16 juin 2020 0 Commentaire

Otto Julius Bierbaum und ein nicht-rauchender Vesuv, ein wütender Kater Rufus und Rossinis Maccheroni-Diät

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Neapel und der Vesuv (c) Christa Blenk

 

Der Golf von Neapel ist eine lange Meeresbucht umgeben von unterschiedlich großen Vulkankratern, den Phlegräischen Feldern. Gegenüber schüchtert der Vesuv mit seinem Brüllen die Besucher ein. Dieser Vulkan ist rund 17.000 Jahre alt und über 1200 Meter hoch und vor allem: er ist aktiv. Der letzte größere Ausbrauch war 1944. Aber die wirklich entscheidende Eruption fand vor fast 2000 Jahren – genauer gesagt im Jahre 79 statt. Pompeji, Stabiae, Oblontis und Herculaneum sind seinerzeit in Asche versunken. Die Ausgegraben sind immer noch im Gange!

Neapel oder Parthenope, wie diese Stadt in der Antike hieß, verdankt seinen Namen einer der Sirenen, die sich wegen Odysseus ins Meer gestürzt haben soll, weil der trickreiche Seefahrer ihr nicht verfallen ist. Der Name Neapel geht auf Neapolis, die neue Stadt, zurück.

„Ein schöneres Pflaster findet man wohl nirgends als in Neapel; eben der furchtbare Lavastrom, welcher der Stadt Zerstörung droht, muss nun ihren Fußboden schmücken und ihre Straßen ebnen“, schreibt Karl Philipp Moritz Ende des 18. Jahrhunderts während seiner Neapel-Reise. Weiterhin beeindruckt ihn die Höflichkeit der Bevölkerung.

Künstler, Musiker oder Literaten haben sich in allen Epochen von dieser so beeindruckend schön gelegenen Stadt angezogen gefühlt. John Milton kam zwar nur bis Rom, aber sein  Paradise Lost soll in Italien entstanden sein. Später zog es Herder, Goethe, Rilke, Hesse und der Märchenerzähler Anderson nach Neapel. Fürst Leopold II von Anhalt Dessau begegnete 1765 in Neapel dem Diplomaten und Kunstsammler William Hamilton oder besser gesagt seiner Frau Lady Hamilton. Und wer sich auf die „Grand Tour“ begab, kam an Neapel natürlich auch nicht vorbei. Diese Bildungsreise war hauptsächlich Männern vorbehalten, aber es gab vereinzelt auch Frauen, die sich aufmachten, die Welt zu erkunden wie Lady Morgan Sidney Owenson (1776-1859). Es waren aber nicht nur Dichter und Maler die vom Licht angezogen nach Neapel reisten, auch Musiker und Komponisten zog diese faszinierende Stadt in ihren Bann: Gluck, Mozart, Berlioz, Mendelssohn-Bartholdy oder Wagner bis hin zu Hugo Wolf sind nur einige von ihnen und natürlich  Georg Friedrich Händel, der als 20jähriger nach Italien kam. Die weltliche Serenata « Aci, Galatea e Polifemo“ hat das Licht der Kompositionswelt in Neapel erblickt. Die Neapolitanische Schule war eine Komponistengruppe, die schon ab 1650 maßgeblich die Geschichte der Oper mitbestimmte. Ab Anfang des 18. Jahrhundert breitete sich dieser « leichte«   Stil in ganz Europa aus. Neapel war in dieser Zeit nach Paris und London die drittgrößte Stadt in Europa. Charles de Brosses nannte sie die Hauptstadt der musikalischen Welt.  Das neapolitanische Konservatorium brachte Sänger wie Farinelli und Caffarelli hervor. In der Zeit entstand auch das Teatro di San Carlo; heute zählt das Opernhaus zu den besten der Welt und ist bekannt für seine weiche Akustik.

Im 18. Jahrhundert wurde der Begriff Reiseliteratur erfunden und es entstand der Beruf des Reisebegleiters. Einer der ersten war Thomas Hobbes, er begleitete vornehme Söhne auf diese große Reise, die meist bis Rom ging. Die Mutigen reisten bis nach Neapel weiter. Mutig deswegen, weil es zwischen Rom und Neapel ein Sumpfgebiet und die Malaria gab und die Wegelagerer gerne mal die reisenden Bildungsbürger erleichterten. Hinzu kam, dass die Pensionen nicht dem heutigen Standard entsprachen und sich in den dreckigen Laken so allerlei Tiere suhlten. Aber außer der Musik und der Kunst gab es dort auch den Vesuv und die Ruinen von Pompeji, die ab 1763 besichtigt werden konnten. Neapel:  das ist immer noch gewundenen Straßen, barocke Fassaden, staubige Paläste, bunte Märkte,  freundliche Menschen, Kunst, Schönheit und Musik und oft hervorragendes Essen.

Unser « moderner » Spaziergang beginnt gleich am Aquarium von Anton Dohrn. 1872 hat er es in den ehemals königlichen Gärten die Stazione Zoologica zur Erforschung der Fauna im Mittelmeer bauen lassen. Sein Künstlerfreund Hans von Marées, der sich gerade auf Italien-Bildungstour befand hat 1873 in der Bibliothek im ersten Stock die Fresken malen dürfen. Mediterrane Alltagsszenen, Fischer und Orangenpflücker oder einfach nur eine Siesta auf der Pergola. Diese Fresken waren auch noch lange Zeit danach eine bedeutende Sehenswürdigkeiten für deutsche Reisende. Paul Klee fand, sie „hätten einen guten Eindruck“ gemacht. Na ja, mehr kann man von seinen Bildern eigentlich auch nicht sagen. Das Aquarium hingegen stieß auf sein Interesse.

In der Pension Maurice hat 1952 der chilenische Dichter und Literaturpreisträger Pablo Neruda übernachtet und von dort aus sollte er abgeschoben werden. Die Neapolitaner protestierten und er wurde nach Rom gebracht wo ihn die Einladung von Edwin Cerio nach Capri erreichte.  Später gelangte er dann im Exil  auf die Insel Procida  und alle Kinogänger wissen, wie es mit ihm weiterging!

Im Hotel Royal des Étrangères auf der Via Partenope logierte Ende September 1898 Oscar Wilde– natürlich mit Lord Alfred Douglas, der ihm trotz Verbot nachgereist war. Wilde hatte sich nach seiner Verurteilung in das nicht ganz so puritanische Frankreich abgesetzt und kam mehr oder weniger mittellos in Neapel an.  Nach Capri ist er natürlich auch gefahren, allein schon um Blumen auf das Grab von Tiberius zu legen. Enrico Carusos zweites zuhause soll das Hotel Vesuvio gewesen sein. Gadamer hat auch dort ein paarmal gewohnt. „Die Illusion ist vollkommen“ soll er gesagt haben, als er vom Hotel aus auf den Golf blickte.

In der Via Generale Parisi im obersten Stock lebte um 1947 der Komponist Hans-Werner Henze mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Sie schrieb das Libretto zum „Jungen Lord“, eine Oper, die Henze in Neapel komponiert hat. Auch die fünf Neapolitanischen Lieder sind in dieser Zeit entstanden. Ein Jahr vorher bewohnte die Bachmann eine Wohnung auf dem Vomero und verfasste dort „Die Anrufung des Großen Bären“. Der Kater Rufus soll aus Ärger, weil man ihn am Sonntag allein gelassen hat, das erste Manuskript zerfetzt haben, das erzählt Hans-Werner Henze in den „Reiselieder mit böhmischen Quinten“. Und Rilke Gedicht « Vor Ostern » entstand 1907 während eines Winteraufenthaltes auf Capri.

San Carlo ist eines der wichtigsten italienischen Opernhäuser. Hier geht mit man immer noch mit langen Kleidern und Smoking zur Premiere. Das Teatro ist angeblich europaweit für seine fantastische Akustik bekannt. Nach der Oper kann man noch in die Pizzeria Brandi gehen – dort wurde die Pizza erfunden und die Operngäste sitzen im Abendkleid auf den Holzstühlen. Die beste Pizza in Neapel gibt es dort aber nicht. Die soll es in der Pizzeria Beatrice an der Piazza Dante gegeben haben, das hat jedenfalls Joseph Beuys gemeint. Heute existiert sie nicht mehr.

Im Palazzo Barbaja hat der Direktor der Oper einmal den Komponisten Rossini eingesperrt. Letzterer sollte endlich den Othello komponieren und nicht nur an sein Vergnügen denken. „Ich habe die Ouvertüre von Otello in einem kleinen Zimmer im Palazzo Barbaja komponiert, wo der glatzköpfigste und der grausamste aller Direktoren mich gezwungenermaßen eingeschlossen hatte. Ohne etwas anderes als einen Teller Maccheroni und mit der Drohung, dass ich auch lebenslänglich nicht das Zimmer verlassen könnte, bis ich die letzte Note geschrieben hätte“ – soll er gesagt haben. Die Oper Othello wurde dann aber nicht in San Carlo uraufgeführt, da dieses Theater kurz vorher  erstmals abgebrannt ist. Ob es ein Racheakt von Rossini war, scheint eher unwahrscheinlich.

In San Carlo hat Hans Christian Andersen dreimal die wunderschöne Sängerin Maria Malibran gehört und war ganz verliebt „es war mir, als hörte ich einen Schwan bald mit den Schwingen gegen die hohen Ätherströme schlagen, bald in das tiefe Meer hinuntertauchen und die hohle Brandung teilen, während das brechende Herz in Tönen verblutete“. Hätte man dem grausamen Märchenerzähler gar nicht zugetraut! Gegenüber dem Opernhaus liegt die Galleria Umberto I. Hier hängt eine Gedenktafel für Goethe. Dieser verzieh es allen „die in Neapel von Sinnen kommen, denn es schien ihm, als wolle jeder das große Fest des Genusses, das in Neapel alle Tage gefeiert wird, mit geniessen und vermehren“.

Aber diese Meinung vertraten nicht alle Neapel-Besucher. So schrieb Fanny Mendelssohn 1840 „Im Endeffekt werde ich aus Neapel wie ein schönes Entchen fortfliegen. Ich bin froh wenn ich unseren angenehm frischen und leisen Balkon nicht verlassen muss, die Stadt ist höllisch; man könnte glauben, dass die Wirkung des Vesuvs bis hierher zu spüren ist, so schön die Stadt auch sein mag, würde ich niemals in ihr Leben wollen.“ Auch für Stefan Andres und seine Frau war es „Kein Arkadien“, als sie sich 1937 ins Exil in der Nähe von Neapel begaben und in einer primitiven Wohnung, ohne fließend Wasser oder Strom und so gut wie ohne Geld überleben mussten.

Aus einem ganz anderer Grund enttäuscht war der Reisejournalist Otto Julius Bierbaum. Er quälte sich 1902 mit Chauffeur in einem Einzylinder mit 8 PS und mit  25 km/Stunde, voll beladen mit Frau, unzähligen Koffern und Hutschachteln, einem Picknickkorb und Geschirr auf einer steilen Straße weit über die Stadt hinaus. Das Ehepaar Bierbaum war nicht wegen Fresken oder Aquarium nach Neapel gereist. Nein: Der Journalist wollte den Vesuv in Aktion erleben, was aber wohl nicht passiert ist, denn er hat sich anschließend bitter beim Reiseveranstalter Cook beklagt:  „Ich verlange ja keinen direkten Ausbruch, aber bloß so dazu stehen wie jeder andere Berg, ohne die geringste Rauchsäule, das ist für einen allgemein anerkannten und im Baedeker mit zwei Sternen versehenen Vulkan entschieden zu wenig“!!!

Heute ist Neapel die drittgrößte Stadt Italiens, Hauptstadt von Kampanien und wirtschaftliches und kulturelles Zentrum von Süditalien. Die Altstadt gehört seit 1995 zum UNESCO Weltkulturerbe.

Christa Blenk

PS Stefanie Sonnentag hat in ihrem kleinen Reiseführer „Spaziergänge durch das literarische Capri und Neapel“ noch viel mehr Adressen und Geschichten anzubieten.

 

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