Die Hauptstadt – Robert Menasse

Schweinelobbyisten, ein Autounfall  und ein runder Geburtstag

Der Roman reißt viele Gedanken an, die nicht alle zu Ende gedacht oder gebracht werden. Vieles versandet im Verlauf der Geschichte, das macht ihn aber wahrscheinlich nur realistischer. Feiner Humor und gut gespinnte Fäden vereinen auf der letzten Seite einige seiner Hauptprotagonisten an der Metro Station Maelbeek, gerade in dem Moment, wo das Attentat passiert, dem  im März 2016 über 30 Personen zum Opfer gefallen sind. Aber bis es soweit ist, muss noch viel passieren. Menasse lässt den Leser – auf sehr feinfühlige Art -  in das Leben eines KZ-Überlebenden eintreten und organisiert parallel dazu eine pragmatische EU-Recherche nach KZ-Überlebenden laufen.

Dann läuft ein Schwein durch Brüssel und die Presse ruft zur Namenssuche auf. Komischerweise fragt sich niemand, wie das Schwein dort hinkommt. Schweine haben aber sowie eine (Klischee)Hauptrolle in dem Werk, vor allem die, die entsorgt werden, denn dafür bekommt der Bauer Geld und dann geht es natürlich um den internationalen Schweinemarkt, um den sehr national gekämpft wird. Menasse prangert die Unsinnigkeit und Lächerlichkeit von Vorzeige- oder Prestigeprojekten an, die entstehen, hochgespielt werden, eine Menge Arbeit verursachen, um dann sang- und klanglos wieder in der Versenkung zu verschwinden. Einen seltsamen Mord dessen Aufklärung  ebenfalls unter den Tisch gekehrt wird, gibt es auch noch. Hierzu hat Menasse den übergewichtigen und nicht sehr gesunden Kommissar Brunfaut erfunden, dessen ehrgeiziger Chef doch tatsächlich Maigret heißt, und der ihn daran hindert, den Mord aufzuklären.

Ein Hauptereignis ist der 50. Geburtstag der EU Kommission, das muss natürlich groß und öffentlichkeitswirksam in allen EU Mitgliedstaaten gefeiert werden. Martin Susman ist Österreicher und hat auf einer Polen-Reise die Idee,  Auschwitz in den Mittelpunkt der Feierlichkeiten zu stellen – ein Einfall, die natürlich nur fehlschlagen kann.

Sollte daraus mal ein Film werden, dann wäre es ein Thema für die Coen Brüder. Menasse zeigt uns sehr klar, wie er zur EU steht und haut uns die Geschichte und Entstehung von Europa nur so um die Ohren. Die EU-Beamten sind  aufgeklärte, internationale Beamte, die dann aber doch wieder auf Ländertickets Karriere machen, die nicht immer nach Können oder Talent eingesetzt eingesetzt werden. Das beschreibt er zur Genüge am Beispiel der Zypriotin Fenia Xenopoulou, die eines der unwichtigsten Ressorts, nämlich Kultur, inne hat und Geltung und Ansehen sucht. Da nützt es ihr auch nichts, dass sie des Präsidenten Lieblingsbuch gelesen hat und daraus zitiert, denn vor dem Präsidenten steht sein (adeliger) italienischer Büroleiter! Dass es in Brüssel allerdings so viele EU Beamte gibt, die mit dem Fahrrad ins Hauptstadtbüro kommen, ist neu und dann wieder sehr komödiantisch beschrieben.

Gelungen die anachronistische Person des Prof. Erhart, der mit seiner gut gepflegten Schultasche nicht gegen Rollenkoffer und i-pads ankommen will und es schaffen wird, für ein paar Sekunden die Aufmerksamkeit der arroganten und blasierten „think tank“-Mitglieder zu erlangen, um dann endgültig in der Versenkung zu verschwinden. Pathos ganz zum Schluss und richtig überzeugend dann aber doch nicht!

Ende gut – alles gut, geht auch nicht. Denn wie es nach der Explosion weiter geht, steht vielleicht in der Fortsetzung, denn danach schreit das Buch.

Vielleicht hat sich Menasse mit « Die Hauptstadt » auch ein wenig an Albert Cohens „Belle du Seigneur“ inspiriert. Der Roman kam 1968 auf den Markt und beschreibt  u.a. auf über 1000 Seiten das extravagante, maßlose, rücksichtslose und oberflächliche das Leben eines belgischen Völkerbunddiplomaten, der in die protestantische Genfer Oberschicht einheiratet.

Robert Menasse bekam für seine Hauptstadt-Farce im Oktober 2017 den Deutschen Buchpreis überreicht.
cmb

 

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