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Deutsches Musiktheater beim Fast Forward Festival – Schwarz auf Weiss

fff

 

auch für KULTURA EXTRA

Maßgeschneidertes Musiktheater als Metapher der kollektiven Erinnerung

„Und da fuhren wir, die Sieben, voll Schreck von unseren Sitzen auf und standen schaudernd. Denn die Stimme des Schattens war nicht die Stimme eines Wesens, sondern die Stimme vieler, und ihr Tonfall, der von Silbe zu Silbe wechselte, schlug düster an unser Ohr mit einem Stimmklang, den wir wohl kannten – mit dem Stimmklang von vielen tausend abgeschiedenen Freunden“ (Edgar Allan Poe, „Schatten“)

Es ist Nacht und die Sieben sitzen in einem hohen Saale in der Stadt Ptolemais. Es wird zwar nicht extra erwähnt, aber wir wissen es trotzdem: sie können nicht entkommen, sie sind isoliert. Einer von ihnen, der junge Zoilus, ist schon tot.

Eingeschlossen sind auch die 18 Protagonisten von Heiner Goebbels Stück Schwarz auf Weiß. Schon zehn Minuten vor Beginn füllen sich langsam und gleichmäßig Theater und Bühne. Als wir unsere Plätze einnehmen, sitzt nur ein Darsteller auf einer den langen einfachen Bänke, die zuhauf auf der Bühne stehen. In sich versunken schreibt er etwas, wohl französisch, denn er liest laut mit, was er schreibt. Nach zehn Minuten haben die meisten Zuschauer und Protagonisten ihren Platz eingenommen und in unserem Kopf schließt sich nun auch die Tür der Bühne. Die Panik, die sie wohl empfinden müssen, bekämpfen sie nicht mit (blut)rotem Wein wie bei E.A.Poe, sondern mit Beschäftigung. Sie spielen Federball, werfen Bälle auf die Perkussionsinstrumente am anderen Ende der Bühne, die ein unruhiges Donnern erzeugen, welches aber von einer Karten spielenden Gruppe gleich wieder relativiert wird. Sie scheinen sich zu amüsieren. Eine immer lauter werdende Sirene bringt aber die scheinbare Harmonie ins Schwanken, Feuerleitern werden aufgestellt oder wird vielleicht ein anderer Ausgang gesucht? Es herrscht Chaos und sie machen Musik. Wohl nicht die Pest, aber eine andere Katastrophe hat die Männer und Frauen des Ensemble Modern hier zusammen geführt.

Töne, Wörter, Körper, Formen, Instrumente, Choreografie, Licht und Schatten. Im Verlauf der nächsten ca. 80 Minuten werden Jazztöne und Trompetensoli, Sirenen und Teekesselpfeifen, weinende Geigen, schreiende Aktionsgeräusche und anstrengende Klänge, hörbare und regelmäßige Jazzpassagen gleichberechtigt eingesetzt, so konzentrieren wir uns immer wieder auf etwas Neues und können uns wieder neu sammeln. Ein Sampler sorgt für unbestechliche und redliche Verteilung. Eine ausgezeichnete New Orleans Trauermarsch-Improvisation mit glanzhaftem Auszug wird auf der Leinwand als Scherenschnittschatten wider gegeben und wir denken an Platons Höhlengleichnis. Die Leinwand fällt später elegant und manieristisch zu Boden. Überhaupt fällt Vieles zu Boden, es gibt aber gleich wieder Jemanden, der aufräumt. Man will den Ort an dem man eingeschlossen ist, sauber und ordentlich halten.

Heiner Müllers Stimme auf Band liest E.A.Poes „Schatten“ auf Deutsch, in englischer oder französischer Sprache werden an anderen Stellen Texte von T.S. Eliot und Maurice Blanchot gesungen oder gesprochen. Wörter, die direkt vom Ensemble Modern in Töne umgesetzt werden die Freude, Panik, Angst, Glück, Trauer verkünden.

Dann Finsternis und man wagt nicht zu applaudieren, um die Totenstille ja nicht zu stören. Vielleicht sollte vor der nächsten Aufführung das Publikum darum gebeten werden, vor dem Sturm wenigstens eine Schweigeminute einzulegen!

Schwarz auf Weiß hat Heiner Goebbels vor über 20 Jahren für und mit dem Ensemble Modern konzipiert, es ist auf sie zugeschneidert und kann auch nicht von einem anderen Orchester oder Ensemble aufgeführt werden. Bis jetzt kam es ca. 100 Mal zur Aufführung u.a. in Berlin, Brüssel. Dresden, Paris, Sevilla, Luzern, Taipeh, Moskau, Wien, Prag, München und Salzburg und fast alle Beteiligten sind schon seit der Uraufführung 1996 im Frankfurter Bockenheimer Depot mit dabei.

Diese Tonbandaufnahme von Heiner Müller, die Goebbels kurz nach Müllers Tod hörte, nimmt eine Schlüsselstellung in diesem Werk ein, d.h. der Text und Müllers Interpretation waren ausschlaggebend für die Fertigstellung und Aufführung. Zuerst kam die Vision, dann die Bewegungen, die Bilder, später der Text und nach der Premiere entstand schließlich die Partitur. Virtuosität und Perfektion sind nicht Goebbels Streben. Allerdings muss man natürlich sehr gut sein, um etwas Schwieriges amateurhaft so zu interpretieren, dass es perfekt und richtig, wie von Profis gespielt, wirkt. Einige der Musiker spielen bis zu sechs Instrumente, die sie nicht alle gleich gut beherrschen oder auch gar nicht beherrschen, sie singen und tanzen. Sie sind einfach nur umwerfend!

Improvisation, Umfeld, Publikum, Tagesform der Darsteller und die von Goebbels eingebauten und zu überwindenden Probleme geben der Aufführung etwas Lebendiges, sie erfindet sich jedes Mal wieder neu.

Was wir heute hören, ist nicht nur meine Musik, es ist auch all die Musik und die Geschichten dazu, die ich in meinem Leben gehört und gelesen habe (Zitat Heiner Goebbels vor der Vorstellung am Eröffnungsabend).

Beeindruckender erster Festival Abend im Teatro Argentina.  Fast Forward Festivals hat der italienische Komponist und künstlerische Leiter der Oper Rom Giorgio Battistelli erst dieses Jahr ins Leben gerufen. Es findet seit dem 27. Mai in Rom an unterschiedlichen Konzertorten statt und endet am 9. Juni mit Wolfgang Rihms Proserpina im Teatro Nazionale. Von den zehn Produktionen kommen zwei aus Deutschland, die das Goethe Institut Rom hierher geholt hat.

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Ensemble Modern nach der Vorstellung

Christa Blenk 

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