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Lowis Corinth und der Akt um 1900

 

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Ausstellungsplakat

 

Nackt und bloß ist der Titel einer Ausstellung im Landesmuseum Hannover, die Lovis Corinth und dem Akt um 1900 gewidmet ist, einer Epoche zwischen Prüderie und Moderne. Es ist die erste Ausstellung die sich mit Corinths Akten beschäftigt und einige noch nie gezeigte Arbeiten sind zu sehen. Provozierend, expressionistisch, robust, krude und aggressiv sind die Bilder, die sich viel mit der Antike beschäftigen, aber weit davon entfernt sind, idealisierend zu sein. Der Akt war zentrales Motiv von Corinths Arbeiten. Manchmal blickt uns die Abgebildete direkt an, wie in dem lebensnahen Gemälde Die Nacktheit. Eine ruhende, müde Venus mit Amorknaben.

In Hannover werden seine Bilder welchen von  Degas, Renoir, Slevogt oder Modersohn-Becker gegenüber gestellt. Die meisten Arbeiten stammen aus den Beständen des Museums und werden durch Leihgaben ergänzt. Insgesamt sind 11 Gemälde, 55 Grafiken, 3 Skulpturen zu sehen.

Das Ausstellungsplakat ist ein Stehender Akt. Man bekommt den Eindruck, dass die Sitzung wohl beendet ist. Das Modell hat ihre Pose aufgegeben, nur noch ein Arm bleibt in der Höhe. Will sie sich den Schweiß nach stundenlangem Sitzen von der Stirn wischen oder denkt sie „endlich vorbei“? Sie steht auf einem Teppich und ist noch oder schon halb in einen schützenden Mantel gehüllt. Die Kunstgeschichte sagt dazu, dass vorbereitende Bilder zu diesem Akt beweisen, dass Corinth die Szene gestellt hat.

Lovis Corinth (1858-1925) gehört zu den bedeutendsten deutschen Malern – mit Max Slevogt und Max Liebermann – der Transition zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert. Seine Werke sind  Übergang vom späten Impressionismus zum Expressionismus. 1880 besuchte er die Kunstakademie München; München war damals neben Paris ein wichtigstes Zentrum für Kunst und Maler. Schon damals interessierte er sich sehr für die Aktmalerei. Wie alle Maler vor und nach ihm, ging auch er nach Italien, nach Paris und nach Flandern und holte sich Inspiration, später arbeitete Corinth in Berlin. Er wurde beim Pariser Salon ausgezeichnet, ließ sich aber schließlich in München Schwabing nieder und malte im Freien bis er mit den Schlachthausszenen wieder in die Münchner Kunstszene aufgenommen wurde. 1895 verkaufte er sein erstes Bild – eine Kreuzabnahme, aber seine Salome, in der er so große Hoffnung gesetzt hatte, wurde 1900 von der Münchner Sezession abgelehnt und schaffte es erst in der Berliner Sezession zum Erfolg. Später, immer noch in Berlin, arbeitete er mit Max Reinhardt zusammen und schuf das Bühnenbild für eine Salome Inszenierung von Oscar Wilde und für   Pellésas et Mélisande con Maeterlinck. Ab 1910 gehörte er zusammen mit Liebermann und Slevogt zu dem beliebtesten Maler in Berlin und hatte durchaus Verkaufswert. Schon 1913 erschien seine erste Monographie. Nach dem Krieg und aus Anlass seines 60. Geburtstages veranstaltet die Berliner Secession eine Ausstellung mit 140 Werken von ihm. Und zu seinem 65. eine weitere in der Nationalgalerie mit 170 Arbeiten. Die Nazis lehnten seine Arbeiten ab und im Zuge der Reinigung wurden 296 Bilder beschlagnahmt bzw. in der Münchner Ausstellung Entartete Kunst gezeigt. Ein Großteil seiner Gemälde ging anschließend in die Schweiz oder ins andere Ausland. 1925 wurde er zum Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Künste ernannt. Kurz vor seinem Tod machte er noch eine Reise nach Amsterdam, um die Bilder von Frans Hals und Rembrandt zu studieren, während dieser Reise erkrankte Corinth und starb an einer Lungenentzündung.  Er wurde allerdings überführt und  in Berlin auf dem Südwestfriedhof Stahnsdorf beigesetzt.

Christa Blenk

Max Liebermann

 

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Zwischen Ostsee und Achterwasser

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Blick vom Garten auf Leiter, Boot und Achterwasser

 

Nur knapp 300 Meter Land, ein wenig mehr als ein Steinwurf, liegen dort Ostsee und Achterwasser. Auf dieser engsten Stelle der Insel Usedom steht ein S-Bahn-Wagen. Der Maler Otto Niemeyer-Holstein (1896-1984) hat ihn im Jahre 1932 für 60,50 Mark in Berlin-Rummelsburg gekauft und ihn 1933 (ohne Räder, denn diese hat jemand anderes gekauft) unter großem finanziellen und technischen Aufwand und mit viel Phantasie an diesen sandigen Fleck gebracht. 1932 legt er dort – aus Berlin kommend – mit seinem Segelboot Lütter an. Außer einem großen Schuppen, einem holprigen Pflastersteineeg, ein wenig Ried und krumme Weiden gibt es sonst dort nichts. Genau was er sucht, nur ein paar Meter zum Strand. „Hier will ich leben, hier will ich sterben“, ruft er und geht an Land. Niemeyer hat sein Paradies, sein Refugium, das ihm für den Rest seines Lebens Geborgenheit, Schutz und Inspiration werden sollte, gefunden. Sein Segler „Lütter“ sollte auch dem Ort Lüttenort den Namen geben.

Der Maler Niemeyer, der eigentlich Gärtner werden wollte, hat im Laufe der Zeit einen Skulpturen-Zaubergarten um den Wagen herum angelegt, wie ihn Klingsor nicht schöner hätte erträumen können. Jahrelang waren er und seine Familie Selbstversorger. Im Obstgarten lehnt immer noch die lange Leiter am Baum und lädt zur Ernte ein. Weiter weg entdeckt man eine leicht überwucherte Getreidemühle und eine große Schiffsglocke. In einer anderen Ecke – im japanischen Garten – gibt es China-Wacholder und allerlei Sträucher und ein wenig weiter liegt der  Kastanienhof sowie ein Quittengarten  und von fast allen Plätzen aus kann man auf eine Lagune des Peenestromes, das Achterwasser, blicken. Dort liegt noch ein Boot und der Wind streift leise über die Schilfgräser, vertreibt die Wolken und lässt die Konturen überdurchschnittlich scharf hervortreten. Alles ist sehr gepflegt und doch ist hier die Natur kein bisschen beschnitten.

 

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« Paar » Wolf-Eike Kuntsche; Waldemar Grzimek « Torso »; Wieland förster « Große Stehende »

 

31 Skulpturen von Künstlerfreunden wie Waldemar Grzimek, Sabina Grzimek, Sabine Teubner, Wolf-Eike Kuntsche, Werner Stötzer und viele mehr beleben den Garten, verstecken sich und stehen miteinander im Dialog. Niemeyer hat sie entweder geschenkt bekommen oder sie gegen seine Bilder eingetauscht. Auch die Kopie eines römischen Augustus‘ ist darunter. Zweige ringen sich um seinen Fuß, fast wie bei Berninis Daphne. Dieser Garten gehört sicher zu den schönsten Skulpturengärten, die ab den 1960er Jahren fast überall in Europa wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Ich denke da an das Kröller-Müller Museum/Otterlo, die Skulpturenmeile in Hannover oder die Museumsinsel Hombroich. Ein Tor aus alten Schiffsbalken führt auf der Rückseite zum Achterwasser. Eine Zeitlang ist auch allerlei Viehzeugs dort rumgelaufen, das dann später auf den Tisch kam. Die Not war oft groß, denn erst ab den 1960er Jahren hat Niemeyer-Holstein gut vom Verkauf seiner Bilder leben können. Unter der recht einfachen Einrichtung sticht das Kieler Zimmer besonders heraus. Niemeyer hat es aus seinem großbürgerlichen Elternhaus in Kiel auf die Insel transportieren lassen. Das einzige was ihm aus der Zeit geblieben ist.

 

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Griechische Skulptur mit Blick auf das Haus

 

Das was man heute dort sieht erinnert nur noch ganz entfernt an das unwirtliche, kleine Stück Moorland. Der Boden ist befestigt und der Garten gewachsen, wie dies auch die Bäume und Sträucher taten. Sogar der S-Bahn-Wagen bekommt nach und nach ein Obergeschoss mit Schlafräumen, die über eine ganz steile Hühnerleiter zu erreichen sind, und links und rechts gibt es jetzt kleine Anbauten. Von außen erkennt man den Wagen nur noch, wenn man weiß, dass er die Basis dieser originellen Behausung bildet. Tritt man aber ein, ist man überrascht, wie breit so ein öffentliches Transportmittel doch ist. Erst viele Jahre später kann Niemeyer sich ein gemütliches und sehr schönes Atelier in der Nähe des Wagen-Hauses errichten. Dorthin zieht er sich auch zurück, wenn ihm die Besucher einmal zu viel werden. Tabu steht an der Tür und daneben hat der ehemalige starke Raucher handschriftlich einen Hinweis auf das herrschende Rauchverbot angebracht.

 

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ONHs Weg zum Strand und Wellenbrecher

 

Hier ist die Zeit stehen geblieben. Es fehlt nur noch, dass plötzlich der Wasserkessel zu pfeifen anfängt und uns der Duft eines selbst gebackenen Marmorkuchens in die Nase steigt. Sogar der Fellmantel, den er immer trug, wenn er im Winter Bahn und Straße  überquerend zum Meer ging, hängt noch dort und macht ihn unsterblich.

1896 wird Niemeyer als Kind eines international bekannten und recht wohlhabenden Völkerrechtlers geboren. Schon mit knapp 10 Jahren schenken ihm seine Eltern das Segelboot Lütter, mit dem er 25 Jahre später Usedom erreichen sollte. 1914 meldet er sich freiwillig zu den Husaren und kehrt verletzt wieder nach Hause zurück. Um sich zu erholen, schicken ihn die Eltern in die Schweiz und dort fängt er an zu malen – aus Langeweile und als Autodidakt wie er selber sagte. Fundamental für seine Künstlerkarriere ist die Begegnung mit Alexej von Jawlensky und dessen Partnerin Marianne von Werefkin. Der Bohemien-Lebensstil der Beiden liegt ihm, dem gutbürgerlichen Kieler Kind zwar nicht, auch war ihm Jawlenskys schriller Expressionismus zu kompliziert und zu weit hergeholt aber Niemeyer lernt, wie wichtig es für einen Künstler ist, eine eigene Handschrift zu haben. Er weiß nun, was er will: nämlich malen, was sein Auge wahrnimmt, nicht mehr und nicht weniger. Mit 24 heiratet er Hertha Langwara, eine sensible und weltfremde Sängerin. Die beiden bekommen einen Sohn. Herthas Bildnis entsteht 1920; es lässt den Einfluss von Jawlensky erkennen. Das Portrait hängt im Museum in Lüttenort und ist sicher eine seiner interessantesten Arbeiten.

 

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 Tor zum Achterwasser

Lyonel Feininger lernt er 1923 kennen und gründet mit anderen Malern kurz darauf die Künstlergruppe Der Große Bär in Ascona/Italien. Es gibt ein Bild von ihm in Anzug und Weste in den Schweizer Bergen wo er eher wie ein Fremdkörper in der Landschaft steht und als Maler nicht zu identifizieren ist. Ein Jahr später lässt er sich von Hertha scheiden. Seine zweite Ehe mit der gebildeten Annelise Schmidt sollte sein Leben lang halten. Aber auch Begegnungen mit Otto Manigk oder Herbert Wegehaupt, der sich übrigens auch auf der Insel Usedom niederließ,  waren wichtige Ereignisse in seinem Leben.

« Der hat mir interessiert, aber ick hab’n noch ‘n kleen’ Stups jegebn. Aus dem wird wat, denn der klaut sich de Farben aus’m Meer » (der Berliner Maler Max Liebermann über Niemeyers Malversuche in den 1920er Jahren)

Hin und wieder macht Niemeyer einen Anlauf und schreibt sich in einer Kunstakademie als Student ein, muss aber nach kurzer Zeit feststellen, dass ihn der dort gepredigte Akademismus nicht weiter bringen wird und bricht ab. Otto Niemeyer-Holstein, der seine Bilder mit ONH signierte, war und blieb ein Autodidakt, geprägt von Menzel und Morandi, den großen Franzosen des 19. Jahrhunderts wie Cezanne oder Gauguin, aber auch von den Malern der Brücke, von Heckel oder Otto Müller. Paula Modersohn-Beckers Farben tauchen immer wieder auf und einige seiner Akte erinnern an Picassos blaue und rosa Periode. Mit der Zeit wird aber die Ostsee sein Modell. Tagein, tagaus besucht er sie und malt die täglichen Stimmungen, die Wasserveränderungen, die Wellenbrecher, Eisberge am Strand oder den Weg dorthin. Die permanente Suche, die Ostsee zu verstehen, sie festzuhalten,  hat ihn zum Künstler gemacht. Bildnisse nennt er seine Portraits. Sie sind neben Landschafts- und Naturbildern der Hauptbestandteil seines künstlerischen Werkes.

Die Niemeyers leben zwar zurückgezogen, aber nicht isoliert. Dafür hatten sie viel zu viele sehr interessante Freunde auch aus der wilden Berliner Zeit in den 1920er Jahren. Man führt ein offenes Haus und ständig kommen Freunde oder andere Künstler zu Besuch, es herrscht reger künstlerischer Austausch. Seefahrer aus dem Ort bringen ihm afrikanische Masken und Skulpturen von ihren Reisen mit und bekommen Bilder dafür.

Das Werkeverzeichnis des Museums ist ein unglaublicher Spaziergang durch die Moderne. Angezogen vom Expressionismus und von der Neuen Sachlichkeit, kümmern ihn Tendenzen oder Moden trotzdem eher weniger.

Anfangs waren es nur ausgedehnte Sommer, die die Familie auf Usedom verbringt. Ab 1939 wird das Refugium zum permanenten Wohnsitz. Peenemünde ist nur knapp 30 km von Lüttenort entfernt und der Krieg bringt so einige kritische Momente. Ab 1940 versteckt er aber trotzdem seine jüdische Schwiegermutter dort. Hin und wieder fallen Bomben in die angrenzenden Wiesen und in den letzten Kriegsmonaten wurde das Land um ihn herum vermint, aber die geplante Sprengung 1945, die diese engste Stelle auf der Insel, wo sein Haus steht, fluten sollte, wird nur ganz knapp verhindert, weil sowjetische Truppen die Insel besetzen.

Vor dem Krieg waren seine Werke von den Nazis „nicht erwünscht“ (allerdings wird Niemeyer nur in wenig Museen vertreten und so konnte auch nur ganz wenig verschwinden) und nach dem Krieg, in den 1950er Jahren gerät ONH in den Kunststreit der DDR. Eine Ausstellung in Dresden findet ohne seine Bilder statt. ONH malt Lenin-Ikonen  für öffentliche Gebäude. Er darf dann aber doch 1954 in Mannheim ausstellen. In den 1960er Jahren reist Neumeyer nach China, Taschkent, Samarkand und Buchara und wird 1963 Präsident der internationalen Ostsee-Biennale in Rostock. Erst ab den 1970er Jahren häufen sich seine Ausstellungen, auch in Italien und Norwegen. 1981 wird sein Gesamtkunstwerk in Rostock gezeigt und der Fernsehfilm „Und der Strand ist meine Geliebte“ gedreht. Ein einfühlsamer, langsamer Film mit vielen Sprechpausen. Er läuft im Museum und ist wirklich sehenswert. ONH sagt ganz wichtige Dinge so en passant, als ganz persönliche Reflexion. Er hätte kein Talent, er müsse sich alles erarbeiten. Aber das sei gut so. Künstler mit viel Talent sind mit 25 Jahren fertig.. 86jährig lernt er immer noch täglich etwas hinzu. 1984 stirbt Otto Neumeyer-Holstein und ein paar Monate später folgt ihm seine Frau Annelise.

 

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 Eingang zu seinem Atelier

 

Schon ein Jahr nach seinem Tod, also 1985, wird Lüttenort Museum und Ort der Begegnung -ganz nach seinem Wunsch. Dort finden jetzt regelmäßig Konferenzen und Konzerte statt und abwechselnd auch Ausstellungen mit Werken von seinen Malerfreunden. Das Museum wird 2001 nahe am Atelier errichtet. Ein kleines Paradies, bei dem die vielen Bäume den Lärm der Schnellstraße fast komplett auffangen.

Otto Neumeyer-Holstein hat an die 5000 Arbeiten (Zeichnungen, Aquarelle, Ölgemälde oder Radierungen) hinterlassen. Ein Großteil gehört dem Museum. Die Bilder hängen aber auch in  Museen in Berlin, Leipzig, Rostock, Dresden, Ascona, Kiel, Oberhausen, Mannheim oder im Folkwang Essen zu sehen. An die 500 sind in Privatbesitz, die meisten dokumentiert und in einem sagenhaften Werkeverzeichnis aufgeführt.

Christa Blenk

Fotos Christa Blenk

 

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Rudolf Belling – Skulpturen und Architekturen

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 Styropor Modell der Reifenwerbung von AVUS

 

Kino, Autoreifen, Boxer und entartete Kunst

Berührungsängste kannte Rudolf Belling (1886-1972) nicht und trotzdem kennen wir ihn vor allem als Bildhauer. Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof zeigt nun ein komplettes Repertoire und das geht vom Kinoausstatter über Reifenwerbung bis zum Hofbildhauer in der Türkei.

Schon 1924 hatte die Berliner Nationalgalerie Rudolf Belling eine erste Ausstellung gewidmet. Belling galt damals als Pionier der abstrakten Plastik und als mutiger und unabhängiger Tausendsassa.

Die erste umfangreiche Retrospektive stellt die Bedeutung Bellings für die Avantgarde in den Mittelpunkt. 11 Schlüsselwerke der 80 Exponate aus der Sammlung der Nationalgalerie bilden die Grundlage der Ausstellung, die Bellings Wirken zwischen den Jahren 1910 und 1972 dokumentiert. Er selber hat sich gerne als Handwerker bezeichnet. Neben Projektmodellen, architektonischen Ideen und Filmausschnitten gibt es Zeichnungen, Fotos und viele Skulpturen zu sehen. Die ausgestellten Arbeiten beleuchten das breitgefächerte und grenzüberschreitende Schaffen von Rudolf Belling.

Richtig zuzuordnen ist er eigentlich keinem Stil, aber das traf in den 1920er Jahren – wo sich die europäischen Kunsttendenzen hin und her kreuzten – auf viele Künstler zu.

Nach einer kaufmännischen Ausbildung macht Belling eine Lehre in einer kunstgewerblichen Werkstatt in Berlin. Er belegt Abendkurse im Zeichnen und Modellieren und eröffnet schon 1908 mit einem anderen Künstler ein Atelier für Dekoration und Kunstgewerbe. Bald schon spezialisiert sich das kleine Geschäft auf Theaterausstattungen vor allem für Max Reinhardt. Seine Arbeit als Bühnenausstatter bringt ihm den Expressionismus und den Ausdruckstanz nahe. Er selber war ein leidenschaftlicher Tänzer und wird in den 1920 Jahren die Tänzerin Freeden heiraten.

1914 entwirft er Kostüm und Maske der Golem Figur für drei Filme, die Paul Wegener über diesen Mythos dreht. Die Versionen der Golem-Filme von 1914 und 1917 sind leider verschollen, aber vom dritten Film „Der Golem, wie er in die Welt kam“, der 1920 entstand, werden in der Ausstellung Fragmente gezeigt. Seine androiden und zukunftsweisenden Roboter-Ideen finden sich im Golem-Kopf aber auch in Portraits wie Kopf in Messing (1925) oder Skulptur (1923) wieder, die direkt aus Star Wars zu kommen scheinen.

In seiner kubistisch-expressiven Phase, beeinflusst von den futuristischen Ideen der Italiener wie Boccioni oder Marinetti oder von seinem Künstlerfreund Alexander Archipenko entstehen viele Skulpturen wie 1919 die Rundplastik Dreiklang. Sie ist aus Birkenholz und Mahagoni und gehört der Nationalgalerie. Diese Skulptur zählt zu seinen wichtigsten Arbeiten. Im Gründungsjahr des Bauhauses liegt er mit diesem Formenverständnis von Raum und Plastik genau richtig Hier treffen Malerei, Bildhauerei, Musik und Architektur aufeinander. Eine Hauptansicht gibt es bei Dreiklang  nicht. Man kann um sie herumgehen und ist versucht, den besten Blickpunkt zu finden, die Entscheidung fällt schwer.

 

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Umberto Boccioni (links) rechts Dreiklang von Rudolf Belling

 

„Wenn ich eine Skulptur mache, so organisiere ich die Formen und lasse sie wachsen wie einen Baum oder Menschen.“

Dreiklang zeigt die gleiche Dynamik und Energie wie Umberto Boccionis bekannte Plastik Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum (1913). Die italienische Futurismus-Ikone passt genau in Bellings Konzept dieser Epoche. Hier war er hin- und hergerissen zwischen dem Bergarbeiter, der an den sozialistischen Realismus denken lässt und dem Schrei der Auflehnung des futuristische Manifestes von Marinetti, der mit der alten (italienischen) und ranzigen Vergangenheit nun endlich abschließen wollte und den Mut zur Verrücktheit, zur Raserei, zu Schnelligkeit pries und verherrlichte. Belling hat sicher die futuristische Wanderausstellung gesehen, die mit großem Erfolg 1911 in Mailand gezeigt wurde und anschließend u.a. nach Paris, London, Wien, Brüssel, München und natürlich nach Berlin kam. Die Wirkung auf die lokale Kunstszene war enorm und die Besucher bekamen gar nicht genug von der Vielfältigkeit und dem Rausch des Neuen.

13 Futuristen kamen übrigens in dem Krieg – den sie so verherrlichten – um!

Nach dem ersten Weltkrieg, den Belling als Soldat erlebt, wird die Künstlervereinigung Novembergruppe gegründet, bei der Belling bis 1932 im Vorstand ist. Der Zulauf ist enorm und schon in den ersten Monaten zählt die Gruppe 170 Mitglieder, viele aus dem Umfang von Erwarth Walden, aber auch italienische Futuristen, DADA-Vertreter und Mitglieder des Bauhauses sind darunter. 1933 wird die Gruppe aufgelöst und aus dem Vereinsregister gestrichen. 

 

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Josef von Sternberg und Der Boxer

 

In der surrealen Neuen Sachlichkeit und beeinflusst vom futuristischen Manifest befasst er sich  in den 1920 Jahren auch mit dem Thema „Mensch-Technik-Maschine“ und experimentiert mit neuen Materialien. In dieser Zeit portraitiert er die Sozialdemokraten und entwirft 1926 die Kühlerfigur Horchtier für eine Autofirma. Das Konzept eines Gesamtkunstwerkes, der Leerraum als Gestaltungselement beschäftigt ihn und Belling entwirft zusammen mit anderen Architekten  visionäre Projekte für Innenräume, utopische Bauten oder Brunnen und erfindet die moderne Schaufensterpuppe.

Aus dieser  Zeit stammt auch die Werbung für den Reifenhersteller Pneumatik Harburg-Wien an der AVUS-Rennbahn. Das Original war ca. 7 Meter hoch. Ein Styropor Modell steht am Eingang.

Das  wandgroße Foto des « Futuristischen Carneval » von 1921 hängt im ersten Saal; Belling hat hier für eine  Eisrevue im Admiralspalast  jede Schlittschuh-Figur in einer anderen Stilrichtung gekleidet. Es erinnert an Oskar Schlemmers Triadisches Ballet.

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Futuristischer Carneval (1922)

1927 wird Max Schmeling Europameister im Halbschwergewicht. Zwei Jahre später hält der sportbegeisterte Belling Schmeling in Bronze fest. 1930 entsteht das Portrait von Joseph von Sternberg, der 1929 aus den USA nach Deutschland kommt, um mit Marlene Dietrich den „Blauen Engel„ zu drehen. Diese beiden so unterschiedlichen Bronzen sind ebenfalls zu sehen, sie gehören

1931 wird Belling noch zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste ernannt und nimmt mit der Plastik Der Boxer an den Kunstwettbewerben der Olympischen Sommerspiele in Los Angeles teil. Aber schon ein gutes Jahr später wird er zunehmend boykottiert und als entartet eingestuft. Er muss aus der Akademie austreten, geht 1935 nach New York und lässt sich scheiden. Ein Jahr später kommt er nach Deutschland zurück, um es kurz darauf erneut zu verlassen. Hans Poelzig verschafft ihm eine Anstellung in Istanbul am Hof von Ata Türk. Allerdings behindern die dort entstandenen, politischen Portraits von türkischen Generälen seine Karriere, als er 1966 nach Deutschland zurückkommt.

Als 1944 bei einem Bombenangriff sein Atelier in Berlin-Lichterfelde zerstört wird und viele Originalarbeiten und Pläne zerstört, ist er gar nicht in Deutschland.

 

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Schuttblume (Belling)

 

Achtzigjährig und nimmermüde fängt er in den 1960er Jahren nochmals in München an, wo er sich vor allem der abstrakten Plastik widmet. Belling entwirft im Auftrag der Stadt München und des Deutschen Gewerkschaftsbundes für das Olympiagelände 1969 die 6 Meter hohe Skulptur Schuttblume als Friedenssymbol, die auf dem Gipfel eines Berges aus Kriegstrümmern errichtet werden sollte. Die Münchner Lokalpolitik verhindert dies allerdings und so wird die Blume wo anders aufgestellt; Belling erlebt dies allerdings nicht mehr! Er stirbt 1972.

Die Ausstellung in der sogenannten Außenstelle der Neuen Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof wurde von Dieter Scholz und Christina Thomson kuratiert und wurde durch die Freunde der Nationalgalerie ermöglicht. Sie geht noch bis zum 17. September 2017   und ist auf jeden Fall sehenswert.

mehr zu dem Thema italienischer Futurismus

Christa Blenk

 

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Guillermo Lledó – Ausstellung

Materia de silencio

 

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Bis 25. Juni sind im Museo Salvador Victoria in Rubielos de Mora, Teruel, die Arbeiten aus Holz des spanischen Minimalisten Guillermo Lledó aus den Jahren 1982 bis 2017 zu sehen.

 

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Material di silencio nennt er seine Ausstellung: Stille und vornehme Reflexion findet man in Lledo’s exquisiten Arbeiten. Sie beruhigen und regen zum Nachdenken an – über das « weniger ist mehr » und über flache und noble Farbflächen, die den Raum dominieren, die nicht schwätzen und doch so viel zu erzählen haben.

Mehr über diesen großartigen Künstler hier: Portrait Guillermo Lledó

 

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Fotos: (c) Guillermo Lledó

Christa Blenk

 

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Uli Richter

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Anlässlich seines 90. Geburtstag widmet das Berliner Kunstgewerbemuseum beim Berliner Modemacher und Lehrer Uli Richter eine Ausstellung in ihren Räumen.

40 Jahre lang hat Richter ab den 1950er Jahren die Mode in Berlin mit vorgegeben und geprägt. Von 1986 – 1994 hat er an der Berliner Hochschule für Künste viele zukünftige Modemacher inspiriert. In der Ausstellung sind Fotos, Zeichnungen und Kleider zu sehen, die in den letzten 70 Jahren entworfen und getragen worden sind und die dazu beigetragen haben, Berlin in den Kreis der internationalen Modemacher und Modezentren aufzunehmen.

 

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Im Kunst-Gewerbemuseum beim Kulturforum sind aber auch noch andere Kleider und Modelle zu sehen – die meisten aus dem 19. und 20. Jahrhudnert, die entschieden die Mode in den letzten 150 Jahren gemacht haben.

 

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cmb

 

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La beauté de l’ardoise – Cy Twombly au Centre Pompidou

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 Salle

 

Le Centre Pompidou à Paris célèbre son 40e anniversaire avec, entre autres, une grande et unique rétrospective de l’artiste américain Cy Twombly (1928-2011); L’exposition couvre 60 années de sa vie d’artiste.

Ce n’est pas la première fois qu’il est exposé à Paris: les parisiens purent déjà profiter d’une rétrospective Twombly au 20e anniversaire du musée, en 1988.

Le commissaire de l’exposition Jonas Storsve a réuni à Paris 140 œuvres dont la plupart ne s’étaient jamais confrontées et présente des peintures, des sculptures, des dessins et des photographies, qui sont montrées pour la première fois en Europe. L’idée de cette exposition est surtout pour lui de creuser les obsessions de Twombly: les cycles. Et c’est ainsi que ce superbe spectacle est basé sur trois cycles, qui à leur tour s’opposent à d’autres cycles, ainsi que sur d’autres œuvres précoces et plus tardives.

Twombly - Saalansicht; Bilder aus dem Zyklus  Nine Discourses on Commodus - Foto (c) JNPettit
Twombly – Vue Salle; Photos du cycle Nine Discourses on Commodus –
Photo (c) JNPettit

Nine Discourses on Commodus est créée en 1963 en réaction à l’assassinat du président John F. Kennedy qui bouleverse et marque l’artiste. Sur ces toiles de grande dimension, qui expriment le sang qui coule et qui poisse, il établit un parallèle entre l’attentat perpétré sur le président américain et le règne cruel et sanguinaire du tyran mégalomane romain Commodus (161-192) qui fut la victime d’un complot et fut étranglé par sa concubine Marcia et l’athlète Narcissus, le dernier jour de l’année 192. Ce fait a déterminé la fin de la dynastie des Antonins et fit place à une série d’empereurs qui régnèrent seulement quelques semaines avant de tomber à leur tour victimes d’assassinat. Jacky Kennedy portait à Dallas un costume rose, un chapeau rose et tenait un bouquet de roses rouges dans ses bras; Twombly peint rageusement une tragédie grecque en rose et en rouge sur des balafres discrètes au crayon, que l’on peut percevoir sous cette catharsis de couleurs. En 1964 ce travail fut exposé chez Leo Castelli à New York suscitant beaucoup de controverse et de rejet violent par la critique. Tout d’abord, parce que dans les années 60 les tendances de l’art minimaliste exigeaient une absence d’émotions, la réduction rationnelle vers les couleurs primaires et des formes géométriques simples et d’autre part parce que Twombly marquait ainsi la fin d’une époque. Ses tableaux ne se vendirent pas à cette occasion, mais furent plus tard acquis par un Italien et depuis 2007 ce cycle appartient au Musée Guggenheim de Bilbao.

Philadelphie a prêté exceptionnellement le cycle en 10-parties 50 Days at Iliam (50 jours à Troie). La série montrée ici a été produite au cours des étés 1977/78 et décrit dix chapitres de l’Illiade. Des feuilles de trèfle en forme de taches d’ombre de couleur identifient les protagonistes de la guerre de Troie: le gris pour Hector, le bleu-gris pour Patrocle et le rouge pour Achille, représentant le sang versé (Shades of Achilles, Patroclus and Hector, partie VI, 300 x 492 cm). En 1978, ces tableaux furent exposés à New York et furent ensuite rangés dans des boîtes jusqu’à leur acquisition en 1989 par le Museum of Art de Philadelphie.

La lecture d’Homère par Twombly fut constante tout au long de sa vie et se retrouve dans toutes les phases de sa peinture, et ainsi 14 ans avant 50 Days at Iliam les héros de Troie peuplaient-ils déjà ses pensées. Deux de ses chefs-d’œuvres des années 60 sont également exposés. Achilles Mourning the death of Patroclus (Achille pleurant la mort de Patrocle) mesure 259 x 302 cm, la moitié inférieure est vide de peinture. Au-dessus de la ligne de séparation (au crayon) s’envolent vers le ciel deux nuages de laine de tailles différentes, reliés par un fil ténu. Patrocle meurt et lâche le fil! Avec une passion contenue Twombly exprime la douleur d’Achille à la perte de son ami et compagnon d’armes Patrocle et son cri de vengeance. The vengeance of Achilles (1962, huile et crayon sur toile), prêté par le Kunsthaus de Zurich, est un A de trois mètres de haut (Achille!), une sorte de poignard aigu se dressant sous un capuchon éclaboussé de sang. À première vue, on pourrait penser à une installation d’arte povera par Mario Merz ou un rituel cruel et mystérieux.

Le troisième pilier de l’émission est le cycle Coronation of Sesotris  (2000) (Couronnement de Sesotris). C’est une fantaisie poétique sur le voyage du dieu soleil égyptien Ra dans son bateau solaire à travers le firmament. Ces œuvres sont lumineuses, transparentes, faciles et libérées. Et bien sûr, il y a aussi également une inspiration poétique antique: le poète de l’antiquité, Sappho et le poète contemporain Patricia Waters furent ici ses sources d’inspiration. Ces œuvres font partie de la collection Pinault.

 

Twombly - Coronation of Sesostris -Saalansicht Foto (c) JNPettit
Twombly – Couronnement de Sésostris – Vue de la salle
Photo (c) JNPettit

 

Cette série est accompagnée et complétée de nombreuses œuvres indépendantes telles que le groupe de quatre tableaux Quattro Stagioni (Quatre Saisons) de la Tate de Londres. Twombly les peint entre 1993 et 1995 après la lecture de John Keats « Ode sur une urne grecque ». Ici sont représentées la fugacité et la régénération de la Nature à chaque saison dans ce qu’elle a de caractéristique: timidité et plein d’espoir pour le printemps, jaune lumineux et joyeux pour l’été. Blanc et vert sapin de l’hiver, mais le plus fort est l’automne. La seule image des quatre dans laquelle il a écrit: l’Autunno (automne) est en gros caractères dans la partie supérieure de l’image: mélancolie et affirmation de la vie de ce grand cycle. Cy Twombly montre ici déjà se trouver sur la voie de ses œuvres suivantes, flamboyantes, colorées, autant de pistes énigmatiques minimalistes où alternent les coups de pinceau, les pictogrammes tellement calmes que l’on se sent subitement éclairé comme par le soleil.

Le calme et le petit format, plutôt atypique pour lui, des natures mortes Black Mountain College (environ 43 x 28 cm) en 1951 encore aux USA nous rappellent la poésie des bouteilles de Giorgio Morandi dans sa phase minimaliste des années 60. De grandes ardoises minimales, austères, spartiates gris / noir, conçues dans un processus d’apprentissage permanent, sont des pôles de paix.

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Blooming, 2001-2008

 

Twombly nous explique la beauté d’une ardoise négligemment essuyée. Ses tableaux sont des histoires tranquilles et passionnées et des poèmes, un équilibre entre d’une part des manifestations obsessionnelles timides discrètes, divines, inspirées par les hiéroglyphes et d’autre part des pictogrammes, gribouillis enfantins, de grandes compositions d’une autre grande inspiration: « Quand j’étais enfant je dessinais comme Rafael, mais il m’a fallu toute une vie pour apprendre à dessiner comme un enfant », a dit Picasso.

Peu de temps avant sa mort il créa les tableaux sur le thème de roses (sanglantes) d’après des poèmes de Ingeborg Bachmann et Rainer Maria Rilke – un hommage aux nénuphars de Monet (Blooming, 2001-2008). Blooming a été pris pour illustrer l’affiche de l’exposition et provient d’une collection privée!

Les sculptures de Twombly seraient presque invisibles. Couleur blanc sale, font-elles penser à Beuys? Ces objets rappellent des totems ou des ustensiles primitifs en bois ou en tissu, rapportés de ses voyages et réunis par des clous ou des fils. Tels qu’ils sont présentés ici dans le Musée Pompidou, ils ont un aspect très moderne, et semblent bien en ligne avec la structure de l’espace en face d’une vue imprenable sur Paris: La visite de l’exposition en vaudrait la peine rien que pour cette raison.

 

Cy Twombly Skulpturen im Panoramasaal des Centre Pompidou - Foto (c) JNPettit

 

Né en Virginie, il vient en Europe avec ses vingt ans et une bourse d’études. Tout ce qu’a connu Cy Twombly dirigera son chemin dans ses peintures, que ce soient les peintures rupestres vieilles 17.000 ans de Lascaux, qu’il étudia dans les années 50, ou un marabou dans le tableau Volubilis; Twombly avec son ami et camarade Robert Rauschenberg visitèrent des ruines romaines près de Fès au Maroc au cours d’un voyage en Afrique du Nord dans les années 1950. Ici éclate non seulement sur son tableau la rencontre de deux cultures; en dehors des tons beige noir et blanc cassé, il n’y a pas d’autres couleurs. Un mirage qu’on ne peut percevoir que les yeux plissés dans la chaleur miroitante.
 

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Volubilis et Ouarzazate

 

Dans le grand bain créatif des années 50 des action paintings de Franz Kline, des champs de couleur de Rothko ou les boucles de peinture Jackson Pollock, Barnett Newman, Willem de Kooning et Robert Motherwell, il apprend à nager. Sans bouée ni gilet de sauvetage, il plonge dans la fascination du vieux continent, la philosophie antique et fusionne avec les tendances américaines des années 1950; les gribouillis prétendument stupides, ses graffitis, parfois en conflit avec le dominant expressionnisme abstrait. En réalité, sans un investissement intellectuel personnel on n’arrive pas à le comprendre. Les mythes déconstruits et les héros de l’antiquité abandonnés errent sur des toiles toujours semées de textes griffonnés et saupoudrées de couleurs, où les fleurs rouges sont autant de gouttes de sang. Qui dirige ici son pinceau? Sa main ou sa mémoire de tout ce qui l’a un jour envoûté et qu’il a perfectionné de jour en jour? Des rêves, l’Histoire, la connaissance, la couleur et la lumière se combinent et se subliment.

Une photo de lui prise à Rome en 1961 est exposée à l’entrée de l’exposition. Twombly, un petit pinceau en main, se tient devant une grande toile, plutôt timidement, comme s’il n’osait pas ajouter à son cahier d’images un symbole cryptique ou une ligne calligraphique. Il donne l’impression d’être revenu sur son travail, simplement et très respectueusement parce qu’il sent qu’il y a ici encore quelque chose à compléter. Il pouvait parfois rester des jours entiers devant sa toile blanche avant qu’un premier geste timide lui permette de surmonter sa panique du vide.

Cy Twombly vécu de nombreuses années dans l’italienne Gaeta, située entre Rome et Naples et déjà citée par Virgile dans l’Enéide. Gaeta était une station thermale prisée par les Romains, où même Cicéron possédait une villa. Chaque pierre sur cette côte a des histoires de l’antiquité à raconter: Des tragédies archaïques, barbares ou éternellement jeunes.

Cette exposition unique et exclusive d’œuvres provenant de grands musées ou collections privées, qui honore un représentant considérable de l’expressionnisme abstrait et des individualistes intellectuels pourra être vue au Centre Pompidou à Paris jusqu’au 24 avril 2017. Organisée en collaboration avec la Fondation Cy Twombly et avec le soutien de son fils Alessandro, il faut savoir qu’elle n’est pas appelée à se déplacer vers d’autres musées.
 
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Salle – Camino Real RealCamino (2010)
 

Christa Blenk / traduit par Jean-Noel Pettit

Photos: JNPettit

 

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Friedrich Kiesler – Martin-Gropius-Bau

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Ausstellungsplakat – es zeigt « Bucephalus »

 

Seit dem 11. März zeigt der Gropius Bau eine Ausstellung über Friedrich Kiesler: Architekt, Künstler, Theoretiker und Visionär – ein Tausendsassa der Moderne

400 Fotos, Zeichnungen, Pläne und Modelle vom Raumtheater bis zum Raum-Zeit-Projekt Endless House sind zu sehen. Hin und hergerissen ist man zwischen expressionistischem Dadaismus, Surrealismus und schlichtester Architektur à la De Stijl von Mondrian.

Kunstgattungen zerriss und sprengte er hemmungslos und sein Konzept eines endlos sich dahinziehenden Raumes (Raumbühne) ist nicht leicht zu verstehen. Seine Theorien zählen zu den großen Visionen des 20 Jahrhunderts, er kommunizierte mit der Avantgarde und hatte zu allen aktuellen Konzepten seine eigenen, sehr speziellen, Ideen und entwickelte permanent ungewöhnliche Interpretationen. Viele seiner Ideen wie der Mensch leben oder Konzerte hören sollte wurden später durchaus realisiert, wie der Konzertsaal, bei dem die Bühne in der Mitte ist. Es ist die erste Ausstellung dieses österreichisch-amerikanischen Künstlers in Berlin, der 1890 in Czernowitz geboren wurde und 1965 in New York verstarb.

Im Berlin der 20er Jahre unter unzähligen Kunsttendenzen und dem expressionistischen Film wie Paul Wegeners Golem, Murnaus  Nosferatur oder Fritz Langs Dr. Mabuse war der Revolutionär Friedrich Kiesler (1890-1965) gerade richtig. Die Ausstellung beginnt mit dem elektro-mechanischen Bühnenbild zu „W.U.R. (R.U.R.) Werstands Universal Robots. 1923 kam es am Theater am Kurfürstendamm mit großem Erfolg zur Aufführung. Das Stück vom tschechischen Schriftsteller Karel Čapek ist 1920 erschienen und hat Kiesler sofort angesprochen. Auch er – wie Čapek – kommt aus dem Land des Golem, da lag die Idee, einen künstlichen Menschen zu erschaffen, der als billige und rechtlose Arbeitskraft die Weltwirtschaft verändern sollte, nicht so weit weg. Dieser Androide, dieser Roboter – Čapek hat das Wort übrigens erfunden – hat andere utopische Schriftsteller wie Huxley oder Orwell inspiriert.  Werstand (Verstand) heisst übersetzt Rozum im Tschechischen.

Kiesler geht 1926 nach New York – er sollte dort nach dem Pariser Erfolg – ein weiteres Mal seine „International Theater Exposition“ organisieren. Schlägt sich später u.a. auch als Dekorateur für Schaufester schicker Geschäfte wie Saks 5th Ave durch. Er entwirft Möbel und Lampen und arbeitet an seiner Vision des Einfamilienhauses, sein  Space House. In den 30er Jahren endlich gelingt ihm der Theaterdurchbruch mit dem Bühnenbild zu George Antheils Oper „Helen Retires“, was ihm eine Anstellung an der Juilliard School of Music verschafft. Später wird er das Laboratory for Design Correlation an der Columbia Universität New York leiten und entwickelt die Correalismus-Theorie, die von einem Designansatz ausgeht, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Er entwickelt die Vision Maschine und schreibt zwei Bücher, die aber nicht veröffentlicht werden. Auch seine Architektur-Entwürfe, bis auf einen, werden nie realisiert. Das einzige Gebäude das der Architekt und Künstler Friedrich Kiesler baute, steht in Jerusalem und beherbergt die Schriftrollen von Qumran. Der Rundbau Shrine oft he Book konnte ein paar Monate vor seinem Tod eingeweiht werden.

Sein spektakulärer Ausstellungsraum für die Peggy Guggenheims Galerie „Art of This Century Gallery“ ist in der Ausstellung nachgebaut und bildet das Highlight dieser. Weitere Bühnenarbeiten u.a. zu Darius Milhauds Musik Le pauvre Matelot (der arme Seemann) folgen. In den 1950 Jahren arbeitet Kiesler an einer Skulptur für das Glass House von Philip Johnson (Galaxy). In den 1960 er Jahren entstehen Aluminium Skulpturen wie „Bucephalus“. Sie ist, wie sein komplettes Werk, der Kategorie des  endless house zuzuordnen, welches sich wie ein roter Faden durch sein Leben und Werk zieht. Im MoMA darf er 1958 ein begehbares Modell im Garten aufstellen.

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung in Wien, die seit 20 Jahren den Nachlass des Künstlers betreut. Wirklich ansprechend ist sie nicht, sehr technisch und sicher sehr interessant für Architekten. Vor allem aber vermisst man mehr Infomationen oder Filmausschnitte der bahnbrechenden Theaterinszenierungen.

Die Ausstellung im Martin Gropius Bau ist noch bis zum 11. Juni 2017 zu sehen.

Christa Blenk

 

 

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Jan Toorop

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Der holländische Maler Jan Toorop (1858-1928) ist bei uns nicht sehr bekannt, obwohl er um die Jahrhundertwende zu den bedeutendsten Jugendstil-Symbolisten im Norden zählte und einige seiner Bilder (Sphinx) in München zum ersten Mal gezeigt wurden . Geboren auf der indonesischen Insel Java geht er im Alter von 11 Jahren  mit seinen Eltern in die Niederlande, wo er später Kunst u.a. in Amsterdam studieren sollte.

Schon als junger Maler schließt er sich der avantgardistischen Künstlergruppe „Les Vingts“ an, zu der auch der belgische Meister James Ensor gehört. 1884 ist er zum ersten Mal mit seinen Arbeiten beim Salon des Indépendants in Paris vertreten. Die Bilder, die in dieser Zeit entstehen sind stark von einem symbolistischen Naturalismus geprägt, die Einflüsse von Van Gogh, Seurat oder Renoir erkennen lassen.

Die Ausstellung geht den verschiedenen Mal- und Lebensabschnitten nach. Sein individueller Symbolismus ist impressionistisch, expressionistisch, naturalistisch und surrealistisch. Toorop engte sich selbst nicht ein oder verurteilte sich zu einem bestimmten Stil. Die Ausstellung zeigt aber auch seine großen qualitativen Unterschiede in seinen Werken.

 

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Saalansicht (Madame B, 1903 Haarlem; Lesende Frau, 1905, Den Haag;
Dame mit Sonnenschirm, 1888, Brüssel)

 

In London trifft er auf auf den amerikanischen Maler James Abbott McNeill Whistler kennen, macht Bekanntschaft mit den Preäraffaeliten und lernt seine spätere Frau, Annie Hall, kennen. Beeinflusst von Whistlers Malerei entstehen elegante Stadt-Damen in Weiß.  Diese lichten Arbeiten stehen im krassen Gegensatz zu den Werken,  die in Brüssel entstehen und direkt vom französischen Naturalismus beeinflusst sind, obwohl Toorop das Licht anders einsetzt. Es ist kein holländisches Licht, es ist das Licht von Java.  In Beglien malt er das harte Leben der Landbewohner, Bauern oder Fischer, aber immer noch erinnernd an einen glänzenden Pointillismus.

Seine Bilder sind unheimlich und manchmal ungemütlich, geben Rätsel auf und haben es der Kritik um 1900 nicht leicht gemacht sie zu interpretieren. Ähnlich wie bei Munch, sind auch Toorops Bilder von Schmerz und Kummer seines geschundenen Seelenlebens, bestimmt durch Krankheit und eine unglückliche Ehe, durchzogen.

 

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„Die Junge Generation“ – Rotterdam Museum Boymans Van Beuningen

 

1892 entstand das Gemälde „Die neue Generation“; dieses Bild war schon mal in Berlin, vor 125 Jahren. Ein großes Kind oder vielleicht die Mutter beobachtet hinter einer seltsam umrankten Tür in einem unheimlichen Zauberwald ein Kleinkind auf einer weißen Lichtung, umgeben von einer lebenden, aber blattlosen Trauerweide und schrillem Wurzelwerk. Farben und Formen könnten aus Java sein. Die Modernität wird durch einen Strommasten im Vordergrund dargestellt, der vor den Schienen vergeblich eine gerade Ordnung in das Bild bringen will, aber irgendwie nicht dazu gehören will. Hier hat sich Toorop selber als Trauerweide dargestellt, das Kind ist wohl sein zweites, denn seine erste Tochter verstarb gleich nach der Geburt. Toorop litt an Syphilis was auch zu einer kurzzeitigen Erblindung führte.

Bei ihm kann man nicht sagen ob er zuerst Impressionist, Pointillist oder Symbolist war. Er ist immer wieder auf alle Stile zurückgekommen oder hin –und her gesprungen, ohne Ordnung oder System.

Und obwohl Jan Toorop durchaus zum Umfeld von Mondrian zählte, hatte er mit dessen Bewegung de Stijl nichts zu tun. Selten, dass er eine gerade Linie malen konnte und auch die kunterbunte Bildersprache seines Geburtsortes Java hat ihn selten verlassen.  Auch die traurigen Bilder sind farbenfroh.

 

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Saalansicht – Die drei Schwestern Henny, Anna, Adrienne – (1897) Privatbesitz

 

1892 beginnt Toorops spirituelle, wirre Phase. 1897 finalisiert er schließlich The Sphinx, die jahrelang durch sein Atelier geistern musste und später in München zum ersten Mal ausgestellt werden sollte.

Schon vor 1900 erlangt er einen gewissen Bekanntheitsgrad, vor allem in England, entwirft Plakate und Illustrationen für Buchumschläge. 1902 kann er bei einer Ausstellung der Wiener Sezession mitmachen, lernt Gustav Klimt kennen.

1905 konvertiert Toorop zum Katholizismus, was direkten Eingang in seine Malerei findet. Die Arbeiten, die in dieser Zeit entstehen sind grobschlächtig, intensiver, irgendwie holziger und erinnern an einen mystischen realistischen Sozialismus. Die Jugendstil-Leichtigkeit in Verbindung mit den südlichen Farben ist verflogen.

 

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Saalansicht: Rechts: der Ungläubige, 1919
(schwarze Kreide, Kohle und Pastell) Den Haag

 

Nach dem Ersten Weltkrieg malt er Bilder, die Zerstörung und Not zeigen, seine religiöse Phase geht weiter. Ab 1920 kann Jan Toorip sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen;  es entstehen vor allem Zeichnungen und Radierungen bis er 1928 in Den Haag stirbt.

200 Exponate, darunter Gemälde, Plakate, Illustrationen, Zeichnungen oder Radierungen, präsentiert das Bröhan Museum noch bis zum 21. Mai 2017. Die  Ausstellung wurde organisiert durch das Gemeentemuseum Den Haag in Zusammenarbeit mit dem Museum Villa Stuck, München, und dem Bröhan-Museum, Berlin.

Auf jeden Fall sehenswert!

Christa Blenk

Fotos: cmb

 

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Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof

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Saalansicht Marx Sammlung (3 x Andy Warhol)

 

1996 wurde das ehemalige Bahnhofs- und Museumsgebäude und jetzige zeitgenössische Museum in Berlin, der Hamburger Bahnhof, mit der Sammlung Marx eröffnet. Diese Sammlung besteht vor allem aus erstklassigen Werken Anselm Kiefer, Robert Rauschenberg, Cy Twombly, Roy Liechtenstein oder Andy Warhol, die allesamt ab den 1950er Jahren entstanden sind.

 

Das Kapital Raum 1970-1977, Josef Beuys
 Das Kapital Raum 1970-1977 von Josef Beuys

 

Hauptaugenmerk ist die Rauminstallation Das Kapital Raum 1970-1977 von Josef Beuys. Beuys entwarf und konzipierte diese für die 39. Biennale von Venedig 1980.

« Das ist jetzt mein Denkmal. Richtig, das Denkmal. wie man es kennt, starr, aufgebaut. Da stehen die einzelnen Zeichen, da ist was drauf geschreiben wie bei den Pyramiden, da sind Hieroglyphen, die müssen entziffert werden … » (Josef Beuys, 1980)

 

Robert Rauschenberg (2)
Robert Rauschenberg, Stage Coach, 1986

 

Der Kunstsammler, Unternehmer und Mäzen Erich Marx erwarb die Werke direkt von den Künstlern.  Irgendwann hatte er zuviel Kunst bei sich und bot einige Hauptwerke in den 1980 Jahren der Stadt Berlin als Dauerleihgabe an.

Zur Zeit ist die Sammlung in ihrer Komplettheit zu sehen. Filmdokumentationen ergänzen die Sammlung.

 

Diamond Dust Shoes, Andy Warhol, 1980Double Elvis, 1963, WarholMAO - Andy Warhol
Diamond Dust Shoes, Double Elivs, Mao – Andy Warhol
 

Christa Blenk

Fotos: JNPettit

 

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Wandteppich von Anger, Zyklus der Apokalypse

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Eingang ins Schloss

 

In der Ich-Form richtet sich der Verfasser der Apokalypse mit den sieben Sendschreiben an die sieben Gemeinden in Ephesus in Kleinasien. Die Offenbarung des Johannes ist das letzte Buch des Neuen Testamentes und gilt als prophetische Hoffnungsschrift für die unterdrückten Christen im Römischen Reich.

Sieben Schreiben, sieben Gemeinden, sieben Siegel, sieben Trompeten, sieben Reiter, sieben Plagen, sieben Engel und sieben Schlafende oder Tote. Visionär, spannend und theatral und mit dem Gedankengut des 14. Jahrhunderts vor dem Hintergrund des 100 jährigen Krieges, wird dieser umwerfende Zyklus erzählt. Er weiß von grausamen und moderne Geschichten zu berichten, dokumentiert die Anbetung des Teufels, die Umkehrung der Macht, die Verführung, die Vernichtung und die Zerstörung von Babylon bis zum Sieg des Guten und den Eintritt in das Paradies.

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Das  ausschließlich aus Wolle bestehende Teppich-Ensemble besteht aus 6 Teilen mit je 14 Bildern, wobei leider nicht mehr alle vorhanden sind. 84 Szenen auf einer Gesamtflache von 700 qm halten den Betrachter in Atem und erstaunen immer wieder durch die Modernität, aber auch künstlerisch erkennt man – noch im Mittelalter des 14. Jahrhunderts –  die ersten wackeligen Schritte der Renaissance Perspektive.

Jede Serie wird von einer Persönlichkeit eingeleitet und geht dann weiter in zwei übereinander liegenden Reihen, im Schachbrettmuster  angeordnet – je sieben himmlische und irdische Szenen.14 Szenen pro Teppich. Hintergrundfarbe ist abwechselnd rot und blau; jedes Bild hat auch eine Bildunterschrift.

 

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der siebenköpfige Drachen

Der Zyklus der Apokalypse misst 103 Meter und ist 4,5 Meter hoch. Er ist somit der größte Wandteppich der jemals in Europa hergestellt wurde. Er entstand zwischen 1373 und 1382 im Auftrag von Herzog Ludwig I. von Anjou, der Weber Nicolas Bataille kümmerte sich um Beides: Finanzierung und Fertigstellung in nur sieben Jahren! Die Entwürfe stammen vom Brügger Künstler Jean de Bruges und in der Pariser Werkstatt von Robert Poisson wurde der Teppich hergestellt.

Seit 1954 hat der Teppich einen extra für ihn gebauten Trakt im Schloss von Angers. Von dem ursprünglich 140 Meters sind heute noch 103 erhalten.

Wandteppichen kam im Mittelalter eine ganz wichtige Rolle zu. Sie bereicherten den Besitzer und begleiteten ihn oft auf seinen Reisen, sie verschönerten und wärmten und waren gern gesehene Gastgeschenke. Allerdings waren sie nie 140 Meter lang und höher als ein dreistöckiges Haus.

Aus welchem Anlass der Teppich von Anger gewebt wurde, weiß man nicht. Man rätselt, dass er vielleicht den Kreuzorden von Ludwig I, den dieser 1370 gegründet hatte, aufwerten sollte. 1782 wurde diese Preziose zum Verkauf angeboten und während der Französischen Revolution zerschnitten. Der Wandteppich wurde als Decke, Bettvorleger oder Schutz im Winter für die Orangenbäume zweckentfremdet. Erst 1843 ging der Bischof von Anger auf die Suche nach dem Verbleib und konnte relativ viel wieder zusammen holen. Aber einige Fragmente sind wohl für immer verloren, andere verblasst. Einige Serien sind aber glücklicherweise in ihren Komplettheit zu bestaunen, allerdings lässt sich nicht immer die richtige Reihenfolge oder auch die Bedeutung zuordnen. Der Audioguide ist gut gemacht und unbedingt erforderlich!

Hier kann man nur sagen: der Besuch lohnt einen Stopp in Angers, abgesehen davon ist die Stadt sehr interessant und schön.

Christa Blenk

Fotos: JNPettit

 

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Manifesto – 13 Mal Cate Blanchett

Manifesto – 13 Mal Cate Blanchett

Das Leben – ein Theater

Der Münchner Video-Künstler Julian Rosenfeldt (*1965) lässt Cate Blanchett dreizehn Mal in unterschiedlichen Rollen in einem Meer von Bildschirmen auftreten. Er verarbeitet hier die bedeutendsten Manifeste des 20. Jahrhunderts. Nach Berlin und Hannover ist die Schau nun  im Pariser Palais des Beaux-Arts zu sehen.

Die Filminstallation Manifesto basiert auf historischen Originaltexten von anderen Künstlern die sich allesamt mit Manifesten auseinander gesetzt haben. Die meisten geben aufgrund ihrer Theatralität schon das Libretto her.  Rosenfeldt hat die Texte so bearbeitet oder gekürzt und 13 innere Monologe hergestellt, die er jeweils von einer Frau in unterschiedlichen Rollen vortragen lässt. Cate Blanchett ist eine sehr gute Wahl. Sie schafft es, sich dreizehn Mal durch Maske und Verkleidung und mit viel Talent immer wieder in unterschiedliche Charaktere hinein zu verwandeln. Sie lebt bewusst jede Szene und das vermittelt sie auch! Eine ihrer größten Rollen überhaupt wahrscheinlich.

Rosenfeldt (*1965), der in Berlin lebt, hat hier auch alle Kurzfilme gedreht. Mit Cate Blanchett ist er befreundet und auch Dank ihrer Professionalität konnte der enge Zeitrahmen für die Dreharbeiten eingehalten werden. Mit ihr hat er auch alle Orte vorher erkundet.

Ca 10 Minuten dauert jeder Film bei dem die Darstellerin von der Rolle der Obdachlosen, zur Hausfrau und Mutter der mittleren Oberschicht inklusive Tischgebet mutiert, die Rede vor einer Trauergemeinde hält oder als Puppenspielerin, Fabrikarbeiterin bzw. als Journalistin überzeugt.  Die Manifeste von Tristan Tzara (Dada, 1918), Filippo Tommaso Marinetti (Futurismus, 1909), (Surrealismus, André Breton, 1924), Fluxus, Merz (No Manifesto, 1965) oder Golden Rules of Filmmaking, (2002, Jim Jarmusch).

Genial wie sie als Hausfrau und Mutter das Tischgebet nach Claes Oldenburgs I am for an Art (Pop Art, 1961) einleitet. Man möchte wegrennen und leidet mit den anderen am Tisch, wenn sie nach 10 Minuten immer nochmals mit „I am for the Art“ anfängt und es immer noch nicht das letzte Mal war. Großartig.!

Manifesto entstand als gemeinsame Produktion der Berliner Nationalgalerie mit verschiedenen Museen weltweit und der Ruhrtriennale und wurde 2016 im Berliner Hamburger Bahnhof und später im Sprengel Museum Hannover gezeigt, bevor die Schau nun in Paris angekommen ist.

Noch bis zum 20. April 2017 im Pariser Palais des Beaux-Arts zu sehen.

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Christa Blenk

 

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Cy Twombly – Retrospektive im Centre Pompidou

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 Saalansicht, im  Vordergrund die Reise von Sonnengott
Ra auf seinem Sonnenschiff

 

Die Schönheit der Schiefertafel

Seinen  40. Geburtstag feiert das Pariser Centre Pompidou u.a. mit einer umfangreichen und einzigartigen Retrospektive über den amerikanischen Künstler Cy Twombly ( 1928-2011); die Schau deckt 60 Jahre seines Künstlerlebens ab.

Es ist nicht das erst Mal, dass Twombly in Paris zu sehen ist: auch schon zum 20. Jubiläum 1988 konnten die Pariser sich an einer Twombly-Retrospektive erfreuen.

140 Exponate hat der Kurator der Ausstellung Jonas Storsve nach Paris geholt, konfrontiert Werke miteinander, die sich noch nie getroffen haben und präsentiert Bilder, Skulpturen, Zeichnungen oder Fotos, die zum ersten Mal in Europa zu sehen sind. Er will mit dieser Ausstellung vor allem Twomblys Obsession nachgehen: Serien und Zyklen. Und so basiert diese umwerfende Schau auf drei Reihen, die wiederum anderen Serien sowie Früh- und Alterswerken gegenüber stehen.

Nine Discourses on Commodus entsteht 1963 als Reaktion auf die Ermordung von Präsident John F. Kennedy, die den Künstler bestürzt und prägt. Mit diesen großflächigen, an zäh fließendes, klebriges Blut erinnernden Bilder zieht er eine Parallele zwischen dem Attentat auf den US Präsidenten und der grausam-blutrünstigen Herrschaft des römischen,  größenwahnsinnigen Tyrannen Commodus (161 – 192), der am letzten Tag des Jahres 192  einem Komplott zu Opfer fiel und von seiner Konkubine Marcia und dem Athleten Narcissus erwürgt wurde. Diese Tat leitete das Ende der Antoninischen Dynastie  ein und machte Platz für eine Reihe von Kaisern, die zum Teil nur ein paar Wochen am Leben waren, bevor sie Mordanschlägen zum Opfer fielen. Jacky Kennedy trägt in Dallas ein rosa Kostüm, einen rosa Hut und hält einen Strauß roter Rosen im Arm; Twombly wütet einer griechischen Tragödie gleich in Rosa- und Rottönen über die diskreten Bleistiftstriche, die unter der Farbkatharsis auszumachen sind. 1964 werden diese Arbeiten bei Leo Castelli in New York mit viel Polemik und heftiger Ablehnung der Kritik ausgestellt. Zum einen, weil die 60er Jahre der Minimal Art gehören, eine Tendenz, die eine emotionslose,  rationale Reduktion auf die Primärfarben und auf simple Geometrieformen verlangt und zum anderen, weil Twombly damit das Ende einer Ära andeutet. Er hat die Bilder damals nicht verkauft, sie wurden später von einem Italiener erworben und seit 2007 gehört dieser Zyklus dem Guggenheim Museum Bilbao.  

 

Twombly - Saalansicht; Bilder aus dem Zyklus  Nine Discourses on Commodus - Foto (c) JNPettit
Saalansicht – Nine Discourses on Commodus

 

Philadelphia hat den 10-teiligen Zyklus 50 Days at Iliam ausnahmsweise ausgeliehen.  Die hier gezeigte Serie entsteht in den Sommern 1977/78 und beschreibt zehn Kapitel der Iliada. Kleeblatt-förmige Schatten-Farbflecken definieren die Protagonisten von Troja: Grau für Hektor, Blau-Grau für Patrokles und Rot für Achilles, stellvertretend für das geflossene Blut (Shades of Achilles, Patroclus and Hector, partie VI, 300 x 492 cm). 1978 waren die Bilder in New York zu sehen und wurden  dann wieder in den Kisten verstaut bis das Philadephia Museum of Art sie 1989 erwarb.

Twomblys Lektüre von Homer wird ihn sein Leben lang und in allen Malphasen beschäftigen und schon 14 Jahre vor 50 Days at Iliam befasst er sich mit den Helden von Troja.  Zwei in den 60er Jahren entstandene Meisterwerke sind ebenfalls ausgestellt. Achilles Mourning the death of Patroclus misst 259 x 302 cm, die untere Hälfte ist unbemalt, leer. Über der Trennlinie (aus Bleistift) fliegen zwei unterschiedlich große, mit einer Schnur verbundene Wollknäuel aus dem Bild gen Himmel. Patrokles stirbt und lässt den Faden los! Mit verhaltener Leidenschaft stellt Twombly Achilles‘ Weinen um seinen Freund und Waffenbruder Patrokles seiner Rache gegenüber. The vengeance of Achilles (1962, Öl und  Bleistift auf Leinen) ist ein drei Meter hohes A (Achilles!), ein sich zuspitzender Dolch mit blutroter Spitze, vereinzelt sind weiter unten auf der Kapuze noch Blutspritzer zu entdecken. Auf den ersten Blick erinnert es an eine Arte povera Installation von Mario Merz oder an geheimnisvolle, grausame Rituale. Das Kunsthaus Zürich hat es ausgeliehen.

Die dritte Säule der Schau ist der Zyklus Coronation of Sesotris  (2000). Er fantasiert über die Reise des ägyptischen Sonnengottes  Ra auf seinem Sonnenschiff über das Firmament. Diese Arbeiten sind lichtdurchflutet, transparent, befreit und leicht. Und natürlich haben auch sie wieder einen poetischen Hintergrund: die Dichterin der Antike, Sappho, und die zeitgenössische Poetin Patricia Waters waren hier seine Inspirationsquellen.  Die Bilder gehören der Pinault Collection.

 

Twombly - Coronation of Sesostris -Saalansicht Foto (c) JNPettit
Saalansicht – Coronation of Sesotris

 

Begleitet und ergänzt werden diese Serien von unzähligen unabhängigen Arbeiten wie die vierteilige Gruppe Quattro Stagioni (vier Jahreszeiten) aus der Tate London. Twombly hat sie zwischen 1993-1995 nach seiner Lektüre von John Keats Ode für eine griechische Urne gemalt. Hier wird die Vergänglichkeit und die Wiedergeburt beschrieben: jede Jahreszeit hat die für sie typische Charakteristik: zaghaft und hoffnungsvoll der Frühling, leuchtendes, fröhliches Gelb für den Sommer. Weiß und Tannenbaum-Grün der Winter, aber am kräftigsten ist der Herbst. Das einzige Bild der Vier in dem er geschrieben hat: l‘Autunno (Herbst) steht mit großen Buchstaben im oberen Teil des Bildes: melancholisch und lebensbejahend ist dieser großartige Zyklus. Cy Twombly hat hier schon den Weg zu seiner knallig, farbenfrohen Altersmalerei betreten. Rätselhafte oder leicht verwehte Spuren, minimale Punkte- und Strichemalereien, piktogrammhafte Figuren werden zu Farbe pur, so dass man plötzlich mitten in der Sonne zu stehen scheint.

Die ruhigen und kleinformatigen, für ihn atypischen, Stillleben Black Mountain College (ca 43 x 28 cm) die 1951 noch in den USA entstehen und an die Poesie von Giorgio Morandis  Flaschen erinnern oder seine Minimalphase in den 60er Jahren, in der er große Schiefertafeln minimal bearbeitet, karg, spartanisch grau/schwarz, in sich gekehrt im permanenten Lernprozess, sind Ruhepole.

Twombly hat uns die Schönheit einer schlampig abgewischten Schiefertafel erklärt.

Seine Bilder sind leise und leidenschaftliche Geschichten und Gedichte, eine Gratwanderung zwischen unscheinbar, göttlich, schüchtern und selbstbewusst, obsessive Kundgebungen aus Hieroglyphen und  Piktogrammen, kindlichen  Kritzeleien, großartige Kompositionen entstanden durch große Bildung: ‚Als ich ein Kind war, habe ich wie Rafael gezeichnet, aber ich habe ein Leben lang gebraucht, um wie ein Kind zu zeichnen‘, das hat Picasso einmal gesagt.

Kurz vor seinem Tod entstehen die (blutenden) Rosenbilder nach Gedichten von Ingeborg Bachmann und Rainer Maria Rilke – eine Hommage an Monets Seerosen (Blooming, 2001-2008). Blooming ist auch das Ausstellungsplakat und kommt aus einer Privatsammlung!

 

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Blooming, 2001-2008

 

Twomblys Skulpturen wären gerne unsichtbar. Allesamt sind sie in schmutziges Weiß gehüllt, fast denkt man an Beuys? Die Gegenstände erinnern an Totems oder primitive Gebrauchsgegenstände aus Holz oder Stoff, die er von seinen Reisen mitbrachte und grob mit Nägeln oder Fäden verbindet. Wie sie dort im Pompidou Museum präsentiert werden wirken sie ganz modern, stehen da im Einklang mit der Struktur des Raumes vor einem sagenhaften Blick auf Paris: schon deshalb lohnt sich der Besuch dort!

Geboren in Virginia, kommt er mit Mitte 20 und einem Stipendium  nach Europa. Alles was Cy Twombly erlebt, findet direkten Einzug in seine Bilder, sei es die 17000 Jahre alte Höhlenmalerei von Lascaux, die er in den 50er Jahren studiert, sei es ein Marabu auf dem Bild Volubilis; diese römische Ruine in der Nähe von Fez in Marokko besucht Twombly mit seinem Freund und Studienkollegen Robert Rauschenberg während einer Nordafrikareise in den 1950er Jahren. Hier knallen nicht nur auf seinem Bild zwei Kulturen aufeinander; außer schwarzen und grauweißen Beigetönen gibt es keine anderen Farben. Eine Fata Morgana, die man in der flirrenden Hitze nur mit zusammen gekniffenen Augen wahrnehmen kann.

 

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Saalansicht – Volubilis und Ouarzazate

 

Im umtriebigen Künstlerpool der 50er Jahre von Franz Klines action paintings, von Rothkos Farbflächen oder Jackson Pollocks Schlaufenmalerei, von Barnett Newman, Willem de Kooning und Robert Motherwell lernt er schwimmen. Ohne Rettungsring oder Schwimmweste taucht er ein in die Faszination des alten Kontinents, der Philosophie der Antike und fusioniert mit den amerikanischen Tendenzen der 1950er Jahre; die vermeintlich gedankenlosen Kritzeleien, sein Graffiti, stehen manchmal im Widerspruch zum potenten abstrakten Expressionisten.

Ohne intellektuelle Auseinandersetzung wird man ihn nicht verstehen. Verlassen turnen zerlegte Mythen und die Helden der Antike über die Leinwand, immer wieder krakelt er Notizen darauf und sprenkelt Farbe darüber, rote Blumen werden zu Blutstropfen. Wer führt denn hier den Pinsel? Seine Hand oder seine Erinnerung an so Vieles was er irgendwann einmal aufgenommen hat oder täglich vervollkommnet? Träume, Geschichte, Wissen, Farbe und Licht vermengen sich.

Es gibt ein Foto von ihm das 1961 in Rom entstand. Twombly hält einen kleinen Pinsel in der Hand und steht vor einer großen Leinwand, irgendwie zaghaft, so als ob er es nicht wagen kann, sein Bilderbuch mit noch einer kryptischen Figur oder einer kalligrafischen Linie zu ergänzen. Seine Haltung vermittelt eher den Eindruck, dass es hier nur etwas auszubessern gibt, fast schüchtern und voller Respekt nähert er sich seinem Werk.

Tagelang steht er manchmal vor der weißen Leinwand, bevor eine scheue Annäherung die Panik der Leere überwinden sollte.

Viele Jahre hat Cy Twombly im italienischen Gaeta gelebt. Der Ort liegt zwischen Rom und Neapel und wird schon von Vergil in der Aeneas zitiert. Gaeta war Kurort der Römer, sogar  Cicero besaß eine Villa dort. Jeder Stein an dieser Küste hat Geschichten aus der Antike zu erzählen: archaische, barbarische oder ewig junge Tragödien.

Bis zum 24. April 2017 ist diese einmalige und exklusive Ausstellung  mit Exponaten aus bedeutenden Museen oder Privatsammlungen eines bedeutenden Vertreters des abstrakten Expressionismus und intellektuellen Individualisten noch im Centre Pompidou in Paris zu sehen. Sie wurde  in Zusammenarbeit mit der Cy Twombly Foundation und mit Unterstutzung seines Sohnes Alessandro organisiert und wird nicht weiterwandern!

 

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 Saalansicht – Camino Real

Camino Real (2010)

Christa Blenk, Fotos: JNPettit

 

 

 

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Cy Twombly

Cy Twombly Skulpturen im Panoramasaal des Centre Pompidou - Foto (c) JNPettit

Im Centre Pompidou in Paris ist noch bis 24. April eine umfangreiche Retrospektive über das Wirken von Cy Twombly zu sehen:

Drei Zyklen bilden den Kernpunkt der Ausstellung: Nine Discourses on Commodus (1963),  50 Days at Ilia und und die im Jahre 2000 entstandene Serie  Coronation of Sesotris - begleitet von Früh- und Alterswerken.

Cy Twombly, amerikanischer Vertreter des abstrakten Expressionismus, der mehr als die Hälfte seines Lebens in Italien verbrachte, gehört schon fast zu den Klassikern. Die Ausstellung ist grossartig und beeindruckend.

Ausfûhrliche Besprechung folgt.

  

IMG_20170224_152043IMG_20170224_153504IMG_20170224_154733Twombly - Coronation of Sesostris -Saalansicht Foto (c) JNPettitIMG_20170224_155208IMG_20170224_154945

 

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Eisschmelze – Berlin im Februar

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Am 15. Februar 2017 kam plötzlich der Frühing nach Berlin.

Die Minustemperaturen verwandelten sich in +Grade und auf der Spree setzte sich die Eisblücke in Bewegung. Faszinierender Anblick, wie sie ähnlich einem Wasserfall, das kleine Stauwerk (Mitte – zwischen Unter den Linden und Leipziger Straße) herunterdonnerten, wie sich das Licht darin brach und die  Vögel auf der Spree entlang auf die transparenten Eisscheiben reisten.

 

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Fotos: (c) Christa Blenk

 

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Joe Ramirez – Gold Projections

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In der Gemäldegalerie kann man noch bis zum 19. Februar – zeitgleich zur Berlinale – die Gold Projections des US Künstlers  Joe Ramirez (*1958) erleben. Vielleicht waren wir gerade zu einer ungünstigen Zeit dort, denn die angebliche Magie und das Alchimistische ist leider nicht auf uns übergesprungen.

Eine vergoldete Holzplatte an der Wand gab es zwar und es wurde auch – ein paar Minuten -  eine Tuch (vielleicht das Kopftuch eines Van der Weyden Bildes (Bildnis einer Frau mit Flügelhaube) darauf projiziert. Leichte Veränderungen haben es am Leben erhalten, es wurde von Gold zu Blau dann zu Grau und ist dann langsam wie ein Raumschiff im Universum verschwunden. Auch die anderen drei in den Seitenflügeln ausgestllten Arbeiten erinnern eher an die flämische  Malerei im 16. Jahrhundert oder an die englischen Symbolisten.

Zur Zeit vergoldet er vor Ort gerade das  Filmgemälde « Somnium« . Es basiert auf der Novelle von Johannes Kepler von 1608 und beschreibt eube geträumte Reise zum Mond. Am 14. und 15. Februar wird es dann in der Gemäldegalerie zu sehen sein.

Ramirez, der seit 10 Jahren in Berlin lebt,  war als Möbelbauer und Freskenmaer tätig, deshalb hat seine Kunst etwas von Kunsthandwert und beschäftigt sich mit Alchimie und Gold. Seine Technik ist patentiert.

Nicht wirklich interessant und verspricht viel mehr als es hält!

Christa Blenk

 

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Museum Barberini Potsdam

Museum Barberini
Museum Barberini Potsdam

 

Potsdam, nur einen Steinwurf von Berlin entfernt, entwickelte sich ab dem 17. Jahrhundert zu einer der schönsten Barockstädte in Deutschland. Kurfürst Friedrich Wilhelm kaufte einige, damals verpfändete, Stadtgebiete und machte Potsdam zu einer zweiten Residenz neben Berlin. Aber erst unter dem Aufklärer Friedrich II wurde die Stadt auch optisch eine Residenzstadt. Sie entstand praktisch neu, wurde komplett umstrukturiert und neu gestaltet und sogar die Bürgerhäuser bekamen aufwendige Barockfassaden. 1745 ließ er seinen Sommersitz, Schloss Sanssouci, sowie viele Parkanlagen bauen. Vor 250 Jahren, also 1772, ließ Friedrich der Große in Potsdam nicht weit vom Schloss entfernt vom Architekten Carl von Gontard das Palais Barberini errichten.  Vorbild war der Palazzo Barberini in Rom, den zwei große römische Barockkünstler, Bernini und Borromini errichteten.

Im Krieg wurde das Palais vollkommen zerstört und erst 2013 begann man mit dem Wiederaufbau. Der Kunstsammler und Mitbegründer des Museums Hasso Plattner hat sich dieses sozusagen selber zum Geburtstag geschenkt. Ende Januar 2017 konnte das Museum Barberini schließlich eröffnet werden – und dies gleich mit drei vorzüglichen Ausstellungen, zu denen Leihgaben u.a. aus Sankt Petersburg, aus Paris, aus Hamburg oder Washington anreisten, aber vor allem auch aus Privatsammlungen. Und so soll es laut Plan der Museumsdirektorin Ortrud Westheider auch weitergehen. Jährlich sollen drei Ausstellungen mit Leihgaben und Beständen aus der hochkarätigen Sammlung Plattner in Potsdam zu sehen sein.

 

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 Saalansicht Impressionisten, Monet « Pappeln in Giverny (1887) und Heuhaufen (1893)

 

Eine der Eröffnungsausstellungen ist dem Impressionismus gewidmet  - ein kluger Schachzug, denn diese Lichtbilder der großen Franzosen sorgen immer für ein volles Haus. Mit 93 Exponaten ist sie die größte Ausstellung der Drei. Es werden ausschließlich Landschaftsgemälde, die das Thema Wasser, Wald und Winter behandeln, gezeigt. Sie stammen aus Privatsammlungen oder aus großen und bedeutenden Museen. Gleich zu Anfang hängt ein Gemälde von Claude Monet, das der Kunstverein in Bremen zur Verfügung gestellt hat Boote.  Claude Monet hat es mit knapp 30 Jahren, 1869, gemalt. Drei Jahre vor seinem umkrempelnden Gemälde Impression – solei levant (1872), das dem Impressionismus seinen Namen geben sollte.

Sie tummeln sich alle hier, Alfred Sisley, Gustave Caillebotte, Pissarro und noch mehr Monets, die in London oder in Norditalien entstanden sind, eingerahmt von Themenbildern wie Heuhaufen. Monet hat sich gerne ausführlich mit einem Motiv auseinander gesetzt und es immer wieder bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen oder Tageszeiten gemalt, siehe die Seerosenbilder, die Rouen Kathedrale oder die Heuhaufen, von denen einige zu sehen sind.

Ergänzend sind eine Reihe von Rodin-Skulpturen, Leihgaben aus dem Musée Rodin, Paris, zu sehen, in Anlehnung an die gemeinsame Ausstellung 1889 in Paris von Rodin und Monet Bewegte Körper – im Dialog mit Monet. Vorarbeiten für die Bürger von Calais oder der Denker, eine Plastik, die Rodin ursprünglich für seine Höllentor-Skulptur anfertigte, inspiriert von und basierend auf Dantes Göttlicher Komödie.

 

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 August Rodin, Der Denker (1881) – Guss (1967)

 

Die zweite Ausstellung befasst sich mit dem weiten Begriff der Klassiker der Moderne. Anhand von 60 Exponaten wird hier eine Brücke gebaut zwischen den Biergarten-  und Lichtbildern von Max Liebermann, bis hin zu den klatschigen und expressionistischen Bildern von seinem Gegenspieler Emil Nolde oder Max Slevogt. Hier werden die beiden menschlich und künsterlisch so gegensätzlichen Maler  Liebermann und Nolde miteinander konfrontiert. Beide schwimmen im Licht, aber Nolde sehr viel weiter!  Ausgezeichnet zusammengesucht und keine Überschwemmung an Werken. Sogar ein ungewöhnlicher Gustav Klimt Seeufer mit Birken (1901)  hat sich dazwischengedrängt – ebenfalls aus einer Privatsammlung. Um die Jahrhundertwende malte Klimt eine Reihe von dekorativen Landschaftsbildern.

Edvard Munch (1863-1944) kennen wir vor allem als Maler der Dramatik und der inneren Zerrissenheit. Von ihm sind einige sehr lohnenswerte und aus Privatsammlungen kommende Exponate ausgestellt. Munch hat um die Jahrhundertwende im norwegischen Badeort Åsgårdstrand eine Serie von Strand- und Lichtbildern gemalt. Darunter das lichte und leichte Gemälde Sommernacht am Strand (1902/03).

 

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 Emil Nolde « Frischer Tag am Meere (1906) und Max Liebermann « Biergarten in Laren (1903) ,Edvard Munch « Sommernacht am Strand »

 

Die dritte Eröffnungsausstellung befasst sich mit Kunst aus der DDR, besser gesagt der Kunst der Leipziger Schule – Plessner hat sich hier eine bemerkenswerte Sammlung zusammengekauft.

„Aus der Sammlung des Museum Barberini“ wird in zwei  Räumen gezeigt – aber das soll nur ein Vorgeschmack sein. U.a. sind Werke von  Rolf Händler (1938), Willi Sitte (1921-2013), Werner Tübke (1929-2004) , Harald Hetzkes (1929), Bernhard Heisig (1925-2011), Wolfgang Mattheuer (1927-2004) zu sehen mit Schwerpunkt auf den Leipziger Maler Wolfgang Mattheuer. Von ihm ist auch die Bronzeskulptur im Garten des Museums „Jahrhundertschritt“, eine Art Abrechnung der politischen und gesellschaftlichen Widersprüche im 20. Jahrhundert und die Auseinandersetzung mit Faschismus und Sozialismus. Diese Plastik wird dort dauerhaft stehen bleiben. Mattheuer hat 1984 an der 41. Biennale in Venedig teilgenommen und war 1977 Teilnehmer an der in Kassel. Die documenta6 hatte stand unter dem Thema Neue realistische Kunst.  Mattheuer war der Vertreter des Sozialistischen Realismus.

 

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 Saalansicht Bernhard Heisig « Die Straße der Kommune » (1989), Willi Sitte « Selbstbildnis mit Tube und Schutzhelm » (1984)

 

Im Herbst geht es dann weiter, Mit mit der Ausstellung Hinter der Maske. Künstler aus der DDR sollen weitere Werken aus der Barberini-Sammlung Leihgaben gegenüber gestellt werden.

Insgesamt 2800 qm Ausstellungsfläche gibt es in dem Palais und es war wohl ein Glück, dass Plattner nicht seine erste Wahl – das DDR Hotel Mercure – dafür zur Vergügung gestellt bekam. Denn dieses wollten die Potsdamer nicht abreißen lassen!

Die beiden Haupt-Ausstellungen sind noch bis Ende Mai zu sehen – Die DDR Kunst bis zum 3. Oktober.

Seit 1990 gehört Potsdam übrigens zum UNESCO Welterbe. Die Babelsberg Filmstudios wurden dort 1912 als erste große Filmstudien weltweit eingerichtet

 

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Christa Blenk

 

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Skulpturenmeile Hannover

Straßenkunstprogramm in Hannover

Besuch der Skulpturenmeile

Die Landeshauptstadt Hannover  finanzierte das Projekt der Skulpturenmeile schon in den 70er Jahren und nach den Nanas  von Nicki de Saint Phalle wurden die ersten Werke in den 80er Jahren dort permanent installiert – entlang der Brühlstraße und dem Leibnizufer bis hin zum Sprengelmuseum.  Knapp 1 ½ km Fußweg legt man zurück, um an den ganz unterschiedlichen Arbeiten entlang zu schlendern.

Die erste Skulptur auf dem Parcours  Kreisteilung – Quadratanordnung – Kegel von Alf Lechner 1987) steht am Königsworther Platz direkt am Eingang zum Georgengarten. Man sieht sie fast nicht, weil sie sich perfekt in die Landschaft einbindet.

 

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« Kreisteilung – Quadratanordnung – Kugel » (1987) – Alf Lechner (*1925)

 

Das Bildhauer-Ehepaar Martin Matschinsky (*1921) und Brigitte Matschinsky-Denninghoff (1923-2011) installierte die Skulptur « Genesis » (1983-1985). Auch diese bildet eine Fusion an diesem grauen Vormittag mit dem Himmel und den Häusern von Hannover.

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Genesis (1985)

 

Anders hingegen die Skulptur von  John Henry (*1943)  Symphonie in Red – sie dominiert komplett die Mitte der vielspurigen Straße und hätte sehr gut noch mehr Licht vertragen können. Spitz und aggressiv greift sie in die Wolken.

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Symphony in Red (2000)

 

Auf der anderen Seite der Straße, leicht versteckt zwischen Bäumen, hat der belgisch-französische  Bildhauer Eugène Dodeigne (*1923) die Skulpturengruppe Etude 1-5 (1982) aufgestellt. Die einzige figurative Arbeit, die auf der Meile zu finden ist. Dodeignes Steinskulpturen  gehören zu den bedeutenden modernen Kunstwerken, die nach nach dem zweiten Weltkrieg entstanden. Er hat in der Entwicklung der Skulptur eine wichtige Rolle gespielt. Hier denkt man unweigerlich an Carnac.

 

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Etude 1-5 (1982)

 

Deus Ex Machina (1985) vom Berliner Bildhauer Bernhard Heiliger (1915-1995) heisst die nächste Skulptur. Heiliger nahm in den 50er Jahren an der documenta I und II teil und war Gast auf der Biennale von Venedig. Außerdem wurde er mit  dem Figurenbaum für den Deutschen Pavillon der Expo 58 betraut.

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Deus Ex Machina

 

Die klatschig-kitschigen, dralligen und selbstbewussten Nanas (Charlotte, Sophie und Caroline) der französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle (1930-2002) waren die Vorreiter dieser Meile. Nicki de Saint Phalle hat mit ihren Arbeiten immer Aufsehen erregt und wurde mit ihren Nanas international bekannt und ist aus der europäischen Kunstszene nicht wegzudenken.  Die Nanas (Mädchen) kamen schon 1974 nach Hannover und wurden am Leineufer aufgestellt.  Am heutigen Samstag war Flohmarkttag und die Drei haben sich unter die Besucher oder umgekehrt gemischt.

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Nanas von Nicki di Saint Phalle

 

Kenneth Snelson (1927) hat die große Skulptur Avenue K (1958) gebaut; wie bei fast all seinen Arbeiten stehen auch bei dieser die physikalischen Kräfte im Mittelpunkt.

Erich Hauser (1930 – 2004) Stahl 17/87.  Hauser hat in vielen deutschen Städten Plastiken aufgestellt; er  war Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und hat in seiner Heimat (Rottweil) einen eigenen Skulpturenpark errichtet, den man an mehreren Tagen auch besuchen kann.  Seit 2008 wird übrigens von der Kunststiftung Erich Hauser, Rottweil der Erich-Hauser-Preis vergeben.

Auch diese beiden Werke sind perfekt in das Straßenleben von Hannover eingebunden und – obwohl sie sehr groß sind – dominieren sie weder Platz noch Straße.

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« Avenue K »   und daneben « Stahl 17/87″ von Erich Hauser

 

Dann geht es nach rechts weiter Richtung Sprengel Museum, aber auch hier wird vman von Skulpturen begleitet. Nicht alle sind ausgezeichnet oder beschildert.

Vor dem Museum steht eine große Skulptur von Alice Aycock  und daneben eine von Alexander Calder; auf der anderen Seite Richtung stadteinwärts stößt man auf eine kleinere, ganz typische Arbeit  von Horst Antes.

Sogar die Bushaltestelle trägt zeitgenössische Züge und könnte glatt mit einer weiteren Skulptur verwechselt werden.

 

P1020705P1020897P1020682P1020699P1020895P1020681Karl Hartung - Grosse Kugelform, 1956Hans wolf Lingemann, Drehbare Schrauben 1971Hans Breder - In between, 2001,
Alice Aycock « Another Twister », Horst Antes « Figur 1. September », Berto Lardera „Île de France“, Hans-Jürgen Breuste « Derry » und die Göttinger Bürger, Hans Hartung « große Kugelform », Hans Wolf Lingemann « Drehbare Schrauben »,  Hans Breder « In Between », 

 

Auf dem Weg zum Museum kommt man an einer Skulpturengruppe vorbei, die aus der Reihe fällt, weil sie figurativ ist. Floriano Bodini das Straßendenkmal zu Ehren der Göttinger Sieben von 1837 gebaut. Es erinnert an die Zivilcourage von Bürgern, die einem Verfassungsbruch entgegentragen und dafür Amt und Würde vorloren haben und aus der Stadt gejagt wurden. !!

Diese Meile macht Hannover zu einem Vorreiter abstrakter Plastiken und zu der  Skulptur-Hauptstadt in Deutschland schlechthin.  Die monumentalen und avantgardistischen Skulpturen  holte der Galerist Robert Simon nach Hannover.

Christa Blenk

Foto: (c) Christa Blenk

 

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Georg Kolbe – Im Netzwerk der Berliner Moderne

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 Ausstellungsplakat vor dem Kolbe-Haus – Foto ©cb

 

Allee der Schönen und Mächtigen

Ein wilder Künstler, ein verklärter Musiker, eine glatter Schöngeist und ein strenger Generaloberst. Georg Kolbes Portraits erzählen keine Geschichten. Sie zeigen den Protagonisten – nichts wird erfunden, verschönt oder verborgen. Sie sind realistisch und zeitlos. Allegorien haben hier nichts verloren.

Der Bildhauer des 19. Jahrhundert meißelte und modellierte vor allem liegende oder stehende Ganzkörperskulpturen für Gärten oder herrschaftliche Häuser; Büsten waren offiziellen Räumen und Politikern vorbehalten. Dies änderte sich schon im frühen Expressionismus. Kunstwerke wurden reduziert, man konzentrierte sich auf den Intellekt, was dem Portrait eine bedeutende Rolle verschaffte. Das Bildnis eines Kopfes steht für die Offenbarung der Seele und huldigt dem Geist.

1904 kommt ein junger, symbolistischer, sächsischer Maler mit Kunsttendenzen und Ideen aus Dresden, Rom und Paris im Gepäck in die brodelnde Kulturdrehscheibe Berlin und macht eine Punktlandung. Er wendet sich schnell der Bildhauerei zu, ein Metier, das er gar nicht gelernt hat aber mit der Zeit vorzüglich beherrscht. Kolbe kombiniert künstlerischen Pragmatismus, Vielseitigkeit, Talent und Managementfähigkeiten aufs Perfekteste. Er fühlt sich wohl auf dem kulturellen und politischen Parkett, schließt schnell Freund- und Bekanntschaften, tritt in die Berliner Secession ein, reist und arbeitet mit anderen Künstlern, verewigt die höhere Gesellschaft und manchmal auch die dazugehörige Familie. Die Dramatik des ersten Weltkrieges lässt er künstlerisch nicht an sich heran (Kolbe macht zwar eine Fliegerausbildung, bleibt aber praktisch vom Kriegsdienst verschont, geht nach Istanbul und portraitiert sogar einen Pascha). 1918, wieder in Berlin, verleiht  ihm das Preußische Kultusministerium den Professorentitel.

Rodins Arbeiten kennt er natürlich, folgt aber nur bedingt dessen Prinzip der Verdichtung und des Existenzausdruckes („expression passionée“) wie dies andere Zeitgenossen, wie Barlach tun. Er sieht sich nicht unbedingt als Erfinder oder Verfechter neuer Tendenzen sondern wird zu einer Art Hof-Bildhauer, wie dies auch schon bei Max Liebermann in der Malerei der Fall ist. Er sammelt Berühmtheiten wie es später  Helmut Newton oder  Annie Leibovitz  tun sollten.

Durch den – sogar im Winter –wunderschönen Garten folgt man der Bach-Kantate „Ich habe genug“ (die von einem schwimmenden Kopf in einem fast fensterlosen Haus gesungen wird, was  makaber anmutet: eine Installation, die es wert ist, getrennt besprochen zu werden) und erreicht den Eingang. Im  ersten Saal stellt Kolbe seine Familie vor.

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Saal der Büsten im ehemaligen Atelier von Kolbe – Foto: © Christa Blenk

 

Benjamine van der Meer de Walcheren, eine schöne holländische Sängerin, die er in Bayreuth bei den Wagners kennenlernt  und 1902, 25-jährig, heiratet. Das Bildnis entsteht 1926, ein Jahr vor ihrem tragischen Tod – wahrscheinlich durch Selbstmord. Im selben Raum hängt auch das letzte Portrait von Benjamine, Requiem (1927), die Augen geschlossen, von einem schwarzen wuchtigen Trauerflor umrahmt. Eine seiner empfindsamsten Arbeiten, in der er das Leid modelliert. Neben ihr die Tochter Leonore und Kolbe selber – ein Autoportrait aus 1925.

Dann betreten wir diesen Wald der Phantome, eine  Glyptothek der Reichen, Klugen und Eleganten. Hier, im zweiten Raum, seinem ehemaligen Atelier, wovon noch die Schienen sprechen, die von links nach rechts den Raum durchqueren, sind sie, diejenigen, die in den Jahren zwischen 1905 und 1940 das aktiv-sprudelnde und lebhafte Treiben in Berlin mitgestalten. Die  regieren, bauen, dichten, Geschichte schreiben, komponieren und in ihrer Mitte Georg Kolbe, der Bildhauer, der sie Alle in Gips oder Bronze festhält. Die Büsten stehen dort wie auf einer Lichtung im Gehölz, umgeben von Bäumen, die durch die großen Fenster hereinkommen. Man schlängelt sich durch diese Schneisen im Dickicht der Köpfe und macht einen Schnellkurs in kulturpolitischen Persönlichkeiten der Moderne und  Bekanntschaft mit seinem Umfeld, seinen Freunden und Bekannten, Musikern, Komponisten, Bildhauern, Malern, Politikern, Galeristen, Ärzten, Schriftstellern und Architekten, die er für die nächsten Generationen  in Bronze oder Gips formt. Bis auf das Portrait von Antonio, das 1901 während seines Rom-Aufenthaltes entstand. Ihn kennt keiner!

Erst nach Benjamines Tod lässt er sich vom Architekten Ernst Rentsch dieses Atelierhaus im gerade sehr angesagten und modernen Bauhausstil entwerfen. In den Reihen treffen wir auch auf den belgischen Architekten und Bauhausgründer Henry Van de Velde, natürlich auf den Salonlöwen und Schöngeist Harry Graf Kessler, den Maler Max Liebermann oder auf den Sozialdemokraten Friedrich Ebert. Sehr gelungen als wilder Faun Max Slevogt – die Büste gleicht einem seiner Autoportraits; sensibel und feingeistig der italienische Komponist Ferruccio Busoni, und unbeugsam-streng der Generalmajor Karl von Einem, dessen Portrait 1915 im Auftrag des Roten Kreuzes entstand. Else Epstein fast im Biedermeier Stil und  ganz anders Maria Möller-Garny, die Schülerin seines Freundes Karl Schmidt Rotlauf. Ihr Portrait entstand 1921, formvereinfachend lässt sie an afrikanische Masken und an Brancusi gleichzeitig denken. Realistisch, kalt, chaotisch und expressionistisch ist er, dieser zeitlose Phantom-Büstenwald. Das letzte Portrait  in der Prominenz-Ahnengalerie entstand 1943, es stellt seinen behandelnden Arzt Ferdinand Sauerbruch dar.

Und wie bei den alten Römer-Büsten, bei denen meistens die Frisur den Zeitpunkt der Entstehung verrät, kann man auch bei dieser Ausstellung, die das Georg Kolbe-Museum zu seinem 140. Geburtstag organisiert hat, den Moment der Schöpfung erkennen.

Aber nur diese Büsten machen noch keine Ausstellung. Vorbei am Rathenau-Relief und an Bethmann Hollweg geht es in den Keller. Kolbes leicht zu nehmende und sich Allen erschließende Portraits sind eine Sache, seine Befassung mit dem Tanz eine andere! Nicht zu übersehen die vorbereitenden und wirklich guten Zeichnungen die an den Wänden hängen.

 

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Tänzerinnen und die Nonne aus Holz, Nijinski, Zeichnungen – Kolbe-Familie

 

Kolbe war ein Konzert, Opern- und Balletgänger. Tanz hat ihn besonders interessiert und fasziniert. Ähnlich wie Canova über 100 Jahre vorher (dieser ist übrigens gerade im Bode Museum zu sehen), hat auch Kolbe sich ausgiebig mit dem Thema Tanz beschäftigt und füllt damit den unteren Bereich des Hauses. Er gießt die Ikone des Ballet Russe, den fliegenden  Vaslav Nijinky auf Zehenspitzen stehend in Bronze, inspiriert sich an Mary Wigmans Ausdruckstanz und schart eine Ballettwelt um sich. Diese Skulpturen sind biegsamer und eleganter, androgyn und ebener, aber immer im Rahmen bleibend. Sie glänzen durch fehlenden Manierismus, auch weil seine Modelle sich nicht unzumutbaren und schmerzhaften Verrenkungen unterwerfen mussten, wie es Auguste Rodin von ihnen verlangte. Mit dem Meißel hat Kolbe nicht gearbeitet, eher mit den Händen.

Mitten unter den Tänzerinnen befindet sich auch eine Holzskulptur, die einzige in der Ausstellung, Nonne (Eichenholz, 1923), sie ist ganz anders, fast wie eine Barlach-Arbeit, und wirkt verloren in der frivolen Leichtlebigkeit des Berliner Nachtlebens. Sie ist sehr schön und weint rote Tränen.

Im letzten Raum, wieder oben, steht die Gipsreplik Morgen. Ludwig Mies van der Rohe wählte diese Skulptur von 1925 für den deutschen Pavillon auf der Weltausstellung 1929 in Barcelona aus. Morgen ging leider auf dem Rücktransport verloren. Die in der Ausstellung gezeigt Kopie entstand 1986 anlässlich der Rekonstruktion des Pavillons.

 Morgen - Weltausstellung Barcelona
  »Morgen » für  dem Ausstellungpavillon in Barceolna 1929 – Foto: © Christa Blenk

 

Die interessantesten Skulpturen aber stehen im Garten. Faune, liegende und stehende Personen, der Tänzerinnenbrunnen, hier ist Kolbe viel freier, leidenschaftlicher, spielerischer und individueller. Dort tummeln sich verzerrte und ausgemergelte Arbeiten wie sie der große Lehmbruck schuf oder runde  und ruhige Körper, wie wir sie von Maillol kennen. Gemalt hat Kolbe diese Figuren schon um die Jahrhundertwende. Das Bild  Schreitende Männer von 1903 hängt in der Ausstellung und erinnert an den Italiener Sironi; könnte aber auch schon ein Vorgänger von Picassos rosa Periode sein.

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im Garten

Georg Kolbe hat an die 2000 Zeichnungen und ca 1000 Skulpturen geschaffen von denen ein Großteil verschwunden ist. Ob sie bei der Zerstörung seines Hauses im Krieg verloren gingen oder zerstört wurden, weiß man nicht genau. 200 Büsten hat er insgesamt geschaffen,  50 sind in der Ausstellung zu sehen. Ergänzend werden historische Fotografien, Zeichnungen und Gemälde sowie Briefe und Zeitdokumente aus dem Nachlass des Künstlers gezeigt sowie einige ausgesprochen gute Gemälde von seinem Freund  Karl Schmidt- Rottluff.

Eine gelungene Ausstellung, die den Bildhauer und Mann Georg Kolbe erklärt und beschreibt, obwohl man am Ende eben doch feststellt, dass er sich nicht genug mit der Moderne auseinander setzte wie dies  Barlach, Belling, Archipenko, Julio Gonzalez oder  Lehmbruck taten. Er hat eine andere Richtung eingeschlagen, eine leichtere. Vielleicht liegt es auch daran, dass er als Autodidakt in der Bildhauerei sich lieber aufs Handwerk als auf Neuerungen konzentrierte. Kolbe  hat sich nie damit auseinander setzen müssen anerkannt zu werden und stand – als optimaler Netzwerker – im Zentrum des Geschehens. Eine Notwendigkeit, dem expressionistischen Schrei zu folgen, gab es nicht! 1943 verstarb Georg Kolbe in Berlin und hat doch einen glänzenden Ruf hinterlassen.

Sehenswerte Ausstellung auf jeden Fall, die noch bis zum 1. Mai 2017 zu sehen ist.

Christa Blenk

 

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George Condo. Confrontation

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Ausstellungsplakat am Museum Berggrün

 

George Condo. Confrontation

Wie ein Picasso oder ein Matisse oder doch lieber Mickey Mouse?

Das Museum Berggrün präsentiert sich zurzeit ein wenig anders als gewohnt. Zwischen all die Meisterwerke der Moderne, die der Sammler Heinz Berggrün (1914-2007) in seinem langen Leben zusammentragen konnte, hat sich nun ein bei uns relativ unbekannter Künstler, der Amerikaner George Condo (*1957), eingeschlichen.

Es ist das erste Mal, dass im Museum Berggrün ein zeitgenössischer Künstler ausgestellt wird, wobei Condo nur deshalb zeitgenössisch genannt wird, weil er zurzeit arbeitet. Seine Arbeiten sind ansonsten dem Neo-Expressionismus zuzurechnen, sie sind manchmal von der Pop Art dominiert, dann wieder zeigen sie Comic Aspekte. George Condo ist der Meinung, dass in der Kunst alles gesagt und gemalt wurde und man nichts mehr erfinden kann oder muss – aber dass alles neu interpretiert werden darf und soll. Nun ja, das ist seine Meinung. Jetzt hängt er zwischen all den Größen der Moderne und man fragt sich, ob er dessen würdig ist und ob er sich damit einen Gefallen tut.

An Ego scheint es ihm jedoch nicht zu fehlen, in einem Saal stehen zwei in 2016 für die Ausstellung entstandene Bronze Skulpturen Nude on Wine Crates 1 und 2, im Hintergrund ein Bild auf dem Condo steht das den Titel The Great Schizoid (1984) trägt. Rechts oben, erhöht, zart und elegant, Giacomettis Katze. Hiermit konfrontiert er sich auch mit sicher selber!

The Return of Madame Cezanne (2002). Cezanne hat sein bekanntes Portrait 1895 gemalt, Es ist Hortense Fiquet, Ehefrau und Modell. Cezanne hat schon kubistische Bilder gemalt, da war der Kubismus noch gar nicht erfunden. Er suchte eine neue Ästhetik in dem er die Natur durch Kugel, Kegel und Zylinder beobachten wollte, was seinen Werken dieses für ihn so typisch Geometrische gibt. Condo hat seine Madame Cezanne nicht nur mit Cezanne sondern auch mit Picasso konfrontiert, in dem er ihr eine Picasso-Frisur verabreicht!

Weiter auf unserem gewöhnungsbedürftigen aber doch lustigen Spaziergang kommen wir zu Matisse. 1940 fing dieser mit seinen Scherenschnitten an (Découpages), Arbeiten aus koloriertem Papier, die er wieder zu abstrakten Formationen zusammenfügte. Condo zitiert ihn hier mit seiner Arbeit aus 1989 Telepoche Cut-Out und es braucht nur eine Sekunde, um es als Matisse-Hommage zu erkennen. Condo, der in den 80er Jahren in Paris lebte, referiert hier über die Fernsehzeitschrift Télépoche und natürlich über die US Pop Künstler sowie Andy Warhol. 

Anschließend werden die Besucher mit einer Klee-Inflation und mit Condo konfrontiert. Paul Klee hat viele sehr schöne und aussagekräftige Bilder gemalt aber auch viele, die langweilig oder nichtssagend sind, wahrscheinlich hat er einfach zu viel gemalt. Die meisten sind sehr kleinformatig und verlangen eine große physische Annäherung, die immer gleich den Alarm auslöst und deshalb nicht stattfinden kann. Hier fühlt Condo sich groß. Während er bei den Matisse oder Cezanne Geenüberstellungen oft schüchtern dazwischen hängt, dominiert er die Klee-Säle durch großformatige Arbeiten. Ein Klee-Lieblingsmotiv ist der Vogel. Für Klee symbolisierten Vögel und Fische die Annäherung an Kosmos und Unendlichkeit. Condo hat hier aus dem Vollen geschöpft. Fantasy Bird (1989) ist ein Riesenvogel und klatscht die anderen Klees an die Wand. Paul Klees versteckte gerne Buchstaben in seinen Bildern, die den Titel des Bildes beschreiben sollten. Condo macht seinen Namen zum Bildhauptgegenstand, wie man im ersten Giacometti-Saal sehen konnte.

Bis hierher war es ganz ok. Was aber gar nicht geht, ist das Zusammenleben mit Picasso und zwar mit den Picasso Werken aus seiner Glanzzeit von Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Picasso und die Blaue oder Rosa Periode, seine Frauenportraits von Dora, der Beginn des Kubismus oder seine Auseinandersetzung mit dem Theater. Neben Picasso wirkt er nur noch tollpatschig, was er ja will. Und das haben sicher viele von Picasso vor 100 Jahren auch gesagt oder gedacht. Picasso ist 1973 verstorben; Condo, der 1979 vom Hinterland nach New York zog, hat im MoMA seine erste Picasso Ausstellung gesehen und war sicher von der Vielfältigkeit tief beeindruckt. Er lässt in seine Werke die gesamte Kunstgeschichte eintreten. Seine Figure with Red Cape entstand 2006 und ist vor allem eine Referenz an einen anderen Spanier. Er zitiert hier den Barockmaler Velazquez, vor dem Picasso sich ebenfalls des öfteren verbeugte (ohne dies natürlich zuzugeben), gibt ihm aber die Nase eines Clowns mit einem Otto-Dix-Blick. Velazquez stand auch Pate bei George Condos Study for a Clown aus 2009.  

Jetzt kann man natürlich sagen, dass Condo genau das suchte, was Picasso 1907 wollte. Eine Erneuerung des Vorhandenen, der Figuration! 1907 gab es einen Riesenskandal als Picasso seine Demoiselles d’Avignon präsentierte und dabei für die damalige Ästhetik unschön gemalte afrikanische Masken aus dem Jeu de Paume als Gesichter malte. Es war der Beginn einer neuen Ära. Das kann man bei George Condo nicht erkennen. Er macht es sich doch leicht, alles was schon mal war zu re-interpretieren, Manches zu verplumpen, um den Betrachter zum Schmunzeln zu bringen – was bisweilen durchaus funktioniert. Eine Verbeugung vor den Meistern ist es trotzdem und deshalb sehenswert, zumal das Ausstellungskarussell in Berlin zur Zeit sich recht langsam dreht. 

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George Condo – Cardinal (1993)

 

Picasso tritt hier nicht das erste Mal mit anderen Künstlern in einen Dialog. 2008 hat der Pariser Louvre Delacroix, Velazquez und Manet Picasso gegenübergestellt und es hat prächtig funktioniert. Allerdings sind diese vier hier Genannten künstlerisch gesehen eher auf demselben Niveau.

Condo ist nur teilweise ein verspäteter Neo-Expressionist. Bei ihm fließen auch noch Pop-Tendenzen, Film, Kino oder Comic-Figuren ein. Manche Bilder könnte man sogar der Art Brut zurechnen. Ähnlich wie bei seinem Vorbild Picasso – ist die menschliche Figur der Hauptprotagonist.

In den 80er Jahren verbrachte Condo ein Jahr in Köln, welches in der Zeit der Dreh- und Angelpunkt für Kunst in Deutschland war. Seine Bilder zeigen zweifelsohne Einflüsse der Karneval-Fratzen, den er dort sicher erlebt hat. Anschließend ging er nach Paris, wo er 10 Jahre lebte und sich voll in die klassische Moderne stürzte. Auch wenn Paris in den 80er Jahren nicht mehr das Zentrum der Kunst war, die Erbstücke aus seiner Glanzzeit hängen immer noch dort und man kommt an der Moderne nicht vorbei. Ensors Karnevalsmasken oder gruselige und schonungslose Bilder von Chaim Soutine, Condo hat sie alle gesehen natürlich.

Wenn man die Ausstellung verlässt, bleibt nicht wirklich ein bleibender Eindruck von Condos Werken zurück; was bleibt ist der wunderbare Picasso Harlequin Sitting on a Red Couch, 1905 aus der rosa Periode, das hervorragende Portrait von Dora mit den grünen Fingernägeln, Mme Cézanne oder die zarte Giacometti-Katze. 

Wie hätte wohl Heinz Berggrün dazu gestanden? Er selber sagte ja von sich, den absoluten Blick gehabt zu haben! – Wir glauben ihm das, wenn wir durch seine Sammlung spazieren.

Heinz Berggrün musste 1936 wegen seiner jüdischen Abstammung Deutschland verlassen und ging in die USA. Im Krieg kam er als US Soldat nach Europa, arbeitete danach kurz bei einer Münchner Kunstzeitschrift bis er sich Ende der 40er Jahre in Paris niederließ, um bei der UNESCO zu arbeiten. In der Pariser Rue de l’Univeristé gründete er eine Galerie und damit das Standbein seiner Sammlung. Picasso, Matisse, Klee, Cezanne, Chagall oder Miró, unfassbar, was er alles zusammen getragen hat. Erst in den 90er Jahren kehrte er nach Berlin zurück und verkaufte der Stadt Berlin – als Geste der Versöhnung – diese bemerkenswerte Sammlung bestehend aus 200 Kunstwerken der klassischen Moderne.

Die meisten Arbeiten von George Condo sind aus seiner eigenen Sammlung und werden zum ersten Mal gezeigt. Die Ausstellung ist noch bis zum 12. März 2017 im Museum Berggrün zu sehen. Udo Kittelmann und Felicia Rappe haben die mutige Schau kuratiert. Der Schriftsteller Daniel Kehlmann hat übrigens eine Erzählung, inspiriert durch Condos Kunst, herausgegeben.

 

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Picasso und Condo blaue Periode; Picasso und Condo rosa Periode; Condo macht Matisse « Hands » (1997)

 

Christa Blenk

 

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KINDL – Zentrum für zeigenössische Kunst – aktuelle Ausstellungen

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 Außenansicht KINDL

 

Wie lange dauert ein Augenblick?

Im Oktober 2016 wurde in der einstmaligen Brauerei Kindl in Berlin-Neukölln ein neues Zentrum für Zeitgenössische Kunst eröffnet. Auf 5500 qm insgesamt sollen dort in Zukunft neue Ideen und zeitgenössischen Kunst- und Kulturevents konzipiert und gezeigt werden.

Kurator ist der Schweizer Andreas Fiedler; er will sein Haus im Dreiklang führen, d.h. es soll dort jeweils drei unterschiedliche Ausstellungen geben. Eine ortsspezifische Installation im Kesselhaus, eine thematische Gruppenausstellung und eine individuelle Schau im Maschinenhaus 1 und 2.

how long is now 

 

Den prominentesten Platz, nämlich zwei Etagen im Maschinenhaus, belegt der Dresdner Maler Eberhard Havekost (1967). Er gehört zu den bekannteren deutschen Künstlern seiner Generation. In der Ausstellung werden Werke der letzten zehn Jahre gezeigt, was für den Besucher einem Streifzug durch fast alle Malstile der letzten Jahrzehnte gleichkommt. Schonungslos und ohne Berührungsängste referiert er über Rothkos harmonische Farbflächen, Lichtensteins Pop-Lippen, O’Keefes beunruhigende Blumen (wie Poison, 2014), Cesars Schrotthaufen (Transformers, 2014) und Lledós Neo-Minimalismus. Was will er, worum geht es ihm? Auf jeden Fall will er nicht auf einen Stil festgelegt werden. Er arbeitet mit Hilfe von Fotografie,  lässt sich von Werbebildern oder vom Kino inspirieren; das große Gemälde im letzten Saal Homo Erectus Erectus (2016) berichtet darüber: Es scheint aus einem 19. Jahrhundert Naturkundemuseum ausgeliehen zu sein. Abstraktes und Gegenständliches teilen sich unbarmherzig die großzügigen Räume und wüsste man nicht, dass es sich um eine Einzelausstellung handelt, würde man permanent auf der Suche nach den Namen der anderen Künstler sein.

Bis 19. Februar 2017 ist die Schau noch zu sehen.

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 Eberhard Havekost – Raum 6,B06 (2006)

Die erste thematische Gruppenausstellung How long Is Now, die das Museum eröffnete und die im ersten Stock im Maschinenhaus noch bis 19. Februar 2017 gezeigt wird, befasst sich mit dem ewig zeitlosen Thema: der Zeit. Wer wollte nicht schon einmal das Getane, das Gesagte, das Geschehene, das Gelebte oder Nicht-Gelebte rückgängig machen, in den Griff bekommen oder ihm wenigstens entkommen.

„Wir messen nicht nur die Bewegung mittels der Zeit, sondern auch mittels der Bewegung die Zeit und können dies, weil sich beide wechselseitig bestimmen“ (Aristoteles, Phys. IV 12, 220b 14–16).

Die jungen Künstler aus aller Welt Philip Akkermann, Anetta Mona Chisa & Lucia Tkavoca, Ceal Floyer, Andrea Geyer, Jeppe Hein, Manfred Pernice, Michael Rakowitz  und Uriel Orlow befassen sich mit der Zeit und mit ihren Begleitern, den Zeitgenossen. Wie lange dauert ein Augenblick? Die Gegenwart ist schon vorbei im Moment wo wir das Kunstwerk betrachten. Allerdings war dieses Konzept nicht bei allen Exponaten nachvollziehbar. Aber vielleicht war der Moment der Klarheit ja schon wieder vorbei, bevor er in Gedanken gefasst werden konnte?

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Jeppe Hein (2012)

Vom dänischen Künstler Jeppe Hein (*1974)  stammt die Installation You are right here right now (2012). Beobachter, Kunstwerk und Umfeld überlagern sich. Stehen die Betrachter im Raum oder sind sie für einen Moment Teil des Kunstwerkes geworden? Ist es immer noch ein Kunstwerk, auch wenn es gerade nicht fotografiert wird und der Betrachter wieder austritt, um sich im Raum fortzubewegen?

Die rumänischen Künstlerinnen Anetta Mona Chisa & Lucia Tkacova haben an die 500 rechteckige Pflastersteine auf dem Boden arrangiert, solche, die in Berlin ständig irgendwo liegen weil ja überall gebaut wird aber auch solche, die bei Straßenkämpfen zum Einsatz kommen und zur Waffe werden, deshalb darf der Besucher die Steine in die Hand nehmen, werfen ist nicht gestattet.

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Raumansicht  Eberhard Havekost

Eine Zeitschleife, wie in der amerikanischen Komödie Und täglich grüßt das Murmeltier, gibt es nur in der Fiktion. Ansonsten geht der Mond auf und die Sonne unter und der nächste Tag ist gekommen. Die morgendliche Routine, wie das Warten auf das 3-Minunten-Ei, gehört nach dem Verzehr dieses wie der Sonnenuntergang von gestern der Vergangenheit an, mehr noch, durch gezieltes Starren auf die Uhr, schärft es unser Bewusstsein vom Vergänglichen. Eine moderne Vanitas ist 1-25 –  eine Installation des pakistanischen Künstlers Ceal Floyer (*1968). Man steht davor und lässt die weißen Zahlen auf schwarzem Grund in unterschiedlichen Zeitabständen vor den Augen vorbeiziehen bis man versteht, dass die Ziffer die Zeit angibt und kennzeichnet, so bleibt die Zahl drei 3 Sekunden lang zu sehen und die Zahl vierundzwanzig 24 Sekunden lang. Beunruhigend und irgendwie erschütternd die akute Beteiligung am Vergehen.

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« Olimpia » – Computerinstallation von David Claerbout und das Olympiastadium in Berlin

Um Zeit geht es auch außerhalb des Hauptgebäudes. In dem 20 Meter hohen Kesselhaus der ehemaligen Brauerei hat der belgische Videokünstler David Claerbout (*1969) seine Computersimulation Olimpia installiert, die das Berliner Olympiastadion einem tausendjährigen und langsam voranschreitenden Verfall übergibt. Die Besucher liegen auf Knautschsesseln und wohnen für kurze Zeit dem Verrottungsprozess dieses Neo-Kolosseums auf einer Riesenleinwand bei. Es passiert eigentlich nichts, gefühlt bewegt sich das Bild aber trotzdem, visuell ausgelöst durch die aktuellen Wetterveränderungen draußen, die man am rechten Rand der Projektion mit verfolgen kann. Es ist eine Frage der Zeit und man müsste natürlich viele Stunden, Tage oder Wochen so warten, um an reellen Veränderungen, wie etwa die Schneeschmelze oder wachsendes Gras teilzunehmen. Claerbout bezieht sich hier auf Ideen des Nazi-Architekten Albert Speer, der in seiner Theorie des Ruinenwerts forderte, dass sich Architektur daran orientieren sollte, wie sie in 1000 Jahren wirkt – sein Vorbild war das Kolosseum in Rom. Die Schau ist bis Ende Mai 2017 sehen: den Frühlingseintritt kann man also durchaus auch innen mit verfolgen (Hinweis: im Kesselhaus zahlt man keinen Eintritt)!

Das Olympiastadion wurde 1934-36 für die Olympischen Sommerspiele 1936 von Albert Speer in aller Schnelle konzipiert, nachdem die ursprünglichen, lichten, transparenten und glaslastigen Pläne des Architekten Werner March Hitler nicht gefielen. Es fasst 100.000 Zuschauer.

Wieder auf der Straße, sind wir erneut mit der Zeit konfrontiert und realisieren intensiver als vor dem Besuch des Museums, was die Zeit in dieser Gegend verändern und tun wird. Das Umfeld des Kindl-Zentrums ist work in progress. Baugerüste, traditionelle Bars oder Restaurants, heruntergekommene Häuser und aufgerissene Straßen auf der einen Seite und  fast fertige, hochwertige, aber charmelose und kalte Berliner Apartmenthäuser auf der anderen. Ein paar Meter weiter liegen die Neuköllner Oper, der Heimathafen, Kinos und noch mehr Baustellen. Diese Ecke wird in kurzer Zeit für Künstler und Kulturinteressierte ein weiterer place to be werden.

2011 kaufte das Sammlerehepaar Salome Griard und Burkhard Varnholt die Brauerei mit dem Ziel, daraus ein zeitgenössisches Kunstzentrum zu machen, einem Trend folgend, interessante Industriearchitektur in Museen und Kulturzentren umzuwandeln. Zum Haupthaus gibt es außerdem noch den Turm mit sieben Stockwerken und ein Kesselhaus. Das Sudhaus mit den wunderschön glänzenden Kesseln ist zum Café umfunktioniert. Auch hier wird die Zeit noch so einiges ändern, verbessern oder verschlechtern.

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Sudhaus im Kindl

mehr über den Bau

Christa Blenk

 

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