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Paul Delvaux zu Gast in Train World

delvaux

 

 Paul Delvaux im Brüsseler Train World  für KULTURA EXTRA

Mit der Fusion von Eisenbahn und Malerei beschäftigt sich zurzeit das Brüsseler Museum Train World, Station Schaerbeek. Dort hängen seit Mitte Oktober ca. 50 Werke des belgischen Surrealisten Paul Delvaux (1897-1994) zwischen romantischen Dampflokomotiven, königlichen Zugabteilen, Bahnhofsuhren, Bahnsteigen und Hochgeschwindigkeitszügen. Warum gerade dort, wird man sich fragen? Delvaux liebte Züge, und eine schönere Hommage zu seinem 25. Todestag hätte die SNCB dem Künstler nicht anbieten können.

Die Werbung greift immer noch und immer wieder auf die Abbildung von Frauen zurück, wenn es darum geht, schnelle Autos oder sonstige fahrbare Untersätze zu vermarkten. Die Modelle räkeln sich in gestellten Posen auf dem glänzenden, teuren Metall oder stützen lässig ihre Hand auf die offene Autotür. Bei den Bildern von Paul Delvaux ist keine Werbung im Spiel, bei ihm ist es pure Leidenschaft für alles, was mit weißem Dampf, Lokomotiven, Schienen, Bahnhofsgebäuden und Gepäck auf Bahnsteigen zu tun hat – mit Fortbewegung.

Paul Delvaux hat fast 100 Jahre gelebt und eine rasende Veränderung in der Eisenbahngeschichte miterlebt. Diese Evolution allerdings sieht man seinen Bildern nicht an. Sie haben die Epoche der IC oder ICC nicht erreicht.  Die Frauen von Delvaux sind emotionslos, unbeteiligt, meist unbekleidet und unerotisch. Sie stehen oder liegen neben oder meist vor blankpolierten Zugelementen, Bahnhofshallen oder Eisenschien und blicken mit großen Augen nicht mal auf die Züge. Die mysteriöse, verhaltene Erotik der Delvaux-Frauen erinnert an Manets Olympia, an Ingres Odaliske oder an die surreal-naiven Landschaften des Douanier Rousseau. Die gleichgültige, tickende Kälte ist dem Surrealismus seines Landsmannes René Magritte und der metaphysischen Malerei des Italieners Giorgio de Chirico geschuldet. Beide waren es, die ihn zur Malerei und 1920 mit dem Zug nach Brüssel brachten.
Train World hat seine Türen für die Öffentlichkeit erst 2015 geöffnet. Der belgische Comic-Künstler François Schuiten hat das Museum mitkonzipiert und seine Handschrift hinterlassen. Den königlichen Wagon mit seinem plüschigen Wohnzimmer kann man nur durch das Fenster betrachten, alle anderen Züge oder Loks dürfen betreten und begangen werden. Koffer und Holzschier warten auf dem Bahnsteig, und das Werbeplakat der Bahn verspricht den geneigten Sportler an einem Tag in die oberbayerischen Bergen zu bringen oder in drei Stunden an die Nordsee. Eisenbahnromantik zum Anfassen wie der Wagon, der unmittelbar an Agatha Christies Klassiker Mord im Orient-Express denken lässt. Und für die zukünftigen, jungen Lokführer gibt es sogar einen Fahrsimulator.

Im 1. Stock soll man vor dem Betreten der dunklen Eisenbahnhallen die vorbereitenden Zeichnungen oder Aquarelle von Delvaux besichtigen, immer wieder sieht man den Gare du Luxembourg, wo er vor knapp 100 Jahren ankam; heute ist das der Bahnhof direkt neben dem Europäischen Parlament, von dem aus die EU Beamten schnell zum Flughafen kommen, allerdings nicht mehr mit einer Dampflok!
Die Schau Paul Delvaux. De man die van treinen hield [dt.: Der Mann, der Züge liebte] zeigt u.a. Meisterwerker wie Le voyage légendaire (1974), La gare forestière (1960) oder L’âge de fer (1951) und kam durch die Kooperation mit Train World und der Stiftung Paul Delvaux zusammen, die die weltweit größte Sammlung des Surrealisten besitzt. Viele dieser Exponate sind sonst in Sint-Idesbald bei Koksijde an der belgischen Küste zu betrachten.

Auf dem Platz vor dem Bahnhof von Schaerbeek steht ein Güterzuggepäckwagen vom Type Flamme, den Paul Delvau mehrmals in seinen Werken abbildete. | Foto: Christa Blenk
Der Besuch dieses Museums ist großer Spaß, auch wenn man sich nicht für Malerei interessiert – oder umgekehrt. Der Eintritt kostet 12 Euro und schon mit dem Erwerb eines Tickets betritt man eine andere Welt.

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Christa Blenk

 

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Bacon und die Literatur

Ausstellungsplakat -1

Centre Pompidou Paris

Bacon und die Literatur  (für KULTURA EXTRA)

Immer und immer wieder hat Francis Bacon den spanischen Papst Innozenz X nach Diego Velázquez gemalt. Die erste und sicher faszinierendste Version stammt aus dem Jahre 1953. Unverkennbar die Position der Velazquez-Vorlage und unverkennbar der Stil von Bacon. Der Papst schreit animalisch, würdelos und ganz unpäpstlich auf den Betrachter, auf die Welt. Der schwarze Schlund führt direkt in die Hölle. Ein käfigartiges, geometrisches Gestänge hält ihn gefangen. Lila-weiß-schwarz-gelb sind die Hauptfarben.  Diese Bacon-Wut manifestiert sich immer wieder in seinen Bildern. Übrigens hat auch der große spanische Maler dem Papst im 17. Jahrhundert mit seinem strengen, realistischen Portrait nicht schmeicheln wollen. „Troppo vero“ (allzu wahr) soll der Heilige Vater bei Betrachtung seines Konterfeis gesagt haben.

Die Ausstellung im Centre Pompidou beginnt mit  „Study of Red Pope“ (1962)  aus Bacons Innozenz  X-Serie. Die unterschiedlichen Interpretationen, warum Bacon immer wieder das Papstportrait aufnehmen wird, gehen von Rache an seinem Vater (im italienischen heißt der Papst „Papa“) bis hin zu Bacons Vorliebe für Spitzen und schöne Stoffe oder Travestie-Kleidung. Bacon widerspricht keiner der Theorien. Exzessiver Katholizismus dürfte es jedenfalls nicht gewesen sein.

In den folgenden Räumen gerät der  Betrachter immer weiter in Bacons Triptychon-Welt. Wutentbrannte, rachsüchtige Erinnyen jammern und klagen sich durch die Antike, bis sie dank Athene zu wohlgesinnten, aber schuldigen Eumeniden mutieren. Gewalt und Rache wird beendet, die Gerechtigkeit triumphiert und Chaos verwandelt sich in Ordnung.  Derwische sausen zwischen den geometrischen Konstruktionen im Bild umher, oder sind es vielleicht Kreaturen aus der Zukunft, aus dem All, aus der Meerestiefe? Die griechische Tragödie hat es Bacon angetan und  Aischylos gehört definitiv zu seinen Lieblingsdichtern. Er lernt ihn über T.S. Eliot schon in den 1930er Jahren kennen.

Und natürlich immer wieder George Dyer, sein Lieblingsmodell und Partner zwischen 1963 und 1971. Angeblich haben sie sich kennen gelernt, als Dyer bei ihm einbrechen wollte. Die stürmische und unsichere Beziehung der Beiden hält doch fast acht Jahre. George  Dyer wird sich am Vorabend der großen Bacon-Retrospektive im Pariser Grand Palais das Leben nehmen. Das Triptychon „In Memory of George Dyer“ entsteht kurz nach seinem Tod. Die Tragik manifestiert sich in großer Symbolik. Der Hintergrund ist lila und Bacon hat auf jedem Bild eine in sich stockende Bewegung dargestellt. Ein gebogener Balken links und rechts im Bild soll eine Kontinuität vermitteln. Auf ihm liegt einmal eine deformierte Figur, die sich über den Balken Richtung Mitte des Bildes schleifen muss. Im mittleren Teil bewegt sich ein Mann ohne Gesicht auf eine Treppe zu, die an eine Wand führt. Für den Fußboden nimmt er lila und kardinalviolette Farben. Unter einem Fuß liegt ein beschriebenes Blatt Papier. Die Figur wird von einem nackten Arm halb umschlungen. Im rechten Bild liegt ein Halbkörper auf dem Balken und ist mit dem Ebenbild darunter verbunden, unzertrennlich zusammengewachsen.  Keiner schafft es so wie Bacon, den Betrachter zu erschüttern.

„Bacon en toutes lettres“ titelt die Schau im Pariser Centre Pompidou. Sie widmet sich Bacons Spätwerk ab 1971 bis zu seinem Tod 1992 und verbindet Texte von Bacons Lieblingsdichtern mit Malerei. Aufgearbeitet hat er hier auch die Tragödie von Dyers Selbstmord.  Textauszüge von Aischylos, Joseph Conrad, T.S. Eliot, Nietzsche, Michel Leiris und Georges Bataille werden in abgetrennten Räumen zwischen den Exponaten in englischer und französischer Sprache gelesen. Jetzt darf man Bacon aber nicht auf die Schiene eines Illustrators stellen, das ist er ganz und gar nicht, es ist eher so, dass die Gedanken, die bei der Lektüre entstehen  blutrote Gewitter, herzzerreißende Schreie, rohe Gewalt und großes Unwohlsein mit der Welt und mit sich selber auslösen. Und ja: gut fühlt man sich bei Bacons Malerei nicht immer.  „Er wollte immer das Lächeln malen“. Nach dem Besuch der Ausstellung weiß man, dass ihm das nicht gelungen ist. Schutzschirme und Schleier will der Künstler zerreißen oder überwinden.  Das passiert auf sehr subtile Weise und die transparenten Gefängnisse scheinen dies herzugeben, jedenfalls ist meist ein Fuß oder ein anderes Köperteil schon „ausgebrochen“ und wurde vielleicht durch diesen Akt so grausam zugerichtet. Die Worte der Dichter und Literaten stimulierten ihn zu seinen  deformierten, obszönen, zerfleischten und malträtierten Körpern oder Körperteilen und öffnen ihm hypothetische Tore zu  Ekstase, Depression und Hochstimmung. Nietzsches „Geburt der Tragödie“ soll, laut dem Kurator Didier Ottinger, den Schlüssel zum Verständnis bringen. Eine Fusion von apollinischen und dionysischen Gedanken. Bacon bewegt sich ständig im Kampf zwischen Eros und Thanatos.

 

Der Schriftsteller und Ethnologe, Michel Leiris, der zwei Jahre vor Bacon stirbt, nimmt noch mal einen anderen Stellenwert in seinem Leben ein. Er wird Bacons Freund und ein wertvoller Gesprächspartner. Sein Buch  „ Spiegel der Tauromachie“ inspiriert Bacon zu den Stierkampfbildern. Matador und Poet stehen sich abschätzend gegenüber. Das letzte Bild in der Ausstellung ist das grandiose Meisterwerk „Study of a bull“ (1991) aus der Londoner Agnelli Sammlung. Das Gemälde entsteht  kurz vor seinem Tod. Kein Tropfen Blut ist sonderbarerweise darauf zu sehen.  Der Stier wirkt fast müde, lethargisch, steht in der oberen linken Ecke vor einem unifarbenen beigen Hintergrund und will – wie es scheint – aus der geometrischen Figur desertieren. Die beiden Vorderfüße und ein Horn haben es geschafft. Sie befinden sich bereits auf einem anderen Niveau in dem Bild.

Der Ausstellungsbesucher wird allerdings mit den gewaltigen Bildern recht allein gelassen. Es gibt nicht viele Erklärungstexte in den Sälen. Allerdings wollen die Exponate  gar nicht erklärt werden. Die gesprochenen Literatur-Texte  –  wenn auch manchmal sehr französisch-theatralisch – sollte man allerdings nicht verpassen.  Es ist auch nicht so, dass ein Text einem Triptychon zuzuordnen ist, manchmal beziehen sich unterschiedliche Texte auf ein Gemälde oder umgekehrt.

Bacons Triptychons aber vor allem seine Autoportraits bringen den Kubismus in Bewegung, haben die gefühlte und kreisende Schnelligkeit des Futurismus, die kräftigen Farben der Expressionisten, Velazquez, Rembrandt, Chaim Soutine und Van Gogh eingeatmet und brauchen die Konstruktivisten, um überleben zu können.  Die griechische Tragödie, Kriegserlebnisse, Gewalt, persönliche Niederlagen und diese unglückliche Hand bei seinen Liebesbeziehungen sind die Inhalte der meist großformatigen Gemälde. Sie haben genau das Format, das sein Atelier zulässt (knapp 200 cm x knapp 150 cm).  Abgesehen von Literatur und den Klassikern, ist auch seine Bewunderung für den Fotografen Edward Muybridge und für den Cineasten Serge Eisenstein offensichtlich. Die Bewegungsabläufe von Muybridge oder die der laufenden Bilder können in seinen Arbeiten wieder gefunden werden.

 

1909 kommt Francis Bacon als Sohn englischer Eltern in Dublin zur Welt. Sein Vater, ehemals in militärischen Diensten, autoritärer und unsensibler Zureiter von Rennpferden, wirft den 16-jährigen Sohn aus dem Haus, entsetzt und empört von dessen Homosexualität (Bacon hatte Unterwäsche seiner Mutter angezogen). Der eloquente und gebildete Autodidakt kommt nach London und von dort nach Berlin, wo ihn ein exzessives Nachtleben erwartet.  Bacon ist auf der Suche.  Immer mehr gibt er sich der Spielsucht und einem exzessiven Alkoholgenuss hin. 1992 stirbt Francis Bacon in Madrid.

Bacons umfangreiche Bibliothek ist heute in seiner Geburtsstadt Dublin untergebracht.

Die Ausstellung im 6. Stock des Pariser Centre Pompidou lässt den Bildern viel Raum, um sich auszubreiten und ist noch bis 20. Januar 2020 zu sehen und setzt die monografische Reihe von Marcel Duchamp, René Magritte, André Derain und Henri Matisse fort.

Christa Blenk

 

https://www.centrepompidou.fr/

 

Dalí + Magritte

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Dalí + Magritte im Brüsseler Musée des Beaux Art

 

Ausstellungsbericht für KULTURA EXTRA

 

Dalí & Magritte

Flammen züngeln zwischen den glänzenden Ventilen und verschlungenen Röhren der Tuba, die auf einem Tisch steht. Prometheus‘  rot-braun-bronzenes Feuermeer wird zu Mund, Nase, Augen und Haaren. Magritte hat  „La découverte du feu“ („Die Entdeckung des Feuers“)  1934 gemalt. Man sagt, dass ihn eine Eisenschmiede in seinem Geburtsort Lessines  inspiriert haben soll, brennendes Metall zu malen.

Im Bild daneben sind es Giraffen, die mit ihren in Flammen stehenden Hälsen ein elegantes Gala-Abendessen in der Wüste beleuchten. Die Gäste sitzen in feinem Zwirn an einer langen Tafel. Im Hintergrund ein Tor, ein Sichelmond, Sterne und Zypressen. „Dîner dans le désert éclairé par des girafes en feu“ („Abendessen in der Wüste von brennenden Giraffen beleuchtet“) entstand drei Jahre nach Magrittes Werk. Salvador Dalí hat es mitten im spanischen Bürgerkrieg gemalt. Gedacht wohl ursprünglich als Illustration für ein Filmprojekt mit den Marx Brothers.  Die Idee wurde aber als zu surrealistisch wieder verworfen und nie realisiert.

Die Ausstellung in Brüssel hat noch mehrere Beispiele dieser Art zu bieten. Mit interessanten Recherchen, Leihgaben und  großer Fachkenntnis erklärt sie, wie die beiden so unterschiedlichen Künstler sich gegenseitig inspiriert haben.  Oft ist es Dalí, der ein Motiv von Magritte ein paar Jahre später aufgreift und ihm noch eins drauf setzt. Es gibt niemanden, der sich seinerzeit besser vermarkten konnte als der exaltierte und wortgewandte Katalane. Im Vergleich zu ihm wirkt Magritte wie ein strenger Ingenieur oder ein pflichtbewusster Beamter, der nach Uhr und Plan arbeitet und Genauigkeit am meisten schätzt.  Aber es ist Magritte, der einen bedeutenden Einfluss auf die Kunst-Generationen nach ihm ausüben soll, vor allem auf die Konzeptkunst (hier z.B. sein Landsmann Marcel Broodthaers) und natürlich Pop-Art-Künstler wie Warhol, Rauschenberg, Jasper Johns oder Arman.

Die Werkschau in Brüssel ist in Themen unterteilt. Eines heißt natürlich Traum/Halluzination. Hier vergleicht der Kurator Magrittes   „L joueur secret „ („der heimliche Spieler“,  1927) mit Dalís „Wilhelm Tell“ (1930). Beide Werke haben etwas surreal Theatrales, Onirisches,  fallen in eine imaginäre Szene des  19. Jahrhundert.  Das Kapitel Formen/Figuren zieht eine Linie zwischen Magrittes  „Les jours gigantesques“  (1928) und Dalís „Couple aux têtes pleines de nuages“  (1936). bemerkenswert die Verbindung zu Jean-François Millets „L’Angélus“  (1858). Ohne Zweifel kennt Salvador Dalí, der als Kind eines angesehenen Notars aus der Oberschicht eine ausgezeichnete Ausbildung und Kunstausbildung bekommt,  die alten Meister sehr gut und beherrscht ebenso die traditionellen Maltechniken. Magritte hingegen wird in eine dunkle, von Protesten belebte Roheisen- und Kohlenlandschaft hineingeboren, die ihre besten Tage schon fast hinter sich hat, und als er 13 Jahre alt ist, ertränkt sich seine Mutter im nahen Fluss.

1929 begegnen sich die beiden Surrealismus-Ikonen  Salvador Dalí (1904-1989) und René Magritte (1898-1967) zum ersten Mal in Paris, wo Dalí sich auf Empfehlung von Joan Miró aufhält. Im Sommer des gleichen Jahres reist  Magritte mit seiner Frau Georgette zu Dalí nach Cadaqués. Luis Buñuel, Joan Miró, Paul Éluard und Gala sind ebenfalls mit von der Partie. Gala wird nach diesem Sommer Éluard verlassen, um Dalís Muse, Geliebte und Managerin zu werden.  Auch mit ihrer Hilfe und Geschäftstüchtigkeit wird er sehr schnell zu einem der bekanntesten und reichsten Maler seiner Zeit.

Und Magritte: Ohne seinen Cadaquéz Aufenthalt hätte er nie einen so wolkenlosen, blauen Himmel wie in „Le temps menaçant“  malen können.  Über einem azurblauen Mittelmeer schweben  ein weiblicher Torso ähnlich der Venus von Milo, eine ebenso große Tuba und ein Stuhl, wie es scheint schwerelos und friedlich. Ist es das Wetter, das umschlägt oder sind es stürmische Zeiten, die sich annähern? Das französische Wort „temps“ kann beides bedeuten.  Das Bild gehört der schottischen Nationalgalerie.

 „Was ist der Surrealismus? Das ist ein Kuckucksei, das unter Mitwissen von René Magritte ins Nest gelegt wird.“  ( André Breton)

Die Surrealismus-Bewegung entsteht gegen  Mitte der 1920er Jahre.  Die bahnbrechenden Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts wie Kubismus, Futurismus, Expressionismus und Dadaismus waren zu diesem Zeitpunkt schon erfunden und geben dem Surrealismus eine enorme Bandbreite an Tendenzen an die Hand. Um weitere, unbekannte oder verschlossene Türen zu öffnen, greift man auf Träume, Unbewusstes, Absurdes und auf die Psychoanalyse zurück.  Konventionelle Denkweisen  münden in eine Fusion von Realität und Illusion, Betrachter werden schockiert – man denke an  Dalís und Luis Buñuels surrealistischen Film „Ein andalusische Hund“ – und naturalistische Gegenstände entwaffnet, hier Magrittes Kommentar  „Ceci n’est pas une pipe“  („dies ist keine Pfeife“) auf dem kleinformatigen Gemälde „La trahison des images“ („der Verrat der Bilder“). Es handelt sich um eine seiner bekanntesten Arbeiten und  hängt heute im Los Angeles County Museum of Art. Leider ist das Bild, das 1929 entsteht und eine Pfeife zeigt, nicht nach Brüssel gekommen.  Magritte sagte darüber folgendes:    „Ein Bild ist nicht zu verwechseln mit einer Sache, die man berühren kann. Können Sie meine Pfeife stopfen? Natürlich nicht! Sie ist nur eine Darstellung. Hätte ich auf mein Bild geschrieben, dies ist eine Pfeife, so hätte ich gelogen. Das Abbild einer Marmeladenschnitte ist ganz gewiss nichts Essbares.“

Schon das Ausstellungsplakat spricht vom Unterschied zwischen dem minimalen Surrealismus von Magritte mit dem barocken von Dalí. Magritte malt denkend und denkt malend.  Sachlich und rationell glaubt er weder an das Unbewusste,  Symbole lehnt er ab. Der Belgier malt nur, was man unbedingt zum Verständnis braucht. Dalí hingegen stürzt sich und den Betrachter in ein Meer von Bildern, Andeutungen und Wirren.

Während Magritte als Redakteur bei unterschiedlichen Zeitschriften arbeitet, mit Kurzfilmen experimentiert,  in die Kommunistische Partei Belgiens eintritt und ein arbeitsames Leben führt, kokettiert der skandalumwitterte Dalí  mit der Psychoanalyse, lernt Freud kennen, zwirbelt provozierend seinen Schnurrbart durch die Medien und macht aus seiner Verehrung für den spanischen Diktator Franco kein Geheimnis . Ab 1950 verbringt der Künstler jedes Jahr mehrere Wochen in einem des ältesten Pariser Luxushotels in der Rue de Rivoli. Dort ließ er sich einmal  eine Herde Schafe in die Suite transportieren, um anschließend auf sie zu ballern oder beauftragte die Butler, im Park Fliegen zu fangen (Belohnung 5 Franc/Fliege).  Sympathisch macht ihn das nicht:  kommt genial vor gut? Interessant für die Medien allemal. Dem Personal schenkt der Meister zu Weihnachten signierte Lithografien. Der Designer Philippe Stark hat übrigens das Hotel Le Meurice 2008 im Dalí Stil ausstatten lassen.

Die Kunstverantwortlichen nehmen ihm seine dekadenten Ausschweifungen dann aber doch übel, denn zur ersten documenta  in Kassel 1955 – die das Mandat hat, die moderne Kunst der vergangenen Jahrzehnte zu erklären und zu zeigen – ist er nicht geladen. 130 000 Besucher lernen dort  zum Thema Surrealismus Werke von André Masson, Joan Miró und Max Ernst kennen.  Magritte gewinnt 1956 den Guggenheim-Preis für Belgien und nimmt vier Jahre später an der documenta II teil.

Zum 10. Geburtstag des Brüsseler Magritte Museum werden die beiden Meister des Surrealismus hier thematisch in Konfrontation gebracht.  Über 100 Exponate sind zu sehen, wichtige Leihgaben sind von weit her angereist. Die Arbeiten des Spaniers Salvador Dali und des Belgiers René Magritte sprechen meist nicht dieselbe Sprache, sie konkurrieren, wetteifern miteinander, bewundern und schätzen sich aber auch und nehmen jeweils Einfälle des anderen auf. Das Ausstellungs-Konzept ist sehr gelungen und die Sammlung des Musée Magritte wird mit wahren Meisterwerken aus Museen aus aller Welt ergänzt!

Die Schau « Dalí & Magritte » wurde gemeinsam von den Königlichen Museen für schöne Künste in Belgien (MRBAB)  in Zusammenarbeit mit dem Dalí Museum St. Petersburg/Florida, der Gala-Salvador Dali Stiftung und der Magritte Stiftung organisiert. Über 40 internationale Museen und Privatsammlungen haben Leihgaben zur Verfügung gestellt. Kurator ist der Direktor des MRBAB  Michel Draguet.

Bis 9. Februar 2020 ist diese interessante und gut zusammen gestellte Werkschau noch zu sehen.

Christa Blenk

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Richard Laillier in der Galerie Fred Lanzenberg

 Richard Laillier - Ausstellungsankündigung
Richard Laillier – Ithaque I (2019)

 

Richard Lailliers Arbeiten sind expressionistisch, aber nicht wirklich einer Stilrichtung zuzuordnen. Poesie und Symbolik und spätromantische Stimmungen zeichnen seine eher kleinformatigen Werke aus. Auch seine aufwendige und geduldige Technik scheint aus einem anderen Jahrhundert zu kommen. Auf den ersten Blick denkt man an Fotografie oder an eine Radierung. Beim näheren Hinsehen wird man aber eines Besseren belehrt. Laillier arbeitet mit eine Art Bleistiftpuder (pierre noire), einem Radiergummi und benutzt von ihm behandeltes Papier. Die expressiven Licht- oder Farbeffekte entstehen mit Hilfe eines kleinen Lappen oder Schwammes.

Lailliers Themen sind Landschaften, vielleicht Bilder Reisen, die noch  in seinem Kopf herumirren oder der menschliche Körper, Silhouetten, minimaler, dunkler als die stimmungsvollen (oft) Seebilder. Seine Bilder scheinen in einer anderen Epoche zu passieren,  einige sind beunruhigend, andere ruhig und gelassen. Lailliers Schwarz ist tief, enigmatisch und unergründlich. Seine Braun-beige-Töne bringen Helligkeit, Stimmung und Bewegung in die Arbeiten. Licht und Dunkelheit kämpfen um die Vorherrschaft  und lassen an Goya oder die deutschen Romantiker denken.

Der  französische Künstler Richard Laillier ist 1961 geboren. Er lebt und arbeitet in Paris. In der Brüsseler Galerie Fred Lanzenberg stellt er nicht zum ersten Mal aus.

Gezeigt werden ältere Arbeiten aber auch welche, die für die Ausstellung entstanden sind wie das Titelbild der Einladung „Ithaque I“  (2019). Es gehört zu den größeren Arbeiten und misst 30 x 80 cm.

Die Galerie Fred Lanzenberg in Ixelles gibt es schon seit 1966. Sie gehört zu den bedeutendsten Galerien in der belgischen Hauptstadt.  Die Ausstellung ist noch bis zum 2. November 2019 zu sehen.

Christa Blenk

 

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Brancusi im Rahmen des Europalia Festivals

brancusi
Ausstellungsplakat

 

Im Rahmen des Europalia Arts Festival – dieses Jahr ist Rumänien zu Gast – ist im Brüsseler Bozar Musum seit dem 4. Oktober eine umfangreiche Ausstellung von Werken und Fotos des rumänischen Künstlers und Wegbereiters der Moderne Constantin Brancusi (1876-1957) zu sehen.

Einige seiner Meisterwerke wie die „schlafende Muse“ oder „Der Kuss“ sind zu sehen, ergänzt wird die interessante Schau mit Fotos, Briefe und sonstigen Dokumenten über sein Leben, seine kurze Zeit als Assistent von August Rodin und sein Zusammenwirken mit anderen Künstlern wie Man Ray, Modigliani oder Marcel Duchamps. Die Leihgaben aus Bronze, Mamor, Holz und Gips sind aus der ganzen Welt nach Brüssel ins Bozar gekommen.

1904 kam Brancusi – es heißt aufgrund von Geldmangel zu Fuß – nach Paris, tauchte in das künstlerische Brodeln ein und ließ sich mitten im damaligen Künstlerviertel  Montparnasse nieder.

Glatt, poliert, schön, ruhig, weichgezeichnet und goldig schimmernd liegen die Köpfe auf ihren Podesten, hypnotisieren fast den Betrachter und erinnern an androide Wesen von einem anderen Planeten.  Dabei hat Brancusi sich durchaus an lebenden Personen seiner Zeit inspiriert. Die Portraits der Baronin Renée Irana Franchon oder der ungarischen Malerin Margit Pogany – mit ihr hatte Brancusi eine Affaire, die später Freundschaft wurde -  hängen an den Wänden und begleiten die immer mehr auf das Wesentliche reduzierten Kunstwerke, die bald gänzlich den Expressionismus und Kubismus ausschalten, bis oft nur noch ein glattes Objekt übrig blieb wie bei der Skulptur „der Anfang der Welt“ (1920). Das Ei scheint mit seinem Sockel verwachsen zu sein.  „Leda“ kam aus dem Pariser Pompidou nach Brüssel. Eine bezaubernde Muse aus dem Guggenheim Museum New York.  „Mademoiselle Pogany II“ (1920) ist aus Rio de Janeiro angereist und der „Goldene Vogel“ (1919) aus Minneapolis. Der „Torso eines jungen Mannes“ (1924) gehört zum Smithonian Institut Washington. Natürlich kamen auch bedeutende Werke aus unterschiedlichen rumänischen Museen nach Brüssel. „Der Kuss“  zeigt zwei engumschlungene, sich küssende Menschen, die einen innigen Block formen und doch individuell  Arme, Haare, Lippen und Augen zeigen. Eine Auftragsarbeit für das Grab von Tanioucha Rashewskaja auf dem Friedhof Montparnasse. Tanjoucha hatte sich selbst das Leben genommen, um einer unglücklichen Ehe zu entkommen. Der Künstler hat mehrere Versionen davon gefertigt, die in unterschiedlichen Museen zu finden sind.

 

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Der Kuss – Saalansicht; Muse (1912) und Fotoreihe

 

Brancusi hat in Paris angefangen, Stein- und Holzklötze direkt zu bearbeiten, wie das die großen Renaissancekünstler auch taten. So wirken die Arbeiten aus diesen Materialien gröber, brutaler als die feinpolierten Messing- oder Bronzearbeiten.

Inspiriert zu seinen bahnbrechenden Werken hat ihn eine Luftfahrtschau im Pariser Grand Palais, die er in Begleitung von Fernand Léger und Marcel Duchamp besuchte.  „Mit der Malerei ist es vorbei. Wer könnte etwas Besseres machen als diesen Propeller? Sag, kannst Du so etwas machen?“ Das war absolut im Sinne des Zeitgeistes, denn auch Picasso kam 1907 beim Besuch der Afrika-Galerie des Musée d’Ethnographie im Pariser Trocadéro auf eine neue, durchschlagende Ideen; kurze Zeit später entstanden die « Les Demoiselles d’Avignon«   und der Kubismus war geboren. Marcel Duchamp hingegen erfand in dieser Zeit  das Ready made.

Es sollte allerdings schon noch Jahre dauern, bis sich Brancusis « reduzierte » Arbeiten wirklich durchsetzen konnten. 1927 konfiszierte der Zoll von New York mehrere Skulpturen aus Bronze, darunter auch den berühmten „Vogel im Raum“. Da die Zollbeamten das Werk nicht als Kunstwerk ansehen konnten oder wollten, wurden Zollgebühren erhoben. Das Gerichtsverfahren, das letztendlich aber mit der Anerkennung dieser Bronzeblöcke als Kunstwerk endete, dauerte zwei Jahre.

1937 arbeitete Brancusi an einem Kriegerdenkmal in Târgu Jiu, in der Nähe seines Geburtsortes Hobita. Hier handelte es sich um ein Auftragswerk der Frauenliga von Gorj. „La Colonne sans fin“ (die endlose Säule) wird im letzten Saal erklärt an Hand von Fotos, Zeichnungen und kleinen Filmen. Sie ist seine einzige übergroße Skulptur und besteht aus 15 rhombenförmigen Elementen, die knapp 30 Meter in die Höhe ragen und stolze  29 Tonnen Gesamtgewicht auf die Waage bringen. Im Inneren der Säule befinden sich Blitzableiter. 1950 wollte die kommunistische rumänische Regierung das zu „bürgerliche „ Kunstwerk abreißen. Allerdings reichte die Kraft des Traktor-Motors nicht aus, um sie zu bewegen, also blieb sie einfach stehen.  1996 wurde die Skulptur mit Geldern der UNESCO und der Weltbank restauriert. Zusammen mit dem „Tisch des Schweigens“ und dem „Tor des Kusses“ bildet die „Unendliche Säule“ ein Ensemble zu Ehren der gefallenen Soldaten im Ersten Weltkrieg.

Die Ausstellung legt aber auch großen Wert auf den Fotografen Brancusi. Er war meist nicht zufrieden mit den Fotos, die andere Fotografen von seinen Werken gemacht haben, deshalb fing er mit Hilfe von Man Ray an, selber seine Werke zu fotografieren und hat andere, neue Kunstwerke geschaffen.

Sein Einfluss auf die moderne Skulptur war enorm, die Aneinanderreihung von Rhomben hat z.B. die US amerikanischen Minimalisten und Lichtkünstler inspiriert wie Carl Andre, Donald Judd oder Dan Flavin.  Aber auch die amerikanischen Pop-Künstler kamen nicht um ihn herum. Barbara Hepworth besuchte ihn in seinem Atelier 1932 und ihre weiteren Werke waren geprägt vom Brancusi-Stil.

Brancusi war mit einigen wohlhabenden Damen der Gesellschaft wie die Baronin Renée Irana Frachon oder Nancy Cunard befreundet und hat jeweils Portraits von ihnen gemalt oder geschaffen. Auch  Peggy Guggenheim gehörte dazu. Sie nannte ihn „einen wunderbaren kleinen Mann mit Bart und durchdringenden dunklen Augen“.

Seine erste große Einzelausstellung fand bereits 1914 in New York, in der Galerie 291, statt.  Viele weitere Ausstellungen in New York sollten folgen. 2003 fand in Paris eine große Brancusi-Schau statt und 2004 folgte eine in der Tate London. In Brüssel ist es seine erste Ausstellung. Sie ist gelungen.

Europalia ist ein Festival der Künste und entstand 1969 in der belgischen Hauptstadt, wo auch die meisten Veranstaltungen stattfinden. Aber auch in Frankreich, Luxemburg, in den Niederlanden und in Deutschland finden anlässlich der Europalia Konzerte und Ausstellungen statt. Ein Land ist immer Ehrengast – wie dieses Jahr Rumänien.

Die Ausstellung ist noch bis zum 12. Januar 2020 zu sehen. Das Festival geht bis Mitte Februar.

Weitere Infos finden Sie hier: https://europalia.eu/en

Christa Blenk

 

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Middelheimmuseum Antwerpen

Wei Wei
Wei Wei – No-named bridge

 

Einer der möglichen Wege in den Zauber-Skulpturengarten führt über die Brücke ohne Namen von Wei Wei. Schwierig ist sie zu überqueren, mit unregelmäßigen Erhebungen, schrägen Stufen und Fast-Grenzen. Aber sie führt dann doch in dieses Paradies, in dem sich zwischen alten und wuchtigen Bäumen immer wieder Skulpturen aus 100 Jahren verirrt haben – alleatorisch fast und auch nicht chronologisch nach Anschaffung oder Entstehung des Kunstwerkes. Diesen Eindruck hat man jedenfalls.

Die Bäume sind zwar nicht so alt wie der Ort Middelheim, aber manche bringen es sicher auch auf 100 Jahre. Middelheim wurde  schon 1342 in den Geschichtsbüchern erwähnt. Laureys Van Aerschot de Jonghe besaß 1399 diesen Hof samt Ländereien. Ab dem 16. Jahrhundert haben sich die wohlhabenden Antwerpener Familien dort ihre Sommerresidenzen bauen lassen. Das Schloss kam im 18. Jahrhundert dazu. Man geht davon aus, dass es nach Plänen des Pariser Architekten Barnabé Guimard im Stil Ludwigs XVI erbaut wurde.

 

Rodin - BalzacHenry MooreAlbert Szukalski - Dialoog 1974
 August Rodin „Balzac“ (1892-1897), Henry Moore „König und Königin“ (1952), Albert Szukalski, „Dialog“ (1974)

 

1910 hat die Stadt Antwerpen das Gelände aufgekauft, vor allem, um es vor einer geplanten Parzellierung zu bewahren. Somit wurde der Park öffentlich und Besuchern zugänglich gemacht. Auf einem Teil entstand ein Krankenhaus, aber auch die Universität von Antwerpen und das Pastorale Theologische Zentrum bekamen Gelände zur Verfügung gestellt.

Mit Kunst kam der ca 20 Hektar große Park 1950 zum ersten Mal in Berührung. Nach einer Idee der Stadt wurde im Park eine bedeutende internationale Ausstellung  organisiert, was später zu der Idee eines eines permanenten Freilichtsmuseums für Bildhauerkunst führte. Schon ein Jahr später, 1951, wurde die internationale Biennale für Bilderhauerkunst ins Leben gerufen, die alle zwei Jahr in den Sommermonaten Kunstliebhaber nach Antwerpen lockte, bis dieser Turnus 1998 eingestellt wurde.

1971 hat der belgische Architekt Renaat Braem einen Pavillon für den Park entworfen. Dort werden Sonderausstellungen oder delikatere Werke ausgestellt.Der Springbrunnen davor ist vom belgischen Künstler Philippe Van Snick.

1993 wurde Antwerpen Kulturhauptstadt. Dies hat man zum Anlass genommen, die Dauerausstellung um zehn zeitgenössische bedeutende Kunstwerke auszuweiten. So kamen Richard Deacon, Isa Genzken, Per Kirkeby, Panamarenko, Matt Mullican, Bern Lohaus, Harald Klingelhöller, Juan Muñoz und Thomas Schütte in den Park.
Bruce Naumann - Diamond shaped room with yellow light 1989Ulrich Rückriem - Constructe 1967Chris Burden - Beam Drop 2009
Bruce Naumann „Diamond Shaped Room with Yellos Light (1986-1990/2018) – Per Kirkeby – Chris Burden
Im Jahre 2000 wurde der Park um 7 Hektar  auf 27 erweitert, was eine komplette Umstrukturierung nach sich zog und Platz für mehr temporäre Ausstellungen schaffte. 2012 wurde des erneuerte Middelheimmuseum eröffnet.
Jedes einzelne Kunstwerk, jede Skulptur, verlangt vom Besucher eine immer wieder neue Betrachtungsweise. Die kompakten Broncen von Maillot oder Rodin werden hier mit licht- und luftdurchlässigen Konstruktionen von Kirkeby oder Soto kombiniert und vertragen sich ganz wunderbar. Dazwischen steht eine « Dreiklang-Skulptur » von Rudolf Belling auf der Wiese. Dan Graham hat 2004 das „Belgium Funhouse“ installiert. Eine transparente Installation, die den Betrachter zwischen Fiktion und Realität hin- und her reisst. Manche Arbeiten sind direkt für das Museum zugeschnitten. Einer der Höhepunkte ist der neue halboffene Pavillon „Het Huis“ von den Architketen Robberecht und Daem. Eine Konstruktion aus gefaltete und gebogenen Stahlplatten in grau-grün.
Zwischen den Kunstwerken wachsen 1500 Zierapfelbäume, die der Landschaftsarchitekt Michel Desvigne pflanzte. Jetzt, Anfang September, bilden die kleinen, roten Äpfel auf dem Boden einen Teppich, der  einem Kunstwerk gleicht. Die Hortiflora liegt im Westen der Middelheimlaan. Hier handelt es sich um den ehemaligen Blumengarten des Nachtegalenparks, der 2012 Bestandteil des Middelheimmusuems wurde.
Die belgische Künstlerin Ria Pacquée hat ihre diversen Projekte und Installationen unter dem Titel „They are looking at us, we are looking at them“ überall im Park verteilt. Sie verlangt vom Besucher ein absolutes „Sich Einlassen“ auf ihre Kunst – was durchaus auch zum Schmunzeln einladen kann. Diese Ausstellung läuft noch bis zum 22. September. Die kubanische Künstlerin Ana Mendieta stellt Ihre konzeptuellen Werke mit dem Obertitel „Earthbound“ im Pavillon Braem auch noch bis zum 22.9. aus.Louise Lawler Installation „Birdcalls“ ist im Het Huis zu erleben und auf ihr Kunstwerk antwortet Ria Pacquée mit ihrem Video „As long as I see birds flying I know I am alive“ (2015).

Die Idee, Objekte im Freien auszustellen, ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Schon im 18. Jahrhundert liebte es die Aristokratie, sich im Freien unter Kunstwerken zu bewegen. Der Schloßpark war wie geschaffen dafür. Die ersten Objekte waren Windmühlen oder Katen, die ein romantisches Landleben andeuten oder vortäuschen sollten.  Die Industrialisierung brachte dann eine Art „Heimatschutz“ ans Tageslicht, um die ländlichen Zeitzeugen vor den Maschinen zu retten, wie z.B. das idealisierte Darf « Hameau de la Reine » in Versailles.

1891 wurde schließlich in Schweden das erste europäische Freilichtmuseum gegründet. In Husum entstand 1899 das erste deutsche Freilichtmuseum und dann schossen sie wie Pilze aus dem Boden. In Barcelona wurde anlässlich der Weltausstellung 1929 ein typisches, spanisches Dorf „Poble Espanyol“ aufgebaut, das nach der Ausstellung stehen bleiben durfte und bis heute besichtigt werden kann.

Großartiger Kunstausflug an einen sonnigen Sonntag-Nachmittag.

cmb

 

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Ost-Berlin – Die halbe Hautpstadt

berlin-ost

In einer gemeinsamen Ausstellung widmen sich das Stadtmuseum Berlin und das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam der Geschichte der „Hauptstadt der DDR“ – von den 1960er Jahren bis zum Mauerfall 1989.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen das urbane Leben und der städtische Alltag in Ost-Berlin. Sie zeigt die Stadt als Lebenswelt im Spannungsfeld zwischen ihrer Funktion als Machtzentrum des SED-Regimes und der sozialen und kulturellen Diversität. Mit einem gesellschaftsgeschichtlichen Portrait von Ost-Berlin werden die mit der Entwicklung der Stadt zur sozialistischen Metropole verbundenen lebensgeschichtlichen Erfahrungsräume der dort lebenden Menschen sichtbar gemacht. (Quelle: Ephraim-Palais)

ephraim Palais

Sehenswerte Ausstellung die im Ephraim-Palais noch bis zum 09.11.2019 zu sehen ist.

Das Ephraim-Palais ist ein in den 1980er Jahren rekonstruiertes Rokokogebäude am Rande des Nikolaiviertels im Berliner Ortsteil Mitte. Es ist denkmalgeschützt und gilt als eines der schönsten historischen Bürgerhäuser der Stadt. Als Museum Ephraim-Palais gehört es heute zur Stiftung Stadtmuseum Berlin. (Wikipedia)

 

cmb

 

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Reaching out for the future

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Im dritten Stock des Bröhan Museum geht es um das Zukunftsbild oder die Zukunftssehnsucht  zu Beginn des 20. Jahrhunderts!

Der Beginn des Modernismus, des Maschinenzeitalters, die Industrialisierung und ein Vormarsch der Technik haben nicht nur den Mond sondern auch die Unterwelt von Jules Verne näher gebracht.  Plötzlich waren Expeditionen zum Mond, die Erforschung der Ozeane oder das Wohnen auf einem anderen Planeten nicht mehr so unvorstellbar. Von Zeitschriften und von der Filmwelt wurde diese Thema voll ausgeschlachtet. Georges Méliès « Le voyage dans la lune » kam 1902 in die Kinos. Zeichner und Karikaturisten folgten mit futuristischen Zeichnungen und Sammelbildern in Zigaretten – oder Schokoladenpackungen aber auch Plakate zu Fritz Langs Film « Frau im Mond » sind zu sehen.

Und wie wir sehen können, war auch Frau Bärs Flugtaxi damals schon Gesprächsthema.

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Ausstellungsplakat Bröhan Museum
« Une excursion à Rouen » um 1909 Postkarte Lederer & Popper, Prag Sammlung Peter Weiss, www.www.postcard-museum

Die kleine aber interessante Ausstellung geht noch bis 27. Oktober 2019.

Christa Blenk

 

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Skandal! Mythos! Moderne! Die Vereinigung der XI in Berlin

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1892 entstand in Berlin der Vereinigung der XI, eine Künstlergruppe nach dem Vorbild der Münchner Sezession, der französischen Gruppe Nabis – die schon seit 1888 gegen die Historienmalerei rebellierte – und der Brüsseler Gruppe Les Vingt. Die Gruppe hielt sich nur ein paar Jahre und wurde 1898 von der Berliner Secession abgelöst. Ihre Mitglieder waren:  Jacob Alberts (1860–1941), Hans Herrmann (1858–1942), Ludwig von Hofmann (1861–1945), Walter Leistikow (1865–1908), George Mosson (1851–1933), Konrad Müller-Kurzwelly (1855–1914), Hugo Schnars-Alquist (1855–1939), Friedrich Stahl (1863–1940), Hugo Vogel (1855–1934) und Max Liebermann (1847–1935) sowie Franz Skarbina (1849–1910). Ein paar Jahre später nach Ausscheiden von drei Mitgliedern schlossen sich kurzfristig Max Klinger (1857–1920), Dora Hitz (1856–1924) und  Martin Brandenburg (1870–1919) an. Aber die Zahl XI wurde nie überschritten. Böcklin war Ehrenmitglied.

Auslöser dafür war vor allem die Ablehnung einer Kunstentwicklung von Kaiser Wilhelm II, der über den Historismus nicht hinaus kommen wollte. Die meisten der Maler sind heute so gut wie unbekannt.

„Freie Vereinigung zur Veranstaltung von künstlerischen Ausstellungen“ nannte sich diese Gruppierung zuerst und Ziel war es, nicht etablierte Kunstwerke der Öffentlichkeit zu präsentieren und die Berliner Kunstwelt zu revolutionieren. Im April 1892 fand die erste Ausstellung im Kunstsalon von Eduard Schulte in Berlin statt. Später sollte Walter Leistikow darüber sagen:„Was uns zusammenführte, war allein der Wunsch, eine kleine gemeinsame Ausstellung zu arrangieren, in der jeder frei und ungeniert, ohne Rücksicht auf Wünsche und Liebhabereien des kaufenden Publikums, ohne ängstliches Schielen auf Paragraphen der Ausstellungsprogramme sich geben konnte. … Von dieser Idee versprachen wir uns Vergnügen und der Kunst der Hauptstadt … nun ja, vielleicht ein bisschen Erfrischung, ein bisschen Erregung – und damit: Leben.“ Auch die heftige Ablehnung des norwegischen Malers Munch spielte hier eine Rolle. Much stellte 1892 im Verein Berliner Künstler aus. Die Ausstellung, die insgesamt 55 Werke umfasste, musste aber nach nur sieben Tagen unter großem Protest wieder geschlossen werden.

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Ausstellungsplakat Bröhan Museum

Verschwörerisch und geheimnisvoll hört sich der Name der Gruppe „Vereinigung der XI“ an. Dem Impressionismus und dem Symbolismus wurden so die Berliner Türen geöffnet und die des Naturalismus teilweise geschlossen.  Schon ein Jahr nach der Gründung bewies ein Kommentar der Berliner Zeitung, dass das Berliner Publikum reif war für eine Veränderung: „ Zum dritten Male treten diese Künstler, die anfänglich als der Ausbund naturalistischer  Geschmacklosigkeit und dekadenter  Modernität verschrien wurden, vor das Publikum, das in der Ausstellung der „Elf“ ein Hauptereignis der jährlichen Berliner Kunstbewegung zu sehen begonnen hat. Es ist chic geworden, der Eröffnung dieser Ausstellung beizuwohnen, bei der es so Ungeheuerliches zu erwarten gib.“

Ein Leserbrief an „Das Atelier“ von 1894 beinhaltete folgendes: „Die Ausstellung der „Elf“ hat gerade begonnen. Das Publikum strömt mit ziemlich verdutzten Gesichtern durch die Räume, es sind noch keine Kritiken veröffentlicht und man weiß noch nicht, was man schön und was man lächerlich finden soll„. (Schon 1872 hat Monets sein  „Impression soleil levant“ gemalt.) Hodlers Symbolismus-Bilder entstanden um 1900.  Vor allem der Symbolist Ludwig von Hoffmann war Vorreiter der Neuen Sachlichkeit. Sehr interessant die Farb- und Flächengebung von Walter Leistikow. Sein Gemälde „Grunewaldsee“ wurde von der Jury der Großen Berliner Kunstausstellung zurückgewiesen.

Im Bröhan Museum sind noch bis 15. September an die 100 Exponate ausgestellt, die in dieser Zeit durch diese Gruppe entstanden sind.  Teilweise werden historische Ausstellungen rekonstruiert. Alte Pressemeldungen berichten von dieser Stimmung und den Schwierigkeiten, sich durchzusetzen.

Christa Blenk

 

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Local Histories

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Bruce Naumann (Corridor Installation – 1970), George Segal (Man installing Pepsi Sign – 1973, Donald Judd (Intiteled – 1987)

 

Basieren tut diese Ausstellung auf eine Aussage des US Künstlers und Kunstkritikers Donald Judd. Er schrieb 1964 in einem Artikel über die Kunstszene in New York « The history of art and art’s condition at any time are pretty messy ». Neue Verhältnisse zum Raum sollten entstehen und die traditionellen Unterscheidungen von Stilen und Gattungen  anders betrachtet werden.

Entstanden ist eine sehenswerte Ausstellung mit Momentaufnahmen zwischen New York und Düsseldorf oder Köln, Berlin oder Los Angeles mit Klassikern von 1960 bis ins 21. Jahrhundert. Werke aus der Friedrich Christian Flick Collection und der Sammlung der Nationalgalerie ergänzen sich mit ausgewählten Leihgaben. Es wird so ein roter Faden gezogen zwischen Don Judd, Sigmar Polke, Gerhard Richter, George Segal, Bruce Naumann, Jenny Holzer, Carl Andre, Cindy Sherman, Walter De Maria, Robert Morris, Rosemarie Trockel oder Hanne Darboven. Fotos des Künstlerehepaares Bernd und Hilla Becher werden Arbeiten von Robert Smithson gegenübergestellt und Frank Stella misst sich mit Josef Albers.

 

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Raumansicht mit Frank Stella und Josef Albers, Konrad Lueg (ohne Titel – 1968), Gerhard Richter (Vorhang III – 1965)
 

Gerhard Richter, Sigmar Polke, Konrad Lueg und Manfred Kuttner gründen 1962 in der Düsseldorfer Kunstakademie eine Gruppe oder ein Zweckbündnis, wie sie es nannten, um angesichts nicht vorhandener finanzieller Mittel oder Ausstellungs- bzw. Publikationsmöglichkeiten sich doch eine gewisse Präsenz zu ergattern.  Sie organisierten Ausstellungen, um den konsumorientierten westdeutschen Kapitalisten mit Humor entgegen zu treten. Die Pop Art war in Deutschland angekommen. Die erste Ausstellung fand 1963 in Düsseldorf, in einer ehemaligen Metzgerei, statt. Aber nur Polke und Richter gehen den Weg als Künstler weiter. Lueg gründet eine Galerie und Kuttner wird  Grafiker.

Im Hamburger Bahnhof – noch bis zum 29. September 2019 zu sehen. In de Riekhallen ist es außerdem herrlich kühl!

cmb

 

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Gustave Caillebotte Maler und Mäzen des Impressionismus

Gustave Caillebotte (1848–1894) war Maler und Mäzen – bei uns eher weniger bekannter französischer Impressionist.

Die Alte Nationalgalerie Berlin zeigt in einer Ausstellung sein Wirken anhand seines Hauptwerkes, das dafür extra vom Art Institute of Chicago angereist kam. Dafür ist Manets « Im Wintergarten » zur Zeit in Chicago zu sehen.

1877 entstand das Gemälde « Straße in Paris, Regenwetter » („Rue de Paris, temps de pluie“). Das Gemälde ist zum ersten Mal in Berlin zu sehen.  Erklärend zu diesem Werk sind Caillebottes Zeichnungen und Studien für dieses große Werke dort  zu sehen. Zugleich wird ein  aktives Mäzenatentum ins Licht gerückt. Der Künstler war ziemlich wohlhabend und hat nicht nur eine stattliche Sammlung von impressionistischen Bildern von Cezanne, Monet, Manet, Degas und Renoir zusammen gekauft, die er alle dem französischen Staat vermacht hatte, sondern Künstlerkollegen bei Bedarf unterstützt, deren Miete bezahlt und Gruppenausstellungen organisiert.

Bis zum 15. September 2019 ist die kleine, aber interessante Ausstellung noch in der Neuen Nationalgalerie zu sehen.

 caillebotte - Regen in ParisCaillebotte - AusschnittCaillebotte - vorbereitende Zeichnungen
Gustave Caillebotte - Straße in Paris, Regenwetter, Art Institute of Chicago -
zur Zeit Alte Nationalgalerie – Ausschnitt – vorbereitende Zeichnungen

cmb

 

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Lynn Chadwick im Kolbe Museum

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Dance V , 1955 (Eisen, Gips und Eisenspäne) – Folkwang Museum Essen

   

Biester der Zeit und zeitlose hybride Kreaturen! (für KULTURA EXTRA)

Seit den 1950er Jahren gestaltet Lynn Chadwick (1914-2003) diese herrlichen und unverdorbenen, braven Biester. Sie sind allesamt Zufallskreationen, entstanden ursprünglich aus Mobile, wie wir sie von Alexander Calder kennen. Nach und nach hat er diese zarten Metallgeflechte aus- und aufgefüllt. Hierfür benutzte er „Stolit“, ein eisenhaltiges Zementgemisch. Seine so entstandenen,  aleatorischen Wesen wurden alsdann in die Welt geschickt – manche vielleicht auch auf den Mond. Mit ein wenig Phantasie  erinnern sie an ein Raumfahrzeug wie das LEM, das bei der Apollo-Mondlandung  eingesetzt wurde.  Wieder andere gelangten in die Hände von Franz Kafka, der dann sogleich eine Geschichte über sie schrieb und die restlichen scheinen beim Science Fiction Film einen Job gefunden zu haben. Chadwick hat seine eigene Verkleidungs- und Verschweiß-Technik entwickelt und so sind seine Arbeiten unverwechselbar und originell.

Lynn Chadwick war ursprünglich Architekt  und im Zweiten Weltkrieg als Pilot eingesetzt. Auf der einen Seite erinnern seine Kreaturen an auch schon mal an Bauwerke aus einer anderen Zeit und auf der anderen an Leonardo da Vincis Flugmaschinen  – in 3-D. Über 40 Jahre hat ihn diese lustig-schwebend und kriechende Tierwelt beschäftigt. Ein besonderes Exemplar der Biest- Skulpturen-Serie hat ich ins Haus am Waldsee verirrt und steht in einem Raum mit einem filigranen Vogelwesen seines fast-Zeitgenossen Hans Uhlmann (1900-1975) und so verstehen wir, warum gerade er ihm an die Seite gestellt wurde.  Chadwicks „Beast“  hat zwei riesige Alien-Kristallaugen!   Uhlmann teilte seine Vorliebe für Flügelwesen und die Freiheit, die damit einhergeht.

Neben Werken von Uhlmann sind auch Plastiken der jungen Berliner Künstlerin  Katja Blomberg (*1970) im Haus am Waldsee ausgestellt. Schwerelose Borkenkäfer, Insekten,  gefallende Ikarusse, Totems oder Flugmaschinen stehen hier in Konkurrenz zu den technischeren, glatten und zeitlosen Arbeiten von Uhlmann und Blomberg. Letzteren fehlt die faltige, lebendige und humorvolle Poesie und der gemächliche, aleatorische Entstehungsprozess.  Katja Strunz  große Plastik Enthüllung (2008) aus Baustahl, Pulverbeschichtung und patinierter Bronze ist ein Riesenflügel, der auch  Chadwicks Viecher in die Luft bringen könnte.

In den 1960er Jahren entsteht eine Serie aus Zeichnungen und Skulpturen, die Chadwick  „Moon of Alabama“ tauft. Ein Sammelsurium von Kokons, Larven oder zackigen Hüllen. Vielleicht hat er sie ja auch Kurt Weill und Berthold Brecht gewidmet. Beweise dafür gibt es allerdings nicht. Figurative Skulpturen baut er ab den 1970er Jahren. Meist Paare, stehend auf  erschreckend, unsicheren, dünnen Beinen und oft nebeneinander, im Dialog, sich festhaltend. Eine Gratwanderung der Schwerkraft zwischen Raum und Zeit. Ab 1980 arbeitet er mit geschweißten Edelstahlplatten. Diese glatten, sauberen Tafeln allerdings lassen seine gewohnte Lyrik ein wenig vermissen, dafür rufen sie Assoziationen mit den  präzisen  japanischen Origami -Spielen hervor. „Beast Alerted I » (1990) dominiert im Garten im Haus am Waldsee, eine Leihgabe des Estate of Lynn Chadwick and Blain|Southern.

1958 kauft Chadwick ein Anwesen in Gloucestershire und renoviert es, baut es  nach und nach um, bis es Wohnhaus und Atelier unter einem Dach vereint. Bemerkenswert  vor allem ist der Skulpturengarten. Lypiatt Park beherbergt heute den Nachlass des Künstlers und wird von Eva und Sarah Chadwick verwaltet.

Lynn Chadwick arbeitete als Zeichner in verschiedenen Londoner Architekturbüros und erst nach dem Zweiten Weltkrieg fing er an, als selbstständiger Designer Möbel und Textilien zu entwerfen, bis er später von der Plastik in Bann gezogen wird. Schon 1952 stellte er im britischen Pavillon der Biennale in Venedig aus und erhielt 1956 den „Biennale Grand Prix für Bildhauerei“.  Auch auf der documenta Kassel war es des Öfteren vertreten.

Neben Henry Moore und Barbara Hepworth zählt Lynn Chadwick  heute zu den bedeutendsten britischen Bildhauer des 20. Jahrhunderts.

Die Schau  „Biester der Zeit“ Lynn Chadwick, Katja Strunz, Hans Uhlmann ist seit Mitte Mai im Haus am Waldsee und im Georg Kolbe Museum zu sehen. Man kann die elf Kilometer, die zwischen beiden Häusern liegen, mit dem Fahrrad zurücklegen, das man an beiden Orten ausleihen und zurückgeben kann. Es empfiehlt sich, beim Kolbe Museum anzufangen und dann ca. 40 Minuten durch den Grunewald zu radeln!

Eine großartige Ausstellung haben die beiden Häuser hier auf die Beine gestellt. An die 70 Exponate, Plastiken, Zeichnungen und Lithografien, beherbergt diese einmalige Retrospektive von Chadwick. Im Georg Kolbe Museum beschreibt die Schau seine Werkentwicklung, während im Haus am Waldsee die Arbeiten der drei Künstler Lynn Chadwick (1914 – 2003), Hans Uhlmann (1900 – 1975) und Katja Strunz (*1970) gegenübergestellt und Parallelen gesucht und gefunden werden. Die Ausstellung läuft noch bis zum 25. August 2019.

 

 

P1080333P1080291P1080316P1080306katja StrunzChadwick und Uhlmann
Moon of Alabama, Raumansicht, Biester, « Enthüllung » von Katja Strunz, ganz rechts Chadwicks « Biest » mit zwei Kristallaugen im Hintergrund, vorne  Hans Uhlmann « Vogelwesen » von 1952 

 Christa Blenk

 

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Flucht in die Bilder ? – Brücke Museum

brücke

 

Flucht in die Bilder? – Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus

Die Ausstellung im Brücke Museum Berlin  „Flucht in die Bilder?“  befasst sich mit den Brücke-Künstlern in der Zeitspanne zwischen 1905 – Gründungsjahr der Künstlergruppe Die Brücke  – , der Zeit vor und während des Nationalsozialismus bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Sie zeigt, wie sich die Kunst der Brücke-Gründer aufgrund politischer Gegebenheiten angepasst, verändert oder deren Leben beeinflusst hat.

Als sich Anfang des 20. Jahrhunderts, im Jahre 1905, die angehenden Künstler und Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff  (1906 kamen Max Pechstein und Emil Nolde hinzu) in Dresden in der Künstlergruppe „Die Brücke“ zusammenschlossen um die Malerei zu revolutionieren, haben sie damit einen wichtigen, wegbereitenden Schritt in die klassische Moderne getan. Der deutsche Expressionismus war geboren. Die Bezeichnung « Die Brücke » nicht nur eine solche in Dresden, sollte auch eine Metapher dafür sein, wie Konventionen zu überwinden waren, um einen Weg ans andere Kunst-Ufer zu finden. Die Künstler wussten, wovon sie weg wollten, hatten aber ansonsten kein klares Ziel vor Augen. Das Programm von Kirchner wurde 1906 auf einem seiner Holzschnitte präsentiert. Kontrastreich und farbig sollte diese Kunst sein, auf Details verzichten, kantig und mutig, angelehnt an den französischen Fauvismus, aber aussagekräftiger, mutiger, waghalsiger und psychologischer. Nach und nach zog es die Künstler zwischen 1906 und 1912 nach Berlin, auch um näher an Galerien, die ihre Kunst annehmen würden, zu sein. Die bevorzugten Motive waren Mensch, Natur, Vergnügen und Großstadt. Aufgenommen von der Bevölkerung wurde diese neue Kunst mit viel Polemik und Geschrei.

Schon 1912 kriselte es aber in der Gruppe, u.a. auch weil Pechstein – entgegen der ungeschriebenen Vorschriften nicht individuell sondern nur in der Gruppe auszustellen – dies trotzdem tat, und an der Berliner Secession teilnahm. Emil Nolde hatte die Künstlergruppe ebenfalls aufgrund von Streitigkeiten mit den anderen bereits vorher wieder verlassen. Als 1913  als „Die Brücke“  auseinander fiel, stand der Erste Weltkrieg schon vor der Tür.  Nolde, der immer wieder bei den Nazis « bella figura » machen wollte, sollte später seinen ehemaligen Brücke-Kollegen Pechstein als „Juden“ anzeigen, so dass dieser schon 1933 den Arier-Nachweis vorweisen musste.

Bevor die Maler sich aber nach der Auflösung der Brücke neuen Projekten widmeten, trennten sich erstmals auch physisch ihre Wege. Der eine ging in den Süden, der andere nach Ostpreußen. Pechstein reiste durch Italien und Heckel an die Flensburger Förde. Kirchner ging auf die Ostseeinsel Fehrmann und besucht den Sommer über seinen Freund Otto Mueller. Wieder zurück in Berlin entstanden seine bekannten Straßen- und Barszenen.

Viele der Bilder haben eine interessante Geschichte, wie Kirchners bekanntes Bild « Artistin ». Es hing von 1917-1937 im Kunstverein Jena, wurde dort 1937 beschlagnahmt und ab Sommer 1938 im Schloss Schönhausen gelagert. 1940 erwarb es Ferdinand Möller vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda im Rahmen eines Tauschvertrages. Bis 1997 blieb es im Besitz des Galeristen und seiner Erben und wurde im selben Jahr durch Mittel der Deutschen Klassenlotterie Berlin für das Brücke Museum erworben.  

Die Schau im Brücke Museum nimmt nun die Maler Kirchner, Heckel, Pechstein, Schmitt-Rottluff  unter die Lupe. Bis jetzt waren diese Künstler vor allem als  „entartet“ bekannt und gingen so in die Kunstgeschichte ein. Nach dem Besuch dieser Ausstellung stimmt das zwar immer noch, aber die Ausstellung zeigt, wie sie sich an die Vorgaben des Regimes in den 1930er Jahren anpassten und wie aus den knallbunten, verzerrten Menschen bravere Bilder wurden. Hier geht es nicht unbedingt um Antisemitismus wie bei Nolde, eher um Anpassung, Bequemlichkeit und vielleicht Verrat an der Kunst. Pechstein malte seinen Sohn mit kurzen Hosen und strammen Haarschnitt. Da tauchte schon mal ein Hakenkreuz auf einem Bild auf, Heckel, der als einziger kein Malverbot erhielt, malte ein Triptychon mit blonden, deutschen Jungen beim Sport und unterschrieb außerdem 1934 – zusammen mit anderen Intellektuellen oder Künstlern wie Ernst Barlach, Mies van der Rohe, Richard Strauß und Wilhelm Furtwängler – das Treuegelöbnis zu Adolf Hitler. Schmidt-Rottluff durfte  – wie Nolde – bis 1941 arbeiten. Alle Brücke-Künstler waren bei der Münchner Ausstellung über entartete Kunst trotzdem prominent und mit vielen Werken vertreten, wurden aber mehr oder weniger geduldet und verbleiben – ohne größeren Belästigungen ausgesetzt gewesen zu sein – die komplette Vorkriegs- und Kriegszeit in Deutschland und malten Landschaften oder kitschige Stillleben. Mit Ausnahme von Ernst Ludwig Kirchner, der schon früh in die Schweiz ging und sich dort 1938 das Leben nahm.  

Flucht in die Bilder? wird von Prof. Dr. Aya Soika (Bard College Berlin), Dr. Meike Hoffmann (Freie Universität Forschungsstelle Entartete Kunst) und Lisa Marei Schmidt (Brücke-Museum) kuratiert. Ein umfassender Katalog erscheint im Hirmer Verlag in deutscher und englischer Sprache.

Bis zum 11. August 2019 ist diese Ausstellung noch im Brücke Museum zu sehen.

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 Impressionen aus der Austellung

 

Christa Blenk

 

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Emil Nolde – Eine deutsche Legende

Nolde im Hamburger Bahnhof

 

Die Freuden der Pflicht

Schon der Schrifttyp des Ausstellungsplakats zeigt, worum es hier eigentlich geht.

Dass der Maler Emil Nolde nicht zum Widerstand gehörte, war immer klar. Klar war auch, dass er in der Partei war und nie mit dem Gedanken spielte, Nazi-Deutschland zu verlassen.  Auch seine Sympathie für das Regime war bekannt, obwohl er zu den Künstlern gehörte, die am meisten den Stempel „entartet“ aufgedruckt bekamen und er mit einem sogenannten Malverbot belegt wurde.  All diese Informationen wurden in der letzten Zeit  verstärkt und gefestigt, da seit dem Jahre 2013  ein Archiv in Seebüll den Zugang zu knapp 30.000 Dokumenten aus dem Nolde Nachlass ermöglichte, was eine intensive Auswertung seiner Person und Kunst und eine Änderung seiner Biografie mit sich brachte.  Einer der größten deutschen Expressionisten war ein Antisemit und ein Vorkämpfer gegen die angebliche jüdische Dominanz in der deutschen Kunst.

Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof zeigt nicht nur viele weniger bekannte Werke, zum Teil als Reproduktionen, sie dokumentiert auch anhand von Briefen und Fotos einen verbissenen, unsympathischen und opportunistischen Nolde und wirft die Frage auf , wie  das Nazi-Deutschland seine Kunst veränderte bzw. beeinflusste.

 

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Das Bild in der Münchner Ausstellung (Foto in der Ausstellung)

 

Im ersten Saal hängt das Gemälde „Verlorenes Paradies„. Es entstand 1921, misst 106 x 157 cm und gehört der Nolde Stiftung Seebüll. Ein großartiges Hauptwerk. Farbenprächtig, primitiv, ironisch und dümmlich blicken Adam und Eva aus der « nackten » Wäsche. Sie sitzen – wohl vor dem Paradies – links und rechts einer grün-lila züngelnden Schlange und verbreiten eine „no future“ Stimmung.  Im Hintergrund ein fletschender Löwe. Das Bild ist ein Paradebeispiel für Entartung in der Kunst. Auch das heftige Gemälde „Die Sünderin“ (1926) ist zu sehen. Es zeigt seinen harten, sehr eigenwilligen Expressionismus. Dieses umwerfende, biblische, Bild gehört der Berliner Nationalgalerie. In dieser Zeit malte Nolde mehrere religiöse Bilder und griff immer wieder auf Bibelmotive zurück. Dies änderte sich schlagartig 1934. Ab dieser Zeit malte er primitive Wikinger und blonde Krieger aus altdeutschen Legenden oder mythische Opferszenen, auch um den Nazis zu gefallen. Dass die Nazis diese primitiven, blonden Anti-Helden nicht mochten, hätte er eigentlich erkennen oder wissen  müssen. Dass er sie trotzdem gemalt hat zeigt, dass er eben doch, dass er ein großartiger Künstler war, der wenigstens seinen künstlerischen Werdegang nicht verleugnen konnte. Das Aquarell „Gaut der Rote“ entstand in der Zeit des Malverbots und wird mit anderen Werken aus der Serie in der Ausstellung gezeigt. Aus Seebüll kam auch das Aquarell „Altes Bauernpaar“ (1942). Es misst nur knapp 22 x 16,5 cm und strahlt Armut und hartes Landleben aus. Das Aquarell „Herrin und Fremdling“  diente ihm wohl als Vorlage für das Gemälde  „Nordische Menschen“.

Seine ungemalten Bilder, kleinformatige Aquarelle, hat er angeblich nach dem Malverbot heimlich gemalt. So genau stimmte das aber nicht, denn schon vor 1934 entstanden große Gemälde auf der Basis von Aquarellen.

Am Schluss der Ausstellung hängt das Bild « Brecher“. Ein beeindruckendes, wildes, tosendes Wellenbild in grau-blau mit brennendem Nolde-Himmel.  Es hing bis vor kurzem im Bundeskanzleramt.

Seine persönliche Legendenbildung begann dann auch gleich nach dem Krieg. Nolde wurde zum Opfer und seine Ideologien heruntergespielt. Unterstützt hat dies der Roman von Siegfried Lenz‘ Roman „Deutschstunde“, der 1968 erschien und aus Nolde einen Dissidenten, einen Geschädigten machte, der nicht mehr malen durfte und dies vom Dorfpolizisten überwacht werden musste. Nolde selber frisierte seine Biografie und entfernte alles was « politisch nicht korrekt » war. Bemerkungen über den Galeristen Paul Cassirer oder mit Max Liebermann zeigten seinen Antisemitismus schon früh, lange bevor die Nazis an die Macht kamen.

Ein wichtiger Teil der Ausstellung ist die Nachbildung von Noldes Bilderzimmer in Seebüll. Die Werke hängen genau so, wie der Künstler sie 1941 selber angebracht hatte. In diesem Jahr wird Seebüll an der dänischen Grenze der Hauptwohnsitz der Noldes, auch weil in Berlin immer mehr Luftangriffe stattfinden. Viele religiöse Bilder aus den Jahren bis zum Ende des ersten Weltkrieges fehlen, dafür ist die nordische Thematik gut vertreten.

 

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Nachbildung seines Bilderraumes in Seebüll

 

Diese Werkschau setzt eine Reihe von Ausstellungen mit Werken der Neuen Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof fort. So wurden seit 2015 Werke von Kirchner, Belling und Mueller gezeigt, denn auf Grund der langwierigen Umbauarbeiten des Mies van der Rohe-Baus, liegen all diese Schätze im Keller.

Nolde trat 1906 der Künstlergruppe Brücke bei und lernte dort Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff kennen und später auch Munch in Berlin. Ein Streit mit Schmidt-Rottluff ließ ihn ein Jahr später schon wieder austreten. Profitieren konnte er auch von seiner Mitgliedschaft in der Berliner Secession 1909. Kurz darauf entstanden die ersten religiösen Bilder und Nolde konnte schon früh Erfolge vorweisen. Als Zeichner durfte er in den Jahren 1913-1914 an der medizinisch-demographischen Deutsch-Neuguinea Expedition teilnehmen und erweiterte sein Farbenspektrum aber entdeckte auch seinen Rassismus, denn die „Wilden“ auf die er dort traf, hielt er für minderwertig. Ab 1926 verbrachte er die Sommermonate mit seiner Frau Ada in Seebüll.

Obwohl Goebbels und Speer ihn anfangs förderten wurde sein Gemälde Leben Christi in der Ausstellung Entartete Kunst 1937 präsentiert. Beschlagnahmungen und Zwangsverkäufe folgten. Nolde konnte das gar nicht fassen und fühlte sich missverstanden, ja versuchte sogar die Nationalsozialisten davon zu überzeugen, dass seine Kunst gegen die Überfremdung der deutschen Kunst eine wichtige Rolle spiele.

1956 ist Emil Nolde in Seebüll verstorben. Nach dem Krieg malte er noch über 100 Bilder, allerdings mehr und mehr eingeschränkt durch seine Parkinson-Krankheit. Nachdem er fast 20 Jahre auf biblische Themen verzichtet hatte, greift er 1951 mit « Jesus und die Schriftgelehrten » wieder darauf zurück. Dieses Bild gleich vom Aufbau her « Der Sünderin ».

1955 wurde er zur  documenta 1 eingeladen; posthum nahm nochmals 1959 und 1964 teil.

Die Ausstellung Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus wurde durch die Freunde der Nationalgalerie ermöglicht unterstützt durch die Friede Springer Stiftung  in Zusammenarbeit mit der Nolde Stiftung Seebüll. Kuratiert haben sie Bernhard Fulda, Christian Ring und Aya Soika.

Die Ausstellung ist noch bis zum 15.09.2019 im Hamburger Bahnhof zu sehen. Sehenswert ist die Ausstellung auf jeden Fall, allerdings muss man eine lange Schlange in Kauf nehmen.

Christa Blenk

 

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Giacometti im Prado

ausstellung

 

Giacometti flaniert durch den Prado (Artikel für KULTURA EXTRA)

Der Madrider Prado ist einer der bedeutendsten und berühmtesten Kunsttempel weltweit. Dieses Jahr feiert das Museum seinen 200. Geburtstag. Ehrengast ist seit dem 2. April der Schweizer Künstler Alberto Giacometti (1901-1966). Die feingliedrigen Skulpturen mischen sich unter die Gemälde der alten Meister, die vor allem im  „Siglo de Oro“ (Spaniens Goldenes Jahrhundert) auf die Iberische Halbinsel gekommen bzw. dort entstanden sind: darunter sind Werke von Goya, Velázques, El Greco oder Bosch und Brueghel sowie viele Gemälde der italienischen Renaissance.

Raum und Zeit erfinden sich mit diesem Ehrengast hier neu.  Obwohl der Prado schon früher für Degas oder Picasso z.B. seine Türen für die Avantgarde öffnen ließ, blieben die modernen Eindringliche unter sich. Hier treten die nervösen Giacometti Figuren in direkten Dialog mit den permanenten Bewohnern, da sie um und in den wichtigsten Sälen des Museums aufgestellt wurden.

Die Kuratorin der Ausstellung, Carmen Giménez, schickt Giacometti auf eine Reise durch die Jahrhunderte – vom Mittelalter zur Moderne.  Zeiten und Epochen fusionieren, seine Figuren werden zu Zeitreisenden und jede Skulptur hat für ein paar Monate den passenden Gastgeber gefunden. Sie betrachten sich auf eine voyeuristische Art, begutachten sich und wägen ab, ja erkennen sich wieder, denn für den Schweizer Künstler sind sie – obwohl er nie in Spanien war – keine Unbekannten. Als Kind hat er die alten Meister leidenschaftlich kopiert oder reinterpretiert.  Seine Zeichenhefte beweisen das. Er bewunderte Tintorettos architektonische Farbenpracht genauso wie  er von Goyas  „Pintura negra“ (schwarze Bilder) fasziniert war.

Die jeweilige Platzierung der Skulpturen war sicher eine Herausforderung und ist exquisit und sehr sensibel umgesetzt.

So stehen auf einer Plattform („La Piazza“) die direkt vor Velázques‘ (1599-1660) „Las Meninas“ aufgestellt wurde, vier sich ansehende Skulpturen im Kreis, genau dort wo das Königspaar saß, als es sich vom Hofmaler portraitieren ließ. Zu sehen sind diese allerdings nur durch einen Spiegel im Bild. Dafür steht der Maler mitten in seinem gerade entstehenden Gemälde bei der Arbeit und blickt auf das Publikum bzw. auf die Vierergruppe. Wir sind versucht, auch die Giacometti-Skulpturen unter den Meninas und Hofnarren zu suchen.  Ein seltsames Gefühl das sich fortsetzt, wenn wir als nächstes vor „El Carro“ (der Wagen)  stehen. Die Kuratorin hat ihn vor einem großartigen Tizian aufstellen lassen. Das Portrait Karl V bei der Schlacht von Mühlberg. Der stolze König sitzt hoch zu Ross. Von der Schlacht zeugt außer einem dramatischen Feuerhimmel nichts. Doch sieht man dem Kaiser den Sieg an. Eine filigrane, überdünne Frau auf einem Sockel – eingefroren zwischen Bewegung und Stillstand – über zwei sehr großen Rädern. Die Skulptur wird hier zu Mutter Courage, zu einer Marketenderin im 30jährigen Krieg, die sich durch ihn ihren Lebensunterhalt verdient.  In der Schlacht von Mühlberg besiegte das Heer Kaiser Karls V die Truppen des Schmalkadischen Bundes. Der Führer der Protestanten, Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, geriet in Gefangenschaft. Tizian hat dieses großartige Portrait genau 100 Jahre vor Ende dieses Krieges gemalt.

Einer der Lieblingsmaler von Giacometti war wie gesagt der Venezianer Tintoretto (1518-1594) und seitlich vor dessen großartigem Mammutwerk „Lavatorio“ warten die  „Sieben Frauen aus Venedig“. Giacometti hat sie 1956 für die Biennale von Venedig geformt, jede aus der gleichen Menge Lehm, in verschiedenen Größen und mit ähnlichen Gesichtern. So gebündelt sind sie überaus beeindruckend. Als Gruppe treten sie sonst eher nicht auf, da sie in unterschiedlichen Ländern zu Hause sind. Die Nr. I lebt in Madrid und gehört der Alicia Koplowitz-Grupo Omega Capital. Die Nr II und III,  V und VII sind aus  dem Lousiana Museum of Modern Art in Humblebaek (USA) angereist. Nr. VI gehört der Fundation Marguerite et Aimé Maeght und die Nr. VIII der Fondation Beyeler. Beyeler hat übrigens mehrere Exponate zu dieser Ausstellung geschickt. Die Frauen, so scheint es, kommen gerade aus dem Bild und haben sich vorher noch in der großartigen Architektur von Tintorettos Gemälde getummelt. Jetzt blicken sie neugierig gegenüber auf ihre Verwandten aus dem 16. Jahrhundert im El Greco Saal.  Denn die Heiligen auf El Grecos  (1541-1614) manieristischen Gemälden sehen den Venezianerinnen oder generell Giacomettis Spätwerken durchaus ähnlich.

Im Saal von Zurbarán hat „Das Bein“ seinen Platz gefunden. Es entstand 1958 und kommt aus der Baseler Alberto Giacometti Stiftung. Vor den wuchtigen Körpern auf Zurbaráns Herkules Serie ist das Bein wie ein Hieb und zeigt die Veränderungen, die Giacometti nach dem Zweiten Weltkrieg in seiner Kunst erfahren hat. Die streng-spartanisch, fast schnörkellose und kompakte  Form verträgt sich gut mit dem dunklen Mystiker Zurbarán (1598-1664),  der am liebsten Mönche oder Leute aus dem Volk malte.

Eli Lotar III gilt als Giacomettis letztes Werk, es entstand 1965. Man fand die Skulptur unvollendet in seinem Atelier. Der Fotograf Eli Lotar gehörte zu Giacomettis Freundeskreis. Große Frau I und II sind imposante primitive Göttinnen und scheinen die Ausstellung zu bewachen. Sie sind aus Houston und Zürich nach Madrid gekommen und ebenfalls 1960 entstanden.

Giacometti, der als 20jähriger nach Paris kam und sich um 1930 kurz dem Surrealismus zuwandte, kehrte schon während des zweiten Weltkrieges wieder zu Arbeiten mit Modellen zurück. Er kehrte der avantgardistischen Bewegung den Rücken, wurde irgendwie zeitlos und widmete sich fast komplett der menschlichen Gestalt. Seine rissig-schartigen, unebenen und schroff- langgezogenen Skulpturen könnten aus der Antike kommen oder Bewohner vergessener Kulturen sein.

Eröffnet wurde das Prado-Museum im November 1819 durch María Isabel de Braganza. Gebaut hat es  Juan de Villanueva, ursprünglich geplant als naturgeschichtliches Museum. Ein Großteil der königlichen Sammlungen sollte dort ausgestellt werden. Diese  Kollektion hat sich dann im Laufe der Zeit durch Schenkungen oder Zukäufe zu dem entwickelt, was der Prado heute ist. Zwischen 1936 und 1939, im spanischen Bürgerkrieg, wurden die Kunstwerke mit Sandsäcken vor den Bombardierungen geschützt. Einige Werke kamen später über Valencia nach Genf. Und dort in Genf, hat Giacometti einmal eine Ausstellung der alten Meister aus dem Prado gesehen. 2005 hat der spanische Architekt Rafael Moneo den beeindruckenden Erweiterungsbau konzipiert.

Die außergewöhnliche Ausstellung „Alberto Giacometti en el Museo del Prado“ ist noch bis zum 7. Juli 2019 in Madrid zu sehen und wird von einem spannenden Begleitprogramm flankiert.

Prado 200 Jahre

Christa Blenk

 

Zusatzinfo:

Das Prado Museum ist eigentlich schon genug Grund, um in die spanische Hauptstadt zu reisen. Wer aber mehr braucht, kann auf der Museumsmeile oder dem „Triangolo del Arte“, wie die Spanier sagen, gegenüber auf der einen Seite das Caixa Forum, einen schwebenden Sockelbau auf dem Gelände eines ehemaligen Elektrizitätswerk 2008 von den Schweizer Architekten Herzog und De Meuron erbaut hat sehen. Auf  der anderen befindet sich das Thyssen Museum mit der großartigen Sammlung von Thyssen Bornemisza, die 1992 in spanischen Besitz überging und natürlich das zeitgenössische Museo Reina Sofia, ein ehemaliges Krankenhaus aus dem 17. Jahrhundert, erbaut von Sabatini. Der Franzose Jean Nouvel wurde mit dem Erweiterungsbau beauftragt, der 2002 eröffnet werden konnte. Das Wochenende müsste allerdings ein Langes sein, um all das zu besichtigen.

 

 

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Mantegna und Bellini

mantegna Bellini Eingang

Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance  (Artikel für KULTURA EXTRA)

 Renaissance-Ausstellungen sind anziehend, beliebt, füllen Museen und sorgen für Schlangen vor der Kasse. Es gibt sie in allen möglichen Konstellationen mit unterschiedlichen Konzepten, nach Künstlergruppen oder Umfeld organisiert. Eine Gegenüberstellung dieser beiden Meister der Renaissance hat es so noch nicht gegeben und war längst überfällig. „Komplementär und erhellend“ nennt der Direktor der National Gallery London, Gabriele Finaldi, die Konfrontation „des rigorosen Humanisten der italienischen Renaissance, Mantegna mit dem poetischen Interpreten menschlicher Emotionen, Bellini“.

 Nach einem Aufenthalt in London bis Anfang des Jahres, treffen die beiden großartigen Künstler Mantegna und Bellini nun in der Gemäldegalerie aufeinander. Ein Highlight in der Berliner Kunstszene, hat es doch seit längerem hier keine wirklich bedeutende Ausstellung gegeben. Bis zum Sommer können diese wunderbaren Bilder in der Berliner Galerie der Alten Meister bewundert werden.

 Wenn man von der Renaissance spricht, kommt man nicht umhin, auch Florenz zu erwähnen, denn dort wurde sie sozusagen „erfunden“. In der toskanischen Perle wirkten in der ersten Generation Genies wie Brunelleschi (1377-1446), Donatello (1386-1466), Botticelli (1445-1510) oder später Michelangelo (1475-1564). Der Baumeister der Hochrenaissance par  excellence, Donato Bramante (1444-1514) oder das Genie Raffael (1483-1520) kamen aus Urbino nach Florenz, während der Universalgelehrte und Künstler Leonardo Da Vinci (1452-1519) in Mailand wirkte. In Venedig malte die Bellini-Dynastie: Jacopo und seine beiden Söhne Gentile und Giovanni Bellini (ca 1437-1515). Letzterer traf in Venedig auf den talentierten Provinzkünstler Andrea Mantegna (1431-1506) und das war der Beginn einer wunderbaren und erfolgreichen Zusammenarbeit, ja Symbiose.

 La Serenissima oder die Stadt in der Lagune von Venedig war schon ab Mitte des 15. Jahrhunderts neben Konstantinopel eine der wohlhabendsten und mit über 160 000 Einwohnern auch eine der größten Städte in Europa. Hier wurden edle Stoffe, kostbares Salz, feines Glas und andere Preziosen verschifft oder umgeschifft und in die ganze Welt verbracht. Und wo Wohlstand herrscht kann Kunst entstehen, sich verbreiten und gedeihen. Eine angestrebte, erschöpfende Bildungsreform im Humanismus ermöglichte in Florenz mit den Medicis eine Blütezeit der Kunst, aber auch venezianische wohlhabende Bürger oder der Adel förderten Künstler und Bildhauer und sorgten dafür, dass die optimalen Fähigkeiten des Einzelnen unterstützt wurden.  Die Gewissheit einer neuen Zeit anzugehören brachte nicht nur die Entdeckung alter Schriften mit sich, auch die Welt dehnte sich aus, man durchquerte die Weltmeere und ergründete neues Land. Und obwohl die Auftraggeber meist das Motiv in Form von Bibelgeschichten vorgaben, malten Künstler immer häufiger außer religiösen Portraits Konterfeis von Adeligen und Kunstmäzenen. Ein Beispiel hierfür ist Bellinis großartiges Portrait vom Dogen Leonardo Loredan. Es entstand um 1501 und hängt normalerweise in der Londoner National Gallery.

 Der Sohn eines Tischlers und schon früh erfolgreiche Künstler aus dem Umland von Padua, Andrea Mantegna, entdeckt nach seinen Lehrjahren in Ferrara die Werke Rogier van der Weydens (1399-1464) und Piero della Francescas (1416-1492). In Mantua wird er geschätzter Hofmaler der Gonzagas, eröffnet eine Malschule und folgt dem Ruf von Papst Innozenz VIII nach Rom. Vorher heiratet er aber noch Nicolosia Bellini, ihres Zeichens Tochter des bekannten Malers Bellini. Mantegna hat Talent, Mut  und Selbstbewusstsein. Die Heirat ist ein Glücksfall, auch für beide Künstler, denn was eine Konkurrenz hätte werden können, sollte ein fruchtbarer und erfolgreicher Austausch zwischen Nicolosias Bruder Giovanni und ihrem Mann, Andrea werden. Vielleicht war dieses Arrangement aber auch durchdacht, um den Künstler aus der Provinz nicht zu groß werden zu lassen, ihn unter Kontrolle zu halten. Wie auch immer: eine echte win-win-Situation für beide.

 Mantegna pflegte das Florentiner Kunstideal. Seine Figuren sind streng und würdevoll, von großer Körperlichkeit und verfügen über die geforderte Bindung an die Antike, beachten die Perspektive, und seine aus der Luft gegriffenen und sehr von Architektur geprägten Landschaften oder Felsen sind eben deshalb idealisiert. Er gehörte zu den Künstlern, die gemeinsam mit Gelehrten und Humanisten eine Faszination für die Antike zeigten und die ihre Wiederentdeckung anstrebten.

 Mantegna, dessen Talent schon früh zum Vorschein kam und der als Elfjähriger in einer Kunstwerkstatt Unterricht bekam, war beeindruckt von Bellinis samt-seidigen, geschmeidigen Landschaften und dessen Begabung und Geschick, Licht und Stimmungen einzufangen.

 Bellini wiederum, der in eine angesehene Künstlerfamilie hineingeboren wurde, war fasziniert von Mantegnas antiken Portraitgruppen wie Samson und Delila oder David und Goliath, von seiner intellektuellen Kunsttheorie, seiner eigene Anatomie, dem harten und skulpturalen Manierismus und den geerdeten Gesichtern. Bellinis Madonnen sind idealisiert und tragen das Jesuskind wie einen Schatz, der gehütet werden muss oder wie eine Dekoration vor sich her. Mantegnas Madonnen hingegen sind Frauen, Mütter, die ihr Kind beschützen und eine persönliche Bindung zu ihm haben. Wenn Mantegna einen Toten malt, dann hat dieser vorher gelitten, Bellinis Tote scheinen unbesorgter zu sein, tragen weniger Elend mit sich. Ein Übergang von den Sterbenden zu den Toten. Bellini bekam den Erfolg in die Wiege gelegt, denn schon sein Vater Jacopo führte, wie gesagt, eine erfolgreiche Werkstatt in Venedig, Not dürfte er nicht gekannt haben.

 Die Ausstellung zeigt vor allem, wie unbefangen Bellini die Motive von Mantegna oft Jahre später aufgriff, ergänzte, erweiterte, erhellte. Bellinis Farben sind kompakter, glatter und gewaschener. Heutzutage hätte man ihn sicher des Plagiats beschuldigt.

Das Gemälde von Mantegna „Christus am Ölberg“ entstand um 1458. Ein betender Christus kniet auf einem Felsvorsprung und blickt nach links in Richtung einer Engelschar, im Hintergrund ist eine große Stadt zu sehen, die gleich wieder Mantegnas Faszination für die Architektur hervorhebt. Die römischen Soldaten befinden sich im Anmarsch, um Christi zu verhaften, was die im Vordergrund schlafenden Jünger aber noch nicht wissen. Am Himmel brauen sich Gewitterwolken zusammen. Giovanni Bellini hat ein ähnliches Bild ein paar Jahre (um 1465) später gemalt. Hier fehlt Mantegnas Dramatik. Das Bild ist heller, die Stadt kleiner und weiter weg. Sein Christus blickt nach rechts auf nur einen Engel.  Bellinis Szene ist hoffnungsvoller, die schlafenden Jünger unbeschwerter.

In dem Buch „Das Leben der Künstler“ beschrieb der  italienische Künstler und Biograph Giorgio Vasari (1511-1574), Leben und Werk  fast aller großen Künstler vor und zu seiner Zeit. Über Mantegna sagte er : „ ….als male er Stein und nicht lebendiges Fleisch. Mantegna malt wie ein Bildhauer, Bellini ist der Maler des „sfumato“. Die Bellinis prägen bis heute unser Bild der venezianischen Renaissance. Beispielhaft für den künstlerischen und sozialen Aufstieg, der sich neben Talent und Fleiß vorwiegend auf die moralische Integrität der Protagonisten gründet, während Mantegnas Vita ein Plädoyer für das Mäzenatentum ist“.

 Ein spannendes Beispiel für die Bedeutung dieser Ausstellung ist ein Vergleich zwischen Andrea Mantegna „Die Darbringung Christi im Tempel“ (ca. 1453). Mantegnas Version ist in Berlin zuhause und entstand kurz nach seiner Hochzeit mit Giovannis Schwester Nicolosia, die ganz links im Bild zu sehen ist. Der Maler selbst hat sich rechts ins Bild gebracht. Dieses Bild ist ruhig und dunkel, hat noch etwas vom Mittelalter und sehr wenig vom sonst Bildhauerischen Mantegnas. Die Personen in der Mitte ziert ein Heiligenschein, den Bellini zwanzig Jahre später weglässt. Dafür ergänzt er links und rechts eine (unbekannte) Person, macht aus dem Steinrahmen eine wuchtige Brüstung und hellt das Ganze farblich auf, vielleicht hat aber auch die Farbzusammenstellung einen Fortschritt gemacht. Bellinis Werk ist sonst in Venedig in der Fondazione Querini Stampalia zu bewundern.

 Der gelehrte Eremit Hieronymus, der sich in die Wüste zurückgezogen hat, um die Bibel aus dem Griechischen ins Lateinische zu übersetzen, war für die Maler in dieser Zeit ein Muss. „Der Heilige Hieronymus in der Wüste „  ist ein sehr frühes (um 1450) Meisterwerk von Mantegna, das aus Sao Paulo nach Berlin kam.  Der Asket Hieronymus sitzt vor seiner Höhle, den roten Kardinalshut neben sich, inmitten felsiger Architektur, vom Löwen ist nur der Kopf links von ihm zu sehen. Er scheint sich auszuruhen.  Bellinis Hieronymus ist ebenfalls ein Frühwerk und entstand ein paar Jahre später um 1454. Es ist ein interaktives Bild, möchte man meinen, denn der Heilige scheint hier mit dem Löwen im Dialog zu stehen, predigt ihm mit erhobenem Zeigefinger, im Hintergrund nur liebliche Landschaft. Er hat weder Sandalen noch Hut.

 Caroline Campbell (National Gallery, London), Dagmar Korbacher (Kupferstichkabinett – Staatliche Museen zu Berlin), Neville Rowley (Gemäldegalerie und Skulpturensammlung – Staatliche Museen zu Berlin) und Sarah Vowles (British Museum) haben diese Ausstellung kuratiert und sich auf  die Spuren der beiden Ausnahmemaler begeben, die mehr oder weniger gleichaltrig waren (Bellinis Geburtsdatum ist nicht bekannt). Man schätzt 1435, Mantegna wurde 1431 geboren. Sie faszinieren und bewundern sich gegenseitig. Knapp 100 Exponate, darunter Bilder, Grafiken, Skulpturen sind zu sehen. Dass gerade Berlin und London diese Ausstellung gemeinsam organisieren liegt daran, dass beide Museen mehr Werke in ihrem Besitz haben, als es sonst außerhalb Italiens der Fall ist.

 Sehr sehenswert und gut präsentiert ist diese Ausstellung, die noch bis zum 30. Juni 2019 in Berlin zu sehen ist und die man auf keinen Fall verpassen sollte. Zur Ausstellung erschien ein umfangreicher Katalog zum Preis von 39,90 Euro.

 Parallel zur Sonderausstellung „Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance“ zeigt die Gemäldegalerie  Werke von Giovanni Bellini und seines Umkreises, die in Vorbereitung der Ausstellung untersucht und restauriert wurden. Texttafeln, Fotos und Kartierungen geben den Besucherinnen und Besuchern Einblick in die Untersuchungsergebnisse, die Restaurierungsgeschichte und die jüngst durchgeführten Restaurierungsmaßnahmen. (Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz)

 Und wer jetzt noch nicht genug hat fährt am besten direkt nach Frankfurt zur Ausstellung „Tizian und die Renaissance in Venedig“. Allein 20 Exponate nur von Bellinis begabtestem Schüler Tizian (1488-1556) sind dort noch bis zum 26. Mai zu sehen.

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Dieser letzte Absatz ist nicht im KULTURA-EXTRA Artikel erschienen:

Das Bild « Festmahl der Götter »  hat Giovanni Bellini in den Jahren 1515-1529 gemalt. Umfangreiche Ergänzungen hat u.a. sein Schüler Tizian vorgenommen. Es ist Teil eines Gemälde-Zyklus für Alfonso I d‘Este, Herzog von Ferrara, für sein Schloss.  Bellinis Gemälde misst 170 x 180 cm und gehört der National Gallery in Washington.  Bellini, der selten mythologische Themen aufnahm, hat sich hier an ein Thema von Ovid gelehnt.

festmahl der Götter von Bellini
Festmahl der Götter, Bellini 1514 (fertiggestellt von Tizian um 1529)

Merkur sitzt oder liegt vorne in der Mitte. Er scheint schon ein wenig zu viel Wein getrunken zu haben und wirkt ein leicht lächerlich mit seinem Blechnapf auf dem Kopf. Links von ihm Bacchus als Kind im blauen Kleidchen füllt gerade Wein ab. Dahinter Silenius mit einem Esel. Jupiter auf der anderen Seite hinter Merkur. Den Weinbecher in der einen Hand und einen Adler in der anderen.  Rechts neben Merkur sitzen wohl Cybele und Neptun in trauter Verbundenheit. Daneben Ceres und Apollo, ebenfalls trinkend. Zwei stehende Nymphen im Hintergrund, ein Satyr mit einer Schüssel auf dem Kopf. Eine halbnackte Schöne schläft am rechten Rand, ein stehender Mann neben ihr hebt das Kleid noch mehr zur Seite.  Es sind wohl  Priapus, der gerade die Nymphe Lotis veführt. Bei Ovid gelingt es ihm nicht und er wird zum Gespött der Götter. Pan sitzt nackt und Flöte spielend hinter Cybele. Am linken Rand ein weiterer Satyr von hinten.

Bellini hat hier Erotik und Humor vereint. 85 Golddukaten hat der Künstler von Alfonso d’Este dafür bekommen. Es sollte in einem der schönsten Renaissance Räume überhaupt hängen: im Alabaster Zimmer in Ferrara. Eine große Wertschätzung von Alfonso für den Künstler.

Nach dem Tod von Bellini 1516 haben zwei Künstler an dem Bild weitergearbeitet: Dosso Dossi und Tizian.

In der Ausstellung hängt das Bild neben einem Gemälde von Mantegna, in dem dieser sich ebenfalls mit Mythologie beschäftigt hat. « Minerva vertreibt die Laster aus dem Garten der Tugend ». Es entstand um 1500 und kam aus dem Pariser Louvre nach Berlin.

Die Metamorphosen (Verwandlungen) des römischen Dichters Ovid (um 1 n.C. bis ca. 30 – Ende der römischen Bürgerkriege) bestehen aus 15 Büchern von je ca. 800 Versen. Sie beschreiben die Entstehung der römischen und griechischen Mythologie auf der Basis von etwas 250 Sagen. Die Metamorphosen erfreuten sich immer großer Beliebtheit und wurden ab dem Mittelalter immer wieder von Dichtern und Malern als Inspirationsquelle benutzt. Das ging bis in die Barockzeit. Bei Ovids Geschichten geht es meist darum, dass ein Mensch oder ein Gott (kein wichtiger allerdings) in eine Pflanze oder in den Tier (auch Sternbild) verwandelt wird. Das Werk beginnt mit dem Paar Deukalion und Pyrrha, die einzig Überlebenden der großen Sintflut nach dem Chaos. Die Geschichten überschneiden sich auch schon mal. 

 

 

Christa Blenk

 

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Fernand Khnopff im Pariser Petit Palais

khnopff plakat
 Ausstellungsplakat vor dem Petit Palais

 

Le maître de l’énigme (Meister der Rätsel)

Der „Décadentisme“ oder die „Fin-de-siécle“-Bewegung entstand um 1880 als Widerstand gegen die nüchternen Errungenschaften der Wissenschaft und den technischen Fortschritt; beide raubten der Welt ihre Geheimnisse und Mysterien. Die impressionistische Malerei ging in die Natur, verließ intime Innenräume, die Musik erlebte um 1900 radikale, klangliche und rhythmische Erweiterungen  und die naturalistische Literatur besann sich darauf, die Leiden der nicht-privilegierten Gesellschaftsschichten zu beschreiben. Überall bewegte man sich auf Glatteis und Errungenschaften des Adels und gebildeten Bürgertums schienen nicht mehr zu gelten. Bewusster Realitätsverlust sollte verträumte, kitschige Stimmungen und die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Es entstanden Gruppen wie die Präraffaeliten oder die Nabis.

1886 veröffentlichte der Franzose Jean Moréas das „Symbolistische Manifest“. Der Symbolismus breitete sich in Europa, vor allem aber in Belgien schnell aus, während in Österreich Klimts Jugendstil das Sagen hatte.  Kunst sollte nur Schöpfung oder Kreation und nur sich selbst verpflichtet sein. Als Muse wurde der französische Dichter Charles Baudelaire erkoren und dessen Werk  „Die Blumen des Bösen“ (Les fleurs du Mal) wurde zur Bibel. Weltschmerz und Zukunftseuphorie im ausgehenden 19. Jahrhundert waren nahe beieinander wie Tod und Leben. Der Mann wurde zum frivolen Dandy und die Frau zur dämonischen femme fatale.

Fernand Khnopff (1858-1921), Dandy, Snob, Abkömmling einer gut bürgerlichen Juristen-Familie aus Brügge, schwamm und träumte mittendrin. Bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs der Traum wirklich zum Alptraum wurde.

Khnopff könnte durchaus im Frack an der Staffelei gestanden haben. In Brüssel hat er sich eine Art Heiligenschrein bauen lassen, seinen „Tempel des Ich“, wo er seinem Lieblingsgott, Hypnos, huldigen konnte.

Die Werkschau will die Atmosphäre der Villa Khnopff in Brüssel wiedergeben. So betritt der Besucher die Ausstellung durch das nachgebildete Portal dieses palastähnlichen, egozentrischen Hauses. Man weiß nicht sehr viel über ihn oder sein Leben – er hat es verstanden, auch daraus ein Geheimnis zu machen. Fasziniert war er von den Schriftstellern wie Mallarmé oder Rodenbach. Letzterer bekannt für das chef-d’oeuvre des Symbolismus: „Bruges-la-Morte“.  Auf Rodenbachs Wunsch hat Khnopff 1892 den Einband für das Buch entworfen. Er zeigt eine Ophelia mit langen, romantischen Haaren. Im Hintergrund ist eine Brücke über einen Kanal und Bürgerhäuser zu sehen. Der Komponist Erich Wolfgang Korngold hat über 25 Jahre später die Oper „Die tote Stadt“ aus diesem Stoff  komponiert.

Fasziniert sein Leben lang vom chthonischen, griechischen Schlafgott Hypnos, ist Khnopff der Meister der traumdeuterischen Malerei geworden. Für ihn war der Schlaf „das Perfekteste was unsere Existenz zu bieten hatte“. Es geht hier um den betörenden, geborgenen und behüteten Schlaf, jedenfalls auf den ersten Blick, ob daraus allerdings ein Nachtmahr voller Chimären werden sollte, bleibt dem Betrachter überlassen.

Khnopp, eigentlich Student der Rechtswissenschaften, kam in Brüssel über Galerie- und Salonbesuche zur Malerei. Weiterhin beeinflussten ihn Odilon Redon, Ingres, Delacroix oder James Ensor und natürlich Gustav Klimt. Mit ihm und Josef Hoffmann arbeitete er zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Palais Stoclet in Brüssel im Stil der Wiener Secession. Seine großen Vorbilder waren allerdings die englischen Präraffaeliten Edward Burne-Jones und Dante Gabriel Rossetti, deren Arbeiten er auf der Pariser Weltausstellung 1878 entdeckte. Sicher kannte er die Arbeiten der deutschen Nazarener-Gruppe, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Wien und Rom die Renaissance-Vergangenheit heraufzubeschwören versuchte .

Um 1600 ist seine Familie von Wien in die südlichen Niederlande gekommen. Erst mit 20 Jahren schrieb sich Khnopff an der Brüsseler Kunstakademie ein. Die ersten Werke waren naturalistische Landschaften oder Portraits.  1884 nahm er zum ersten Mal auf dem Pariser Salon teil und wurde sofort zum Liebling der Bourgeoisie. In den Jahren bis 1890 malte er 34 Portraits, immer wieder stand ihm seine Schwester Modell, mit ihr wohnte er auch bis zu seiner Heirat zusammen.

Vor 40 Jahre waren Khnopffs Arbeiten zum letzten Mal in Paris zu sehen. In Deutschland so gut wie gar nicht.  2004 gab es eine umfangreiche Ausstellung in Brüssel und Salzburg. Viele seine Werke sind in Privatsammlungen und aufgrund der Empfindlichkeit dieser ist es schwierig, sie zu transportieren. Eines seiner Hauptwerke und überhaupt eines seiner größten Arbeiten, das Gemälde  „Memories“ ist aus diesem Grund nicht nach Paris gekommen, es wird aber umfangreich und hinlänglich besprochen und mit Skizzen, Zeichnungen und Fotos dokumentiert.  Hier ist der Einfluss der gerade um sich greifenden Fotografie erkennbar, obwohl Khnopp diesen bei seinen Werken gerne geleugnet hat.  „Memories“ entstand 1889. Sieben junge Frauen der besseren Gesellschaft haben wohl gerade ihr Tennisspiel beendet. Die Lichtverhältnisse vermitteln eine Spät- Nachmittags-Stimmung. Sie stehen teilnahmslos und unabhängig einfach nur so auf dem Rasen, mit dem Tennisschläger in der Hand. Sie kommunizieren nicht miteinander, besprechen nicht freudig den Tag im Freien, das Erlebte oder feiern die Gewinnerin. Nein, ihre großen, kantigen Gesichter blicken ins Leere, ihre Hände oder Körper berühren sich nicht. Sie stehen da, wie eine Ballettgruppe, die auf den Choreografen wartet, um zu erfahren in welche Richtung sie sehen oder gehen oder was sie tun sollen. Vielleicht warten sie aber auch, in Teams eingeteilt zu werden und fangen gerade erst an zu spielen. Ein Ball ist nicht zu sehen und die Schläger wirken wie Dekor. Nicht einmal besonders sportlich sehen sie aus und ähneln Puppen, die nur unterschiedlich gekleidet sind: kein Wunder, seine Schwester hat für alle Sieben Modell gestanden. Ferdinand Hodler hat auch solche Gruppenbilder gemalt, bei denen kein Zusammenhang zwischen den Personen zu vernehmen ist.

Memories hängt im Musées Royeux des Beaux-Arts in Brüssel  und ist eigentlich auch nur wieder das Portrait einer Person. Personen, allein und verloren  im Bild, waren seine Lieblingsmotive.

 „I lock my door upon myself“ (ich schließe mich in mich selbst ein) entstand 1891. Es gehört der Neuen Pinakothek München. Khnopff, der ein großer Bewunderer des Aesthetic movement war, hat es nach einem Gedicht von Cristina Rossetti – die Schwester des Mitbegründers der Gruppe gleichen Namens – gemalt. Das Bild ist eine Allegorie der Einsamkeit inmitten von verdorrten Blumen. Es hat etwas morbides, verdorbenes, unheimlich trauriges und beschreibt den feinfühligen Defätismus, der Khnopff umgab. Eine Untergangsstimmung, die in vielen seiner Werke zu finden ist. Das bekannteste Bild von ihm  „L’art ou Des caresses“ (Kunst oder Die Liebkosungen) entstand fünf Jahre später. Darauf umarmt ein liebliches, androgynes Mädchen einen hermaphroditischen Geoparden mit gelocktem Frauen-Rotschopf. Beide Köpfe ähneln sich. Das Bild hängt im Musée Royeux des Beaux Arts Brüssel und ist eines der wenigen großflächigen Bilder, bei dem Körperkontakt besteht und das Bild des Symbolismus schlechthin.

Ab 1890  war Khnopff regelmäßig in London und mit dem Aesthetic Movement in Berührung. Die neuen Kunsttendenzen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind an ihm vorbeigelaufen. Er hat sich nicht wecken lassen, weder vom Kubismus noch vom Futurismus und auch nicht von den Expressionisten.

Wie hypnotisiert und vom Schlafgott Hypnos eingefangen  blicken die Frauen aus den Bildern mit großen Gesichtern. Man bekommt den Eindruck, dass er sich nie entscheiden konnte, ob er einen Mann oder eine Frau malen sollte.  Die Frauen oder Personen auf seinen Bildern blicken mit Nosferato-Augen wie durch eine Nebelschicht aus dem Bild heraus – frontal direkt auf den Betrachter gerichtet aber durch ihn hindurch.  Nebelschleier waren in Flandern sicher an der Tagesordnung und sorgen für diese entfernte Stimmung, oder das eingeschlossene der Gesichter, wie zu eng geratene Bilderrahmen. Bei Klimt oder von Stuck ist dies auch zu erkennen. Für Le Masque au rideau noir stand auch Schwester Marguerite Modell. Es ist 26,5 x 17 cm groß und aus einer Privatsammlung. Wie ein  Gespenst irrlichtet sie durch Khnopffs Werk. Auch nach seiner Hochzeit bleibt sie sein Gesicht. Er hat sie idealisiert. 1887 hat er von ihr ein Ganzkörperportrait erstellt. Dort steht sie wie eine weiße Karyatide, eingezwängt in einen Türrahmen mit verschobener Perspektive. Was wohl Freund hierzu gesagt hätte (der Wiener Tiefenpsychologe befasste sich in dieser Zeit vor allem mit der Hypnose)?

Das Triptychon Solitude besteht aus drei ca 150 x 45 cm großen Frauenkörpern: In der Mitte unnahbar, kalt, androgyn, schwarz gekleidet mit einem Schwert Solitude, flankiert von zwei Figuren aus dem Gedicht „The Faerie Queene“ von Edmund Spenser (1590). Auf der einen Seite Britomart, die keusche Kriegerin in einer Rüstung und auf der anderen Seite Acrasia, lockende, schöne Verführerin, nackt nur vom roten Haar oder einem transparenten Schleier entkleidet. Das Triptychon ist nur hier in der Ausstellung zusammen, ansonsten sind die Drei getrennt. Die Gemälde entstanden zwischen 1890 und 1892 und hängen im Musée Royaux des Beaux-Art de Belgique (Acrasia), in der Sammlung der Fondation Neumann, Gingins (Solitude) und in einer Privatsammlung (Britomart).

Auch aus der Mythologie bediente Khnopff sich gerne. „Sleeping Medusa“ (1896) zeigt den Kopf eine schlafenden Frau auf einem Adlerkörper; zwei Jahre später nahm er mit Le Sang de Médusedas Medusa-Thema nochmals auf. Diesmal sieht man nur Medusas Kopf mit Schlangenhaar, wieder sind ihre Augen geschlossen und ihr Kopf nimmt 2/3 des Bildes ein (21,2 x 13,4 cm). Die Gelb- und Grautöne werden nur von der goldenen Explosion unten rechts unterbrochen, als Pegasus aus dem Blut der Medusa entsteht.   

Khnopffs Landschaften erzählen von früher, sind Erinnerungen, vor allem an seine Ferien in Fosset oder die Kindheit in Brügge.  Auf ihnen erkennt man seine Bewunderung für die alten Flamen wie Memling, aber auch ein Einfluss von Vermeer kann nicht verleugnet werden.

Ein Bild heisst „Schumann hörend“ und zeigt den Schmerz und Kummer der in sich versunkenen Zuhörerin – dieses Mal war seine Mutter das Modell.  Es gibt ein ähnliches Bild von James Ensor „La musique russe“ das zwei Jahre vorher entstand und ihm wohl als Inspirationsquelle diente. Ensor war darüber nicht gerade beglückt und bezeichnete Khnopff als Plagiator, zumal die Bilder gleichzeitig im avantgardistischen Salon  XX – den beide mitbegründeten – gezeigt wurden. Die Beziehung der ehemaligen Freunde war für immer zerstört.

 

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 Portrait von Marguerite (hier steht sie als Karyatide in der Eingangshalle des Petit Palais),
 Ausstellungsraum und Eingang zur Ausstellung

 

Fernand Khnopff kannte keine Berührungsängste, arbeitete auch als Journalist und Dichter, Bilderhauer und Bühnenbildner.  1903 entwarf er die Kulissen für das Rodenbach Stück Le Mirage im Auftrag des Deutschen Theaters Berlin unter der Regie von Max Reinhardt.

Khnopff zählt zu den belgischen und europäischen Hauptvertretern des Symbolismus. Zu sehen sind meist zarte Arbeiten, ruhige, melancholische Landschaften, einsame Portraits, Traumwelten seiner Jugend oder Urlaubserinnerungen. Er selber wohnte lange bei seiner Mutter und seine Schwester Marguerite war sein Lieblingsmodell. Er hat bis zu seiner späten Heirat mit ihr gelebt, hat sie verkleidet, drapiert und idealisiert.  Ob die Beziehung der Beiden inzestuös war, weiß man nicht.  

Mit dem Pariser Petit Palais hat man einen perfekten Ort für diese Ausstellung mit ca. 150 Exponaten gefunden. Bis zum 17. März ist sie noch zu sehen. 

Die Schau entstand in Kooperation mit den Königlichen Museen der Schönen Künste in Brüssel. Michel Draguet, Direktor des Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Christophe Leribault, Direktor des Petit Palais und Dominique Morel vom Petit Palais haben diese sehr informative und umfangreiche Werkschau über Leben und Wirken des Künstlers zusammen gestellt. Die Exponate kommen aus Brüssel, anderen europäischen Museen oder (belgischen) Privatsammlungen. Sehenswert auf jeden Fall!.

Christa Blenk

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Foodcolour and Art – Nadine Ajsin

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Nadine Ajsin in der Galerie Makowski bei ihrer ersten Einzelausstellung
mit dem Bild „The Guitar“  - © Christa Blenk
 

Artikel für KULTURA EXTRA

Himbeer-Regenbogen in der Labor-Küche

„Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende“ (Demokrit um 400 v.C. )

Nadine Ajsin hat vor zwei Jahren ihr Leben und Künstlerleben komplett umstellen müssen, als sie nach einer schwerwiegenden Kohlenmonoxid-Vergiftung chronische Allergien auf  Acryl- und Ölfarben, Duftstoffe oder sonstige Chemikalien, die eine Künstlerin für ihre Arbeit braucht, entwickelte. Die zweifache Mutter, die mit ihrer Familie in der Nähe von Mannheim lebt und in Heidelberg Kunst studiert, kann nur mit Atemmaske am öffentlichen Leben teilnehmen. Aber: Not macht erfinderisch!  So entstand die Idee, mit Lebensmittelfarben zu malen. Da diese aber recht schnell vergammeln oder Schimmel ansetzen, musste sie eine Lösung finden, ihre Arbeiten haltbar zu machen. Jetzt kommt ihre Spiegelreflex ins Spiel. Die Künstlerin fotografiert also ihre essbaren Kunstwerke und lässt sie anschließend großformatig als Echtfotoabzug in Ultra HD auf Alu Dibond drucken. Allerdings legt sie großen Wert darauf, dass jedes Bild – trotz dieser Technik –  ein Unikat ist; auf dem Computer bessert sie höchstens mal einen Farbton nach oder korrigiert die Schärfe.

Das alles hat vor weniger als einem Jahr begonnen. Die Kunstwelt hat auf ihre mutige und einfallsreiche Idee recht positiv reagiert und Ajsin ist seitdem zu verschiedenen internationalen Kunstmessen eingeladen worden. So waren ihre Werke auf der Art Fair Zürich oder auf der Kunstmesse Leipzig zu sehen. Auf der Red Dot in Miami war sie mit zwei großen Werken vertreten.    

Ihre Küche wird zum Labor-Atelier und die Zaubersprüche findet sie auf einem Marmeladenbrot, Wassereis oder im Nudelwasser. Denn wenn dieses übersprudelt, entstehen individuelle, aleatorische und nicht reproduzierbare, flüchtige Formen die entschwinden, sobald der Wischlappen zum Einsatz kommt. Aber die Künstleraugen haben die Formen registriert und so entstehen knallige, gegenstandslose Arbeiten. Diese spontane und zufällige Formauflösung lässt nur noch Farben zu. Ajsin ist ein action painter mit einem Hauch Art brut und muss sich weder an Regeln, vorherrschende Stile oder Protokolle halten, wie das auch schon die Maler zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht getan haben.  Ein leeres Blatt erobert sie sich, in dem sie persönliche Stimmungen oder Gefühle einfach aus sich heraus sprudeln lässt. Erst wenn sie entscheidet, dass das Werk fertig ist,  kann sie aus dem Raum gehen und sich anderen Dingen zuwenden. Deshalb fühlt sie sich auch zu Künstlern wie Dietmar Brixy oder dem Künstlerduo Herakut hingezogen aber auch Branskys provokative Schredder-Aktion fasziniert sie.

Ihre Farbpalette riecht nicht nach Ölfarben oder Spiritus sondern nach Himbeeren, Zitronen oder Pflaumen. Die Zutaten für ihre Gemälde holt sie sich nicht aus einem Künstlerzubehörgeschäft sondern aus dem Bioladen oder aus dem Supermarkt. . Lebensmittelfarben sind unkompliziert und lassen sich ganz leicht mischen. Mit Pinsel unterschiedlicher Größen oder auch mit ihren Fingern trägt sie die Azo-freien Lebensmittelfarben auf große Geschirrplatten, Obstteller oder andere glatte Oberflächen auf. Die meisten Werke sind gegenstandslos. Das Bild The Guitar (150 cx 100 cm) hingegen ist eines ihrer wenigen Bilder im Längsformat; sie hat es  für einen Musikerfreund entworfen.

Nadine Ajsin ist naturverbunden und sieht und riecht überall bunte Blumen. Ihre Allergien verhindern praktisch größere Reisen. Sie lernt die Welt durch ihre Arbeiten kennen und wenn ein Bild von ihr in Miami ausgestellt wird, dann ist sie in Gedanken mit dabei. Natur, Freiheit, Ursprung, Unendlichkeit sind ihre Maxime. Sie ist eine lebensbejahende Optimistin und drückt das mit den Knallfarben aus, obwohl die leidenschaftlichen Blüten nicht nur an Georgia O’Keefes nahsichtige Blumenmotive sondern auch an fleischfressende Gewächse denken lassen, die sie paradoxerweise mit essbaren Farben malt. Das Begehen von unbekannten Wegen bedeutet für Ajsin auch eine Reise ins Vertrauen. Nadine Ajsin ist eine Frau, die – um mit Fontanes Worten zu sprechen – ein Dutzend Austern bestellt, in der Hoffnung, sie mit der Perle, die sie darin findet, bezahlen zu können.

Manche ihrer Arbeiten bewegen sich weg von der berauschenden, farbenprächtigen karibischen oder asiatischen Flora und Fauna. Einige ihrer Werke wirken wir Riesen-Vergrößerungen eines Mikroorganismus, den man  durch ein Reagenzglas in Vergrößerung betrachtet. Es sind ungehemmte Farbkombinationen und Klekse unter dem Mikroskop. Vielleicht spielt ihr hier das Unterbewusstsein einen Streich, denn bedingt durch ihre Allergien, hat sie so einige Krankenhausaufenthalte hinter sich. Aber auch diese Bilder vermitteln keine dramatischen Situationen, es sind eher fröhlich tanzende und sich amüsierende Einzeller, bunte Organismen.   Ahmt hier die Kunst das Leben nach oder das Leben die Kunst. Diese Frage hat sich Oscar Wilde schon gestellt.

Wenn man ihre Kunstwerke einem Stil zuordnen möchte dann wäre das ein individueller, abstrakter, informeller Neo-Expressionismus. Die Farben fließen wie zarte Rinnsale ineinander, trennen sich und vereinen sich schließlich zu wuchtigen, kompakten Farbflächen. Sie fängt den Zauber mit ihrer Farbpalette ein und wer weiß – ihre Kinder essen himbeerfarbenen Spinat vielleicht genauso gerne wie Eis am Stiel.

Nadine Ajsins Kunst ist noch ganz am Anfang, aber das Potential, den Mut und die Kraft einer originellen Künstlerin hat sie allemal.

Beyond The Horizon titelt ihre erste Solo-Show in Berlin, zu der sie mit ihrer Familie im Zug angereist ist. Die Schau ist noch bis zum 7. März 2019  in  der Galerie Makowski in der Friedrichstraße zu sehen. Anschließend werden einige ihrer Bilder zur Art Fair nach Bath reisen, dann nach New York und schließlich von dort zur Asia Contemporary Art Show nach Hong Kong. Nadine Ajsin wird  in Gedanken mit dabei sein.

 

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Besucher in der Galerie Makowski am Tag der Vernissage

 

Christa Blenk

 

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Bunte Steine – Kolbe Museum

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Garten im Kolbe Museum

Seit dem 23. Februar 2019 stellt das Kolbe Museum drei lebende Künstler aus drei Generationen vor, die sich mit dem Konzept « Stein » befassen. Der britische Bildhauer William Tucker (*1935) formt Bronzekörper, die wie riesige Steine oder Felsbrocken aussehen. Sie heißen « Ikarus », « Golem » oder « Homage to Rodin » und sind in den 1990er Jahren entstanden.

William Tucker wurde in Kairo geboren und lebt und arbeitet  heute in New York. In den 1970er Jahren gehörte er der Gruppe „New Generation“ an, die eine wichtige Wegbereiter-Rolle bei der abstrakten Skulptur inne hatte. 1968 war er Teilnehmer an der documenta IV. Seine Arbeiten sind wuchtig-poetisch und lassen Figuration auf jeden Fall erahnen. Als Ganzes sind die Werke abstrakt aber voller Ecken und Kurven, die die Phantasie ankurbeln.  Tuckers Steinbrocken sehen aus, als ob die Natur so geschaffen hätte, die Namensgebung spricht aber von seiner Intervention. Naturverbundene Figuration, menschliche Torso- oder Kopf-Formen.

Mit Glas arbeitet der Berliner Künstler Kai Schiemenz (*1966). Er experimentiert mit farbigem Glas. Die hier gezeigten  Arbeiten erinnern an die transparenten Fenster in Treppenhäusern oder in modernen Kirchen. Während er früher  Skulpturen schuf, die begehbar waren, haben seine bunten Glassteine  etwas körperlich-architektonisches. Diese eher ready mades wirken trotzdem kalt und stehen im krassen Gegensatz zu den natürlichen, anfassbaren Skulpturen von Tucker.

Der Dritte im Bunde ist der in der Schweiz geborene und in Leipzig arbeitende Maler Stefan Guggisberg (*1980). Guggisberg befasst sich in seinen Bildern mit Mauern, Menschen oder Steinen. Die Formen auf seinen hier ausgestellten blauen (Meeres)Bildern sehen aus wie Muscheln oder Meerestiere aus Kapitän Nemos « Nautilus ».

Es ist nicht leicht, die Verbindung zwischen den Skulpturen und den Bildern herzustellen und Tuckers Werke verlieren an Kraft in Verbindung mit den anderen gezeigten Arbeiten.

 

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Ausstellungsräume (Schiemenz, Guggisberg und Tucker)

 

Die beiden Kuratorinnen der Ausstellung, Katherina Perlongo und Dr. Elisa Tamaschke, haben sich bei diesem Konzept an die Steinsammlung von Adalbert Stifter angelehnt. 1853 erschien sein Geschichtenband « Bunte Steine »; in ihm tauft er seine Erzählungen mit Steinnamen wie Granit, Bergkristall oder Turmalin. 30 Arbeiten sind zu sehen und die Ausstellung läuft noch bis zum 1. Mai 2019.

Im Keller des Museums sind derzeit Kolbes Köpfe zu sehen.

Das Café K lohnt ebenfalls immer einen  Ausflug ins Westend.

cmb

 

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Farbe und Licht – Henri-Edmond Cross

Im Museum Barberini sind noch bis zum 17. Februar 2019 Gemälde des Neoimpressionisten Henri-Edmond Cross zu sehen.

Henri-Edmond  Cross (1856-1910) zählt zu den bekanntesten französischen Neo-Impressionistsen, eine Bewegung, die  ab 1890 mit anderen Maltechniken experimentierte. Wichtige Komponente hierfür war das Licht und davon gibt es in Südfrankreich viel. Der Kritiker Félix Féneón prägte den Begriff Neo-Impressionismus 1886 , um die Bilder von Seurat oder Signac von den Impressionisten zu unterscheiden. Wir kennen diese Stilrichtung auch als Pointillismus oder Post-Impressionismus.

Bei Cross’ Bildern tauchen  die Farben des Fauvismus auf und einige Bilder zeigen  in einen naiven Symbolismus wie das Bild « Das Haar » von 1892 oder ein Bild aus der National Gallery Washington « Calanque des Antibois ».

100 Bilder, zum Teil aus Privatsammlungen, sind zu sehen.

Die Ausstellung wurde vom Musée des Impressionnismes Giverny in Zusammenarbeit mit dem Museum Barberini organisiert – unterstützt vom Musée d’Orsay, Paris und ist durchaus sehenswert.

cmb

 

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