6 juin 2020 0 Commentaire

Albert Weisgerber – Absalom

 

Für KULTURA EXTRA

Albert Weisgerber – Absalom

 

„… und der Wald brachte an diesem Tage noch mehr Leuten den Tod, als das Schwert es getan hatte… „ heißt es in der Bibel im Kapitel von David und Absalom.

 

Es ist kein Freudensprung! Schwerelos fliegt König Davids charismatischer und schöner Sohn Absalom durch die Lüfte. Was ist passiert?

 

In dem Familienkrieg um die Vorherrschaft in Israel soll es um das Jahr 1000 v.Chr. über 20.000 Opfer gegeben haben, die meisten auf Seiten des abtrünnigen Absalom. Als dieser im Walde Ephraim auf seinem Esel sitzend unter den Zweigen einer Eiche hindurch reitet, verfangen sich seine schweren, langen Haare in dem Geäst und besiegeln damit die Schlacht. In Weisgerbers Geschichte gibt es zwei Eichen, die schräg auf dem grau-braun-felsigen Grund ein Gegengewicht zu Absaloms ringendem Körper suchen. Zum Verhängnis wird ihm die Hintere, sie streckt dem Reiter ihren Zweig geradezu verführerisch entgegen und nimmt seine Haare in Gefangenschaft. Der schräge Sturz nach oben gibt dem Bild eine unglaubliche Dynamik und erweitert die Fallposition. Absalom springt nicht in einen Abgrund, auch wenn Weisgerber das so malt, er wird nach oben gezogen. Der Esel läuft einfach auf dem Trampelpfad weiter, steil bergab in Richtung der blauen Berge, die man weit weg und doch zum Greifen nahe sehen kann. Das empfindet auch Absalom so und will anscheinend mit dem rechten Bein dort Halt suchen. Kämpferisch fährt sein linker Fuß in einer dynamischen Balletposition in die Höhe. In dieser Haltung könnte er  – sollte ihn der Zweig wider Erwarten doch noch frei geben – ohne Probleme auf beiden Beinen landen. Weisgerber malt die Zerrissenheit in zwei Diagonalen. Einmal die Bäume von rechts unten nach links oben und dann sein Körper von links unten nach rechts oben. Die reflexartig nach oben gerissenen Hände scheinen sich noch an die Zügel zu erinnern und versuchen gleichzeitig, am verhängnisvollen Zweig Halt zu finden. Absaloms nackter, kräftiger Oberkörper ist rotbraun, die Hose ziegelrot. An seinen Hüften hängt ein Säbel, allerdings unerreichbar für ihn, um damit seine Haare abzuschneiden. Weisgerber hat das Bild in drei Farbebenen eingeteilt und die Farben nebeneinander aufgetragen. Auf der linken Seite dominieren Rot-und Blautöne, während die rechte grau-braun-grün-lastig ist. Das grelle Gelb seiner langen, den Ast umschlingenden Haare, taucht im Felsen rechts unter wieder auf.

 

Weisgerber malt den Moment bevor der Verfolger und Mörder Joab den hilflosen Absalom mit drei Pfeilen durchbohrt. Joab ist aber noch nicht in Sicht und auch sonst gibt es keine Spur von Krieg oder Schlacht in dem Bild. Nur Chagall hat seine Personen so durch die Lüfte tanzen lassen.

 

Der deutsche Maler Albert Weisgerber (1878-1915) ist nicht im Wald sondern zwischen Minen, Gas und Grabenkrieg während seines ersten Fronteinsatzes 1915 bei der zweiten Ypernschlacht ums Leben gekommen. Das Bild Absalom hat er 1912 gemalt. Es gehört zu einer Serie von Bibel-Werken, auf die er sich die letzten Jahre seines Lebens konzentriert hatte. Der heute gänzlich unbekannte Weisgerber, über den eine Münchner Zeitung anlässlich seines Todes schrieb, dass mit ihm eine der stärksten Hoffnungen der Münchner Malerei zu Grabe getragen wurde“, war um 1900 ein aufsteigender Stern auf dem deutschen Malerhimmel. Man bewunderte die Unbeschwertheit seines Striches, seine gewandte und elegante Farbwahl, seinen individuellen Stil und seine unglaubliche Schnelligkeit. Weisgerbers Anfangswerke wie „Im Münchner Hofgarten“ oder „Im Biergarten“ erinnern noch an Max Liebermann, später – nach seinem Paris-Aufenthalt – wird er zum Fauvisten und Expressionisten. Das Thema vom heiligen Märtyrer-Soldaten Sebastian, dessen pfeildurchbohrter, nackter Körper Künstler wie Mantegna, Perugino, Antonello da Messina oder Rubens inspirierte, hat auch Weisgerber beschäftigt. Ab 1910 versucht er mit einer beeindruckenden Sebastian-Serie seine Vision eines unnatürlichen Todes zu verarbeiten. Pfeile, obwohl man sie nicht sieht, spielen in dem Bild „Absalom“ eine stumme Hauptrolle.

 

Albert Weisgerber war Schüler von Franz von Stuck und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Münchner Neuen Secession. Der gesellige und beliebte Maler war Stammgast in Schwabinger Künstlercafés, liebte das Theater und die Literatur. Bei seinem Tod fand man Goethes Faust in seiner Tasche. Nur von Kunsthistorikern fand er sich unverstanden. 1905 ging er nach Paris und traf dort im Cafe du Dôme den späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss, von dem er ein Portrait malte. Cezanne und Matisse beeindruckten und beeinflussen ihn sehr. Später unterrichtete er in München Kunst an einer Damenakademie. Zu den Schülerinnen gehörte auch seine Frau. Im ersten Kriegsjahr 1914 organisierte er als Vorsitzender die erste Ausstellung der Neuen Münchner Secession in der Galerienstraße mit Werken von Beckmann, Macke, Klee, Nolde, Jawlensky und Kokoschka. Das Bild Absalom war unter den Exponaten. Es misst 154 x 127 cm und hängt heute in der Hamburger Kunsthalle. Kurz vor seinem Tod erreichte ihn an der Front ein Auftrag für ein Fresko aus Stettin.

 

Immer noch sind über die Hälfte seiner 400 entarteten Ölgemälde verschollen und seine Präsenz in deutschen Museen ist eher unbedeutend. Die 1992 in seinem Geburtsort St. Ingbert gegründete Stiftung kümmert sich um die Pflege seines Andenkens und seiner Werke.

 

Nachruf von Theodor Heuss:

 

„Wir, die wir ein Stück seines Jugendweges mit ihm gegangen und in der Erinnerung selber weg gesunkene Zeiten beschwören, sehen ihn nur in der Luft jener Jahre: heiterer Übermut des Jünglings und strenge Zucht einer erobernden Männlichkeit.“

 

Christa Blenk

 

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