Les Contes d’Hoffmann – Hoffmanns Erzählungen

 
Hoffmann
 Uwe Schönberg (Hoffmann 1) Foto: (c) Monika Ritterhaus

 

Komische, romantische Oper mit viel Schuss!

Hoffmann 1 sitzt im Dunkeln, von unzähligen leeren Flaschen umgeben und in Schräglage. Definitiv eine Kneipe kurz vor der Sperrstunde und die verbrauchten Flaschen warten schon auf die Entsorgung im umweltfreundlichen Glascontainer!

Da kann man sich schon denken, wohin uns Barrie Kosky führen will. Sein Hoffmann säuft sich um Verstand, Kopf und Spiegelbild, hier geht es um mehr als um das fröhlich-feuchte Zusammensein. Die kommenden Stunden stürzt Hoffmann von einem Alptraum ins nächste Delirium tremens und damit ihm das nicht zu viel wird, gibt es ihn gleich dreimal.

Hoffmann 1, Schauspieler, Hoffmann 2, Tenor und Hoffmann 3, Bariton, wechseln sich ab – wobei Nummer Drei eigentlich so ist, wie Jacques Offenbach (1819-1880) ihn vorgesehen hatte. Die Rolle war eigentlich für einen Bariton geschrieben, da das Pariser Theater aber kurz vor der Premiere in Konkurs ging und Offenbach seine letzte, große Oper nur mit einer Tenorrolle an den Mann bzw. ans Theater bringen konnte, wird sie seitdem in Tenorlage gesungen! Da er aber die Oper sowieso nicht fertig schreiben konnte, weil der Tod ihm zuvor kam, hat jeder Regisseur viel Spielraum, um sich richtig auszutoben – was der Chef der Komischen Oper Barrie Kosky auch tat und alle sich ihm bietenden Möglichkeiten ausschöpfte,  um diese  grotesk-sonderbare und bizarre Geschichte von ETA Hoffmann zu erzählen.

Es gibt eine Sängerin für alle vier Frauenrollen, dafür aber den Hoffmann – wie gesagt – gleich dreimal.

hoffmann2
Nicole Chevalier (Olympia) + Hoffmann 2 /Dominik Köninger
Foto: (c) Monika Ritterhaus

 

Hoffmann 1 sitzt also in seinem 80er Jahre Künstler-Gewand unter seinen Flaschen und erzählt nuschelnd von seiner Liebe zu Stella, der Donna Anna in Mozarts Don Giovanni. Eine temperamentvolle und recht gelungene Zauberlehrling-Klein-Zack-Szene leitet – mit  dem Auftreten von Olympia – in ein lustiges Operettentreiben über.

Das physikalische Kabinett von Spalanzanis gleicht einer Schneiderwerkstatt in der Industrialisierung. Eifrigst wird erfunden und zusammen gesetzt. Hände und Köpfe werden durch die Gegend getragen. Und dann wird sie vorgestellt! Olympia: eine Schönere und Originellere hat es sicher noch nie gegeben. Inspiriert von den Schachrobotern, die im 19. Jahrhundert sehr in Mode waren, zuckt und ruckt sie durch den Biedermeiermenschenautomat, bei dem immer wieder Schubladen aufgehen oder gewaltsam zugemacht werden, aus dem tanzende Hände, lange Arme oder meterweit Rapunzelhaare hervorgeholt werden. Die ausdrucksstarke und wunderbare Nicole Chevalier (sie ist übrigens eine Urenkelin von Maurice Chevalier) gehört  – zum großen Glück für die Oper und für uns – seit ein paar Jahren zum festen Ensemble dieser. Sie zieht das Publikum – musikalisch wie schauspielerisch – voll in ihren Bann! Als Antonia singt sie sich rührselig, bedauernswert und umgeben von vielen schwarz-gekleideten Müttern zu Tode und als Giulietta muss sie Hoffmann sein Spiegelbild und damit seine Seele rauben. Mittlerweile ist Hoffmann aber so betrunken, dass er eh nichts mehr mitbekommt. Olympias Erbauer, Spalanzani, der Augenverkäufer Coppelius, Dapertutto oder Doktor Mirakel tummeln sich mit verpfuschten Erfindungen auf der Bühne oder durch die Kneipenlandschaft und sorgen für Chaos. Gut eingesetzter Slapstick und nie Zuviel aufgetragen.  Und immer wieder die vergeblichen Rettungsversuche der eleganten Muse durch diese fantastische Alptraum-, Frauen- und industrialisierten Alkohol-Welt.

Die Suche nach der idealen Frau oder einfach nur zu viel Promille, hohes Fieber, Wahnsinn oder verblendete Liebe. Hoffmann selber sucht das in immer anderen Frauen, zuerst Stella, der Mozart-Sängerin, dann Olimpia, dem Roboter, Antonia, der kranken Sängerin, oder Giulietta, der Seelen-raubenden, verwegenen Kurtisane. Hoffmann selber verzehrt sich immer wieder aufs Neue für die Neue. Da kann ihn dann auch seine Muse nicht mehr aufhalten.

Uwe Schönbeck spielt den Hoffmann 1, den Schauspieler, der den ganzen Abend über anwesend ist und Hoffmann 2 und Hoffmann 3 ablöst, vorschickt, aber auch berät bis er im fünften Akt wieder allein ist.

Nicole Chevalier war Stella/Olympia/Antonia und Giulietta und eine Traumbesetzung, hell, strahlend und bezaubernd hat sie vier ganz unterschiedliche Personen gespielt und gesungen – mit unterschiedlicher Hingabe und Temperament, farbenfroh und stilsicher. Mehr kann man sich nicht wünschen. Sehr gut auch die Muse, Karolina Gumos und auch die drei Hoffmanns (Uwe Schönbeck, Dominik Köninger, Alexander Lewis) haben bestanden.  Dimitry Ivashchenko und Ivan Tursic hatten ebenfalls mehrere Rollen, die sie mit Bravour meisterten.

Die Chorsolisten und Komparsen der Komischen Oper Berlin sowie das Orchester der Komischen Oper Berlin gaben ebenfalls überzeugt; am Pult mitreißend Stefan Soltesz.

Geschickt wird hier Horror mit Humor verbunden. Die drei Geschichten in der Oper beziehen sich auf drei Erzählungen von E.T.A. Hoffmann (Der Sandmann, Rat Krespel, Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild). Alle drei Protagonisten dieser Geschichten sind immer Hoffmann. Aufgeführt wurde die Opéra fantastique in fünf Akten von 1881 in französischer und deutscher Sprache. Das Libretto hat Jules Barbier nach dem gleichnamigen Drama von Jules Barbier und Michel Carré verfasst.

Der Australier Barrie Kosky zeichnet für die originelle und ansprechende Regie, die zwar doch dann und wann die Geschichte ein wenig hilflos verzerrte. Er lebt seit ein paar Jahren in Berlin, war vier Jahre am Wiener Schauspielhaus Codirektor was zu seinem internationalen Durchbruch als Opernregisseur im deutschsprachigen Raum führte. Er inszenierte für die Staatsoper und am Deutschen Theater Berlin und arbeitete von 2009- 2011 an seinen Ring-Zyklus in Hannover. Bis er nach Produktionen in Münschen und Frankfurt schließlich in der Spielzeit 2012/13 an die Komische Oper Berlin kam und Andreas Homoki ablöste.  Schon in der ersten Spielzeit  wurde die Komische Oper Berlin mit ihrem Programm zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt.

2014 hat ihn Katharina Wagner für die Inszenierung von Richard Wagners Meistersinger von Nürnberg bei den Bayreuther Festspielen 2017 verpflichten können.

Viel verdienter Applaus und viel Spaß!

Christa Blenk

 

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