1 novembre 2020 0 Commentaire

Giuseppe Arcimboldo – Der Jurist

für KULTURA EXTRA

Auf den ersten Blick wirken seine Bilder unheimlich und unappetitlich. Der Künstler überraschte und schockierte den Betrachter mit skurrilen Stillleben aus verschimmeltem Gemüse, allerlei Getier und ausgemergelten Köpfen aus Zweigen und Ästen. Sein Modell war die Natur und deren Vergänglichkeit. Ein auf den Kopf gestellter Obstkorb wird zum Gärtner mit einer Birnennase, Apfel-Pausbäckchen und Weintraubenohren. Bekannt ist Giuseppe Arcimboldo (1527-1593) aber vor allem für die Jahreszeiten-Serie.  Sein Frühling hat Pfingstrosenohren und Maiglöcklichen-Zähne. Der Sommer scheint weiblich zu sein, trägt viel buntes Obst und einen Kragen aus Getreideähren. Blau- und Weißburgundertrauben und ein Kürbis auf dem Kopf versinnbildlichen den Herbst und passend dazu ist der Körper ein Weinfass aus Holzblanken. Der Winter präsentiert sich als fast blattloser, rachitischer Baumstamm mit zwei Zitronen um den Hals. Frühling und Herbst blicken nach links, Winter und Sommer nach rechts. Der Jurist entstand 1566 – er malt das Bild vier Jahre nach seiner Ankunft am Habsburger Hof. Es ist eines von Arcimboldos eindrucksvollsten Portraits, misst 64 x 51 cm und hängt im Stockholmer Nationalmuseum.

Es soll sich dabei um den deutschen Juristen und Humanisten Ulrich Zasius handeln, der seinerzeit in regem Briefwechsel mit Erasmus von Rotterdam stand. Für manche ist das Bild aber eine Karikatur des Reformators Calvin. Durchaus nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass Arcimboldos Gönner Rudolf II ein vehementer Anhänger der Gegenreformation war. Eine andere böse Zunge will wissen, dass es sich hier um das Portrait eines von der Syphilis zerfressenen Hofarztes handelt.

Im Dreiviertelprofil sitzt er vor uns. Sein pelzbesetzter Mantel spricht von Wohlstand. Auf dem Kopf trägt er die in der Renaissance typische Gelehrtenkappe. Er scheint zu platzen, so vollgestopft ist sein Bauch mit voluminösen Büchern und Abhandlungen, die dermaßen drücken, dass oben anstelle eines weißen Kragens beschriebene Blätter und Anklageschriften herauskommen. Der umfangreiche Körper passt gar nicht zu dem mageren Kopf und dem zahnlosen Karpfenmaul, der üppigen Hühnerschenkelbacke und -Nase, dem Fischschwanzkinn und dem Vogelkopfauge, das auf der einen Seite traurig daher kommt und dann doch unheimlich wird. Der Fisch stinkt wahrscheinlich und überhaupt möchte man diese tote, glitschig-vertrocknete Masse des Juristen nicht auf der Gegenseite in einem Prozess haben oder von seinem Richterspruch abhängig sein. Das asymmetrische und schiefe Gesicht drückt weder Milde noch Intelligenzaus. Interessant ist auch das Fehlen von Ohren. Es weist ihn als beratungsresistenten Hüter der Justitia aus, der vielleicht sogar taub ist, vor allem der Gerechtigkeit gegenüber. Auch die Hände fehlen.

Der Künstler verrät uns, wie früher Obst in allen Zuständen ausgesehen hat und gleitet von der ausgehenden Renaissance in einen neuen, naturalistischen Manierismus über. Er war ein Provokateur, er war der Banksy oder Damien Hirst des 16. Jahrhunderts und hat so gut wie nie ein Portrait nach den konventionellen Geboten seiner Zeit gemalt. Das böse und hässliche im Menschen hat er mit viel Originalität, Gemüse und Bosheit hervorgeholt.

Giuseppe Arcimboldo ist in Mailand geboren und viel über sein Leben weiß man nicht. Norditalien und somit auch Mailand stand seit 1525 unter Herrschaft der Habsburger. Ursprünglich holte ihn Ferdinand I als Kopisten an den Wiener Hof. Es war aber Rudolph II, der ihn nach Prag auf den Hradschin mitnahm. Der kunstbegeisterte Habsburger hatte nicht viel für Politik übrig, aber umso mehr für Kultur und bewunderte den zynischen Surrealisten und seinen sehr persönlichen, allegorisch-manieristischen Stil. Auch Rudolph II wurde nicht verschont. Das Gemälde, das den römischen Gott der Jahreswende und des regen Handels, Vertumnus, zeigt, ist in Wahrheit eine Karikatur des Kaisers. Auf dem Prager Hof hat er außer pompösen Kleidern auch Kostüme für Umzüge oder Karnevalswägen und Rüstungen entworfen, was seinem widersprüchlichen, abstrusen und paradox-witzigem Schönheitsempfinden durchaus entgegen gekommen sein dürfte.

Nach seinem Tod wurde es still um ihn und nicht einmal Giorgio Vasari hat etwas über Arcimboldo zu berichten gewusst. Aber wie so oft, haben ihn die Surrealisten wieder aus der Schublade geholt. Allen voran Dalí, der ein großer Bewunderer von ihm war.

Christa Blenk

 

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