Don Giovanni in der Staatsoper

Winter

 

Wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht …

Claus Guth hat diesen Giovanni schon 2008 für die Salzburger Festspiele inszeniert und steckt alle Beteiligten von Anfang bis Ende in den Wald und weil man sich nach einiger Zeit auf keine neuen Inszenierungsabenteuer mehr einstellen muss, kann man sich mit Muse den Protagonisten widmen. Guth ist es gelungen, aus jeder Rolle eine Hauptrolle zu machen.  Nebenrollen hat dieser Giovanni nicht. Allerdings kommen dann schon mal Sonntag-Abend-Tatort-Gefühle auf, denn gewalttätig ist er, dieser Don Giovanni.

Donna Anna ist dem feinfühligen aber etwas weltfremd-langweiligen Don Ottavio versprochen und das geht ganz gut, bis die Schöne das Pech hat, auf den Draufgänger und Frauenheld Don Giovanni zu treffen. Und natürlich kann sie ihm nicht widerstehen und selbstverständlich wird auch sie gleich wieder fallen gelassen, wie all die anderen ca. 2000 Frauen vor ihr. Das erklärt später Leporello der ebenfalls verlassenen und verletzten Donna Elvira. Aber zuerst muss Don Giovanni Annas Vater töten, wobei er selber auch verletzt wird und den Rest der Vorstellung mit einem blutenden Bauchschuss rumläuft.

Leporello ist nicht nur der Diener von Don Giovanni, er scheint auch zu dealen, vielleicht um seine Zukunft zu sichern, denn er will den Aristokraten und Egoisten Don Giovanni so bald wie möglich verlassen. Er ist es leid, nach ihm immer die Scherben aufsammeln zu müssen und tröstet sich mit einer Dose Bier und einem Schuss. Leporello trägt einen langen schwarzen Stoffmantel, eine dunkle Brille und eine schwarze Mütze. Wir befinden uns definitiv im Heute und im Funkloch Brandenburg. Das begreifen wir spätestens, als Don Ottavio nach der Ermordung des Komtur Hilfe per Handy rufen will, aber kein Netz bekommt – wir sind ja schließlich im tiefsten Wald.  Die Bühne dreht sich ständig, und ab und zu erscheint zwischen den dunklen Kiefern eine Bushaltestelle, aber auch der Bus kommt natürlich nicht pünktlich und Donna Elvira muss warten, bis sie endlich wegkommt bzw. ankommt, denn sie ist auf der Suche nach dem Schurken Don Giovanni. Somit wären es schon Drei mit Rachegedanken, die sich auf eine Art roadmovie durch den Wald begeben: Donna Anna, Don Ottavio und nun auch noch Donna Elvira. Der verletzte Don Giovanni schafft es aber trotzdem immer wieder zu entkommen und aufs Dach zu klettern, zu flirten und gleich wieder mit der jungen Braut Zerlina anzubandeln. Die ist gar nicht so abgeneigt und schickt ihren Bräutigam Masetto erst mal weg. Wer kann auch schon einem reichen, aristokratischen Schönling widerstehen, der einem die Welt verspricht.  Alle Personen treffen sich permanent irgendwo im Wald und manchmal verliert man den Überblick und weiß nicht genau wer was jetzt tun soll. Als Donna Anna und Don Ottavio eine Autopanne haben, versucht Don Giovanni sogar, dieses zu reparieren, um bei  ihr Eindruck zu schinden.  Claus Guth nimmt diesem Don Giovanni die Hierarchie der Personen.

Der Wald scheint wohl Don Giovannis Jagdrevier zu symbolisieren. Im Wald hat man Angst, ist unsicher, dort kann man sich verlaufen und schnell auf den falschen Weg geraten, aber man kann sich auch gut verstecken in ihm. Der Wald steckt außerdem voller Gefahren, unserer hier beherbergt sogar einen Wolf. So passen sie alle irgendwie dorthin, denn jeder einzelne hat etwas zu verbergen oder zu vertuschen.

Wenn zum Schluss ein Baumstamm auf einer Lichtung zum Abendmahltisch wird, dann passt das plötzlich doch. Die Schlussdramatik ist bewegend und berührend. Don Giovanni zeigt keine Reue und lässt sich lieber vom Teufel holen, als dass er sich ändert.

Der junge Lahav Shani am Pult bekommt viel Applaus. Er holt dunkle und geheimnisvolle Wärme aus der Staatskapelle heraus und geht es ziemlich langsam an. Er ist sicher ein upcoming Star am Dirigentenhimmel. In Berlin hat er an der Hanns Eisler Hochschule für Musik studiert und sich von Barenboim coachen lassen. Viele große Orchester wie das Israel Philharmonic Orchestra oder das Los Angeles Philharmonic Orchestra hat er bereits dirigiert, darunter auch die Staatskapelle Berlin in die Wiener Philharmoniker.  Als designierter Nachfolger von Zubin Mehta wird er ab 2020 die Israel Philharmonic Orchestra übernehmen. Seit einem Jahr lebt er in Berlin.

Der österreichische Bariton Markus Werba ist ein spritziger und akrobatischer Don Giovanni, der seiner Rolle unbedingt gewachsen ist. Werba ist auch ein Mozartsänger und hat ebenso den Grafen Almaviva oder Guglielmo im Repertoire. Er singt an allen großen Opernhäusern weltweit – von den Salzburger Festspielen bis zur MET.

David OŠTREK ist Leporello. Er kam über südslawische Volksmusik und E-Gitarre zum Gesang. Dass er auch Jazz und Rock singt, hat ihm bei dieser Rolle viel geholfen, denn Leporello ist eigentlich ein rockender Drogendealer und Zeremonienmeister.  2015/16 hat er den Don Giovanni im Schlosstheater Schönbrunn gesungen.

Die kroatische Sopranistin Evelin Novak in eine ernste, sehr frische und mit viel Klangvolumen auftretende Donna Anna. Sie gehört seit 2011 zum Solisten-Ensemble der Staatsoper und singt u.a. auch die Pamina.

Don Ottavio singt Dovlet Nurgeldiyev. Er gehört dem Hamburger Ensemble an und hat noch andere Mozartrollen im Repertoire. Der sonst eher langweiligen Rolle des Don Ottavio hat er viel Farbe und Anmut gegeben.

Reinhard Hagen ist der Komtur.  Über 10 Jahre sang er zu Zeiten Götz Friedrichs an der Deutschen Oper Berlin. Seit 2011 gastiert er an großen Häusern mit bedeutenden Dirigenten. Hagen ist ein sehr feierlich-dramatischer Komtur, der unter die Haut geht.

Die irische Mezzosopran Tara Erraught ist eine schneidende Donna Elvira. Sie hat die richtige Mischung zwischen selbstsicherer Wut und schwindender, hysterischer Hoffnung, wenn sie versucht, über den Schuft hinwegzukommen, die beiden anderen zu warnen und selbst ihm wieder zu verfallen. Sie war lange an der Bayerischen Staatsoper, als Gastsängerin an der Wiener Staatsoper und an der MET, singt in Glyndebourne und in Salzburg und kann ein großes Mozart-Repertoire vorweisen.

Zum Schluss noch Grigory Shkarupy als Masetto und Narine Yeghiyan als Zerlina, die bei dieser Inszenierung auch Hauptrollen inne haben und viel Bühnen- und Stimmpräsenz beweisen. Shkarupy ist seit 2015 festes Ensemblemitglied der Staatsoper und Yeghiyan seit 2013. Zu ihrem Repertoire gehört u.a. die Rolle der Barbarina.

Rundherum ein großartiger Mozart-Abend mit jungen, beeindruckenden Solisten, die ständig über Stock und Stein krabbeln mussten, um wieder eine Lichtung im dunklen Wald zu finden.

Christa Blenk

 

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