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Balthus – noch bis Ende Januar 2016

Balthus
Ausstellungsplakat Scuderien – Foto: Christa Blenk

 Balthus in Rom

Einsamkeit,  Straßen- oder Innenansichten, in sich gekehrte, versunkene oder melancholisch-schwermütig blickende Personen lassen auf den ersten Blick an Hoppers Bilder denken – aber ohne deren Gleichgültigkeit. Balthus‘ Gemälde glühen in weiß-milchigem und zeitlos realistischem Licht. Unter Einfluss des französischen Klassizismus und der italienischen Renaissance, geprägt von der neuen Sachlichkeit, dem magischen Realismus, der Metaphysik-Malerei oder Giorgio Morandis Poesie und gepaart mit dem kulturellen und intellektuell-kosmopolitischen Umfeld, in das Balthus hineingeboren wurde –  sein Vater war Kunstkritiker, seine Mutter Baladine Malerin – hat Balthus seinen Stil gefunden. Rainer Maria Rilke, Baladines Geliebter, Dauergast mit  vielen anderen Dichtern und Malern  in Baladines „Salon“ in Genf hat ihm, dem Sonderling Balthazar, den Namen Balthus gegeben und der wollte vor allem eines nicht: Malen wie die Surrealisten.

In der Kunst ist alles erlaubt!

Da harf Damien Hirst millionenschwere Diamanten in Totenköpfe einbetten, Nitsch und Schwarzkogler blutrünstige Selbstverstümmelungshappenings aufführen, Courbet mit seinem 1866 entstandenen Werk „Ursprung der Welt“ diese schockieren, Manzoni seine Exkremente in Konservendosen einschweißen und Balthus jahrzehntelang ausgezogene kleine Mädchen oder Halbkinder in anzüglichen Positionen malen. Schon seine erste Ausstellung in den 30er Jahren wurde von Polemik begleitet und das hat sich nicht geändert. Aber das – wie wir wissen – ist dem Kunstwerk eher zuträglich, es fördert den Bekanntheitsgrad und steigert den Verkaufswert.

Ist in der Kunst alles erlaubt?

Essen hat das 2014 wohl anders gesehen und eine geplante Ausstellung mit Polaroid-Fotoarbeiten, die erst nach Balthus‘ Tod aufgetaucht sind und eine gewaltige Debatte über Pädophilie in der Kunst hervorgerufen haben, kurzerhand wieder abgesagt.

Wer war er denn nun,  dieser Balthazar Klossowski de Rola, genannt Balthus der 1908 in Paris von polnisch-jüdischen Eltern geboren wurde? Für die einen ein Dandy, der permanent zu viel Geld ausgab und es liebte, sich in edle Stoffe zu kleiden, für die anderen ein zurückgezogener oder sogar menschenscheuer, genialer Künstler und für die Dritten ein lustiger und neugieriger Hochstapler, der sich mit einem ihm nicht zustehenden Adelstitel schmückte. In seinem Chalet in der Schweiz, wo er ab den 70er Jahren mit seiner japanischen Frau lebte, gab es angeblich fünf philippinische Dienstboten, die mit weißen Handschuhen servierten. Dafür lagen dann die Bekenntnisse des Heiligen Augustus auf seinem Nachttisch! Unsterblich, widersprüchlich und rätselhaft – so wollte er sein und inszenierte sich dementsprechend.

15 Jahre nach seinem Tod geht eine große Retrospektive in Rom an zwei unterschiedlichen Orten  dieser Frage nach, ohne allerdings ein Ergebnis zu präsentieren. Über 200 Exponate aus vielen großen Museen oder Privatsammlungen, darunter wichtige Schlüsselbilder aus verschiedenen Epochen, Zeichnungen, Theater-Projekte, Fotografien von und über ihn sind zu sehen und unterstützen den Besucher auf dem Weg, diesen ungewöhnlichen und hervorragenden Maler zu entschlüsseln.

Man beginnt am besten in den Scuderien del Quirinale, dort befindet sich der Löwenanteil der Ausstellung. Hier werden Balthus‘ erste Künstlerjahre sowie sein Wirken bis Anfang der  60er Jahre präsentiert.

Ein berühmtes  Schlüsselwerk aus dem MoMA New York hängt gleich im ersten Raum. Balthus hat es 1933 gemalt und es trägt den Titel « Die Straße ». Auf den ersten Blick will man es in die Ecker der sachlich- naiven Malerei stellen. Daneben hängt der kleine Bruder, gemalt 1929 ebenfalls mit dem Namen „Die Straße“ (Privatsammlung). Letzteres scheint wohl ein Entwurf zu sein, gröber, verwaschener, trüber, es  wirkt unfertig. Auf beiden Exponaten ist der Betrachter zu sehen, ein Bote vielleicht, er kommt auf uns zu und sieht uns an. Daneben eine feine Dame im Kardinalslook gekleidet. Vor ihr eine Magd mit einem zu großen Jungen, um auf ihrer Schulter zu sitzen. Mitten durch das Bild läuft ein weißgekleideter Zimmermann mit einem symbolischen Brett auf der Schulter, er trägt es so, wie ein Pilger ein Kreuz trägt und es verdeckt sein Gesicht. Links neben der eleganten Dame spielt ein kleines, blondes, dickliches Mädchen mit einem Ball und am linken Bildrand schiebt ein junger Mann mit einen schwülstigen Gesicht gerade sein Knie zwischen die Beine eines Mädchens mit Zöpfen.  Auf der älteren Version ist dieser Platz von einem  schwarz gekleideten Mann, der an jeder Hand einen kleinen Jungen führt, besetzt. Der Koch als unbeteiligter Beobachter ist auf beiden Gemälden zu sehen.  Im Grunde eine friedliche Straßenszene im Pariser Quartier Latin, aber die Personen und das was oder wie sie es tun, ist irgendwie beunruhigend. Die Protagonisten auf dem Bild haben offensichtlich nichts miteinander zu tun. Komposition, Raumverteilung und Farben sind ähnlich. Neben diesen beiden Bildern, hat die Kuratorin vier kleinere Werke platziert, in denen Balthus die Renaissance Maler, vor allem Piero della Francesca kopierte, dessen Malerei er schon 1926 als ganz junger Mann in Florenz kennen und lieben gelernt hatte. Es sind auch Maler wie Piero della Francesca, bei denen Balthus das Erzählerische und die Raumaufteilung erlernt hat.

2 x Die Strasse mit den Renaissance-Kopien im ersten RAumb(Foto Christa Blenk)
Balthus – Die Strasse – 1933 und 1929 – Foto: Christa Blenk

Neben unzähligen träumenden, lesenden und entkleideten oder sich ihrer Toilette hingebenden  jungen Mädchen in meist anzüglichen Positionen  hängen Portraits, Radierungen und Zeichnungen, darunter die Serie nach Emily Brontës Wuthering Heights und daneben „La Toilette de Cathy“ (1933). Auch ein Aquarell von der Mutter Baladine, das ihre zwei kleinen Söhne Pierre und Balthasar fast identisch zeigt, hängt hier zwischen Stillleben und Theaterprojekten, die Balthus für seinen Freund Albert Camus fertigte. Hervorzuheben eines der wenigen Autoporträts von Balthus: Der Katzenkönig « Le Roi des Chats » (1935). Hier inszenierte sich Balthus als undurchsichtiger Dandy, unnahbar und herzlos. Hochgewachsen, elegant mit kurzer schwarzer Jacke über den hellen Hosen, die den dünnen Körper umspielen und von einem Gürtel zusammengehalten werden, streift eine große, gut genährte Katze – bestimmt schnurrend –  um sein Bein. Auf einem Plakat leicht hinter ihm ist zu lesen « Ein Porträt seiner Majestät des Königs der Katzen. Gemalt von ihm selbst ».  Im Hintergrund eine Peitsche, die ihn als Herr und König legitimiert und seine Autorität wohl hervorheben soll. Das Bild hat etwas Beunruhigend-Faszinierendes. Balthus‘ Bilder sind wie Luis Buñel-Filme. Genial und Unwohlsein hervorrufend.

Manchmal wirken die Bilder ganz unschuldig, dann strahlen sie wieder  Macht oder sogar Gewalt aus, es gibt Messer, aber kein Blut.  Trieb, Unterjochung, Verführung und Versuchung und vielleicht auch  Missbrauch werden insinuiert, manchmal sehr verhalten, dann wieder ganz offensichtlich wie bei dem wandausfüllenden Gemälde im letzten Saal „Der Maler und sein Modell“ (ein Spätwerk aus 1991) aus dem Centre Pompidou. Wieder ist der Raum auf dem Bild
komplett ausgenutzt. Der Maler zieht gerade den Vorhang zurück, es ist noch hell draußen. Im Vordergrund, halb liegend, halb kniend auf einer Art Betstuhl blickt ein kleines Mädchen mit manieristischen langen Beinen wie ein betender Botticelli-Engel zu uns. Wir wollen nicht wissen, was da gerade erzählt wird.

Nimmt man ihm ab wenn er sagt « Man behauptet, in meinen Bildern sei des Öfteren Pornographie zu finden. Dabei sind es eher religiöse Bilder. Ja, ich male Engel. Schon bei Augustinus sind die Kinder Engel. Wegen ihrer Unschuld. » Auch Camus warnte davor, ihn auf seine Motive zu reduzieren, aber geht es anders. Selbst angezogen verharren seine Modelle  in seltsamen Posen, die unkindlich oder erotisch wirken.

1961 wurde Balthus  zum Direktor der Villa Medici Rom ernannt und die in den darauf folgenden 15 Jahren entstandenen Werke werden anlässlich der Ausstellung dort gezeigt.   1962 heiratete er die japanische Malerin Setsuko, die er übrigens schon als Zwölfjährige kennenlernte und die – so sagt man – nie wirklich gealtert sein soll.  Balthus hat die französische Akademie über der Spanischen Treppe grundsanieren lassen und sie so hinterlassen, wie wir sie heute sehen. Ganz oben unterm Dach – dort kommt man sonst nie hin –  hatte er sich ein kleines (geheimes?) Atelier eingerichtet –  ganz im maurischen Stil, den er während seines Aufenthalts als Soldat 1932 in Fez/Marokko für sich entdeckte. Das große Gemälde im ersten Raum „Das türkische Zimmer“ (1965) ist ein Ebenbild seines Ateliers. Geometrische Motive und Japonismus und flach wie ein Matisse, der hierfür unverkennbar Pate gestanden hat, nur waren bei Matisse die Modelle erwachsen.

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Balthus – Das Türkische Zimmer und daneben sein Atelier in der Villa Medici – Foto: Christa Blenk

In den Alterswerken  verwischen sich die Konturen bis das Motiv nur noch in eine weiße, intransparente und aleatorische Wolke gehüllt ist. Haben seine Augen nachgelassen oder wollte er etwas auswischen, vertuschen? Auch hier bleiben nur Vermutungen.  In den letzten Jahren ist es ihm schwergefallen, den Pinsel zu halten, so fing er in den 90er Jahren mit den Polaroid-Fotos an. Von denen in der Villa Medici auch einige zu sehen sind.

Balthus ist Erschaffer und Betrachter in einer Person. Voyeuristisch schleicht er sich in seine zeitlos naturgetreuen Bilder; oder ist er vielleicht der Aufpasser, damit den kleinen Mädchen auch niemand bei ihrer Toilette zusehen kann.

Schon 1934 hatte er in der damals bekannten Galerie Pierre seine erste  persönliche Ausstellung und das Pariser Publikum empörte sich über die verhaltene Erotik in seinen Werken. Nur einige Privatsammler kauften etwas von ihm. Später triumphierte er in der Galerie von Pierre Matisse in New York, vor allem mit  poetischen  Landschaften und Innenansichten, der er ab 1953 im Zentrum von Frankreich, Morvan, malte. 2001 stirbt Balthus in der Schweiz, wo er sich 1976 nach seinem Rom-Aufenthalt niederließ.

Balthus mochte es nicht wenn man über ihn schrieb. Man sollte ihn über seine Bilder  kennen lernen. Immer wieder überarbeitete er seine Werke, selten zufrieden mit dem Resultat.  Er hat verhältnismäßig wenig Arbeiten (350 Gemälde und ca 1500 Zeichnungen) hinterlassen, bedenkt man, dass fast 95 Jahre gelebt hat.

Seine schon ganz früh erkennbaren Lolita-Fantasien sind ein gefundenes Fressen für Kinderpsychologen oder Triebforscher aber auch beim gewöhnlichen Betrachter gehen Alarmglocken an und wir sind froh, dass das nicht unsere Kinder sind. Was ist in seiner (und der seines Bruders Pierres) Kindheit passiert?

Balthus war ohne Zweifel ein wichtiger, enigmatischer Künstler,  aber man tut sich trotzdem schwer, ihn neutral oder unparteiisch zu behandeln. Die Kuratorin schreibt in ihrem Einführungstext, dass genau aus diesen Gründen eine komplette Ausstellung anstand.

Bis zum 31. Januar 2016 ist diese umfassende Retrospektive noch in den Scuderien und in der Villa Medici zu sehen. Kuratiert wurde sie von der Französin aus dem Centre Pompidou, Cécile Debray. Es ist die erste umfangreiche Ausstellung in Italien über Balthus seit seinem Tod vor 15 Jahren. Anschließend wandert die Schau nach Wien und wird ab Mitte Februar 2016 im  Kunstforum gezeigt; für Österreich die erste Ausstellung über den Künstler Balthus überhaupt.

Der Katalog mit 250 Illustrationen kostet 39 Euro. Ein umfangreiches Begleitprogramm unterstützt diese zwei Ausstellungen.

Christa Blenk

 

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