Vielfältigkeit, Formen von Stille und Leere

 

Die Stadt Weimar war 1999 Europäische Kulturhauptstadt. Das war für den derzeitigen Chef des Berliner Staatsballetts, Nacho Duato, die Gelegenheit, Johann Sebastian Bach zu huldigen. Mit Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere hat er auf ganz besondere Weise Person und Werk dieses einzigartigen Komponisten gewürdigt. Er hat Bach auf die Bühne und ins Zentrum des Geschehens geholt.

Im ersten Teil „Vielfältigkeit“ geht es um den arbeitenden Komponisten Bach, seine Wünsche und Träume, seine Inspiration, seine Ängste und Zweifel, sein Mitten-im-Leben-Stehen und sein unermüdliches Arbeiten. Auszüge aus 15 seiner Werke hat Duato zu einem abwechslungsreichen Pot-Pourri vereint und die Tänzer in Instrumente, Noten und Gefühle und die Musik in Tanz und Architektur umgewandelt. Bach voller Energie und Tatendrang im strengem Kostüm mit Zopf getanzt von Michael Banzhaf. Herrschsüchtig, zurechtweisend, vornehm und mathematisch-minimal dirigiert er gleich am Anfang seine Schüler. Hier kommt das komplette Ensemble zum Einsatz. Leidenschaftlich und verhalten sehen wir ihn mit Giuliana Bottino, die sich als Cello biegt und windet, sich streckt, sich hingibt, sich faltet und entfaltet. Wird sie gestreichelt oder eher gefoltert? Fast wie ein sich neckendes Liebespaar wirken die Beiden.

Und so geht es weiter. Es folgen abwechselnd Pass des Deus dann wieder Gruppentänze aus vier, fünf oder mehr Tänzern, die zu Bachs Menuetten oder Polonaisen über die Partitur-Bühne fliegen. Eine bildschöne und ästhetische Szene nach der anderen. Zum Allegro des Konzert No 3 G-Dur BMV 1048 2. Satz tanzen königliche, schön kostümierte Frauen, überheblich, spritzig und keck. Beim ersten Satz des Konzertes für vier Cembali, Streicher und Basso Continuo a -moll BMW 1065 werden aus den Streicherbögen Degen und es passiert ein spielerisch-ernstes Kriegsspiel. Nachdenkliches in schwarzen Gymnastikanzügen, wird von Witzigem in originellen Gewändern abgelöst, auch Anspielungen auf die Meninas seines Landmannes Velazquez bleiben nicht aus. Ausgezeichnet und überwältigend das Schattenspiel aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena.

Im zweiten Teil Formen von Stille und Leere geht es um Bachs Lebensende, seine beunruhigende und schleichende Blindheit, seine Sorgen, seine Trauer nach dem Tod seiner Frau und einiger seiner Kinder. Plötzlich liegt Nebel über der Bühne und erzeugt ein Gefühl, das man hat, wenn die Brille nicht schmutzig ist, sondern die Augen nachlassen. Hier wird die Welt schwarz und die Tänzer bewegen sich zur Kunst der Fuge und 6 anderen Musikfragmenten. Es herrscht Trauer, ein Gottesdienst wird abgehalten und der Todesengel lässt sich nicht mehr abschütteln und erscheint immer öfter auf der Suche nach seiner Beute. Licht und Schatten, Abschied und Tod, Leid und Trauer. In der letzten Szene gehen die Tänzer über das Gerüst nach oben was uns an den Besuch der Reichstagskuppel denken lässt. Dann fallen sie plötzlich in zuckende Bewegungen während der Todesengel den sträubenden und ringenden Bach an der Hand schräg über die Bühne führt. Memento mori.

So eine Übung hätte auch schief gehen können; es hätte in Kitsch abrutschen können – aber das tut es nach 17 Jahren und viel Neuem in der Tanzwelt immer noch nicht.

Es ist verständlich, dass Nacho Duato sich nach dieser Produktion schwer tut, etwas Neues oder Innovativeres zu schaffen. Mit Vielfältigkeit, Formen von Stille und Leere hat er alles gegeben.

Das minimale und einfache, aber sehr gelungene Bühnenbild hat der Architekt Jaffar Chalabi entworfen; die Kostüme sind zum Teil von Nacho Duato selber und von Ismael Aznar, Lichteffekte von Brad Fields.

Die Musik kam natürlich vom Tonträger, Duato hat aber sehr schöne und klassische Einspielungen wie von Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt oder Ton Koopmann ausgesucht.

Christa Blenk

 

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