Transit – Filmbesprechung

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„Ich darf nur bleiben, wenn ich nachweisen kann, dass ich nicht bleiben will.“

 Ist die Hauptaussage in diesem großartigen Film von Christian Petzold; es ist auch vollkommen gleichgültig, ob die Polizeisirenen, die Razzien, die Autos, die Überwachungskamera oder die Kleidung, Fußball und  aktuelles Umfeld modern sind oder vor über 70 Jahren existiert haben. Nach ein paar Minuten hat man sich schon daran gewöhnt, überspringt problemlos die Zeit und hat verstanden, dass der Inhalt der Handlung in die Vergangenheit gehört, die Aktualität aber bereits die Zukunft eingeholt hat. So viel hat sich auch gar nicht verändert!

 Vier Tage reist Georg, der einem Konzentrationslager entkommen konnte, versteckt in einem Zugwaggon mit einem Freund von Paris nach Marseille. Als sie endlich dort ankommen, ist sein verletzter Begleiter tot. Georg kann gerade noch den Spürhunden und der Polizei entkommen. Er hat es geschafft und Marseille erreicht. Für viele NS-Flüchtlinge war die südfranzösische Stadt die letzte Hoffnung, denn von Marseille aus fuhren die großen Schiffe in die Neue Welt. Dann dreht sich alles in akuter Aktualität und in einer existentiellen Ruhe  um Einsamkeit, Angst, Geld, Visa, Transitbestimmungen und Beamten-Willkür. Als Georg merkt, dass der Konsularbeamte ihn für Weidel hält, übernimmt er einfach diese Rolle, ohne groß darüber nachzudenken. Weidel hat in Paris Selbstmord begangen und Georg ist im Besitz seines letzten Manuskriptes, das er im Zug gelesen hat. Immer wieder treffen sich die Flüchtlinge in den unterschiedlichen Konsulaten und versuchen verzweifelt, alles zusammen zu bekommen, zeigen voller angsterfülltem Stolz Passfotos, Stempel, Pässe. Durch den Arzt Richard, der den kranken Sohn seines verstorbenen Freundes behandelt, lernt er Marie Weidel kennen, eigentlich nun ja auf dem Papier seine Frau. Sie hatte ihren Mann verlassen, um mit Richard nach Mexiko zu gehen, sucht aber seit dem verzweifelt nach ihm, denn er hat auch ihre Papiere. Über den Konsul erfahren beide, dass der andere ebenfalls auf dem nächsten Schiff nach Mexiko sein wird. Marie, die zuerst nicht weiß, dass Georg alle Papiere hat, kann Marseille nicht verlassen, vielleicht will sie es aber auch gar nicht. Die wartenden Protagonisten sind unsicher, zerrissen und treffen immer wieder in Restaurant Mont Ventoux aufeinander. Dort steht der Erzähler der Geschichte hinter der Bar und kommentiert die unterschiedlichen Schicksale.

Marie könnte auch eine Person aus einem Kieslowski-Film sein; während Georg direkt aus einer Camus-Erzählung kommt.

Zum Schluss bleiben Angst und Verzweiflung.

 Mit grandioser und sensibler Langsamkeit und unbeugsamem Phlegma beschreibt Christian Petzold ein paar Wochen in Marseille von Leuten in der Warteschlange während des Zweiten Weltkriegs. Der Film hält sich sehr eng an Anna Seghers Roman « Transit ».  Sie hat ihn in den Jahren 1941/1942, bereits im Exil in Mexiko, geschrieben und war selber kurz vorher in der Situation der großen Unsicherheit des Flüchtlings.

 Petzolds Film springt immer hin und her zwischen heute und den Kriegsjahren. Einen perfekteren « Georg » als Franz Rogowski hätte er nicht finden können. Er verliert trotz permanenten Rückschlägen nie die Ruhe,  entscheidet sich allerdings immer zu spät für etwas und nimmt alles einfach so hin. Paula Beer ist Marie Weidel und Godehard Giese spielt den Arzt Richard. Matthias Brandt ist der Erzähler im Mont Ventoux und Barbara Auer die Frau mit den Hunden.

 Christian Petzold schrieb auch das Drehbuch; in einem Interview erzählte er, dass Seghers Buch jahrelang eines seiner Lieblingsbücher gewesen sei.  Er widmete  Transit dem befreundeten Filmemacher Harun Farocki (1944-2014). Der Film wurde im Februar 2018 auf der 68.  Biennale uraufgeführt; einen verdienten Preis bekam er leider nicht.

cmb

 

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