten Berlin zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einem verlockenden Ort und  – nach London, Paris und Wien – zur viertgrößten Stadt  Europas. Schon 1816 wurde auf der Spree das erste Dampfschiff eingesetzt, das Eisenbahnnetz breitete sich aus, es gab die Ringbahn und Pferdeomnibusse. Schon in den 1820er Jahren sorgte die städtische Gasanstalt für mehr Licht „Unter den Linden“.

Nach der Reichsgründung,  Ende des 19. Jahrhunderts, wurde Berlin Hauptstadt von Preußen und die Einwohnerzahl erreichte die Millionengrenze. Große Kaufhäuser, Luxushotels, schicke Bars und ein reges Straßenbild prägten ab 1900 das Stadtbild genauso wie in die Höhe schießende Schornsteine, Schmutz und Rauch. Im Wedding entstand die erste Chemiefabrik, in den Hackeschen Höfen wurde damals schon gewohnt und gearbeitet. Um die Jahrhundertwende führte Otto Lilienthal seine Versuchsflüge durch und der Teltowkanal wurde für den Schiffsverkehr freigegeben. Der Lunapark zählte zu den größten Vergnügungsparks in Europa. Berlin war « in ».

Dem Großteil der Zuwanderer gelang es allerdings nicht, sich in die privilegierte Schicht einzugliedern, sie glitt recht schnell in Armut ab. Die sozialen Probleme wuchsen auf der einen Seite genauso schnell wie der Wohlstand auf der anderen. Eine dramatische Wohnungsnot vertrieb die Arbeiter, Tagelöhner, Kutscher oder Knechte in Mietskasernen oder in Arbeitersiedlungen am Stadtrand. Der „Schlafbursche“ wurde erfunden. Die arbeitende Bevölkerung organisierte sich in Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften und Streiks und Proteste waren genauso an der Tagesordnung wie Hunger und Misere.

 

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Heinrich Zille – VOR DER SCHAUBUDE – 1904 Schwarze Kreide, Kohle auf Papier
Stiftung Stadtmuseum Berlin

 

Und hier setzt die Ausstellung im Bröhan-Museum „Berliner Realismus – von Käthe Kollwitz bis Otto Dix“ ein. Sie baut eine Brücke vom Ende der Belle Epoque bis zum Aufstieg der Nationalsozialisten. 1898 wurde die Berliner Secession gegründet, eine Künstlergruppe, die den vorherrschenden und dominierenden Akademismus ablösen bzw. ihm entgegensteuern wollte. Mitglieder in dieser Vereinigung waren unter vielen anderen auch die Künstler Heinrich Zille, Hans Baluschek oder Käthe Kollwitz. Während sich Liebermann oder Slevogt aber dem deutschen Impressionismus widmeten brachten Zille, Kollwitz oder Baluscheck einen kritischen Realismus aufs Papier und in die Welt. Sie brachten mit sozialkritischen Themen die, die im Dunkeln stehen, ans Licht. In der zweiten Generation setzen dies Otto Dix, George Grosz oder Otto Nagel fort, die ihre Werke mit Schreckenserfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg anreicherten.

Baluscheck war der typische Rinnsteinkünstler. Geboren und aufgewachsen zwischen Fabrikschloten und dem Schöneberger Gasometer. Von ihm hat das Bröhan-Museum eine stattliche Sammlung, vieles ist zur Zeit in der Ausstellung zu sehen.  Auch der weniger bekannte Bruno Böttcher wohnte und wirkte in der Proletariatsatmosphäre auf der Roten Insel, wie das Viertel um den Schöneberger Gasometer hieß. Sie traten dem Expressionismus mit krudem Realismus entgegen. Von Bruno Böttcher ist eine Federzeichnung AUFRUHR zu sehen. Sie entstand 1924 und zeigt einen Mann, der in Ketten gefangen zwischen Schornsteinen und Rauch den kompletten Himmel einnimmt und die Mietskasernen zu beschützen scheint.

 

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Käthe Kollwitz  ARBEITER VOM BAHNHOF KOMMEND (PRENZLAUER ALLEE)
um 1899 Gouache auf Papier Käthe Kollwitz Museum Köln

 

Käthe Kollwitz hat nach einer Theateraufführung von Hauptmanns „Die Weber“ um 1896 mit einen sechsteiligen Grafikzyklus Ausbruch, Höhepunkt und Zusammenbruch des „Weberaufstandes“ angeprangert. Die Serie ist in der Ausstellung zu sehen und gehört zu ihren bekanntesten Werken. Kollwitz präsentierte den Zyklus 1898 auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Die Jury wollte ihr dafür eine Goldmedaille überreichen, was der Kaiser allerdings ablehnte. Für sie war es aber trotzdem ein Durchbruch. Obwohl die Bilder von Armut und Misere erzählen, lassen die Künstler den „Modellen“ ihre Würde; kritisiert wird das Umfeld und die Verhältnisse, nicht die Personen.

Ein anderer bedeutender Maler dieser Zeit war der Grafiker, Maler und Fotograf Heinrich Zille.  Seine Arbeiten waren sozialkritisch aber auch sehr lokalpatriotisch. Er war ein echter Milieu-Maler, was ihm den Namen Pinselheinrich einbrachte. Sein « Milljöh » fand Heinrich Zille in zwielichten Bars oder in den schmutzigen Hinterhöfen der Mietskasernen in den Arbeitervierteln. Seine kritischen Bilder und Fotos waren der Grund, warum er 1907 aus der Photografischen Gesellschaft entlassen wurde. Zille arbeitete auch für den Simplicissimus und kam 1903 als ein Protegé von Liebermann zur Berliner Secession. Liebermann malte in den 1880er Jahren ebenfalls naturalistische Bilder wie « Flachsscheuer in Laren » (1887) oder « Schusterwerkstatt « (1881), bei ihm waren es aber eher Fallstudien nach einem Aufenthalt in Holland als eine solidarische oder sozialkritische ja politische Handlung. Er, der Ehrenpräsident der Preußischen Akademie der Künste, spezialisierte sich vor und nach dem Krieg auf Biergartenszenen oder Politiker-Portraits. Ab den 1933er Jahren hat ihm dies allerdings auch nicht helfen können.

Für den Kaiser war die Kunst von Kollwitz, Baluschek oder Zille eher Kunst zum Wegsehen. Die Rinnsteinkünstler waren unbequem und Bilder, die nur Armut und Misere zeigten, passten nicht zu Pickelhauben-Parademärschen oder später zu Champagner trinkenden Amüsiersüchtigen in den Cabarets der Goldenen Zwanziger Jahre.

Dass Deutschland 1914 das weltweit höchste BIP pro Kopf hatte und nach den USA die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt war, war vor allem dem Maschinenbau zu verdanken. Diese Tatsache sorgte aber nicht für soziale Gerechtigkeit, sondern eher für das Gegenteil. Missernten um 1912-1913 führten zu Lebensmittelknappheit und Hungerkrisen, Frauen  bekamen Hungerlöhne für Heimarbeit und mussten oft den ganze Familie durchbringen.

Kurz nach Kriegsbeginn entstand der Zyklus Memento 1914/1915“  von Willy Jaeckel. Auf zehn Blättern kündigte er die Gräuel des ersten Weltkrieges an. Diese Preziose gehört dem Bröhan-Museum.

Die junge Weimarer Republik musste sich mit Straßenkämpfen aller Couleurs auseinandersetzen und  wurde von Links und Rechts angegriffen. Reparationszahlungen und Weltwirtschaftskrise verstärkten die Arbeitslosigkeit und saugten das Geldvermögen des Mittelstandes und der Rentner auf.

 

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Conrad Felixmüller ZEITUNGSJU NGE 1928 Lindenau-Museum Altenburg
Foto: Bernd Sinterhauf © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

 

Auf der anderen Seite entwickelte sich Berlin in der Weimarer Republik zu einem kulturellen Zentrum, auf das die Welt blickte. Gropius baute, Einstein forschte, Grosz malte, Zweig, Brecht und Tucholsky schrieben. In der Film- und Theaterwelt tummelten sich Marlene Dietrich, Friedrich Murnau, Fritz Lang und Max Reinhardt.  Reinhardt war einer der Tonangeber im Regietheater. Er übernahm 1905 die Leitung des Deutschen Theaters in Berlin. Statist wurde ein neuer Beruf und technische Bühnenmaschinerie zum Zeitgeist. Erwin Piscator wirkte an der Volksbühne mit dem Motto « Die Kunst dem Volke » und macht politisches Theater. Bertholdt  Brecht brachte im August 1928 am Schifferbauerdamm seine Dreigroschenoper zur Uraufführung. Bauvorhaben brachten immer wieder kurzzeitig Arbeit für Einige. Um die Stadt entstand ein grüner Ring und die Armen wurden noch ärmer. Das Avantgarde-Theaterstück von Ernst Toller « Hoppla wir leben » wurde zum spektakulären Bühnenereignis. Tradition und Moderne knallten ständig aufeinander und  bevor der Aufschwung auch bei den Armen ankommen konnte war er auch schon wieder vorbei. Otto Dix und George Grosz dokumentierten mit Ironie und Hohn das Leben in den Cabarets und Cafés.

 

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George Grosz -IM CAFÉ -1922
Aquarell, Feder, Tusche/Papier
Galerie Brockstedt, Berlin - © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

 

Otto Nagel war der Sohn eines sozialdemokratischen Tischlers und arbeitete selber als Transportarbeiter.  Nagel selbst kam aus einer Weddinger Arbeiterfamilie und wurde erst nach dem Krieg, der ihn als Verweigerer ins Gefängnis gebrachte hatte, als Autodidakt zum Künstler. Er gehörte zur zweiten Generation dieser Malergruppe,  spielte 1920 eine bedeutende Rolle und initiierte 1921 mit anderen Künstlern die Internationale Arbeiterhilfe (IAH), die von Willi Münzenberg geleitet wurde. Letzterer gab auch die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung heraus. Es entstanden Filme für die arbeitende, arme Bevölkerung wie « Kuhle Wampe » oder « Mutter Krausens Fahrt ins Glück », die in der Ausstellung ebenfalls zu sehen sind. Nagel war eng mit Kollwitz und Zille befreundet und war Redaktionsleiter der Satirezeitschrift Eulenspiegel. Von ihm sind einige sehr gute Werke ausgestellt, darunter „Weddinger Jungen“ (1928). Es gehört den Staatlichen Museen zu Berlin. Nagels Licht- und Farbregie hier erinnert an die „Chiaroscuro“ Technik von Caravaggio. Die blau-schwarz gekleideten Kleider vor dem dunkelblauen Hintergrund bilden einen hoffnungslos- dramatischen Kontrast zu den blassen, rachitischen und hoffnungslos ins Leere blickenden Gesichtern der Jungen. Blickfang ist ein weinroter Schal, den ein Kind um den Hals geschlungen hat.

Alle Künstler hatten eines gemeinsam:  entartet – Malverbot – scheidet aus allen Ämtern aus  hieß es für sie im Jahre 1933 !   

 

Die Kuratoren Dr. Tobias Hoffmann und Dr. Anna Grosskopf haben für diese ausgezeichnete Schau  fast 200 Gemälde, Grafiken und Fotografien, zusammen gebracht, darunter zahlreiche nationale und internationale Leihgaben von bedeutenden Institutionen, Museen und aus privaten Sammlungen.

Diese sehenswerte Schau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat Not und Leid in der Zeit um die Jahrhundertwende bis zur Machtübergreifung der Nazis zu zeigen, wird noch bis zum 17. Juni 2018 im Bröhan-Museum zu sehen sein. Anschießend soll sie im Käthe Kollwitz Museum in Köln gezeigt werden. Die Ausstellung ist sehr gut aufgebaut und stellt viele Künstler vor, die man sonst nicht zu sehen bekommt oder nicht einmal kennt. 

Ein abwechslungsreiches Begleitprogramm, u.a. um den Milljöh-Maler Zille,  umrandet die Ausstellung. So gab es am 5. April ein wunderbares Konzert mit Fabia Mantwill (Stimme und Saxophon) und Thomas Kolarczyk (Bass). Sie spielten u.a. Jazz-Klassiker aus den 1930er Jahren, eigene Kompositionen und improvisierte Collagen, mit denen sie eine Verbindung zu den ebenfalls ausgestellten und großartigen Arbeiten des Berliner Grafik-Pioniers John Heartfield herstellten. 

Christa Blenk

 

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Frühling

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Aktuelles in Berlin

Auszug aus dem Berliner Kunstleben und Musikleben - *** MANTEGNA und BELLINI - Gemäldegalerie bis 30.06. - Bunte Steine - seit dem 22.2. im Kolbe Museum - Hamburger Bahnhof - Emil Nolde - Pergamon-Panorama und: - Uraufführung am 28. April 2019 an der Deutschen Oper Berlin "Ocean" Detlev Glanert Angaben ohne Gewähr!

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