Künstlergruppe CoBra

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Eingang Palazzo Cipolla (Foto: Christa Blenk)

After us : Freedom

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Paris zwar seine Stellung als Welthauptstadt der Kunst und Monopol-Treffpunkt der angehenden und etablierten Künstler ein wenig eingebüßt und neue Tendenzen sollten demnächst aus den USA kommen, aber die Stadt war nach wie vor Treffpunkt und Brutplatz für neue Ideen.

Vor knapp 70 Jahren trafen sich im Café des Hotels de Notre Dame in Paris drei Maler aus dem Norden Europas und philosophierten über Kunst und das Abschneiden alter nationaler Zöpfe. Bissig und aggressiv wollten sie sein, gefährlich wie eine Schlange und Grenzen, auch die physischen, sollten eingerissen werden. Mit dem Acronym CoBrA (Copenhagen, Brüssel, Amsterdem) wurden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Einmal wurde (ganz national) auf die Hauptstädte von drei der Gründungsmitglieder hingewiesen – Asger Jorn (1914-1973) kam aus Dänemark, Constant (1920-2005) aus Belgien und Karl Appel (1921-2006) aus den Niederlanden und die Schlange Cobra wird generell mit Gefahr und Bedrohung assoziiert. Das war 1948!

Knapp 50 Jahre vorher wurden im Bateau Lavoir in Paris auch Zöpfe abgeschnitten, als Picasso, de Vlaminck oder Matisse die Grelligkeit der Farben und deren Benutzung auf die Spitze trieben; dementsprechend vielen die Bilder beim   Salon d’Automne 1905 durch. Geschrei, Skandal, Entsetzen bis Kahnweiler sie auf den Kunstmarkt holte.

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Ausstellungsplakat am Palazzo Cipolla (Foto: Christa Blenk)

Farbe musste wieder her und in dicken Schichten und wenn möglich ohne akademische Normen und Konventionen aufgetragen werden. Zurück zur Natur, zur Freiheit, zum grenzüberschreitenden Expressionismus. Sie erdachten und erfanden eine Art Kunst-Schengen, was ihnen für kurze Zeit auch gelang. In der Blütezeit waren Künstler aus insgesamt 12 Ländern (Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Schweden, Island, Italien, England, Holland, Ungarn, Tschechien und der Schweiz) in dieser Vereinigung, die eigentlich nur drei Jahre (1948-1951) bestand. Asger Jorn war Kopf und Seele der Vereinigung und als er 1951 erkrankte, löste sich die Gruppe auf und die ehemaligen Rebellen gingen wieder getrennte Wege.  Appel oder Alechisnky waren bis 2005 aktiv.

After us: Freedom (Constant) steht überall in der Ausstellung geschrieben. Worauf er sich damit aber genau bezieht, weiß man nicht.

Weitere Gründungsmitgleider waren die Schriftsteller Christian Dotremont und Joseph Noiret sowie der Maler Corneille. Im Laufe des kurzen Lebens dieser Gruppe kamen noch Pierre Alechinsky, Eugène Brands, Lucebert und Anton Rooskens sowie der Deutsche Karl Otto Götz und andere dazu.

Ihre Arbeiten versprühen Spontanität, Freude am Experimentieren, auch am Surrealistischen, obwohl sie das eigentlich nicht wollten, sie waren grotesk, aggressiv und lebenslustig, ironisch und poetisch, primordial und kindlich, immer tunlichst gerade Linien oder organisierte Elemente vermeidend. Informelle Volkskunst und Art Brut, oder ein spielerische Miró als Pate. Aber es gibt natürlich auch Kritik in den Werken wie z.B. das  bedeutende Bild von Karl Appel Bettelnde Kinder (1948) in schwarz und grün, Erinnerungen an Reisen und Erlebnisse nach dem Zweiten Weltkrieg. Eines der Hauptexponate. Constant war der kindliche Surrealist unter ihnen; Corneilles Bewohner der Wüste von 1951 ist in hellen Gelbtönen gemalt und stellt eine Verbindung zu Paul Klee her. Asger Jorn, der expressionistische Literat und Philosoph war sicher der wildeste unter ihnen. Seine Werke schreien einen an, wie Der Rabe (1952). Er hat diesen Stil auch in den Jahren danach fortgeführt.

Ich habe ein Leben lang gebraucht um wie ein Kind zu malen  (Picasso).

In Amsterdam und in Lüttich fanden 1949 und 1951 jeweils zwei große Ausstellungen mit Werken dieser Gruppe statt, ergänzt durch niederländische Gruppe Reflex. Skandale gab es natürlich auch.

Beim heutigen Betrachten sind gerade Jorn und Appels – abgesehen vom dicken Pinselstrich – Schüler der deutschen Expressionisten. An Nolde denkt man immer wieder – gerade an seine Bilder die nach den Pazifikreisen entstanden.

20 Jahre später schossen dann die Neuen Wilden wieder aus dem Boden, die ihrerseits die in der Zwischenzeit dominierende minimale oder Popkunst verdammen wollten, auch wieder als Reaktion auf Verbrauchtes und Ausgelutschtes in der abstrakten Kunst und Baselitz oder Lüpertz gingewidmeten sich wieder dem Gegenständlichen und beeindruckten oder schockierten mit  gewaltigen und kräftigen Holzskulpturen oder auf den Kopf gestellten Portraits. Minimalismus war out! Die stillen farblosen Quadrate oder Rechtecke waren im aktuellen Leben präsent, sei es Verpackungsmaterial sei es Architektur. Es fehlte die farbig-schreiende Romantik auf der Straße und deshalb musste dies wieder in der Kunst in Erscheinung treten. Maler wie Penck gaben sich einer Art Historienmalerei hin und Lüpertz zeigte uns wieder wie Stahlhelme aussahen. Nur Anselm Kiefer verschonte sich selber davor; seine Kunstwerke sind von subtil-kritischer und origineller Intelligenz.

Fondazione Museo Roma im Palazzo Cipolla am Corso hat nun dieser Gruppe ein umfangreiche Ausstellung gewidmet und die Hauptvertreter wie Corneille, Asger Jorn, Karel Appel, Constant, Pederson, Lucerbert und Dotremont jeweils in einem Raum vorgestellt. Eine gute Entscheidung, weil man auf diese Weise die Künstler gut kennenlernt. Jorn, der Philosoph,  und Appel sind die expressionistischsten, Während Constant sehr auf Art Brut macht.

Kuratiert und didaktisch zusammen gestellt haben die Ausstellung Damiano Femfert und Francesco Poli. Über 150 Arbeiten (Bilder, Zeichnungen, Fotos, Skulpturen) aus insgesamt 35 europäischen Museen werden gezeigt, darunter auch Leihgaben aus dem Peggy Guggenheim Museum in Venedig. Die Fondazione Roma–Arte-Musei und DIE GALERIE in Frankfurt haben die Ausstellung organisiert.

Die fehlenden Besucher allerdings deuten darauf hin, dass das Museum mit dieser Entscheidung nicht den Zeitgeist getroffen hat. Vielen ist die Gruppe CoBrA unbekannt und mit den kräftigen Farben verbinden wir immer noch die Expressionisten wie Karl Schmidt-Rottluff oder Emil Nolde.

Vor dem Museum hat ein Straßenkünstler Fotografien vom Kolosseum mit bunten Sprays bearbeitet und obwohl diese Spraydosen fürchterlich stinken, hatte er wesentlich mehr Zuschauer und Fans als Constant und Alechinsky auf der anderen Straßenseite im Palazzo Cipolla.

Trotzdem aber eine lohnenswerte Ausstellung, die mit einer gewollten Didaktik diese drei Jahre nach dem Krieg beschreibt.   Bis zum 3. April 2016 ist sie noch zu sehen und wenn man Glück hat und der Palazzo Sciarra gegenüber nicht gerade geschlossen ist, dann ist dort auch ein Teil der Ausstellung untergebracht. Wir hatten kein Glück!

Christa Blenk

 

 

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