13 mai 2020 0 Commentaire

Las Meninas – Diego Velázquez

für KULTURA EXTRA

Diego Velázquez‘ (1599-1660) Meisterwerk „Las Meninas“  (Die Hoffräulein) beschäftigt seit über 300 Jahren Kunsthistoriker weltweit und jedes Jubiläum und jede runde Zahl, die man aus seinem Geburts- oder Todestag herausholen kann, wirft eine neue Theorie über Komposition, Motiv und Interpretation des Werkes in den Kunstring.

Velázquez hat hier einen Schnappschuss gemalt, auf dem die spanische Infantin Margarita inmitten ihres Hofstaats beim Spielen zu sehen ist. Der Künstler steht von uns aus gesehen vor einer großen Leinwand, von der wir nur einen Teil des verkeilten Holzrahmens zu sehen bekommen. Es ist Velázquez selber bei der Arbeit in seinem Atelier im Madrider Königspalast. Wir sehen nicht, was er malt. Ist es das Bild, das wir gerade betrachten,  portraitiert er das Königspaar, das im Spiegel hinter ihm zu erkennen ist oder malt er vielleicht das Publikum?  Ein wenig zurückgetreten, mit Pinsel und Palette in der Hand, blickt er uns an oder mustert kritisch das momentane Ergebnis. Velázquez hat eher selten Autoportraits gemalt. Seine 57 Jahre sieht man ihm hier nicht an! Könnten wir durch die Zeit reisen, würden wir uns schnell mal zu ihm gesellen, um sein Geheimnis zu lüften. Der elegante Seidenreifrock der Infantin ist nicht gerade zum Spielen geeignet. Sie steht im Mittelpunkt der Szene und blickt uns fast frontal an. Noch ist die typische Habsburger-Lippe nicht ausgeprägt oder Velázquez hat es gut mit ihr gemeint. Das seitlich rechts hereinfallende Licht verwandelt ihr blondes Haar in Goldfäden. Die kniende Hofdame Isabel de Velasco reicht ihr gerade einen roten Krug, der eine farbliche Brücke zum Blumenschmuck auf Kleid- und Haarschmuck der kleinen Prinzessin bildet, sich auf den Ärmelbändern der knicksenden Hofdame Maria Agustina Sarmiento  rechts und auf Velazquez‘ Farbpalette wiederholt. Die schräg gehaltene Palette initiiert als Verlängerung der Haarpracht der knienden Menina in diesem Moment die Diagonale. Die Protagonisten scheinen sich gerade für ein Gruppenbild aufzustellen, aber dann wird der Auslöser zu früh gedrückt und Alle verharren in dem, was sie gerade tun. Großartiger Geniestreich! Die beiden Hofzwerge, die deutsche Maribárbola und der Italiener Nicolasito Pertusato, stehen ganz rechts. Letzterer will noch schnell mit seinem Fuß den schlafenden spanischen Mastiff im Vordergrund wecken. Zwei Reihen dahinter stehen die Ehrendame Marcela de Ulloa in Trauerkleidung mit erhobener Hand und ein nicht identifizierter Mann. Auf Velázquez‘ Brust gut sichtbar und wieder in dem Rot-Ton prangt das Kreuz des Santiago-Ordens. Das ist irritierend, denn der Meister wurde erst drei Jahre nach der Fertigstellung von Las Meninas und ein Jahr vor seinem Tod in diesen, der Aristokratie vorbehaltenen, Orden aufgenommen. Laut Palomino wurde das Kreuz nach Velázquez‘ Tod von seiner Majestät höchstpersönlich auf des Künstlers Brust gemalt. Dies ist aber umstritten. Das Licht von rechts erhellt nur noch Gesicht und rechte Hand des Malers. Velázquez hat den oberen Teil des Bildes vernachlässigt und ihn kerzenverraucht im Halbdunkel gelassen. Die Behandlung der Luft- und Lichtverhältnisse im Raum ist faszinierend. Ein gedämpftes Flimmern lässt mikroskopische Staubkörnchen tanzen und jedes Stück Stoff scheint ein vibrierendes Eigenleben zu haben. Man muss die Augen zusammenkneifen, um die Stimmung besser wahrnehmen zu können. Der perspektivische Fluchtpunkt befindet sich im hinteren Teil des Bildes, genau dort, wo ein zurückgeschobener Vorhang eine zweite Lichtquelle ins Spiel bringt. Es ist der Hofmarschall José Nieto im dunklen Umhang und mit einem Hut in der Hand. Ihn hat Velázquez‘ Pinsel auf zwei Stufen stehend, kontrollierend zurückblickend, eingefroren. Seine Präsenz deutet darauf hin, dass das Königspaar, das man nur im Spiegel hinter dem Maler – unverkennbar mit Kinn und Frisur – sieht, wirklich im Raum ist. Einem Hofmarschall war es laut strengem Hofzeremoniell gestattet, den spanischen Hoheiten die Türe zu öffnen. Das Regentenpaar müsste dort sitzen, wo wir, die Betrachter, gerade stehen. Interessant sind die beiden großen Gemälde im Hintergrund über dem Spiegel. Das eine ist ein Bild von Rubens mit dem Arachne Thema und das Bild Apollo y Marsias hat Jordaens gemalt. Das ist natürlich kein Zufall. Erstens verehrte Velázquez Ovid, kannte sich sehr gut in der Mythologie aus und hatte in dieser Zeit selber ein Arachne Thema auf der Staffelei – „Las Hilanderas („die Spinnerinnen“) wurde 1657 fertig – und zweitens verfügte der spanische Hof über eine vorzügliche Sammlung flämischer Kunst, darunter Van Eycks „Arnolfini Hochzeit“. Auch darin spielt ein Spiegel eine Rolle.

Die Infantin Margarita war im Entstehungsjahr des Bildes das einzige Kind von König Philipp IV und seiner zweiten, jungen Frau (und Nichte) Maria Anna von Österreich. Der König holte den Maler Diego Velázquez im Jahre 1651 aus Rom an den spanischen Hof zurück, worüber dieser nicht sehr glücklich war. Die Infantin wurde ab 1655 sein Lieblingsmotiv und er malte sie bis zu seinem Tod immer wieder. „Las Meninas“ hieß ursprünglich „Die Familie“ und Margarita war darin fünf Jahre alt. Später wird sie im Rahmen der spanisch-habsburgischen Heiratspolitik („Tu felix Austria nube“) ihren Onkel und Cousin Leopold I ehelichen und als Margarita Theresa von Österreich und römisch-deutsche Kaiserin in die Geschichtsbücher eingehen. Das Gemälde ist geometrisch und auf vier Ebenen um eine Barockdiagonale aufgebaut, es misst 321 x 281 cm und hängt im Madrider Prado. Velázquez hat es 1656 gemalt. Das Goldene Zeitalter kränkelte schon vor sich hin und wird mit dem langersehnten Hoffnungsträger, dem geistig degenerierten Carlos II, der erst nach Velázquez‘ Tod geboren wurde, endgültig untergehen und den Borbonen den Weg frei machen.

Die Meninas sind für den Prado das, was die Mona Lisa für den Louvre ist. Immer wieder zitierten andere Künstler Velázques’ Hauptwerk. So malt Goya  1801 ein Bild von der Familie Karl IV mit fast den gleichen Maßen. Im 20. Jahrhundert hat sich u.a. Dalí mit dem Kunstwerk auseinander gesetzt. Selbst Picasso kam nicht an Velázquez vorbei und schaffte über 50 Interpretationen des Gemäldes.

Der Künstler Antonio Palomino hat 1724 die erste intensive Beschreibung der Meninas vorgestellt und dank ihm kennt man die Namen der Personen darin. Für ihn war Velázquez‘ Hauptwerk „Eine Theologie der Malerei“ und er geht noch weiter und sagt: …. „So wie die Theologie allen anderen Wissenschaften überlegen ist, dieses Gemälde das größte Werk der Malerei sei“.

Christa Blenk

 

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