Beelitzer Heilstätten

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Um 1900 profitierten nur wenige Berliner Einwohner von den ersten Kraftdroschken, vom elektrischen Licht oder der Errungenschaft einer Kanalisation. Fortschritt bedeutete für viele Landflucht, Armut, stinkende Rinnsteine, Wohnungsknappheit, Krankheit und Misere oder mangelnde Hygiene (Haushalte vermieteten z.B. ihr Bett tagsüber an Schlafburschen, während sie bei der Arbeit waren, um die Miete leichter bezahlen zu können). In Berlin gab es  unzählige Lungenkranke, die nicht mehr arbeitsfähig waren. Erst der Arzt Robert Koch (1843-1911) entdeckte 1892 den Erreger der Tuberkulose, wofür er 1905 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. In Verbindung mit Medikamenten und gutem Essen konnte viel frische Luft  wahre Wunder wirken und zur Heilung beitragen.

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Ende des 19. Jahrhunderts entschied die Landesversicherungsanstalt Berlin, sich nachhaltig um die vielen schwindsüchtigen Arbeiter zu kümmern und ließ einen der größten und beeindruckendsten Krankenhauskomplex in Brandenburg und Deutschland – knapp 40 km von Berlin entfernt – bauen. 60 Gebäude wurden auf knapp 200 Hektar mitten im Wald errichtet, um die Kranken in gesunder und sauberer Waldluft genesen zu lassen.  Aber um einen Platz in dieser Einrichtung zu bekommen, durfte man nicht älter als 40 Jahre alt sein und als heilbar eingestuft werden. War die Krankheit schon zu weit fortgeschritten, hatte man keine Chance, auf einen der sonnigen und geschützten Liegeplätze im Grünen. Die LVA übernahm die teure Behandlung, wollte aber die Arbeiter später wieder ins Berufsleben zurückholen.

Auf der einen Seite der Bahnlinie waren die Frauen untergebracht, auf der anderen die Männer. Treffen waren strikt verboten. Am Sonntag durfte die Familie aus Berlin zu Besuch kommen.

1898 begannen also die Architekten Heiner Schmieden und Julius Boethke mit der ersten Bauphase, die 600 Betten vorsah. 1908 wurde erstmals weiter ausgebaut und um 1910 gab es dort 1200 Betten. Ein riesiger Hotelbetrieb, der sich fast als Selbstversorger tragen konnte. Der Architekt Fritz Schulz übernahm ab 1925 die dritte Bauphase. Der Berliner Paul Stanke baute ein sensationelles Heizkraftwerk, das mit Kraft-Wärme Kopplung betrieben wurde

Der Besuch in den Beelitzer Heilstätten kommt einer Reise in die Vergangenheit gleich.  Thomas Mann hat sein Lungensanatorium in die Schweizer Berger verlegt, aber diese Frischluftkur war auch hier im Flachland von Berlin möglich und erfolgreich. Gebaut wurde im Ziegellandhausstil in Grün und Braun, sympathische Erker oder Jugendstilelemente schafften Gemütlichkeit und positives Wohlfühlambiente. Das Essen war umfangreich und gut, sicher besser als es die Kranken von zuhause gewohnt waren. Eine Truppe von Gemüseputzfrauen schälte den ganzen Tag Kartoffel oder Steckrüben, die zu Fleisch und Wurst serviert wurden, damit die Kranken schnell an Gewicht zunahmen, denn Gewichtszunahme war die erste Voraussetzung, um bleiben zu können. Trotzdem versuchten vor allem die kranken Frauen immer wieder, etwas von dem Essen abzuzweigen, um es der Familie am Sonntag mit nach Hause zu geben. Damit dies nicht überhand nahm, gab es die Aufpasserinnen, die von Balkonen während der Mahlzeiten die Frauen überwachten.

Während der beiden Weltkriege dienten die Beelitzer-Heilstätten als Lazarett für verwundete Soldaten. 17500 Kranke wurden während des 1. Weltkrieges dort gesund gepflegt.

Die im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigten Heilstätten wurden 1945 von der Roten Armee übernommen und dienten bis in die 1990er Jahre als Militärhospital der sowjetisch-russischen Armee im Ausland. Aus dieser Zeit stammt die riesige Dunstabzugshaube in der Küche, einer der wenigen Gegenstände, die noch erhalten sind.

Aber die wirklich bedeutenden Schäden und Plünderungen fanden erst ab dem Jahre 2001 statt. Durch die Insolvenz der Eigentümergesellschaft blieb das Gelände verlassen und schutzlos zurück, dem Verfall und Vandalismus  frei gegeben.

Seit ein paar Jahren geht es aber aufwärts und das Gelände ist wieder für Besucher geöffnet. Besichtigungen sind allerdings nur mit Führung und Helm möglich.

In den letzten Jahren fanden komplexe Umbau- und Sanierungsarbeiten statt und es entstand eine neurologische Rehabilitationsklinik, ein Parkinson-Fachkrankenhaus sowie eine Rehabilitationsklinik für Kinder. Einige Gebäude in der Nähe des Bahnhofs wurden und werden zu Wohnraum umfunktioniert.

Dann und wann stößt man noch auf einen verrotteten Liegestuhl, kaputte Reagenzgläser, alte Stiefel oder verrostete Badewannen. Das ursprüngliche Waschhaus wurde in den 1920 Jahren in einen Hörsaal  mit Labor umfunktioniert. Auch dort sieht es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte, aber ein paar kaputte Hörsaalbänke katapultieren den Besucher zurück in eine andere Zeit, die von Staub und Schmutz überzogen ist. Graffitis an fast allen Wänden sprechen von Vandalismus und Zerstörungswut.

Die Geschichte ist sehr interessant und man wundert sich, wie durchdacht und modern das Konzept war. In den 1920er Jahren wurden die Essen-Transportbehälter sogar mit Elektroautos transportiert, um die Luft sauber zu halten.

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2015 wurde über dem Alpenhaus, der ehemaligen Frauen-Lungenheilstätte, ein Baumkronenpfad errichtet. Über 300 Meter geht man an den Gipfeln entlang und kann beobachten, wie die Natur wieder um sich greift und Bäume und Gestrüpp aus Häuserdächern wachsen.

Die interessante Architektur, die etwas spukhaft in diesem verwunschenen Wald steht und mit der Natur um die Vorherrschaft kämpft, ruft immer wieder großes Interesse bei Filmemachern hervor, so wurden z.B. Filme wie « Der Pianist » oder « Operation Walküre » dort gedreht.

Die Ausstellung « Berliner Realismus », die im Frühjahr im Bröhan Museum zu sehen war, beschrieb die Zustände im Berlin um das 1900 Jahrhundert anhand von Gemälden und Fotos  ausgezeichnet.

Christa Blenk

 

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