Déserts

Was verbindet Edgar Varèse und Bill Viola?

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ein eindeutig zufriedener Dirigent nach dem Konzert

 

Moleküle, Wüste, Magnetton- und Videotapes

In dem Video das gestern Abend zu Edgar Varèses (1883-1965) rauschender, dissonanter und farbiger Musik auf einer Riesenleinwand über dem fantastischen Ensemble Ars Ludi zu sehen war, geht es um Wüste und Wasser, um Naturereignisse, um Intimität und um Fusion.

Bill Violas Video Déserts besteht aus zwei ganz und gar unterschiedlichen Teilen, die am Ende ineinander verschmelzen. Varèses Komposition  Déserts besteht aus sieben Sätzen: vier Orchesterparts und drei Magnettonsequenzen die alternierend zum Zuge kommen und die Gegensätze von Geist und Natur beschreiben. Die poetischen Bilder von Wüste, Meeresboden, Blitz und Feuer werden vom Orchester (bestehend aus 14 unterschiedlichen Holz- und Blechbläsern, 5 Perkussionsgruppen, ein Piano und das Tonband) begleitet. Dann geht es übergangslos zur organisierten Magnettonbandmusik als ein religiös anmutender und hell gekleideter Mann in Zeitlupe ein Zimmer betritt oder eher hereinschwebt und andächtig mit einer Tasse in der Hand am Tisch mit den Rücken zu uns Platz nimmt. Dann setzt das Orchester wieder ein und zeigt das Geschehen außerhalb dieses Hopperschen Zimmers. In den weiteren zwei Magnettonband-Sequenzen  gießt er sich ein Glas Wasser ein, eine Szene, die den Film für Sekunden in ein Stillleben verwandelt, er trinkt. Im dritten Teil stößt er das Glas Wasser um, steht auf, stürzt sich in das fallende Wasser und taucht im tiefen Ozean unter. Das Publikum zuckt zurück, weil er für eine Zehntelsekunde auf es zukam. Eine unsagbar faszinierende und schöne Szene. Mit dem Wort „déserts“ (Wüste) wollte er das Ferne und nicht aufhören Wollende ausdrücken – Wasser, Berge, Himmel, gerade Straßen, Sand – all das als Veranschaulichung der essenziellen menschlichen Einsamkeit.

Leider nimmt das faszinierende Video viel von der Aufmerksamkeit, die man sonst nur der Musik geschenkt hätte. Aber es ist ein großartiges post-Mussorgsky-Erlebnis.

Nach einer sehr produktiven Phase ab 1936 ging Varèse in eine Art Privat-Klausur und komponierte bis Anfang der 50er Jahre erstmal gar nichts. Eine Art Nachkriegseuphorie und seine Teilnahme 1950 bei den internationalen Ferienkursen für neue Musik in Darmstadt holte ihn aus dieser Schaffenspause und der Output  nach fast 20 Jahren stille Konzentration ließ 1954 das Werk Déserts entstehen. In Paris kam es wieder einmal zum obligatorischen Aufstand, denn Varèse hatte zum ersten Mal ein neuartige Erfindung als Klangquelle eingesetzt: das Magnettonband.  „Der elektronische Klang ist ein Klang, den die Instrumente nicht hervorbringen können“ erklärte er.

Zwei weitere fundamentale Kompositionen dieses außergewöhnlichen Komponisten rundeten den Varèse-Abend ab. Einmal seine intelligente Großstadtbeschreibung Ionisation für 13 Perkussionisten (1931).  Hierfür hat er ein Musikgesetz gebrochen: Das erste Mal in der Musikgeschichte wurde ein Orchesterwerk nur für Perkussion geschrieben. Besser kann man eine Stadt wie New York, wo Varèse seit 15 Jahren seinen Wohnsitz hatte, nicht beschreiben. Unterschiedliche Sirenen, vierspuriges Überholen, Schnelligkeit, Langsamkeit und Stau, dröhnende Jazz-Elemente, röhrende US-Marschmusik wie am Independent Day und ein friedliches Kirchenglocken-Finale. Ionisation (heißt so etwas Kollision von Molekülen). Stundenlang möchte man zuhören, mitfahren, mitspielen, mitlaufen…. Varèse machte keinen Unterschied zwischen Lärm und Ton, was den Weg für ganz neue Töne und Klänge öffnete.

Intégrale für Bläser und Perkussion entstand 1925, da war Varèse bereits seit 10 Jahren in New York und hier fusionierten all seine persönlichen Eindrücke der Debussy- und Ravel-Welt, der Berliner Luft, der Begegnung mit Richard Strauss und des Wiener Schmäh mit denen der neuen, jazzigen US-Welt

Edgar Varèse ist in Paris geboren, ging als junger Student nach Paris und dann nach Berlin wo er Richard Strauss kennen lernte. Wieder zurück ging er 1915 nach New York. Leider sind alle seine Frühwerke verbrannt. Das erste bekannte Oeuvre ist das dissonante und rhythmisch sehr komplexe Orchesterstück Amerique für großes Orchester, das 1921 entstand. Vor dem zweiten Weltkrieg verbrachte er nochmals mehrere Jahre in Paris, dort entstand auch Ionisation; er nutzte übrigens schon sehr früh die Ondes Martenot. 1965 starb dieser Vorreiter der Moderne in New York.

Ars Ludi (Antonio Caggiano, Rodolfo Rossi, Gianluca Ruggeri) stellte außerdem als Weltpremiere ein Werk des Italieners Lorenzo Pagliei (*1972) vor: Polaris für drei Perkussionsinstrumente (2015). Für unsere Ohren hörte sich das konventioneller als die betörende Varèse-Musik an. Pagliei hat vor allem Rhythmus und Rhythmusänderungen in den Vordergrund gestellt. Meine Assoziationen damit hatten allerdings etwas mit rituell-primordialer und sehr angenehmer Busch- oder Indianertrommelmusik zu tun. Am Pult Tonino Battista, wie immer bestechend.  Er ist ein Spezialist für neue und elektronische Musik.

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Foto: Christa Blenk

Christa Blenk

 

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