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I was looking at the ceiling and then I saw the sky

 auch auf KULTURA EXTRA

ProtagonistenundMusiker+Dirigent
nach der Vorstellung: alle Solisten und Musiker, Foto: Christa Blenk

 

Vor dem Erdbeben ist nach dem Erdbeben

I was looking at the ceiling and then I saw the Sky (Ich blicke zur Decke und dann sah ich den Himmel).

Drei Frauen und vier Männer  befinden sich in unterschiedlichen Wolkenkratzern, auf unterschiedlichen Höhen. Es könnte sich um die Slums von Los Angeles handeln. Sie besingen die Situation danach. „I thought…“ und bei allen geht es um Liebe, verlorene oder neu gefundene, bis sie begleitet von typischen John Adams Rhythmen und Minimalmusik-Referenzen mit „I was looking at the ceiling and then I saw the Sky“ das Singspiel einleiten.

In den ersten 16 von den insgesamt 23 Bildern/Liedern stellen sich die Personen vor und wir beziehen Position. Da ist Dewain (beeindruckend Daniel Keeling), ein afro-amerikanischer Bandenführer und Kleinkrimineller, der gerade zum zweiten Mal aus dem Gefängnis entlassen wurde und mit zwei – gestohlenen – Flaschen Bier erwischt wird, was ihm nun laut kalifornischem Gesetz ein Lebenslang einbringen könnte. Leila (unschlagbar und faszinierend Janinah Burnett), eine afro-amerikanische politische Aktivistin und Sexualberaterin in einer Abtreibungsklinik, die sich auf der einen Seite vom Baptistenprediger David (Joel O’Cangha) angezogen fühlt aber seine Ausrutscher mit Gloria/ Aischa/ Rosalind/Patricia und vielen mehr nicht dulden will. Ihm  antwortet Leila auf seine Stevie Wonder-Soul-Arie mit einem fetzigen Gospel-Rhythmus-Song. Kurz darauf nimmt sie ihren weißen Ärztemantel und beschwört Consuelo, doch unbedingt ein Kondom zu benutzen und den Männern nicht zu vertrauen „Gotta use condoms condoms condoms“. Consuelo (sehr schön Jeanine De Bique – sie hat nur teilweise gesungen, ich kann aber den Namen der anderen Sängerin nicht nennen) hingegen liebt ihre zwei Kinder, von denen eines von Dewain ist und macht sich größte Sorgen, weil der 6jährige Sohn nicht nach Hause gekommen ist. Dann haben wir den US-Polizisten Mike (auch schauspielerisch gut Grant Doyle) – er ist vielleicht aus Ferguson (allein dieser Gedanke zeigt, wie aktuell dieses Stück ist) und erklärt der karrieregeilen und zynischen, hell-hübschen Polizeireporterin Tiffany (oberflächlich und perfekt Wallis Giunta) vor laufender Kamera, wie man eine korrekte Verhaftung vornimmt, d.h. Dewain liegt auf dem Boden und die Hände auf dem Rücken gefesselt;  immerhin hat er zwei Flaschen Bier gestohlen! Mikes Portrait ist nun auf der Bühne omnipräsent und drohend. Es  erscheint eine Tafel an der Wand die – ähnlich wie bei einer Mordermittlung – durch Pfeile und Kreise die sieben Personen miteinander in Verbindung bringt. Später bei der Verhandlung versucht Rick (Patrick Jeremy) der Pflichtverteidiger, er kam als Boat-People ins Land, den Richter zu überzeugen, Dewain nicht zu verurteilen „Your Honour my Client He’s a Young Black Man“. Aber Tiffany belastet Dewain und Rick nimmt sie wegen ihrer Autofahrten mit Mike, in den sie verliebt ist aber nicht weiter kommt, ins Kreuzverhört, das er verliert.  Für uns Zuschauer sind Mike und Tiffany „the bad guys“, wir mögen sie nicht, sie sind verachtend und eingebildet. Wir haben Mitleid mit Consuelo und Verständnis für Dewain, bewundern Leila für ihren Mut, als sie sich zwischen Mike und Dewain stellt und ihn auffordert zu schießen.  Rick, der Verteidiger, will  erstens Tiffany beeindrucken, die ihn aber wieder “aufs Boot“ schickt und den Fall gewinnen. Der neunte Song „About the Bad Boys and the News“ gehört den drei Frauen, ist ein lyrisches a cappella Trio das in variationsreichen Rock und Beat Rhythmen ausartet. Im 15. Bild hingegen singen die vier Männer „The sweet majority population of the World“ im  C-Am-F-G –Stil, einen Blues an die schöne (schweigende) Mehrheit: die  Frauen. Der geniale Ohrwurm ist geboren.

Bis zur Pause  hat Adams sich bei fast allen Musikarten, die es gibt bedient, Gospel, Soul, Blues, Rock, Beat, Latinorhythmen, Balladen wie bei Bernsteins MASS oder bei Weills/Brechts Fall der Stadt Mahagony.

Das Erdbeben bricht genau zu dem Zeitpunkt aus, als David Leila vorrockt, dass sie doch die einzige für ihn ist und er nach drei Wochen immer noch an sie denkt. Die Musik ändert sich und Adams wählt nun gefühlvolle Balladen und sentimentale Duette à la  West Side Story oder Porgy and Bess, die allerdings durch die Notenmaschine von John Adams gingen.

Die zwei Quadrate und zwei Rechtecke auf der Bühne, die bis jetzt durch eine findige Beleuchtung Wolkenkratzer, Gefängnis, Klinik und Kindertraum, Straße und vorbeigehende Frauen zeigten, stürzen mit einem Höllenlärm, der uns tief erschüttert, ein und  Nebelrauch breitet sich für mindestens 30 Minuten über das komplette Parkett aus und ein erweitert die Bühne.  Es bleibt eine Ruinenstadt mit drei Schrägbühnen, aus denen sich nach und nach unsere Protagonisten wieder herausschälen. Tiffany, die verzweifelt versucht ein Zelt zusammen zu bauen, steht plötzlich Mike gegenüber und erklärt ihm ihre Liebe, jetzt geht  ihm endlich ein Licht auf,  dass er vielleicht schwul sein könnte es aber noch nicht nennen kann. Als Tiffany es aber schließlich ausspricht  „Maybe, Mike, maybe you’re gay! Maybe  you’re queer“ fällt ihm nichts Besseres ein, als sich die Pistole an die Schläfe zu halten.  Tiffany nimmt sie ihm weg und singt „obviously this is not a good night“. Sein Outing ist dann zaghaft aber er bleibt bei uns. Dieses 19. Duett inmitten furchtbarer Not  ist eine der längsten spannungsreichsten Szenen und Fragmente aus dem ersten Akt wiederholen sich: komplex und meisterhaft neu aufgearbeitet, wie Adams das kann. Kurz darauf erscheint Rick, der ebenfalls auf der Suche nach Tiffany war – sie zögert ein wenig und geht mit ihm weg. Dewain sieht das Erdbeben, das ihn auf dem Gefängnis befreit hat, als Chance neu anzufangen und lehnt Consuelos Angebot, mit ihr nach El Salvador zurückzugehen und wieder politisch in der FMLN tätig zu werden, ab: „Este Pais – this country it doesn‘t want you and it doesn‘t want me – I think this land belongs to a gun“. Ergreifender Abschied.

Zum Schluss kommen wieder alle auf die nun ramponierte Bühne und kehren musikalisch zum Ausgangspunkt zurück. Mit einer hinreißenden Passacaglia wird der minimalistische Beginn wieder aufgenommen. „I was looking at the ceiling and than I saw the sky“ – Der Kreis hat sich geschlossen.

Großartig hat hier John Adams (*1947) wieder mal – nach seinen Hauptwerken Nixon in China und The Death of Klinghoffer – eine wahre aktuelle Begebenheit aufgearbeitet und sämtliche musikalische Berührungsängste über den Haufen geworfen. Das Northridge Erdbeben 1994 in Los Angeles, das große Teile im Norden der Stadt verwüstete, wird zum Deus ex Macchina und verändert das Leben unserer sieben Mitspieler.

Mit dem ausgesprochen sozialkritischen Libretto der Menschenrechtlerin, Feministin  und Dichterin June Jordan (1936-2002) ist dieses Singspiel aktueller denn je. Jordan  hat Adams übrigens auch den Titel, der aus einem 1996 erschienenen Zeitungsinterview stammt, empfohlen.

Ausgezeichnete Sänger und Musiker in einer akkuraten, prägnanten und temperamentvollen Aufführung. Am Pult vor acht Musikern Alexander Briger. Lichteffekte und Video von Marco Giusti und Igor Renzetti. Giorgio Barberio Corsetti hat mit ein paar Brettern und genial eingesetzten Lichteffekten eine abwechslungsreiche Bühne geschaffen.

Die Zweieinhalb Stunden sind verflogen und wir nehmen uns vor, nochmals reinzugehen.

Die Inszenierung und das Bühnenbild wurden vom Théâtre du Châtelet, Paris entwickelt.

Christa Blenk

 

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