19 septembre 2020 0 Commentaire

Pablo Picasso – Les Demoiselles d’Avignon

für KULTURA EXTRA

Das Kunst-Karussell der Stile dreht sich ab Ende des 19. Jahrhunderts immer schneller und fliegt von den Impressionisten zu den Pointilisten, taucht im Fauvismus die Welt in bunte Zirkusfarben, die beim Kubismus und Orphismus ihre Formen verlieren und optische Täuschungen hervorrufen, beschleunigt mit den Futuristen nochmal die Fahrt bis es mit den Surrealisten und Expressionisten langsam wieder an Fahrt verliert. Bewegungen werden von Gegenbewegungen abgelöst, erneuert, ergänzt, verdammt oder verherrlicht und jeder Künstler will sich einen Platz auf der Drehscheibe der Kunst ergattern. Gemeinsam haben sie vor allem eines: dem Akademismus den Garaus zu machen. Paris, Berlin, Wien und München sind die Eckpfeiler dieser Avantgarde-Bewegungen. Sezessionen werden ins Leben gerufen und Manifeste herausgegeben.

1904 kommt ein junger und selbstbewusster Mann mit dunklen, nervös-stechenden Augen auf dem Pariser Montmartre, im Bateau Lavoir, an. Dort lebt und arbeitet die Pariser Künstler-Bohème und dort sind Ateliers bezahlbar. Es ist nicht der erste Paris-Aufenthalt des Spaniers Pablo Ruiz Picasso (1881 bis 1973), aber dieser sollte definitiv werden.

Mit seiner Ankunft in der Kunstmetropole an der Seine ändert Picasso wieder einmal seinen Stil. Die triste und noch vom Symbolismus geprägte „Blaue Periode“ lässt er in Barcelona zurück. Seine Farbpalette wird heller und rosa-rot-braun. Aus den Bettlern, Dirnen oder Trinkern eines Barceloneser Armenviertel werden melancholische Gaukler, traurige Harlekine oder Seiltänzer, die er sich teilweise aus der Commedia dell ‘Arte leiht oder direkt aus dem Dauerzirkus um die Ecke holt. Picasso lernt Fernande Olivier kennen, die für sieben Jahre seine Muse und Geliebte wird und den Dichter Guillaume Apollinaire. Im Salon der Steins in der Rue de Fleurus, wo sich regelmäßig die Avantgarde austauscht, macht Picasso die Bekanntschaft von Musikern und Dichtern und vom Maler Henri Matisse, der gut 10 Jahre älter ist als er und gerade den Fauvismus erfunden hat. Picasso ist frenetisch auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen und kapiert schnell, dass der farbenprächtige Fauvismus seine Zukunft nicht sein kann und außerdem von dem nicht zu übertreffenden Matisse besetzt ist. Während einer für ihn ausschlaggebenden Reise mit Fernande im Frühsommer 1906 ins spanische Gósol entdeckt er aufs Neue die iberische Kunst, die Höhlenmalerei von Altamira und die katalanisch-romanische Wandmalerei. Später sieht er in einer Ausstellung die beeindruckende iberische Skulptur „La Dama de Elche“, die ihm später Modell für ein Portrait von Gertrude Stein stehen wird.

In Paris war gerade der Herbstsalon gegründet worden, ein Konkurrenzinstrument zum Salon der Unabhängigen im Kampf gegen die ranzigen Akademiker. Während im Herbstsalon Cézannes Malerfreunde eine umfangreiche, posthume Retrospektive für den großen Meister organisieren, stellt Matisse im Salon des Independants 1907 sein Bild „La joie de vivre“ aus, das direkt vom Mäzenen-Geschwisterpaar Stein erworben wird. Der quirlige und reaktive Picasso und der bedächtige, in sich ruhende Matisse sind Freunde, aber jetzt braucht Picasso Aufmerksamkeit und Beachtung. Matisse weiß, dass Picasso auch eine gestohlene Idee schneller als er selber umsetzen wird und versteckt generell seine noch nicht fertigen Arbeiten, sobald der Spanier sein Atelier betritt.

Die Inspirationen, Aufzeichnungen und Ideen während der Gósol-Reise beschäftigen ihn schon ab dem Winter 1906. 1907 wirft Picasso eines der rebellischsten Meisterwerke des 20. Jahrhunderts auf den Kunstmarkt.  „Les Demoiselles d’Avignon“ wird auch der Grundstein für den Kubismus.

In der ersten Version dieser Bordell-Szene mit dem Titel „Le Bordel d’Avignon“ waren außer den fünf praktisch unbekleideten Prostituierten noch ein bekleideter Seemann und ein Medizinstudent zu sehen. Picasso entfernt in der Folgeversion die Männer und ändert den Titel in „Les Demoiselles d’Avignon“ um.

Die beiden Prostituierten jeweils außen im Bild schieben einen Vorhang zur Seite und machen so die Szene sichtbar. Sie sind die einzigen mit dunklen Gesichtern. Die Evolution geht von links nach rechts. Während die Frauen links im Bild noch einem gewissen konventionellen Schönheitsidol entsprechen möchten, sind die Gesichter der beiden rechten Frauen nur noch asymmetrische und angsteinflößende Masken, die Anatomie der Körper ist verzerrt, geometrische Formen, die zerlegt und unsachgemäß wieder zusammen gesetzt wurden. Blasse und fleischfarbene Rosatöne dominieren und werden von Ockerfarben und strengen Blau- und Grautönen unterbrochen. Picasso sucht nicht die Realität, er setzt auf primitive Formen und entmenschlicht die Frauen. Das Antlitz der stehenden rechten Dame ist eigentlich nur noch eine keilförmig, verzogene Schnauze, auf der ein grün-gestreiftes und kontrastreiches Schattenspiel passiert und den Kopf kompakt und kämpferisch hervorhebt. Die hockende Frau zeigt uns ihren Rücken und ihre um 180 Grad gedrehte und entstellte Fratze durchbohrt den Betrachter. Diese beiden Frauen bleiben anonym, haben Augen die nicht sehen und lassen sich nicht in ihre Seele blicken. Kokett und provozierend blicken die Fünf auf den Betrachter, sie posieren, möchten gefallen, verführen und stellen lockend ihre Weiblichkeit zur Schau. Mit der Frau in der Mitte zitiert Picasso die Antike. So eine Venus-Skulptur, mit über dem Kopf verschränkten Armen hat auch Matisse in „La joie de vivre“ gemalt. Alles in dem Bild ist scharfkantig, eckig und die Vorhänge wirken wie Schneidewerkzeug. Vorder- Rück- und Seitenansichten liegen gleichberechtigt nebeneinander. Raumgefühl entsteht durch Überlagerung und Farbe und nicht durch konventionelle Perspektive. Ein unschuldiger Obstteller auf dem Tisch vor den Frauen scheint aus einem Cézanne Stillleben zu kommen. Und dann das Himmelblau zwischen den beiden Frauengruppen, das hat sich Picasso vom letzten Spanienurlaub in Gósol mitgebracht. Nicht einmal mit dem Format wollte der Künstler sich anpassen. Das Bild ist mit 244 x 234 cm eben nur fast quadratisch. Das New Yorker MoMA hat das Epochenwerk 1939 gekauft und dort hängt es auch.

Über 800 Skizzen und vorbereitende Zeichnungen gingen dem Werk voran. Picasso hat die komplette Kunstgeschichte von der Antike über die iberische und afrikanische Kunst, die Renaissance, El Greco, Ingres, Cézanne und Matisse aufgearbeitet. Interessant ist hier auch, dass er auf afrikanische Masken zurückgriff, denn diese wurden in der Zeit nicht als Kunstwerk betrachtet, sie hatten lediglich ethnologischen Wert.

Picasso hat mit „Les Demoiselles d’Avignon“ sämtliche Grenzen der künstlerischen Darstellung über den Haufen geworfen und sich auf dünnes Eis begeben. Dementsprechende Unverständlichkeit schlug ihm entgegen und viele seiner Freunde konnten nichts mehr dem Bild anfangen. „Wollten Sie die vierte Dimension malen“ soll Leo Stein gesagt haben. Von unmoralisch bis abstoßend hat man ihm alles nachgesagt. Zustimmung bekam er von Apollinaire und zögernd vom jungen Galeristen Daniel-Henry Kahnweiler – allerdings hat dieser das Bild erst neun Jahre nach dessen Entstehung zum ersten Mal ausgestellt. 1916 hatte sich die Welt verändert, der Kubismus war voll etabliert und wurde von Braque noch weiter getrieben. Picasso selber hatte zum Zeitpunkt der Ausstellung der Demoiselles das Interesse am Kubismus zeitweise verloren, den Surrealismus entdeckt und sich später auf den Minotaur konzentriert, er wurde wieder figurativer bis er 1936 mit „Guernica“ einen zweiten Aufschrei ausstieß.

Christa Blenk

 

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