41. Cantiere Montepulciano – Dido und Aeneas

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Schicksalhaftes Mittelmeer

Ursprünglich hatte Hans-Werner Henze es 1975 abgelehnt,  Präsident des sich in Planung befindlichen Festivals in Montepulciano zu werden. Hingefahren ist er im Frühsommer dann doch und hat sich gleich von der Architektur, den Menschen und dem Vino Nobile verzaubern lassen. Offener dafür, kehrte er Ende August zu einem ersten Treffen mit dem Bürgermeister und den Stadträten zurück. Der ganze Ort sollte kreativ-aktiv in dieses Festival eingebunden werden. Damals konnte Hans-Werner Henze noch nicht ahnen, wie prominent und wichtig für die italienische und europäische Musikszene dieses Festival werden sollte.

Mittlerweile klingt und singt es in diesem kleinen Ort in der südlichen Toskana über zwei Wochen im Juli praktisch Tag und Nacht aus allen Palästen, Museen, Plätzen oder Loggias. 3-4 Konzerte täglich sind es mindestens, die die jungen und engagierten Musiker und Solisten dem Besucher bieten. Es ist wie ein Rausch, der die Hitze durchbricht und nicht mal vor der Siestazeit Respekt hat. Still ist es nur morgens um 8.00 Uhr.

Eines der großen Ereignisse oder vielleicht sogar das Hauptereignis dieses Jahr war Purcells Dido und Aeneas unter der Regie von Michael Kerstan. Mit wenig Mitteln und ausgezeichneten Solisten, unterstützt von einem perfekten Chor und dem diskreten Modus Ensemble Roma unter Mauro Marchetti, haben die Protagonisten das Publikum im Tempio di San Biagio – der übrigens auf einen Bauplan von Bramante zurückgeht und ein perfektes Beispiel einer römischen Basilika ist – regelrecht verzaubert.

Das Gefolge von Dido (ausgezeichnet Sabrina Cortese) und Belinda (wunderbar Giulia Manzini), ganz in keusches und unschuldiges Weiß gewandet, ist mit Kreuzen bewaffnet und zieht,  das spätere Drama prophezeiend,  in den Kirchenmittelpunkt unter die herrliche Kuppel. Die Matrosen in blau-gestreiften Seemannshemden kommen von der anderen Seite und ziehen die Papierschiffe von Aeneas (Antonio Orsini)  ans Land. Diese Schiffe brachten beim Publikum ein déjà-vu hervor, hat doch jeder von uns schon mal in Gedanken versunken so ein Schiff aus einem Stück alten Papier gefaltet. Die Segel sollten später noch zum Schutz vor den Hexen und zum Winken benutzt werden; die Kreuze verwandelten sich in Leid bringende Dolche und brachten starke und beeindruckende Bilder hervor. Mehr Requisiten brauchte diese Produktion gar.  Den Rest taten Enthusiasmus, Ideenreichtum, Mimik, Gesten und gute neue Stimmen. Die Truppe hatte mindestens so viel Spass wie die Zuschauer Glück hatten, dabei gewesen zu sein.

 

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Dido – Aeneas – Belinda

 

Königin Dido zögert und kann sich nur schwer durchringen, ihren Gefühlen für den aus Troya kommenden und in Karthago gestrandeten Aeneas freien Lauf zu lassen. Auf Belindas Drängen gibt sie nach, als es eigentlich schon zu spät ist. Denn die durchtriebene und eifersüchtige Hexe (sehr gut und witzig der Countertenor Stefano Guadagnini, der mit seinen zwei Nebenhexen Lucia Filaci, Caterina Meldolesi, alle in schwarz gekleidet und grell geschminkt  den fröhlich-schelmischen Teil übernahm)  hat schon ihr Intrigennetz gesponnen und damit Didos Glück zum Scheitern verurteilt.  Aeneas wurde überredet abzureisen und Rom wartete darauf, gegründet zu werden. Kerstan lässt Dido blutlos und makellos mit dem wohl schönsten Lamento der Musikgeschichte « When I am laid in earth » dahin sterben. Die Dolchkreuze landeten dafür in den Papierschiffen und versanken im Licht eines Zurbarán-Gemäldes im Mittelmeer.  Spätestens hier brachte Kerstan das Publikum unweigerlich zu den aktuellen Nachrichten der täglichen Schiffs-Katastrophen im Mittelmeer.

 

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 Aeneas Papierschiffe

 

Kerstan hat die Rolle der Hexe mit einem Countertenor besetzt, was nicht üblich aber durchaus originell ist. Purcell komponierte dieses geniale 60-Minuten-Opus wahrscheinlich für ein Mädchenpensionat, wo es in Chelsea 1689 – nur von Mädchen gesungen – uraufgeführt wurde. Es könnte aber auch sein, dass er es für den englischen Hof komponierte.  Nahum Tate hat das Libretto geschrieben.

Die Produktion erfolgte in Zusammenarbeit mit der Accademia Europa di Musica e Arte Palazzo Ricci, machte bella figura und erntete – zurecht – viel Applaus!

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nach der Vorstellung

 

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Christa Blenk

 

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