15 août 2020 0 Commentaire

Regen, Dampf und Geschwindigkeit – William Turner

für KULTURA EXTRA

Regen, Dampf und Geschwindigkeit – die Great Western Railway – William Turner

Eine Dampflokomotive überquert die moderne und gerade neu eröffnete Themsebrücke bei Maidenhead/London. Geschwindigkeit wird in der Industrialisierung nicht nur in England zum Zauberwort. Auch Turner ist fasziniert von der neuen Schnelligkeit durch Maschinen. Die Great Western Eisenbahnlinie verbindet London mit Bristol und ist eine Errungenschaft des englischen Maschinenbaus. Angeblich hat Turner einmal seinen Kopf aus einem Abteilfenster eines fahrenden Zuges gehalten, um die Geschwindigkeit am eigenen Körper zu spüren und als Ergebnis das Bild Regen, Dampf und Geschwindigkeit – die Great Western Railway gemalt. Mit diesem Werk hat er die seit dem 14. Jahrhundert übliche Beobachterposition verschoben. Anlässlich der Ausstellung des Gemäldes im Mai 1844 schreibt die Times „dass es die Malerei zum ersten Mal geschafft hat, den Betrachter mit einer Lokomotive und einem Zug zu konfrontieren, der mit einer Geschwindigkeit von 50 Meilen die Stunde auf ihn zurast“. Die Times hat Turner auch nachgesagt, mit der Eisenbahn ein neues Element für seinen „eccentric style“ gefunden zu haben. Schon mit dem Bildtitel verrät uns der Künstler, worauf es ihm ankommt.

Der Betrachter spürt die Energie, die vom fahrenden Zug ausgeht. Mysteriös schält sich dieser aus dem Nebel. Turner malt die Bewegung der Räder und die blitzenden Funken, wenn sich Eisen auf Eisen reibt. Er katapultiert den Zug vom Fluchtpunkt aus dem Bild und lässt ihn in die rechte Ecke rasen, wo er gleich verschwinden wird. Der Schornstein über dem Dampfkessel der Lokomotive ist deutlich zu erkennen. Darunter zeigt er im offenen Führerhäuschen eine züngelnde Kohlenfeuer-Hölle. Der Dampf verliert sich in den Wolken und vermittelt für einen Moment eine Ruheposition. Brückenverstrebungen, Bahndamm sowie die Trassen hebt er durch ein dramatisches Dunkelbraun hervor. Der Rest des Bildes fällt Turners großartiger Formauflösung zum Opfer, mit der er der Abstraktion ziemlich nahe kommt. Links im Bild kann man eine weitere Brücke oder ein Aquädukt über das Flusstal erkennen. Bukolisch und wie aus einer anderen Zeit kommend, stellt er die schnelle und komfortable Eisenbahn der mühsamen Überquerung des Flusses mit einem Ruderboot links im Bild entgegen. Turner weiß was es bedeutet, halb Europa in unbequemen und langsamen Pferdekutschen zu durchqueren. Der Regen peitscht in Schnüren schräg von rechts nach links herein und wird den Kahn – der in goldenes Tizian-Licht getaucht ist – erreichen. Die hintere Person im Boot hat schon den Regenschirm aufgespannt. Vom Ufer aus winkt eine Personengruppe der vorbeifahrenden Eisenbahn zu. Turner malt nicht das Wunder der englischen Ingenieurkunst sondern benutzt diese, um unterschiedliche Stadien von Feuchtigkeit und Geschwindigkeit zu malen. Regen, Dampf, Flusswasser und Wolken versus Zug, Ruderboot und dem Mann mit Pflug ganz rechts. Vor dem Zug läuft ein kleiner Hase und macht das Bild zur Allegorie. Diesen Hasen hat er – laut einem Mitglied der Akademie – allerdings erst kurz vor der Ausstellung ins Bild eingefügt. Mit dem rennenden Tier zitiert er Schnelligkeit und keine Kritik an der Technik. Die mannigfaltigen Braun- und Beigetöne sind zum Teil mit Spachtel aufgetragen, fließen ineinander über und machen in Richtung Himmel oder Fluss Platz für leichte Blautöne. Das Bild entsteht gerade mal vier Jahre nach dem Werk Fighting Téméraire. Hier muss das altgediente Schlachtschiff aus der Trafalgar-Schlacht zum Abwracken von einem kleinen Raddampfer in den Hafen geschleppt werden. Turner beendet mit Fighting Téméraire eine Epoche und leitet mit Regen, Dampf und Geschwindigkeit eine andere ein. Melancholie und Romantik machen Platz für Dynamik und Technik.

William Turner (1775–1851), der ursprünglich Architekt werden wollte, war immer ein Maler der Romantik, der mit Vorliebe Landschaften, Bilder im und am Wasser oder Aquarelle malte. Malerische Technik ließ der Stimmung im Bild immer den Vortritt. Turner hatte keine akademische Kunstausbildung, trat aber mit 14 Jahren in die Royal Academy ein. Seine Meister waren Tizian, Rembrandt oder Claude Lorrain. Außerdem interessierte er sich sehr für Goethes Farbenlehre. Sein Wirken hat entschieden die Impressionisten beeinflusst und die Malerei weit nach vorne gebracht.

Als junger Mann besuchte William Turner den Pariser Louvre. Um 1820 reiste er nach Italien, um die Renaissance zu studieren. Nach dieser Reise fing er an, seinen grandiosen Lichtexperimenten visionäre Komponenten hinzuzufügen. Eine weitere ausgedehnte Reise führte ihn zu den großen Meistern in den Museen in Berlin, Wien, Prag und Dresden und natürlich kannte er seinen Landsmann Gainsborough. Immer wieder kritisiert wegen seiner „unfertigen“ Bilder, die jedes Mal zu Kontroversen führten, wurde William Turner trotzdem schon mit knapp 30 Jahren Vollmitglied in der Royal Academy. 1804 eröffnete er eine Privatgalerie und 1807 wurde er Professor für Perspektive. Wie viele seiner Werke wurde auch Regen, Dampf und Geschwindigkeit bei der jährlichen Ausstellung der Royal Academy ausgestellt. Das Bild hat Pionierfunktion und gehört zu Turners Hauptwerken. Es misst 91 x 122 cm und hängt in der Londoner National Gallery.

Christa Blenk

 

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