Die Bassariden – Hans-Werner Henze

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Nach der Premiere (Foto: Christa Blenk)

 

Exakt vor 50 Jahren hat Hans-Werner Henze das Meisterwerk Die Bassariden komponiert. Aus diesem Anlass hat die Oper Rom mit einer schon längst überfälligen aber nun beeindruckenden neuen Inszenierung die diesjährige Opernsaison eröffnet (und zeigt vielleicht der Mailänder Scala den Weg). Sicherlich das Highlight dieser Saison!

Gewaltig-religiöse El Greco- und satte, voluptuöse Tintoretto-Szenen, neapolitanisches chiaro-scuro gemischt mit apokalyptischen Bildern aus den heutigen und morgigen Nachrichten sind die Zutaten für diese bemerkenswerte Peuplum-Bildersymphonie, mit der Mario Martone und Sergio Tramonti Henzes gewaltige und kontrastreiche post-neoromantische Musik unterstützen.

Mitte 30 war Henze, als das englische Poetenpaar W.H. Auden und Chester Kallmann ihm den Vorschlag machte – frei nach Euripides Bakchen – eine Oper zu schreiben. 1963 kam von den Salzburger Festspielen ein Angebot etwas für das Große Festspielhaus zu schreiben. Henze sagte ja und Auden/Kallmann machten sich an das Libretto für Henzes Oper Die Bassariden, die er dann mit knapp 40 Jahren komponierte.

Die Bühne leuchtet in venezianischem Tintoretto-(Blut)Rot, in der Mitte sitzt ein nachdenklicher und besorgter Kadmus im Collin Powell-Look hinter seinem Schreibtisch das  Grab und ewiges Licht der Semele, vorne auf der Bühne eine Art Grube und ein links ein Sofa, auf dem sich die Mutter von Pentheus, Agaue, räkelt. Findig und intelligent die Idee, eine vertikale Kupfermetallplatte am Bühnenende zu installieren, die sich – wenn nötig – nach vorne senken lässt und die das bunte Treiben auf der Bühne spiegelverkehrt wiedergibt. Im Verlauf der nächsten zwei Stunden werden darauf Schlachtfelder, Kriegsschauplätze, orgiastische Schlangengruben oder das entscheidende Erdbeben zu sehen sein.

Während das Volk von Theben – das im Spiel die aktive Handlungsfunktion innehat, während den Bassariden die Aufgaben des Berichterstatters zukommen -  den neuen König Pentheus preist und ihn begeistert willkommen heißt, macht ein Gerücht die Runde: Dyonisos soll mit seinem lauten Gefolge auf dem Berg Kytheron angekommen sein. Die Begeisterungstürme für Pentheus sind noch nicht abgeklungen als das Kurzzeitgedächtnis seiner Untergebenen sich ausschaltet und Alle geschwind zum Berg Kytheron eilen. Das war dann auch schon der Anfang, des nicht mehr aufzuhaltenden Beginns des Untergangs. Zurück bleiben nur Kadmos, Teiresias, Agaue und die Amme Beroe und nicht einmal die Vier können sich auf eine gemeinsame Linie einigen. Pentheus hat sich zur Meditation zurückgezogen und noch nicht kapiert, dass er eigentlich seine Krone schon wieder verloren hat. Der opportunistische und später abtrünnige, in cremige Unschulds-Töne gekleidete, Teiresias eilt, trotz Kadmus‘ Flehen, gleichfalls mit dem Mob zum Berg. Agaue und ihre Schwester Autonoe versuchen mit dem Hauptmann zu flirten, der über ein Megaphon ein Pamphlet vom jungen König vorliest, in dem unter Androhung von Todesstrafe untersagt wird, dem neuen Kult zu folgen. Dann erscheint Pentheus höchstpersönlich, tyrannisch, kaltschnäuzig aber doch zuweilen unsicher und erstickt kurzerhand die Flamme auf dem Grab der Semele, Dionysos Mutter. Zuerst will Pentheus den neuen Religionskult nur fernhalten von seinem Volk, aber der Verführungsprozess hat schon langsam und schleichend begonnen und der König hat das Gehör seines Volkes verloren. Seine befehlende Stimme durchdringt nicht mehr die hemmungslosen Rhythmen der bacchantischen Tänze. Mit dodekaphonischen Elementen beschreibt er den Kampf zwischen Vernunft und Verführung. Pentheus erleidet einen Macht- sein Volk einen Realitätsverlust. Die beiden Frauen, gerade noch mit Pentheus einverstanden, verfallen der lockenden und verführerischen Harfe im Hintergrund und geraten in Trance. Mehr noch, Agaue (fantastisch Veronica Simeoni), die Mutter von Pentheus und neiderfüllte Schwester von Semele mutiert von der Spießerin der Oberschicht zur fundamentalistischen, haltlosen Hyäne.

Im zweiten Bild versucht Kadmos Pentheus in einem Suite-artigen Scherzo zum moderaten Abwarten zu überreden, der dies aber nicht hören will und den neuen Gott samt seiner exotisch-ekstatischen Gefolgschaft – den Bassariden -  ins Gefängnis werfen lässt. Seiner Amme gegenüber vertraut Pentheus seinen apollinisch-wagnerischen Schwur an, auf Wein Weib und Fleisch zu verzichten. Beim Prozess ist fast seine komplette in Verzückung verfallene Familie angeklagt. Die Szene, in der Pentheus versucht seine Mutter aus dem Junkie-Dasein herauszuholen ist ausgezeichnet. Die Musik schweigt hier wenn Argaue auf all sein Fragen mit einem ansteigenden „Yes“ antwortet (später soll sich diese Szene kurz vor Pentheus Tod mit einer „No“ –Serie des Chores wiederholen).

Pentheus erkennt nicht oder will es nicht sehen, dass der Fremde im langen Mantel Dionysos höchstpersönlich ist. Dionysos hat viele Formen. Beroe, die ihn hingegen erkennt, warnt den König erfolglos. Die von Pentheus angeordnete und vom Hauptmann durchgeführte Folterung der Gefangenen bleibt ergebnislos. Seine Politik verteidigt Pentheus auf einer arrhythmischen, an gregorianischen Gesang denkenden, Note. Den Tanz der Bassariden hingegen begleiten traditionelle und an Walzer denkende Rhythmen in E-Dur.

Der junge König ist verzweifelt; sogar die Natur stellt sich gegen ihn und bringt ein Erdbeben à la Pompeij hervor, das die gefangene Meute auf freien Fuß setzt und Semeles Altarflamme wieder aufflackern lässt: Im Hintergrund erklingen erneut die ausartenden Freudengesänge auf dem Berg Kytheron.

Der geheimnisvolle Fremde erscheint zum zweiten Mal und beweist Pentheus im Spiegel seiner Mutter die orgiastischen und ekstatischen Zustände auf dem Berg und den kompletten Verfall seiner Untergebenen. Die Musik nimmt hier das Einzugsmotiv des Dionysos auf und das Drama seinen Lauf als Pentheus angewidert und fasziniert von den Zuständen mit zarten Adagio-Tönen den Vorschlag des Fremden – entgegen der Warnungen von Beroe – demütig-verschämt annimmt und im Gewand seiner Mutter, was ihn verletzlicher macht, er aber nicht begreift, zum Berg Kytheron geht. Zuvor nimmt er aber schuldbewusst und gehemmt Dionysos arglistige und schmeichlerische Aufforderung zum Tanz an. Großer Fehler! Von Semeles Siegessäule aus beobachtet Pentheus heimlich aber mit morbidem Interesse das liederliche Verhalten seiner Schäfchen.

Die durchgeknallten Mänaden auf der Suche nach Trophäen rennen wie von der Tarantel gestochen kreuz und quer über die Bühne und auf der Spiegel-Kupferplatze am Bühnenende beobachtet der Zuschauer die höllischen Orgien. Der Chor der Mänaden beschwört Dionysos doch egal in welcher Form zu ihnen zu kommen, eine Stimme kündigt einen Spion an und Pentheus wird entdeckt. Bevor er von ihnen zerfleischt wird, stellt der has-been König seiner Mutter nun die gleichen Fragen wie anfangs, die dieses Mal der Chor konsequent mit „Nein“ beantwortet. Agaues Einzug in Theben mit den Bassariden und dem Kopf des Löwen (wofür sie Pentheus hält) in der Hand, dessen Blut sie vorher noch ihren Mitstreiterinnen zum trinken gab, trifft sie auf einen entsetzten Kadmos. Die sich in Ekstase befindlichen nun satten Frauen wischen sich noch das Blut vom Mund, als der alte Kadmus seine Tochter auf die schreckliche Tat aufmerksam macht. Der Hauptmann und sein Gefolge bringen die Körperteile von Pentheus nach Hause und setzen den König wieder zusammen.  Agaue erwacht aus ihrer Trance und will nur noch Sterben. Die Trauer um Pentheus “Starke Götter sind nicht Gut“ passiert ohne Musik. Tanz und Rhythmus werden von einer Passacaglia abgelöst und weichen einer Art Marschmusik und einer liturgischen Bach-Hommage. Göttlicher Wahnsinn schaltet jegliche Vernunft aus und Semele wird unsterblich.

Theben ist verloren und steht in Flammen. Von der Decke werden Fruchtbarkeitssymbole auf die Erde gelassen und kündigen eine neue Weltordnung an. Der Chor/das Volk hat wie immer nichts gesehen, nichts gehört, kniet nieder und huldigt dem, der gerade das Sagen hat.

Nicht um sonst hat Auden als Bedingung den Auftrag anzunehmen, Henze einen Besuch der Götterdämmerung verordnet. Gewaltige Orchesterbesetzung und höchste Anforderungen an den ausgezeichneten Chor, der in dieser Opera seria eindeutig die Hauptrolle innehat. Ladislav Elgr meisterte seine üppigen und hellen Dionysus Arien ganz gut und war ein selbstsicherer, verschlagener, manchmal fast kindlicher Sieger. Schauspielerisch war er überzeugend in seiner Sado-Maso Aufmachung mit bodenlangem Nerzumhang. Veronica Simeoni als Agaue war umwerfend, sie hätte ihre Rolle – auch schauspielerisch – nicht besser machen können und war der Star des Abends. Mark S. Doss war ein ruhig-bedächtiger und besorgter Kadmus. Pentheus war Russel Braun, sein schöner Bariton schwang von tyrannisch-zweiflerisch zum schwächelnden Verlierer. Der Hauptmann war Andrew Schroeder, er hielt seine Proklamation durch ein Megaphon, war korrekt, unbestechlich und zackig immer schön in Uniform salutierend. Der opportunistische Teiresias wurde von Erin Caves, die frivole und vergnügungssüchtige Schwester von Agaue, Autonoe, von Sara Hershkowitz gesungen. Die gouvernantische Beroe sang mit rundem Alt Sara Fulgoni. Die Schergen hatten faschistische Uniformen und liefen mit Maschinengewehren hinter den in Strapsen gekleideten Abtrünnigen her. Stefan Soltesz am Pult hat mir sehr gut gefallen; er hat das Orchester der Oper Rom ausgezeichnet durch diese beeindruckende Musik gebracht.  Die lebhafte und bewusst chaotische Choreografie hat Raffaella Giordano entwickelt. Die zum Teil barocken aber passenden Kostüme sind von Kostüme von Ursula Patzak. Robert Gabbiani kann wieder mal stolz auf seinen Chor sein. Großes Lob an den Regisseur Mario Martone und den Bühnenbildner Sergio Tramonti.

Rom kann glücklich über diese gelungene Produktion sein.

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Zusatzinformation:

Die Uraufführung von Die Bassariden fand – durchaus mit Erfolg – am 6. August 1966 in dem wie dafür geschaffenen Großen Festspielhaus als Bestandteil der Salzburger Festspiele statt. Während  der Premiere erhob sich Auden und schrie „Dionysos ist ein Schwein“ und die Henze Freundin Ingeborg Bachmann kam als Mänade verkleidet in das Festspielhaus.

Sehr zu Henzes Ärger schrieb der Kritiker Stuckenschmidt nach der Premiere „Strauß hätte seinen Nachfolger gefunden“.  Und ein englischer Kritiker schrieb gar « Strauss turned sour ». Nach Aufführungen u.a. in den USA  und in Mailand kam der ganz große Durchbruch diese Oper acht Jahre später, 1974, in London, als Henze sie selber dirigierte und er sie um das Intermezzo kürzte (Rom hat es auch nicht aufgenommen).

Henze war Mitte 30, als ihm W.H. Auden die Idee, die Bakchen des Euripides in ein modernes Musikdrama zu verwandeln vorschlug und als die Salzburger Festspiele Henze 1963 ein Angebot machten, für das große Festspielhaus etwas zu komponieren, war es beschlossene Sache. Auden/Kallmann haben dann natürlich auch das Libretto dazu geschrieben, wie gesagt, mit der Auflage in Wien  in die Götterdämmerung zu gehen. Das tat der Maestro auch und saß in der Karajan-Loge, während er diesem beim Dirigieren zusah. Er hielt durch – nicht wie Nono – und schrieb anschließend „ein imperialistisches Träumen, etwas militant Nationalistisches, unangenehm Heterosexuelles und Arischen, das in diesem Hörnerschall, in diesen pseudogermanischen Reimen und Septakkorden und den Äußerungen der charakterschwachen Helden und Schelmen die Libretti aufgehoben ist.

Diesem durchkomponierten Einakter in vier Sätzen liegt eine „vierteilige sinfonische Struktur zugrunde, die den großen Konflikt des Menschheitsdramas musikalisch und formal zusammenhält“ (schreibt Henze weiter). Mit den Bassariden bringt er die Darstellung von Dionysos Rache und Strafe für kalte Vernunft und die Repression der instinktiven Impulse der Menschheit auf die Bühne. Dionysos, ist er göttlich oder Menschlich? Sein Vater war Zeus und seine Mutter  vielleicht die Sterbliche Semele aus Theben, obwohl die Mythologie als Mutter auch noch Demeter, Io, Persephone oder Lethe anzubieten hat, hat Henze sich für Semele, die Tochter des König Kadmos, entschieden, was ja – denkt man an die vielen Liebschaften von Zeus – durchaus realistisch ist und so hat Dionysos auch einen Grund, er will das  Grab seiner Mutter in Theben besuchen. Die Geschichte beginnt mit der Übergabe der Macht von Kadmus an seinen Enkel Pentheus. Dionysos, der zweimal geborene (der Legende nach ist Semele verbrannt, als sich Zeus ihr als Blitz gezeigt hatte), der nimmt das halbfertige ungeborene Kind und näht es sich an den Schenkel, wo nach drei Monaten Dionysos hervorkam, was ihn ja nun wieder als unsterblichen Gott definieren könnte. Wie auch immer, Dionysos ist der einzige unsterbliche Gott mit einer menschlichen Mutter.

Christa Blenk

 

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