Das Wunder der Heliane

Dionysisch-erotisch versus  apollinisch-heilig

 Am 19. März fand  in der Deutschen Oper Berlin die Premiere von Korngolds „ Das Wunder der Heliane“ statt und konnte seitdem fünf fast ausverkaufte und umjubelte Aufführungen feiern.

 Bei dieser Produktion der DOB stimmt alles. Orchester, Chor, Inszenierung und Solisten und die haben es nicht leicht, vor allem Heliane, denn sie steht einem großen, gewaltig spätromantischem Orchester gegenüber. Sara Jakubiak meistert diese Herausforderung bravourös wie sie auch im schauspielerischen überzeugt und  von einem Kammermusik-Stil  im ersten Akt ohne Chor zu einem Fis-Dur-Wahnsinn und betend-erregtem Chorgebrüll im 3. Akt mitgeht; ansingend gegen den  Mob, der von Anbetung zu Verachtung wechselt und  auf jeden Vorschlag reagiert, solange er nur laut genug gebrüllt wird.

Heliane, die Frau des Königs im Land ohne Lachen und Liebe besucht den dionysischen Fremden, der diesen apollinischen Zustand  beenden wollte, im Kerker. Dort hat ihm kurz vorher der König selber das Todesurteil überbracht. Trost will sie ihm spenden, er aber will nur ihre Haare und Füße und später den ganzen Körper sehen. Sie gewährt ihm diese drei Wünsche und verschwindet – immer noch nackt, wie Gott sie geschaffen hat und von Leidenschaft geplagt – um für sie Beide zu beten. Der König sucht den Fremden später nochmals auf und bittet ihn um Rat, wie er seiner eigenen Frau, der Königin, näher kommen könnte, da er, der Häftling, der sich mit Lachen und Liebe auskenne, sicher helfen könne. Heliane hört dies und kommt – immer noch entkleidet, denn ihre weiße Robe liegt ja auf der Bühne, dazu. Der entsetzte König versteht und interpretiert – falsch natürlich –  denn es ist ja nichts passiert, und will sie nun töten. Um Heliane zu schützen, entleibt sich der Fremde vor aller Augen. Und nun geschieht etwas seltsames, denn die vermeintliche Ehebrecherin soll zur Heiligen mutieren. Sie kann dem Scheiterhaufen entkommen, wenn sie den toten Fremdling wieder zum Leben verwecken vermag. Heliane stimmt dem Verdikt des Richters zu, schafft es dann aber nicht, die richtigen Worte zu sagen und gesteht, was sie nicht getan hat. Der König überlässt sie daraufhin der rasenden Meute, die auch sofort über sie herfällt, bevor sie dem Feuer übergeben wird. Wenn dann schon keiner mehr daran glaubt, dass sie den Toten wieder ins Reich der Lebenden bringen wird, erhebt dieser sich plötzlich. Da ist er nun, der Beweis der Reinheit und Unschuld und einer vereinten Liebe im Paradies steht nichts mehr im Wege.

Sara Jakubiak ist großartig, singt sauber und prägnant mit einer chromatischen Transparenz dem großen Orchester entgegen. Sie nimmt den kompletten Raum ein, auch wenn sie ganz leise singt. Aber auch Josef Wagner als König, Brian Jagde als der Fremde und die neidische, aufstachelnde Botin (Okka von der Damerau) sind bestechend. Ein besseres Team hätten Marc Albrecht und Christoph Loy nicht finden können.

Loy hat alles herrlich bescheiden gelassen. Das Bühnenbild besteht nur aus einem großen, holzgetäfelten Raum, der eher wie ein edler Büro aussieht. Bescheiden ist auch die Namensgebung, denn nur Heliane hat einen. Alle anderen heißen König, Fremder, Botin, Blinder. Auch die Kleider passen sich hier an. Chor und Solisten sind in schwarzen Business-look gekleidet, nur Heliane kommt zu Beginn als weiße Braut in den Kerker;  zum Prozess und zur Auferstehung trägt auch sie das kleine Schwarze.

Erich Wolfgang Korngolds „Das Wunder der Heliane“ ist eine Oper, die eigentlich aus ihrer Zeit gefallen und wo Musik und Thema viel besser ins 19. Jahrhundert passen, die aber heute wieder großartig dasteht. Absurd-symbolistisch ist das Werk, religiös-erotisch die Person der Heliane, der Hellen, Reinen, Schönen. Der österreichische Expressionist Hans Kaltenecker hat 1919 das Stück „Die Heilige“ geschrieben.  Hans Müller verfasste daraus das Libretto. Vielleicht hat er dabei auch an Herodots Geschichte von Kandaules und Gyges gedacht, auch hier steht eine nackte Frau zwischen zwei Männern, obwohl die Geschichte anders ausgeht.

Korngold hatte ein paar Jahre vorher, als knapp zwanzig Jähriger,  mit seiner Oper „Die Tote Stadt“ nach Rodenbach Novelle „Bruges la Morte“ in Hamburg und Köln einen riesigen Erfolg erfahren an den er mit  „Das Wunder der Heliane“ nicht anknüpfen konnte und so wurde sie – bis auf wenige Aufführungen in den letzten  Jahren – aus der Mottenkisten nicht mehr herausgeholt. Sentimental, schnulzig, triefend, anmutig, altmodisch empfand man sie damals und stellte sich  Kreneks im selben Jahr uraufgeführte Zeitoper „Jonny spielt auf“ entgegen,  die den technischen und kulturellen Fortschritt der neuen Sachlichkeit der 1920er Jahre hervorhob,  ganz schnell ein Welterfolg wurde und im selben Jahr Premiere feierte. Da konnte der spätromantische Expressionismus von Korngold nicht mithalten. Die Oper kam ranzig herüber und erinnerte an das 19. Jahrhundert, das in der Weimarer Republik ganz weit weg war.

Ulrich Schreiber erzählt, dass die Österreichische Tabakindustrie 1928 zwei neue Zigarettenmarken auf den Markt brachte. Eine preiswerte, Jonny und eine Luxusmarke Heliane, mit einem goldfarbenen Mundstück. Das zeigt, wie sehr die beiden Werke miteinander konfrontiert wurdenn. Aber das nützte nichts. Weder Lotte Lehmann in Wien drei Wochen nach der Hamburger Uraufführung noch die Berliner Version konnten Jonnys Siegeszug durch die Welt erreichen, ja nicht mal hinterher hecheln.

Korngolds Heliane-Musik ist ein sehr gelungenes pasticcio ohne Schwächen oder Längen zwischen Wagner, Strauss und Puccini bei dem dann und wann ganz kurz Passagen durchklingen, die seine Filmmusik, mit der er ab 1930 in Hollywood viele Preise gewinnen wird, ankündigen.

Christa Blenk

 

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