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Berliner Realismus – von Käthe Kollwitz bis Otto Dix

Schornsteine, Rinnsteine und Schlafburschen

Industrielle Revolution und Industrialisierung, Landflucht und ansteigende Geburtenraten, ein reichhaltiges Arbeitsangebot sowie vielfältige Freizeitmöglichkeiten machten Berlin zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einem verlockenden Ort und  – nach London, Paris und Wien – zur viertgrößten Stadt  Europas. Schon 1816 wurde auf der Spree das erste Dampfschiff eingesetzt, das Eisenbahnnetz breitete sich aus, es gab die Ringbahn und Pferdeomnibusse. Schon in den 1820er Jahren sorgte die städtische Gasanstalt für mehr Licht „Unter den Linden“.

Nach der Reichsgründung,  Ende des 19. Jahrhunderts, wurde Berlin Hauptstadt von Preußen und die Einwohnerzahl erreichte die Millionengrenze. Große Kaufhäuser, Luxushotels, schicke Bars und ein reges Straßenbild prägten ab 1900 das Stadtbild genauso wie in die Höhe schießende Schornsteine, Schmutz und Rauch. Im Wedding entstand die erste Chemiefabrik, in den Hackeschen Höfen wurde damals schon gewohnt und gearbeitet. Um die Jahrhundertwende führte Otto Lilienthal seine Versuchsflüge durch und der Teltowkanal wurde für den Schiffsverkehr freigegeben. Der Lunapark zählte zu den größten Vergnügungsparks in Europa. Berlin war « in ».

Dem Großteil der Zuwanderer gelang es allerdings nicht, sich in die privilegierte Schicht einzugliedern, sie glitt recht schnell in Armut ab. Die sozialen Probleme wuchsen auf der einen Seite genauso schnell wie der Wohlstand auf der anderen. Eine dramatische Wohnungsnot vertrieb die Arbeiter, Tagelöhner, Kutscher oder Knechte in Mietskasernen oder in Arbeitersiedlungen am Stadtrand. Der „Schlafbursche“ wurde erfunden. Die arbeitende Bevölkerung organisierte sich in Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften und Streiks und Proteste waren genauso an der Tagesordnung wie Hunger und Misere.

 

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Heinrich Zille – VOR DER SCHAUBUDE – 1904 Schwarze Kreide, Kohle auf Papier
Stiftung Stadtmuseum Berlin

 

Und hier setzt die Ausstellung im Bröhan-Museum „Berliner Realismus – von Käthe Kollwitz bis Otto Dix“ ein. Sie baut eine Brücke vom Ende der Belle Epoque bis zum Aufstieg der Nationalsozialisten. 1898 wurde die Berliner Secession gegründet, eine Künstlergruppe, die den vorherrschenden und dominierenden Akademismus ablösen bzw. ihm entgegensteuern wollte. Mitglieder in dieser Vereinigung waren unter vielen anderen auch die Künstler Heinrich Zille, Hans Baluschek oder Käthe Kollwitz. Während sich Liebermann oder Slevogt aber dem deutschen Impressionismus widmeten brachten Zille, Kollwitz oder Baluscheck einen kritischen Realismus aufs Papier und in die Welt. Sie brachten mit sozialkritischen Themen die, die im Dunkeln stehen, ans Licht. In der zweiten Generation setzen dies Otto Dix, George Grosz oder Otto Nagel fort, die ihre Werke mit Schreckenserfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg anreicherten.

Baluscheck war der typische Rinnsteinkünstler. Geboren und aufgewachsen zwischen Fabrikschloten und dem Schöneberger Gasometer. Von ihm hat das Bröhan-Museum eine stattliche Sammlung, vieles ist zur Zeit in der Ausstellung zu sehen.  Auch der weniger bekannte Bruno Böttcher wohnte und wirkte in der Proletariatsatmosphäre auf der Roten Insel, wie das Viertel um den Schöneberger Gasometer hieß. Sie traten dem Expressionismus mit krudem Realismus entgegen. Von Bruno Böttcher ist eine Federzeichnung AUFRUHR zu sehen. Sie entstand 1924 und zeigt einen Mann, der in Ketten gefangen zwischen Schornsteinen und Rauch den kompletten Himmel einnimmt und die Mietskasernen zu beschützen scheint.

 

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Käthe Kollwitz  ARBEITER VOM BAHNHOF KOMMEND (PRENZLAUER ALLEE)
um 1899 Gouache auf Papier Käthe Kollwitz Museum Köln

 

Käthe Kollwitz hat nach einer Theateraufführung von Hauptmanns „Die Weber“ um 1896 mit einen sechsteiligen Grafikzyklus Ausbruch, Höhepunkt und Zusammenbruch des „Weberaufstandes“ angeprangert. Die Serie ist in der Ausstellung zu sehen und gehört zu ihren bekanntesten Werken. Kollwitz präsentierte den Zyklus 1898 auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Die Jury wollte ihr dafür eine Goldmedaille überreichen, was der Kaiser allerdings ablehnte. Für sie war es aber trotzdem ein Durchbruch. Obwohl die Bilder von Armut und Misere erzählen, lassen die Künstler den „Modellen“ ihre Würde; kritisiert wird das Umfeld und die Verhältnisse, nicht die Personen.

Ein anderer bedeutender Maler dieser Zeit war der Grafiker, Maler und Fotograf Heinrich Zille.  Seine Arbeiten waren sozialkritisch aber auch sehr lokalpatriotisch. Er war ein echter Milieu-Maler, was ihm den Namen Pinselheinrich einbrachte. Sein « Milljöh » fand Heinrich Zille in zwielichten Bars oder in den schmutzigen Hinterhöfen der Mietskasernen in den Arbeitervierteln. Seine kritischen Bilder und Fotos waren der Grund, warum er 1907 aus der Photografischen Gesellschaft entlassen wurde. Zille arbeitete auch für den Simplicissimus und kam 1903 als ein Protegé von Liebermann zur Berliner Secession. Liebermann malte in den 1880er Jahren ebenfalls naturalistische Bilder wie « Flachsscheuer in Laren » (1887) oder « Schusterwerkstatt « (1881), bei ihm waren es aber eher Fallstudien nach einem Aufenthalt in Holland als eine solidarische oder sozialkritische ja politische Handlung. Er, der Ehrenpräsident der Preußischen Akademie der Künste, spezialisierte sich vor und nach dem Krieg auf Biergartenszenen oder Politiker-Portraits. Ab den 1933er Jahren hat ihm dies allerdings auch nicht helfen können.

Für den Kaiser war die Kunst von Kollwitz, Baluschek oder Zille eher Kunst zum Wegsehen. Die Rinnsteinkünstler waren unbequem und Bilder, die nur Armut und Misere zeigten, passten nicht zu Pickelhauben-Parademärschen oder später zu Champagner trinkenden Amüsiersüchtigen in den Cabarets der Goldenen Zwanziger Jahre.

Dass Deutschland 1914 das weltweit höchste BIP pro Kopf hatte und nach den USA die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt war, war vor allem dem Maschinenbau zu verdanken. Diese Tatsache sorgte aber nicht für soziale Gerechtigkeit, sondern eher für das Gegenteil. Missernten um 1912-1913 führten zu Lebensmittelknappheit und Hungerkrisen, Frauen  bekamen Hungerlöhne für Heimarbeit und mussten oft den ganze Familie durchbringen.

Kurz nach Kriegsbeginn entstand der Zyklus Memento 1914/1915“  von Willy Jaeckel. Auf zehn Blättern kündigte er die Gräuel des ersten Weltkrieges an. Diese Preziose gehört dem Bröhan-Museum.

Die junge Weimarer Republik musste sich mit Straßenkämpfen aller Couleurs auseinandersetzen und  wurde von Links und Rechts angegriffen. Reparationszahlungen und Weltwirtschaftskrise verstärkten die Arbeitslosigkeit und saugten das Geldvermögen des Mittelstandes und der Rentner auf.

 

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Conrad Felixmüller ZEITUNGSJU NGE 1928 Lindenau-Museum Altenburg
Foto: Bernd Sinterhauf © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

 

Auf der anderen Seite entwickelte sich Berlin in der Weimarer Republik zu einem kulturellen Zentrum, auf das die Welt blickte. Gropius baute, Einstein forschte, Grosz malte, Zweig, Brecht und Tucholsky schrieben. In der Film- und Theaterwelt tummelten sich Marlene Dietrich, Friedrich Murnau, Fritz Lang und Max Reinhardt.  Reinhardt war einer der Tonangeber im Regietheater. Er übernahm 1905 die Leitung des Deutschen Theaters in Berlin. Statist wurde ein neuer Beruf und technische Bühnenmaschinerie zum Zeitgeist. Erwin Piscator wirkte an der Volksbühne mit dem Motto « Die Kunst dem Volke » und macht politisches Theater. Bertholdt  Brecht brachte im August 1928 am Schifferbauerdamm seine Dreigroschenoper zur Uraufführung. Bauvorhaben brachten immer wieder kurzzeitig Arbeit für Einige. Um die Stadt entstand ein grüner Ring und die Armen wurden noch ärmer. Das Avantgarde-Theaterstück von Ernst Toller « Hoppla wir leben » wurde zum spektakulären Bühnenereignis. Tradition und Moderne knallten ständig aufeinander und  bevor der Aufschwung auch bei den Armen ankommen konnte war er auch schon wieder vorbei. Otto Dix und George Grosz dokumentierten mit Ironie und Hohn das Leben in den Cabarets und Cafés.

 

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George Grosz -IM CAFÉ -1922
Aquarell, Feder, Tusche/Papier
Galerie Brockstedt, Berlin - © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

 

Otto Nagel war der Sohn eines sozialdemokratischen Tischlers und arbeitete selber als Transportarbeiter.  Nagel selbst kam aus einer Weddinger Arbeiterfamilie und wurde erst nach dem Krieg, der ihn als Verweigerer ins Gefängnis gebrachte hatte, als Autodidakt zum Künstler. Er gehörte zur zweiten Generation dieser Malergruppe,  spielte 1920 eine bedeutende Rolle und initiierte 1921 mit anderen Künstlern die Internationale Arbeiterhilfe (IAH), die von Willi Münzenberg geleitet wurde. Letzterer gab auch die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung heraus. Es entstanden Filme für die arbeitende, arme Bevölkerung wie « Kuhle Wampe » oder « Mutter Krausens Fahrt ins Glück », die in der Ausstellung ebenfalls zu sehen sind. Nagel war eng mit Kollwitz und Zille befreundet und war Redaktionsleiter der Satirezeitschrift Eulenspiegel. Von ihm sind einige sehr gute Werke ausgestellt, darunter „Weddinger Jungen“ (1928). Es gehört den Staatlichen Museen zu Berlin. Nagels Licht- und Farbregie hier erinnert an die „Chiaroscuro“ Technik von Caravaggio. Die blau-schwarz gekleideten Kleider vor dem dunkelblauen Hintergrund bilden einen hoffnungslos- dramatischen Kontrast zu den blassen, rachitischen und hoffnungslos ins Leere blickenden Gesichtern der Jungen. Blickfang ist ein weinroter Schal, den ein Kind um den Hals geschlungen hat.

Alle Künstler hatten eines gemeinsam:  entartet – Malverbot – scheidet aus allen Ämtern aus  hieß es für sie im Jahre 1933 !   

 

Die Kuratoren Dr. Tobias Hoffmann und Dr. Anna Grosskopf haben für diese ausgezeichnete Schau  fast 200 Gemälde, Grafiken und Fotografien, zusammen gebracht, darunter zahlreiche nationale und internationale Leihgaben von bedeutenden Institutionen, Museen und aus privaten Sammlungen.

Diese sehenswerte Schau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat Not und Leid in der Zeit um die Jahrhundertwende bis zur Machtübergreifung der Nazis zu zeigen, wird noch bis zum 17. Juni 2018 im Bröhan-Museum zu sehen sein. Anschießend soll sie im Käthe Kollwitz Museum in Köln gezeigt werden. Die Ausstellung ist sehr gut aufgebaut und stellt viele Künstler vor, die man sonst nicht zu sehen bekommt oder nicht einmal kennt. 

Ein abwechslungsreiches Begleitprogramm, u.a. um den Milljöh-Maler Zille,  umrandet die Ausstellung. So gab es am 5. April ein wunderbares Konzert mit Fabia Mantwill (Stimme und Saxophon) und Thomas Kolarczyk (Bass). Sie spielten u.a. Jazz-Klassiker aus den 1930er Jahren, eigene Kompositionen und improvisierte Collagen, mit denen sie eine Verbindung zu den ebenfalls ausgestellten und großartigen Arbeiten des Berliner Grafik-Pioniers John Heartfield herstellten. 

Christa Blenk

 

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