Hof Klang 2017

Claudia Herr und Adrian Tully
Foto: cmb

Hof Klang 2017

Mit dem Einlasstempel bekommen wir auch ein Regencape ausgehändigt. Wird aber nicht notwendig sein an diesem Abend, denn kurz vor dem Konzert hört der Regen auf und hinterlässt einen klaren, nachblauen Himmel und unter diesem ist die Bühne aufgebaut – im Innenhof der Nummer 15 in der Michaelkirchstraße. Viel Percussion dieses Jahr! Um die Bühne herum stehen die Stühle für das zahlreich erschienene Publikum, das lässig- ungeduldig, mit einem Weinglas in der Hand, dem Happening entgegensieht.

Hof Klang ist mittlerweile ein echter Insidertipp für zeitgenössische Musikexperimente und Musikinstallationen. Es findet nur einmal im Jahr statt und besticht mit einem sehr sorgfältig zusammen gestellten und abwechslungsreichen Programm zeitgenössischer, zum Teil noch sehr junger, Komponisten. Drei von ihnen sind sogar persönlich anwesend!

Der Initiator und Musikliebhaber Neuer Musik, Steffen Kühn, hat vor 11 Jahren in Leipzig die Hofklang-Idee aus der Wiege gehoben. Seit seinem Umzug nach Berlin 2013 findet Hof Klang in dieser ehemaligen Schuhmanufaktur in Berlin-Mitte statt, in der es jetzt allerdings  Wohnungen und Ateliers gibt. Die glücklichen Besitzer können von ihrem Balkon dem Konzert folgen. Steffen Kühn ist Architekt und wie alle Architekten, mag er die Herausforderung des Neuen, des Unbekannten. Und um unbekannte und ungehörte Musik soll es auch an diesem Abend wieder gehen. Auf dem Programm stehen sogar zwei Uraufführungen.

Mit „Frequente contacten“ für Saxophon und Schlagzeug von Chiel Meijering (*1954) eröffnet der Abend. Ein harmonischer, hörbarer und poetischer Dialog zwischen Saxophon und Schlagzeug, der sachte auf den Abend einstimmt. Der virtuose Saxophonist Adrian Tully begibt sich für die nächste Performance „Demons“ von Brett Dean (* 1961) auf den vorderen Balkon, um das teuflisch-beschwörende Zwiegespräch von oben auf uns herunterrasseln zu können.

Die meisten Interpreten sind nicht zum ersten Mal mit dabei; einige sind fester Bestandteil dieses Events. Wie Claudia Herr, diese großartige, expressive und stimmgewaltige Ikone der Neuen Musik. Eine religiös-andächtige und etwas beunruhigende post-Schönberg Sprechgesang-Ballade ist „Sich einstellender Sinn“.  Komponiert hat sie Eres Holz 2011 für Mezzosopran, Keyboard und Live Elektronik  nach einem Text von Asmus Trautsch komponiert; sie dauert elf intensive Minuten. Holz ist mit 40 Jahren der jüngste unter den heute Abend vorgestellten Komponisten.

 

Maria Lucchese am Theremin
Maria Lucchese

Mit einer interessanten Uraufführung von Samuel Tramins „Kassandra“ geht er erste Teil des Konzertes zu Ende. Saxophon, Schlagzeug und Bass verlieren sich in einem unheilvollen Hinauszögern.

Nach der Pause geht es mit der zweiten Uraufführung des Abends weiter. „Vibrancy II“ für (viel) Percussion und live Elektronik von Cornelia Müller und Gerd Schenker bringt den kompletten Innenhof zum Vibrieren.

Im Anschluss daran zieht Claudia Herr erneut das Publikum in ihren Bann. „Is it?“ fängt als ironisch-ritueller Gesang an. Der Schweizer Komponist und Vorreiter der elektronischen Musik Thomas Kessler (* 1937) hat das Werk 2002 für Saxophon und Stimme auf der Basis einer Unterrichtsvorlage von John Cage komponiert. Es besteht aus 56 Fragen und in jeder darf sie 11 Sekunden verharren. Pikiert-komisch und schäkernd mit dem Saxophonisten Tully trägt sie es vor und das über mindestens drei Oktaven, bis sich am Ende eine hoffnungslose Unsicherheit nach der Frage um den Sinn der Musik ausbreitet. Hier glänzen Beide auch schauspielerisch.

Matthias Bauer am Kontrapass interpretiert im Anschluss ein Werk von Brian Ferneyhough „Trittico per G.S.“. G.S. steht hier für Gertrude Stein; Ferneyhough hat das Stück 1989 komponiert mit dem Bestreben, einen Vortrag über literarische Formen dieser exzentrischen amerikanischen Schriftstellerin zu vertonen. Bauers wütend-jazziger Bass provoziert aber erstmal den Regengott, denn es fängt kurz an zu tröpfeln (aber nicht genug, um die Regenjacken hervorzuholen).

Dann tänzelt sie auf die Bühne, die Italienerin Maria Lucchese (*1957) und improvisiert mit Bauer über das „Trittico“ und zwar vierstimmig. Bauer spielt, Bauer stößt Töne aus, Lucchese gibt primordiale Laute in einer unbekannten Sprache von sich – ganz im Sinne von Gertrude Steins Poesie – und man fragt sich, wo diese kleine Person solche Ur-Geräusche wohl herholt. Immer wieder wendet sie sich dem Publikum zu, um Zustimmung ihres Gesagten werbend. Die vierte Stimme kommt vom Theremin, ein vor knapp 100 Jahren entwickeltes Instrument das man nicht berühren muss, um Klänge hervorzuholen. Lucchese spielt es mit ihrem Körper, d.h. mit ihren Körperbewegungen. Faszinierte Spannung unter dem Publikum und große Begeisterung im Anschluss.

Kühn ist ein guter Gastgeber und bittet anschließend die Gäste zum Buffet. Schöner und angeregter kann man eine Konzertsaison nicht eröffnen!

Steffen Kühns Ziel ist es Hof Klang auch in anderen Innenhöfen in Berlin stattfinden zu lassen und nach dem gestrigen Abend dürfte es an Angeboten nicht fehlen!

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Christa Blenk

 

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