18 novembre 2020 0 Commentaire

Ophelia von John Everett Millais

für KULTURA EXTRA

  »There, on the pendant boughs her coronet weeds,

Clamb’ring to hang, an envious sliver broke.

When down her weedy trophies and herself

Fell in the weeping brook. Her clothes spread wide,

And mermeid-like awhile, they fore her up. »  „(Hamlet, Akt IV, Szene 7)

 Seit dem 16. Jahrhundert holen sich Komponisten, Schriftsteller oder Maler ihre Inspiration gerne bei Shakespeare und seinen Dramen. So durfte der große Dichter auch nicht auf der Motiv-Palette des englischen Künstlers John Everett Millais (1829-1896) und seiner Gruppe, den Präraffaeliten, fehlen. Im 19. Jahrhundert war Ophelia ein besonders beliebtes Thema und fast Pflichtprogramm in den jährlichen Ausstellungen der Academy. Millais war gerade mal 20 Jahre alt, als er die Schöne in diesem seichten Bach einen inszenierten und romantischen Wassertod sterben ließ und die lieblichste und attraktivste Wasserleiche aller Zeiten überhaupt malte.

Ophelia versinkt nach dem Tod ihres Vaters durch die Hand des Geliebten im Wahnsinn und ertrinkt in einem Bach. Vielleicht war es ein Unfall, vielleicht Selbstmord. Es ist Hamlets Mutter Gertrude die den Tod der Schönen beschreibt.

Von grenzenloser Trauer erfüllt will Ophelia eine Weide bekränzen und fällt ins Wasser. In einer idyllischen Bachlandschaft hat sie ihren Frieden gefunden. Dekorativ aufgebahrt in einer Symphonie aus Grüntönen, scheint sie zu schlafen. Ihr aufgebauschter Rock verhindert, dass sie untergeht. Der aus dem Wasser herausragende Kopf scheint auf einem Kissen zu liegen. Auch Brust, Gesicht und Hände befinden sich über der Wasseroberfläche. Der Bach scheint nicht tief genug zu sein, um darin zu ertrinken. Das aufgelöste Haar umrundet ihren Kopf und spielt farblich mit den verhängnisvollen Weidenzweigen am Ufer und über ihr. Augen und Mund sind leicht geöffnet, überrascht, so als ob sie noch etwas sagen wollte. Das Gänseblümchen in ihrer Hand beweint die verlorene Liebe. Der Rest ihres Laub-Blütenkranzes ist zu einem schwimmenden Blumenteppich mutiert. Die Sträucher und Blumen auf beiden Seiten des Ufers haben eine Bedeutung in Millais symbolischer Theaterinszenierung. Er hält sich auch hier genau an Shakespeares Beschreibung der Pflanzen und deren Bedeutung in der viktorianischen Zeit. Die Weide weist auf verlorene Liebe und Unschuld hin. Die Veilchenhalskette steht für Reinheit, Treue und frühes Ableben. Mohnblumen bedeuten Tod oder Schlaf und natürlich die Vergissmeinnicht. Die Rosen in ihrem Haar und am Ufer erinnern daran, dass ihr Bruder sie liebevoll „Maienrose“ nannte. Ein Rotkehlchen ganz links in den Zweigen zitiert Ophelias hellen Gesang. Das Bild entstand 1851, misst knapp 76 x 112 cm und hängt in der Tate London.

Mit nur 15 Jahren gründete das Wunderkind John Everett Millais 1844 zusammen mit Colman Hunt, Gabriel Dante Rossetti und William Rossetti die präraffaelitische Bruderschaft. Die Motive holten sie sich vor allem aus dem italienischen Mittelalter, der Freskenmalerei der Frührenaissance und bei den Künstlern vor Raffael, wobei Botticelli gerade noch erlaubt war. Leuchtende Natur und kitschige Farben sollten die bösen Gedanken der aufkommenden Industrialisierung vertreiben. Der Dichter und Maler Dante Gabriel Rossetti wurde Leiter der Bewegung und ein Manifest ihre philosophische Grundlage. Die Treffen der Bruderschaft  fanden meist im Haus von Millais Eltern in London statt. Ein paar Jahre später wird sich diese Bewegung neu organisieren – aber ohne Millais.

Schon mit elf Jahren wurde Millais in die Royal Academy aufgenommen. In Rom lernte er die Malerei des deutschen Nazarener Overbeck kennen. Außer Shakespeare waren Bibelgeschichten und Dantes Göttliche Komödie gern zitierte Motive. Detailtreue war das oberste Gebot, da schreckte man auch nicht zurück, auf einem Friedhof zu übernachten. Das Modell für Ophelia, die Künstlerin und spätere Frau von Dante Gabriel Rossetti, Elisabeth Siddal (Lizzy), zog sich in der Badewanne eine schwere Erklärung zu. Millais, der im Eifer vergessen hatte die wärmenden Kerzen unter der Wanne am Brennen zu halten, musste für die Arztkosten aufkommen.

Ophelia war 1852 die Hauptattraktion der Pariser Weltausstellung. Angeblich standen  Biologiestudenten stundenlang davor, um botanische Studien zu machten. Eine ursprünglich noch vorgesehene Wasserratte wollte er dem sensiblen Publikum dann doch nicht zumuten und außerdem passte sie so gar nicht in die verklärte Welt der Präraffaeliten. Das Londoner Kunstpublikum lehnte zuerst die Bilder der Gruppe ab, bezeichnete sie als peinlichen Kitsch. Einzig der junge Kunsthistoriker und Schriftsteller John Ruskin verteidigte die Präraffaeliten. Als Dank dafür bändelte Millais mit Effie Gray, Ruskins Frau, an, die sich später scheiden ließ, um Millais zu heiraten. Während Hunt ein religiöser Maler wurde, schaffte es Millais zum gefragtesten Portraitmaler der Londoner Gesellschaft, wurde 1885 zum Baronet ernannt und durfte sich von da an Sir nennen.

Christa Blenk

 

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