Franz Trio zu Gast in Zehlendorf

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Seemannsgarn und Landabenteuer oder Winkelmesser und Metronom

Vor knapp einem Jahr war das fabelhafte Franz Trio schon einmal zu Gast bei den Zehlendorfer Hauskonzerten. Damals spielten sie Werke von  Zoltán Kodály, Jean Françaix  und Franz Schubert.  Auch für das gestrige Konzert haben die Drei wieder ein ganz besonderes Schmankerl ausgegraben und nach der sehr frei interpretierten heiter-verwegenen Serenade op 8 von Beethoven aus dem Jahre 1797 ein eindrucksvolles und sehr aufregendes Werk von Jean Cras (1879-1932) im Wohnzimmer zur Aufführung gebracht.

Jean Cras ist bei uns eher unbekannt und seine Werke werden leider so gut wie nie aufgeführt. Dabei ist das Trio für Streicher ein kurioses Ereignis. Der Komponist gab sich außer seiner Leidenschaft zur Musik, die er von seiner Mutter hatte, einer zweiten Leidenschaft hin: der See. Sein Vater war Marinearzt und so machte auch der Sohn bei der Marine Karriere, was ja für einen Bretonen nicht gerade unüblich ist!  Als 13-Jähriger trug er öffentlich seine erste Komposition am Klavier vor; mit 17 trat er in die Marineschule ein. Um 1900 befasste er sich – auf Rat seines Komponistenfreundes Henri Duparc – mit der Analyse von Beethovens Streichquartetten. Er bekam sogar eine Auszeichnung, weil er wohl im Ersten Weltkrieg ein U-Boot versenkt hat.

Jean Cras hat ein Navigationsinstrument erfunden und bei ruhigem Seegang Musik komponiert. Zu diesem Zwecke befand sich immer ein Klavier an Bord. Dieses Trio ist eine großartige Mischung aus Heimat und Ferne, Land und Wasser, Traum und Wirklichkeit. Stilvielfalt und Freiheit zeichnen es aus, geprägt von Einfällen und Ideen, die bei seiner Rückkehr an Land aus seinem salzigen Gepäck sprudelten. Brest, seine Heimatstadt, hat ihm dafür ein Denkmal errichtet.

Das Streichertrio entstand 1926 und will weder die Spätromantik noch Debussys Hauptwerk „La Mer“  verbergen. Aber nicht nur Jean Françaix hat Music pour le plaisir komponiert! Bei Jean Cras spürt man sie auch, die lautmalerische Leidenschaft mit Tönen von Riesenkraken oder tausend-armigen Seeungeheuern zu erzählen. Die Freude von Jean Cras am Komponieren und die Begeisterung der ausgezeichneten Solisten des Franz Trio Avigail Bushakevitz (Geige), Ernst-Martin Schmidt (Bratsche) und Constance Ricard (Cello) am Interpretieren dieses fabelhaften Werkes ist direkt auf die Zuhörer übergesprungen.

Das Streichertrio besteht aus vier Sätzen, die eigentlich nicht zusammen hängen und ein originelles Eigenleben haben. Während man im ersten Satz die Bretagne zu hören vermeint, das Rauschen, die drohenden, rauhen Winde, die Wellen, die sich an den Felsen brechen und das plötzlich zur Ruhe kommende Meer, das sanft glitzernde Karibikfarben hervorbringt, lässt Cras im zweiten Satz sein Heimweh durch das Cello ausdrücken. Hier geht er an Land, in Nordafrika oder Asien vielleicht und erfreut sich an geometrisch plätschernden Springbrunnen und Arabesken. Die hitzigen Pizzicati klirren wie die Segelmasten im Wind und rufen ihn wieder an Bord zurück, vielleicht erzählen sie aber auch von einer aufgeregten Vorfreude, bald wieder heim zu kehren. Im dritten Satz, Animé, legt er einen Zahn zu und schickt galoppierende Pferde durch sonnige Jazzelemente in den Wilden Westen, wo sein schwermütiges Banjo zur sehnsüchtigen Balalaika wird, um gleich darauf im vierten Satz, très animé, vollkommen auszurasten. Kältere, irisch-bretonische Klänge werden zu einem ausgelassenen  Square Dance bis das Abenteuer mit dampfendem Rauch zu Ende geht. 

Das ausgezeichnete Franz Trio hat sich sehr wohl mit dieser flammend-dynamischen See-Land-Weltreise gefühlt und tiefe, eleusinische und unerklärliche  Klänge aus den Instrumenten und Noten hervorgeholt, die man gar nicht vermuten konnte.

Avigail Bushakevitz hat mit ihrem Ehemann, dem Bratschisten Ernst-Martin Schmidt und der Cellistin Constance Ricard vor ein paar Jahren das Franz-Trio gegründet. Das Musikerehepaar lebt seit ein paar Jahren in Berlin und ist u.a. Mitglied des Konzerthausorchesters Berlin. Constance Ricard wurde in Paris geboren und lebt ebenfalls seit 2012 in Berlin, wo sie ihre Zeit zwischen dem Orchesterspiel und verschiedenen Kammermusikgruppen aufteilt. Sie wird demnächst in Zehlendorf ein Solo-Cellokonzert geben.

pesca

Christa Blenk

 

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