Concerto Romano in der Sala Palestrina

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Sala Palestrina im Palazzo Pamphilj (Foto: Christa Blenk)

Zu Gast in Scarlattis und Corellis Musikzimmer!

Der Palazzo Pamphilj  ist einer dieser wunderbaren Barockpaläste mitten in Rom, der Mitte/Ende des 17. Jahrhunderts erbaut wurde: mehr oder weniger in der gleichen Zeit, in der Alessandro Scarlatti (1660-1725) und Antonio Vivaldi (1678-1741) das Licht der Welt erblickten!

Die Familie Pamphilj war in Rom angesehen und mächtig. Sie brachte einen Papst, Innozenz X, und viele Kardinäle hervor und förderte außerdem Künstler, Dichter und Musiker. Corelli, Händel und Scarlatti interpretierten dort regelmäßig eigene und fremde Kompositionen. Die Verbindung zwischen diesem Gebäude und der Musik ist also schon hergestellt und einen passenderen Konzertort als diesen Palast im Herzen Roms hätte das Concerto Romano für ihr jährliches Herbstkonzert in Rom gar nicht finden können. Ursprünglich war ein anderer Konzertsaal vorgesehen, aber kurzerhand musste alles umgestellt werden und mit Unterstützung der Filarmonica Romana konnte dieses feine Ensemble in der jetzigen Brasilianischen Botschaft an der Piazza Navona spielen. Das Palestrina-Saal war ursprünglich eine Art Empfangsraum, den der große Barock-Architekt Francesco Borromini entwarf und baute.

Auf diesen glücklichen Umstand also traf das vortreffliche Barock-Ensemble Concerto Romano und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hat der Leiter des Ensembles, Alessandro Quarta, die junge und impulsive Barock-Sopranistin Francesca Aspromonte dazu verpflichten können.

Rom und die römische Gesellschaft waren zu Ende des 17. Jahrhunderts dermaßen aus dem Ruder geraten, dass Papst Clemens IX dem Einhalt gebieten wollte und deshalb im Jahre 1700, im Heiligen Jahr, ein absolutes Opernverbot erließ. 10 Jahre sollte diese musikalische Enthaltsamkeit dauern. Zuerst verlängerte der Papst dieses Abstinenzjahr aus politischen Gründen und dann gab es auch noch ein Erdbeben und es musste etwas getan werden, um Gott wieder mit der Welt und Rom zu versöhnen. Die in Rom tätigen Komponisten sowie das römische Musikpublikum haben das allerdings sehr pragmatisch gesehen und aus der Not eine Tugend gemacht: es entstand das Oratorium. Kardinal Benedetto Pamphilj hat selber aktiv an der musikalischen Unterhaltung der römischen Adeligen beigetragen, Libretti und auch Musik geschrieben, und er war sich mit den meisten anderen Kardinälen in Rom einig, dass dieses Verbot eh Unsinn sei. Bei dieser opulenten und verschwenderisch- leidenschaftlichen Musik ist eine besinnliche Abstinenz einfach gar nicht denkbar und diese vermeintliche Kirchen-Gebrauchsmusik ist mitreissend und regt eher nicht zum Beten an. Man besang nun keine Kurtisanen und Schäferstündchen  mehr sondern Heiligen und Märtyrergeschichten, was aber die Sinnlichkeit der Werke nicht wirklich tangierte, man feilte ein wenig am Libretto und trällerte erst nach den ersten Takten.

In dieser Zeit sind vielleicht die gestern Abend aufgeführten wunderbaren Werke von Antonio Vivaldi und Alessandro Scarlatti entstanden, die Francesca Aspromonte genauso ausgelassen und sinnlich-schön wie Opernarien vorgetragen hat.

Von den unzähligen meist kurzen Solomotetten Vivaldis, die generell während der Messe aufgeführt wurden, sind nicht viele erhalten. Laudate pueri ist eine davon, ungestüm und mutig, frei und witzig dauert sie 23 schöne Minuten. Abwechslungsreich bricht immer wieder ein Operncharakter heraus, vermittelt eine Lebensfreude und den Genuss am Experimentieren. Die gespielte Pein geht vom Gewitter bis zur Ruhe danach. Vivaldi hat sich beim komponieren mindestens so amüsiert wie Aspromonte bei ihrer Interpretation. Mit ihrer jungen, warmen und vollen Stimme hat sie auch bei den leisen und besinnlichen Passagen letzten Zuschauer im Raum erreicht. Perfekt unterstüzt und weder gedrängt noch gehetzt vom Concerto Romano. Sie seufzt und wirfst schmachtende Blicke in den Raum; Alessandro Quarta, der mit seinem Ensemble und den Tönen irgendwie immer eins wird, ist sichtlich zufrieden mit ihrer ausdrucksstarken und sehr selbstbewussten Performance, die das Publikum im Nu verzaubert. Dass sie auch feurig und rachsüchtig sein kann, hat sie z.B bei Scarlattis Giuditta unter Beweis gestellt. Der Kontakt zwischen ihr und dem Ensemble ist makellos. Man könnte es nicht besser machen.

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Alessandro Quarta und Francesca Aspromonte nach dem Konzert (Foto: Christa Blenk)

Gleich im Anschluss das Concerto in A moll für Geige und dann rüttelt Francesca Aspromonte erneut den Raum auf mit der Cantate von Alessandro Scarlatti O di Betlemme altera, eine Weihnachtskantate, die aber deswegen nicht weniger lebensfroh und flott ist.

Scarlatti kommt aus einer Musikerfamilie, Vater und Söhne waren ebenfalls Komponisten, Sänger oder Pianisten. Er hat sehr viel für die Barockmusik getan, hat sie runderneuert, aufgefrischt und Wege gezeichnet. Auch Scarlatti war natürlich von dem römischen Opernverbot betroffen, zumal er von 1703 bis 1708 und dann wieder ab 1717 ständig in Rom arbeitete und lebte, u.a. als Kapellmeister an der Basilika Santa Maria Maggiore. Abgesehen von den Privatopern widmete er sich der Kirchen- und geistlichen Musik und es entstanden fast alle seine Oratorien. Die wunderbare Oper Griselda entstand in der Zeit, wurde allerdings erst 1721 aufgeführt. Scarlatti hat natürlich auch Händel in Rom getroffen, der genau in der Zeit des Opernverbots, 1707, dort ankam. Er hat über 800 Kantaten geschrieben, die oft vor eher gebildeten Publikum und eher in privatem Umfeld  aufgeführt wurden.

Mit drei kleinen Kompositionen (Lições de Solfejo XXII, XXIII, XXIV) des Brasilianers Luis Alvares Pinto (1719-1789) bauten sie zu Beginn des Konzertes kurz eine transatlantische Brücke vom barocken Rom zur spätbarocken brasilianischen Musik. Schon im 17. Jahrhundert begann in Brasilien eine interessante Musikentwicklung und in der Gegend von Minas Gerais wurde nicht nur viel Gold gefunden, es hat sich auch eine Musikkultur entwickelt aus der einige Komponisten hervorgegangen sind. Vieles ging verloren aber einiges wurde in den letzten Jahren zusammen gesucht. Diese drei kurzen Lehrstücke waren Bestandteil des Musikunterrichts in der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Als Zugabe hat sich das Ensemble etwas ganz besonderes ausgedacht: Francesca Aspromonte, die nun bewies, dass sie auch als Fiordiligi eine bella figura machen würde, sang eine Arie aus einer Oper von Joseph Schuster (1747-1812), das dieser 1776 in Italien geschrieben hat. Sehr mozartianisch – sozusagen der Beginn des Belcanto, so kündigte Alessandro Quarta es jedenfalls an.

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Concerto Romano mit Francesca Aspromonte (Foto: Christa Blenk)

Wer weiß, vielleicht bringen sie ja beim nächsten Konzert noch mehr von diesen vergrabenen Schätzen!

Glänzender vorweihnachtlicher und bewegender Konzertabend bei dem einfach alles stimmte!

Christa Blenk

Concerto Romano: Leiter : Alessandro Quarta; Erste Geige: Paolo Perrono; Geigen: Gabriele Politi, Laura Corolla, Boris Begelman, MauroMassa, Antonio De Secondi; Viola: Pietro Meldolesi, Teresa Ceccato; Cello: Marco Ceccato; Konrabass: Matteo Coticoni; Laute: Francesaco Tomasi; Fabott: Giovanni Battista Graziadio; Cembalo: Andrea Buccarella.

 

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