Mark Polscher – The Pomegranate Tree

granatapfel
Grabmalerei in Paestum

 

 Mark Polscher – The Pomegranate Tree

Klangwanderung des Phönix durch  Zeit und Töne

Der Phönix ist ein Vogel aus der altägyptischen Mythologie, der am Ende seines Lebens verbrennt, stirbt und sich im selben (Todes) Moment wieder aus der Asche herauswühlt, um neu zum Leben zu erblühen.

13 Lieder für 13 Kammern

Elektronisch-konkrete und konventionelle Musikfragmente oder Töne unterstützen gesprochene, manchmal verzerrt gesungene auch verfremdete Wörter und Textpassagen  aus einem  altägyptischen Totenbuch.

Jazziges zweistimmiges Summen – Peitsche – Zymbal -  »Steigere Dein Wohlbefinden »  - Eisenbahnschienengeräusch – monotones Summen - über Lautsprecher -  »Feiere einen schönen Tag! »Bedenke: Niemandem ist es gegeben, seine Habe mit sich zu nehmen! Und Keiner, der fortging, ist jemals wiedergekommen.“ – Rascheln – kristalline Töne – Türen quietschen - Klopfen und Würfeln -  »Wie groß ist der Herr für seine Stadt! » – mehrstimmige oder übergeordnete Melodien – helle klirrende Töne  – Steinquader werden verschoben – Aufzuggeräusche – säuselnder Wind – « hat ein Vater jemals seinen Sohn vergessen » – Wasser fließt (vielleicht) – Kastanien fallen vom Tisch – mechanische Geräusche - Triangel - Windgesang – ein Vogel schnarcht und streift über trockenes Laub -  »Habe ich ohne Dein Wissen etwas getan? » « Was sind diese Asiaten für Dich, Oh amun, die Elenden, die den Gott nicht kennen » - Flüstern -  »Ich bin rein, ich bin rein ! » – Steinquader schließen das Licht aus – Peitsche – Stimmen und  Canon -  »Nicht sieht einer seinen Nächsten » – Drohungen und Mahnungen werden ausgesprochen – Holzspaltgeräusche – Druckergeräusche – elektronische Funkgeräusche – Echo  – Funken sprühen -  Windgesäusel – « Komm’ heraus! Du übler Wind » – Kommunikation mit Außerirdischen - jazzige Orgelmusik - Sklaven-Kettengeräusche – Klopfen auf Metall - eine Tür wird zugeschlagen – Konstruktionsgeräusche - Lachen - Stöhnen -   »Möge sie verkehren mit keinem anderen Mann außer mir.… jetzt, jetzt, schnell… »- Liebeszauber – Sprechen über Mikrophon – « Ich öffne meinen Mund gegenüber meiner Seele, heute ist alles viel zu viel für mich » klares Sprechen – « dieses Land wird zugrunde gerichtet und niemand kümmert sich darum oder spricht darüber » Türen öffnen sich - ein Auto fährt weg - Radiosprecher - Gong - krankes Stöhnen - Triangel - Gähnen - Windspiel und melodisches friedliches Summen - monotone Klänge - Baulärm in der hinteren Grabkammer -  « man wird Pfeile aus Kupfer machen »  - Flüstern – Sprechen mit verstellter Stimme -  »ich zeige Dir das Land in schwerer Krankheit » – Stereogeräusche – « denn ein jeder ist nur mehr mit sich selbst beschäftigt » - Bahnhofgaststättengeräusche – «  aber ein König aus dem Süden wird kommen »  -  Harke - autistische Geräusche – hoher Gesang, dumpfes lautes Schlagen – Sprech-Polyphonie – « es gibt keinen Beruf ohne einen Vorgesetzten, außer dem des Schreibers » – « aber ein König aus dem Süden wird kommen – dem Haus der Finsternis » – Streifen – Kehren – Schritte – « von wo die, die hineingehen, nicht mehr zurückkehren. »

So  hören sich (für mich) diese 64 Minuten an; gefühlt sind es nur spannende fünf Minuten!

13 Gedichte für 13  Räume. Polschers Installation schlägt einen Bogen zwischen Architektur und Musik mit dem Ziel, das Verständnis der Exponate im Münchner Museum für Ägyptische Kunst zu fördern. Die dreizehn Ausstellungsräume sind als Klangzonen unterschiedlich, manchmal treffen sich Töne und Wörter an der gefühlten Grenze zum nächsten Raum und überlagern das, was war, in das, was kommt. Das Echo in den Pyramiden oder in den Museumshallen lässt aus den zwei Stimmen (fantastisch und so vielseitig die Stimmen von Sibylle Canonica und Stefan Hunstein) eine große Menschenansammlung oder einen Chor werden, bis die Stimmen und Töne wieder abklingen und sich in Luft auflösen, weil der Betrachter stehen bleibt und sich konzentriert, um dann wieder mit voller Wucht aufzutauchen.

Die Klänge kommen von ganz weit her oder gehen weg, manche verharren und halten aus. Alles fliest…. die Töne sind konkret, zart, energisch, zurückhaltend, eindringlich,  nüchtern, schwarz-weiß mit Grautönen, manche lassen die verblassten Farben auf den Sarkophagen erahnen, die vor 3000 Jahren bemalt wurden. Zitternd und schüchtern schälen sie sich zwischen den gesprochenen Wörtern hervor, durchbrechen dieses Universum der Töne und Klänge und treffen auf die versteckten und verängstigten oder beobachtenden Blicken der ewigen (gefangenen)Bewohner der alten Grabkammern, wenn die Steinquader langsam vor die Öffnung geschoben werden und das Licht entschwindet. Die verschiedenen Geräusche passieren immer oder fast immer gleichzeitig oder leicht versetzt, Reden wird von Tönen begleitet, Klänge von Wörtern und undefinierbaren Geräuschen. Polscher hat die Insistenz des zum Teil 3000 Jahre alten Gedichtes mit einer parallelen Insistenz von  alten und neuen Geräuschen umgesetzt. Hier ist die Zeit im Flug des Phönix verflogen, verbrannt, abgestürzt.

Mark Polscher hat die Klanginstallation „The Pomegranate Tree“ als Auftragswerk  für das neue Ägyptische Museum in München komponiert, das 2013 eingeweiht wurde. Die ersten zwei Jahre wurde diese eher interaktive Installation im leeren Museum vorgeführt. Sie verändert sich mit den Bewegungen der Besucher. Die Komposition dauert 63 Minuten und ist für 64 Zuspielkanäle mit unterschiedlichen Klängen in verschiedenen Zonen konzipiert

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Mark Polscher während der Installation im Museum
photo©Maayane Haussmann

 

Die CD bespricht die Aktivitäten und Handlungen der Klanginstallation, die immer noch bis auf Weiteres jeden ersten Dienstag des Monats um 18.30 Uhr im Ägyptischen Museum aufgeführt wird. Polscher hat das sich Wiederholende, das Unsterbliche und das sich nie Ändernde dargestellt und eine Brücke komponiert zwischen dem Alten Ägypten und dem Bau des Museums in München. 3000 Jahre die nebeneinander, vor- oder hintereinander und übereinander herlaufen und geschehen. Zugrunde liegt der Aufnahme der Text des Altägyptischen Totenbuchs, das sich mit dem Kreislauf des immer wieder neu geborenen Vogels Phönix befasst. Tod und Geburt stehen zueinander wie Vergangenheit und Gegenwart oder Zukunft. Phönix ist die permanent sich verändernde Konstante: er lebt, er verbrennt, er ist tot, er wird neu geboren, er lebt, er verbrennt ……

Keiner kommt von dort, dass er erzähle …. wie es um sie steht (aus dem Harfnerlied des Antef)

Mark Polscher (*1961 in Dortmund) war ursprünglich Solist und spielte Klavier, Querflöte, Fagott und Saxophon und tournierte mit seiner Jazz- und Rockband  in ganz Europa. In den 80er Jahren schrieb er zum ersten Mal eigene Stücke, die er mit seiner Band aufführte. Seit Anfang der 90er Jahre komponiert er Musik für Theater und Film, darunter auch den Soundtrack für eine lang laufende TV Show. Studiert hat er bei Joe Mubare und Karlheinz Stockhausen. 120 Kompositionen, Orchester, Chorwerke, Musiktheater und Kammermusikstücke hat er bis jetzt komponiert, darunter viele elektroakustische Stücke. Ein wichtiger Bestandteil seines Werkes sind Theater- und Filmmusiken, 90 an der Zahl hat er geschaffen – meist als Auftragswerke. Heute lebt und arbeitet Mark Polscher in München.

Christa Blenk

Die 13 Gedichte heissen:
1. Harfnerlied des Antef (19. Dynastie):
2. Hymne an den König (12. Dynastie)
3. Gebet an Amun (19. Dynastie)
4. Das Totengericht „Negatives Sündenbekenntnis“ (18. Dynastie) Ich bin rein.
5. Der Sonnengeasng des Echanton (18. Dynastie)
6. Der Wandelgeist – Magischer Papyrus (Ptolemäische Zeit, 3. Jh. V.Chr.
7. Die Inschriften auf dem Obelist des Antonoos (Römische Zeit, Hadrian)
8. Liebeszauber aus der Spätantike (Koptische Zeit, 4.-5. Jh. n.C.
9. Die Lehre des Ptahhotep (12. Dynastie)
10, Die Lehre des Cheti (18. Dynastie)
11. Der Ba-Vogel (18. Dynastie)
12. Die Prophezeihung des Neferti (1. Dynastie)
13. Ischtars Höllenfahrt (Altassyrisches Reich)

 

 

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