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Cy Twombly – Retrospektive im Centre Pompidou

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 Saalansicht, im  Vordergrund die Reise von Sonnengott
Ra auf seinem Sonnenschiff

 

Die Schönheit der Schiefertafel

Seinen  40. Geburtstag feiert das Pariser Centre Pompidou u.a. mit einer umfangreichen und einzigartigen Retrospektive über den amerikanischen Künstler Cy Twombly ( 1928-2011); die Schau deckt 60 Jahre seines Künstlerlebens ab.

Es ist nicht das erst Mal, dass Twombly in Paris zu sehen ist: auch schon zum 20. Jubiläum 1988 konnten die Pariser sich an einer Twombly-Retrospektive erfreuen.

140 Exponate hat der Kurator der Ausstellung Jonas Storsve nach Paris geholt, konfrontiert Werke miteinander, die sich noch nie getroffen haben und präsentiert Bilder, Skulpturen, Zeichnungen oder Fotos, die zum ersten Mal in Europa zu sehen sind. Er will mit dieser Ausstellung vor allem Twomblys Obsession nachgehen: Serien und Zyklen. Und so basiert diese umwerfende Schau auf drei Reihen, die wiederum anderen Serien sowie Früh- und Alterswerken gegenüber stehen.

Nine Discourses on Commodus entsteht 1963 als Reaktion auf die Ermordung von Präsident John F. Kennedy, die den Künstler bestürzt und prägt. Mit diesen großflächigen, an zäh fließendes, klebriges Blut erinnernden Bilder zieht er eine Parallele zwischen dem Attentat auf den US Präsidenten und der grausam-blutrünstigen Herrschaft des römischen,  größenwahnsinnigen Tyrannen Commodus (161 – 192), der am letzten Tag des Jahres 192  einem Komplott zu Opfer fiel und von seiner Konkubine Marcia und dem Athleten Narcissus erwürgt wurde. Diese Tat leitete das Ende der Antoninischen Dynastie  ein und machte Platz für eine Reihe von Kaisern, die zum Teil nur ein paar Wochen am Leben waren, bevor sie Mordanschlägen zum Opfer fielen. Jacky Kennedy trägt in Dallas ein rosa Kostüm, einen rosa Hut und hält einen Strauß roter Rosen im Arm; Twombly wütet einer griechischen Tragödie gleich in Rosa- und Rottönen über die diskreten Bleistiftstriche, die unter der Farbkatharsis auszumachen sind. 1964 werden diese Arbeiten bei Leo Castelli in New York mit viel Polemik und heftiger Ablehnung der Kritik ausgestellt. Zum einen, weil die 60er Jahre der Minimal Art gehören, eine Tendenz, die eine emotionslose,  rationale Reduktion auf die Primärfarben und auf simple Geometrieformen verlangt und zum anderen, weil Twombly damit das Ende einer Ära andeutet. Er hat die Bilder damals nicht verkauft, sie wurden später von einem Italiener erworben und seit 2007 gehört dieser Zyklus dem Guggenheim Museum Bilbao.  

 

Twombly - Saalansicht; Bilder aus dem Zyklus  Nine Discourses on Commodus - Foto (c) JNPettit
Saalansicht – Nine Discourses on Commodus

 

Philadelphia hat den 10-teiligen Zyklus 50 Days at Iliam ausnahmsweise ausgeliehen.  Die hier gezeigte Serie entsteht in den Sommern 1977/78 und beschreibt zehn Kapitel der Iliada. Kleeblatt-förmige Schatten-Farbflecken definieren die Protagonisten von Troja: Grau für Hektor, Blau-Grau für Patrokles und Rot für Achilles, stellvertretend für das geflossene Blut (Shades of Achilles, Patroclus and Hector, partie VI, 300 x 492 cm). 1978 waren die Bilder in New York zu sehen und wurden  dann wieder in den Kisten verstaut bis das Philadephia Museum of Art sie 1989 erwarb.

Twomblys Lektüre von Homer wird ihn sein Leben lang und in allen Malphasen beschäftigen und schon 14 Jahre vor 50 Days at Iliam befasst er sich mit den Helden von Troja.  Zwei in den 60er Jahren entstandene Meisterwerke sind ebenfalls ausgestellt. Achilles Mourning the death of Patroclus misst 259 x 302 cm, die untere Hälfte ist unbemalt, leer. Über der Trennlinie (aus Bleistift) fliegen zwei unterschiedlich große, mit einer Schnur verbundene Wollknäuel aus dem Bild gen Himmel. Patrokles stirbt und lässt den Faden los! Mit verhaltener Leidenschaft stellt Twombly Achilles‘ Weinen um seinen Freund und Waffenbruder Patrokles seiner Rache gegenüber. The vengeance of Achilles (1962, Öl und  Bleistift auf Leinen) ist ein drei Meter hohes A (Achilles!), ein sich zuspitzender Dolch mit blutroter Spitze, vereinzelt sind weiter unten auf der Kapuze noch Blutspritzer zu entdecken. Auf den ersten Blick erinnert es an eine Arte povera Installation von Mario Merz oder an geheimnisvolle, grausame Rituale. Das Kunsthaus Zürich hat es ausgeliehen.

Die dritte Säule der Schau ist der Zyklus Coronation of Sesotris  (2000). Er fantasiert über die Reise des ägyptischen Sonnengottes  Ra auf seinem Sonnenschiff über das Firmament. Diese Arbeiten sind lichtdurchflutet, transparent, befreit und leicht. Und natürlich haben auch sie wieder einen poetischen Hintergrund: die Dichterin der Antike, Sappho, und die zeitgenössische Poetin Patricia Waters waren hier seine Inspirationsquellen.  Die Bilder gehören der Pinault Collection.

 

Twombly - Coronation of Sesostris -Saalansicht Foto (c) JNPettit
Saalansicht – Coronation of Sesotris

 

Begleitet und ergänzt werden diese Serien von unzähligen unabhängigen Arbeiten wie die vierteilige Gruppe Quattro Stagioni (vier Jahreszeiten) aus der Tate London. Twombly hat sie zwischen 1993-1995 nach seiner Lektüre von John Keats Ode für eine griechische Urne gemalt. Hier wird die Vergänglichkeit und die Wiedergeburt beschrieben: jede Jahreszeit hat die für sie typische Charakteristik: zaghaft und hoffnungsvoll der Frühling, leuchtendes, fröhliches Gelb für den Sommer. Weiß und Tannenbaum-Grün der Winter, aber am kräftigsten ist der Herbst. Das einzige Bild der Vier in dem er geschrieben hat: l‘Autunno (Herbst) steht mit großen Buchstaben im oberen Teil des Bildes: melancholisch und lebensbejahend ist dieser großartige Zyklus. Cy Twombly hat hier schon den Weg zu seiner knallig, farbenfrohen Altersmalerei betreten. Rätselhafte oder leicht verwehte Spuren, minimale Punkte- und Strichemalereien, piktogrammhafte Figuren werden zu Farbe pur, so dass man plötzlich mitten in der Sonne zu stehen scheint.

Die ruhigen und kleinformatigen, für ihn atypischen, Stillleben Black Mountain College (ca 43 x 28 cm) die 1951 noch in den USA entstehen und an die Poesie von Giorgio Morandis  Flaschen erinnern oder seine Minimalphase in den 60er Jahren, in der er große Schiefertafeln minimal bearbeitet, karg, spartanisch grau/schwarz, in sich gekehrt im permanenten Lernprozess, sind Ruhepole.

Twombly hat uns die Schönheit einer schlampig abgewischten Schiefertafel erklärt.

Seine Bilder sind leise und leidenschaftliche Geschichten und Gedichte, eine Gratwanderung zwischen unscheinbar, göttlich, schüchtern und selbstbewusst, obsessive Kundgebungen aus Hieroglyphen und  Piktogrammen, kindlichen  Kritzeleien, großartige Kompositionen entstanden durch große Bildung: ‚Als ich ein Kind war, habe ich wie Rafael gezeichnet, aber ich habe ein Leben lang gebraucht, um wie ein Kind zu zeichnen‘, das hat Picasso einmal gesagt.

Kurz vor seinem Tod entstehen die (blutenden) Rosenbilder nach Gedichten von Ingeborg Bachmann und Rainer Maria Rilke – eine Hommage an Monets Seerosen (Blooming, 2001-2008). Blooming ist auch das Ausstellungsplakat und kommt aus einer Privatsammlung!

 

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Blooming, 2001-2008

 

Twomblys Skulpturen wären gerne unsichtbar. Allesamt sind sie in schmutziges Weiß gehüllt, fast denkt man an Beuys? Die Gegenstände erinnern an Totems oder primitive Gebrauchsgegenstände aus Holz oder Stoff, die er von seinen Reisen mitbrachte und grob mit Nägeln oder Fäden verbindet. Wie sie dort im Pompidou Museum präsentiert werden wirken sie ganz modern, stehen da im Einklang mit der Struktur des Raumes vor einem sagenhaften Blick auf Paris: schon deshalb lohnt sich der Besuch dort!

Geboren in Virginia, kommt er mit Mitte 20 und einem Stipendium  nach Europa. Alles was Cy Twombly erlebt, findet direkten Einzug in seine Bilder, sei es die 17000 Jahre alte Höhlenmalerei von Lascaux, die er in den 50er Jahren studiert, sei es ein Marabu auf dem Bild Volubilis; diese römische Ruine in der Nähe von Fez in Marokko besucht Twombly mit seinem Freund und Studienkollegen Robert Rauschenberg während einer Nordafrikareise in den 1950er Jahren. Hier knallen nicht nur auf seinem Bild zwei Kulturen aufeinander; außer schwarzen und grauweißen Beigetönen gibt es keine anderen Farben. Eine Fata Morgana, die man in der flirrenden Hitze nur mit zusammen gekniffenen Augen wahrnehmen kann.

 

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Saalansicht – Volubilis und Ouarzazate

 

Im umtriebigen Künstlerpool der 50er Jahre von Franz Klines action paintings, von Rothkos Farbflächen oder Jackson Pollocks Schlaufenmalerei, von Barnett Newman, Willem de Kooning und Robert Motherwell lernt er schwimmen. Ohne Rettungsring oder Schwimmweste taucht er ein in die Faszination des alten Kontinents, der Philosophie der Antike und fusioniert mit den amerikanischen Tendenzen der 1950er Jahre; die vermeintlich gedankenlosen Kritzeleien, sein Graffiti, stehen manchmal im Widerspruch zum potenten abstrakten Expressionisten.

Ohne intellektuelle Auseinandersetzung wird man ihn nicht verstehen. Verlassen turnen zerlegte Mythen und die Helden der Antike über die Leinwand, immer wieder krakelt er Notizen darauf und sprenkelt Farbe darüber, rote Blumen werden zu Blutstropfen. Wer führt denn hier den Pinsel? Seine Hand oder seine Erinnerung an so Vieles was er irgendwann einmal aufgenommen hat oder täglich vervollkommnet? Träume, Geschichte, Wissen, Farbe und Licht vermengen sich.

Es gibt ein Foto von ihm das 1961 in Rom entstand. Twombly hält einen kleinen Pinsel in der Hand und steht vor einer großen Leinwand, irgendwie zaghaft, so als ob er es nicht wagen kann, sein Bilderbuch mit noch einer kryptischen Figur oder einer kalligrafischen Linie zu ergänzen. Seine Haltung vermittelt eher den Eindruck, dass es hier nur etwas auszubessern gibt, fast schüchtern und voller Respekt nähert er sich seinem Werk.

Tagelang steht er manchmal vor der weißen Leinwand, bevor eine scheue Annäherung die Panik der Leere überwinden sollte.

Viele Jahre hat Cy Twombly im italienischen Gaeta gelebt. Der Ort liegt zwischen Rom und Neapel und wird schon von Vergil in der Aeneas zitiert. Gaeta war Kurort der Römer, sogar  Cicero besaß eine Villa dort. Jeder Stein an dieser Küste hat Geschichten aus der Antike zu erzählen: archaische, barbarische oder ewig junge Tragödien.

Bis zum 24. April 2017 ist diese einmalige und exklusive Ausstellung  mit Exponaten aus bedeutenden Museen oder Privatsammlungen eines bedeutenden Vertreters des abstrakten Expressionismus und intellektuellen Individualisten noch im Centre Pompidou in Paris zu sehen. Sie wurde  in Zusammenarbeit mit der Cy Twombly Foundation und mit Unterstutzung seines Sohnes Alessandro organisiert und wird nicht weiterwandern!

 

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 Saalansicht – Camino Real

Camino Real (2010)

Christa Blenk, Fotos: JNPettit

 

 

 

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