Pierre Boulez Saal – Vortrag von Jörg Widmann

 
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Am dritten Tag der Eröffnungswoche des Pierre Boulez Saales in Berlin kommt der Münchner Komponist und Klarinettist Jörg Widmann und spricht über die „Schönen Stellen“ in der Musik, besser gesagt über seine „schönen Stellen“ in der Musik. Er zitiert dabei einen Aufsatz von Theodor W. Adorno aus 1965 und erzählt, dass Adorno dem Publikum vorwarf, nur  wegen der Schönen Stellen die Konzerthäuser aufzusuchen. Um sich das ganze aber zu relativieren, zitiert er am Schluss seine Liebensstellen in der Musik.

Jörg Widmann holt die großen Komponisten wie Beethoven, Mozart, Alban Berg, Schönberg, Brahms, Lachenmann, Stockhausen, Schumann und Carl Maria von Weber auf die Bühne und erklärt anhand von Beispielen, die er con brio und sehr animato auf dem Klavier spielt, warum gerade diese Stelle eine Schöne ist.

Er spricht über seine erste Begegnung mit Pierre Boulez und verrät, dass er ohne diese Entdeckung ein ganz anderer Musiker geworden wäre. Pierre Boulez wäre begeistert von diesem Raum, fährt er fort, denn ein Großteil  seiner Musik sei für Raumsituationen geschrieben worden, die eine solche Klangfreiheit bieten.

Seine schönen, oder verrufenen Stellen beziehen sich immer auf den Mut des jeweiligen Komponisten, plötzlich etwas anderes, etwas Unerwartetes zu versuchen und das bisher gekannte und praktizierte tonale System einfach zu brechen. Hier zitiert er Beethovens Erste, Mozarts Cosí fan Tutte oder Schumann überhaupt um uns kurz darauf den Walzer aus dem Freischütz vorzuspielen. Er schwärmt von Ausnahmen, von « fast » gefährdeter Schönheit, die sich durch den Überraschungseffekt einer ihr vorher gehenden Dissonanz in die Reihe der schönen Stellen einordnen wird. Hier wird Lachenmann mit Mozart und Stockhausen mit Brahms in Verbindung gebracht. Er versichert, dass atonale Musik wie tonale klingen kann – je nach Orchester und Annäherung und zitiert Peter Handke, Baudelaire und Hölderlins Heilig nüchternes Wasser.

Besonders angetan haben es ihm Schumanns Fieberkurven, die am besten mit Humor vorgetragen werden sollen und, getrieben durch ein stetiges presto possibile, davon rennen. Er lobt die Verrückungen, die durch diese Fieberkurven entstehen. Widmann ist mehr als appassionato, wenn er allein aber trotzdem a quattro mani , con forza e fuocoso ganze Orchesterpassagen am Klavier vorführt. Con furore haut er in die Tasten, um immer wieder zu sagen „Aber Mozart hat das nicht so gemacht“ ….. Con grandezza und Bescheidenheit den alten Meistern gegenüber wird er selber zu einem der großen jungen Meistern, der die komplette Musikgeschichte auf Befehl abrufen kann und ihm  « fällt schon wieder ganz viel ein“! (Hier spricht er über Brahms. Unreife Kritiker haben das Anfangsthema der vierten Sinfonie mit den Worten « Ihm fällt schon wieder nichts mehr ein » abgetan. Das zum Thema Musik-Rezension!).

Zum Schluss hat er sich und uns gewünscht, dass wir in Zukunft vielleicht ein wenig anders in die Musik hinein hören werden!

Lieber Herr Widmann, das hat funktioniert. Dieser Einführungs- und Vorführabend seiner « schönen Stellen » war für die Anwesenden sicher ein Highlight in dem noch ganz jungen Pierre Boulez Saal! Der stürmische Applaus hat das bestätigt.

Der Abend, assai armonioso und vivacissimo, mit dem Komponisten und Klarinettisten Jörg Widmann gleicht einem Traum, der alla marcia, animato und con brio, andantino, ma non troppo  an uns vorüberzieht. Bis zum  al fine halten wir den Atem an, um ja nichts von ihm zu verpassen oder zu überhören!

Wir haben nur einen Wunsch:  da capo!

Vielen Dank, Maestro!

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Und nun noch ein paar Worte zum Saal und zu seiner Entstehungsgeschichte:

Daniel Barenboim gründete 1999 zusammen mit dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said das West Eastern Divan Orchestra. 2015 entstand die Barenboim-Said Akademie, die nun im ehemaligen Intendanz- und Magazingebäude der Staatsoper Berlin untergekommen ist. Dazu gehört der Pierre Boulez Saal mit 650 Sitzplätzen. Der große Architekt Frank Gehry hat diesen ellipsoiden Innenraum entworfen. Das Auf und Ab ist wie leichter Seegang, nüchtern, mit hellem Holz. Das Konzept dieses Saales passt ganz wunderbar zur experimentellen Musik des großen Komponisten, der dem Saal seinen Namen gegeben hat: Pierre Boulez

Christa Blenk

 

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