Les Misérables – am Berliner Ensemble

P1000912

 

Real Fabrica de Tabaco steht da auf der von Castorf so geliebten shabby-chic-Hühnerleiter-Drehbühne geschrieben. Sind wir etwa versehentlich in der Carmen gelandet! Dann dauert es ganz schön lange, gefühlt über eine Stunde, bis man bei der Geschichte, um die es eigentlich geht, anlangt. Ein alter Mann sitzt in einer Art Käfig (den könnte sich Castorf bei seiner Kameliendame-Inszenierung in Paris 2008 ausgeliehen haben) und referiert über Kloaken, Dreck, die Ratten der Pariser Kanalisation, Därme und Untergrundgerüche und über die Leiden des Alters. Laute Kubanische und Latino-Musik der 1950er Jahre begleiten das Knurren und Brüllen von zwei Frauen.

In der Mitte der ersten Halbzeit betritt er die Bühne, es muss wohl endlich Jean Valjean sein. Der dunkel gekleidete Mann sucht eine Bleibe, hat Hunger und bekommt nur Absagen, dafür sorgt sein gelber Gefängnisausweis. Er lamentiert über die Ungerechtigkeit seines  Lebens, denn eigentlich war er nur ein kleiner Dieb und landete für 19 Jahre auf der Galeere, weil er flüchten wollte. Jean Valjean (Andreas Döhler) ist nun in die Geschichte von Victor Hugos „Les Misérables“ getreten und es kann beginnen.

Der salbungsvolle und von Gerechtigkeit sprechende Bischof (Jürgen Holtz) nimmt ihn auf, gibt ihm gutes Essen, feinen Wein aus edelstem Silbergeschirr, das er ihm anschließend aufdrängt, damit der Ex-Knacki ein besserer Mensch werden kann. Wie immer bei Castorf wird das alles live gefilmt und auf einer Leinwand für das Publikum übertragen. Viel langatmiges Déjà-vu an diesem Abend.

Castorf liebt die Literatur des 19. Jahrhunderts aber warum hat er die Geschichte nach Kuba verlegt? Hier geht es um Kolonien, Ausbeutung und Revolution. Er fusioniert den Juni-Aufstand in Paris 1832 mit Fidel Castros Revolution und holt sich Cabrera Infantes 1965 entstandenen Roman „Tres Tristes Tigres“ (drei traurige Tiger) ins Boot.  Und wie Tiger fauchen auch die Frauen sich an, bevor Fantine (Valery Tscheplanowa) ihre Tochter Cosette bei einem schrägen Glitzer-Opportunisten-Paar in Pflege gibt, um später auf dem Strich zu landen. Der Bürgermeister ist, so wie es aussieht, unser Valjean, und dieser zwingt den Gesetzeshüter und ewigen Valjean-Verfolger Javert sie freizulassen. Dieser vermutet nun gleich,  dass da wohl etwas nicht stimmen kann und so endet – nach drei Stunden – der erste Teil mit der glühenden Rede aus dem Radio von Victor Hugo, die er 1849 auf einem Pazifistenkongress gehalten hat und die gerade jetzt erst entstanden zu sein scheint. DaDa pur!

Nach der Pause beginnt Javerts (Wolfgang Michael) Jagt zwischen Stummfilm und Film Noir. Wirklich folgen kann man der Geschichte eher noch weniger, aber das soll ja wohl auch nicht so sein. Das hysterische Gebrülle braucht man eigentlich auch nicht mehr an diesem bewusst und gezielt verlängerten Theater-Abend.

Castorf hat auch hier wieder eine Art „pot–au-feu“ auf den Herd gebracht, der manchmal überkocht, die Herdplatte ein wenig verbrennt, beim zurückgedrehten Feuer sich wieder auf ein leises Blubbern beruhigt, heiß auf den Tisch kommt, aber schnell lauwarm wird, dementsprechend schal schmeckt aber schon Vorfreude auf das nächste gemeinsame Essen hervorruft.

Christa Blenk

 

LES MISÉRABLES 
Regie/Bearbeitung: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Licht: Ulrich Eh
Soufflage: Elisabeth Zumpe
Musikkonzeption: Wiliam Minke
Video-Konzeption: Jens Crull und Andreas Deinert
Live-Kamera: Andreas Deinert und Mathias Klütz
Live-Schnitt: Jens Crull und Maryvonne Riedelsheimer
Tonangel: Dario Brinkmann und Wiliam Minke
Dramaturgie: Frank Raddatz
Künstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink
Mit: Thelma Buabeng, Andreas Döhler, Patrick Güldenberg, Jürgen Holtz, Oliver Kraushaar, Sina Martens, Wolfgang Michael, Rocco Mylord, Stefanie Reinsperger, Aljoscha Stadelmann, Valery Tscheplanova und Abdoul Kader Traoré
Premiere war am 1. Dezember 2017.

 

 

Votre nom : (oblig.)
Votre email : (oblig.)
Site Web :
Sujet :
Message : (oblig.)
Vous mettre en copie (CC)
 

0 commentaire à “Les Misérables – am Berliner Ensemble”


  1. Aucun commentaire

Laisser un commentaire


cortado al sol

cortado al sol

Aktuelles in Berlin

- Zarte Männer in der Skulptur im Kolbe Museum - Bestandsaufnahme Gurlitt - Gropius Bau - Otto Müller im Hamburger Bahnhof - Georg Grosz im Bröhan Museum - Gerhard Richter - Abstraktion - Barberini Potsdam

letzte Artikel

Archives

Visiteurs

Il y a 2 visiteurs en ligne

Instagram

Suivez-nous

Besucher


LES PEINTURES ACRYLIQUES DE... |
ma passion la peinture |
Tom et Louisa |
Unblog.fr | Créer un blog | Annuaire | Signaler un abus | L'oiseau jongleur et les oi...
| les tableaux de marie
| création