8 mai 2020 0 Commentaire

Die Stützen der Gesellschaft – George Grosz

für KULTURA EXTRA

Zwischen Litfaßsäulen

„Ich zeichnete Betrunkene, Kotzende, Männer die mit geballter Faust den Mond verfluchen, Frauenmörder, die skatspielend auf einer Kiste sitzen, in der man die Ermordete sieht. Ich zeichnete Weintrinker, Biertrinker, Schnapstrinker und einen angstvoll guckenden Mann, der sich die Hände wäscht, an denen Blut klebt“ (George Grosz)

Während ein kleiner Prozentsatz die wilden Zwanziger Jahre auslebte und sich in Jazzkellern oder Luxuslokalen Champagner trinkend und Kokain schnupfend die Nacht um die Ohren schlug, ging es vor allem in der Hauptstadt Berlin einem Großteil der Menschen schlecht. Das arbeitende Volk hatte  keine oder eine unsichere Arbeit, eine ungesunde Wohnung und oft nicht genug zu Essen.  Ein perfekter Nährboden für eine aufblühende Kulturszene aber auch für den sich schnell ausbreitenden braunen Sumpf.

Ab den 1920er Jahren entwickelte sich eine neue Kunstrichtung, der sich u.a. Otto Dix, Christian Schad, Conrad Felixmüller und George Grosz zuwandten. Unter dem Begriff Neue Sachlichkeit war man auf der Suche nach einer neuen Betrachtungsweise und erklärte den Expressionismus für tot. In der Weimarer Republik kamen wieder Akte, Landschaften und Portraits in Mode. Motive, die gefährlich an die Kunst des 19. Jahrhunderts erinnerten und – jedenfalls – anfangs – der gerade heranwachsenden neuen und rechtsextrem-konservativen Führungsmacht zu gefallen schienen. Aus dieser Stilrichtung entwickelte sich der Verismus, der sich mit Hilfe von grotesk-fratzenhaften Motiven und Hässlichkeit mit Politik und Gesellschaft auseinander setzte.  Kriegsgewinnler und Kriegskrüppel, Schieber, Soldaten und Prostituierte waren die bevorzugten Motive von George Grosz (1893-1959.

Symbolträchtig konzentriert sich Grosz in „Stützen der Gesellschaft“ vor allem auf fünf Personen, die auf unterschiedlichen Ebenen aneinander kleben. In der ersten Reihe steht ein ehemaliger Student mit einem Bierglas in der linken Hand, den Säbel in der Rechten. Gut deutschnational, zieren unzählige Schmisse seine rechte Backe und definieren ihn als Kriegsteilnehmer. Die zerschnittene Visage unterstreicht seinen fiesen Gesichtsausdruck. Außerdem fehlt ihm das rechte Ohr und er trägt ein Monokel. Seine Krawattennadel ziert ein Hakenkreuz. Er ist also Parteimitglied in der NSDAP. Mit dem angeschmuddelten, weißen Kragen wirkt er ungepflegt. Was man auf den ersten Blick für eine Mütze hält ist in Wirklichkeit ein geöffneter Schädel, aus dem ein Reiter mit Pferd kommt. Links von ihm steht ein Journalist mit einer großen, blutigen Feder in der Hand. Er hält das 8 Uhr Abendblatt sowie den Berliner Lokalanzeiger vor seiner Brust. Grosz hat ihm die Gesichtszüge von Alfred Hugenberg verpasst. Als Medienzar und Wirtschaftsminister nach Hitlers Machtergreifung hat dieser dazu beigetragen, den Aufstieg der Rechtsextremisten in der Weimarer Republik zu fördern. Grosz hat ihm einen Nachttopf auf den Kopf gesetzt und worauf das anspielt kann sich jeder denken. Rechts hinter dem Schmiss steht ein dicker Politiker mit einer Fahne. Er hält ein Schild mit der Aufschrift: „Sozialismus ist Arbeit“. Aus seinem geöffneten Schädel quillt eine dampfende, bräunliche Masse. Hinter dem Nachttopf predigt ein verwahrloster Geistlicher mit erhobenen Armen und roter Schnapsnase und segnet die Feuersbrunst links vor ihm. Auf der anderen Seite im Profil ein verbissener Soldat mit Stahlhelm, dessen Degen noch mit Blut beschmiert ist.  Grosz‘ Stützen der Gesellschaft sind Politik, Presse, Parlament und Kirche.

Ohnmächtige Enttäuschung, stumpfe Hoffnungslosigkeit und Null Vertrauen in die Zukunft versammelt er 1926 in diesem Bild auf 200 x 108 cm. Es gehört der Berliner Nationalgalerie.

1917 befand sich Grosz in einer Nervenheilanstalt und schrieb an einen Freund folgendes:  „… ich bin bei Gott nicht mehr fröhlich, mein Menschenhass ist ins ungeheure gewachsen … mir scheint, als werde ich langsam dem Trübsinnwahn entgegengehen… o ich durchschreite die blanke Hölle.“  Wenn das keine Beschreibung seines 10 Jahre später entstandenen Bildes ist!

Immer wieder muss George Grosz sich vor Gericht verantworten,  einmal wegen Gotteslästerung dann wegen Verbreitung unzüchtiger Abbildungen. Kurz vor der Machtergreifung 1933 geht er in die USA, wird 1938 amerikanischer Staatsbürger. 1959 kehrt er auf Wunsch seiner Frau Eva nach Berlin zurück, um nur ein paar Wochen später tödlich zu verunglücken. Grosz stürzte betrunken eine Treppe hinunter.

Seit 2015 ist die Neue Nationalgalerie im Mies van der Rohe-Bau wegen Sanierungsarbeiten geschlossen. Sie verfügt über eine großartige Sammlung der Moderne von Picasso, Kirchner bis Beckmann und George Grosz. Wenn alles wie geplant läuft, was es ja meist nicht tut, soll der Bau Ende 2020 übergeben werden und die Sammlung ab 2021 wieder zu besichtigen sein.

Christa Blenk

 

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