Der Barbier von Sevilla

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nach der Vorstellung – rechts Teresa Iervolino

 

Rasierschaum, Kino und Junk Food

Am 20. Februar 1816 – also fast auf den Tag genau vor 200 Jahren – wurde im Teatro Argentina in Rom Rossinis Barbier von Sevilla uraufgeführt. Aus diesem Anlass hat die Oper Rom dieses Jahr gleich zwei neue Rossini-Produktionen auf dem Programm. Nach der Cenerentola im Januar folgt nun der Barbier von Sevilla. 200 Jahre also, das hat sich auch der Regisseur zu Herzen genommen, und diesen Barbier über 200 Jahre hingezogen – so hat es sich zum Ende auch angefühlt.

Davide Livermore ist ein Kinofreak. Die Ouvertüre setzt ein, während eine blinkende Mouse die Bühne überquert. In einer originellen und surrealistischen Hommage an Monty Python und Dalí führt diese Mouse uns durch ein verworrenes pre-revolutionäres Labyrinth direkt in die Französische Revolution und stellvertretend für Robespierres Guillotine darf Figaros Barbiermesser die Köpfe aller Beteiligten abrasieren, nach vorherigem, sorgfältigem Einschäumen. Damit aber nicht genug, die Mouse fährt weiter, in die Zukunft, kommt ins nächste Jahrhundert bis zur heutigen Zeit und lässt keinen Diktatorenkopf sitzen. Die Köpfe rollen nur so ins Hokuseiwasser und das Blut fließt aus Chrom-Wasserhähnen. Auch Beaumarchais bleibt nicht verschont, kommt auf den Barbier-Stuhl, wird eingeschäumt und weg ist der Kopf. Die Computermouse setzte ihm kurzerhand Rossinis Konterfei auf und der Vorhang hebt sich. Ausgesprochen gelungen, Livermores Kinohuldigung. 

Diese Köpfchen-wechsle-Dich-Situation zieht sich noch bis zu Figaros Salon hin und während er seine Figaro qua, Figaro la- Arie singt, denken wir an die gruselig-makabren Tim Burton Filme, vor allem an Sweeny Tod – Graus!

Im ersten Akt tummeln sich alle Beteiligten in schwarz-weißen Biedermeier-Reifenkostümen. Anfang des zweites Aktes trägt Rosina Charleston Look und darf sich zum Schluss im Couture-Minikleidchen und weißen Stiefeln auf dem Ausverkauf-Sofa räkeln und mit ihren Freunden als Contessa vor dem Fernseher junk food essen.

Zwischendurch tanzt immer wieder ein Gorilla auf einem die Bühne durchquerenden Laufband in Diskothek-Manier und sogar die kopflosen Revolutionsopfer neben den Pestmasken tragenden Soldaten amüsieren sich und rocken fröhlich. Doktor Bartolo, zwischendurch in eine Art Zauberkasten gesperrt, verliert auch zeitweilig den Kopf – aber das ist ja nur ein Zaubertrick, alles ist nur Spaß, Slapstick und surreal-groteske.

Hier war recht viel vom tödlichen  Befreiungsgedanken hinter scheinbar heiteren Liebesgeschichten, Liebesnöten und Liebesneckereien zu sehen, wie Heinreich Heine einmal Rossinis Werke so treffend bezeichnet hatte.

Rossini hat es so gewollt, bloß keine Charakterdarsteller, dazu gab es ja Molière. Wichtig sind nur die ewigen Verknäuelungen und Intrigen, die einfach nur passieren und bei denen man die Charakterschwäche oder Stärke eines Menschen gar nicht in Betracht ziehen muss.

Der Barbier der Sevilla ist voller Ohrwürmer, unter anderem natürlich auch, weil Rossini sich selber immer wieder beklaute. Er hat die Oper in nur drei Wochen komponiert und musste gezwungenermaßen auf schon Bestehendes und vielleicht auf sogar früher Durchgefallenes zurückgreifen.

Cesare Sterbini hat das Libretto geschrieben und sich dabei an Beaumarchais‘ „Le Barbier de Séville ou La Précaution inutile“ (1775) gehalten. Mozart hatte schon einige Jahre früher für die Hochzeit des Figaro die Fortsetzung der Geschichte komponiert. Die Premiere endete aber dann doch als Skandal und wurde ausgepfiffen und verspottet – die Römer konnten mit Rossini, den sie nur zwei Jahre vorher nach Neapel geschickt hatten, wieder mal nichts anfangen. Allerdings stieg später mit jeder Vorstellung sein Beliebtheitsgrad.

Die konfuse und etwas unschlüssige Inszenierung von Livermore konnte nicht verhindern, dass das Publikum die Sänger – zu Recht – gebührend feierte. Vor allem Rosina, sie wurde auch zwischendurch immer wieder heftig gelobt und von allen Seiten mit „Brava“ ermutigt.

Donato Renzetti hat das hiesige Orchester gut über die Runden gebracht. Er ist ein Belcanto-Kenner. Die Gedanken von Davide Livermore waren nicht immer nachvollziehbar, meistens hat man sich aber amüsiert. Zum Schluss kehrte dann die typische Rossini-Langeweile ein, seine Opern sind meistens 15 Minuten zu lang! Gianluca Falaschi hat sich um die Kostüme viele Gedanken gemacht, musste er doch von der Französischen Revolution bis 2016 Rosina einkleiden und das immer in schwarz-weiß. Die römische Mezzo Teresa Iervolino war eine fantastische Rosina, sängerisch und schauspielerisch, Merto Sungu (Graf Almaviva) war zum Schluss etwas müde, aber er hatte ja auch eigentlich drei ganz unterschiedliche Rollen und hat den Grafen, genauso überzeugend gespielt wie den betrunkenen Soldaten oder den langweiligen Musiklehrer; Julian Kim als verschlagener, schlauer, geschäftstüchtiger und quirliger Figaro war sehr gewinnend. Doktor Bartolo war eigentlich schon viel zu alt und saß (meistens) im Rollstuhl, Omar Montanari hat ihn sehr bestechend gesungen, er hat auch den Slapstick Part der Oper mitgemacht. Mikhail Korobeinikov (Don Basilio) musste in wenig zu oft mit seinem Eisenarm Lärm machen (auch wieder eine Hommage ans Kino), hat aber ansonsten gut gefallen. Ausgezeichnet auch die permanent verschnupfte und etwas schusselige Berta, gesungen von Eleonora de la Peña.

Im Großen und Ganzen eine witzige Angelegenheit mit sehr guten Sängern! Aber welche Rolle hatte nun der Gorilla, außer am Schluss mit Berta im Arm die Bühne zu verlassen?

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Zusatzinfo

Nach einem Misserfolg in Rom 1815 ging Rossini nach Neapel und wurde zum offiziellen Stadtkomponisten ernannt. Vom Teatro Argentina in Rom erhielt er aber dann doch den Auftrag für die kommende Saison den „Barbiere von Sevilla“ zu schreiben und hat das in genau drei Wochen zwischen Januar und Februar 1816 getan unter Zuhilfenahme von mindestens zehn Selbstausleihen aus komischen und ernsten Werken, sogar aus Kantaten. Heute heißt das Fließbandproduktion mit Textbausteinen und sicheren eingebauten Lachern. Das zeigte auch wieder, wie sehr sich Tragik und Komödie im Belcanto beieinander liegen. Auf Abenteuer ließ er sich nicht ein, sondern griff – wie schon Mozart oder Paisiello vor ihm – wieder auf Beaumarchais (1732-1799) zurück. Was schon zweimal funktionierte, kann ein drittes mal nur noch besser werden und so kam es dann auch. Nach seinem Barbieri verschwand der von Paisiello komplett.

Beaumarchais, Unternehmer, Erfinder, Musiklehrer, Schriftsteller, Geheimagent, Schmugglerorganisator und Tausendsassa, vielleicht selber ein wenig zwielichtig – er wurde bekannt, weil es einen Prozess über eine Uhrerfindung gab, heiratete eine reiche Witwe, die bald unter seltsamen Umständen starb – schrieb 1777 den „Barbier von Sevilla oder Die unnütze Vorsicht“. Verwirrungen,Verwicklungen und Intrigen spielen hier die Hauptrolle, aber es drehte sich ja schließlich darum, die Zensur zu umgehen.

Christa Blenk

 

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