29 novembre 2020 0 Commentaire

Felix Nussbaum – Triumph des Todes oder Die Gerippe spielen zum Tanz

für KULTURA EXTRA

 

Vor über 20 Jahren hat die Stadt Osnabrück den Architekten Daniel Libeskind mit dem Bau des Felix -Nussbaum-Hauses beauftragt und damit dem Wunsch des Künstlers, „seine Bilder nicht sterben zu lassen“, entsprochen. Nussbaum, der sich schon 1938 als „gehetzten Flüchtling“ beschrieben hatte, ist gerade mal 40 Jahre alt, als er irgendwann Ende 1944 in Auschwitz ums Leben kommt. Sein letztes Bild, Triumph des Todes, ist eine Apokalypse, aber auch ein Testament. Darin gibt es weder Entkommen noch Zukunft, Nussbaum malt das Ende einer Zivilisation. Aber eine Prophezeiung ist es auch: das Bild entsteht im April 1944, Felix Nussbaum lebt – quasi versteckt  – in Brüssel,  bis er und seine Frau Felka abgeholt werden.

Der Todesbote ist der Dirigent in diesem Konzert. Er hält eine Flöte in der Hand und trägt ein schwarzes Gewand. Seine weißen Flügel auf dem Rücken verraten, dass er eigentlich ein Engel ist.  Die Gerippe tragen hell-beige oder braun-graue Kleider. Die Gerichteten wissen nicht, wo sie hin sollen, sie stolpern oder fallen orientierungslos durchs Bild. Ein Erdbeben hat dieses Museumskonzert unterbrochen und will die Errungenschaften der westlichen Kultur verschlingen. Die Musiker halten ihre Instrumente noch in den Händen oder stehen bei ihnen. Ein Geiger steht auf dem kümmerlichen Rest einer römischen Säule. Ein Trompeter füllt den rechten Türrahmen, der wunderbarerweise noch intakt ist. Ein Schlagzeuger in der Mitte schlägt auf seine Trommel ein und hinter ihm erkennt man der Leierkastenmann, der sich die Ohren zuhält, um wenigstens akustisch zu entkommen. Die Engel bei der eingestürzten Mauer mit ihren Trompeten untermalen das Chaos, das die Pandora-Büchse ausspuckt. Es ist ein Wirrwarr aus Büchern, Flaschen, Blättern, Noten, einem  Telefon, Uhren und wissenschaftliche Apparaturen, einer Weltkugel und Brocken von Marmorzeugen einer früheren Hochkultur. Alle Dinge haben ihren Platz verloren, sind zerbrochen, heimatlos. Das im Hintergrund zu Schrott gefahrene Auto scheint in eine Erdspalte gefallen zu sein. Dahinter reitet ein Mann auf einen umfallenden Elektrizitätspfosten zu. Papierdrachen mit weißen, bleckenden Zähnen fliegen durch die Luft und vermitteln kurz etwas Normalität, bis wir merken, dass die führende Kinderhand fehlt, die sie wieder auf die Erde holen könnte. Nussbaum zitiert auf diesem Bild andere Künstler wie Bosch oder Brueghel und Memling. Allerdings ist in seinem Jüngsten Gericht die Rollenverteilung nicht klar und man weiß nicht, wer nach oben darf oder nach unten muss. Das Bild hängt im Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück und misst 100 x 150 cm.

Auf Demütigungen ab Ende der 1920er Jahre reagiert Felix Nussbaum mit einer ostentativen Hinwendung zum Judentum und malt sich 1926 auf dem Bild „Die beiden Juden“ mit einem Gebetstuch.  Sein Erfolg 1931 in Berlin mit dem symbolistisch-surrealistischen Bild „Der tolle Platz“ wird von beginnenden antisemitischen Demonstrationen überschattet. Da kommt ihm ein paar Monate später das Stipendium nach Rom gerade recht. Während er noch mit seiner Partnerin, der ostjüdischen Künstlerin Felka Platek,  in der Villa Massimo weilt, vernichtet in der Heimat ein Atelierbrand viele seiner Bilder. Arno Breker, der spätere Vorzeigekünstler der Nazis, hält sich übrigens zur gleichen Zeit in der römischen Villa Massimo auf. Nach dem Reichstagsbrand 1933 merkt Nussbaum, dass er nicht nach Deutschland zurück kann. Er verlässt das faschistische Italien und lässt sich mit Felka und mit Hilfe des belgischen Künstlers James Ensor in Ostende/Belgien nieder. Dort schlagen sich die beiden mehr schlecht als recht durch und überleben, in dem sie Keramikteller bemalen. In Bildern wie „Maler mit Maske“ verarbeitet er seine quälende Angst, seine Fluchtgedanken und die billigen Pensionen, die er öfter wechseln muss. Die Situation verschlechtert sich nochmals, als die Deutschen Belgien besetzen und Felix Nussbaum zum feindlichen Ausländer und verhaftet wird. Aus dem südfranzösischen Internierungslager kann er entkommen und geht direkt zurück zu Felka in die Höhle des Löwen nach Brüssel, wo das Verstecken und die Angst wieder Tagesgeschäft werden. Ab 1942 müssen alle Juden auch in Belgien den gelben Stern auf ihrer Kleidung tragen. 1943 malt er das bekannte „Selbstbildnis mit Judenpass“. Ängstlich und gehetzt schaut er auf den Betrachter. Mit der rechten Hand klappt er den Mantelkragen zurück und zeigt den gelben Stern. Sein Pass, den er wie eine Fahrkarte in der linken Hand hält, wird zum Fahrschein nach Auschwitz. Die Bilder aus den Jahren  1943/1944 sind geprägt von Schrecken, Verzweiflung, Mutlosigkeit. 1944 im April werden die Nussbaums in ihrer Brüsseler Wohnung  zuerst verraten, dann verhaftet und später nach Auschwitz deportiert. Dort verliert sich ihre Spur. Seinen genauen Todestag kennt man nicht.

Christa Blenk

 

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